{"id":12413,"date":"1997-06-30T06:30:00","date_gmt":"1997-06-30T04:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/marktwirtschaft-als-anomie\/"},"modified":"1997-06-30T12:00:00","modified_gmt":"1997-06-30T10:00:00","slug":"marktwirtschaft-als-anomie","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-138\/publikation\/marktwirtschaft-als-anomie\/","title":{"rendered":"Marktwirtschaft als Anomie"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 138 (Heft 2\/1997), S. 99-101<\/p>\n<p>Versuche, die Vergangenheit biographisch aufzuhellen, gelten seit l\u00e4ngerem als altbacken. W\u00e4hrend das Publikum nach einer Personalisierung der Zeitl\u00e4ufte hungert, widmen sich die Historiker vorzugsweise anonymen Bewegkr\u00e4ften. Solche &#8222;Orientierung auf \u00fcberindividuelle Strukturen&#8220;, erl\u00e4utert der L\u00fcneburger Kulturhistoriker<\/p>\n<p><i>Claus-Dieter Krohn<\/i>: Der philosophische \u00d6konom. Zur intellektuellen Biographie Adolph Lowes; Marburg (Metropolis Vlg.) 1996; 239 S., DM 36,80,<\/p>\n<p>werde inzwischen allerdings relativiert durch das Bem\u00fchen, &#8222;den Menschen wieder in den Analyserahmen der Geschichte zur\u00fcckzuholen&#8220;.<\/p>\n<p>Dieser Rechtfertigung seines Buches h\u00e4tte es nicht bedurft. Denn die von Krohn vertretene Exilforschung war gedacht als Arche Noah f\u00fcr jene 1933 verlorengegangene Fl\u00fcchtlingsgeneration mitsamt ihren geistigen Leistungen. Auch die vorliegende Arbeit \u00fcber den 1893 in Stuttgart geborenen Sozialwissenschaftler Adolf L\u00f6we oder Lowe, wie er sp\u00e4ter im Exil hie\u00df, da englische Schreibmaschinen ohne Umlaut sind, konkretisiert ein Einzelschicksal. Die individualisierende Vorgehensweise lag in diesem Erkenntnisfeld nahe, weil erst einmal zu sichten war, wer alles aus den Zeiten der Weimarer Republik vertrieben wurde. Es klingt daher etwas spr\u00f6de, wenn Lowes Werdegang als &#8222;exemplarisches Segment eines spezifischen Lebensbereichs&#8220; behandelt werden soll.<\/p>\n<p>Erfreulicherweise h\u00e4lt sich Krohn keineswegs an diese Vorgabe. Vielmehr hat er ein aufschlu\u00dfreiches, Lebensweg und Theorieproduktion seines Zeitzeugen gleicherma\u00dfen ber\u00fccksichtigendes Entwicklungspanorama verfa\u00dft. Zwar kommt das Anekdotische etwas zu kurz. Wir erfahren wenig \u00fcber den Alltag von Adolph Lowe. Daf\u00fcr um so mehr \u00fcber den &#8222;labyrinthisch irren Lauf&#8220; der Zeitgenossenschaft jener Wissenschaftlergeneration, die nach der &#8222;Machtergreifung&#8220; \u00fcber Nacht aus Deutschland ausgegrenzt wurde.<\/p>\n<p>Lowe wich der Existenzbedrohung auf dem Umweg \u00fcber Manchester in die USA aus. Seit Anfang der 40er Jahre lehrte er mit gro\u00dfem Erfolg an der &#8222;New School for Social Research&#8220; in New York. Erst in den 80er Jahren siedelte er als Witwer aus einem Altersheim in der Bronx zu seiner Tochter und damit wieder nach Deutschland \u00fcber. Dort ist er 1995, im biblischen Alter von 102 Jahren, in Wolfenb\u00fcttel gestorben. Bis zuletzt war Lowe, der seine einflu\u00dfreichsten Schriften ohnehin erst im Alter von 77 beziehungsweise 85 Jahren verfa\u00dfte, bei wachem Verstand.<\/p>\n<p>Davon zeugt noch sein letztes Buch. Es zieht die Quersumme seiner gesellschaftswissenschaftlichen Ansichten \u00fcber die sozial\u00f6konomische Verlaufsdynamik und &#8211; vor allem -ihre politische Beherrschbarkeit. Unter dem Titel &#8222;Hat Freiheit eine Zukunft?&#8220; (1988, dt. 1990) besch\u00e4ftigt sich Lowe mit der zunehmenden Regellosigkeit in einer selbstl\u00e4ufig wirkenden Marktmoderne. Wie ist Gemeinschaftsethik m\u00f6glich, wenn der rasende Sozialwandel alle Strukturen in Bewegung h\u00e4lt, wenn zudem Verl\u00e4\u00dflichkeit und Zuwendungen in der Alltagssozialisation schwinden und durchg\u00e4ngig akzeptierte Ordnungskonzepte fehlen?<\/p>\n<p>In den 80er Jahren wurde der R\u00fcckkehrer hochgeehrt. Eine Schar j\u00fcngerer \u00d6konomen bem\u00fchte sich um den Gebrauchswert seiner &#8222;Instrumentalanalyse&#8220;. Sie wollte das Fach von einer eher finalen, auf vorgebliche Gleichgewichtszust\u00e4nde festgelegten Sichtweise \u00f6konomischer Prozesse l\u00f6sen. Ziel war ein modales Verst\u00e4ndnis der tats\u00e4chlichen Marktwelt, um die sperrigen Gegebenheiten des t\u00e4glichen Konkurrenzkampfes im Blick zu behalten. Nach der Rede des Bundespr\u00e4sidenten 1985 \u00fcber Berlins Kriegsschuld, in der Richard von Weizs\u00e4cker hervorgehoben hatte, da\u00df die Deutschen durch alliierte Truppen von ihrem Joch befreit worden waren, lebte Lowe mit seinem Geburtsland wieder auf vertrauterem Fu\u00df. Laut Krohn blieb ihm einzig die Anerkennung durch seine fr\u00fchere Wirkungsst\u00e4tte versagt. Aus wissenschaftspolitischen Gr\u00fcnden mochte das &#8222;Institut f\u00fcr Weltwirtschaft&#8220; in Kiel seine Verdienste nicht w\u00fcrdigen, obschon Lowe dort bis 1931 eine auch international beachtete realistische Konjunkturtheorie ausgearbeitet hatte. Vielleicht wirkte seine Infragestellung der Selbstregulierung der Marktkr\u00e4fte noch immer unzeitgem\u00e4\u00df? Oder schon wieder?<\/p>\n<p>Krohn skizziert die intellektuelle Profilierung eines erfolgreichen Sozial\u00f6konomen, der gleichwohl Au\u00dfenseiter seines Faches blieb. Dank seiner praxisnahen und folgenbezogenen Erkenntnisse \u00fcber die sozialen Effekte des Wirtschaftens grenzte Lowe sich fr\u00fchzeitig ab von der &#8222;Schreibtischlehre&#8220; einer Amts\u00f6konomie, die seit l\u00e4ngerem den Kontakt zur gelebten Wirklichkeit verloren hatte und auf ihre Abstraktionen auch noch stolz war. Ihre Modellrechnungen fielen immer komplexer aus, was bis heute das Nobel-Kommitee zu beeindrucken pflegt, wohingegen eine ungleich wirklichkeitskompetentere Schule wie der &#8222;Ordoliberalismus&#8220; mit seinem Konzept der &#8222;sozialen Marktwirtschaft&#8220; bei der Preisverleihung leer ausgegangen ist. Zudem sah sich von der j\u00fcngeren &#8222;Neoklassik&#8220; ein Wissenschaftsverst\u00e4ndnis vertreten, das laut Lowe zugunsten innerer Stimmigkeit an epistemologischem Reiz verlor, wenn man denn \u00fcberhaupt weiter beanspruchte, eine Erfahrungswissenschaft sein zu wollen.<\/p>\n<p>&#8222;Erfahrungsn\u00e4he&#8220; &#8211; das ist hingegen das Leitthema, unter das sich das Gesamtwerk Lowes stellen l\u00e4\u00dft. Der studierte Jurist, der 1931 als Nachfolger von Carl Gr\u00fcnberg an die Universit\u00e4t in Frankfurt am Main berufen wurde, besch\u00e4ftigte sich seit seiner ersten Buchver\u00f6ffentlichung \u00fcber &#8222;Arbeitslosigkeit und Kriminalit\u00e4t&#8220; (1914) mit Anwendungsfragen von Wissenschaft. In mehreren bildungstheoretischen Schriften verwarf er enges Spezialistentum und pl\u00e4dierte f\u00fcr eine &#8222;Kooperation der Sozialwissenschaften&#8220;, deren Auftrag er in &#8222;Economics and Sociology&#8220; (1935) begr\u00fcndete. Vor allem beklagte Lowe die umsichgreifende Realit\u00e4tsflucht der Wirtschafts- und Gesellschaftslehren. Unter dem Titel &#8222;On Economic Knowledge&#8220; (1965) vertrat er eine &#8222;science of political economics&#8220;, die im Sinne eines der Wohlfahrtsstaatlichkeit verpflichteten Politikverst\u00e4ndnisses auch die Theorie des Sozialen auf gesellschaftliche Integration- und Steuerungsaufgaben zuschneiden wollte.<\/p>\n<p>Diese Bodenhaftung seiner Analysen hatte nicht nur damit zu tun, da\u00df Lowe seine berufliche Karriere in der Verwaltung begonnen hatte. Ihn bedr\u00e4ngte bald die massenp\u00e4dagogische Frage, wieviel Bindungsbereitschaft die Freiheit ben\u00f6tigt, wor\u00fcber er im Exil eine Grundlagenschrift (Spontaner Kollektivismus, 1936) verfa\u00dfte, die sich bei Krohn abgedruckt findet. \u00dcberdies sahen sich seine \u00dcberlegungen mit dem Wahnwitz der Epoche konfrontiert, der allen Regelungskonzepten zuwiderlief, von denen \u00d6konomie oder Soziologie in ihren Lehrb\u00fcchern sprachen. Die Wirtschaftsentwicklung wollte sich nicht nach theorieunterf\u00fctterten Schemata richten. Lag es da nicht nahe, die akademische Produktivkraft auf konkrete Bed\u00fcrfnisse hinzuweisen? Mit Blick auf die Unterminierung unserer Verh\u00e4ltnisse durch Arbeitslosigkeit, Desorientierung oder auch Anomie scheint diese Erwartung an die Wissenschaften kein absurdes Ansinnen zu sein, jedenfalls nicht im interaktiven Bereich der Kultur- und Sozialtheorien. Nicht zuletzt deswegen, arbeitet Krohn heraus, weil Lowe fr\u00fchzeitig hat kommen sehen, da\u00df die Verwilderung der Zeitl\u00e4ufte politische Risiken birgt als Folge von Massenarmut und Hoffnungslosigkeit. Die Geschichte wiederholt sich zwar nicht. Aber es wird nirgendwo verbrieft, da\u00df die Menschen die Verd\u00fcsterung ihrer Lebensperspektive klaglos hinnehmen. Und wenn die zur Information der Zeitl\u00e4ufte eingerichteten Disziplinen keine Erkl\u00e4rungen bereitstellen, wie der Fehlversorgung und Regellosigkeit zu begegnen sei, weil sie mehr auf die Anerkennung durch ihre <i>peer group <\/i>schielen als da\u00df sie das Gl\u00e4tten gesellschaftspolitischer Wogen im Sinne h\u00e4tten, dann werden eben minder geistreiche Kr\u00e4fte der Mitwelt zurufen, wie es weitergehen soll.<\/p>\n<p>Eine Lehre l\u00e4\u00dft sich aus jener Umbruchs-zeit in den sp\u00e4ten 20er Jahren ziehen, als Adolph Lowe dem \u00f6konomisch bef\u00f6rderten Abmarsch der Epoche in die politische Panik mit dem Konzept einer aktiven Konjunkturpolitik entgegentreten wollte: Die Sozialbeziehungen ertragen auf Dauer kein Chaos in der Lebenswelt, diese Erfahrung ist weiterhin von Belang.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2463],"publikationen":[1045],"class_list":["post-12413","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-papcke","publikationen-vorg-138"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Marktwirtschaft als Anomie - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-138\/publikation\/marktwirtschaft-als-anomie\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Marktwirtschaft als Anomie - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Nr. 138 (Heft 2\/1997), S. 99-101 Versuche, die Vergangenheit biographisch aufzuhellen, gelten seit l\u00e4ngerem als altbacken. 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