{"id":12373,"date":"1995-12-20T19:00:00","date_gmt":"1995-12-20T18:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/kongruenz-und-diskrepanz-von-sprache-und-koerpersprache-im-alltag\/"},"modified":"1995-12-20T12:00:00","modified_gmt":"1995-12-20T11:00:00","slug":"kongruenz-und-diskrepanz-von-sprache-und-koerpersprache-im-alltag","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/132-vorgaenge\/publikation\/kongruenz-und-diskrepanz-von-sprache-und-koerpersprache-im-alltag\/","title":{"rendered":"Kongruenz und Diskrepanz von Sprache und K\u00f6rpersprache im Alltag"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 132 (Heft 4\/1995), S. 20-22<\/p>\n<p>In diesem Herbst ist die deutsche politische Szene reich an mythischen Szenarien. Aber mythisch-dramatische Konstellationen finden sich nicht nur in der Politik, sondern auch im sogenannten Gesch\u00e4ftsleben, in der Kleingruppe, in der Familie, in Freundschaften. Auch wenn man annehmen mu\u00df, da\u00df nur das Spektakul\u00e4re eine Chance hat, bemerkt zu werden, so kann man doch davon ausgehen, da\u00df, vermittelt durch Medien oder durch sie induziert, Mythenbildung stattfindet. Dabei werden archetypische Konstellationen fast unkennbar nachgestellt (woraus man schlie\u00dfen k\u00f6nnte, da\u00df die Mythosforscher und die Tiefenpsychologen gescheite Analysen gemacht haben), die typische sprachliche und k\u00f6rpersprachliche Aktionen im zwischenmenschlichen &#132;Betrieb&#148; enthalten bzw. durch sie manifestiert werden.<\/p>\n<p>Kommunikation durch Sprache und K\u00f6rpersprache geschieht nicht im luftleeren Raum. Sie wird situativ erm\u00f6glicht, stimuliert oder ist von der origin\u00e4ren Art ihrer Protagonisten gepr\u00e4gt so da\u00df diese st\u00e4rker die Situation gestalten und beeinflussen als umgekehrt.<br \/>Personen, Dinge, Ereignisse werden mit Symbolen bezeichnet. Die Symbole sind nicht die Ereignisse und die Personen und die Dinge selbst, dies ist eine Binsenweisheit. Auch Gesten und Sprachen stellen ihrerseits eine andere Wirklichkeit dar, als das was sie ausdr\u00fccken sollen.<br \/>Nonverbale Kommunikation umfa\u00dft die gesamte Inszenierung mit Kulissen, Kost\u00fcmen, Beleuchtung, Beschallung, mit Ger\u00fcchen, Geschm\u00e4ckern, Testwahrnehmungen. In diese, oder besser gesagt auf diese, nonverbale Kommunikation wird Sprache draufgesetzt, die, wenn sie gesprochen wird, mehr ist als nur Informations\u00fcbertragung.<br \/>Auch Sprache hat ihre eigene Geste. In der Szenerie der Kommunikation laufen wechselseitig, sequentiell oder gleichzeitig, Sendung und Informationsaufnahme ab. Die Form der Rezeption stellt in der Regel auch einen Feedback-Proze\u00df dar, der demjenigen, der Botschaften aussendet, meldet, wie seine Informationen aufgenommen worden sind. Eben dieser wechselseitige Austauschproze\u00df begr\u00fcndet Kommunikation.<\/p>\n<p>Wie aber werden Symbole und Gesten, wird Sprache verstanden? Beim Adressaten wird es darauf ankommen, ob er die vermittelten Symbole kennt, also sie f\u00fcr sich \u00fcbersetzen kann. Der kreative Kommunikationspartner wird jedoch sowohl als Agent wie auch als Rezipient Abweichungen von bekannten Symbolen einf\u00fchren, um dadurch seinem Kommunikationsbeitrag zus\u00e4tzliches Leben einzuhauchen, Aufmerksamkeit zu erlangen und um auch aus dem Feedback des Adressaten abzulesen, ob bei der Aufnahme der Nachricht ebenfalls kreativ, das kann auch hei\u00dfen: sinnverschiebend, wahr und aufgenommen wurde. Eine solche Kommunikation unterscheidet sich vom blo\u00dfen Jasagen und Zustimmen oder auch von dem krassen Nein-sagen ohne Kompromisse. So ist der Diskurs mit dem Ziel eines Kompromisses ein besonders gutes Beispiel f\u00fcr Kreativit\u00e4t in der Kommunikation.<\/p>\n<p>Wer verfolgte in der Bundesrepublik nicht das Spektakel, das die sozialdemokratische Partei bzw. ihre F\u00fchrung in den letzten Monaten bietet. Da gibt es nat\u00fcrlich verschiedene Kraftfelder und Spannungen, die zu Dauerkonflikten hochstilisiert worden sind. Der Partei- und Fraktionsvorsitzende auf der einen Seite, die SPD-Ministerpr\u00e4sidenten, der Parteivorstand und das Schattenkabinett. Eigentlich braucht man die Texte bei Fernsehpressekonferenzen oder Berichten \u00fcber SPD-Gremiensitzungen gar nicht mehr zu kommentieren, man k\u00f6nnte den Ton abstellen, um zu sehen, was wirklich gemeint ist und nicht nur was geredet wird. Mit der m\u00fcden Geste des Resignierten versucht der Vorsitzende neue Solidarit\u00e4t zu beschw\u00f6ren. Die st\u00e4rkebewu\u00dften Br\u00fcder wie Schr\u00f6der und Lafontaine zeigen sich stets kraftvoll, lachend, scheinbar von keiner Sorge getr\u00fcbt. Und bald werden sie den &#132;Dolch im Gewande&#148; zum Sprechen bringen, sagen ihre Gesten. Davor wiederum f\u00fcrchtet sich der Vorsitzende, auch wenn er sich betont &#132;honorig&#148; gibt. Wenige Wochen vor dem Parteitag, bei dem der Vorsitzende best\u00e4tigt werden will und seinen neuen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer pr\u00e4sentieren m\u00f6chte, betreiben die &#132;Br\u00fcder&#148; unter dem Deckmantel von kollektiver Leitung die Demontage ihres Parteibruders. Wenn das Spiel lang genug dauert, wird sich die Entfernung zum Parteivolk und nicht nur zum &#132;allgemeinen Deutschen vor dem Fernseher&#148; gef\u00e4hrlich wachsen. Denn dies haben Anh\u00e4nger wie Neutrale und Gegner gemeinsam; Sie verabscheuen Brudermord.<br \/>Wenn es nicht abgesprochen war, so war es gut inszeniert: Die freudige \u00dcberraschung des CDU-Parteivorsitzenden und Kanzlers bei \u00dcberreichung des Pl\u00fcschl\u00f6wen am Beginn des CDU-Parteitags im Oktober. Schwere M\u00e4nner haben es so an sich: Sie k\u00f6nnen mit grinsender Gelassenheit das ignorieren, was die Ironie in der Geste ist. Dies ist dem Bundeskanzler gelungen, und seine Gestik und Intonation (abgesehen davon, da\u00df er zu jenen Deutschen geh\u00f6rt, die ihre Sprache besonders schlecht sprechen) dr\u00fcckten als situativen Kontext selbstverst\u00e4ndlich den Fortbestand der bestehenden CDU-F\u00fchrung aus, der durch nichts in Frage zu stellen sei. Diese positive Resonanz wurde von den Regisseuren so in den Vordergrund gespielt, da\u00df &#132;Frauenquote&#148; und &#132;B\u00fcrgermitbestimmung&#148; am d\u00fcnnen Schwanz des Programms relativ unbedeutend geworden sind, auch wenn sie nicht nach dem Willen des &#132;gro\u00dfen Vorsitzenden&#148; verlaufen sein sollten.<\/p>\n<p>Betrachten wir also die dargestellten Situationen. Prinzipiell haben wir davon auszugehen, da\u00df das Gelingen einer beabsichtigten Kommunikation von der auf Kongruenz gerichteten Verhaltensweise der Beteiligten abh\u00e4ngt.<br \/>Folgende f\u00fcnf Elemente der K\u00f6rpersprache lassen sich im Verlauf der Kommunikationsprozesse analytisch unterscheiden: K\u00f6rperhaltung, Abstand, Gestik, Mimik, Tonfall der Sprache und anderer akustischer \u00c4u\u00dferungen.<br \/>Um es noch mal zu sagen: Kongruenz und Diskrepanz sind die Ma\u00dfst\u00e4be, die interessant sind im Hinblick auf die einzelnen Verst\u00e4ndigungsebenen, da\u00df hei\u00dft innerhalb dieser Ebenen und zwischen den Ebenen. Ein Signal f\u00fcr sich alleine hat keine Aussagekraft, sondern mu\u00df in Beziehung gesetzt werden zu den Elementen im situativen Umfeld.<\/p>\n<p>Die Kommunikationssituation l\u00e4\u00dft sich analytisch in drei Ebenen aufteilen (die im Kommunikationsgeschehen unteilbar sind):<\/p>\n<p><i>Resonanzfelder<\/i>, morphische (Sheldrake hat mit seiner Theorie damit eine Alternative zum Gehirnspuren-Theorem in der Gehirn- und Ged\u00e4chtnisforschung entwickelt). Sie stellen so etwas wie kollektive Ged\u00e4chtnisfelder dar, die um so starker wirken, je mehr Menschen und je intensiver sie genutzt werden. Wie schon immer ist es die Werbepsychologie, die instinktiv die Existenz solcher Felder nutzt bzw. selbst neue aufbaut. Resonanzfelder sind &#132;ererbt&#148;, oder aufgesucht, oder entstehen (auch ungerufen) und bauen sich selbst wieder ab. Sich ihnen nur passiv auszuliefern, sich von ihnen unterhaltend in Schwingung bringen lassen, macht uns zwar ruhiger, aber auch inaktiver, und schlie\u00dflich abgestumpft, eher aber disponierter f\u00fcr weitere Resonanzr\u00e4ume dieser Art (die auf passiven Konsum abzielen). Solche Resonanzfelder k\u00f6nnen aber auch als Stimulans genommen werden und so g\u00fcnstige R\u00e4ume f\u00fcr Selbstgesteuerte Aktivit\u00e4ten darstellen. Es gilt, solche Resonanzfelder aufzusp\u00fcren. Telepathie und Intuition, auch Kreativit\u00e4t, beruhen \u00fcberwiegend darauf, sich &#132;auf Empfang bzw. Sendung&#148; einzustellen.<\/p>\n<p><i>K\u00f6rpersprache<\/i>, die alle motorischen Aktionen im Kommunikationsproze\u00df umfa\u00dft, die von den Kommunikationspartnern &#132;gesendet&#148; werden, also Ortsver\u00e4nderung, Gestik und Mimik. Die K\u00f6rpersprache repr\u00e4sentiert die Beziehungsebene zwischen den Kommunikationspartnern und wird teilweise als &#132;analog&#148; bezeichnet. Birkenbihl (Signale des K\u00f6rpers, 1994) spricht im Hinblick auf die \u00dcbereinstimmung von Sprache und K\u00f6rpersprache von Selbst-Synchronizit\u00e4t, w\u00e4hrend sie als Synchronie die \u00dcbereinstimmung der k\u00f6rpersprachlichen Signale der Kommunikationspartner bezeichnet. Elemente der Synchronie sind Rhythmus und &#132;Ton(us)&#148; der K\u00f6rpersprache (&#132;Es ist schwieriger, ohne Worte zu l\u00fcgen&#8220;). F\u00fcr den Sachverhalt &#132;Synchronie&#148; w\u00fcrde ich gerne in Analogie zum morphischen Resonanzbegriff von Sheldrake den Begriff &#132;motorische Resonanz&#148; einf\u00fchren. K\u00f6rpersprache mu\u00df zugelassen, gelernt und angewandt werden. Es geht also um den Mut zur Expression seiner k\u00f6rperlichen Motionen, die mit den inneren (Gef\u00fchlen) in Kongruenz gebracht werden sollten. Dadurch entsteht bei den Kommunikationspartnern eine h\u00f6here Akzeptanz, weil ihnen durch die Kongruenz &#8211; auch mit den sprachlichen Inhalten &#8211; eine h\u00f6here Glaubw\u00fcrdigkeit signalisiert wird. (Auch die Lehre von den Handlungstypen nach Satir bedeutet nicht, da\u00df man auf Handlungsmuster f\u00fcr immer festgelegt ist. Allerdings bedarf es entsprechender Bem\u00fchungen, um die Neigung zu bestimmten Reaktionsmustern, die wahrscheinlich auch durch entsprechende morphische Resonanzfelder gest\u00fctzt werden, zu schw\u00e4chen bzw. aufzul\u00f6sen). Mehr K\u00f6rpersprache zuzulassen hat auch den Effekt, da\u00df motorische Frustrationen weniger leicht entstehen, die Emotionen erzeugen, vorausgesetzt, sie ist kongurent in sich und mit dem was gesagt wird.<\/p>\n<p><i>Die gesprochene Sprache<\/i> bezieht sich in der Regel auf den inhaltlichen Aspekt der Kommunikation und wird von den genannten Autoren als &#132;digital&#148; bezeichnet. \u00dcbersehen wird von vielen Autoren, da\u00df die Sprache auch einen formalen Aspekt in dem Sinne hat, da\u00df unterschiedliche Inhalte, Situationen etc. eine je spezifische Kongruenz von Inhalt und Form der benutzten Sprache erfordern, sowohl bei der gesprochenen als auch bei der geschriebenen Sprache. Die gesprochene Sprache &#8211; auch die gedruckte\/geschriebene sollte <i>laut<\/i> gelesen werden! &#8211; kann durch mehr Ausdruck in Ton, Rhythmus, Wortwahl und Syntax die Inhalte, die sie transportieren will, plastischer und damit verst\u00e4ndlicher machen. Sie regt damit die K\u00f6rpersprache an, sich ebenfalls st\u00e4rker auszudr\u00fccken. Beide werden dadurch immer kongruenter, der Sprechend immer glaubw\u00fcrdiger werden. Kongruenz sollte schlie\u00dflich mit den morphischen Feldern (bezogen auf Kommunikationspartner und Kommunikations-Situationen) hergestellt werden, um die Kommunikation besonders wirkungsvoll zu machen. Nicht vergessen werden sollte, da\u00df die &#132;verschiedenen Sprachen&#148; (Alltags-, Fach-, poetische Sprache etc.) ihre je eigene, inhaltsabh\u00e4ngige Form haben sollten, so da\u00df eine Art innerer Kongruenz in der Sprache selbst liegt.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2454],"publikationen":[1230],"class_list":["post-12373","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-rudolf-mayer-freiwaldau","publikationen-132-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kongruenz und Diskrepanz von Sprache und K\u00f6rpersprache im Alltag - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/132-vorgaenge\/publikation\/kongruenz-und-diskrepanz-von-sprache-und-koerpersprache-im-alltag\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Kongruenz und Diskrepanz von Sprache und K\u00f6rpersprache im Alltag - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 132 (Heft 4\/1995), S. 20-22 In diesem Herbst ist die deutsche politische Szene reich an mythischen Szenarien. 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