{"id":12370,"date":"1990-02-28T06:00:00","date_gmt":"1990-02-28T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/kinderfernsehen-ist-nichts-fuer-kinder-untersuchungen-zu-einer-nachrichtensendung-fuer-kinder\/"},"modified":"1990-02-28T12:00:00","modified_gmt":"1990-02-28T11:00:00","slug":"kinderfernsehen-ist-nichts-fuer-kinder-untersuchungen-zu-einer-nachrichtensendung-fuer-kinder","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/103-vorgaenge\/publikation\/kinderfernsehen-ist-nichts-fuer-kinder-untersuchungen-zu-einer-nachrichtensendung-fuer-kinder\/","title":{"rendered":"Kinderfernsehen ist nichts f\u00fcr Kinder"},"content":{"rendered":"<p>Untersuchungen zu einer Nachrichtensendung f\u00fcr Kinder<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 103 (Heft 1\/1990), S. 95-100<\/p>\n<p>Seit dem 9. Januar 1989 sendet das Zweite Deutsche Fernsehen vier mal pro Woche eine Nachrichtensendung, die in erster Linie f\u00fcr neun- bis dreizehnj\u00e4hrige Kinder bestimmt ist. Dem Sendetermin ging eine Testphase voraus (25.1.1988 bis 31.3.1988), in der das bis dahin erarbeitete Konzept erprobt wurde. Nach der Auswertung der umfangreichen Begleituntersuchungen zur Testphase hat man jetzt ein Konzept entwickelt, von dem man hofft, da\u00df damit ein m\u00f6glichst hoher Prozentsatz der angesprochenen Zielgruppe erreicht wird.<\/p>\n<p>Als Zielsetzung der Sendung, die den einpr\u00e4gsamen Namen ,logo&#8216; tr\u00e4gt, wird von der Redaktion angegeben: &#8222;,logo&#8216; will zum Verst\u00e4ndnis der Dinge beitragen, die Kinder zwar mitbekommen, die sie aber nicht verstehen oder nicht verarbeiten k\u00f6nnen. ,logo&#8216; will Kinder als Nachrichtenseher gewinnen.&#8220; Etwas allgemeiner hei\u00dft es dann auch: &#8222;Drei Ziele hat jedes gute, weil attraktive und verantwortete Kinderprogramm: Es will Futter f\u00fcr die Phantasie, Platz f\u00fcr die Identit\u00e4tsfindung und Raum f\u00fcr die Neugierde geben, sich die Wirklichkeit anzueignen. Das letzte Ziel ist jetzt leichter anzustreben. Mit ,logo&#8216;, dem neuen Flaggschiff des Kinderprogramms. Volle Fahrt voraus in eine neue Erfahrung&#8220; (Zitiert nach: ZDF-Presse-Special zu ,logo&#8216;, erh\u00e4ltlich \u00fcber ZDF, Redaktion ,logo&#8216;, Postfach 4040, 6500 Mainz).<\/p>\n<p>Kann die Sendung die Anspr\u00fcche, die sie an sich selbst stellt, erf\u00fcllen? Das ist schon aufgrund des gew\u00e4hlten Mediums zu bezweifeln. Ein Verstehen der Welt verlangt, da\u00df Zusammenh\u00e4nge erkannt werden, insbesondere solche, die zwischen \u00e4u\u00dferen Tatsachen und inneren Beweggr\u00fcnden bestehen. Das setzt gesteigerte Wachheit und Aufmerksamkeit voraus. Das Fernsehen bewirkt als Medium grunds\u00e4tzlich das Gegenteil.<br \/>Wird dieser Tendenz durch die Art, wie die Gestaltungsmittel des Fernsehens in &#8222;logo&#8220; verwendet werden, wenigstens m\u00f6glichst entgegengewirkt? Diese Frage mu\u00df entschieden verneint werden. Die erste Sendung beginnt mit einem Film \u00fcber die Einrichtung der Redaktionsr\u00e4ume von &#8222;logo&#8220;. Der Film ist in Zeitraffertechnik aufgenommen. Er dauert 45 Sekunden und enth\u00e4lt 19 Einstellungen. 6 Einstellungen dauern nur eine Sekunde oder sind sogar noch k\u00fcrzer. Die Hektik, die durch die rasche Bildfolge erzielt wird, wird durch die Musik noch erh\u00f6ht. Sie ist dem Tempo des Bildwechsels angepa\u00dft und bringt es immerhin auf 320 Achtel pro Minute.<\/p>\n<p>Ein Kind, das sich in diesen Bilderstrudel begibt, wird mit seiner Aufmerksamkeit ganz an \u00e4u\u00dfere Wahrnehmungen gefesselt. Es ger\u00e4t &#8222;au\u00dfer sich&#8220;. Man kann auch sagen: Dem Kind wird eine Haltung aufgezwungen, die so ist, da\u00df es alle Verstehensbem\u00fchungen aufgeben mu\u00df. Wir werden sehen, da\u00df dieser als flotter Gag gedachte Start symptomatisch f\u00fcr die ganze Serie ist.<\/p>\n<p>Die erste Sendung pr\u00e4sentiert 5 Nachrichten und den Wetterbericht. Die Nachrichten stehen wie in den Sendungen f\u00fcr die Erwachsenen unverbunden nebeneinander. Es gibt weder \u00dcberleitungen noch wenigstens einen inneren Bezug. Die Welt, von der hier berichtet wird, besteht aus Einzeltatsachen. Im Kind, das eigentlich den inneren Drang hat, Zusammenh\u00e4nge herzustellen, entsteht der Eindruck des Fragmentarischen . Die erste Nachricht handelt von Hamburger Schulen die geschlossen werden mu\u00dften, weil beim Bauen dieser Schulen Asbest verwendet wurde. Um Klarheit dar\u00fcber zu gewinnen, wie diese Nachricht von Kindern aufgenommen wird, sei im folgenden die Art und Weise der Nachrichtenpr\u00e4sentation genauer betrachtet. In der ersten Einstellung berichtet der Sprecher von der Schlie\u00dfung einiger Schulen. In der zweiten Einstellung ist der Sprecher schlagartig verschwunden, seine Stimme ist jedoch weiterhin zu h\u00f6ren. Im Bild erscheint eine der geschlossenen Schulen. In den weiteren Einstellungen ist weiterhin der Sprecher zu h\u00f6ren, dazu wechselnde Bilder der geschlossenen Schule. Nach insgesamt 7 Einstellungen der Schule erscheint f\u00fcr eine Einstellung wieder der Sprecher, um aber sogleich wieder zu verschwinden. An seine Stelle treten nacheinander sechs Zeichnungen.<\/p>\n<p>Die Nachricht dauert insgesamt zweieinhalb Minuten. In dieser Zeit wechselt auf dem Bildschirm f\u00fcnfzehn Mal das Bild. Das Kind ist gezwungen, seine Aufmerksamkeit zwischen H\u00f6ren und Sehen zu teilen. Dabei zieht der Bilderwechsel den Hauptteil der Aufmerksamkeit auf sich, wobei das Kind durch das fortgesetzte Starren au\u00dferdem in einen tranceartigen Zustand ger\u00e4t. Auf diese Weise wird der gesprochene Text kaum verstanden, eine Tatsache, die aus den Nachrichtensendungen f\u00fcr Erwachsene hinl\u00e4nglich bekannt ist.<br \/>Betrachtet man den Bilderwechsel im einzelnen, dann wird der Zustand, in den das Kind geraten mu\u00df, noch deutlicher. Die Einstellungen 2 bis 9 zeigen eine der von der Schlie\u00dfung betroffenen Schulen. Sie wechseln zum Teil mitten im Satz, so beim \u00dcbergang von Einstellung 6 zu Einstellung 7.<\/p>\n<p>Dieser \u00dcbergang soll genauer betrachtet werden. Auf dem Bildschirm erscheint das Treppenhaus der Schule. Dazu h\u00f6rt man sagen: &#8222;Weil Asbest gesundheitssch\u00e4dlich ist, wurde die Schule geschlossen. Die Sch\u00fcler sollen nun auf andere &#8230;&#8220; Im Bild erscheint jetzt der Schulvorplatz und die Stra\u00dfe, an der die Schule liegt. Im Text geht es weiter mit: &#8222;&#8230; Schulen verteilt werden, Schulen, die weiter weg liegen. Die Sch\u00fcler wollen aber lieber in ihrem Stadtteil zur Schule gehen und deshalb &#8230;&#8220; (n\u00e4chster Bildwechsel).<br \/>Bei oberfl\u00e4chlicher (tr\u00e4umender) Betrachtung hat man den Eindruck, man werde ausgezeichnet informiert. Ist es nicht interessant, da\u00df man, w\u00e4hrend von Gefahren durch Asbest und Schulschlie\u00dfungen die Rede ist, eine der geschlossenen Schulen sieht? Ist es das wirklich?<\/p>\n<p>Was sieht man eigentlich? Tats\u00e4chlich ist weder Asbest noch die Suche danach zu sehen, und die durch diesen Stoff ausgehenden Gefahren lassen sich sowieso nicht einfach abfilmen. Die Bilder k\u00f6nnten jedes beliebige Geb\u00e4ude zeigen. Da\u00df es sich um eine der geschlossenen Schulen handelt &#8211; das sei zumindest einmal angenommen -, ist f\u00fcr das Verstehen der Nachricht v\u00f6llig belanglos.<\/p>\n<p>Angesichts dieses Befundes erinnere man sich an die Zielsetzung von &#8222;logo&#8220;. Man will, so hei\u00dft es, Kinder als Nachrichtenseher gewinnen. Die Kinder sollen, wenn sie &#8222;logo&#8220; sehen, den Eindruck haben, da\u00df sie etwas tun, das ernsthafte Erwachsene auch tun, wenn sie sich ein Urteil \u00fcber \u00f6ffentliche Angelegenheiten bilden wollen. &#8222;logo&#8220; pr\u00e4gt die innere Haltung, mit der Kinder sich der Welt zuwenden. Diese Pr\u00e4gung bewirkt, da\u00df sie von klein auf dazu gebracht werden, Belangloses f\u00fcr wissenswert zu halten.<\/p>\n<p>Eine andere Pr\u00e4gung betrifft den Gebrauch der Sinne, insbesondere des H\u00f6rens. Im Leben ist es normalerweise so, da\u00df die Botschaften der verschiedenen Sinne sich erg\u00e4nzen und vertiefen. Ich h\u00f6re zum Beispiel einem Menschen zu und nehme ihn gleichzeitig mit den anderen Sinnen wahr, was mir hilft, das Geh\u00f6rte zu verstehen.<\/p>\n<p>Wenn ein Sch\u00fcler w\u00e4hrend des Unterrichts aus dem Fenster schaut, um das Treiben auf der Stra\u00dfe zu verfolgen, so nennt man das Ablenkung und tadelt ihn wegen Unaufmerksamkeit. Bei &#8222;logo&#8220; wird das Kind daran gew\u00f6hnt, in einem abgelenkten Zustand zuzuh\u00f6ren. Neunzig Prozent der Nachrichten werden von Filmberichten begleitet. Dazu kommen noch Graphiken, die bei fast einem Drittel der Berichte verwendet werden. Vor allem von den Filmbildern gilt, da\u00df sie durchweg nur die Neugierde befriedigen, zum Verstehen der vorgetragenen Nachricht aber nichts beitragen. Auf diese Weise gew\u00f6hnt sich das Kind an ein Zuh\u00f6ren, bei dem es in Wahrheit nichts versteht.<\/p>\n<p>Man mache sich in diesem Zusammenhang auch einmal deutlich was es bedeutet, wenn mitten in das gesprochene Wort ein Bildschnitt gelegt wird. Der Zuschauer hat das Bed\u00fcrfnis, der Zerst\u00fcckelung der Welt zumindest dadurch entgegenzuwirken, da\u00df er versucht, einen Zusammenhang zwischen den Bildern herzustellen. Dieser Zusammenhang mu\u00df auf der Ebene der Bilder gefunden werden. Der zu den Bildern gesprochene Text gibt dazu keine Anhaltspunkte. Die Verkn\u00fcpfung der Bilder ist unter diesen Umst\u00e4nden schwierig und au\u00dferdem spannungsgeladen, da man nie wei\u00df, wann ein Bild wieder verschwindet. Die Sprache wird auf diese Weise zur l\u00e4stigen Ablenkung. Die Fernsehzuschauer werden dazu gebracht, die Bedeutung der Ereignisse nicht mit Hilfe der Sprache, sondern durch ein Betrachten der Oberfl\u00e4che der Dinge zu finden. Allgemein l\u00e4\u00dft sich sagen: Das Fernsehen f\u00f6rdert eine Verachtung der Sprache.<\/p>\n<p>Eine weitere Wirkung von &#8222;logo&#8220; h\u00e4ngt mit dem Nachrichteninhalt zusammen, wobei Inhalt und Medium sich entsprechen. Bei der Nachricht \u00fcber Asbest besteht das &#8222;Kindgem\u00e4\u00dfe&#8220; der Darstellung darin, da\u00df nicht einfach \u00fcber die Schulschlie\u00dfung berichtet wird, sondern erkl\u00e4rt wird, welche Rolle Asbest beim Bauen spielt und warum es gef\u00e4hrlich ist. Dabei wird die Tatsache, da\u00df in einem Baustoff pl\u00f6tzlich eine Gefahrenquelle erkannt wird, in einer Weise dargestellt, als handele es sich hier um etwas Unvermeidliches, das zu unserem Leben nun einmal dazugeh\u00f6rt wie der Regen und der Wind. Erkl\u00e4rungen, die so auftreten als w\u00fcrden sie dem Kind helfen die Welt zu verstehen, sind in Wirklichkeit so, da\u00df Angst entsteht.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re zum Beispiel anders, wenn man sagen w\u00fcrde: &#8222;Aufgrund von Erfahrungen, die in der asbestverarbeitenden Industrie gemacht wurden, wei\u00df man seit Jahrzehnten, da\u00df das Einatmen von Asbeststaub zu schweren Gesundheitssch\u00e4den f\u00fchren kann. Die entsprechende Krankheit hei\u00dft Asbestose. Es handelt sich um eine Staubinhalationskrankheit, die h\u00e4ufig in Verbindung mit Bronchialkrebs auftritt. Die Asbestose ist als Berufskrankheit anerkannt. Angesichts dieser Kenntnisse h\u00e4tte man vor der Einf\u00fchrung von Asbest als Baustoff sorgf\u00e4ltig pr\u00fcfen m\u00fcssen, ob &#8211; auch langfristig &#8211; keine gesundheitlichen Sch\u00e4den zu bef\u00fcrchten sind. Diese Pr\u00fcfungen sind offenbar unterblieben. Der Grund hierf\u00fcr d\u00fcrfte Verantwortungslosigkeit in Verbindung mit Gewinnsucht sein.&#8220;<\/p>\n<p>Durch solch einen Hinweis w\u00fcrde deutlich: Da\u00df es H\u00e4user gibt, in denen Menschen durch Asbest gef\u00e4hrdet sind, ist die Folge menschlicher Schw\u00e4che. Ohne diesen Hinweis wird die Bedrohung durch Asbest zu einer Naturtatsache. Oberfl\u00e4chlich gesehen beruhigt man die Kinder, indem herausgestrichen wird, wie sorgf\u00e4ltig das Asbest entfernt wird. Tiefer gesehen entsteht jedoch Beunruhigung und Angst, weil der Eindruck erzeugt wird, es sei kein Verla\u00df auf die Umgebung in der das Kind lebt. Das Asbest wurde jetzt als Gesundheitsgef\u00e4hrdung erkannt und beseitigt. Wer garantiert, da\u00df man nicht morgen entdeckt, da\u00df Beton krankmachende Stoffe abgibt?<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte mit einigem Recht einwenden, die hier ausgesprochene Bef\u00fcrchtung sei etwas weit hergeholt, wenn das in bezug auf die Nachricht \u00fcber Asbest Gesagte nicht grunds\u00e4tzlich gelten w\u00fcrde. Als weiteres Beispiel sei aus der zweiten &#8222;logo&#8220;-Sendung (10.1.89) eine Nachricht \u00fcber chemische Waffen angef\u00fchrt. Da wird zun\u00e4chst erkl\u00e4rt, was chemische Waffen \u00fcberhaupt sind. Die verschiedenen Arten, wie sie Menschen t\u00f6ten, werden genannt, wobei hervorgehoben wird, da\u00df bereits winzigste Mengen t\u00f6dlich wirken. Daran schlie\u00dft sich ein Hinweis auf eine 1925 in Genf getroffene Vereinbarung, die den Besitz chemischer Waffen erlaubt, ihre Anwendung jedoch verbietet. Obwohl sich dieser Vereinbarung, hei\u00dft es dann weiter, inzwischen \u00fcber 100 L\u00e4nder angeschlossen haben, sind immer wieder chemische Waffen eingesetzt worden, zuletzt vom Irak im Krieg gegen den Iran.<\/p>\n<p>Aktueller Anla\u00df der Nachricht ist ein neuerlicher Versuch, chemische Waffen zu \u00e4chten, zu dem 140 L\u00e4nder ihre Vertreter nach Paris geschickt haben. Nach einem kurzen Bericht \u00fcber diese Tagung stellt der Nachrichtensprecher fest, ein Verbot chemischer Waffen sei kaum durchzusetzen. Er nennt daf\u00fcr drei Gr\u00fcnde:<\/p>\n<ol>\n<li>\n<div align=\"justify\">Die meisten L\u00e4nder wollen ihre chemischen Waffen nur abschaffen, wenn das auch die anderen tun;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">die Herstellung chemischer Waffen l\u00e4\u00dft sich nicht \u00fcberpr\u00fcfen;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">es bestehen nicht gen\u00fcgend M\u00f6glichkeiten, die vorhandenen Waffen zu vernichten.<\/div>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Sprecher schlie\u00dft mit folgender Feststellung: &#8222;Selbst wenn die Politiker in Paris ein Verbot aller Chemiewaffen beschlie\u00dfen, wird es sehr schwer sein, es durchzusetzen&#8220;.<br \/>Die Nachricht bewirkt bei den Kindern zweierlei. Sie wissen nun \u00fcber chemische Waffen Bescheid und sie bekommen zugleich den Eindruck, da\u00df die Erwachsenen unf\u00e4hig sind, mit diesem Problem fertig zu werden. Die Folgen k\u00f6nnen nur in Verunsicherung und Angst bestehen.<\/p>\n<p>Ein besonderes Licht f\u00e4llt auf die Wirkung von &#8222;logo&#8220;, wenn die Altersgruppe, f\u00fcr die die Sendung bestimmt ist, genauer betrachtet wird. In der anthroposophischen Menschenkunde und der auf ihr beruhenden Waldorfp\u00e4dagogik schenkt man den neunj\u00e4hrigen Kindern besondere Aufmerksamkeit. In dieser Zeit geraten die Kinder in eine mehr oder weniger stark erlebte Krise, die damit zusammenh\u00e4ngt, da\u00df die Nachahmungskr\u00e4fte nachlassen. Bis dahin hatten diese Kr\u00e4fte daf\u00fcr gesorgt, da\u00df sich das Kind eng mit der Welt verbunden f\u00fchlte. Nachahmend lernt das Kind gehen und sprechen, nachahmend lebt es sich in die Welt der Erwachsenen ein, ohne sich von dieser Welt jemals deutlich unterscheiden zu k\u00f6nnen. Daraus folgt, da\u00df das kleine Kind sich eigentlich nicht allein f\u00fchlen kann. Einsamkeitsgef\u00fchle sind aber gerade das Kennzeichen der Neunjahres-Krise. Durch das Nachlassen der Nachahmungskr\u00e4fte lockert sich die enge Bindung an den Lebensumkreis. Das Kind lebt nicht mehr in der Welt, sondern steht ihr unversehens gegen\u00fcber. Das kann darin zum Ausdruck kommen, da\u00df die Kinder scheu und verschlossen werden. Es kann aber auch dazu f\u00fchren, da\u00df Eltern und Lehrer, die bis dahin geliebt und in keiner Weise in Frage gestellt wurden, pl\u00f6tzlich kritisiert werden.<br \/>Gemessen an Sicherheit und Unbefangenheit, mit der das Kind vorher lebte, hat es zweifellos etwas verloren. Das ist aber nur die Kehrseite dessen, da\u00df es nun etwas ganz Neues gewinnen kann. Durch die Lockerung der Bindungen an die Welt entsteht f\u00fcr das Kind die M\u00f6glichkeit, da\u00df es Eigenst\u00e4ndigkeit zu entwickeln beginnt. Das geschieht zun\u00e4chst im Bereich der Vorstellungen. Wo sich die Welt vorher wie von selbst im Kind spiegelte, kann es nun eigene Vorstellungen bilden, wobei die Eigenst\u00e4ndigkeit dadurch erm\u00f6glicht wird, da\u00df die erwachten Ich-Kr\u00e4fte in die Vorstellungsbildung eingreifen.<\/p>\n<p>Die Sendung &#8222;logo&#8220; entspricht einerseits dem Entwicklungsstand des neunj\u00e4hrigen Kindes, insofern sie ihm erlaubt, der Welt als Beobachter entgegenzutreten. Zugleich werden aber die Errungenschaften, die der neue Lebensabschnitt bringen sollte, unm\u00f6glich gemacht. Das Kind wird zum Beobachter, aber zum tr\u00e4umenden Beobachter. Starren, Tempo, Aufspaltung der Aufmerksamkeit machen ein Eingreifen der Ich-Kr\u00e4fte unm\u00f6glich. Das Kind tritt der Welt gegen\u00fcber, ohne dabei innerlich weiterkommen zu k\u00f6nnen.<br \/>Was das Gef\u00fchlsleben betrifft, so bekommt das Kind durch das Nachlassen der Nachahmungskr\u00e4fte zum ersten Mal die M\u00f6glichkeit, ein eigenst\u00e4ndiges F\u00fchlen zu entwickeln. Die \u00dcberw\u00e4ltigung durch das Fernsehen hat zur Folge, da\u00df die kindliche Seele zum Schauplatz von Gef\u00fchlen wird, die das Medium von au\u00dfen steuert.<br \/>Es versteht sich von selbst, da\u00df die Entwicklung eines vom Ich gef\u00fchrten Willens durch das Fernsehen nicht gef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend sei auf folgendes Problem hingewiesen. Die Art und Weise, wie die Kinder die geschilderte Krise durchleben, h\u00e4ngt entscheidend von den Erwachsenen ab, von denen sie in dieser Zeit umgeben sind. Gehen sie liebevoll auf das Kind ein und sind sie von ihrer inneren Verfassung her so, da\u00df sie dem Kind Vertrauen einfl\u00f6\u00dfen, dann ist es nicht schwer, Einsamkeitsgef\u00fchle, Scheu und Mi\u00dftrauen zu \u00fcberwinden. Die Kinder k\u00f6nnen dann noch einmal bis zur Pubert\u00e4t in ihre kindliche Erlebniswelt eintauchen.<\/p>\n<p>Die Nachrichtensendungen pr\u00e4sentieren den Kindern viele Menschen, die aber alle nur aus einer maschinellen Vort\u00e4uschung bestehen. Wenn dem Kind das auch nicht bewu\u00dft ist, so wird es unbewu\u00dft diese T\u00e4uschung doch erleben, was zur Folge haben mu\u00df, da\u00df die ohnehin bestehende Tendenz zum Mi\u00dftrauen und zum Gef\u00fchl der Einsamkeit noch verst\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p>Der Entwicklung von Vertrauen l\u00e4uft nat\u00fcrlich auch zuwider, wenn Bedrohliches als unab\u00e4nderliche Naturtatsache dargestellt wird. Was das Fernsehen als objektive Erkl\u00e4rungen ausgibt, ist in Wirklichkeit geeignet, Angst hervorzurufen, wodurch die Krise, in der sich die Kinder befinden, noch verst\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p><i>Erschien zuerst in: Fakten und Anregungen zur Beurteilung der Medien, Sommer 1989<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2450],"publikationen":[1259],"class_list":["post-12370","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-heinz-buddemeier","publikationen-103-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kinderfernsehen ist nichts f\u00fcr Kinder - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/103-vorgaenge\/publikation\/kinderfernsehen-ist-nichts-fuer-kinder-untersuchungen-zu-einer-nachrichtensendung-fuer-kinder\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Kinderfernsehen ist nichts f\u00fcr Kinder - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Untersuchungen zu einer Nachrichtensendung f\u00fcr Kinder aus: vorg\u00e4nge Nr. 103 (Heft 1\/1990), S. 95-100 Seit dem 9. 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