{"id":12460,"date":"1997-06-30T11:00:00","date_gmt":"1997-06-30T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ueber-das-fehlen-von-utopie\/"},"modified":"1997-06-30T12:00:00","modified_gmt":"1997-06-30T10:00:00","slug":"ueber-das-fehlen-von-utopie","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-138\/publikation\/ueber-das-fehlen-von-utopie\/","title":{"rendered":"\u00dcber das Fehlen von Utopie"},"content":{"rendered":"<p>Politik in &#8222;Star Trek&#8220;<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 138 (Heft 2\/1997), S. 35-45<\/p>\n<p>Der Verlust von Utopien wird in h\u00e4ufig beklagt. Selbst der Zusammenbruch der osteurop\u00e4ischen realsozialistischen Systeme brachte nicht den von manchen erhofften Schwall neuer utopischer gesellschaftlicher Entw\u00fcrfe. Das Kreieren und Formulieren solcher Utopien scheint eine \u00e4u\u00dferst voraussetzungsvolle Aufgabe zu sein. Denn immerhin sind gerade auch im Bereich des Science Fiction innovative Gesellschaftsentw\u00fcrfe \u00e4u\u00dferst rar. In den popul\u00e4ren Werken dieser Kulturgattung werden recht eindimensionale Projektionen dargeboten. Ein besonders pr\u00e4gnantes Beispiel f\u00fcr diese Art Denktr\u00e4gheit bietet die Classic-Serie von Star Trek, die immer wieder in den Fernsehprogrammen ausgestrahlt wird.<\/p>\n<p>In diesem Beitrag sollen drei Aspekte untersucht und er\u00f6rtert werden. Erstens: Ob und in welcher Weise wird Politik in den ersten beiden Star Trek Serien &#8222;Classic&#8220; und &#8222;The Next Generation&#8220; thematisiert. &#8222;Politik&#8220; wird dabei weit gefa\u00dft und verstanden als individuelle oder kollektive Durchsetzung von Interessen, wobei die prozessuale (politics), die institutionelle (polity) und die inhaltliche (policy) Dimension ber\u00fccksichtigt werden. Zweitens: Ob und inwiefern werden in den Classic-Serien von Star Trek gesellschaftliche Utopien gezeigt? Drittens: Welches sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr den weitgehenden Mangel an gesellschaftlichen Utopien selbst in Science Fiction-Filmen und dar\u00fcber hinaus?<\/p>\n<p>Nun mag es verwundern, in der US-Serie Star Trek nach politischem Gehalt zu forschen. Aber bereits der bundesdeutsche Filmemacher Wim Wenders hat einmal sinngem\u00e4\u00df gesagt, da\u00df gerade diejenigen Filme, die vorgeben sie seien unpolitisch, eigentlich eminent politisch sind, denn mit jeder Einstellung &#8222;proklamierten&#8220; sie, so wie es ist, m\u00fcsse es bleiben. In \u00e4hnlicher Weise lie\u00dfe sich dies auf Science Fiction-Werke \u00fcbertragen, wenn gerade dort gesellschaftliche Utopien nicht gezeigt werden. Die Frage nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr das verbreitete Utopiedefizit ist gerade in einer Zeit der Krisen und Orientierungslosigkeit brisant. Deshalb bietet sich eine popul\u00e4re SF-Serie wie Star Trek an, um einige Hemmnisse f\u00fcr utopische Entw\u00fcrfe aufzudecken und zu diskutieren.<\/p>\n<p>Zu untersuchen ist konkret, wie verschiedene Grundaspekte des Politischen, beispielsweise Interesse und Macht, in Star Trek implizit oder explizit gezeigt werden. Nach einer einf\u00fchrenden Charakterisierung von Star Trek sollen deshalb drei wesentliche Bereiche von Star Trek nach ihrem politischen Gehalt betrachtet werden: das Verh\u00e4ltnis der Raumschiffcrew zur Heimat, die Verh\u00e4ltnisse innerhalb der Crew und das Au\u00dfenverh\u00e4ltnis. Durch Darstellung der politisch &#8222;blinden Flecken&#8220; einerseits und der in den Filmen thematisierten Aspekte andererseits werden einige politische Elemente von Star Trek ausgew\u00e4hlt und auf ihren ideologischen Gehalt hin analysiert und diskutiert. Damit verbunden wird nach Fragmenten gesellschaftlicher bzw. politischer Utopien gesucht. Abschlie\u00dfend werden Faktoren er\u00f6rtert, die erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, warum soziale und politische Utopien auch in Star Trek einen sehr geringen Stellenwert einnehmen und welche etwaigen H\u00fcrden es zu \u00fcberwunden gilt &#8211; nicht nur im Feld der Science Fiction.<\/p>\n<p>Die Science Fiction-Serie Star Trek<\/p>\n<p>Mitten in der Vorbereitungszeit f\u00fcr das ehrgeizige Mondlandungsprogramm der USA (&#8222;Apollo&#8220;) entwarf der Ex-Weltkriegspilot Gene Roddenberry mit seiner Frau Majel Barrett-Roddenberry 1964\/65 die erfolgreichste Science Fiction-Serie aller Zeiten. Bislang wurden f\u00fcnf Serien (wie die &#8222;klassisch&#8220; genannte Raumschiff Enterprise, danach Next Generation, Deep Space Nine, Voyager) mit insgesamt 415 Folgen ausgestrahlt und acht Kinofilme gezeigt. Die eminente Popularit\u00e4t der Serie wird dar\u00fcber hinaus auch durch die weltweite Fangemeinde und das umfangreiche Devotionalienangebot offenkundig.<\/p>\n<p>Gerade die Science Fiction-Serie Star Trek kann in gewisser Weise als Nachfolger der Westernfilme angesehen werden. W\u00e4hrend Western vom Leben bzw. \u00dcberleben wei\u00dfer M\u00e4nner an einer &#8222;Grenze&#8220; (frontier) auf dem neuen Kontinent des Planeten Erde spielten, eilt(e) das Raumschiff Enterprise mit \u00e4hnlicher Intention an den Grenzen des Weltalls umher. Roddenberry pers\u00f6nlich hat Star Trek als &#8222;Wagon Train to the Stars&#8220; bezeichnet und verweist damit direkt auf die Tradition der Western.<\/p>\n<p>Zugleich, und \u00fcbereinstimmend mit der Funktion als spezifische Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr US-amerikanische Befindlichkeiten seit den sechziger Jahren, lassen sich insbesondere in der Classic-Serie zahlreiche Reminiszenzen finden, die auf zentrale Themen und Aspekte der zeitgen\u00f6ssischen US-Gesellschaft verweisen (kalter Krieg, B\u00fcrgerrechtsbewegung, etc.).<\/p>\n<p>Bei all dem mangelt es der Classic-Serie trotz ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zum Bereich Science Fiction allerdings sehr an Elementen gesellschaftlich-politischer Utopie, was in den drei folgenden Abschnitten genauer beschrieben wird.<\/p>\n<p>Das Heimatverh\u00e4ltnis der Enterprise<\/p>\n<p>\u00dcber die Heimat der Enterprise-Crew wird in den Star Trek-Episoden nur \u00e4u\u00dferst selten berichtet. Beispielsweise werden die \u00f6konomischen, sozialen, politischen oder kulturellen Verh\u00e4ltnisse auf der Erde nicht oder nur sehr rudiment\u00e4r beschrieben. Deutlich wird einzig, da\u00df im 23. Jahrhundert auf der Erde eine Vereinte Weltraumbeh\u00f6rde und eine Vereinte F\u00f6deration der Planeten existiert. Die sogenannte Sternenflotte und die Enterprise fungieren als deren milit\u00e4rischer Arm.<\/p>\n<p>Selbst Kommunikation mit der Heimat fehlt fast v\u00f6llig. Daher erscheinen die Star Trekker in ihrer Rolle als autonome Kreuzz\u00fcgler oder Entdeckungsreisende. Au\u00dferdem werden sie meist als geschichtslose Menschen dargestellt; Einblicke in ihre individuellen oder kollektiven Biographien erfolgen \u00e4u\u00dferst selten. So f\u00e4llt Geschichte und Geschichtsbewu\u00dftsein als Orientierungsraum oder Ma\u00dfstab f\u00fcr Entwicklungsprozesse aus.<\/p>\n<p>Nur die generelle Aufgabe der Enterprise-Crew wird immer wieder artikuliert. Als Einleitung jeder Sendung erfolgt die Proklamation \u00fcber die &#8222;Mission&#8220; der Enterprise: &#8222;Dies sind die Abenteuer des Raumschiffes Enterprise, das viele Lichtjahre entfernt unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen &#8230;&#8220; Unter Ber\u00fccksichtigung der verschiedenen Filme k\u00f6nnen der Enterprise-Besatzung zwei Aufgaben zugeordnet werden. Die erste besteht in der Sicherung der Au\u00dfengrenzen der F\u00f6deration. Zur zweiten Aufgabe geh\u00f6rt die Erkundung neuer galaktischer Regionen und Planeten. Die Mission der Enterprise ist demnach sowohl polizeilich-milit\u00e4rischer als auch wissenschaftlich-forschender Art. Zu diesem Zweck ist sie grunds\u00e4tzlich auf Schutz und Verteidigung der bestehenden Grenzen und allem Anschein nach auch der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse ausgerichtet. So res\u00fcmiert beispielsweise Captain Kirk, der Chef der Enterprise-Crew, am Ende seines erfolgreichen letzten Fluges mit der Enterprise stolz: &#8222;Wieder einmal haben wir unsere Zivilisation gerettet.&#8220; Dies kann wohl eher als traditionelle denn als utopische Haltung interpretiert werden.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang spielt die &#8222;Hauptdirektive&#8220; der F\u00f6deration eine herausragende Rolle. Sie stellt eine Art von Verhaltenskodex f\u00fcr die Crew der Enterprise dar, die sie als rechtliche Grundlage ihrer Aktivit\u00e4ten zu beachten hat. Die Anwendung und Einhaltung der Hauptdirektive ist jedoch h\u00e4ufig umstritten und wird immer wieder problematisiert, wie weiter unten ausgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Die Personen von Star Trek, zumindest die wichtigsten Mitglieder der Crew, stellen eine neue Art von Volkshelden dar. Sie m\u00fcssen bzw. wollen immer neue Abenteuer in den Weiten des Weltraums bestehen, allerdings mit althergebrachten Tugenden, wie wir sie beispielsweise aus Westernfilmen kennen. Der Weltraum erscheint dabei als moderne Wildnis, als Chiffre f\u00fcr das Andere. Die Grenze zwischen Innen und Au\u00dfen, zwischen Zivilisation und Barbarei, zwischen &#8222;Wir&#8220; und &#8222;Ihnen&#8220;, das Wahrnehmungs- und Denkmuster der Unterscheidung zwischen Gut und B\u00f6se wird in allen Filmen immer wieder neu thematisiert und reproduziert.<\/p>\n<p>Also auch in dieser Hinsicht lassen sich Parallelen zu Westernfilmen ziehen, genauer: zur allm\u00e4hlichen Westausdehnung der Wei\u00dfen in Nordamerika w\u00e4hrend der letzten Jahrhunderte. Damals drangen zur Unterwerfung und Kontrolle der Indianer wei\u00dfh\u00e4utige Abenteurer und Soldaten in Indianergebiete ein und brachten &#8222;die Zivilisation&#8220; mit. In dieser Parallele zur Geschichte der USA wird der Name Star Trek auch inhaltlich verst\u00e4ndlich: \u00c4hnlich wie der alte Trek der nordamerikanischen Siedler nach Westen, &#8222;zur Frontier&#8220; und dar\u00fcber hinaus fliegen die Star Trek Helden in die \u00e4u\u00dfersten Quadranten des bekannten Weltraums. \u00c4hnlich wie in Western wird nur selten deutlich, von welchen Motiven, Interessen und Triebkr\u00e4ften diese mutigen Typen getrieben werden<br \/>bzw. wovon sie sich treiben lassen. Zumindest in der Classic-Serie kommt dies nicht zur Sprache.<\/p>\n<p>Neben diesen inhaltlichen und dramaturgischen \u00c4hnlichkeiten zwischen der Geschichte bzw. Gegenwart in den USA und der \u00c4ra Star Trek im 23. Jahrhundert werden auch im Bereich der Symbolik und Ausstattung Parallelen benutzt. So stellt das Emblem des Pr\u00e4sidenten der Planetenf\u00f6deration in Star Trek eine Mischung aus dem heutigen UN-Emblem und dem Hoheitszeichen des US-Pr\u00e4sidenten dar.<\/p>\n<p>Binnenverh\u00e4ltnis<\/p>\n<p>Innerhalb der Enterprise, im Bereich der Arbeits- und Lebensweise, werden ebenfalls keinerlei utopische Rollen gezeigt oder ausprobiert. Die Hierarchien und Verhaltensstrukturen innerhalb der Crew der Enterprise werden als stabil und frei von grundlegenden bzw. ernsthaften Konflikten dargestellt. Au\u00dfer einigen kameradschaftlichen Sticheleien herrschen in der Enterprise auch zwischen den Vertretern unterschiedlicher Hierarchieebenen, Geschlechtern und Ethnien Grundkonsens, Akzeptanz und Friedfertigkeit. Das zum Ausdruck kommende Menschenbild ist in einseitiger Weise positiv. Die Individuen der Crew werden als unproblematische Menschen dargestellt, die keine destruktiven Pers\u00f6nlichkeitsanteile ausgebildet haben. Aus diesem Grunde kann das Problematische und B\u00f6se, das in den Episoden immer wieder auftaucht, nur au\u00dferhalb des Raumschiffes existieren und nur aus den Weiten des Weltalls kommen. Dementsprechend stammen s\u00e4mtliche Herausforderungen und Aktivit\u00e4ten aus der Interaktion mit anderen Raumschiffen und Lebewesen. Lediglich &#8222;Fremd&#8220;-Einwirkung generiert Probleme und Konflikte: diese naive, antiquierte und heute noch weit verbreitete Einsch\u00e4tzung gilt demnach auch noch in 200 Jahren &#8230;<\/p>\n<p>Das &#8222;ethnisch Fremde&#8220; wurde allerdings in zunehmendem Ma\u00dfe in die EnterpriseBesatzung integriert &#8211; je j\u00fcnger die Episode, umso deutlicher ist dies. Somit tauchen immer exotischere Figuren als Teil der Crew auf, und es etablierte sich eine entsprechende Multikulturalit\u00e4t. Diese hatte zur Zeit der ersten Ausstrahlungen durchaus avantgardistische Qualit\u00e4ten, erhielt realen Input durch die &#8222;Rassenintegration&#8220; in der US-Armee der sechziger Jahre.<\/p>\n<p>An Bord der Enterprise herrscht \u00fcblicherweise milit\u00e4rische Hierarchie und eine Arbeitsatmosph\u00e4re wie heute zum Beispiel auf Flugzeugtr\u00e4gern. Trotz der gelegentlich auftretenden und mit beschr\u00e4nkten Kompetenzen ausgestatteten Frauen handelt es sich bei Star Trek insbesondere in den ersten Serien um eine Art von M\u00e4nnerbund, in dem unterschiedliche m\u00e4nnliche Charaktermerkmale zum Tragen kommen. Als Prototyp der Classic-Serie kann Captain Kirk gelten, der trotz (oder wegen?) seiner Position als Kommandant des Raumschiffes Enterprise in zahlreichen Episoden als Abenteurer auftritt. Durch Entscheidungen und Ma\u00dfnahmen, die manchmal die Grenzen der Legalit\u00e4t \u00fcberschreiten, agiert er erfolgreich und meistert s\u00e4mtliche Aufgaben und Herausforderungen. Selten nur werden die daraus resultierenden Konflikte mit der F\u00f6deration der Planeten dargestellt, manchmal wird angedeutet, da\u00df er bei erfolgreichen Missionen trotz illegaler Aktionen &#8211; wie unter richtigen M\u00e4nnern &#8211; kameradschaftlich und augenzwinkernd gelobt wird und dadurch besondere Anerkennung genie\u00dft.<\/p>\n<p>Das gelegentliche riskante oder gar illegale Verhalten von Captain Kirk erfolgt vornehmlich in gef\u00e4hrlichen Ausnahme- und Krisensituationen. F\u00fcr die Abwehr von Bedrohungen des Systems, die nur von au\u00dfen zu bef\u00fcrchten sind, k\u00f6nnen also illegale Ma\u00dfnahmen ergriffen werden, das hei\u00dft, es m\u00fcssen keine strukturver\u00e4ndernden internen Ma\u00dfnahmen ergriffen werden. Im Gegenteil: nach jeder erfolgreichen Abwehr von \u00e4u\u00dferen Gefahren kann die eigene Identit\u00e4t und Kultur gefestigt werden als eine Art von Sieg \u00fcber die Wandlungsanma\u00dfungen.<\/p>\n<p>Als Alternativmodell m\u00e4nnlicher Charaktere steht dem Abenteurer Kirk am anderen Ende des Verhaltensspektrums ein menschen\u00e4hnliches Lebewesen gegen\u00fcber, dessen Loyalit\u00e4t und sogar Freundschaft zu Kirk zweifelsfrei bleibt: der Vulkanier Spock. Mit seinem hochintellektuellen Habitus, seiner durchg\u00e4ngig rational-trockenen Haltung und seinen spitzen Ohren repr\u00e4sentiert er andere m\u00e4nnliche Verhaltensdispositionen als Kirk. Als &#8222;komplement\u00e4re&#8220; Elemente fehlen eigentlich &#8222;nur noch&#8220; sensible, emotionale und \u00e4hnliche &#8222;weibliche&#8220; Verhaltensweisen, die in der Classic-Serie stark unterbelichtet sind.<\/p>\n<p>In den neueren Serien allerdings, das sei angemerkt, werden diese konservativ-patriarchalen Rollenverteilungen etwas aufgel\u00f6st. Das zeigt sich beispielsweise bei einem Vergleich der F\u00fchrungsstile von Captain Kirk und seinem Nachfolger Picard (in der Serie &#8222;Next Generation&#8220;). Die beiden Raumschiffkommandanten sind charakterm\u00e4\u00dfig sehr unterschiedlich. Picard spielt nicht einen abenteurerhaften, sondern einen besonnenen und sehr reflektierten Kommandeur. Bemessen an den vielf\u00e4ltigen und wohl auch komplizierten Aufgaben der Enterprise verf\u00fcgt die Crew erstaunlicherweise \u00fcber keinen erw\u00e4hnenswerten Stab nicht-technischer Experten (wie z.B. V\u00f6lkerkundler, Kulturwissenschaftler, Mediatoren). Zur Entscheidungsfindung dienen keine Gruppenberatungen geschweige denn Vollversammlungen, sondern meist nur bilaterale Besprechungen oder Debatten; R\u00fcckfragen zur Erde bzw. zur F\u00f6deration kommen nicht vor. Nur Computer unterst\u00fctzen die Entscheidungsfindung durch Lieferung von Daten und Wissen. Selbst der Konferenzraum von Captain Jean-Luc Picard wird nur einmal bei einer Personalentscheidung kollektiv genutzt, suggeriert aber &#8211; im Unterschied zu Captain Kirk &#8211; gleichwohl Teamwork und erscheint als Reminiszenz an demokratische Verfahren oder kollektive Beratungen.<\/p>\n<p>Wie bereits f\u00fcr das Heimatverh\u00e4ltnis der Enterprise konstatiert, wird \u00fcber soziale Verh\u00e4ltnisse und Hintergr\u00fcnde wenig gezeigt und ausgesagt. \u00dcber die Erwerbsarbeit, die Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse und Arbeitszeitsysteme, \u00fcber Familien- bzw. Beziehungsleben, Freizeit und Urlaub, \u00fcber Kunst und Kultur (die Serie ist \u00fcbrigens im Vergleich mit vielen anderen Science Fiction-Filmen \u00e4u\u00dferst arm an Musik) wird kaum ein Wort oder eine Szene verloren. In welcher Weise gesellschaftlicher Reichtum erzeugt und ausgetauscht wird, verbleibt unklar. Demokratische Prozesse und Willensbildung u.\u00e4. wird nicht thematisiert; kollektive Interessenvertretung, Wahlen, Abstimmungen, etc., also allesamt Mechanismen zur Kl\u00e4rung von Handlungsoptionen und Regeln und organisierte Formen letztendlich zur erfolgreichen Meisterung der komplizierten Lebensprozesse, finden nicht statt bzw. werden nicht gezeigt. Oppositionelles Denken und Verhalten kommt daher auch nicht vor. Unterschiedliche Interessen und Machtkonstellationen bleiben im Dunkeln, Geschlechterverh\u00e4ltnisse und Sexualit\u00e4t sind tabu. Die existierende Ordnung gilt dadurch als selbstverst\u00e4ndlich. Dies wiederum wirkt einerseits steril, andererseits aber sicher, weil es f\u00fcr die Zuschauer keinerlei pers\u00f6nliche Herausforderung bedeutet. Gesellschaftlich-politische Utopien kommen nicht vor.<\/p>\n<p>Au\u00dfenverh\u00e4ltnis<\/p>\n<p>Die beiden Hauptfunktionen der Enterprise sind zum einen die Verteidigung der Au\u00dfengrenzen der F\u00f6deration und zum zweiten die Erkundung neuer galaktischer R\u00e4ume. Beide Funktionen bringen es mit sich, da\u00df Kontakte mit Lebewesen anderer Zivilisationsformen und Entwicklungsstufen eingegangen und gestaltet, da\u00df also Differenzen und Ungleichzeitigkeiten \u00fcberbr\u00fcckt werden m\u00fcssen. Von grunds\u00e4tzlicher Bedeutung f\u00fcr die Au\u00dfenkontakte ist die oben erw\u00e4hnte &#8222;Hauptdirektive&#8220; der F\u00f6deration. Diese ist vergleichbar mit dem Prinzip der &#8222;Nichteinmischung&#8220; wie es in heutigen internationalen Organisationen wie der UN festgeschrieben ist. Danach ist es nur unter bestimmten Bedingungen und in bestimmten Ausnahmesituationen gestattet, sich in die internen Angelegenheiten anderer (Mitglieds-)L\u00e4nder einzumischen. Im 23. Jahrhundert gilt der Grundsatz der Nichteinmischung nicht nur gegen\u00fcber den Mitgliedern der F\u00f6deration, sondern auch gegen\u00fcber Nichtmitgliedern. Dementsprechend ist es den Mitgliedern der Sternenflotte gem\u00e4\u00df der Hauptdirektive nicht gestattet, in die Entwicklung anderer Kulturen direkt oder indirekt einzugreifen. Die eigenst\u00e4ndige, nat\u00fcrliche Entwicklung darf demnach nicht gest\u00f6rt oder beeinflu\u00dft werden. Aber insbesondere Captain Kirk interpretiert die Hauptdirektive gelegentlich etwas sehr weit und \u00fcbergeht sie von Fall zu Fall. Er begr\u00fcndet dies damit, da\u00df er den anderen V\u00f6lkern aufgrund seiner Erfahrungen mit der Geschichte der Menschen harte Umwege und unn\u00f6tiges Leid ersparen und der Freiheit zum Durchbruch verhelfen m\u00f6chte &#8211; \u00fcbrigens eine geradezu leninistische oder maoistische Haltung.<\/p>\n<p>Fast ohne Ausnahme handelt die Enterprise-Crew aus einer Position der zivilisatorisch-technischen \u00dcberlegenheit heraus. Die Kameraf\u00fchrung untermauert diese einseitige Sicht der Enterprise-Crew, die in jeder Situation aus der Perspektive der St\u00e4rke denkt und handelt und auch nicht aus anderer alternativer Sicht gezeigt wird. Aus ihrer Position erscheinen andere Kulturen und Lebensweisen als unterentwickelt und defizit\u00e4r. Eine in \u00e4hnlicher Weise kritische Sicht auf die eigene Kultur, auf das eigene Tun und Lassen wird jedoch nie entwickelt und zu einem Dialog entfaltet. Entsprechend simpel sind zu Beginn der Serien die Feindbilder. Sie verk\u00f6rpern das geschichtslose B\u00f6se schlechthin. Warum die Anderen so b\u00f6se Wesen wurden, ihre Beweggr\u00fcnde, Motivationen, Interessen und Hintergr\u00fcnde werden nicht beleuchtet. In den sp\u00e4ten Folgen der ClassicSerie sind die Feindbilder etwas differenzierter, nun sind es oft Lebewesen und Kulturen, die andere gesellschaftliche Vorstellungen haben und tyrannisch regiert werden. Doch auch hier werden &#8222;Fremde&#8220; und &#8222;Andersdenkende&#8220; nach den \u00fcblichen Klischees mit Masken und Kost\u00fcmen &#8222;kenntlich gemacht&#8220;. Das zivilisatorische und humanit\u00e4re Ziel des &#8222;Verstehen&#8220; wird weder angestrebt noch m\u00f6glich gemacht oder erleichtert.<\/p>\n<p>Mit einer solchen Projektion des &#8222;B\u00f6sen&#8220; nach Au\u00dfen, die wohl nur zum Teil der Aufgabenstellung der Enterprise geschuldet ist, wird von eigenen immanenten Problemen und Defiziten abgelenkt. Es herrschen nach au\u00dfen gerichtete und au\u00dfengelenkte und extrovertierte Muster der Identit\u00e4ts- und Sinnsuche vor, was wiederum als expansiv-maskuliner Modus definiert werden kann. Statt unterschiedliche Sicht- und Lebensweisen deutlich darzustellen und alternative Entwicklungspfade aufzuzeigen, steht klischeebeladene Unterhaltung eindeutig im Vordergrund. Polititsche Utopien fehlen auch in diesem Bereich der Star Trek-Classic-Serie.<\/p>\n<p>Ideologischer Gehalt<\/p>\n<p>Wie sich oben zeigte, werden in den fr\u00fchen Star Trek-Episoden \u00e4u\u00dferst selten politische Themen offen angesprochen. Doch gerade deshalb ist es spannend, die in den Filmen unterschwellig verbreiteten Ideologieelemente n\u00e4her zu betrachten.<\/p>\n<p>In verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten \u00fcber Star Trek ist herausgestellt worden, da\u00df diese US-Serie u.a. dazu beitr\u00e4gt, den &#8222;American Dream&#8220; im Kontext moderner Zeiten und Verh\u00e4ltnisse neu zu definieren. So finden sich zahlreiche politische Elemente des American Dream in Star Trek wieder, wie zum Beispiel der missionarische Eifer zur Weltverbesserung und die (zeitweilig arrogante) Haltung der \u00fcberlegenen Zivilisation.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es unz\u00e4hlige Analogien mit realen Zust\u00e4nden und Geschehnissen in den USA der 60er und 70er Jahre. Beispielsweise wird die F\u00f6deration im 23. Jahrhundert als Weltpolizist dargestellt. Auch der Krieg der USA in Vietnam wird &#8222;gespielt&#8220;, wie zum Beispiel in der Episode &#8222;A Private Little War&#8220;. In dieser Episode sind zahlreiche Analogien identifizierbar: Die F\u00f6deration ist vergleichbar mit den USA, die Klingonen repr\u00e4sentieren die Einwohner der UdSSR, das Bergvolk weckt Assoziationen mit S\u00fcdvietnamesen, die Dorfbewohner stellen die Nordvietnamesen dar, und die Person Apella repr\u00e4sentiert Ho Chi Minh.<\/p>\n<p>Die \u00dcberheblichkeit der wei\u00dfen m\u00e4nnlichen Eliten wird an einem Dialog zwischen dem Vulkanier Spock und Doktor McCoy in dem Film &#8222;The Apple&#8220; nachvollziehbar. Spock: &#8222;Doctor, you insist an applying human standards to non-human cultures. I remind you that humans are only a tiny minority in this galaxy.&#8220; McCoy: &#8222;There are certain absolutes, Mr. Spock, and one of them is the right of humanoids to a free and unchained environment. The right to have conditions that permit growth.&#8220; Die Kehrseiten dieser &#8222;Arroganz der Macht&#8220;, die Perspektive von Nichtmenschen, werden nicht dargestellt, immer nur wird die Perspektive des St\u00e4rkeren eingenommen; vermutlich bringt genau das f\u00fcr Zuschauer eine gewisse Befriedigung durch simple Identifikation.<\/p>\n<p>Auffallend ist, da\u00df einige zentrale Aspekt von Gesellschaften weder in Wort noch Bild vorkommen. Insbesondere die \u00d6konomie findet keinerlei Erw\u00e4hnung, sogar von Geld wird \u00fcberhaupt nicht gesprochen, Macht- und Verteilungsfragen tauchen nicht auf, \u00d6kologie und Habitat sind kein Thema, zivilgesellschaftliche Strukturen und politische Organisationen existieren nur am Rande, systemimmanente Konflikte, geschweige denn Interessengegens\u00e4tze kommen nicht vor. Wichtige gesellschaftliche Gruppen wie Kinder und Senioren sind \u00fcberhaupt nicht, Frauen und Minderheiten nur unzureichend repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Aus diesen Beobachtungen lassen sich einige ideologische Muster ableiten, aus denen sichtbar wird, welche politisch relevanten Inhalte und Klischees in Star Trek transportiert werden. Hier sei nur ein zentrales Ideologiemuster diskutiert: der Vergleich mit alternativen Lebensweisen, Kulturen und Gesellschaftsordnungen in Star Trek.<\/p>\n<p>Dies wird in der Episode \u00fcber den &#8222;Gott der Mintakaner&#8220; sichtbar. Auf seinem Planeten sind alle Lebewesen zufrieden, es herrscht Friede, und die Leute glauben an einen Gott. Aber der Enterprise-Besatzung mi\u00dff\u00e4llt dieses Paradiesmodell. Erstens verurteilen sie die herrschende Unterw\u00fcrfigkeit und Gehorsamkeit der Mintakaner. Zweitens fehlt Ihnen dort eine dynamische und mit M\u00fchen betriebene Entwicklung (ggf. als Synonym oder Metapher f\u00fcr Wirtschaftswachstum?) und Fortschritt. Verglichen mit dem f\u00fcr die Crew gewohnten Individualismus, dem Erfolgsdenken, dem Leistungsstreben, der technologischen Dynamik erscheint ihnen dieses Paradies als stagnierende und unterentwickelte Lebensform, in der nur das Kollektiv z\u00e4hlt, Einzelne nichts.<\/p>\n<p>Interessanterweise ist in all den Episoden noch niemand ernsthaft auf die Idee gekommen, die Lebensweise der Enterprise bzw. F\u00f6deration radikal in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, am Allgemeing\u00fcltigkeitsanspruch der irdischen &#8211; also der US-amerikanischen &#8211; Lebensweise wird nicht ger\u00fcttelt. Sie wird als am weitesten entwickelt, als Ma\u00dfstab und Vorbild zur allgemeinen Nachahmung empfohlen. Kehrseite ist, da\u00df diese Haltung der F\u00f6deralen ihre mangelnde und defizit\u00e4re Selbstreflexion (und die der Zuschauerinnen) zementiert und die soziale und politische Reifung hemmt.<\/p>\n<p>Aus den meisten Classics-Episoden l\u00e4\u00dft sich schlie\u00dfen, da\u00df die irdische &#8211; das hei\u00dft die US-amerikanische &#8211; Zivilisation als die beste aller Welten angesehen werden mu\u00df. Fazit der politisch-sozialen Aspekte der Ideologie von Star Trek: Das Eigene ist gut. So wie es ist, soll es bleiben. Akzeptable Alternativen zum Bestehenden gibt es keine. Gesellschaftliche Utopien werden nicht ben\u00f6tigt. Fortschritt ist nur als technischer Fortschritt begreifbar, sinnvoll und w\u00fcnschbar.<\/p>\n<p>Doch genau an diesem Punkt deutet sich ein grundlegender Widerspruch an, der sich in der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit, also im Verlauf der Zivilisationsgeschichte zeigte und auf den Wissenschaftler immer wieder kritisch hingewiesen haben: das Auseinanderklaffen zwischen technischen Fertigkeiten und menschlichen F\u00e4higkeiten. Dieser Widerspruch wird in Star Trek in einer Episode der Classics-Serie besonders deutlich. Dort wird ein Mann namens Gary Seven unbeabsichtigt an Bord der Enterprise gebeamt. Er befindet sich auf dem Weg zur\u00fcck in die Vergangenheit, um die Erde am Ende des 20. Jahrhunderts vor dem Untergang zu retten, der aufgrund verschiedener selbstzerst\u00f6rerischer Prinzipien unausweichlich scheint. Ein gravierendes Problem besteht seiner Auffassung nach darin, da\u00df &#8222;Earth technology and science have progressed faster than political and social knowledge.&#8220; Auch Captain Kirk<br \/>\u00e4u\u00dfert \u00e4hnliches in der Episode &#8222;A Private Little War&#8220;: &#8222;We once were as you are. Spears and arrows. Came a time when our weapons grew faster than our wisdom, and we almost destroyed ourselves. We learned from this to make a rule during all of our travels: never to cause the same to happen to other worlds.&#8220; Dieses &#8222;selbstzerst\u00f6rerische Grund\u00fcbel&#8220; scheint demnach im 23. Jahrhundert immer noch zu bestehen und von Star Trek nicht \u00fcberwunden zu sein.<\/p>\n<p>Allerdings kommen in einigen Star Trek Episoden auch progressive Prinzipien facettenhaft vor, die eine fortgeschrittene und reife politische Kultur auch in Zukunft kennzeichnen werden: Pluralismus, Toleranz, Multikulturalismus. In einigen Hinsichten war die Enterprise sogar Vorreiter in den USA der sechziger Jahre: Eine Afroamerikanerin wurde in die Crew aufgenommen, w\u00e4hrend im Lande schlimme Rassenunruhen tobten. Und in der Folge &#8222;Das unentdeckte Land&#8220; klingt sogar leichte Selbstkritik an der zeitgen\u00f6ssischen Zivilisation und Politik an. Der wei\u00dfhaarige Pr\u00e4sident der F\u00f6deration h\u00e4lt zu Beginn einer Friedenskonferenz eine Rede und sagt darin unter anderem: &#8222;Lassen Sie uns den Begriff Fortschritt neu definieren in dem Sinne, da\u00df es nicht unbedingt notwendig ist etwas zu tun, nur weil wir in der Lage sind, auf diesem Gebiet etwas zu tun.&#8220; Damit wurde ein zentrales Element von Hans Jonas&#8216; Prinzip Verantwortung zum Ausdruck gebracht.<\/p>\n<p>Derartige Offenheit und Reflektiertheit wird in den neueren, hier aber nicht ber\u00fccksichtigten, Star Trek-Serien &#8222;Deep Space Nine&#8220; und &#8222;Voyager&#8220; h\u00e4ufiger sichtbar. Sie sind allem Anschein nach pluraler und mit einem demokratischeren Geist angereichert. Doch auch ihnen mangelt es in hohem Ma\u00dfe an Elementen gesellschaftlicher Utopie.<\/p>\n<p>Der Mangel an gesellschaftlichen Utopien<\/p>\n<p>Anhand der Classic-Serie von Star Trek wurde versucht, exemplarisch nachzuweisen, da\u00df diese als unpolitisch angesehenen Filme einerseits eminent politisch sind und andererseits trotz des Anspruches, Science Fiction zu sein, gerade gesellschaftliche Utopien v\u00f6llig ignorieren. Au\u00dfer technischen Utopien werden f\u00fcr den Bereich des menschlichen Zusammenlebens, insbesondere f\u00fcr politische Strukturen und Prozesse, keinerlei Ideen entwickelt und keinerlei Entw\u00fcrfe skizziert.<\/p>\n<p>In dieser Art der Science Fiction wird so getan, als w\u00e4re das menschliche Zusammenleben und dessen Regelung auch in dreihundert Jahren noch nach denselben oder \u00e4hnlichen Prinzipien und Ma\u00dfst\u00e4ben organisiert wie im heutigen zwanzigsten Jahrhundert. Vielleicht mu\u00df man bei dieser kritischen Betrachtung dreihundert Jahre zur\u00fcckgehen, um die politische Naivit\u00e4t bzw. Phantasielosigkeit (oder Ignoranz) dieser Serie zu ermessen: Die politischen Strukturen vor der Zeit der US-amerikanischen oder der franz\u00f6sischen Revolution w\u00e4ren dementsprechend in der damaligen Science Fiction bis heute verl\u00e4ngert worden!<\/p>\n<p>Woraus resultiert nun dieses eklatante Defizit hinsichtlich gesellschaftlich-politischer Utopien? In Bezug auf Star Trek lassen sich einige spezifische Gr\u00fcnde benennen.<\/p>\n<p>Im &#8222;Star Trek Guide for writers&#8220; ist erkl\u00e4rt, da\u00df die Menschheit im 23. Jahrhundert eine gewisse Art von Zusammenhalt und Einigkeit gefunden hat, da\u00df aber Details der Politik auf der Erde m\u00f6glichst nicht erw\u00e4hnt werden sollten. Dies wird leider nicht weiter begr\u00fcndet. Des weiteren antwortet der Guide auf die Frage, ob sich denn die Bed\u00fcrfnisse der Menschen hinsichtlich Nahrung, k\u00f6rperliche Liebe, Schlaf, etc. bis zum 23. Jahrhundert nicht ver\u00e4ndert haben w\u00fcrden: &#8222;Probably. But remember, the only Westerns which failed miserably were those which authentically portrayed the men, values, and morals of 1870. The audience applauds John Wayne playing what is essentially a 1966 man.&#8220; Der vermeintliche apolitische Geschmack des zahlungsf\u00e4higen Publikums und der damit verbundene Erfolg und Profit der TV-Serie werden als Legitimation f\u00fcr die Gestaltung der Rollen und Plots herangezogen.<\/p>\n<p>Im utopischen Defizit der Star Trek-Serien spiegelt sich meines Erachtens ein weit verbreitetes, allgemeines Defizit an gesellschaftlichen Utopien. In unseren Gesellschaften existieren verschiedene Ursachen f\u00fcr die verbreitete Schwierigkeit, soziale Utopien zu entwerfen und zu kultivieren. Hier seien einige skizziert.<\/p>\n<p>Allgemein werden langfristige Perspektiven vom permanenten \u00dcberlebenskampf und den allt\u00e4glichen Routinen versch\u00fcttet. Das kurzfristige \u00dcberleben, insbesondere im wirtschaftlichen Bereich, l\u00e4\u00dft langfristiges Denken und Handeln besonders luxuri\u00f6s erscheinen.<\/p>\n<p>Aufgrund der durch die herrschende Sozialisationspraxis und aktuelle Zw\u00e4nge kultivierten Selbstentfremdung sind viele Menschen nicht gewohnt, ihre ureigensten Bed\u00fcrfnisse wahrzunehmen, anzuerkennen, zu reflektieren und zu artikulieren. Gerade das Bewu\u00dftsein gegen\u00fcber Bed\u00fcrfnissen und R\u00e4ume zu deren Artikulation sind Voraussetzung f\u00fcr utopisches Denken. Ein weiteres Hemmnis sind die \u00fcblichen M\u00fchen kollektiven Engagements und demokratischer Aktivit\u00e4ten. Sie werden durch die zunehmende Individualisierung und die damit verbundene &#8222;instant satisfaction&#8220; f\u00fcr die derart sozialisierten Individuen &#8222;zu teuer&#8220;. Die M\u00fche kollektiver Aktion und nachhaltiger Partizipation wird gescheut.<\/p>\n<p>Das in den meisten \u00e4lteren Star Trek-Folgen festgestellte &#8222;Politik-Defizit&#8220; korrespondiert mit einem prinzipiellen Merkmal b\u00fcrgerlicher Gesellschaften: der Ideologie, da\u00df die Verh\u00e4ltnisse, so wie sie sind, auch weiterhin existieren werden. Der Status quo wird nicht als historische Periode, sondern absolut gesetzt (Fukuyamas These vom Ende der Geschichte nach 1989 ist ein prononciertes aktuelles Beispiel f\u00fcr diese Haltung).<\/p>\n<p>In vielen Science Fiction- und noch st\u00e4rker in anderen Kulturerzeugnissen werden Ver\u00e4nderungen h\u00e4ufig nur in technischer oder pers\u00f6nlicher Hinsicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten oder erwartet. Macht- und Herrschaftsstrukturen, Ausbeutungsprozesse und ungerechte Verh\u00e4ltnisse werden weder theoretisch noch praktisch angetastet. Daraus ergibt sich auch als &#8222;Ausweichstrategie&#8220; entweder die zunehmende Personalisierung oder die Entfremdung von Politik.<\/p>\n<p>Angesichts der von Kirk angedeuteten Notwendigkeit, da\u00df auf der Erde statt technologischer eher politisch-soziale Innovationen notwendig sind, um das \u00dcberleben der Menschheit zu erm\u00f6glichen, stimmt das Ergebnis der vorliegenden \u00dcberlegungen &#8211; da\u00df politische Utopien in den \u00e4lteren Episoden der SF-Serie Star Trek derart unterbelichtet und unterentwickelt sind &#8211; bedenklich. Schlimmer noch: Gerade die offengelegte Ideologie des &#8222;weiter so&#8220; erm\u00f6glicht und unterst\u00fctzt unser Weitertreiben in &#8222;stille Katastrophen&#8220; (Charles Perrow).<\/p>\n<p>Eine Basis bzw. Bedingung f\u00fcr den Mangel an politischen Utopieentw\u00fcrfen ist die Ignoranz gegen\u00fcber systemimmanenten Problemen und strukturellen Konflikten.<\/p>\n<p>Resumie<\/p>\n<p>Bei der Suche nach dem Politischen und Utopischen in der Star Trek-Classic Serie wurde gezeigt, da\u00df dort das Politische und Utopische selten in offener Weise thematisiert, aber dennoch massive politisch-ideologische Inhalte vermittelt werden. Zweitens ist das Politische in Star Trek weit weniger phantasievoll entwickelt als die dargebotenen technischen Neuheiten. Drittens beinhalten die Star Trek-Episoden in Bezug auf das Politische nichts Utopisches, sie zeigen weder Organisationsformen oder Verfahren, die \u00fcber heute existierendes hinausgehen, noch werden alternative Lebensweisen und Gesellschaftssysteme ausf\u00fchrlich und einf\u00fchlsam gezeigt und ernsthaft mit den eigenen verglichen. Im Gegenteil, einige Episoden dienen der lapidaren Ablehnung alternativer gesellschaftlicher Konzeptionen. So gesehen kann Star Trek als Propagandist des American Way of Life betrachtet werden, der vor allem in Zeiten des Kalten Krieges entsprechende Feindbilder spiegelte und vermutlich entsprechende Haltungen reproduziert(e). Wichtige Elemente der hegemonialen US-amerikanischen Ideologie finden sich in den Serien wieder, Denkmuster und Ideologieelemente des &#8222;American Way of Life&#8220; dominieren die Episoden: ausgepr\u00e4gter Individualismus, der Ethos des einzelnen maskulinen Helden, m\u00e4nnerb\u00fcndischer-milit\u00e4rischer Teamgeist, Technikfixiertheit und entsprechende filmische Effekte, Antikommunismus, Entpolitisierung und scheinbare Entideologisierung.<\/p>\n<p>Die hier ge\u00e4u\u00dferte kritische Einsch\u00e4tzung der \u00e4lteren Star Trek-Serien in Bezug auf ihren politischen Gehalt und ihr utopisches Defizit ist allerdings in einer Hinsicht zu relativieren: Die H\u00fcrden f\u00fcr utopisches Denken sind zahlreich, auch der Zukunftsforschung sind die Schwierigkeiten bei der Ausarbeitung plausibler utopischer Entw\u00fcrfe bekannt. Dazu bedarf es beispielsweise der Zusammenarbeit unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen, einer langfristigen Sichtweise, und einem Denken in komplexen und dynamischen Zusammenh\u00e4ngen. Mit besonderen Methoden versuchen Zukunftsforscher dieses Ziel zu erreichen. Die Nutzung solcher Erkenntnisse kann von Science Fiction-Serien nicht erwartet werden, denn letztere werden auf den vermuteten Unterhaltungsbedarf des Publikums zugeschnitten. Grundsatzkritik, Infragestellung von Selbstverst\u00e4ndlichem, und &#8222;radikal Neues&#8220; wird meist nur in vorsichtig dosierter und oberfl\u00e4chlicher Weise angeboten, um die Vermarktungschancen und Gewinnspannen zu maximieren.<\/p>\n<p>Das in der Classics-Serie von Star Trek aufgesp\u00fcrte Defizit an politischen Utopien und die darin vermittelte Ideologie des &#8222;weiter so&#8220; scheint in diesem Ausma\u00df allerdings unn\u00f6tig. Die neuen Star Trek-Serien bieten eine Kost an, die weiterhin technikfixiert, aber hinsichtlich des &#8222;Politischen&#8220; schon komplexer und anregender ist. Interessante politisch-gesellschaftliche Utopieangebote k\u00f6nnen wir davon aber auch nicht erwarten. Wir sollten daher unsere eigenen Erfahrungen, Hoffnungen und Phantasien ausprobieren.<br \/>Der Verlust von Utopien wird in h\u00e4ufig beklagt. Selbst der Zusammenbruch der osteurop\u00e4ischen realsozialistischen Systeme brachte nicht den von manchen erhofften Schwall neuer utopischer gesellschaftlicher Entw\u00fcrfe. Das Kreieren und Formulieren solcher Utopien scheint eine \u00e4u\u00dferst voraussetzungsvolle Aufgabe zu sein. Denn immerhin sind gerade auch im Bereich des Science Fiction innovative Gesellschaftsentw\u00fcrfe \u00e4u\u00dferst rar. In den popul\u00e4ren Werken dieser Kulturgattung werden recht eindimensionale Projektionen dargeboten. Ein besonders pr\u00e4gnantes Beispiel f\u00fcr diese Art Denktr\u00e4gheit bietet die Classic-Serie von Star Trek, die immer wieder in den Fernsehprogrammen ausgestrahlt wird.<\/p>\n<p>In diesem Beitrag sollen drei Aspekte untersucht und er\u00f6rtert werden. Erstens: Ob und in welcher Weise wird Politik in den ersten beiden Star Trek Serien &#8222;Classic&#8220; und &#8222;The Next Generation&#8220; thematisiert. &#8222;Politik&#8220; wird dabei weit gefa\u00dft und verstanden als individuelle oder kollektive Durchsetzung von Interessen, wobei die prozessuale (politics), die institutionelle (polity) und die inhaltliche (policy) Dimension ber\u00fccksichtigt werden. Zweitens: Ob und inwiefern werden in den Classic-Serien von Star Trek gesellschaftliche Utopien gezeigt? Drittens: Welches sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr den weitgehenden Mangel an gesellschaftlichen Utopien selbst in Science Fiction-Filmen und dar\u00fcber hinaus?<\/p>\n<p>Nun mag es verwundern, in der US-Serie Star Trek nach politischem Gehalt zu forschen. Aber bereits der bundesdeutsche Filmemacher Wim Wenders hat einmal sinngem\u00e4\u00df gesagt, da\u00df gerade diejenigen Filme, die vorgeben sie seien unpolitisch, eigentlich eminent politisch sind, denn mit jeder Einstellung &#8222;proklamierten&#8220; sie, so wie es ist, m\u00fcsse es bleiben. In \u00e4hnlicher Weise lie\u00dfe sich dies auf Science Fiction-Werke \u00fcbertragen, wenn gerade dort gesellschaftliche Utopien nicht gezeigt werden. Die Frage nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr das verbreitete Utopiedefizit ist gerade in einer Zeit der Krisen und Orientierungslosigkeit brisant. Deshalb bietet sich eine popul\u00e4re SF-Serie wie Star Trek an, um einige Hemmnisse f\u00fcr utopische Entw\u00fcrfe aufzudecken und zu diskutieren.<\/p>\n<p>Zu untersuchen ist konkret, wie verschiedene Grundaspekte des Politischen, beispielsweise Interesse und Macht, in Star Trek implizit oder explizit gezeigt werden. Nach einer einf\u00fchrenden Charakterisierung von Star Trek sollen deshalb drei wesentliche Bereiche von Star Trek nach ihrem politischen Gehalt betrachtet werden: das Verh\u00e4ltnis der Raumschiffcrew zur Heimat, die Verh\u00e4ltnisse innerhalb der Crew und das Au\u00dfenverh\u00e4ltnis. Durch Darstellung der politisch &#8222;blinden Flecken&#8220; einerseits und der in den Filmen thematisierten Aspekte andererseits werden einige politische Elemente von Star Trek ausgew\u00e4hlt und auf ihren ideologischen Gehalt hin analysiert und diskutiert. Damit verbunden wird nach Fragmenten gesellschaftlicher bzw. politischer Utopien gesucht. Abschlie\u00dfend werden Faktoren er\u00f6rtert, die erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, warum soziale und politische Utopien auch in Star Trek einen sehr geringen Stellenwert einnehmen und welche etwaigen H\u00fcrden es zu \u00fcberwunden gilt &#8211; nicht nur im Feld der Science Fiction.<\/p>\n<p>Die Science Fiction-Serie Star Trek<\/p>\n<p>Mitten in der Vorbereitungszeit f\u00fcr das ehrgeizige Mondlandungsprogramm der USA (&#8222;Apollo&#8220;) entwarf der Ex-Weltkriegspilot Gene Roddenberry mit seiner Frau Majel Barrett-Roddenberry 1964\/65 die erfolgreichste Science Fiction-Serie aller Zeiten. Bislang wurden f\u00fcnf Serien (wie die &#8222;klassisch&#8220; genannte Raumschiff Enterprise, danach Next Generation, Deep Space Nine, Voyager) mit insgesamt 415 Folgen ausgestrahlt und acht Kinofilme gezeigt. Die eminente Popularit\u00e4t der Serie wird dar\u00fcber hinaus auch durch die weltweite Fangemeinde und das umfangreiche Devotionalienangebot offenkundig.<\/p>\n<p>Gerade die Science Fiction-Serie Star Trek kann in gewisser Weise als Nachfolger der Westernfilme angesehen werden. W\u00e4hrend Western vom Leben bzw. \u00dcberleben wei\u00dfer M\u00e4nner an einer &#8222;Grenze&#8220; (frontier) auf dem neuen Kontinent des Planeten Erde spielten, eilt(e) das Raumschiff Enterprise mit \u00e4hnlicher Intention an den Grenzen des Weltalls umher. Roddenberry pers\u00f6nlich hat Star Trek als &#8222;Wagon Train to the Stars&#8220; bezeichnet und verweist damit direkt auf die Tradition der Western.<\/p>\n<p>Zugleich, und \u00fcbereinstimmend mit der Funktion als spezifische Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr US-amerikanische Befindlichkeiten seit den sechziger Jahren, lassen sich insbesondere in der Classic-Serie zahlreiche Reminiszenzen finden, die auf zentrale Themen und Aspekte der zeitgen\u00f6ssischen US-Gesellschaft verweisen (kalter Krieg, B\u00fcrgerrechtsbewegung, etc.).<\/p>\n<p>Bei all dem mangelt es der Classic-Serie trotz ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zum Bereich Science Fiction allerdings sehr an Elementen gesellschaftlich-politischer Utopie, was in den drei folgenden Abschnitten genauer beschrieben wird.<\/p>\n<p>Das Heimatverh\u00e4ltnis der Enterprise<\/p>\n<p>\u00dcber die Heimat der Enterprise-Crew wird in den Star Trek-Episoden nur \u00e4u\u00dferst selten berichtet. Beispielsweise werden die \u00f6konomischen, sozialen, politischen oder kulturellen Verh\u00e4ltnisse auf der Erde nicht oder nur sehr rudiment\u00e4r beschrieben. Deutlich wird einzig, da\u00df im 23. Jahrhundert auf der Erde eine Vereinte Weltraumbeh\u00f6rde und eine Vereinte F\u00f6deration der Planeten existiert. Die sogenannte Sternenflotte und die Enterprise fungieren als deren milit\u00e4rischer Arm.<\/p>\n<p>Selbst Kommunikation mit der Heimat fehlt fast v\u00f6llig. Daher erscheinen die Star Trekker in ihrer Rolle als autonome Kreuzz\u00fcgler oder Entdeckungsreisende. Au\u00dferdem werden sie meist als geschichtslose Menschen dargestellt; Einblicke in ihre individuellen oder kollektiven Biographien erfolgen \u00e4u\u00dferst selten. So f\u00e4llt Geschichte und Geschichtsbewu\u00dftsein als Orientierungsraum oder Ma\u00dfstab f\u00fcr Entwicklungsprozesse aus.<\/p>\n<p>Nur die generelle Aufgabe der Enterprise-Crew wird immer wieder artikuliert. Als Einleitung jeder Sendung erfolgt die Proklamation \u00fcber die &#8222;Mission&#8220; der Enterprise: &#8222;Dies sind die Abenteuer des Raumschiffes Enterprise, das viele Lichtjahre entfernt unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen &#8230;&#8220; Unter Ber\u00fccksichtigung der verschiedenen Filme k\u00f6nnen der Enterprise-Besatzung zwei Aufgaben zugeordnet werden. Die erste besteht in der Sicherung der Au\u00dfengrenzen der F\u00f6deration. Zur zweiten Aufgabe geh\u00f6rt die Erkundung neuer galaktischer Regionen und Planeten. Die Mission der Enterprise ist demnach sowohl polizeilich-milit\u00e4rischer als auch wissenschaftlich-forschender Art. Zu diesem Zweck ist sie grunds\u00e4tzlich auf Schutz und Verteidigung der bestehenden Grenzen und allem Anschein nach auch der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse ausgerichtet. So res\u00fcmiert beispielsweise Captain Kirk, der Chef der Enterprise-Crew, am Ende seines erfolgreichen letzten Fluges mit der Enterprise stolz: &#8222;Wieder einmal haben wir unsere Zivilisation gerettet.&#8220; Dies kann wohl eher als traditionelle denn als utopische Haltung interpretiert werden.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang spielt die &#8222;Hauptdirektive&#8220; der F\u00f6deration eine herausragende Rolle. Sie stellt eine Art von Verhaltenskodex f\u00fcr die Crew der Enterprise dar, die sie als rechtliche Grundlage ihrer Aktivit\u00e4ten zu beachten hat. Die Anwendung und Einhaltung der Hauptdirektive ist jedoch h\u00e4ufig umstritten und wird immer wieder problematisiert, wie weiter unten ausgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Die Personen von Star Trek, zumindest die wichtigsten Mitglieder der Crew, stellen eine neue Art von Volkshelden dar. Sie m\u00fcssen bzw. wollen immer neue Abenteuer in den Weiten des Weltraums bestehen, allerdings mit althergebrachten Tugenden, wie wir sie beispielsweise aus Westernfilmen kennen. Der Weltraum erscheint dabei als moderne Wildnis, als Chiffre f\u00fcr das Andere. Die Grenze zwischen Innen und Au\u00dfen, zwischen Zivilisation und Barbarei, zwischen &#8222;Wir&#8220; und &#8222;Ihnen&#8220;, das Wahrnehmungs- und Denkmuster der Unterscheidung zwischen Gut und B\u00f6se wird in allen Filmen immer wieder neu thematisiert und reproduziert.<\/p>\n<p>Also auch in dieser Hinsicht lassen sich Parallelen zu Westernfilmen ziehen, genauer: zur allm\u00e4hlichen Westausdehnung der Wei\u00dfen in Nordamerika w\u00e4hrend der letzten Jahrhunderte. Damals drangen zur Unterwerfung und Kontrolle der Indianer wei\u00dfh\u00e4utige Abenteurer und Soldaten in Indianergebiete ein und brachten &#8222;die Zivilisation&#8220; mit. In dieser Parallele zur Geschichte der USA wird der Name Star Trek auch inhaltlich verst\u00e4ndlich: \u00c4hnlich wie der alte Trek der nordamerikanischen Siedler nach Westen, &#8222;zur Frontier&#8220; und dar\u00fcber hinaus fliegen die Star Trek Helden in die \u00e4u\u00dfersten Quadranten des bekannten Weltraums. \u00c4hnlich wie in Western wird nur selten deutlich, von welchen Motiven, Interessen und Triebkr\u00e4ften diese mutigen Typen getrieben werden<br \/>bzw. wovon sie sich treiben lassen. Zumindest in der Classic-Serie kommt dies nicht zur Sprache.<\/p>\n<p>Neben diesen inhaltlichen und dramaturgischen \u00c4hnlichkeiten zwischen der Geschichte bzw. Gegenwart in den USA und der \u00c4ra Star Trek im 23. Jahrhundert werden auch im Bereich der Symbolik und Ausstattung Parallelen benutzt. So stellt das Emblem des Pr\u00e4sidenten der Planetenf\u00f6deration in Star Trek eine Mischung aus dem heutigen UN-Emblem und dem Hoheitszeichen des US-Pr\u00e4sidenten dar.<\/p>\n<p>Binnenverh\u00e4ltnis<\/p>\n<p>Innerhalb der Enterprise, im Bereich der Arbeits- und Lebensweise, werden ebenfalls keinerlei utopische Rollen gezeigt oder ausprobiert. Die Hierarchien und Verhaltensstrukturen innerhalb der Crew der Enterprise werden als stabil und frei von grundlegenden bzw. ernsthaften Konflikten dargestellt. Au\u00dfer einigen kameradschaftlichen Sticheleien herrschen in der Enterprise auch zwischen den Vertretern unterschiedlicher Hierarchieebenen, Geschlechtern und Ethnien Grundkonsens, Akzeptanz und Friedfertigkeit. Das zum Ausdruck kommende Menschenbild ist in einseitiger Weise positiv. Die Individuen der Crew werden als unproblematische Menschen dargestellt, die keine destruktiven Pers\u00f6nlichkeitsanteile ausgebildet haben. Aus diesem Grunde kann das Problematische und B\u00f6se, das in den Episoden immer wieder auftaucht, nur au\u00dferhalb des Raumschiffes existieren und nur aus den Weiten des Weltalls kommen. Dementsprechend stammen s\u00e4mtliche Herausforderungen und Aktivit\u00e4ten aus der Interaktion mit anderen Raumschiffen und Lebewesen. Lediglich &#8222;Fremd&#8220;-Einwirkung generiert Probleme und Konflikte: diese naive, antiquierte und heute noch weit verbreitete Einsch\u00e4tzung gilt demnach auch noch in 200 Jahren &#8230;<\/p>\n<p>Das &#8222;ethnisch Fremde&#8220; wurde allerdings in zunehmendem Ma\u00dfe in die EnterpriseBesatzung integriert &#8211; je j\u00fcnger die Episode, umso deutlicher ist dies. Somit tauchen immer exotischere Figuren als Teil der Crew auf, und es etablierte sich eine entsprechende Multikulturalit\u00e4t. Diese hatte zur Zeit der ersten Ausstrahlungen durchaus avantgardistische Qualit\u00e4ten, erhielt realen Input durch die &#8222;Rassenintegration&#8220; in der US-Armee der sechziger Jahre.<\/p>\n<p>An Bord der Enterprise herrscht \u00fcblicherweise milit\u00e4rische Hierarchie und eine Arbeitsatmosph\u00e4re wie heute zum Beispiel auf Flugzeugtr\u00e4gern. Trotz der gelegentlich auftretenden und mit beschr\u00e4nkten Kompetenzen ausgestatteten Frauen handelt es sich bei Star Trek insbesondere in den ersten Serien um eine Art von M\u00e4nnerbund, in dem unterschiedliche m\u00e4nnliche Charaktermerkmale zum Tragen kommen. Als Prototyp der Classic-Serie kann Captain Kirk gelten, der trotz (oder wegen?) seiner Position als Kommandant des Raumschiffes Enterprise in zahlreichen Episoden als Abenteurer auftritt. Durch Entscheidungen und Ma\u00dfnahmen, die manchmal die Grenzen der Legalit\u00e4t \u00fcberschreiten, agiert er erfolgreich und meistert s\u00e4mtliche Aufgaben und Herausforderungen. Selten nur werden die daraus resultierenden Konflikte mit der F\u00f6deration der Planeten dargestellt, manchmal wird angedeutet, da\u00df er bei erfolgreichen Missionen trotz illegaler Aktionen &#8211; wie unter richtigen M\u00e4nnern &#8211; kameradschaftlich und augenzwinkernd gelobt wird und dadurch besondere Anerkennung genie\u00dft.<\/p>\n<p>Das gelegentliche riskante oder gar illegale Verhalten von Captain Kirk erfolgt vornehmlich in gef\u00e4hrlichen Ausnahme- und Krisensituationen. F\u00fcr die Abwehr von Bedrohungen des Systems, die nur von au\u00dfen zu bef\u00fcrchten sind, k\u00f6nnen also illegale Ma\u00dfnahmen ergriffen werden, das hei\u00dft, es m\u00fcssen keine strukturver\u00e4ndernden internen Ma\u00dfnahmen ergriffen werden. Im Gegenteil: nach jeder erfolgreichen Abwehr von \u00e4u\u00dferen Gefahren kann die eigene Identit\u00e4t und Kultur gefestigt werden als eine Art von Sieg \u00fcber die Wandlungsanma\u00dfungen.<\/p>\n<p>Als Alternativmodell m\u00e4nnlicher Charaktere steht dem Abenteurer Kirk am anderen Ende des Verhaltensspektrums ein menschen\u00e4hnliches Lebewesen gegen\u00fcber, dessen Loyalit\u00e4t und sogar Freundschaft zu Kirk zweifelsfrei bleibt: der Vulkanier Spock. Mit seinem hochintellektuellen Habitus, seiner durchg\u00e4ngig rational-trockenen Haltung und seinen spitzen Ohren repr\u00e4sentiert er andere m\u00e4nnliche Verhaltensdispositionen als Kirk. Als &#8222;komplement\u00e4re&#8220; Elemente fehlen eigentlich &#8222;nur noch&#8220; sensible, emotionale und \u00e4hnliche &#8222;weibliche&#8220; Verhaltensweisen, die in der Classic-Serie stark unterbelichtet sind.<\/p>\n<p>In den neueren Serien allerdings, das sei angemerkt, werden diese konservativ-patriarchalen Rollenverteilungen etwas aufgel\u00f6st. Das zeigt sich beispielsweise bei einem Vergleich der F\u00fchrungsstile von Captain Kirk und seinem Nachfolger Picard (in der Serie &#8222;Next Generation&#8220;). Die beiden Raumschiffkommandanten sind charakterm\u00e4\u00dfig sehr unterschiedlich. Picard spielt nicht einen abenteurerhaften, sondern einen besonnenen und sehr reflektierten Kommandeur. Bemessen an den vielf\u00e4ltigen und wohl auch komplizierten Aufgaben der Enterprise verf\u00fcgt die Crew erstaunlicherweise \u00fcber keinen erw\u00e4hnenswerten Stab nicht-technischer Experten (wie z.B. V\u00f6lkerkundler, Kulturwissenschaftler, Mediatoren). Zur Entscheidungsfindung dienen keine Gruppenberatungen geschweige denn Vollversammlungen, sondern meist nur bilaterale Besprechungen oder Debatten; R\u00fcckfragen zur Erde bzw. zur F\u00f6deration kommen nicht vor. Nur Computer unterst\u00fctzen die Entscheidungsfindung durch Lieferung von Daten und Wissen. Selbst der Konferenzraum von Captain Jean-Luc Picard wird nur einmal bei einer Personalentscheidung kollektiv genutzt, suggeriert aber &#8211; im Unterschied zu Captain Kirk &#8211; gleichwohl Teamwork und erscheint als Reminiszenz an demokratische Verfahren oder kollektive Beratungen.<\/p>\n<p>Wie bereits f\u00fcr das Heimatverh\u00e4ltnis der Enterprise konstatiert, wird \u00fcber soziale Verh\u00e4ltnisse und Hintergr\u00fcnde wenig gezeigt und ausgesagt. \u00dcber die Erwerbsarbeit, die Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse und Arbeitszeitsysteme, \u00fcber Familien- bzw. Beziehungsleben, Freizeit und Urlaub, \u00fcber Kunst und Kultur (die Serie ist \u00fcbrigens im Vergleich mit vielen anderen Science Fiction-Filmen \u00e4u\u00dferst arm an Musik) wird kaum ein Wort oder eine Szene verloren. In welcher Weise gesellschaftlicher Reichtum erzeugt und ausgetauscht wird, verbleibt unklar. Demokratische Prozesse und Willensbildung u.\u00e4. wird nicht thematisiert; kollektive Interessenvertretung, Wahlen, Abstimmungen, etc., also allesamt Mechanismen zur Kl\u00e4rung von Handlungsoptionen und Regeln und organisierte Formen letztendlich zur erfolgreichen Meisterung der komplizierten Lebensprozesse, finden nicht statt bzw. werden nicht gezeigt. Oppositionelles Denken und Verhalten kommt daher auch nicht vor. Unterschiedliche Interessen und Machtkonstellationen bleiben im Dunkeln, Geschlechterverh\u00e4ltnisse und Sexualit\u00e4t sind tabu. Die existierende Ordnung gilt dadurch als selbstverst\u00e4ndlich. Dies wiederum wirkt einerseits steril, andererseits aber sicher, weil es f\u00fcr die Zuschauer keinerlei pers\u00f6nliche Herausforderung bedeutet. Gesellschaftlich-politische Utopien kommen nicht vor.<\/p>\n<p>Au\u00dfenverh\u00e4ltnis<\/p>\n<p>Die beiden Hauptfunktionen der Enterprise sind zum einen die Verteidigung der Au\u00dfengrenzen der F\u00f6deration und zum zweiten die Erkundung neuer galaktischer R\u00e4ume. Beide Funktionen bringen es mit sich, da\u00df Kontakte mit Lebewesen anderer Zivilisationsformen und Entwicklungsstufen eingegangen und gestaltet, da\u00df also Differenzen und Ungleichzeitigkeiten \u00fcberbr\u00fcckt werden m\u00fcssen. Von grunds\u00e4tzlicher Bedeutung f\u00fcr die Au\u00dfenkontakte ist die oben erw\u00e4hnte &#8222;Hauptdirektive&#8220; der F\u00f6deration. Diese ist vergleichbar mit dem Prinzip der &#8222;Nichteinmischung&#8220; wie es in heutigen internationalen Organisationen wie der UN festgeschrieben ist. Danach ist es nur unter bestimmten Bedingungen und in bestimmten Ausnahmesituationen gestattet, sich in die internen Angelegenheiten anderer (Mitglieds-)L\u00e4nder einzumischen. Im 23. Jahrhundert gilt der Grundsatz der Nichteinmischung nicht nur gegen\u00fcber den Mitgliedern der F\u00f6deration, sondern auch gegen\u00fcber Nichtmitgliedern. Dementsprechend ist es den Mitgliedern der Sternenflotte gem\u00e4\u00df der Hauptdirektive nicht gestattet, in die Entwicklung anderer Kulturen direkt oder indirekt einzugreifen. Die eigenst\u00e4ndige, nat\u00fcrliche Entwicklung darf demnach nicht gest\u00f6rt oder beeinflu\u00dft werden. Aber insbesondere Captain Kirk interpretiert die Hauptdirektive gelegentlich etwas sehr weit und \u00fcbergeht sie von Fall zu Fall. Er begr\u00fcndet dies damit, da\u00df er den anderen V\u00f6lkern aufgrund seiner Erfahrungen mit der Geschichte der Menschen harte Umwege und unn\u00f6tiges Leid ersparen und der Freiheit zum Durchbruch verhelfen m\u00f6chte &#8211; \u00fcbrigens eine geradezu leninistische oder maoistische Haltung.<\/p>\n<p>Fast ohne Ausnahme handelt die Enterprise-Crew aus einer Position der zivilisatorisch-technischen \u00dcberlegenheit heraus. Die Kameraf\u00fchrung untermauert diese einseitige Sicht der Enterprise-Crew, die in jeder Situation aus der Perspektive der St\u00e4rke denkt und handelt und auch nicht aus anderer alternativer Sicht gezeigt wird. Aus ihrer Position erscheinen andere Kulturen und Lebensweisen als unterentwickelt und defizit\u00e4r. Eine in \u00e4hnlicher Weise kritische Sicht auf die eigene Kultur, auf das eigene Tun und Lassen wird jedoch nie entwickelt und zu einem Dialog entfaltet. Entsprechend simpel sind zu Beginn der Serien die Feindbilder. Sie verk\u00f6rpern das geschichtslose B\u00f6se schlechthin. Warum die Anderen so b\u00f6se Wesen wurden, ihre Beweggr\u00fcnde, Motivationen, Interessen und Hintergr\u00fcnde werden nicht beleuchtet. In den sp\u00e4ten Folgen der ClassicSerie sind die Feindbilder etwas differenzierter, nun sind es oft Lebewesen und Kulturen, die andere gesellschaftliche Vorstellungen haben und tyrannisch regiert werden. Doch auch hier werden &#8222;Fremde&#8220; und &#8222;Andersdenkende&#8220; nach den \u00fcblichen Klischees mit Masken und Kost\u00fcmen &#8222;kenntlich gemacht&#8220;. Das zivilisatorische und humanit\u00e4re Ziel des &#8222;Verstehen&#8220; wird weder angestrebt noch m\u00f6glich gemacht oder erleichtert.<\/p>\n<p>Mit einer solchen Projektion des &#8222;B\u00f6sen&#8220; nach Au\u00dfen, die wohl nur zum Teil der Aufgabenstellung der Enterprise geschuldet ist, wird von eigenen immanenten Problemen und Defiziten abgelenkt. Es herrschen nach au\u00dfen gerichtete und au\u00dfengelenkte und extrovertierte Muster der Identit\u00e4ts- und Sinnsuche vor, was wiederum als expansiv-maskuliner Modus definiert werden kann. Statt unterschiedliche Sicht- und Lebensweisen deutlich darzustellen und alternative Entwicklungspfade aufzuzeigen, steht klischeebeladene Unterhaltung eindeutig im Vordergrund. Polititsche Utopien fehlen auch in diesem Bereich der Star Trek-Classic-Serie.<\/p>\n<p>Ideologischer Gehalt<\/p>\n<p>Wie sich oben zeigte, werden in den fr\u00fchen Star Trek-Episoden \u00e4u\u00dferst selten politische Themen offen angesprochen. Doch gerade deshalb ist es spannend, die in den Filmen unterschwellig verbreiteten Ideologieelemente n\u00e4her zu betrachten.<\/p>\n<p>In verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten \u00fcber Star Trek ist herausgestellt worden, da\u00df diese US-Serie u.a. dazu beitr\u00e4gt, den &#8222;American Dream&#8220; im Kontext moderner Zeiten und Verh\u00e4ltnisse neu zu definieren. So finden sich zahlreiche politische Elemente des American Dream in Star Trek wieder, wie zum Beispiel der missionarische Eifer zur Weltverbesserung und die (zeitweilig arrogante) Haltung der \u00fcberlegenen Zivilisation.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es unz\u00e4hlige Analogien mit realen Zust\u00e4nden und Geschehnissen in den USA der 60er und 70er Jahre. Beispielsweise wird die F\u00f6deration im 23. Jahrhundert als Weltpolizist dargestellt. Auch der Krieg der USA in Vietnam wird &#8222;gespielt&#8220;, wie zum Beispiel in der Episode &#8222;A Private Little War&#8220;. In dieser Episode sind zahlreiche Analogien identifizierbar: Die F\u00f6deration ist vergleichbar mit den USA, die Klingonen repr\u00e4sentieren die Einwohner der UdSSR, das Bergvolk weckt Assoziationen mit S\u00fcdvietnamesen, die Dorfbewohner stellen die Nordvietnamesen dar, und die Person Apella repr\u00e4sentiert Ho Chi Minh.<\/p>\n<p>Die \u00dcberheblichkeit der wei\u00dfen m\u00e4nnlichen Eliten wird an einem Dialog zwischen dem Vulkanier Spock und Doktor McCoy in dem Film &#8222;The Apple&#8220; nachvollziehbar. Spock: &#8222;Doctor, you insist an applying human standards to non-human cultures. I remind you that humans are only a tiny minority in this galaxy.&#8220; McCoy: &#8222;There are certain absolutes, Mr. Spock, and one of them is the right of humanoids to a free and unchained environment. The right to have conditions that permit growth.&#8220; Die Kehrseiten dieser &#8222;Arroganz der Macht&#8220;, die Perspektive von Nichtmenschen, werden nicht dargestellt, immer nur wird die Perspektive des St\u00e4rkeren eingenommen; vermutlich bringt genau das f\u00fcr Zuschauer eine gewisse Befriedigung durch simple Identifikation.<\/p>\n<p>Auffallend ist, da\u00df einige zentrale Aspekt von Gesellschaften weder in Wort noch Bild vorkommen. Insbesondere die \u00d6konomie findet keinerlei Erw\u00e4hnung, sogar von Geld wird \u00fcberhaupt nicht gesprochen, Macht- und Verteilungsfragen tauchen nicht auf, \u00d6kologie und Habitat sind kein Thema, zivilgesellschaftliche Strukturen und politische Organisationen existieren nur am Rande, systemimmanente Konflikte, geschweige denn Interessengegens\u00e4tze kommen nicht vor. Wichtige gesellschaftliche Gruppen wie Kinder und Senioren sind \u00fcberhaupt nicht, Frauen und Minderheiten nur unzureichend repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Aus diesen Beobachtungen lassen sich einige ideologische Muster ableiten, aus denen sichtbar wird, welche politisch relevanten Inhalte und Klischees in Star Trek transportiert werden. Hier sei nur ein zentrales Ideologiemuster diskutiert: der Vergleich mit alternativen Lebensweisen, Kulturen und Gesellschaftsordnungen in Star Trek.<\/p>\n<p>Dies wird in der Episode \u00fcber den &#8222;Gott der Mintakaner&#8220; sichtbar. Auf seinem Planeten sind alle Lebewesen zufrieden, es herrscht Friede, und die Leute glauben an einen Gott. Aber der Enterprise-Besatzung mi\u00dff\u00e4llt dieses Paradiesmodell. Erstens verurteilen sie die herrschende Unterw\u00fcrfigkeit und Gehorsamkeit der Mintakaner. Zweitens fehlt Ihnen dort eine dynamische und mit M\u00fchen betriebene Entwicklung (ggf. als Synonym oder Metapher f\u00fcr Wirtschaftswachstum?) und Fortschritt. Verglichen mit dem f\u00fcr die Crew gewohnten Individualismus, dem Erfolgsdenken, dem Leistungsstreben, der technologischen Dynamik erscheint ihnen dieses Paradies als stagnierende und unterentwickelte Lebensform, in der nur das Kollektiv z\u00e4hlt, Einzelne nichts.<\/p>\n<p>Interessanterweise ist in all den Episoden noch niemand ernsthaft auf die Idee gekommen, die Lebensweise der Enterprise bzw. F\u00f6deration radikal in Frage zu stellen. Das hei\u00dft, am Allgemeing\u00fcltigkeitsanspruch der irdischen &#8211; also der US-amerikanischen &#8211; Lebensweise wird nicht ger\u00fcttelt. Sie wird als am weitesten entwickelt, als Ma\u00dfstab und Vorbild zur allgemeinen Nachahmung empfohlen. Kehrseite ist, da\u00df diese Haltung der F\u00f6deralen ihre mangelnde und defizit\u00e4re Selbstreflexion (und die der Zuschauerinnen) zementiert und die soziale und politische Reifung hemmt.<\/p>\n<p>Aus den meisten Classics-Episoden l\u00e4\u00dft sich schlie\u00dfen, da\u00df die irdische &#8211; das hei\u00dft die US-amerikanische &#8211; Zivilisation als die beste aller Welten angesehen werden mu\u00df. Fazit der politisch-sozialen Aspekte der Ideologie von Star Trek: Das Eigene ist gut. So wie es ist, soll es bleiben. Akzeptable Alternativen zum Bestehenden gibt es keine. Gesellschaftliche Utopien werden nicht ben\u00f6tigt. Fortschritt ist nur als technischer Fortschritt begreifbar, sinnvoll und w\u00fcnschbar.<\/p>\n<p>Doch genau an diesem Punkt deutet sich ein grundlegender Widerspruch an, der sich in der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit, also im Verlauf der Zivilisationsgeschichte zeigte und auf den Wissenschaftler immer wieder kritisch hingewiesen haben: das Auseinanderklaffen zwischen technischen Fertigkeiten und menschlichen F\u00e4higkeiten. Dieser Widerspruch wird in Star Trek in einer Episode der Classics-Serie besonders deutlich. Dort wird ein Mann namens Gary Seven unbeabsichtigt an Bord der Enterprise gebeamt. Er befindet sich auf dem Weg zur\u00fcck in die Vergangenheit, um die Erde am Ende des 20. Jahrhunderts vor dem Untergang zu retten, der aufgrund verschiedener selbstzerst\u00f6rerischer Prinzipien unausweichlich scheint. Ein gravierendes Problem besteht seiner Auffassung nach darin, da\u00df &#8222;Earth technology and science have progressed faster than political and social knowledge.&#8220; Auch Captain Kirk<br \/>\u00e4u\u00dfert \u00e4hnliches in der Episode &#8222;A Private Little War&#8220;: &#8222;We once were as you are. Spears and arrows. Came a time when our weapons grew faster than our wisdom, and we almost destroyed ourselves. We learned from this to make a rule during all of our travels: never to cause the same to happen to other worlds.&#8220; Dieses &#8222;selbstzerst\u00f6rerische Grund\u00fcbel&#8220; scheint demnach im 23. Jahrhundert immer noch zu bestehen und von Star Trek nicht \u00fcberwunden zu sein.<\/p>\n<p>Allerdings kommen in einigen Star Trek Episoden auch progressive Prinzipien facettenhaft vor, die eine fortgeschrittene und reife politische Kultur auch in Zukunft kennzeichnen werden: Pluralismus, Toleranz, Multikulturalismus. In einigen Hinsichten war die Enterprise sogar Vorreiter in den USA der sechziger Jahre: Eine Afroamerikanerin wurde in die Crew aufgenommen, w\u00e4hrend im Lande schlimme Rassenunruhen tobten. Und in der Folge &#8222;Das unentdeckte Land&#8220; klingt sogar leichte Selbstkritik an der zeitgen\u00f6ssischen Zivilisation und Politik an. Der wei\u00dfhaarige Pr\u00e4sident der F\u00f6deration h\u00e4lt zu Beginn einer Friedenskonferenz eine Rede und sagt darin unter anderem: &#8222;Lassen Sie uns den Begriff Fortschritt neu definieren in dem Sinne, da\u00df es nicht unbedingt notwendig ist etwas zu tun, nur weil wir in der Lage sind, auf diesem Gebiet etwas zu tun.&#8220; Damit wurde ein zentrales Element von Hans Jonas&#8216; Prinzip Verantwortung zum Ausdruck gebracht.<\/p>\n<p>Derartige Offenheit und Reflektiertheit wird in den neueren, hier aber nicht ber\u00fccksichtigten, Star Trek-Serien &#8222;Deep Space Nine&#8220; und &#8222;Voyager&#8220; h\u00e4ufiger sichtbar. Sie sind allem Anschein nach pluraler und mit einem demokratischeren Geist angereichert. Doch auch ihnen mangelt es in hohem Ma\u00dfe an Elementen gesellschaftlicher Utopie.<\/p>\n<p>Der Mangel an gesellschaftlichen Utopien<\/p>\n<p>Anhand der Classic-Serie von Star Trek wurde versucht, exemplarisch nachzuweisen, da\u00df diese als unpolitisch angesehenen Filme einerseits eminent politisch sind und andererseits trotz des Anspruches, Science Fiction zu sein, gerade gesellschaftliche Utopien v\u00f6llig ignorieren. Au\u00dfer technischen Utopien werden f\u00fcr den Bereich des menschlichen Zusammenlebens, insbesondere f\u00fcr politische Strukturen und Prozesse, keinerlei Ideen entwickelt und keinerlei Entw\u00fcrfe skizziert.<\/p>\n<p>In dieser Art der Science Fiction wird so getan, als w\u00e4re das menschliche Zusammenleben und dessen Regelung auch in dreihundert Jahren noch nach denselben oder \u00e4hnlichen Prinzipien und Ma\u00dfst\u00e4ben organisiert wie im heutigen zwanzigsten Jahrhundert. Vielleicht mu\u00df man bei dieser kritischen Betrachtung dreihundert Jahre zur\u00fcckgehen, um die politische Naivit\u00e4t bzw. Phantasielosigkeit (oder Ignoranz) dieser Serie zu ermessen: Die politischen Strukturen vor der Zeit der US-amerikanischen oder der franz\u00f6sischen Revolution w\u00e4ren dementsprechend in der damaligen Science Fiction bis heute verl\u00e4ngert worden!<\/p>\n<p>Woraus resultiert nun dieses eklatante Defizit hinsichtlich gesellschaftlich-politischer Utopien? In Bezug auf Star Trek lassen sich einige spezifische Gr\u00fcnde benennen.<\/p>\n<p>Im &#8222;Star Trek Guide for writers&#8220; ist erkl\u00e4rt, da\u00df die Menschheit im 23. Jahrhundert eine gewisse Art von Zusammenhalt und Einigkeit gefunden hat, da\u00df aber Details der Politik auf der Erde m\u00f6glichst nicht erw\u00e4hnt werden sollten. Dies wird leider nicht weiter begr\u00fcndet. Des weiteren antwortet der Guide auf die Frage, ob sich denn die Bed\u00fcrfnisse der Menschen hinsichtlich Nahrung, k\u00f6rperliche Liebe, Schlaf, etc. bis zum 23. Jahrhundert nicht ver\u00e4ndert haben w\u00fcrden: &#8222;Probably. But remember, the only Westerns which failed miserably were those which authentically portrayed the men, values, and morals of 1870. The audience applauds John Wayne playing what is essentially a 1966 man.&#8220; Der vermeintliche apolitische Geschmack des zahlungsf\u00e4higen Publikums und der damit verbundene Erfolg und Profit der TV-Serie werden als Legitimation f\u00fcr die Gestaltung der Rollen und Plots herangezogen.<\/p>\n<p>Im utopischen Defizit der Star Trek-Serien spiegelt sich meines Erachtens ein weit verbreitetes, allgemeines Defizit an gesellschaftlichen Utopien. In unseren Gesellschaften existieren verschiedene Ursachen f\u00fcr die verbreitete Schwierigkeit, soziale Utopien zu entwerfen und zu kultivieren. Hier seien einige skizziert.<\/p>\n<p>Allgemein werden langfristige Perspektiven vom permanenten \u00dcberlebenskampf und den allt\u00e4glichen Routinen versch\u00fcttet. Das kurzfristige \u00dcberleben, insbesondere im wirtschaftlichen Bereich, l\u00e4\u00dft langfristiges Denken und Handeln besonders luxuri\u00f6s erscheinen.<\/p>\n<p>Aufgrund der durch die herrschende Sozialisationspraxis und aktuelle Zw\u00e4nge kultivierten Selbstentfremdung sind viele Menschen nicht gewohnt, ihre ureigensten Bed\u00fcrfnisse wahrzunehmen, anzuerkennen, zu reflektieren und zu artikulieren. Gerade das Bewu\u00dftsein gegen\u00fcber Bed\u00fcrfnissen und R\u00e4ume zu deren Artikulation sind Voraussetzung f\u00fcr utopisches Denken. Ein weiteres Hemmnis sind die \u00fcblichen M\u00fchen kollektiven Engagements und demokratischer Aktivit\u00e4ten. Sie werden durch die zunehmende Individualisierung und die damit verbundene &#8222;instant satisfaction&#8220; f\u00fcr die derart sozialisierten Individuen &#8222;zu teuer&#8220;. Die M\u00fche kollektiver Aktion und nachhaltiger Partizipation wird gescheut.<\/p>\n<p>Das in den meisten \u00e4lteren Star Trek-Folgen festgestellte &#8222;Politik-Defizit&#8220; korrespondiert mit einem prinzipiellen Merkmal b\u00fcrgerlicher Gesellschaften: der Ideologie, da\u00df die Verh\u00e4ltnisse, so wie sie sind, auch weiterhin existieren werden. Der Status quo wird nicht als historische Periode, sondern absolut gesetzt (Fukuyamas These vom Ende der Geschichte nach 1989 ist ein prononciertes aktuelles Beispiel f\u00fcr diese Haltung).<\/p>\n<p>In vielen Science Fiction- und noch st\u00e4rker in anderen Kulturerzeugnissen werden Ver\u00e4nderungen h\u00e4ufig nur in technischer oder pers\u00f6nlicher Hinsicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten oder erwartet. Macht- und Herrschaftsstrukturen, Ausbeutungsprozesse und ungerechte Verh\u00e4ltnisse werden weder theoretisch noch praktisch angetastet. Daraus ergibt sich auch als &#8222;Ausweichstrategie&#8220; entweder die zunehmende Personalisierung oder die Entfremdung von Politik.<\/p>\n<p>Angesichts der von Kirk angedeuteten Notwendigkeit, da\u00df auf der Erde statt technologischer eher politisch-soziale Innovationen notwendig sind, um das \u00dcberleben der Menschheit zu erm\u00f6glichen, stimmt das Ergebnis der vorliegenden \u00dcberlegungen &#8211; da\u00df politische Utopien in den \u00e4lteren Episoden der SF-Serie Star Trek derart unterbelichtet und unterentwickelt sind &#8211; bedenklich. Schlimmer noch: Gerade die offengelegte Ideologie des &#8222;weiter so&#8220; erm\u00f6glicht und unterst\u00fctzt unser Weitertreiben in &#8222;stille Katastrophen&#8220; (Charles Perrow).<\/p>\n<p>Eine Basis bzw. Bedingung f\u00fcr den Mangel an politischen Utopieentw\u00fcrfen ist die Ignoranz gegen\u00fcber systemimmanenten Problemen und strukturellen Konflikten.<\/p>\n<p>Resumie<\/p>\n<p>Bei der Suche nach dem Politischen und Utopischen in der Star Trek-Classic Serie wurde gezeigt, da\u00df dort das Politische und Utopische selten in offener Weise thematisiert, aber dennoch massive politisch-ideologische Inhalte vermittelt werden. Zweitens ist das Politische in Star Trek weit weniger phantasievoll entwickelt als die dargebotenen technischen Neuheiten. Drittens beinhalten die Star Trek-Episoden in Bezug auf das Politische nichts Utopisches, sie zeigen weder Organisationsformen oder Verfahren, die \u00fcber heute existierendes hinausgehen, noch werden alternative Lebensweisen und Gesellschaftssysteme ausf\u00fchrlich und einf\u00fchlsam gezeigt und ernsthaft mit den eigenen verglichen. Im Gegenteil, einige Episoden dienen der lapidaren Ablehnung alternativer gesellschaftlicher Konzeptionen. So gesehen kann Star Trek als Propagandist des American Way of Life betrachtet werden, der vor allem in Zeiten des Kalten Krieges entsprechende Feindbilder spiegelte und vermutlich entsprechende Haltungen reproduziert(e). Wichtige Elemente der hegemonialen US-amerikanischen Ideologie finden sich in den Serien wieder, Denkmuster und Ideologieelemente des &#8222;American Way of Life&#8220; dominieren die Episoden: ausgepr\u00e4gter Individualismus, der Ethos des einzelnen maskulinen Helden, m\u00e4nnerb\u00fcndischer-milit\u00e4rischer Teamgeist, Technikfixiertheit und entsprechende filmische Effekte, Antikommunismus, Entpolitisierung und scheinbare Entideologisierung.<\/p>\n<p>Die hier ge\u00e4u\u00dferte kritische Einsch\u00e4tzung der \u00e4lteren Star Trek-Serien in Bezug auf ihren politischen Gehalt und ihr utopisches Defizit ist allerdings in einer Hinsicht zu relativieren: Die H\u00fcrden f\u00fcr utopisches Denken sind zahlreich, auch der Zukunftsforschung sind die Schwierigkeiten bei der Ausarbeitung plausibler utopischer Entw\u00fcrfe bekannt. Dazu bedarf es beispielsweise der Zusammenarbeit unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen, einer langfristigen Sichtweise, und einem Denken in komplexen und dynamischen Zusammenh\u00e4ngen. Mit besonderen Methoden versuchen Zukunftsforscher dieses Ziel zu erreichen. Die Nutzung solcher Erkenntnisse kann von Science Fiction-Serien nicht erwartet werden, denn letztere werden auf den vermuteten Unterhaltungsbedarf des Publikums zugeschnitten. Grundsatzkritik, Infragestellung von Selbstverst\u00e4ndlichem, und &#8222;radikal Neues&#8220; wird meist nur in vorsichtig dosierter und oberfl\u00e4chlicher Weise angeboten, um die Vermarktungschancen und Gewinnspannen zu maximieren.<\/p>\n<p>Das in der Classics-Serie von Star Trek aufgesp\u00fcrte Defizit an politischen Utopien und die darin vermittelte Ideologie des &#8222;weiter so&#8220; scheint in diesem Ausma\u00df allerdings unn\u00f6tig. Die neuen Star Trek-Serien bieten eine Kost an, die weiterhin technikfixiert, aber hinsichtlich des &#8222;Politischen&#8220; schon komplexer und anregender ist. Interessante politisch-gesellschaftliche Utopieangebote k\u00f6nnen wir davon aber auch nicht erwarten. 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