{"id":12388,"date":"1980-08-31T11:15:00","date_gmt":"1980-08-31T09:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/laudatio-zur-verleihung-des-fritz-bauer-preises-1980-der-humanistischen-union-an-peggy-parnass\/"},"modified":"1980-08-31T12:00:00","modified_gmt":"1980-08-31T10:00:00","slug":"laudatio-zur-verleihung-des-fritz-bauer-preises-1980-der-humanistischen-union-an-peggy-parnass","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/46-vorgaenge\/publikation\/laudatio-zur-verleihung-des-fritz-bauer-preises-1980-der-humanistischen-union-an-peggy-parnass\/","title":{"rendered":"Laudatio zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises 1980 der Humanistischen Union an Peggy Parnass"},"content":{"rendered":"<p>Wachsame Augen. Aus: vorg\u00e4nge Nr. 46 (Heft 4\/1980), S.132-135<\/p>\n<p>(vg) Den Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union f\u00fcr 1980 erhielt die&#132;Gerichtsreporterin&#8220; Peggy Parnass. Sie ist, meint die HU, unter einer Reihe recht guter Gerichtsberichterstatter wahrscheinlich die menschlichste. Ihre Reportagen erschienen fast ausschlie\u00dflich, zum Teil aber schlimm gek\u00fcrzt, in der linken Wochenzeitung &#132;konkret&#147;. 1979 erschien ihr Buch &#132;Prozesse 1970-1978&#148;, alle Berichte, diesmal ungek\u00fcrzt (Verlag Zweitausendeins, Frankfurt\/M, 634S, 17,90 DM). Es ist ein document humaine nicht nur f\u00fcr die Autorin, sondern ebenso f\u00fcr die von ihr &#132;beschriebenen&#8220;Angeklagten, Richter, Staats- und Rechtsanw\u00e4lte &#8211; und Mitbetroffenen.<br \/>Die Laudatio bei der Preisverleihung auf dem Hamburger Literatrubel am 5. Juli 1980 sprach der m\u00fcnchner Rechtsanwalt und Filmemacher Dr. Norbert K\u00fcckelmann. Weil der Begriff der Anerkennung zwar noch nicht vermarktet ist, aber in Form von obrigkeitlicher Gunst per Orden, B\u00e4nder, Urkunden in Massenauflistungen sozusagen wie Manna \u00fcber die Verdienstvollen kommt, meist f\u00fcr ein langj\u00e4hriges Verhalten, f\u00fcr Staatstreue oder Karriere oder nur einfach so, f\u00e4llt in solcher Preisschwemme ein Preis, der die Erinnerung an Ideologie und Wirken eines Mannes wach h\u00e4lt und ein Werk fortsetzen will, angenehm auf.<br \/>Wenn ein Preis die Erinnerung fortsetzen will, dann ist es auch Sinn dieses Preises, so \u00f6ffentlich wie m\u00f6glich das wieder zu begreifen, was Inhalt eines Lebens war, das uns einen Preis wert ist.<br \/>Fritz Bauer ist seit 12 Jahren tot. Sein mutiges, viel beachtetes und auch bel\u00e4cheltes Werk, &#132;Das Verbrechen und die Gesellschaft&#148;, ist nicht neu erschienen, und es ist f\u00fcr jeden kritischen Juristen ein Anlass zur Unruhe und zu der \u00e4ngstlichen Frage, ob denn diese Art Verbindung von Mut und Menschlichkeit, von unendlicher Geduld und Anstrengung, ausgel\u00f6st in der hautnahen Konfrontation mit dem Zentrum der Macht einer Demokratie in Deutschland, denn immer wieder zu Ende ist, wenn eine Person stirbt, etwa: Fritz Bauer, war das nicht der Staatsanwalt, der in der Badewanne gestorben ist? Die vielen einsamen Versuche, humanes Denken und Praktizieren anzuregen, durchzusetzen, manchmal in der gro\u00dfen Geste des Erneuerers, manchmal durch Energie im kleinen Raum eines Amtes, Schritte nach vorne zu tun, ob es einen Sinn hat, den Monolithen zu bewegen, oder ob ihm dies nur Stoff zum Selbstverst\u00e4ndnis gibt?<br \/>Die Angst ist sicher ansteckend, ist es der Mut auch? Wenn es einen Zusammenhang gibt zwischen Wirken und Erkenntnissen verschiedener Personen durch die sp\u00fcrbare Existenz des Anderen, wenn legaler Widerstand gegen Gefahren der Macht mit den Mitteln menschlichen Denkens, der Sachlichkeit, Intelligenz, von Wut und Humor gegen Eisigkeit von Apparaten keine Sache der Einzelg\u00e4nger ist, sondern, wie auch immer, \u00fcbertragbar, fortf\u00fchrbar. Dann, um die Einsamkeit des Engagements zu vertreiben, haben Preise einen besonderen Sinn.<br \/>Zum Tode von Fritz Bauer schrieb Ernst M\u00fcller-Meiningen jr 1968:<br \/>&#132;Er war ein leider rares Element sch\u00f6pferischer Unruhe in unserer Gesellschaft. Sein scharfer Verstand und sein hei\u00dfes Herz, seine brennende Sorge um Rechtsstaatlichkeit, seine Kompromisslosigkeit gegen\u00fcber den noch immer in unserer Gegenwart herum geisternden Lemuren unserer j\u00fcngsten Vergangenheit, das alles schaffte ihm, wie man annehmen muss, mehr Feinde als Freunde.&#148;<br \/>Fritz Bauer war verzweifelt \u00fcber die Absurdit\u00e4t des Verh\u00e4ltnisses von Demokratie und Vergeltungsrecht, &#132;schaffen wir den Begriff ,S\u00fcnde` aus der Welt und schicken wir ihm den Begriff der ,Strafe` bald hinterher&#148;, sagte er. Er sprach f\u00fcr den gro\u00dfen Gedanken der Resozialisation statt Strafe, des humanen Ma\u00dfnahmesystems. Demokratie war, auch dem T\u00e4ter gegen\u00fcber, mitmenschliche Solidarit\u00e4t; statt der Unbrauchbarkeit des Schuldprinzips. Er wollte einen gro\u00dfen runden Tisch, an dem Angeklagte, Richter und Ankl\u00e4ger Platz nehmen, fast r\u00fchrend anmutend heute im Angesicht von Kontaktsperren und Hochsicherheitstrakten und der wachsenden Profilierungsangst staatsbewachender Institutionen. Seine Kritiker haben ihm mangelnde Konsequenz vorgeworfen, weil Fritz Bauer in der Jagd nach NS-Verbrechern eine Notwendigkeit sah. Weil er, Gegner der Todesstrafe und des geltenden Strafprinzips, Eichmann aufst\u00f6berte und die Abrechnung mit der Vergangenheit mit eben diesem Strafrecht als oberster Ermittlungsbeamter eines Bundeslandes betrieb. Sie haben \u00fcbersehen, dass die Unbrauchbarkeit des Schuldstrafrechts in der Betrachtung von Fritz Bauer nicht nur darin bestand, dass es die Resozialisierung vers\u00e4ume, sondern auch die Ahndung der eigentlichen M\u00f6rder der Gesellschaft. Sollen Toleranz und Menschlichkeit sich durchsetzen, m\u00fcssen Reste des Ressentiments f\u00fcr das Unmenschliche, und wenn sie nur in der Unf\u00e4higkeit bestehen, sich ihrer zu erinnern, beseitigt werden. Solange dieses Unrecht versteckt bleibt, haben Strafrecht und Unrecht eine Leiche im Keller. F\u00fcr Fritz Bauer war die Jagd nach den NS-M\u00f6rdern eine Voraussetzung f\u00fcr seine Forderung nach Humanisierung des Strafrechts, lag \u00fcber der Grenze der ertragbaren Toleranz, war Notwendigkeit, um in der Bew\u00e4ltigung aller Verdr\u00e4ngung den R\u00fcckweg oder den Weg in ein humanes Strafrecht zu finden.<br \/>Der Strafprozess in Deutschland, ob mit Auschwitz oder Majdanek oder mit Neofaschismus besch\u00e4ftigt, wird auf Grund seiner Ideologie &#8211; Schuld ist das gleiche, ob beim Fahrraddiebstahl oder beim V\u00f6lkermord &#8211; die Tendenz zur Entschuldigung haben, um sich best\u00e4tigen zu k\u00f6nnen. Und dort in der Entschuldigung, die nicht aufh\u00f6rt, solange das Filbinger-Grinsen noch im Raum steht, h\u00e4ngen Schuld denken und Unrecht zusammen.<br \/>Fritz Bauer sp\u00fcrte in der Abfolge des ersten Auschwitz-Prozesses 1964 die Katastrophe eines Kampfs ums Recht. Die Unmenschlichkeit vor Gericht, dem gerichtichen Formenspiel, normalisiert sich zur profanen Straftat und l\u00e4sst sich, die numerischen Dimensionen ausgenommen, auf einmal neben dem Alltagsdelikt nieder. Diese so gewonnene Prozessdauer Erstarrung half der Trennung zwischen Wissenden und Ahnungslosen, der Entschuldigung der Massen, \u00e4rgerlich gegen ein verdr\u00e4ngtes Trauma. Dort k\u00e4mpfte der Strafprozess oft um seine eigene Existenz, n\u00e4mlich um Erhaltung der Kategorie Schuld. Und deshalb k\u00e4mpfte er mit allen Mitteln, und sei es mit Freispr\u00fcchen mangels Beweises.<br \/>Die Vergangenheit tr\u00e4gt nicht nur das vergangene Unrecht, sondern ihre Bew\u00e4ltigung auch das k\u00fcnftige Recht.<\/p>\n<p>Nun hat also Peggy Parnass den Fritz-Bauer-Preis erhalten &#8211; mit Recht; obschon kein Generalstaatsanwalt und nicht die Logistik von Berufsjuristen beherrschend, ohne Behaftung von Dogmatik, aber deshalb unvoreingenommen und mit klarem Blick, ohne Verlust ihrer Emotion, hat sie in den dokumentierten zehn Jahren ihrer T\u00e4tigkeit im Gerichtssaal die gleichen Strukturen begriffen und die gleichen Ziele verfolgt. Aus allen ihr aufgefallenen, von ihr geschilderten F\u00e4llen kommt die gleiche Erkenntnis, die gleiche Unruhe und Trauer, die gleiche Wut und Ungeduld.<br \/>Dieser Preis ist sicher kein Buchpreis, denn ihr Buch &#132;Prozesse&#148; ist kein Buch, das jemand einfach geschrieben hat, sondern ein sachlicher Bericht \u00fcber eine T\u00e4tigkeit und Haltung, mit immer mehr Profil, als Konsequenz f\u00fcr einen emotionalen, klar gebliebenen Blick von ungew\u00f6hnlich wachsamen Augen.<br \/>Ich habe in den letzten zehn Jahren Peggy Parnass&#8216; hei\u00dfe Berichte aus einem kalten Bereich immer auf mich wirken lassen und empfand sie stets in einem erfreulichen Gegensatz zu meinem juristischen Denken, aber dennoch treffender f\u00fcr die Ergebnisse, die aus juristischem Denken angestellt werden, f\u00fcr Ermittlungen, Beweisaufnahmen, Urteile und deren gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge. Die Zusammenfassung dieser Berichte ergibt ein unausweichlich klares Portrait, eine unbestechliche Analyse der Prozesse in unseren Gerichtss\u00e4len und der anderen hier erkennbaren gesellschaftlichen Prozesse dahinter. Der Prozesse, die zu Zw\u00e4ngen f\u00fchren, aus denen Delikte kommen, die ihrerseits zu den Zw\u00e4ngen f\u00fchren, die im Gerichtssaal, in den Richtern und Ankl\u00e4gern sind.<br \/>&#132;Wie gerne&#148;, sagt Peggy Parnass, &#132;w\u00fcrde ich doch die Geschichten hinter den Geschichten kennen.&#148; Ein bescheidener Satz; denn es ist ihr gelungen. Wir merken pl\u00f6tzlich, es sind unsere Prozesse, ein notwendiges St\u00fcck \u00d6ffentlichkeit, wirklicher \u00d6ffentlichkeit, die es sonst nicht gibt.<br \/>Wenn das Gerichtsverfassungsgesetz in \u00a7 169 die \u00d6ffentlichkeit im Strafprozess nennt, dann spricht die Kommentierung halbherzig von einer \u00d6ffentlichkeit, in der &#132;es jedermann m\u00f6glich sein soll, sich davon zu \u00fcberzeugen, dass gerecht und unparteiisch Recht gesprochen werde&#148;. Nicht etwa, ob gerecht und unparteiisch Recht gesprochen werde. Obwohl gerade in diesen beiden Begriffen, Gerechtigkeit und Unparteilichkeit, bereits die ganze Problematik der Strafrechtsprechung liegt. Das Tonband und die Fotografie sind im Gerichtssaal nicht erw\u00fcnscht, weil sie zu genau sind, weil die Prozesse hinter den Prozessen,vielleicht geheim bleiben sollen? Aber gemessen an den technischen Gewohnheiten auch fernsehender Richter und Staatsanw\u00e4lte, und sei es nur der Fu\u00dfball, die Nachrichten oder der abendliche Krimi, den Videoaufzeichnungen und Familienfotos stiller Urlaubstage in Ibiza oder anderswo, sind die 20 bis 50 Sitzpl\u00e4tze oder vielleicht 200 im Schwurgericht (im kleinsten Flohkino sind es 100), auch soweit sie von kritisch interessierten Betrachtern besetzt sein sollten, und nicht von Polizeibeamten, fussw\u00e4rmenden Rentnern oder Damen der Gesellschaft, die im Ives-Saint-Lauraint-Look zur Urteilsverk\u00fcndung gehen, keine \u00d6ffentlichkeit, die der Inquisition eine zeitgem\u00e4\u00dfe Alternative g\u00e4be.<br \/>Es bleibt die so genannte \u00f6ffentliche Meinung oder die ver\u00f6ffentlichte Meinung als Resonanz der Berichte derer, die dabei waren. Und deshalb ist \u00d6ffentlichkeit des Verfahrens so gut oder schlecht, so vollst\u00e4ndig oder unbrauchbar wie die \u00f6ffentlichen Berichte und das Verh\u00e4ltnis derer, die sie schreiben, zur Wahrheit. Darin liegt die eminente Bedeutung der Gerichtsreportage auch heute, dass sie die eigentlich fehlende \u00d6ffentlichkeit ersetzt. Die t\u00e4glichen Prozessberichte sind meist von Zeitknappheit, Oberfl\u00e4chlichkeit, Unkenntnis der Materie und Mangel an analytischem Denken gekennzeichnet. Sie zerschlagen sich meist am Zeremoniell, am Code-Charakter der Sprache, erfassen nur Oberfl\u00e4che und Protokoll, als handle es sich um ein unwichtiges Geschehen, dessen Ende in Jahreszahlen der Strafe ausgedr\u00fcckt wichtiger sei als seine Gr\u00fcnde und Teilnehmer, als f\u00e4nde dort ein belangloser Ablauf statt, und nicht ein erbitterter Krieg. Erst wenn es um Spektakul\u00e4res geht, den Blutgeruch von Totschlag und Mord, den intimsten Bereich armer, verzweifelter T\u00e4ter, deren zwang beladenes Interieur, den Sittenprozess, von dem Karl Kraus sagt, dass er den Hintergrund abgebe, von dem der Schuldige sich malerisch abhebt &#8211; dann bl\u00fchen die Schlagzeilen und Kolportagen und manipulierte Aggression und Angst.<br \/>Nun gibt es aber neben der \u00f6ffentlichen Benutzung von Prozessgeschehen als Sensation oder Unterhaltungssujet ein z\u00e4hes Bem\u00fchen um kritische Beobachtung, eine Bereitschaft, in kleinen und exzessien Prozessen der Gerichte einen Spiegel der gro\u00dfen gesellschaftlichen Konflikte zu sehen und all die Fragen aufzuwerfen, die notwendig sind, um die Position der Angeklagten, Ankl\u00e4ger und Richter immer von neuem zu verstehen. Dieses Bem\u00fchen hat Tradition, seit den Berichten des Anwaltes Gayot de Pitaval und seiner kritisch gesehenen Cose celebre im 16. Jahrhundert und reicht neben der so genannten Prozessaufkl\u00e4rung in der Romantik bis zu den gro\u00dfen kritischen Einzelg\u00e4ngern, zu denen Egon Erwin Kisch, Karl Kraus oder Paul Schlesinger, genannt Sling, auch Schriftsteller wie D\u00f6blin, Leo Lania und Karl Federn geh\u00f6ren bis zu Gerhard Hermann Mostar, Gerhard Mauz und eben Peggy Parnass.<br \/>Offenbar f\u00f6rdert das justizi\u00e4re Geschehen von selbst immer wieder qualifizierte harte Kritik, engagierte Stellungnahme heraus. Fluch und Heil der Materie. Es sind W\u00e4chter eines demokratischen Anspruchs in einem oft atavistischen Bereich, die die Brisanz der Konfrontation, die gesellschaftlichen \u00c4ngste und Zw\u00e4nge hinter den Fassaden, den zu Protokoll genommenen Schicksalen und hinter den Roben und all das sp\u00fcrbar machen, was &#8211; richtig berichtet &#8211; viel spannender und erregender ist, als das \u00e4u\u00dfere, wenn auch spektakul\u00e4re Geschehen, n\u00e4mlich die volle Wahrheit. &#8211; Ein Angeklagter hat zu mir w\u00e4hrend der Debatte um Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit gesagt: &#132;Lassen Sie das nicht zu, mit denen alleine f\u00fchle ich mich einsam.&#148;<\/p>\n<p>In Peggy Parnass&#8216; Berichten sp\u00fcrt man ihre Pr\u00e4senz. Sie berichtet nicht irgendwelche Prozesse, sondern eigene Erlebnisse. Es geht ihr nahe, und deshalb geht sie in den Gerichtssaal. Man sp\u00fcrt in ihrer Beschreibung die Faszination, die die Untaten gegen das Recht oder die Untaten der Gerechtigkeit auf sie aus\u00fcben. Sie ist ein Verfahrensbeteiligter, auch wenn sie es nicht aushalten kann. Die Arroganz der Macht, die ma\u00dfregelnden Richter, die Beschr\u00e4nktheit des Verst\u00e4ndnisses, wenn der Vorsitzende Gewalt aus Zwang und Liebe &#132;f\u00fcr im Grunde verwerflich&#148; nennt oder ein Richter \u00fcber einen Arbeiter, der in der Asphaltfabrik t\u00e4tig ist, den Satz verliert: &#132;Das riecht man&#148;. Oder wenn sie, eingeklemmt zwischen Beamten und Zuschauern, schreibt, stundenlang stehend, konzentriert und sich sch\u00e4mend, weil sie sich nicht traut, den kleinen Zeugentisch zu erobern. Wenn die \u00d6ffentlichkeit sich mit Peggy Parnass im Gerichtssaal befindet, ist kein Angeklagter einsam. Aber von der Einsamkeit der Kenntnis um den wirklichen Konflikt, der sich dort abspielt, hat sie einen Teil zu tragen.<br \/>Peggy Parnass sagt zu ihrer Person: &#132;Bin \u00fcberall zu Hause, bin nirgends zu Hause, akzeptiere keine Grenzen, auch nicht meine eigenen, \u00fcbe alle Berufe aus, die mit Sprache zu tun haben, zur Zeit bin ich am liebsten Schauspieler, Gerichtsreporter und Kolumnist. Mich bewegt, nein sch\u00fcttelt, das Leben st\u00e4ndig. H\u00f6re nie auf, zu staunen und hungrig auf Menschen zu sein.&#148;<br \/>Zwischen Schauspielerin und Kolumnistin ist der Gerichtssaal ein Fremdk\u00f6rper und nur dann zu verstehen, wenn man von den Begriffen Schauspieler und Kolumnist den \u00fcblichen Schick und Anspruch entfernt. Ein anderer dieses Metiers w\u00fcrde sich vielleicht im Kulturbetrieb interessant f\u00fchlen, sich im Feuilleton und Theaterfoyers tummeln und den kritschen Anspruch wie so oft vor sich her tragen und artig gesellschaftliches Bewusstsein reflektieren. Peggy Parnass hat gesp\u00fcrt, &#132;wir gehen heute nicht einfach vor uns hin, sondern unter Polizisten&#148;, ihr Verh\u00e4ltnis zur Realit\u00e4t ist kein distanziertes, immer ein direktes, ohne Umschweife kommt sie auf den Kern, sucht und zeigt sie den wahren gesellschaftlichen Kampf vor den Schranken der Gerichte, sieht das Spiel von Schuld und S\u00fchne, wie Gerhard Mauz es nennt, begreift in scharfen Konturen, woran das System krankt, warum nicht all das, was Fritz Bauer sich w\u00fcnscht, in naher Zukunft erf\u00fcllbar ist:<br \/>Sie hat die Justiz als eine Konservierung des Herrschenden, als Bewahrer der Tradition gesehen. Die Richter in ihrem oft menschlichen Bem\u00fchen, aber in ihrer Abh\u00e4ngigkeit zur Ausbildung, zur Tradition, zur juristischen Fremdsprache erkannt. Das lebensfremde, dogmatische Denken, das auf die Lebendigkeit des kriminellen Alltags prallt. Die Kluft, die sich auftut zwischen der Welt der kleinen und gro\u00dfen S\u00fcnder, abh\u00e4ngig von ihren Zw\u00e4ngen, die nicht in das Schuldsystem passen, gar nicht begriffen werden k\u00f6nnen, und der Welt der begrifflichen Dogmen, der logistischen Turn\u00fcbungen, der unbestimmten Rechtsbegriffe, der Spielregeln, Zeremonien und Roben. Seiten, die sich nicht verstehen k\u00f6nnen, zwei Arten von Hilflosigkeit, die sich gegen\u00fcberstehen, zwei Arten von Schweigen, nur dass die eine Seite alle Macht hat, und die andere keine. &#8211; Sie sieht die Unsicherheit der Autorit\u00e4t und das Aggressive, das daraus erw\u00e4chst. Sie sagt nicht: &#132;Zu Richter Graue f\u00e4llt mir nichts ein&#148;, sie versucht auch hier zu verstehen, setzt sich damit auseinander. &#8211; Sie sieht die Moral hinter der Moral, die Sprache, die sie interessiert, die in Zeiten des Unrechtsstaates zu einer Sprache des Hasses wurde, eines Hasses, dessen Urspr\u00fcnge und Taten und deren Bew\u00e4ltigung zu beobachten sie nicht aufh\u00f6rt. Sie wei\u00df,<br \/>die Schranken zwischen Recht und moralischem Regulativ k\u00f6nnen bei Anheizung eines kollektiven Empfindens, das sich auf seine Gesundheit beruft, in Wegfall geraten. Die Dammregelung kann sich ver\u00e4ndern, wie schnell? wie leicht? &#8211; Sie begreift die Straflust der Gesellschaft, in den Richtern repr\u00e4sentiert, die sich austoben soll an den Beispielen all dessen, was gesellschaftsfeindlich und kriminell ist im Sinn des Gesetzes. Und die sich r\u00e4cht f\u00fcr tausend Verzichte und entschuldigt f\u00fcr die Brutalit\u00e4t des Alltags.<br \/>Es gibt die strafende Gerechtigkeit, auch die ausgleichende. Niemand spricht von der weinenden, der traurigen oder z\u00e4rtlichen Gerechtigkeit. Ist Gerechtigkeit etwas Negatives, Finsteres? Sie ist, so gehandhabt, ein undurchsichtiger Begriff. Man kann ihn nur, wie Peggy Parnass, entlarven, dann wird er menschlich. Wir, nicht nur die, die den Gegenstand ihrer Berichte kennen, w\u00fcnschen, dass sie es weiter macht. Genau so. Aber wir fragen auch, wie h\u00e4lt sie das aus? Eine scheinbar zarte Person, Peggy Parnass gegen Justizia, eine Dame mit einer Feder tritt an gegen die Dame mit dem Schwert. Ein offensichtlich schier aussichtsloser Kampf. Nur darf man eines nicht vergessen: Die Dame mit dem Schwert hat eine Binde vor den Augen. Die Dame mit der Feder sieht klar.<br \/>Dort, wo Peggy Parnass t\u00e4tig ist, herrscht Krieg. Aber dennoch ist der Satz &#132;Wo die Waffen sprechen, schweigen die Musen&#148; ein Unsinn. Die Sprache von Peggy Parnass ist keine Kriegsberichtssprache, sondern h\u00e4ufig emotional, manchmal w\u00fctend, pl\u00f6tzlich poetisch. Denn das ist das Bezeichnende an diesem Krieg: Dass man subjektiv Stellung beziehen muss und doch sachlich sein kann.<br \/>Ein junger Angeklagter wird verurteilt, weil er, h\u00e4sslich, dass kein M\u00e4dchen ihn anschauen wollte, seine Mutter, die er vorher nicht kannte und in die er sich verliebte, beinahe erschlagen h\u00e4tte, um mit ihr schlafen zu k\u00f6nnen. Ergebnis: dreieinhalb Jahre. Peggy Parnass schreibt \u00fcber den Abschied von seiner Mutter: &#132;Wenn Rudi R. Gl\u00fcck hat, kommt er in eine Jugendstrafanstalt aufs Land und hat wieder friedliche Tiere um sich. Frau Erika steckt ihm zum Abschied Zigaretten zu. Nun geht eine unbeschreibliche Wandlung mit R. vor. Als er sich \u00fcber die kleine Frau beugt, sie ganz vorsichtig in die Arme nimmt und ihr unendlich zart das Gesicht k\u00fcsst, wird er vor lauter Liebe wundersch\u00f6n.&#148;<br \/>Sling schreibt, wie er Gerichtsberichterstatter wurde und sagt: &#132;Auf mein seelisches Erleben kommt es an. Eine Objektivit\u00e4t gibt es nicht, weder in der Wissenschaft, noch am Richtertisch. Ich suche im Gerichtssaal die seelischen Beweggr\u00fcnde der auftretenden Personen, der Angeklagten, der Zeugen. Ich kann es auch nicht unversucht lassen, in die Herzen des Staatsanwalts und der Richter zu blicken. Das aufgenommene Bild erzeugt in mir Trauer, Emp\u00f6rung, Furcht, Mitleid, Verachtung, Heiterkeit, Spottlust, Liebe und Hass. Ich kann nicht anders, als das, was ich aufnehme, so weiterzugeben, indem ich mich zum verantwortungsbewussten subjektiven Schaffen bekenne.&#148;Peggy Parnass w\u00fcrde sagen: So ist es.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[850,667],"autoren":[2458],"publikationen":[1303],"class_list":["post-12388","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-verband-fritz-bauer-preis","tag-vorgaenge-artikel","autoren-norbert-kueckelman","publikationen-46-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Laudatio zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises 1980 der Humanistischen Union an Peggy Parnass - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/46-vorgaenge\/publikation\/laudatio-zur-verleihung-des-fritz-bauer-preises-1980-der-humanistischen-union-an-peggy-parnass\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Laudatio zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises 1980 der Humanistischen Union an Peggy Parnass - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Wachsame Augen. 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