{"id":12389,"date":"1970-01-01T13:00:00","date_gmt":"1970-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/lebendige-vergangenheit\/"},"modified":"1970-01-01T12:00:00","modified_gmt":"1970-01-01T11:00:00","slug":"lebendige-vergangenheit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/7-1963\/publikation\/lebendige-vergangenheit\/","title":{"rendered":"Lebendige Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Heft 7\/1963, S. 197 &#8211; 200<\/p>\n<p>Wir sind zusammengekommen, um Anne Franks und ihres 34. Geburtstages zu gedenken. &#132;Meine Schwester Margot&#148;, lesen wir im Tagebuch, &#132;ist im Jahre 1926 in Frankfurt am Main geboren, am 12. Juni 1929 folgte ich&#148;. Das Tagebuch beginnt mit dem 13. Geburtstag. Anne hat das Buch unter ihren Geschenken gefunden. &#132;Dich, mein Tagebuch, sah ich zuerst, und das war sicher das sch\u00f6nste Geschenk&#148;, hei\u00dft es dort. Noch zwei Geburtstage sind im Tagebuch geschildert. Es ist Pfingstzeit. &#132;Von Peter einen sch\u00f6nen Strau\u00df Pfingstrosen&#148;, so hei\u00dft es letztmals am 13. Juni 1944.<\/p>\n<p>Lebte Anne Frank heute, sie, die uns nicht nur ihr Tagebuch, sondern Erz\u00e4hlungen, M\u00e4rchen, ja das Fragment eines Romans hinterlassen hat, und deren gro\u00dfer Wunsch es war, einmal schreiben zu k\u00f6nnen und schreiben zu d\u00fcrfen, so h\u00e4tte ihr, glaube ich, ein Gott gegeben zu sagen, was sie litt und was die anderen litten. Ihr schlagendes Herz h\u00e4tte die Quellen menschlichen Verstehens und Mitleidens zum Flie\u00dfen gebracht und die Steine der Gleichg\u00fcltigkeit, des Vergessens und Verdr\u00e4ngens, die Steine der Ausfl\u00fcchte erweicht. Im Jahre des Ungarn- und des Auschwitzprozesses in Frankfurt w\u00e4re sie ein lebendiger Zeuge des furchtbaren Geschehens gewesen. Frau de Wiek in Apeldoorn\/Holland, die mit Anne in Auschwitz war, bevor Anne vor der heranr\u00fcckenden, befreienden Roten Armee nach Bergen-Belsen geschleppt wurde, berichtet: &#132;Anne war ohne Schutz, bis zuletzt. Ich sehe sie noch an der T\u00fcre stehen und auf die Lagerstra\u00dfe schauen, als sie eine Herde nackter Zigeunerm\u00e4dchen vorbeitrieben zum Krematorium, und Anne sah ihnen nach und weinte. Und sie weinte auch, als wir an den ungarischen Kindern vorbeimarschierten, die schon einen halben Tag nackt im Regen vor den Gaskammern warteten, weil sie noch nicht an der Reihe waren. Und Anne stie\u00df mich an und sagte: sieh doch, ihre Augen . . . Anne weinte&#148;.<\/p>\n<p>Wir gedenken des Geburtstags unserer Gro\u00dfen, nicht ihrer Sterbetage, so auch bei Anne Frank. Sicher ist nicht entscheidend, da\u00df wir Tag und Stunde ihres Todes nicht genau kennen, sondern nur die Zeit des gro\u00dfen Sterbens in Bergen-Belsen. Wir w\u00e4hlen die Geburtstage und z\u00e4hlen sie weiter, als lebten die Menschen und als seien sie noch unter uns.<\/p>\n<p>Lebt Anne Frank heute? Ihr Tagebuch ist allein in der Taschenausgabe in der Bundesrepublik in mehr als 800 000 Exemplaren verkauft worden, Hunderttausende haben Film und Schauspiel gesehen. Leben die B\u00fccher? Kommt, wie der Strahl aus dem Gew\u00f6lke kommt, aus ihren Worten geistig und reif unsere Tat? Folgt der Schrift, wie des Haines dunklem Blatte, die goldne Frucht? Sind Buch, Schauspiel und Film zur moralischen Anstalt geworden, die in Gegenwart und Zukunft wirkt? Ist Anne Frank lebendige Vergangenheit oder ist es der in Holland als NS-Verbrecher verurteilte ehemalige SS-Brigadef\u00fchrer Harster, der noch bis zum 18. April 1963 als Oberregierungsrat in M\u00fcnchen t\u00e4tig war, obwohl er f\u00fcr das Schicksal der Juden in Holland mitverantwortlich gewesen ist? Aus &#132;Gesundheitsgr\u00fcnden&#148; wurde er jetzt pensioniert; er hat seine Vergangenheit nicht einmal verschwiegen; er konnte es auch nicht, steht doch sein Name in den B\u00fcchern \u00fcber die Endl\u00f6sung der Judenfrage. &#132;An t\u00fcchtigen Mitarbeitern&#148;, schreibt beispielsweise Robert Kempner in seinem Eichmann-Buch, um aufs Geratewohl eines herauszugreifen, &#132;fehlte es Eichmann nicht&#148;. Es folgt der Name Harster mit dem Anf\u00fcgen, da\u00df er im Haag zu zw\u00f6lf Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt wurde. &#132;Eichmanns Dienststelle&#148;, f\u00e4hrt Kempner fort, &#132;trieb immer wieder selbst so aktive Au\u00dfenbeamte wie Harster zur schnelleren Arbeit an&#148;. Die Vergangenheit ist lebendig. Anne Frank oder Harster, das ist die Frage. Ein Sowohl-Als-auch ist ausgeschlossen, eine geistige und politische Koexistenz ist nicht praktikabel. Wir in der Bundesrepublik m\u00fcssen w\u00e4hlen, sie oder ihn; beide sind Repr\u00e4sentanten verschiedener Welten, Anne Frank steht f\u00fcr die eine, Harster f\u00fcr die andere, und weitere Harsters brauchen und sollen hier und heute nicht genannt werden.<\/p>\n<p>Wir hier gedenken der Anne Frank. Wieviele sonst? Solange eines Menschen gedacht wird, ist er nicht tot. Auch der lebendige Mensch bedarf des Gedenkens, sonst siecht er dahin und stirbt. Gedenken kann am Leben erhalten oder doch das Sterben oder Erschlagenwerden erleichtern.<\/p>\n<p>Niemand hat das deutlicher gesp\u00fcrt als Anne Frank. Sie erfuhr die Einsamkeit des Menschen, zumal des jungen Menschen, die unser aller Schicksal ist. Sie suchte den anderen, den sie in ihrer getr\u00e4umten Freundin Kitty fand. K\u00e4lter, leerer wurde es im Versteck des Hinterhauses von Amsterdam, aber wenn die Franks, van Daans und sp\u00e4ter noch Herr Dussel die Enge des Verstecks, das fast schon an Sartres H\u00f6lle erinnert, ertrugen, war es &#151; wie ich glaube &#151;, weil eine Nabelschnur sie mit den Niederl\u00e4ndern verband, die ihrer gedachten und ihnen halfen, Miep, Elli, Kraler, Henk, der Gem\u00fcsemann an der Ecke und all die anderen Unbekannten, die auf ihrer Seite standen, ohne die Gefahren f\u00fcr Freiheit, Leib und Leben zu scheuen. Anne Frank berichtet auch von dem Hirtenbrief der holl\u00e4ndischen Bisch\u00f6fe. Sie glaubte nicht, da\u00df er den Juden hilft, aber sie schreibt doch: &#132;Er ist gro\u00dfartig und feuert die Menschen an: Bleibt nicht ruhig, Niederl\u00e4nder. jeder mu\u00df mit seinen Waffen fechten f\u00fcr die Freiheit von Volk, Vaterland und Religion! Helft, gebt, z\u00f6gert nicht!&#148;<\/p>\n<p>Derer, die damals der Verfolgten gedachten und ihnen halfen, sei heute zugleich gedacht und gedankt. Wenn ich von der Macht des Gedenkens rede, das den Tod \u00fcberwinden kann, seien es nicht nur Worte, die vielleicht von des Gedankens Bl\u00e4sse angekr\u00e4nkelt sind. Lassen Sie mich daher ein eigenes Erlebnis berichten. Als 1940 die Gestapo mich in D\u00e4nemark suchte und auf meiner Odyssee durch das Land in dem kleinen Gasthaus einer Provinzstadt fand, brachte mich die d\u00e4nische Polizei auf die Wache. Ich wurde nach dem Namen gefragt, sonst nichts; ich kam in die Zelle, sonst nichts. Ich wurde in das riesige Polizeigeb\u00e4ude Kopenhagens gebracht; ein d\u00e4nischer Staatsanwalt fragte mich nach dem Namen, sonst nichts. Kein Satz, kein Blick des stillen Einverst\u00e4ndnisses. Ich war in der Zelle, ich war des Treibens m\u00fcde. Es wird wohl gegen Mitternacht gewesen sein, als ein unbekannter junger d\u00e4nischer Hilfspolizist die T\u00fcre \u00f6ffnete. &#132;Wollen Sie etwas essen?&#148; &#151;&#132;Nein&#8220; &#8211;&#132;Wollen Sie etwas lesen?&#8220; &#8211; &#132;Nein, danke&#148;. Eine lange, lange Pause trat ein. Er schlo\u00df die Zellent\u00fcr, er kam zu mir, legte wie ein Freund den Arm um mich und sagte: &#132;Ich werde an Sie denken.&#148; Er ging, es war mir zumute wie es Goethes Faust in der Szene, die &#132;Nacht&#148; hei\u00dft, geschah: &#132;Die Tr\u00e4ne quillt, die Erde hat mich wieder&#148;! In Erinnerung an das, was ich selber erlebte, geh\u00f6rt der Eintrag des Norwegers Petter Moen in sein Gef\u00e4ngnisbuch f\u00fcr mich zum Sch\u00f6nsten der Widerstandsliteratur: &#132;10. April 1944. Der Mann von der Wache sprach heute Morgen beim Appell mit mir. Er fragte mich sehr freundlich, wie lange ich hier schon gesessen habe. Es entspann sich ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch &#151; oder richtiger gesagt: er redete lange. Er war kriegsm\u00fcde, glaubte aber, der Krieg werde noch lange dauern. Er betrachtete mich nicht als Verbrecher. Er hatte nur einen einzigen Wunsch: nach Hause zu kommen und in Ruhe arbeiten zu d\u00fcrfen. Ich fragte ihn, ob seine Kameraden dieselben Ansichten h\u00e4tten. Da klopfte er mir auf die Schulter und sagte: , Wir sind Kameraden&#8216;.&#148;<\/p>\n<p>Anne Frank, vision\u00e4r wie sie war, schaute Auschwitz und Bergen-Belsen und f\u00fcrchtete die gro\u00dfe und endg\u00fcltige Verlassenheit des Vernichtungslagers, das ihr bevorstand, wenn das Versteck verraten w\u00fcrde. In einer Novembernacht 1943 tr\u00e4umt sie zwischen Tag und Nacht von ihrer Schulfreundin Lies: &#132;Sie stand vor mir in Lumpen gekleidet, mit eingefallenem mageren Gesicht. Mit gro\u00dfen Augen sah sie mich traurig und vorwurfsvoll an, als wollte sie sagen: ,Anne, warum hast Du mich verlassen? Hilf mir doch! Rette mich aus dieser H\u00f6lle! Sie war mindestens so fromm wie ich, sie wollte immer das Gute. Warum bin ich denn ausersehen zu leben und sie soll vielleicht sterben? Welcher Unterschied war zwischen uns? Warum sind wir nun so voneinander getrennt? Lieber Gott, hilf ihr, da\u00df sie nicht ganz allein ist. La\u00df Du sie wissen, da\u00df ich in Liebe und Mitgef\u00fchl an sie denke. Vielleicht gibt ihr das Kraft, um auszuhalten. . . Ich werde sie nie vergessen. . .&#148;<\/p>\n<p>Anne Frank spricht von sich und Lies. T\u00e4uschen wir uns nicht \u00fcber den Sinn des Tag- und Nachttraums. Er handelt von mehr als nur Anne und Lies. Er handelt auch von der Mitwelt der beiden M\u00e4dchen. Er spiegelt den hei\u00dfen Wunsch der jungen, den Tod f\u00fcrchtenden Anne, die Welt, die Umwelt, nicht zuletzt die deutsche Umwelt m\u00f6ge denken und handeln wie sie im Traum, die Umwelt m\u00f6ge der Erniedrigten und Beleidigten, der M\u00fchseligen und Beladenen in Liebe und Mitgef\u00fchl gedenken und ihnen helfen. Die Lies des Traums ist in Wahrheit auch Anne selbst mit ihrem eingefallenen, mageren Gesicht, mit ihren gro\u00dfen und traurigen Augen, die mit ihren Br\u00fcdern und Schwestern uns vorwurfsvoll fragt: warum? Warum m\u00fcssen wir sterben? Welcher Unterschied ist zwischen uns und euch?<\/p>\n<p>Anne starb einsam in Bergen-Belsen. Renate L. A., die im Lager war, sagt: &#132;Ich glaube bestimmt, da\u00df Anne am Tod ihrer Schwester gestorben ist. Es l\u00e4\u00dft sich schrecklich leicht sterben, wenn man allein im KZ ist.&#148; Sie starben alle allein. Franz Kafka schreibt, wenn K. im &#132;Proze\u00df&#148; hingerichtet wird: &#132;Seine Blicke fielen auf das letzte Stockwerk des an den Steinbruch angrenzenden Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterfl\u00fcgel eines Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und d\u00fcnn in der Ferne und H\u00f6he, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der helfen wollte? War es ein Einzelner? Waren es alle? Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte?&#148; In Bergen-Belsen war nicht einmal ein Mensch am fernen Fenster, denn keiner, so sagt man uns, wu\u00dfte Bescheid. Auch der hohe Beamte, der nahe einer Vernichtungsstelle der Juden das Gold und Silber der Toten z\u00e4hlte und \u00fcber es verf\u00fcgte, wu\u00dfte, so sagt er, von nichts. Anne Frank aber wu\u00dfte genug. Am 9. Oktober 1942 schrieb sie: &#132;Unsere j\u00fcdischen Freunde und Bekannten werden in Mengen weggeholt. Sie werden in Viehwagen geladen und nach dem Judenlager Westerbork gebracht. Westerbork mu\u00df grauenhaft sein. Wenn es hier in Holland schon so schlimm ist, wie furchtbar wird es dort in der Ferne sein, wohin sie verschickt werden? Das englische Radio berichtet von Gaskammern&#8230;&#148; So im Jahre 1942. Und wenn die andern, wie sie beteuern und beschw\u00f6ren, von nichts wu\u00dften, f\u00fcrchteten sie denn, so m\u00fcssen wir fragen, nicht selber die KZs wie die Pest? Sahen sie denn nicht die Synagogen brennen und erlebten sie nicht, wie Urahne, Gro\u00dfmutter, Mutter und Kind, die \u00e4ltesten Greise und die j\u00fcngsten S\u00e4uglinge mit einem kleinen B\u00fcndel in der Hand lebensgef\u00e4hrlich in den Osten abgeschoben wurden? War es wirklich so schwer, der Tr\u00e4gheit der Herzen Widerstand zu leisten und sich wenigstens Gedanken zu machen? Aus Gedanken w\u00e4re vielleicht das Gedenken gekommen.<\/p>\n<p>Anne Frank unterscheidet sich von den M\u00e4nnern und Frauen der Jahre 1933-1945, derer wir sonst gedenken. Vor kurzem erinnerten wir uns des Aufstandes im Getto von Warschau, wir halten die &#132;Wei\u00dfe Rose&#148; in Ehren, die M\u00e4nner des 20. Juli. Sie sind K\u00e4mpfer, die sich gegen das schreiende Unrecht auflehnten. Anne Frank, das kleine M\u00e4dchen, das zum Widerstand nicht geschaffen war, ist Opfer und Symbol aller Millionen und Abermillionen von Menschen aller Rassen, Religionen und Nationen, die als Opfer der Gewalt starben. Anne Frank, die ganz ohne ihr Zutun in die Reihe historischer j\u00fcdischer M\u00e4dchen und Frauen eingehen wird, unterscheidet sich auch von diesen. Die Bibel berichtet von Jael, die Sisra, den Feind ihres Volkes erschlug; Deborah sang ihren Ruhm: &#132;Gesegnet vor Weibern sei Jael, vor den Weihern im Zelt gesegnet!&#148; Judith t\u00f6tete Holofernes; die Literatur und die bildenden K\u00fcnste haben durch die Jahrtausende ihre Befreiungstat verherrlicht. K\u00f6nigin Esther, die j\u00fcdische Frau des Xerxes, rettete die persischen Juden; noch heute wird ihre Tat durch ein j\u00fcdisches Freudenfest gefeiert. Anne Frank dagegen verk\u00f6rpert das Leiden und Erl\u00f6schen.<\/p>\n<p>Annes Schicksal wirft die Frage nach dem Sinn des Opfers auf, f\u00fcr das sie Symbol wurde. Sie vertritt die Verfolgten, die Ungl\u00fccklichen, wo immer sie lebten und leben, litten und leiden, starben und sterben, weil der Staat Unrecht tut oder duldet.<\/p>\n<p>Es geht um das Verh\u00e4ltnis der Menschen und ihrer Institutionen zum b\u00f6sen und schlechten Staat.<\/p>\n<p>Man hat lang in unserer Geschichte in dem duldenden Gehorsam &#151; auch gegen\u00fcber dem ungerechten Staat &#151; einen \u00fcberirdischen Sinn gesehen, denn selig sind, die Verfolgung leiden. Die Kirche hat dabei ihrer M\u00e4rtyrer gedacht. &#132;Seid untertan aller menschlichen Ordnung, es sei dem K\u00f6nig oder den Hauptleuten&#148;, sagt Petrus. &#132;Seid untertan mit aller Furcht den Herren, nicht allein den g\u00fctigen und gelinden, sondern auch den wunderlichen. Denn das ist Gnade, so jemand um des Gewissens willen das \u00dcbel vertr\u00e4gt und leidet das Unrecht.&#148; Auch Hochhuth hat in seinem &#132;Stellvertreter&#148; diese Gedanken erwogen. Er l\u00e4\u00dft den Papst sagen: &#132;Wir sind &#151; Gott wei\u00df es &#151; unschuldig am Blute, das dort vergossen wird. Wie die Blumen des Landes unter der dicken Schneedecke des Winters auf die lauen L\u00fcfte des Fr\u00fchlings warten, m\u00fcssen Juden betend und vertrauend zu harren wissen der Stunde himmlischer Tr\u00f6stungen.&#148;<\/p>\n<p>Ich glaube, es ist eine Folge des furchtbaren Geschehens der Jahre 1933-1945, da\u00df wir uns heute st\u00e4rker als in den vergangenen Jahrhunderten abendl\u00e4ndischer Geschichte selber angesprochen f\u00fchlen. Das millionenfache Leid und Leiden appelliert an den Menschen, an den Mitb\u00fcrger und Mitmenschen; es hat bei allen, die guten Willens sind, die menschlichen Energien im Kampf um das Gute aktiviert. Das Gute im Menschen mu\u00df freigeschaufelt werden, es m\u00fcssen ihm Bedingungen geschaffen werden zu wachsen. \u00dcber der Metaphysik darf das Ethos, \u00fcber dem Glauben darf die Liebe nicht vergessen werden. Anne Frank hat sich an manchen Stellen ihres Tagebuchs mit dem Sinn j\u00fcdischen Lebens und Leidens besch\u00e4ftigt. &#132;Vielleicht&#148;, so schreibt sie einmal, &#132;wird es der j\u00fcdische Glaube sein, durch den die Welt und alle V\u00f6lker das Gute lernen&#148;. Was ist ihr j\u00fcdischer Glaube? Ich meine, sie hat ohne viel Theologie ihren Glauben, die j\u00fcdische Geschichte und ihren Sinn gut verstanden, wenn sie f\u00fcr sich die Folgerung zieht: &#132;Ich werde in der Welt und f\u00fcr die Menschen arbeiten!&#148; Sie denkt an die Heilung der Erde und ihrer Bewohner.<\/p>\n<p>Die Propheten des Alten Testaments sind mit den Herren der Welt, den K\u00f6nigen, den \u00c4ltesten und Gro\u00dfen, die &#132;das Recht verabscheuen und alles Gerade krumm machen, die das Haus ohne Gerechtigkeit und seine hohen Gem\u00e4cher ohne Recht bauen&#148;, streng ins Gericht gegangen. Wir danken Papst Johannes dem XXIII., da\u00df er in seiner letzten Osterenzyclica &#132;Pacem in terris&#148; zum Unrechtsstaat &#151; so, da\u00df es geh\u00f6rt und verstanden werden kann &#151; Stellung nahm. &#132;Wenn die Staatslenker&#148;, so lesen wir, &#132;gegen Gottes Willen Gesetze erlassen, wird die Autorit\u00e4t ganz hinf\u00e4llig und zum Mi\u00dfbrauch der Gewalt. Das ungerechte Gesetz hat nicht die Beschaffenheit eines Gesetzes, sondern die einer Gewaltt\u00e4tigkeit. Wenn Staatsbeh\u00f6rden die Rechte der Menschen nicht anerkennen oder sie verletzen, verlieren ihre Anordnungen jede rechtliche Verpflichtung.&#148; Damit wird der Gedanke abgelehnt, Gesetz sei Gesetz, und Befehl sei Befehl. Die Worte bedeuten ein eindeutiges Nein gegen\u00fcber allen Arten von N\u00fcrnberger Gesetzen, allen Arten von Polenstrafrechtsverordnungen und allen Arten von Verletzungen menschlicher W\u00fcrde, Gleichheit und Freiheit. Wir danken auch dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, da\u00df er &#151; gleichzeitig mit dem letzten Papst &#151; sich an die Jugend und die \u00e4ltere Generation in Deutschland mit den Worten wandte: &#132;Wir bitten alle jungen Menschen, sich bewu\u00dft zu machen, da\u00df es in der kritischen Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit nicht nur um Vergangenes geht, sondern um die Wiederherstellung tragf\u00e4higer Fundamente f\u00fcr den Neubau unseres ganzen deutschen Lebens.&#148; Der \u00e4lteren Generation sagt der Rat der evangelischen Kirche: &#132;Wir sind jetzt noch einmal gefragt, ob wir das Ausma\u00df der in nationalsozialistischer Zeit von deutschen Menschen mit staatlichen Gewaltmitteln geplanten, befohlenen und unbeschreiblich grausam ausgef\u00fchrten Massenverbrechen endlich zur Kenntnis nehmen und uns dieser Vergangenheit stellen wollen, statt die Erinnerung daran zu verdr\u00e4ngen und jede Mitverantwortung daf\u00fcr zu leugnen. Begangenes Unrecht kommt nicht dadurch zur Ruhe, da\u00df man es totschweigt, und nur Unverstand kann von Beschmutzung des eigenen Nestes reden, wo es in Wahrheit darum geht, ein schwer beschmutztes Nest zu s\u00e4ubern.&#148;<\/p>\n<p>In einer Zeit, in der Rassenk\u00e4mpfe in S\u00fcdafrika und in den S\u00fcdstaaten Nordamerikas wieder uns bewegen und erregen, erinnern wir uns, da\u00df alle Menschen nach dem Bilde Gottes geschaffen sind, da\u00df alle V\u00f6lker und Rassen gleich nahe zu Gott und seine Gedanken sind. Sie alle sind wie Du. Die Menschen, wo immer sie sind, erleben dieselben Freuden und dieselbe Trauer, sie weinen und lachen in gleicher Weise. Die Eltern lieben ihre Kinder, und die Kinder suchen den Schutz von Vater und Mutter; die Kinder spielen, an welchen Kontinent, an welches Land, an welche Klasse wir auch immer denken, in Nord und S\u00fcd, in West und Ost den gleichen Ringelreihen. Anne Frank hat gerade dies den Menschen deutlich gemacht.<\/p>\n<p>Leo Baeck hat in seinem Buch \u00fcber &#132;Das Wesen des Judentums&#148; das hebr\u00e4ische Wort &#132;Zedakah&#148; in den Mittelpunkt gestellt. Es bezeichnet unser Wohltun; es ist das, was dem N\u00e4chsten geb\u00fchrt, und mit dessen Erf\u00fcllung wir nur das getan haben, was die Pflicht gegen ihn immer wieder von uns verlangt. Der Gedanke von dem einen Gott und von dem einen Menschengeschlecht und dem einen bleibenden Menschenrecht hat diesen Begriff gebildet. Die Idee, da\u00df Gott Recht und Gerechtigkeit auf Erden fordert und sie den Menschen zur Daseinsaufgabe setzt, hat sich, wie Leo Baeck schreibt, langehin nur in der beschr\u00e4nkten Form der Duldung, der Toleranz, diesem Zwitter von Gerechtigkeit und Almosen entwickeln k\u00f6nnen. Gerechtigkeit meint aber innere Anerkennung des Anderen. Genau dasselbe dachte Goethe, der gr\u00f6\u00dfte Sohn unserer Stadt. In seinen &#132;Maximen und Reflexionen&#148; lesen wir: &#132;Toleranz sollte eigentlich nur eine vor\u00fcbergehende Gesinnung sein: sie mu\u00df zur Anerkennung f\u00fchren. Dulden hei\u00dft beleidigen.&#148;<\/p>\n<p>Lassen Sie mich mit dem sch\u00f6nen Wort Jewtuschenkos schlie\u00dfen:<\/p>\n<p>Mir scheint,<br \/>die kleine Anne Frank bin ich,<br \/>so zart,<br \/>wie Zweiglein im Aprilwind wehn.<\/p>\n<p>Ich liebe.<br \/>Und ich brauche Phrasen nicht.<br \/>Ich brauch nur eins:<br \/>da\u00df wir einander sehn.<br \/>Wie wenig Sicht und Duft<br \/>verbleibt uns Armen!<\/p>\n<p>Das Laub, den Himmel<br \/>sperrt die Feindes Brut<br \/>und doch, wieviel man kann:<br \/>es tut so gut,<br \/>im dunklen Raum einander zu umarmen. <br \/>Sie kommen her?<br \/>F\u00fcrcht nichts, es ist das Gellen<br \/>des Fr\u00fchlings selber &#151;<br \/>der kommt hier herein.<\/p>\n<p>Komm du zu mir<br \/>gib deine Lippen schneller.<br \/>Sie haun die T\u00fcr ein?<br \/>Nein, das Eis bricht ein&#8230;<\/p>\n<p>Jewtuschenko denkt an Anne und Peter, deren Liebe alles Eis zum Schmelzen bringt. Das Eis bricht, es wird Fr\u00fchling, die B\u00e4ume bl\u00fchen, wir warten auf die Fr\u00fcchte des Herbstes, auf ein menschliches Du und Ich, auf ein allverbindendes Wir.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[633],"publikationen":[1418],"class_list":["post-12389","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-fritz-bauer","publikationen-7-1963"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Lebendige Vergangenheit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/7-1963\/publikation\/lebendige-vergangenheit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Lebendige Vergangenheit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Heft 7\/1963, S. 197 &#8211; 200 Wir sind zusammengekommen, um Anne Franks und ihres 34. 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