{"id":12446,"date":"1970-01-01T10:00:00","date_gmt":"1970-01-01T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/notstand-der-sprache\/"},"modified":"1970-01-01T12:00:00","modified_gmt":"1970-01-01T11:00:00","slug":"notstand-der-sprache","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/10-1965\/publikation\/notstand-der-sprache\/","title":{"rendered":"Notstand der Sprache"},"content":{"rendered":"<p>Der Jargon der Parteien im Streit um die &#8222;Saubere Leinwand&#8220;<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge Heft 10\/1965, S. 439-441<\/p>\n<p>(<i>vg<\/i>) <i>Der nachfolgende Kommentar von Klaus Kreimeier wurde von dem Informationsdienst &#132;Kirche und Films&#8220;, einem von Dr. Focko L\u00fcpsen, Bethel bei Bielefeld, herausgegebenen evangelischen Sonderdienst \u00fcber Filmfragen des Evangelischen Pressedienstes (epd) ver\u00f6ffentlicht.<\/i><\/p>\n<p>Es scheint, als lege sich der Staub, den die Streitgespr\u00e4che \u00fcber die &#132;Aktionen&#8220; &#132;Saubere Leinwand&#8220; und &#132;Sorge um Deutschland&#8220; aufgewirbelt haben. Dies mag der angemessene Zeitpunkt f\u00fcr eine r\u00fcckschauende Analyse sein, die den Versuch macht, sich dem Kern der Sache mit sprachkritischen Kriterien zu n\u00e4hern.<\/p>\n<p>Wo und wann immer der Mensch, anklagend oder sich rechtfertigend, die Sache aus dem Auge verliert oder sie bewu\u00dft preisgibt, um seine Affekte und sein gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zur Realit\u00e4t als die Realit\u00e4t selbst herauszustellen, geschieht der Sprache Gewalt. Leidend wird sie zum Gradmesser der Aufrichtigkeit, die in eben dem Ma\u00dfe schrumpft, in dem die Aggressivit\u00e4t zunimmt, die das sachentfremdete Bewu\u00dftsein aufwendet, um seine &#132;Verschrobenheit&#8220; im Umgang mit den Dingen zu \u00fcberspielen. Der Notstand des Denkens wird Fleisch im Notstand der Sprache: Sie signalisiert die Diskrepanzen, und ihr einschl\u00e4giges Signal ist selbst eine schrille Diskrepanz: der Jargon. Im folgenden steht der Jargon zur Debatte, dessen sich die Parteien im Streit um eine &#132;saubere Leinwand&#8220; beflei\u00dfigen.<\/p>\n<p>Der Film, ob frei oder unfrei, ob Kunst oder Machwerk, ist eine Funktion der Wirklichkeit. In freien Zeiten liegt diese Funktion offen vor Augen: Die politisch und moralisch schillernde Weimarer Zeit besa\u00df eine Leinwand, die nach Herzenslust Genu\u00df und Dekadenz pries, reflektierte oder schm\u00e4hte\u00a0&#8211; je nachdem; eine Leinwand, die \u00fcberdies die allgemeine H\u00f6llenfahrt ins D\u00e4monische und Irrationale mit best\u00fcrzender Pr\u00e4zision vorwegnahm. In unfreier Zeit ist das Verh\u00e4ltnis reziprok: Der SS-Staat, der den Massenmord legalisierte, besa\u00df sicher die sauberste Leinwand, die es jemals gab. Wir Heutigen leben in einer Zeit, die ihre Freiheit aus den H\u00e4nden der Interessenverb\u00e4nde empf\u00e4ngt. Das hei\u00dft: Wir haben die Freiheit, uns freiwillig selbst zu kontrollieren, oder aber, ebenso freiwillig, aus dem Rennen geworfen zu werden. Weil wir dem &#8211; immerhin demokratischen\u00a0&#8211; Trugschlu\u00df erliegen, da\u00df die Summe der Gruppeninteressen das \u00f6ffentliche Interesse ergebe, haben wir eine Leinwand, deren Relation zur Wirklichkeit sonderbar mi\u00dfgestaltet ist: Theoretisch dazu pr\u00e4destiniert, unsere Zeit bruchlos zu spiegeln, wird sie praktisch von den verschiedensten Seiten immer wieder dazu angehalten, einen Zerrspiegel zu liefern. Dies gilt f\u00fcr das Kunstwerk, das die kranken Symptome der Zeit darstellt, um ihre Wurzeln freizulegen, ebenso wie f\u00fcr das Machwerk, das Mord, Inzest und Vergewaltigung abspiegelt, weil sie Gefallen finden, und daher nicht minder ein getreuer Reflex unserer Zeit zu nennen w\u00e4re, als das intellektuell vorbelastete k\u00fcnstlerische Produkt.<\/p>\n<p>Eben dieses Machwerk wollen die ernstzunehmenden Verfechter der &#132;Sauberen Leinwand&#8220; ges\u00e4ubert wissen. Sie wollen, so heischen sie in einer ihrer Petitionen, &#132;sittlich saubere und moralisch vertretbare Filme&#8220;. Ihr Jargon vergi\u00dft, da\u00df ein Film niemals per se sauber oder moralisch vertretbar sein kann, sondern stets\u00a0&#8211; je nach Art der Einflu\u00dfnahme von au\u00dfen &#8211; eine direkte, umgekehrte oder verzerrte Funktion der Wirklichkeit ist. Der Jargon der Entr\u00fcstung ist ein Surrogat f\u00fcr echtes Aufbegehren und wahrhaftiges Engagement. Echtes Aufbegehren w\u00fcrde sich gegen die Anarchie wenden, die in unserer Wirklichkeit statthat, gegen die Perversion unserer Moralbegriffe durch die Praxis. Wo der Protest in die Entr\u00fcstung abgedr\u00e4ngt ist, enth\u00fcllt der Jargon, da\u00df das Bewu\u00dftsein mit der Wirklichkeit Frieden geschlossen hat. Zwar die Wirklichkeit wird nicht sittlich sauber und moralisch vertretbar befunden\u00a0&#8211; es verh\u00e4lt sich schlimmer: Die Frage, ob unsere Zeit sauber und vertretbar sei, wird nicht zugelassen. Konkret: Man emp\u00f6rt sich \u00fcber den angeblich verderblichen Einflu\u00df des Gangsterfilms auf die Wertvorstellungen der Jugend\u00a0&#8211; \u00fcber das Faktum, da\u00df eine ganze Generation von Eltern vor der Geschichte versagt und in ihrer Nachkommenschaft heillose Verwirrung gestiftet hat, schweigt man. Und eben darin erweist sich das gest\u00f6rte Verh\u00e4ltnis zur Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Es ist Wesen des Jargons, da\u00df er best\u00e4ndig sich selbst entlarvt. Eine von der Evangelischen Marienschwesternschaft in Darmstadt initiierte Parallelaktion nennt sich &#132;Sorge um Deutschland&#8220;, offensichtlich ungetr\u00fcbt von jeder historischen Erinnerung oder aber, was niemand hoffen m\u00f6ge, unbek\u00fcmmert um den Gleichklang mit einer anderen Propaganda. Wie nun? Sorgt man sich um die Moral in Deutschland? Offenbar ist derjenige, der im Sinne der Marienschwesternschaft lebt, zugleich ein guter Deutscher &#8211; umgekehrt ein schlechter, wer sein Leben anders einrichtet. Hier wird wieder vermengt, was die Lehren dieses Jahrhunderts, wie es schien, endg\u00fcltig und f\u00fcr immer getrennt haben: Nationalit\u00e4t und charakterliche Zuordnung; Volksgenossenschaft als automatische Bindung an ein von oben erlassenes ethisches Wertgef\u00fcge. Die Moral ist Moral von Staats wegen und um des Staates willen, Deutschland das Prokrustesbett eines doktrin\u00e4ren Sittengesetzes. &#132;Neuorientierung des deutschen Volkes am Willen Gottes&#8220; t\u00f6nt der Jargon, den Adorno &#132;Jargon der Eigentlichkeit&#8220; nennt: Es ist der Zungenschlag derer, die, da sie immer nur auf das Eigentliche aus sind, aus allem Differenzierten einen erhabenen Eintopf machen, der eben darum l\u00e4cherlich wird. Er decouvriert sich mehr noch als in den daherstampfenden Haupts\u00e4tzen in den verst\u00e4ndnisvollen und verst\u00e4ndigungsbereiten Zugest\u00e4ndnissen: &#132;Wir wissen sehr wohl <i>um<\/i> den Wert der Freiheit.&#8220; Nur logisch, da\u00df, wer &#132;um&#8220; den Willen Gottes wei\u00df und die Neuorientierung gleich eines ganzen Volkes fordert, nebenbei auch die Freiheit in die Tasche gesteckt hat. An ihren Parenthesen sollt ihr sie erkennen, hier zeigen sie ihre Z\u00e4hne.<\/p>\n<p>Wer sich das Vokabular des Unmenschen zu eigen macht, schert sich nicht um Grammatik. Ein B\u00fcrgerkomitee in M\u00fcnchen spricht von &#132;Tendenzen zur Zerst\u00f6rung, Leugnung, Verantwortungslosigkeit und Perversion&#8230; in einem Ausma\u00df, deren (sie!) Grund im Nihilismus und <i>deren<\/i> Absicht in der Befreiung von jedem Wert liegt&#8220;. Sorglos wie die Syntax ist die Begriffswelt dieses Satzes: ein Konglomerat von chiliastischen, philosophischen und vulg\u00e4rsoziologischen Klischees, das so oder \u00e4hnlich stets dann auftritt, wenn Hilflosigkeit zu den Waffen ruft. Da sie ja st\u00e4ndig mit Werten und Werthaltigem verkehren, k\u00f6nne sie, wie in Ulm, ohne mit der Wimper zu zucken dekretieren: &#132;Der Kunstbegriff soll mit den sittlichen Ordnungen vereinbart werden.&#8220; Und warum nicht? Wird heute nicht alles vereinbart, mittels Agreement bew\u00e4ltigt, nach Abw\u00e4gung aller Interessen arrangiert? Warum sollen sich nicht die K\u00fcnstler mit den H\u00fctern der sittlichen Ordnung an einen Tisch setzen und, nach geb\u00fchrendem Palaver, sich einen neuen Kunstbegriff verpassen lassen? Ist die Vorstellung, da\u00df Kunst das Ende gegebener oder ein-gew\u00f6hnter Ordnungen sei, nicht wirklich archaisch in einer Zeit, in der man Vereinbarungen trifft?<\/p>\n<p>Da Kunst per definitionem immer frei oder aber nicht Kunst ist, w\u00e4re es praktisch gleichg\u00fcltig, ob ihre Feinde &#132;um&#8220; den Wert ihrer Freiheit wissen, ob man ihre Freiheit gesetzlich verankert oder nicht. Die T\u00fccke der Gesetzgebung zeigt sich dort, wo man der Kunst ihre Freiheit konzediert, um desto grimmiger gegen Erscheinungen einzuschreiten, die man, da sie Althergebrachtes einrei\u00dfen, als Kunst nicht gelten l\u00e4\u00dft. Hier stellt sich heraus, was die scheinbar zum Absolutum erkl\u00e4rte Freiheit der Kunst ist: eine Vereinbarung der Heuchler, eine reservatio mentalis. Die Werte, die sittlichen Ordnungen, schwimmen oben. Nicht jeder kann ihre mangelnde Fixierbarkeit so schlagend nachweisen wie jener Vierzehnj\u00e4hrige in Heilbronn, der, befragt, was Unmoral sei, definierte: &#132;Ha, des was mer ebbe net tuet.&#8220; Es stimmt vers\u00f6hnlich, da\u00df beide Kirchen in diesem Streit offiziell Zur\u00fcckhaltung ge\u00fcbt haben. Freilich: Das &#132;\u00e4u\u00dferste Ma\u00df an Bescheidenheit&#8220;, das Bischof W\u00f6lber empfohlen hat, wohl wissend, da\u00df polemische Abstinenz am ehesten gegen die Verf\u00fchrungen des Jargons immunisiert\u00a0&#8211; dieses Ma\u00df wurde oft \u00fcberschritten. Studiert man die Stellungnahmen genauer, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, da\u00df klerikales Engagement in der Frage der &#132;Sauberen Leinwand&#8220; zwangsl\u00e4ufig zu einer Einerseits-Andererseits-Haltung f\u00fchrt, die gerade wegen ihrer Unentschiedenheit f\u00fcr die verbalen Eiert\u00e4nze des Jargons besonders anf\u00e4llig ist. Einerseits will man, jenseits aller gesetzlichen Regelung, einen &#132;Volksentscheid des Geschmacks und des sittlichen Empfindens&#8220; herbeif\u00fchren\u00a0&#8211; als habe das Volk durch die Honorierung des heutigen Films nicht l\u00e4ngst entschieden. Andererseits begr\u00fc\u00dft man die Aktion von Professor S\u00fcsterhenn. Einerseits also rhetorische Anerkennung demokratischer Prinzipien, andererseits praktische Zweifel an eben diesen, denn bei dem so \u00fcberzeugend klingenden Plebiszit kann es sich nur um die taktische, durch Stimmenfang erzwungene Majorisierung der \u00f6ffentlichen Meinung durch eine Minderheit handeln. Einerseits lehnt man, auf evangelischer Seite, die Allgemeing\u00fcltigkeit der katholischen Naturrechtslehre als Basis eines Sittengesetzes ab, andererseits stellt man flugs einen eigenen Katalog &#132;ewiger Wertbegriffe&#8220; auf und z\u00e4hlt darunter die &#132;Ehrfurcht vor Gott&#8220; und die &#132;Selbsteinschr\u00e4nkung der in der Verfassung garantierten Freiheitsrechte&#8220;. Eine Beobachtung von tragischer Ironie: In einem Land, dessen Machthaber seit je dazu neigen, die Freiheitsrechte nicht nur einzuschr\u00e4nken, sondern abzuschaffen, beflei\u00dfigen sich die Untertanen nur allzu gern einer Haltung, die der Selbstverst\u00fcmmelung nahekommt und diese gar unter die ewigen Werte erhebt.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zum Jargon, da\u00df er, Nutznie\u00dfer der babylonischen Sprachverwirrung, die Begriffe umkehrt. Der redliche Demokrat, der sich als solcher den B\u00fcrgeraktionen widersetzt, traut seinen Ohren nicht, wenn ihn der Familienbund der Deutschen Katholiken belehrt, in der Demokratie sei es das gute Recht des Staatsb\u00fcrgers, sich gegen Ausw\u00fcchse des Films zur Wehr zu setzen. Gewi\u00df soll er sich wehren, wo und wann immer er es f\u00fcr richtig h\u00e4lt! Demokratie ist, wohl verstanden, die Souver\u00e4nit\u00e4t des Volkes, sein \u00f6ffentliches Leben selbst zu regeln. Verbriefter Schutz des einzelnen gegen den \u00dcbermut der M\u00e4chtigen. Die Demokratie hingegen, die der Familienbund meint, ist jene Demokratie von oben nach unten, f\u00fcr die es die viel treffendere Bezeichnung Demagogie gibt: Schutz der M\u00e4chtigen gegen die Freiheitsgel\u00fcste des einzelnen.<\/p>\n<p>Der Jargon dreht das um. Der Jargon bringt alles fertig. Er spricht auch von der &#132;Diktatur der Unanst\u00e4ndigkeit&#8220; und l\u00e4\u00dft dabei au\u00dfer acht, da\u00df Unanst\u00e4ndigkeit an sich niemals Diktatur \u00fcben kann. Diktatur wird dort ge\u00fcbt, wo Menschen gezwungen werden, entweder Unanst\u00e4ndigkeit \u00fcber sich ergehen zu lassen oder Unanst\u00e4ndigkeit zu meiden.<\/p>\n<p>Die Einerseits &#8211; Andererseits &#8211; Haltung zumal der katholischen Kirche gegen\u00fcber der Freiheit der Kunst ist chronisch und scheint unaufhebbar, weil die Kirche die Forderung nicht fallen lassen kann, der K\u00fcnstler m\u00fcsse sich von der Kirche die Inspiration holen, &#132;die man die Gnade und das Charisma der Kunst nennt&#8220;. So Papst Paul VI. in einer Messe in der Sixtinischen Kapelle 1964\u00a0&#8211; unter dem &#132;J\u00fcngsten Gericht&#8220; Michelangelos -, als er die K\u00fcnstler der Welt feierlich um Vergebung f\u00fcr die Unbill bat, die sie von der Kirche erfahren haben, und sie gleichzeitig zum Gehorsam anhielt.<\/p>\n<p>Nun w\u00e4re es ungerecht, wollte man \u00fcbersehen, da\u00df die Gegenseite es sich nicht hat nehmen lassen, mit den gleichen Waffen zur\u00fcckzuschlagen, auf den Jargon im Jargon zu antworten. Wie sollte es anders sein? Der Jargon, so wurde eingangs gesagt, ist das Mittel, das dazu dient, ein gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zur Realit\u00e4t nach au\u00dfen als intakt auszuweisen. Die deutsche Filmwirtschaft hat sich gegen die S\u00e4uberungsaktion verteidigt, und ihre Argumente hatten \u00fcberall dort \u00fcberzeugenden Klang, wo sie aus der Einsicht in die Begrenztheit der Branche erwuchsen. Die These der &#132;Deutschen Film-Korrespondenz&#8220;: &#132;Es gibt eine F\u00fclle geschmackloser Filme, aber es gibt sie, weil daf\u00fcr ein nicht zu beseitigender Bedarf besteht&#8220;, ist wahrhaftig lapidar und leuchtet ein. Sie beruht auf der unausgesprochenen Voraussetzung, da\u00df der Film in erster Linie Unterhaltungsindustrie sei. Wie jeder Industrielle hat auch der Filmunternehmer das Recht, seine Kundschaft als m\u00fcndigen Partner zu bedienen, der seine Ware aus freier Entscheidung w\u00e4hlt. Man mu\u00df nicht unbedingt die Freiheit der Kunst berufen, wenn es &#132;nur&#8220; um die Freiheit der Unterhaltungsmedien geht. Die eine Freiheit ist, sub specie democratiae, nicht schlechter als die andere\u00a0&#8211; f\u00fcr beide sich mit gleicher Kraft einzusetzen, lohnt sich schon in diesem Lande. Nur: In zweiter Linie ist der Film eben auch Kunst. Kunst wird gegen den Bedarf entworfen. Es ist der Filmwirtschaft gewi\u00df nicht zuzumuten, da\u00df sie den Bedarf, von dem sie lebt, beseitige\u00a0&#8211; sie k\u00f6nnte es auch gar nicht. Aber in Deutschland fehlt ihr heute weitgehend der Mut, den Bedarf, dem sie immer wieder und aus allen Kr\u00e4ften Gen\u00fcge tut, auch einmal zu leugnen.<\/p>\n<p>Wo diese Begrenztheit \u00fcbersehen, wo diese Realit\u00e4t nicht einbekannt wird, entsteht der Jargon. Es verk\u00fcndet der Wirtschaftsverband der Filmtheater: &#132;Der Film mu\u00df in einer freiheitlichen Gesellschaft die Freiheit haben, die Probleme unserer Zeit aufzugreifen und zu gestalten.&#8220; Man m\u00f6chte antworten: Wenn sich der deutsche Film doch endlich einmal auf diese seine Freiheit besinnen, wenn er sich doch endlich diese Freiheit nehmen w\u00fcrde! Angesichts der Flut der Filme, welche die Probleme unserer Zeit aufgreifen, um sie zu verharmlosen, zu vers\u00fc\u00dflichen und zu verf\u00e4lschen, entbl\u00e4ttert sich das Pathos dieses Arguments und gleicht sich eben jenem pseudomissionarischen Rotwelsch an, auf das es antwortet. Freilich\u00a0&#8211; die S\u00e4uberer haben, in ihrer erschreckenden Ungenauigkeit, diese T\u00f6ne provoziert, in dem <i>sie <\/i>damit begonnen haben, Kunst und Unterhaltung durcheinanderzuwerfen\u00a0&#8211; beides pa\u00dft nicht in ihr Konzept einer sauberen Leinwand in einer unsauberen Welt hinein. Sie meinen das Gros der anr\u00fcchigen Unterhaltung, sagen aber &#132;Das Schweigen&#8220; und &#132;491&#8243;, weil ihnen, den Nichtkinog\u00e4ngern, beim besten Willen keine Titel einfallen. Ist es verwunderlich, da\u00df die Gegenseite dankbar aus diesem Quiproquo Kapital schl\u00e4gt und die Realit\u00e4t auf den Kopf stellt, ohne dabei das Argument der Gegner umkehren zu m\u00fcssen? Auch der Wirtschaftsverband der Filmtheater spricht, ohne sie zu zitieren, vom &#132;Schweigen&#8220; und von &#132;491&#8243;\u00a0&#8211; meint aber doch wohl ganz andere Erzeugnisse. Das Ganze sieht aus wie ein Schattenboxen und ist von der ergreifenden Komik jenes Streites zweier kahlk\u00f6pfiger Sophisten um einen Kamm, den Kierkegaard beschreibt. Nur\u00a0&#8211; da\u00df sich <i>dieser<\/i> Streit in den erhabenen Untiefen des Jargons abspielt und auf beiden Seiten mit dem blechernen Brustton der \u00dcberzeugung gef\u00fchrt wird, mischt der Komik eine kr\u00e4ftige Prise Verzweiflung bei. Wie sagt das &#132;Film-Echo&#8220;? &#132;Man m\u00fc\u00dfte in filmwirtschaftlichen Kreisen &#8230; nun endlich wissen, wo und wie die Hebel anzusetzen sind&#8230;&#8220; Dagegen ist nichts einzuwenden, es sei denn gegen die Sprache, die aber nun einmal die Sprache der zweiten Jahrhunderth\u00e4lfte, eben der Problemaufgreifer und Hebelansetzer ist. Wozu Hebel ansetzen? Nun, &#132;um dem bigotten Muckertum, das sich mit demokratisch anmutendem Schafspelz verkleidet hat, die scheinheilige Maske vom Gesicht zu rei\u00dfen&#8220;. Tableau! Hier h\u00f6rt der Jargon und die Langmut des Chronisten auf. Hier beginnt die Pidgin-Sprache der Comic-Strips (gegen deren Recht auf Freiheit damit nicht das geringste gesagt werden soll).<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2475],"publikationen":[1393],"class_list":["post-12446","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-klaus-kreimeier","publikationen-10-1965"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Notstand der Sprache - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/10-1965\/publikation\/notstand-der-sprache\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Notstand der Sprache - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Der Jargon der Parteien im Streit um die &#8222;Saubere Leinwand&#8220; Aus: vorg\u00e4nge Heft 10\/1965, S. 439-441 (vg) Der nachfolgende Kommentar von Klaus Kreimeier wurde von dem Informationsdienst &#132;Kirche und Films&#8220;, einem von Dr. Focko L\u00fcpsen, Bethel bei Bielefeld, herausgegebenen evangelischen Sonderdienst \u00fcber Filmfragen des Evangelischen Pressedienstes (epd) ver\u00f6ffentlicht. 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