{"id":12359,"date":"1995-12-20T17:00:00","date_gmt":"1995-12-20T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/journalismus-und-moral\/"},"modified":"1995-12-20T12:00:00","modified_gmt":"1995-12-20T11:00:00","slug":"journalismus-und-moral","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/132-vorgaenge\/publikation\/journalismus-und-moral\/","title":{"rendered":"Journalismus und Moral"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 132 (Heft 4\/1995), S. 89-97)<\/p>\n<p>Mir wurde das Thema gestellt: Journalismus und Moral. Kann ich das zusammenbringen? Ich fand keine Zeitung, die sich so moralisch gibt wie die &#132;Bild&#8220;-Zeitung aus dem Hause Springer\/Kirch. Keine, die in fetterer Schrift ihre moralische Emp\u00f6rung herausschreit. Sie prangert an, was schlecht, was b\u00f6se ist bzw. was ihre zahlreiche Leserschaft f\u00fcr schlecht, f\u00fcr b\u00f6se halten soll. Und sie l\u00e4\u00dft regelm\u00e4\u00dfig Tr\u00e4nen des Mitleids f\u00fcr die schwer gepr\u00fcften Guten flie\u00dfen: Ich habe mich in den Medien umgeschaut. Da steht kaum eine Geschichte, in der nicht klar unterschieden w\u00fcrde zwischen gut und schlecht, gut und b\u00f6se. &#132;Bild&#148; zieht Fronten &#150; mit allen erdenklichen Mitteln der Sprachmagie. Ausdauernd schafft dieses Blatt Freund- und Feindbilder. Grundregel: Unmoralisch, b\u00f6se, schlecht sind immer die anderen. Wir dagegen &#150; wenn auch leider oft unverstanden &#150; sind gut.<\/p>\n<p>Wir: die deutsche Volksgemeinschaft, f\u00fcr die &#132;Bild&#148; spricht. Als &#132;die deutsche Volkszeitung&#148; hat sich das Blatt einmal in einer Selbstdarstellung bezeichnet, und daran ist sicher etwas Wahres, jedenfalls hinsichtlich der Auflage, die um ein Mehrfaches h\u00f6her liegt als die der zweitgr\u00f6\u00dften deutschen Tageszeitung. Die gemeinschaftsbildende Kraft der &#132;Bild&#8220;-Zeitung zeigt sich besonders deutlich in ihrem zentralen Teil, dem Sportteil. \u00dcber eine ausl\u00e4ndische Fu\u00dfballmannschaft konnten wir da z.B. lesen, sie sei &#132;ein Haufen giftiger Zwerge&#148;. Deutsche Sportler dagegen, versteht sich, sind gro\u00df und edel, auch wenn es ihnen nicht immer gelingt, das verst\u00e4ndlich zu machen. Nun besteht aber der Fu\u00dfballsport (ich meine nicht den aktiven, sondern den medialen) nicht nur aus Nationalspielen, sondern haupts\u00e4chlich aus Spielen der Bundesliga. Daf\u00fcr hat die &#132;Bild&#8220;-Zeitung ihre Regionalausgaben. In der Frankfurter Ausgabe, versteht sich, w\u00e4ren die Spieler der Eintracht Frankfurt niemals ein &#132;Haufen giftiger Zwerge&#148;.<\/p>\n<p>&#132;Bild&#8220;-Gr\u00fcnder Axel Springer sagte einmal, es m\u00fcsse gelingen, das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, wie es im Fu\u00dfballstadion herrsche, auf den Alltag zu \u00fcbertragen. Zur Herstellung und Festigung solchen Einverst\u00e4ndnisses m\u00fcssen die damit beauftragten Bl\u00e4tter wie &#132;Bild&#148; immerzu einen Feind evozieren, eine Bedrohung. Ich will das an einem einzigen Thema exemplifizieren, wie es in den letzten drei, vier Jahrg\u00e4ngen der &#132;Bild&#8220;-Zeitung behandelt worden ist.<\/p>\n<p>&#132;Immer mehr Asylbewerber &#150; immer mehr Kriminelle&#148; lautete eine einpr\u00e4gsame fette \u00dcberschrift. Ausl\u00e4nder sind unmoralisch, kriminell, gef\u00e4hrlich, wir Deutschen dagegen anst\u00e4ndig &#150; das ist die vielfach variierte Botschaft. Es gibt zwar auch anst\u00e4ndige Ausl\u00e4nder: die schwedische K\u00f6nigin (die aus Deutschland stammt), den Papst, Sir Yehudi Menuhin. Das sind Ausl\u00e4nder, die gelegentlich zu Besuch kommen d\u00fcrfen. Weniger beliebt sind hier lebende Ausl\u00e4nder, selbst wenn sie f\u00fcr deutsche Fu\u00dfballclubs spielen (d\u00fcrfen, solange sie gut spielen). Der typische b\u00f6se Ausl\u00e4nder ist der Drogendealer, der unsere Kinder verdirbt &#8211; ganz anders als ein deutscher Bierbrauer oder Schnapsfabrikant, der Fu\u00dfballclubs sponsert und vor allem viele gro\u00dfe Anzeigen aufgibt. Drogendealer als solche, speziell ausl\u00e4ndische, geben keine Anzeigen auf.<\/p>\n<p>&#132;Miethai k\u00fcndigt Deutschen f\u00fcr Asylanten&#148;, lautete eine &#132;Bild&#8220;-Schlagzeile, die fast die ganze obere H\u00e4lfte der Titelseite f\u00fcllte. Das klassenk\u00e4mpferisch klingende Wort &#132;Miethai&#148; geh\u00f6rt normalerweise nicht zum Vokabular dieses Blattes. Aber wenn ein Hausbesitzer (ob der Fall \u00fcberhaupt zutreffend dargestellt wurde, lasse ich dahingestellt) Deutschen f\u00fcr Ausl\u00e4nder k\u00fcndigt, gar f\u00fcr Asylbewerber, dann wird er zum &#132;Miethai&#148;. &#132;Bild&#148; stellt ihn an den Pranger. \u00dcberantwortet ihn der moralischen Emp\u00f6rung des Volkes von mehr als zehn Millionen &#132;Bild&#8220;-Lesern. Mit der Schlagzeile beeinflusst das Blatt sogar noch viel mehr Menschen als seine Leser: Am Kiosk, im Supermarkt, in der U-Bahn, \u00fcberall begegnen wir der t\u00e4glichen &#132;Bild&#8220;-Schlagzeile, einer Parole, der wir schwerlich ausweichen k\u00f6nnen. Und besonders wirksam wird eine Parole durch Wiederholung. &#132;Deutsches Mietrecht: Rentner mu\u00df raus f\u00fcr Asylanten&#148;, lautete die Schlagzeile an einem anderen Tag. Mit solchen Schlagzeilen wurden dem Volk Ur\u00e4ngste eingepr\u00fcgelt.<\/p>\n<p>Die SPD hatte, wer erinnert sich noch daran? &#8211; eigens zu diesem Thema eine Brosch\u00fcre verfasst und verbreitet, in der der Parteivorstand unter der \u00dcberschrift &#132;Grundrecht auf Asyl. Das anst\u00e4ndige Deutschland zeigt Flagge&#148; am Schlu\u00df versicherte: &#132;Einer \u00c4nderung des Grundgesetzes stimmt die SPD nicht zu.&#148; Kurz bevor die SPD umkippte, ver\u00f6ffentliche &#132;Bild&#148; eine Serie &#132;Die Asylanten&#148;. Aus einer Folge dieser Serie seien hier einige S\u00e4tze zitiert: &#132;Stellen Sie sich diesen Fall vor: Ein Mann klingelt bei Ihnen, m\u00f6chte hereinkommen. Der Mann sagt, da\u00df er m\u00e4chtige Feinde habe, die ihm ans Leben wollen. Sie gew\u00e4hren ihm Unterschlupf. Doch schnell stellen Sie fest, der Mann wurde gar nicht verfolgt, er wollte nur in Ihrem Haus leben. Und er benimmt sich sehr, sehr schlecht, schl\u00e4gt ihre Kinder, stiehlt Ihr Geld, putzt sich seine Schuhe an Ihren Gardinen. Sie w\u00fcrden ihn gerne los. Sie werden ihn aber nicht los. Deutsche Asyl-Wirklichkeit &#8230;&#148; Wenn so massiv an die Angst appelliert wird, dass Fremdheit, Unordnung, Unsauberkeit in das saubere, gepflegte Reich der deutschen Hausfrau eindringen, wenn sie also bef\u00fcrchten mu\u00df, da\u00df alle Pflege, alles S\u00e4ubern und alles Anschaffen umsonst waren, dann kann sie kaum anders reagieren als mit Aggressionen &#8211; und erst recht der Ehemann: Haust\u00fcr zu, Hunde raus, Stacheldraht drum, Polizei. Die Wohnung wird zur Festung. Das Haus, die Siedlung, die Stadt, alles mu\u00df zur Festung werden.<\/p>\n<p>In einer anderen Folge dieser Serie hie\u00df es: &#132;Was ist schlimmer: die Skinheads, die Brands\u00e4tze gegen Asylantenheime schleudern, oder die Politiker, die schlau reden und tatenlos zusehen? Die CDU schl\u00e4gt auf die SPD ein, die SPD schl\u00e4gt auf die CDU ein, die FDP schl\u00e4gt auf beide ein, und inzwischen str\u00f6men jeden Tag 800 neue Asylanten ins Land. Die Ticker der Agenturen rattern ihre Meldungen auf Endlospapier, viele tragen den Zusatz ,Anschlag`, wenige den Zusatz ,Politik`. Das zeigt, wer in diesem Herbst handelt und wer abwartet.&#148;<\/p>\n<p>Diese Beispiele d\u00fcrften schon gen\u00fcgen, um zu zeigen, mit welchen moralischen Ma\u00dfst\u00e4ben die gr\u00f6\u00dfte deutsche Zeitung das Tagesgeschehen pr\u00e4sentiert Ich finde, es gibt nichts Unmoralischeres im Journalismus als das Produzieren von Feindbildern, das immer die Funktion hat, von gesellschaftlichen Mi\u00dfst\u00e4nden abzulenken.<br \/>Quintessenz solcher Kampagnen ist allemal, da\u00df wir strengere Gesetze brauche, mehr Polizei, mehr Vollmachten und Ausr\u00fcstung f\u00fcr die Sicherheitskr\u00e4fte, einen st\u00e4rkeren Staat. My horne is my castle. Deutschland, Europa aber m\u00fcssen zur Festung werden gegen die Gefahren, die vorgeblich allemal von au\u00dfen kommen.<\/p>\n<p>1995 haben wir uns 50 Jahre zur\u00fcckerinnert an das, was das Nazi-Regime damals zur\u00fcckgelassen hatte. Nach meinem Eindruck blieb das \u00f6ffentliche Gedenken meist oberfl\u00e4chlich. Ich h\u00e4tte vor allem gew\u00fcnscht, da\u00df gr\u00fcndlich reflektiert worden w\u00e4re, was die einzelne gesellschaftliche Institution, die einzelne Profession, also in unserem Fall der Journalismus, dazu beigetragen hatten, das deutsche Volk zu jeglichen Verbrechen zu bef\u00e4higen. Gewi\u00df, 1933 waren j\u00fcdische Redakteure entlassen, kommunistische und bald auch sozialdemokratische Bl\u00e4tter verboten worden. Aber die Generalanzeigerpresse und ihre Redakteure waren geblieben, sie arbeiteten weiter, ohne sich pl\u00f6tzlich verrenken zu m\u00fcssen. Sie schrieben, was sie schreiben durften und vor allem was von ihnen erwartet wurde. Sie gew\u00f6hnten sich daran, da\u00df sie mit dem einen Thema mehr, mit dem anderen weniger Anklang fanden, da\u00df einzelne Vokabeln aus der Mode kamen, andere dagegen flotter, frischer, zeitgem\u00e4\u00dfer wirkten. Sie verbreiteten, was die gesellschaftlichen Institutionen verlautbarten, und sie gaben sich M\u00fche, die Verlautbarungen m\u00f6glichst verst\u00e4ndlich, m\u00f6glichst wirksam zu pr\u00e4sentieren. So beteiligten sie sich an der Propaganda des Nazi-Regimes &#8211; bis zum Ende, bis zu den letzten Durchhalteparolen. Sie halfen, daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df sich das Volk mit der F\u00fchrung identifizierte oder sie zumindest widerstandslos, widerspruchslos ertrug.<br \/>Nach der Kapitulation der Gro\u00dfdeutschen Wehrmacht 1945 waren sie alle schnell wieder da, auch die alerten j\u00fcngeren M\u00e4nner, die in ihren Propagandakampagnien ihr journalistische Karriere begonnen hatten. Sie lernten schnell, auf welche Themen, welche Vokabeln es nun ankam. Nach kurzer Pause durften die alten Generalanzeiger-Verleger, die Goebbels dienstbar gewesen waren, ihre alten Bl\u00e4tter wieder verlegen; diejenigen Zeitungen dagegen, die 1933 verboten worden waren, hatten kaum Chancen wiederzuerstehen. (F\u00fcr Kontinuit\u00e4t auch in der Publizistikwissenschaft sorgten Emil Dovifat, Elisabeth-Noelle-Neumann u.a.) Das Jahr 1933 hatte f\u00fcr die meisten deutschen Journalisten keinen Bruch markiert, das Jahr 1945 markierte f\u00fcr sie nur eine kurze Unterbrechung.<br \/>Die Propagandisten des Nazi-Regimes waren keine Unmenschen, keine Monster, keine Ausnahmeerscheinungen, die 1933 pl\u00f6tzlich aufgetaucht und 1945 ebenso pl\u00f6tzlich verschwunden w\u00e4ren, sondern ganz normale Journalisten, die sich je nach den Umst\u00e4nden zur \u00e4u\u00dfersten Unmoral f\u00e4hig und bereit zeigten. Darauf wies ich zu Beginn des Gedenkjahres 1995 in einer Kolumne der Zeitschrift &#132;M&#148; hin, des medienpolitischen Organs der IG Medien. Ich kn\u00fcpfte daran die Frage, was uns heutige Journalisten hindere, uns ebenso konformistisch zu verhalten. Gr\u00f6\u00dferes Wissen? Bessere Einsicht? H\u00f6here Moral? Oder was? Etwa strukturelle Hindernisse in den heutigen Medien? Irgendeine gesellschaftliche Institution? Ich schloss die Kolumne mit der Bitte um Zuschriften. Nach anderen Kolumnen in &#132;M&#148; bekam ich unaufgefordert Zuschriften, nach dieser dagegen trotz ausdr\u00fccklicher Aufforderung keine einzige. Warum gab keine Kollegin, kein Kollege Antwort auf meine Frage, was uns hindert, uns je nach Umst\u00e4nden ebenso f\u00fcr Propagandazwecke herzugeben wie die Journalisten in der Nazi-Zeit? Ich vermute, den Leserinnen und Lesern von &#132;M&#148; ging es wie mir: Ihnen fiel einfach keine Antwort ein.<br \/>Ich erw\u00e4hne diese Erfahrung nicht in resignierter Haltung. Ich sehe darin vielmehr einen Anla\u00df zu intensiverem Nachdenken \u00fcber die Bedingungen, unter den Journalistinnen und Journalisten arbeiten, und \u00fcber die Zwecke journalistischer Arbeit. Beides soll mich im folgenden besch\u00e4ftigen: Erst die Zwecke, davon ausgehend die Bedingungen und in diesem Zusammenhang auch ein wenig die Methoden.<\/p>\n<p>Nach meinem Verst\u00e4ndnis soll Journalismus \u00d6ffentlichkeit herstellen, Kommunikation erm\u00f6glichen, f\u00fcr Aufkl\u00e4rung sorgen.<br \/>\u00d6ffentlichkeit herstellen &#8211; wof\u00fcr? F\u00fcr einen Menschenfresser in Ru\u00dfland? F\u00fcr Selbstmorde von Kranken? Das geschieht t\u00e4glich. In &#132;Bild&#148; und anderswo. Privatestes wird an die \u00d6ffentlichkeit gezerrt, \u00d6ffentliches aber wird privatisiert. Dienstgeheimnis, Amtsgeheimnis, Betriebsgeheimnis, Gesch\u00e4ftsgeheimnis. Angebliche Staats-, Standes- oder Konzerninteressen stehen angeblich der Ver\u00f6ffentlichung entgegen. Und es gibt Journalistinnen und Journalisten, die auch noch stolz darauf sind, wenn sie &#132;unter 3&#148; ins Vertrauen gezogen werden &#8211; mit der Selbstverpflichtung, nicht dar\u00fcber zu berichten.<\/p>\n<p>Kommunikation erm\u00f6glichen &#8211; geschieht das dadurch, da\u00df unsere Leser, H\u00f6rer, Zuschauer von einem Wirbelsturm auf den Philippinen erfahren oder \u00fcber tausend Kilometer hinweg zusehen d\u00fcrfen, wie ein afrikanischer Universit\u00e4tspr\u00e4sident dem Bundeskanzler einen Doktorhut aufsetzt? Ist es Kommunikation, wenn Millionen Menschen einzeln stundenlang vor dem Bildschirm sitzend einen gro\u00dfen Teil ihrer Freizeit verbringen? Ist es nicht eher das Gegenteil? Bewirkt es nicht Vereinsamung, kulturelle Ver\u00f6dung? Durch blo\u00dfes Glotzen nimmt man nicht am \u00f6ffentlichen Leben teil, man wird vielmehr davon ferngehalten. Die vom Fernseher angebotene Teilnahme an Quiz-Ratespielen ist billiger Ersatz. Veralberung.<\/p>\n<p>F\u00fcr Aufkl\u00e4rung sorgen &#8211; wer erwartet das noch von uns, wenn z.B. Martin Walser in schlechtester deutscher Tradition Aufkl\u00e4rung als eine abgetane Sache des 18. Jahrhunderts darstellt? Ich will das vieldeutige Wort Aufkl\u00e4rung hier in dreifacher Bedeutung verwenden, um zu zeigen, was Journalismus m.E. leisten soll.<\/p>\n<p>Erstens: Journalismus soll informieren. Das ist eine ganz banale Bedeutung von Aufkl\u00e4rung. Aber f\u00fcr den heutigen Journalismus ist es keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Zum Beispiel hat vieles, was im Rundfunk gesendet wird, mit Information nichts zu tun. Ein wachsender Teil des Programms ist Gedudel und Wortanteil von der Art, da\u00df er &#132;nicht als st\u00f6rend empfunden&#148; wird (um eine k\u00fcrzlich von der Nieders\u00e4chsischen Landesmedienanstalt vorgelegte Untersuchung zu zitieren, die sich nicht nur auf kommerzielle, sondern auch auf \u00f6ffentlich-rechtliche Programme erstreckt).<\/p>\n<p>Ein Beispiel aus den Druckmedien: Der ehemalige &#132;Bild&#8220;-Chefredakteur Heinz-Hermann Tiedje nannte &#132;Focus&#148; ein &#132;Nachrichtenmagazin ohne Nachrichten&#148;. Der Informationsgehalt der meisten Zeitschriften, die wir an den Kiosken angeboten finden, ist minimal &#8211; es sei denn, wir hielten den Bl\u00e4ttern zugute, da\u00df viele von ihnen eine Fernsehprogrammvorschau enthalten. Diese pr\u00e4sentieren sie uns zumeist so, da\u00df wir angehalten werden, bestimmte Sendungen einzuschalten; im Hintergrund stehen Interessen von Medienkonzernen, die sowohl Zeitschriften herausgeben als auch Fernsehen veranstalten. Vor allem aber sind die Zeitschriften, die in der Branche Publikumszeitschriften hei\u00dfen, mit Anzeigen gef\u00fcllt, mit Produktwerbung. Das ist ihr tats\u00e4chlicher Zweck, daf\u00fcr sind sie konzipiert. Der redaktionelle Teil wird im Fachjargon &#132;Umfeld&#148; der Anzeigen genannt. Der Zweck vieler Medien &#8211; der meisten &#8211; ist nicht Information, sondern Zurichtung von Konsumenten im Interesse derer, die m\u00f6glichst viel Schnaps verkaufen. Deswegen inserieren sie. Medienunternehmen wollen m\u00f6glichst viel Anzeigeplatz bzw. Sendezeit f\u00fcr Werbung verkaufen. Mit Aufkl\u00e4rung hat das nicht zu tun.<\/p>\n<p>Zweitens verstehe ich unter Aufkl\u00e4rung wahrhaftige Information. Das ist ganz und gar nicht selbstverst\u00e4ndlich. Ich kann das insofern recht gut beurteilen, als ich selbst gelegentlich Gegenstand journalistischer Berichterstattung geworden bin. Ich erinnere mich an keinen einzigen Artikel, der vom ersten bis zum letzten Wort korrekt gewesen w\u00e4re. Die Fehler k\u00f6nnen aus vielen Quellen einflie\u00dfen: Vielleicht war der Journalist\/die Journalistin unaufmerksam, oder ein Vorurteil hat sie gehindert, die Sache richtig wahr-zunehmen. Oder ihr Informant hat sich geirrt. Oder ein Redakteur hat den Text falsch bearbeitet. Die Fehlerquellen h\u00e4ufen sich, wenn die Verleger bzw. Rundfunkveranstalter rabiat am journalistischen Aufwand sparen (womit ich einen wesentlichen Faktor der Arbeitsbedingungen anspreche). Wenn mit einem Minimum an journalistischer Arbeits-kraft die Seiten bzw. Programme gef\u00fcllt werden sollen, dann ist kaum zeit zu gr\u00fcndlicher Recherche; die Journalistinnen und Journalisten hasten vielmehr von Termin zu Termin, lassen sich vorgedruckte Verlautbarungen geben, verzichten auf Nachfragen oder halten unvorbereitet einem Interviewpartner das Mikrofon unter die Nase. Dieser Billig-Journalismus ist gang und g\u00e4be.<\/p>\n<p>Die zuverl\u00e4ssigsten Informationen erhalten wir nach meiner Erfahrung im Lokalteil der Tageszeitungen. Hier scheitert die Recherche nicht an Kosten, die dem Verleger zu hoch w\u00e4ren hier kann die Leserschaft das Gedruckte unmittelbar nachpr\u00fcfen. Dennoch ist auch hier vor Vertrauensseligkeit zu warnen: Vielfach kommen nur die \u00f6rtlichen Machteliten zu Wort. Was wir aus ihrer Perspektive von oben herab, wahrnehmen, kann in der Regel nicht mehr sein als die halbe Wahrheit.<\/p>\n<p>Am wenigsten sollten wir uns auf den Wahrheitsgehalt der Berichterstattung verlassen, wenn es um das Allerwichtigste geht: Krieg und Frieden. Immer wieder best\u00e4tigt sich die Erfahrung: Alle Kriege beginnen mit L\u00fcgen. Ein typisches Beispiel ist Hitlers Rundfunkansprache am 1. September 1939: &#132;Seit 5.45 Uhr wird zur\u00fcckgeschossen.&#148; Daran stimmte noch nicht einmal die Uhrzeit. Vor allem wurde nach altem Propaganda-Muster der Angriff zur Verteidigung umgelogen. Der angebliche polnische \u00dcberfall auf die Radiostation Gleiwitz war in Wirklichkeit eine Inszenierung der Nazis. Frei erfunden war ein nordvietnamesischer \u00dcberfall auf Schiffe in der Bucht von Tongking, den die USA als Grund f\u00fcr den Beginn ihres Bombenkrieges gegen Nordvietnam angaben.<\/p>\n<p>Die US-amerikanischen Nachrichtenagenturen, auf die sich die Berichterstattung der bundesdeutschen Medien st\u00fctzte, interessierten sich nie f\u00fcr das, was die andere Seite, der vietnamesische Kriegsgegner, sagte. Aber auch die bundesdeutschen Fernsehkorrespondenten berichteten einseitig aus der Sicht der US-Streitkr\u00e4fte. Ein Jahr nach Kriegsende gestanden vier von ihnen in einer Sendung des Dritten Programms diese Einseitigkeit ein, die dazu gef\u00fchrt hatte, da\u00df das bundesdeutsche Publikum jahrelang irregef\u00fchrt worden war. In den USA erfuhr nun auch der Kongre\u00df, da\u00df der &#132;Tongking -Zwischenfall&#148; eine geheimdienstliche Propaganda-L\u00fcge gewesen war; das Eingest\u00e4ndnis wurde zu den Akten genommen. Im Golfkrieg wurden die Medien instrumentalisiert &#8211; oder lie\u00dfen sich instrumentalisieren &#8211; wie nie zuvor. In Raketen eingebaute Fernsehkameras verschafften uns die Illusion, die Bombardierung Bagdads unmittelbar mitzuerleben. Alle Wahrheiten dieses Krieges blieben uns verborgen.<br \/>Jede Wahrheit hat mindestens zwei Seiten, gerade im Krieg. Einseitige Berichterstattung ist Falschberichterstattung. Die Meldungen aus Jugoslawien best\u00e4tigen das Tag f\u00fcr Tag. Zwar haben sich f\u00fcr Frieden, Verst\u00e4ndigung und Wahrheit engagierte Kolleginnen und Kollegen aus allen Teilen des zerfallenen Landes zusammengetan, um gemeinsam einen Informationsdienst zu beliefern, der in Paris erscheint; aber diese vorbildliche Initiative bleibt in Deutschland ohne Resonanz, der Informationsdienst wird ignoriert.<\/p>\n<p>Weil man glaubt, was man mit eigenen Augen gesehen hat, l\u00e4\u00dft sich das Publikum durch nichts so wirkungsvoll manipulieren wie durch Bilder. Die Annahme &#132;Bilder l\u00fcgen nicht&#148; ist ein fataler Irrtum. Ein Bild braucht nicht gef\u00e4lscht zu sein, um beim Betrachter eine falsche Vorstellung auszul\u00f6sen. Jedes Foto eines Ereignisses zeigt nur einen r\u00e4umlichen und zeitlichen Ausschnitt und vieles was fotografiert oder gefilmt wird, ist eigens f\u00fcr diesen Zweck inszeniert worden. Zudem er\u00f6ffnen die heutigen elektronischen Techniken neue M\u00f6glichkeiten der Manipulation. So ver\u00f6ffentlichten im Sommer zwei hannoversche Zeitungen Aufnahmen von einem Zugungl\u00fcck. Der Vordergrund mit Verletzten und Sanit\u00e4tern war identisch. Im Hintergrund sah man in der &#132;Bild&#8220;-Zeitung &#8211; in diesem Fall war nicht sie es, die manipuliert hatte &#8211; B\u00e4ume. Viel dramatischer, ja echter wirkte das Bild in der &#132;Neuen Presse&#148;. Sie hatte besch\u00e4digte Waggons ins Bild montiert. Den Lesern wurde nicht mitgeteilt, da\u00df das Bild eine Montage war. Ein Fall, der in der \u00d6ffentlichkeit kaum Schaden anrichten konnte. Aber gewi\u00df kein Einzelfall.<\/p>\n<p>Drittens hat aufkl\u00e4rerischer Journalismus nach meinem Verst\u00e4ndnis die Aufgabe, Zusammenh\u00e4nge auszuleuchten, Interessenstrukturen und Machtverh\u00e4ltnisse durchschaubar zu machen. Auch dies ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Informationen werden in immer kleineren Fetzen vermittelt. Der &#132;Bild&#8220;-Journalismus macht Schule: Gro\u00dfe \u00dcberschriften, wenig Text. Auch Wortbeitr\u00e4ge im H\u00f6rfunk werden immer k\u00fcrzer. Die Auftraggeber der Journalisten verlangen, da\u00df die Informationen flott und locker pr\u00e4sentiert werden &#8211; der Werbung angepa\u00dft, die durch redaktionelle Beitr\u00e4ge nicht beeintr\u00e4chtigt werden soll. In zehn Zeilen oder 30 Sekunden lassen sich Ursachen, Umst\u00e4nde und Folgen eines Ereignisses nicht darstellen.<br \/>Wir alle brauchen Informationen haupts\u00e4chlich zu dem Zweck, unsere eigenen Interessen wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Aufkl\u00e4rung in diesem Sinne will emanzipatorisch wirken. Sie richtet sich gegen Fremdbestimmung. Medien sollen Informationen verbreiten, die es den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern erm\u00f6glichen, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das Bundesverfassungsgericht formulierte einst im &#132;Spiegel&#8220;-Urteil den Grundsatz, eine freie Presse sei &#132;schlechthin konstituierend f\u00fcr die Demokratie&#148;.<\/p>\n<p>Erinnern wir uns daran, unter welchen historischen Bedingungen der Ruf nach Pressefreiheit laut geworden ist: in der Auseinandersetzung mit dem Absolutismus, mit den Methoden von Staat und Kirche, Menschen unm\u00fcndig zu halten, und mit der eigenen Untertanengesinnung. Ihre erste Bl\u00fcte hatte die Presse zur Zeit der Reformation und der damaligen gesellschaftlichen Umw\u00e4lzungen erlebt. Die Erfindung Gutenbergs wurde f\u00fcr antiautorit\u00e4re Zwecke gebraucht. Ein starkes Verlangen nach Pressefreiheit entstand dann gegen Ende des 18. Jahrhunderts vor allem im revolution\u00e4ren Paris. Es galt, \u00fcber bestehende Machtverh\u00e4ltnisse aufzukl\u00e4ren. Aufkl\u00e4rerischer Journalismus richtete sich gegen die Interessen der Machthaber, die ihn deswegen zu unterdr\u00fccken versuchten, Pressefreiheit h\u00e4tte nicht gefordert und erk\u00e4mpft werden m\u00fcssen f\u00fcr die Verbreitung von Hofnachrichten \u00fcber die gl\u00fcckliche Geburt eines Prinzen, auch nicht f\u00fcr die Verbreitung von Greuelgeschichten. Solcher Journalismus war schon im Absolutismus erlaubt und bei Hofe wohl gelitten. Die Herrschenden aller Zeiten delektieren sich geradezu an Greuelgeschichten, die dem Volk Angst machen. Einsch\u00fcchterung dient der propagandistischen Zurichtung von Untertanen.<\/p>\n<p>Aufkl\u00e4rung ist das Gegenteil von Propaganda. (Goebbels, der alle Begriffe emanzipatorischer Bewegungen umzudrehen versuchte, nannte sich Minister f\u00fcr Volksaufkl\u00e4rung und Propaganda.) Propaganda ist autorit\u00e4r, Aufkl\u00e4rung antiautorit\u00e4r.<\/p>\n<p>Was ist aus dem Journalismus seit seiner st\u00fcrmischen Entwicklung Ende des 18. Jahrhunderts geworden? Er geriet unter doppelten Druck: von der nimmerm\u00fcden Restauration und vom \u00fcberm\u00e4chtigen Kommerz, die sich bald verb\u00fcndeten. Es entstanden Verlage, Konzerne, Monopole, die kritischem, aufkl\u00e4rerischem Journalismus wenig Raum lie\u00dfen. Der schwedische Schriftsteller Perr Wahl\u00f6\u00f6 hat in seinem Roman &#132;Der 31. Stock&#148; diese Entwicklung zu Ende gedacht: Nachdem sich ein Konzern die gesamte Presse des Landes angeeignet hat, l\u00e4\u00dft er zwar einige nonkonformistische Journalisten in der obersten Etage des Konzerngeb\u00e4udes weiterarbeiten, aber diese Etage ist gegen die anderen abgeriegelt. Nichts, was hier geschrieben wird, dringt nach au\u00dfen. Alles, was in dieser Abgeschiedenheit geschieht, ist 1&#8217;art pour 1&#8217;art. Wie weit ist die deutsche Wirklichkeit noch von diesem literarischen Schreckbild entfernt?<\/p>\n<p>Auf Verlagszusammenschl\u00fcsse in den sechziger Jahren, die vor allem den Springer-Konzern immer m\u00e4chtiger werden lie\u00dfen, antwortete der Ruf nach Innerer Pressefreiheit. Vor allem das Aufkommen regionaler Pressemonopole &#8211; so argumentierte ich selber damals als Sprecher der gewerkschaftlich organisierten Journalisten &#8211; sei nur unter der Voraussetzung akzeptabel, da\u00df die Monopole nicht einer vom Verleger vorgegebene Tendenz verpflichtet bleiben d\u00fcrften, sondern da\u00df die Redaktion die Freiheit haben m\u00fcsse, nach bestem Wissen und Gewissen umfassend zu informieren. Die Hoffnung auf gesetzliche Garantien f\u00fcr die Innere Pressefreiheit verst\u00e4rkten sich 1969 bei Bildung der sozialliberalen Koalition in Bonn. Bundeskanzler Willy Brandt versprach in seiner ersten Regierungserkl\u00e4rung ein Presserechtsrahmengesetz. 1973 in seiner zweiten Regierungserkl\u00e4rung wiederholte er das Versprechen. Sein Nachfolger Helmut Schmidt griff es 1976 in abgeschw\u00e4chter Form auf. 1980, als er die letzte sozialliberale Regierung bildete, erw\u00e4hnte er es nicht mehr. Da Presserecht eigentlich L\u00e4ndersache ist, bem\u00fchten wir uns in SPD-regierten L\u00e4ndern um die Novellierung der Pressegesetze. Hier und da erhielten wir Zusagen, z.B. 1990 in Niedersachsen, als dort Sozialdemokraten und Gr\u00fcne koalierten. Aber Ministerpr\u00e4sident Gerhard Schr\u00f6der folgte dem Beispiel Willy Brandts und Helmut Schmidts: Er hielt sein Versprechen nicht. Der Springer-Konzern, f\u00fcr dessen Enteignung die Au\u00dferparlamentarische Opposition 1968 demonstriert hatte, wuchs weiter und setzte mit beharrlichem Druck auf die Politiker nicht nur der CDU, CSU und FDP, sondern auch der SPD durch, da\u00df ihm auch die T\u00fcr zum Rundfunk ge\u00f6ffnet wurde. Inzwischen erleben wir die systematische Kommerzialisierung von H\u00f6rfunk und Fernsehen unter der Regie des Springer\/Kirch- und Bertelsmann-Konzerns. Dabei fielen in beiden Konzernen wohldotierte Managerstellen f\u00fcr zwei ehemalige SPD-Bundesminister ab: f\u00fcr Manfred Lahnstein bei Bertelsmann und f\u00fcr Volker Hauff bei Springer. Das hat die Konzerne nicht sozialdemokratisch gemacht, verst\u00e4rkt aber, wie mir scheint, die Hemmungen in der SPD, sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen.<br \/>Nach wie vor fehlt es in der Gesellschaft nicht an Ideen f\u00fcr eine medienreformerische Politik. Aber wo gibt es noch medienpolitischen Reformwillen?<\/p>\n<p>Karl Marx schrieb, die erste Freiheit der Presse sei es, kein Gewerbe zu sein. Ferdinand Lassalle \u00e4u\u00dferte sich besonders eindrucksvoll \u00fcber die Notwendigkeit, den Journalismus vom Anzeigengesch\u00e4ft zu trennen. In diesem Sinne machte die IG Medien gelegentlich den Vorschlag, f\u00fcr die Presse \u00f6ffentlich-rechtliche Anzeigenmonopole zu gr\u00fcnden. Alle Redaktionen in einer Region w\u00fcrden dann f\u00fcr ihre Bl\u00e4tter einen einheitlichen Anzeigenteil erhalten und je nach Auflage davon profitieren; \u00fcber die H\u00f6he der Auflage w\u00fcrde allein die Nachfrage der Leserschaft entscheiden. Warum nicht?<\/p>\n<p>Aber die Hoffnung auf Demokratisierung der Medien durch die Politiker ist auf den Nullpunkt gesunken. Wenn Ver\u00e4nderungen \u00fcberhaupt noch m\u00f6glich erscheinen, dann im Wege der Selbstaufkl\u00e4rung und Selbstorganisation der Journalisten. In den Redaktionen mu\u00df dringend \u00fcber Arbeitsinhalte und Arbeitsbedingungen diskutiert werden, was bisher kaum geschieht. Wor\u00fcber berichten wir, wor\u00fcber nicht? Wor\u00fcber schreiben wir respektvoll, wor\u00fcber h\u00e4misch? Wen lassen wir zu Wort kommen, wen nicht? Welche Themen setzen wir auf welche Seite? Wieviele Zeilen oder Sendesekunden widmen wir dem einen, wie viele dem anderen Thema? Nach welchen ungeschriebenen Regeln entscheiden wir dar\u00fcber? Von welchen Interessen sind diese Regeln vorbestimmt? Wie erkl\u00e4rt es sich also, da\u00df wir z.B. den Krieg in Angola nicht wahrgenommen haben und den Krieg in Afghanistan nur, solange die Sowjetunion verwickelt war, aber nicht mehr nach dem Abzug der sowjetischen Truppen, obwohl der Krieg seitdem weiter tobt? Sind wir uns der Steuerung \u00fcberhaupt bewu\u00dft, die in jeder Sekunde bis in die Wortwahl eingreift?<\/p>\n<p>Unter dem Stichwort Arbeitsbedingungen ist zu diskutieren, in welchem Ma\u00dfe wir recherchieren oder uns auf Verlautbarungsjournalismus beschr\u00e4nken. Wie verlaufen Pressekonferenzen? Stellen wir dort Fragen? Wie berichten wir \u00fcber Parteitag, auf denen doch innerparteiliche Willensbildung als demokratischer Proze\u00df von unten nach oben stattfinden soll? Was nehmen wir dort au\u00dfer den Reden und Rivalit\u00e4ten der Spitzenpolitiker wahr? Warum berichten wir so Autorit\u00e4t? Warum machen wir es zur Hauptfrage, wie sich die Politiker X und Y&#132;verkaufen&#8220;? Notwendig w\u00e4re stattdessen eine \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber die realen gesellschaftlichen Probleme. Warum beteiligen wir uns und unser Publikum so wenig daran?<\/p>\n<p>Moral im Journalismus, journalistische Moral, Moral der Journalistinnen und Journalisten mu\u00df sich t\u00e4glich neu entwickeln, beweisen, bew\u00e4hren &#150; vor allem in der Wahl der Themen und der Wortwahl. Unkritische Weitergabe dessen, was von oben kommt, erfordert wenig M\u00fche, wenig Zeitaufwand, erregt kaum Ansto\u00df, jedenfalls nicht bei denen, die gesellschaftliche Macht besitzen oder verwalten oder repr\u00e4sentieren, auch nicht beim Medien-Unternehmer, unserem Arbeitgeber. Solcher unkritischer Journalismus wird durch kritische Attit\u00fcde nicht besser, sondern gef\u00e4hrlicher &#150; etwa wenn sich ein Fernsehmoderator \u00fcber den nicht endenden Kleinkrieg an der SPD-Spitze mokiert, um dann seinerseits nichts anderes zu pr\u00e4sentieren als eben diesen Politikersatz, oder wenn er die Schaulust des Publikums kritisiert, um sie zu kitzeln. Das wissende L\u00e4cheln, der flotte Spruch, der sarkastische Schlenker machen keinen kritischen, antiautorit\u00e4ren, aufkl\u00e4rerischen Journalismus; sie sind nicht mehr als Gleitmittel f\u00fcr eine Propaganda, die dem Volk sonst nicht so glatt heruntergehen w\u00fcrde. Was aber macht den aufkl\u00e4rerischen Journalismus? Ich kann daf\u00fcr keine allgemeing\u00fcltige, jeden Tag in jeder Situation anwendbare Regeln aufstellen. Das mu\u00df t\u00e4glich neu mit Mut, Widerspruchsgeist, Witz und Verstand erarbeitet, erprobt, diskutiert werden. Aber es gibt Orientierungspunkte. Einen m\u00f6chte ich nennen: Wir Journalistinnen und Journalisten sollten alles von der Seite der Opfer aus zu sehen versuchen.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte auch einfacher sagen: Moral im Journalismus ist Vermeidung von Unmoral, n\u00e4mlich von Angstmache, Unwahrhaftigkeit, Verschleierung, Ablenkung, Personalisierung (die etwa das ganze Verbrechen des Nazi-Regimes dem &#132;D\u00e4mon&#148; Hitler zuschreibt oder so tut, als w\u00fcrden gesellschaftliche Probleme durch Auswechslung von Figuren auf der politischen B\u00fchne gel\u00f6st). Ebenso verwerflich erscheinen mir Einsch\u00fcchterungs-, Entrechtungs- und Ausgrenzungskampagnen (z.B. nationalistische &#132;Standort&#8220;-und andere Kampagnen zur Senkung sozialer Standards der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigen oder verlogen. &#132;Es ist kein Geld da&#8220;-Kampagnen zum Abbau von Sozialstaatlichkeit), Bedienen von Vorurteilen, Produzieren von Feindbildern, Anstacheln von Aggressionen gegen Schw\u00e4chere.<\/p>\n<p>Guter Wille der einzelnen Journalistin und Journalisten reicht freilich nicht aus, um Medien zu moralischen Anstalten zu machen. Gesellschaftliche Mi\u00dfst\u00e4nde lassen sich nicht hinreichend aus Mangel an individueller Moral erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>In den heutigen Medienkonzernen verk\u00f6rpert sich die Autorit\u00e4t, die Macht, die Herrschaft, mit der sich aufkl\u00e4rerischer Journalismus kritisch auseinandersetzen mu\u00df. Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Machtverh\u00e4ltnisse in den Medien erscheint mir also als eine vordringliche Aufgabe; f\u00fcr die Journalistinnen und Journalisten ist es aber gewi\u00df eine der schwierigsten Aufgaben. Unterst\u00fctzung wird hiermit erbeten.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1726],"publikationen":[1230],"class_list":["post-12359","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-eckart-spoo","publikationen-132-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Journalismus und Moral - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/132-vorgaenge\/publikation\/journalismus-und-moral\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Journalismus und Moral - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 132 (Heft 4\/1995), S. 89-97) Mir wurde das Thema gestellt: Journalismus und Moral. 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