{"id":12425,"date":"1992-02-04T22:00:00","date_gmt":"1992-02-04T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/mitten-in-deutschland\/"},"modified":"1992-02-04T12:00:00","modified_gmt":"1992-02-04T11:00:00","slug":"mitten-in-deutschland","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/115-vorgaenge\/publikation\/mitten-in-deutschland\/","title":{"rendered":"Mitten in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 115, Heft 1\/1992, S. 8-11<\/p>\n<p>Schon der erste Eindruck nimmt f\u00fcr Ilona Rothe aus Erfurt, Vorsitzende der Vereins der &#132;DDR&#148; Zwangsausgesiedelten, ein. Ein lebhafter Geist, ein freundliches Gesicht, ein dunkles, artiges Kleid mit Spitzenkragen erwecken die Vorfreude auf ein angenehmes Gespr\u00e4ch, auf Konversation. Doch schnell ger\u00e4t Ilona Rothe an den Rand ihrer psychischen Kr\u00e4fte, und auch dem Zuh\u00f6rer stockt der Atem. Es kann nicht sein, dass Menschen dergleichen anderen Menschen angetan haben, m\u00f6chte man immer wieder ihren Bericht unterbrechen.<\/p>\n<p>Frau Rothe berichtet von den Zwangsaussiedlungen aus dem f\u00fcnf Kilometer breiten Grenzstreifen an der Grenze der DDR zur BRD am 5.16. Juni 1952 und am 3.10.1961. Dieser Grenzstreifen und die Tatsache, dass er nur von den dort Wohnhaften mit einem Sonderausweis betreten werden durfte, war bekannt. Weitgehend unbekannt aber ist die Brutalit\u00e4t, mit der dieser Streifen von &#132;unzuverl\u00e4ssigen Elementen&#148; &#151; man sch\u00e4tzt ihre Zahl auf 50000 &#151; in zwei gro\u00dfen Aktionen und in Einzelf\u00e4llen mindestens bis zum Jahre 1986 gereinigt worden war.<\/p>\n<p>Heimlich waren die Grenzbewohner ausgeforscht und die &#132;unzuverl\u00e4ssigen&#148; Familien selektiert worden. Aus den Akten der Volkspolizei:<\/p>\n<p><i>&#132;Zusammenfassend muss gesagt werden, dass die o. g. Familie ein Unsicherheitsfaktor im Grenzgebiet Frankenheim darstellt. Die ungeordnetenfamili\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse, der \u00fcberm\u00e4\u00dfige Genuss von Alkohol k\u00f6nnen st\u00e4ndig Ausl\u00f6sebedingungen f\u00fcr Angriffe auf die Staatsgrenze der DDR darstellen.&#148;<\/i><\/p>\n<p><i>&#132;Es besteht die M\u00f6glichkeit, dass er unkontrolliert Personen nach Frankenheim hineinschleust.&#148;<\/i><\/p>\n<p><i>&#132;Die Familie unterh\u00e4lt st\u00e4ndig Kontakt zu ihren Verwandten in der BRD. Diese Personen reisten wiederholt nach K. ein. Die gesamte Entwicklung der Familie hat besonders in letzter Zeit zu Situationen gef\u00fchrt, die die Ordnung und Sicherheit in E, besonders die Grenzsicherheit, gef\u00e4hrden.&#148;<\/i><\/p>\n<p><i>&#132;In der gesamten Familie wird vorrangig das Programm des Fernsehens der BRD gesehen.&#148; &#132;Die \u00fcbrigen Kinder sind Sch\u00fcler POS und zeigen eine schlechte Einstellung zum Lernen.&#148;<\/i><\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich r\u00fcckten in den fr\u00fchen Morgenstunden zwischen vier und f\u00fcnf Uhr, der Stunde der Diktatoren, die Kommandos der Polizei und der Grenztruppen an. Aus den Berichten Betroffener:<\/p>\n<p><i>&#132;Ich war gerade aufgestanden und wollte das Vieh f\u00fcttern. Die Hunde bellten. ,Wenn Sie nicht sofort die Hunde wegnehmen, erschie\u00dfen wir sie.&#8216; Ich wollte jedenfalls noch das Vieh f\u00fcttern. Das durfte ich nicht. Als ich auf die Eintagsk\u00fcken hinwies, ergriff ein kleiner Kerl, kaum gr\u00f6\u00dfer als seine Kalaschnikow, den Pappkarton, drehte ihn um und zertrampelte die Eintagsk\u00fcken. Von unseren Kindern war das eine krank, die \u00c4rztin war bei ihm. Als die \u00c4rztin deshalb die Umsiedlung verhindern wollte, wurde ihr gedroht, auch sie werde zwangsumgesiedelt, wenn sie nicht ruhig sei. So mussten wir das kranke Kind zur\u00fccklassen. Die \u00c4rztin hat wenig sp\u00e4ter das Kind heimlich aus dem Haus geholt und aufgezogen. Wir wussten lange nicht, wo es war.&#148;<\/i><\/p>\n<p><i>&#132;Am S. Juni 1952 gegen 5 Uhr fr\u00fch kam eine LKW Kolonne, jeder LKW mit ca. 10 Gehilfen, in unser Dorf. Ein Aufgebot von Polizei riegelte die Stra\u00dfen ab. Die betroffenen 13 Familien wurden von der Polizei aus den Betten geholt und zur B\u00fcrgermeisterei geschleppt. Dort wurde ihnen mitgeteilt, dass sie als Gegner des Regimes betrachtet w\u00fcrden und das Grenzgebiet sofort zu verlassen h\u00e4tten. Sie wurden in Grimmenthal in Waggons geladen, wo noch der Mist in den Ecken lag. Herzzerrei\u00dfende Szenen spielten sich ab, denn wir dachten alle, es ginge nach Russland.&#148;<\/i><\/p>\n<p><i>&#132;Was sich hier auf dem Bahngel\u00e4nde abspielte, war ein Bild wie beim Ausbruch eines Krieges. Und das in der Heimat, wo t\u00e4glich so viel von Frieden gesprochen und geschrieben wird, besonders von denen, die so mit uns umgehen. Alte gebrechliche Menschen schleppten sich durch das Gew\u00fchl auf das Bahngel\u00e4nde. Dazwischen jammernde M\u00fctter, die wehrlos Alles hinnehmen mussten, dazu noch die Tatsache aus der Heimat vertrieben.&#148;<\/i><\/p>\n<p><i>&#132;Keiner wusste warum &#151; keiner wusste wohin. Nach 4-6 Stunden bewegten sich die Fahrzeuge aus dem Dorf zum Bahnhof nach Grimmenthal. Auf dieser Fahrt, ich sa\u00df neben dem Fahrer des LKW erz\u00e4hlte er mir voller Zorn und Emp\u00f6rung: ,Was heute hier geschieht ist furchtbar. Uns Kraftfahrer, welche alle aus dem Th\u00fcringer Raum zusammengezogen wurden, hat man wider unseren Willen dazu kommandiert. Wir mussten gestern am Sp\u00e4tnachmittag in Meinigen sein. Nach Stunden wurden wir belehrt durch die Landr\u00e4tin, sie haben den Auftrag, morgenfr\u00fch in den Grenzd\u00f6rfern Familien zu transportieren. Es handelt sich um Schieber, Saboteure, Betriebsleiter, die aus B\u00f6swilligkeiten ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, Sittlichkeitsverbrecher usw. Nun fahrt hin, und holt diese Lumpen.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Und aus der Sicht der Volkspolizei:<\/p>\n<p>&#132;5:50 Der Einsatzleiter des HO Kreisbetriebes Heiligenstadt konnte die \u00fcbertragenen Aufgaben nicht durchf\u00fchren, da er sich betrunken hat.<\/p>\n<p>8:12 Einsatzstab Worbis meldet: Aktion l\u00e4uft, wie geplant. 13 klare F\u00e4lle, 1 Festnahme, 1 Fall passiven Widerstand, wird durch Agitatoreneinsatz gekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>10:10 Im Bezirk Suhl gibt es verschiedentlich bei der Umsiedlung Widerstand. Zentrum ist Geismar.<\/p>\n<p>10:20 In G\u00fcnterode weigert sich eine Person. In Mackenrode droht eine Frau mit Selbstmord. Im westlichen Vorfeld keine Ma\u00dfnahmen des Gegners sichtbar.<\/p>\n<p>12:45 In Paulungen wollten die werkt\u00e4tigen Frauen der Strumpfwarenfabrik streiken. Der Einsatz von Agitatoren verhinderte das. Die Kampfgruppen von Katarinenberg gaben eine Verpflichtung ab, keine Westsender mehr zu h\u00f6ren und zu sehen und die Befehle der Partei auszuf\u00fchren.&#148;<\/p>\n<p>Ein Urteil des I. Strafsenats des Bezirksgerichts Suhl: Acht Jahre Zuchthaus wegen Verbrechens nach Art. 6 Abs.2 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik.<\/p>\n<p>Aus den Gr\u00fcnden:<\/p>\n<p><i>&#132;Der Angeklagte B. war Landwirt .. ist zu 70 % schwerbesch\u00e4digt (rechter Arm amputiert). Er hat sechs Kinder.<\/i><\/p>\n<p><i>Dieser lie\u00df sich auf nichts ein und schimpfte: ,Volkspolizisten zieht die R\u00f6cke aus, werft die Waffen weg. Ihr seid ja schlimmer, als die Amerikaner.; forderte die Bewohner auf, den Ma\u00dfnahmen unserer Volkspolizei Widerstand entgegenzusetzen. Auch B. beteiligte sich am Barrikadenbau.&#148;<\/i><\/p>\n<p>Aus einer ADN Meldung vom 18.6.1952, zwei Wochen nach der ersten Zwangsaussiedlung:<\/p>\n<p><i>&#132;Berlin (ADN) &#8230; In der letzten Zeit werden jedoch durch feindliche Elemente verleumderische Ger\u00fcchte in Umlauf gesetzt, wonach aus den Ortschaften, die in dem F\u00fcnf- Kilometer-Streifen an der Demarkationslinie liegen, eine Massenaussiedlung von Einwohnern durchgef\u00fchrt werden soll. Die Haltlosigkeit und der feindselige Charakter dieser Ger\u00fcchte sind offensichtlich. Wie aus wohlunterrichteten Kreisen verlautet, sind keinerlei Aussiedlungen aus den Ortschaften, die im F\u00fcnf-Kilometer G\u00fcrtel oder in dem 500 Meter Streifen an der Demarkationslinie liegen, vorgesehen.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Vergangenes Unrecht, l\u00e4ngst wiedergutgemacht? Nat\u00fcrlich nicht!<\/p>\n<p>Aus eine Bescheid des Ministerrats der Deutschen Demokratischen Republik &#151; Zentrales Kriminalamt &#151; vom 9.4.1990 (!):<\/p>\n<p><i>&#132;Die Einsichtnahme in ehemalige Festlegungen ergab, dass der Beschluss des Ministerrats der DDR&#8230; zu diesem Zeitpunkt geltendes Recht war. Zur Durchsetzung dieses Beschlusses wurde der damalige Minister des Inneren und Chef der DVP, Friedrich Dickel, durch den Ministerrat beauftragt&#8230; Die \u00dcberpr\u00fcfung Ihrer Anzeige ergab, dass ein dringender Tatverdacht der Verletzung von Strafgesetzen der DDR nicht gegeben ist. Gepr\u00fcft wurden die \u00a7\u00a7 91 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit), 129 (N\u00f6tigung) und 244 (Rechtsbeugung) des Strafgesetzbuches der DDR. Insofern kann in Anbetracht der Umst\u00e4nde auch kein individueller strafrechtlicher Schuldvorwurf gegen Herrn Friedrich Dickel erhoben werden.&#148;<\/i><\/p>\n<p>Bundesjustizminister Kinkel l\u00e4sst pr\u00fcfen . . . , schickt eine Gruppe von Ministerialbeamten zu Ilona Rothe. Frau Rothe legt ihnen ihre Unterlagen vor. Als sie nach einer Stunde zur\u00fcckkehrt &#8230; was haben sie in der Stunde gemacht? &#8230; sie haben gez\u00e4hlt! &#132;Sie hatten uns gesagt, es seien 1000 Vorg\u00e4nge, es sind jedoch nur 600!&#148;<\/p>\n<p>Frau Rothe versagt die Stimme.<\/p>\n<p>In ihrem Beruf als Lehrerin (Deutsch und Russisch) arbeitet Frau Rothe nicht ohne Schwierigkeiten; sie konzentriere sich nicht gen\u00fcgend auf ihre Aufgaben in der Schule, lautet der Vorwurf von Kollegen, die sich vor der Wende anderweitig konzentriert hatten. Ilona Rothe wird sich auch weiterhin f\u00fcr die Zwangsausgesiedelten einsetzen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[222],"publikationen":[1247],"class_list":["post-12425","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ulrich-vultejus","publikationen-115-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Mitten in Deutschland - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/115-vorgaenge\/publikation\/mitten-in-deutschland\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Mitten in Deutschland - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Nr. 115, Heft 1\/1992, S. 8-11 Schon der erste Eindruck nimmt f\u00fcr Ilona Rothe aus Erfurt, Vorsitzende der Vereins der &#132;DDR&#148; Zwangsausgesiedelten, ein. 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