{"id":12464,"date":"1995-12-20T20:00:00","date_gmt":"1995-12-20T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/chaos-tage-in-hannover-vom-ereignis-zum-mythos\/"},"modified":"1995-12-20T12:00:00","modified_gmt":"1995-12-20T11:00:00","slug":"chaos-tage-in-hannover-vom-ereignis-zum-mythos","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/132-vorgaenge\/publikation\/chaos-tage-in-hannover-vom-ereignis-zum-mythos\/","title":{"rendered":"\u201eChaos-Tage&#8220; in Hannover"},"content":{"rendered":"<p>Vom Ereignis zum Mythos<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 132 (Heft 4\/1995), S. 1-6<\/p>\n<p>Wieder einmal sorgt sich die Landeshauptstadt Hannover um ihr Image. \u00dcber lange Jahre im unvermeidlichen Wettbewerb der St\u00e4dte mehr oder minder zu Unrecht als graue Maus gehandelt, sieht sich Hannover seit dem Sommer 1995 Pl\u00f6tzlich als Synonym f\u00fcr &#132;Chaos-Tage&#148;. Nicht die mit gro\u00dfen Erwartungen besetzte Weltausstellung Expo 2000, die, wie es der R\u00fccktritt ihres Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers j\u00fcngst signalisierte, nicht so recht voranzukommen scheint, und auch nicht die Eskapaden des eigenwilligen Ministerpr\u00e4sidenten Schr\u00f6der, sonder jugendliche Punks sind es, die f\u00fcr Aufregung im Land sorgen und Hannover negative Schlagzeilen bescheren.<br \/>Zwischen dem 3. und 5. August 1995 war es wie nahezu an jedem ersten Augustwochenende seit 1982 zwischen Polizei und Jugendlichen zu Auseinandersetzungen gekommen, in deren Verlauf 244 Polizisten und etwa 200 Jugendliche verletzt, ein Gesch\u00e4ft gepl\u00fcndert und Sachsch\u00e4den in H\u00f6he von 550.000 DM angerichtet worden sein sollen. 1200 Jugendliche wurden in Gewahrsam, etwa 40 festgenommen. Insgesamt wurden 269 Strafverfahren eingeleitet. Der hannoversche Polizeipr\u00e4sident &#150; der die ihm zugewiesene Verantwortung mit der Bemerkung, er sei nur ein einfacher Beamter, zur\u00fcckweisen wollte &#150; mu\u00dfte drei Wochen nach den Ereignissen seinen R\u00fccktritt einreichen. Wenig sp\u00e4ter beschlo\u00df der nieders\u00e4chsische Landtag mit den Stimmen von CDU und Gr\u00fcnen die Einrichtung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Polizeif\u00fchrung und ihre Taktik sahen sich heftigen Vorw\u00fcrfen ausgesetzt.<br \/>Allgemeines Erstaunen rief die lokale SPD hervor, die sich auf ihrem Unterbezirksparteitag, 14 Tage nach den turbulenten Ereignissen, jeglicher Debatte der hannoverschen &#132;Chaos-Tage&#148; verweigert hatte. Von Vertretern der CDU wurde dies weidlich genutzt, die bisher eher konturlos wahrgenommene eigene Oppositionsrolle entlang von law-and-order-Forderungen populistisch zu profilieren.<br \/>Allein schon diese Ereignisskizze l\u00e4\u00dft erkennen, da\u00df die von den Medien zus\u00e4tzlich hochgespielten Vorf\u00e4lle ausschlie\u00dflich unter ordnungspolitischen bzw. polizeitaktischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Diesem Sog publicitytr\u00e4chtiger Gewaltszenarien scheint sich auch die lokale Politik nicht entziehen zu k\u00f6nnen, zumal 14 Tage nach der unvermeidlich erscheinenden Neuauflage der &#132;Chaos-Tage&#148; im n\u00e4chsten Jahr sich die Kommunalwahlen anschlie\u00dfen werden, die angesichts des stetigen Abw\u00e4rtstrends der hannoverschen SPD den Genossen eher als Drohung denn als Auftrag erscheinen. Da\u00df es beim n\u00e4chsten Mal mit den Punks ganz anders ablaufen wird, weil auf eine Verst\u00e4rkung der Polizeikr\u00e4fte gesetzt werden soll, so der designierte neue Polizeipr\u00e4sident, und damit zugleich die Profilierung als politischer Garant f\u00fcr Sicherheit und Ordnung m\u00f6glich wird, scheint in Hannover eine weitverbreitete Illusion zu sein. Nachfragen im Sinne einer kritischen Bestandsaufnahme scheinen derzeit kein Geh\u00f6r zu finden. Dazu hier nur einige Anmerkungen, bevor ich zur Charakterisierung der jugendlichen Punk-Szene und zu m\u00f6glichen alternativen Umgangsweisen mit deren Provokationen komme.<\/p>\n<p>Die &#132;Chaos-Tage&#148; haben sich mittlerweile zu einem Mythos verselbst\u00e4ndigt, der \u00fcber den kleinen Kreis der seit 1982 agierenden lokalen Jugendszene weit hinausreicht und eine \u00fcberregionale Anziehungskraft und Dynamik entwickelt. Angelegt wurde der Mythos bereits 1984, als der damalige nieders\u00e4chsische Innenminister Egbert M\u00f6cklinghoff CDU eine polizeiliche &#132;Punker-Datei&#148; einrichten lie\u00df, in der Personen registriert wurden, von denen erwartet wurde, da\u00df sie gegen \u00f6ffentliche Sicherheit und Ordnung versto\u00dfen werden. Im \u00f6ffentlichen, auch von der damaligen SPD begleiteten Protest gegen diese Datei erhielten die hannoverschen Jugendlichen rege Unterst\u00fctzung aus anderen St\u00e4dten, so da\u00df Hannover auch in den Folgejahren regelm\u00e4\u00dfig von 500 bis 1000 Punks &#132;heimgesucht&#148;\u00a0wurde. Bei Musik und viel Bier waren diese von der lokalen \u00d6ffentlichkeit mi\u00dftrauisch bis feindselig beobachteten Treffen immer wieder mit Auseinandersetzungen zwischen Punks und Polizei oder Punks und Skinheads verbunden. Das nachrichtenarme Sommerloch des ersten Augustwochenendes ist f\u00fcr die \u00f6ffentlichkeitswirksame Selbstdarstellung der Punks wie geschaffen. Wenn auch mit gegenteiligen Intentionen und Aufgaben betraut, gilt dies nicht minder f\u00fcr das sorgsam beobachtete Agieren der Polizei. Mangels politischer organisatorischer Alternativen im Umgang mit den Jugendlichen, blieb ihr nichts anderes \u00fcbrig, die ihr sowohl von den Punks als auch von der \u00d6ffentlichkeit zugewiesene Ordnungsh\u00fcter-Rolle zu akzeptieren und so zum j\u00e4hrlichen Gelingen der &#132;Chaos-Tage&#148; beizutragen. Die Medien\u00f6ffentlichkeit erfreut sich regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber die Abwechslung w\u00e4hrend der Saure-Gurken-Zeit und hat diesen Termin seit Jahren fest gebucht.<br \/>Hinzu kommt, da\u00df der Termin der &#132;Chaos-Tage&#148; auf einen verkaufsoffenen Samstag des Sommerschlu\u00dfverkaufs f\u00e4llt und dar\u00fcber hinaus in dieser Zeit das in Hannover beliebte Maschseefest gefeiert wird; zwei vom Kommerz gepr\u00e4gte Ereignisse, die im Licht der gegen &#132;konsumistische Spie\u00dfb\u00fcrger&#148; gerichteten Ideologie der Punks keine bessere Kontrastfolie zu den auf &#132;Spa\u00df und Action&#148; zielenden Provokationen der bunt haarigen Jugendlichen liefern k\u00f6nnen. Entsprechend war von den Jugendlichen kalauernd angek\u00fcndigt worden, &#132;Hannover in Schutt und Asche zu legen&#147; und dabei auch Atombomben und C-Waffen mitzubringen. Einige schon fr\u00fchzeitig in die Stadt gereiste Punks setzten diese Drohung um, indem sie etwas mitgebrachte Asche und Schutt auf Hannovers erste Einkaufsstra\u00dfe streuten.<\/p>\n<p>Wie schon in den Jahren zuvor, war von Seiten der Politik oder der Jugendverwaltung auch 1995 wenig zu erfahren, wie denn nun mit den Punks \u00fcber polizeiliche Sicherungsma\u00dfnahmen hinaus umgegangen werden sollte. Das sonst sich so gern selbstdarstellende offizielle Hannover schien auf Tauchstation im Urlaub oder weilte, wie der Oberb\u00fcrgermeister nebst Oberstadtdirektor, in der japanischen Partnerstadt Hiroshima, um den Opfern des Atombombenabwurfes zu kondolieren. An kleinere Schl\u00e4gereien und Sachbesch\u00e4digungen offenbar seit zw\u00f6lf Jahren gew\u00f6hnt, vertraute man allein auf die Erfahrung der Polizei, die zuletzt 1994 600 von 800 Jugendlichen kurzfristig in Gewahrsam genommen hatte und f\u00fcr dieses Jahr eine flexible Strategie der Deeskalation vorgesehen hatte. Experten des hannoverschen Jugendamtes, die sich an dieser Strategie mit eigenen vertrauensbildenden Ma\u00dfnahmen beteiligen wollten, direktes Ansprechen der anreisenden Punks \u00fcber die hannoverschen Jugendszenen und das Bereitstellen von Pl\u00e4tzen und Unterk\u00fcnften, wurden zur\u00fcckgepfiffen, da niemand aus dem Politikbereich daf\u00fcr \u00f6ffentlich geradestehen wollte. Ungew\u00f6hnlich war im Vorfeld die rege Betriebsamkeit in den informellen Kommunikationsnetzen der Jugendszenen. Auf Flugbl\u00e4ttern, in Fanzines und wohl erstmalig auch im Internet wurde f\u00fcr das Treffen in Hannover massiv geworben. Der Kreis der Angesprochenen ging \u00fcber die engeren Punk-Szenen hinaus. Sogar Punk-Bands aus den USA und aus England hatten sich angek\u00fcndigt. Auch waren bereits eine Woche zuvor sogenannte &#132;Autonome&#148; angereist, die die hannoversche Szene um Hausbesetzer und Punks massiv unter Druck setzten, sich auf militante Aktionen vorzubereiten. Auch glaubte man, Skinheads und Hooligans aus dem europ\u00e4ischen Ausland unter den letztendlich etwa 2500 angereisten Jugendlichen gesehen zu haben.<br \/>Da\u00df sich schlie\u00dflich in diesem Jahr die schon \u00fcblichen Scharm\u00fctzel zwischen Polizei und Jugendlichen zu regelrechten Stra\u00dfenschlachten ausweiteten, scheint sich nicht auf eine einzige der m\u00f6glichen Ursachen zur\u00fcckf\u00fchren zu lassen. Vielmehr ist davon auszugehen, da\u00df erst die verschiedenen Bedingungen in einem spezifischen Zusammenspiel dem Mythos zu einer unerwartet gewaltt\u00e4tigen Dynamik verhalfen. Dieses Zusammenspiel war nach dem schon gewohnten Abtauchen von Politik und Verwaltung vom polizeistrategischen Wechsel zwischen Eingreifen und Tolerieren gepr\u00e4gt. Dieses erfolgversprechende Konzept der Polizei wurde allerdings in den eigenen Reihen blockiert. Beobachter lie\u00dfen durchblicken, da\u00df Gegner der nieders\u00e4chsischen Polizeireform die ,&#147;Chaos-Tage&#148; daf\u00fcr benutzten, die Reformbef\u00fcrworter &#132;auflaufen&#148; zu lassen. Sie gaben die Anweisungen der Einsatzleitung in zynischer und widerspr\u00fcchlicher Form an die Einsatzkr\u00e4fte weiter und trugen so zum allgemeinen Chaos erheblich bei. Zwar wurden die citynahen Einkaufsstra\u00dfen sowie auch das gleichzeitig stattfindende Maschseefest von Jugendlichen &#132;freigehalten&#148;, doch daf\u00fcr wurden diese von der Polizei in die ohnehin mit sozialem und politischem Z\u00fcndstoff beladene Nordstadt abgedr\u00e4ngt. Viele der angereisten Punks, die nach eigenen Aussagen &#132;keinen Stress wollten&#148;, wurden, mal sanfter, mal h\u00e4rter, unfreiwillig in das Zentrum der nachfolgenden Turbulenzen &#132;geleitet&#148;. Obwohl Jugendzentren und die Hausbesetzer-Szene der Nordstadt im Vorfeld ihre Distanz zu den &#132;Chaos-Tagen&#148; signalisiert hatten, wurden ihnen die Punks und vor allem die angereisten &#132;Stra\u00dfenk\u00e4mpfer&#148; von der entsprechend chaotisierten Polizeitaktik nahezu aufgen\u00f6tigt, so da\u00df es in der Konsequenz zu unbeabsichtigten Solidarisierungseffekten zwischen den verschiedenen Jugendlichen kam. In dieser un\u00fcbersichtlichen Gemengelage der ohnehin engen Nordstadt fiel es kleineren, zweifellos auf gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzungen ausgerichteten Gruppierungen nicht schwer, zwischen Zuschlagen und Abtauchen zu changieren und dabei die allgemeine Un\u00fcbersichtlichkeit sowohl f\u00fcr die Polizei als auch f\u00fcr die \u00fcbrigen Jugendlichen noch zu verst\u00e4rken. Der Konflikt nahm seinen Lauf.<br \/>Abseits der spektakul\u00e4ren Bilder brennender Stra\u00dfenbarrikaden und verletzter Menschen wurde nur ganz selten ein Blick riskiert, der auf die Kultur der Punks und somit auf die m\u00f6glichen Intentionen der Jugendlichen gerichtet war. Dies scheint mir unerl\u00e4\u00dflich zu sein, um in der Distanz zu den Ereignisse Reflexion zu erm\u00f6glichen und somit dem scheinbaren &#132;Wiederholungszwang&#148; &#132;Chaos-Tage&#148; angemessen entgegenwirken zu k\u00f6nnen. Allein die Tatsache, da\u00df Jugendliche sich auch heute noch der Punk-Szene zurechnen, mag manches Erstaunen hervorrufen. Denn der auch als M\u00fcllkultur der Arbeiterjugend&#8220; charakterisierte Punk war urspr\u00fcnglich 1976\/77 mit den &#132;Sex Pistols&#148; u.a. Jonny Rotten und dem Punk-Rocker Sid Vicious \u00bblive fast, die young&#8220; verbunden, mit einer Musik, die als kollektiv-stiftender Hintergrund fungierte f\u00fcr mehr oder minder selbstbestimmte Milieus arbeitsloser englischer Jugendlicher. Die Musik war einfach bis Primitiv, ohne aufwendige technische Anlage und symbolisierte die Idee eines sich selbstorganisierenden Chaos, in dem keiner \u00fcber dem anderen stehen und somit keinerlei hierarchische Strukturen existieren sollten. Angesichts der damals wie heute aussichtslosen Berufsperspektive vieler Jugendlicher galt es, eingefleischte Formen der industriegesellschaftlichen Arbeitsethik zu demontieren, H\u00f6rgewohnheiten und Moden eingebildeter Kunst- und Kulturexperten so Phisticates zu beleidigen und sich dabei auch nicht von der Vermarktung des eigenen neuen Stils irritieren zu lassen. Ob in Musik, Mode, Tanz Pogo und Alltagsethik der Jugendlichen, \u00fcberall stand Dilletantismus vor Perfektion, Sch\u00e4bigkeit vor Snobismus, Anarchie vor Subordination und &#132;no future&#148; vor Karrieredenken. Den ihr zugewiesenen gesellschaftlichen Rand durchaus phantasievoll und kreativ besetzend, dabei der \u00fcbrigen Gesellschaft das auf den Kopf gestellte Spiegelbild vorhaltend, schwappte der Punk \u00fcber die Berliner Hausbesetzer-Szene zu Beginn der 1980er Jahre auch nach Deutschland \u00fcber.<\/p>\n<p>So auch nach Hannover, an dem wie an allen \u00fcbrigen deutschen Provinzmetropolen keine der verschiedenen sozialen Bewegungen und Jugendkulturen spurlos vorbeigegangen ist. Die f\u00f6deralistische Besonderheit gro\u00dfst\u00e4dtischer Infrastrukturen bei relativer \u00dcberschaubarkeit und sozialer Kontrolle war und ist in diesen St\u00e4dten immer mit einer Aufwertung des Abweichenden verbunden. Mit ablehnenden Reaktionen und Vorurteilen gegen\u00fcber einigen wenigen sich zum Punk bekennenden Jugendlichen wurde und wird deren angestrebte negative Identit\u00e4t immer wieder durch die lokalen \u00d6ffentlichkeiten best\u00e4tigt.<br \/>Unabh\u00e4ngig von der Frage, ob die heutigen Generationen der Punk-Jugendlichen mit der Geschichte und den Ikonen des Punk etwas anzufangen wissen, scheint mir von Bedeutung zu sein, da\u00df die gesellschaftlichen Bedingungen, die den Punk seinerzeit hervorgebracht haben, aus der Perspektive der Jugendlichen keine gravierenden Ver\u00e4nderungen erfahren haben, 1995 sehen sich in Deutschland mindestens 1,4 Millionen junge Leute in prek\u00e4ren sozialen Situationen: sei es, da\u00df sie keine Lehrstelle haben, ohne Job nach der Lehre dastehen, sich als Sozialhilfeempf\u00e4nger durchschlagen oder gar als Obdachlose umherirren. Insofern spiegeln die in Jugendkulturen st\u00e4ndig fluktuierenden kulturellen Ausdrucksformen eines von seinen Anspr\u00fcchen ohnehin nie authentischen Punk einen Realismus wider, der durch alle Vermarktungsstrategien hindurch Formen und Lebensstile negativer Identit\u00e4t auf Dauer gew\u00e4hrleistet, Entgegen der selbst von der h\u00e4ufig altbacken und elit\u00e4r argumentierenden gesellschaftlichen Linken vorgebrachten Klage von der &#132;Armanisierung&#148; der Jugend mit ihren individualistisch-vagabundierenden Lebensstilen abseits realistischer politischer Partizipation, wie noch zu Zeiten der neuen sozialen Bewegungen, birgt die jugendliche Praxis negativer Identit\u00e4t offenbar attraktive M\u00f6glichkeiten symbolischer Kreativit\u00e4t. Statt nun \u00fcber Politikverdrossenheit zu jammern, sollten diese M\u00f6glichkeiten ausgelotet werden, um so vielleicht den von Jugendlichen als \u00fcberkommen wahrgenommenen traditionellen Begriff des Politischen und der Partizipation mit neuem Leben f\u00fcllen zu k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6rt allerdings, die unterschiedlichen Perspektiven der vielf\u00e4ltigen Jugendkulturen, hier insbesondere des Punk, erst einmal wahrzunehmen. Nicht zuletzt auch im Interesse einer Profanisierung des Mythos &#132;Chaos-Tage&#148; Tage&#8220; sollten dabei mindestens vier Dimensionen ber\u00fccksichtigt werden, die ich abschlie\u00dfend nur skizzieren kann.<br \/>Wie bei allen Jugendkulturen sollte auch bei den Punks die entwicklungspsychologische Dimension des jugendlichen Verhaltens nicht vergessen werden. Obwohl h\u00e4ufig als altbekannte Tatsache hingestellt, findet sich diese im allt\u00e4glichen Umgang mit Jugendlichen immer wieder zu wenig ber\u00fccksichtigt. Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren durchlaufen eine Stufe der Orientierung, an der sie das sogenannte Drama der Individuation zu bew\u00e4ltigen haben. Sie sind gezwungen, sich als relativ autonome Individuum wahrnehmen zu m\u00fcssen, und sie f\u00fchlen sich herausgefordert, dabei von anderen Menschen als solche auch anerkannt zu werden. In diesem \u00fcberaus widerspr\u00fcchlichen und schwierigen Proze\u00df k\u00f6nnen sich auf Seiten der Jugendlichen heftige Reaktionen der Identifizierung wie auch der Ablehnung und Abgrenzung zur Welt der Erwachsenen und deren Normen ergeben. Zu dieser Phase der Selbstvergewisserung und Identitatsfindung geh\u00f6rt das Kokettieren und Spielen mit umstrittenen Symbolen der Gewalt, der Sexualit\u00e4t oder auch politischer Ideologien. In der Regel handelt es sich um gesellschaftlich negativ wie positiv hoch besetzte Symbole, bei deren Handhabung sich die Jugendlichen sicher sein k\u00f6nnen, da\u00df die Erwachsenenwelt darauf\u00a0 &#132;anspringt&#147;.<br \/>Die schr\u00e4g-schrille Musik, die scheinbar r\u00fccksichtslose K\u00f6rperlichkeit des Pogo-Tanzens, die allen Konventionen zuwiderlaufende Kleidung sowie das \u00f6ffentliche Bier-Saufen und Schnorren der Punks ist zwar den konventionellen Regeln des sozialen Lebens entgegengesetzt, birgt zugleich aber in ihrem spezifischen Hedonismus auch eine \u00e4sthetisch-kulturelle Dimension, die sich den Jugendlichen offenbar als Attraktion darstellt. Nach dem Motto &#132;I don`t know what I want, but I know how to get it&#148; l\u00e4\u00dft sich jeder bekennende Punk-Jugendliche in der \u00d6ffentlichkeit auf unsichere und h\u00e4ufig auch spannungsgeladene Situationen ein. Es sind die in der Regel prompten Gegenreaktionen der sich von den Punks provoziert f\u00fchlenden \u00d6ffentlichkeit die als Salz in der Suppe das t\u00e4gliche Einerlei der Jugendlichen aufwerten. Ohne den jeweiligen konventionell-b\u00fcrgerlichen Gegenpart auf der \u00f6ffentlichen B\u00fchne w\u00fcrde diese jugendspezifische Form des absurden Theaters ins Leere laufen.<br \/>Im Unterschied zur distanzierten, kontemplativen Betrachtung von Gegenst\u00e4nden der Kunst und Kultur gestalten sich die Punks damit einen Erlebnisraum, der \u00fcber die symbolische Darstellung bzw. \u00fcber das spielerische Probehandeln hinausf\u00fchrt. In der nicht selten schockierenden Selbstinszenierung des Einbringens der gesamten Person mit all ihrer sinnlichen K\u00f6rperhaftigkeit bewegen sich Punks im Grenzbereich von abstrakter Militanz, abgrenzender Symbolik und \u00e4sthetischer Raffinesse. Sie erinnern an die Tradition der sich selbst zu Kunstwerken stilisierenden und dabei den herk\u00f6mmlichen Kunstbegriff demontieren &#8211; den Situationisten der 1920er Jahre, deren gegen die \u00c4sthetik der Langeweile gerichteten subversiven Provokationen, ebenso wie die der heutigen Punks, ohne die Abwehrbereitschaft des Establishments verpufft w\u00e4ren.<br \/>&#132;Spa\u00df haben&#148;, &#132;versch\u00e4rfte Abenteuer erleben&#148;, sich dabei inmitten abgelegter Accesoires der Umwelt stilistisch als &#132;M\u00fcllkultur&#148; positionieren und vor allem die gewohnte Unterdr\u00fcckung der Aggressivit\u00e4t bei Bier und Pogo ausleben zeichnen das gel\u00e4ufige Bild des Punk-Hedonismus. Nun erscheint jede an diese Kultur herangetragene Interpretation, die deren politische Dimension zu fixieren sucht, den Jugendlichen als fremdbestimmt und als Versuch, die negative Identit\u00e4t des Punk zu neutralisieren. Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, da\u00df der Punk als negative Kontrastfolie des konventionellen gesellschaftlichen Lebens auf diese Gesellschaft angewiesen ist, weil er auf deren uneingel\u00f6ste Versprechen abgrenzend reagiert und sich zudem in gesellschaftlicher Kritik auf der Ebene der \u00fcbrigen Au\u00dfenseiter bewegt. Im Unterschied zu ideologisch verquer aufgeladenen Skinheads mit ihren stumpfsinnigen Ressentiments gegen alles sozial Schwache stellt sich im demonstrativen Au\u00dfenseitertum der Punks gleichsam eine allt\u00e4gliche N\u00e4he und Sensibilit\u00e4t mit den gesellschaftlichen Verlierern her. Diese vielen Jugendlichen eher unbewu\u00dfte gesellschaftskritische Dimension des Punk kann von ihnen nie ausdr\u00fccklich ideologisch oder traditionell-organisatorisch bekundet werden, da dies einer gesellschaftlichen Gleichschaltung bzw. Neutralisierung der f\u00fcr die Punk-Kultur existentiellen negativen Identit\u00e4t gleichk\u00e4me. Insofern mu\u00df auch jedes p\u00e4dagogische oder politische Integrationsangebot die Existenzberechtigung des Punk in Frage stellen, obgleich sowohl Politik wie P\u00e4dagogik zur Zeit alles andere als ein handlungs- und gestaltungsf\u00e4higes Bild liefern. Stattdessen l\u00e4\u00dft sich der Eindruck gewinnen, da\u00df das anwachsende Legitimations- und Machtvakuum des politischen Systems gerade im Punk eine jugendspezifische Antwort erf\u00e4hrt. Denn wer sonst als die Punks schafft es heute auf der hedonistischen Grundlage musikalisch-k\u00f6rperlicher Selbstinszenierungen, nachhaltige gesellschaftliche Konflikte zu provozieren?<\/p>\n<p>Wollen jedoch gesellschaftliche Kr\u00e4fte die ihr von den Punks, bei Gelegenheiten wie den hannoverschen &#132;Chaos-Tagen&#148;, zugewiesene Komplizenschaft zur\u00fcckweisen, und wollen sie gar das auch in anderen Jugendkulturen latente gesellschaftskritische Moment aufgreifen, bedarf es des Muts zum Risiko. Zun\u00e4chst einmal mu\u00df die ohnehin unabweisbare Existenz offener Jugendkulturen auch wirklich anerkannt werden. So mu\u00df sich z.B. die hannoversche \u00d6ffentlichkeit dar\u00fcber im Klaren sein, da\u00df mit den Punks, die keine offiziellen Ansprechpartner und Strukturen repr\u00e4sentieren, nicht so umgegangen werden kann, wie mit straff organisierten Sch\u00fctzenvereinen oder traditionellen Jugendverb\u00e4nden. Schon gar nicht reicht es aus, sich allein hinter der Polizei zu verschanzen, da dies nur die g\u00e4ngige Pflege des Mythos &#132;Chaos-Tage&#148; fortsetzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Stattdessen ist auf eine offenere politische Kultur zu setzen, die immer auch R\u00fcckschl\u00e4ge und Ablehnungen einkalkuliert. Der Vielfalt jugendkultureller Selbstdarstellungen ist unter Beachtung von Mindeststandards gesellschaftlicher Regeln \u00f6ffentlicher Raum zuzugestehen, um so \u00fcberhaupt die Grenzbereiche des Zumutbaren, auf die ein Gro\u00dfteil der Punk-Inszenierungen abzielt, ausloten zu k\u00f6nnen. Wenn im Jahr 2000 im Interesse der Weltausstellung in Hannover f\u00fcr mindestens sechs Monate in nahezu jeder Beziehung ein Ausnahmezustand in Kauf genommen werden wird, sollte die Stadt in der Lage sein, j\u00e4hrlich ein Wochenende so vorzubereiten, da\u00df der Besuch einiger Hundert Punks als gegenseitige Bereicherung erfahren werden kann. Dazu geh\u00f6rt die Bereitstellung einer angemessenen Infrastruktur von Pl\u00e4tzen und R\u00e4umen, um wenigstens dem &#132;stressfreien&#148; Teil der Punk-Aktivit\u00e4ten, Musik und Tanz, ein Angebot zu machen. Wichtig sind vor allem lokale Initiativen, die ohne jede Umarmungstaktik sich f\u00fcr die Jugendlichen bereithalten, um ihnen bei Bedarf das bisher im R\u00fccken der Polizeiketten verborgene Hannover zu \u00f6ffnen. Und warum sollte es v\u00f6llig auszuschlie\u00dfen sein, da\u00df die hannoverschen Ratsmitglieder, mit Oberb\u00fcrgermeister und Oberstadtdirektor an der Spitze, bei dieser Gelegenheit auf die finanzielle Notlage der Stadt hinweisen, indem sie die \u00fcberwiegend symbolisch gef\u00e4rbten Aktivit\u00e4ten der Jugendlichen mit einer eigenen Performance erg\u00e4nzen. Sie k\u00f6nnten dabei den anreisenden Punks entgegengehen und sie im Sinne von &#132;Haste mal ne Mark, ey?&#148; anschnorren. Sie w\u00fcrden unter Beweis stellen, da\u00df abseits der nicht nur f\u00fcr Jugendliche langweilig inszenierten symbolischen Politik noch phantasievolle Risikobereitschaft bei Verantwortlichen existent ist. Auf die von jedem Politiker gemiedene Gefahr hin, sich der m\u00f6glichen L\u00e4cherlichkeit auszusetzen, w\u00fcrden sie in Distanz zur gerade bei Jugendlichen ohnehin unglaubw\u00fcrdig gewordenen Rolle der Politik ihre Bereitschaft dokumentieren, das Andere im Fremden \u00fcberhaupt wahrnehmen zu wollen. Dem Image Hannovers w\u00fcrde dies nur gut tun. Allerdings wird mittlerweile keinem der hannoverschen Politiker dieser eigentlich allt\u00e4gliche Mut zum Risiko mehr zugetraut, zumal die Kommunalwahlen 1996 jede polarisierende Profilierung zu verhindern scheinen.<\/p>\n<p><i>Eines jedoch steht fest: Die Jugendlichen werden nicht einfach von der Bildfl\u00e4che verschwinden.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2216],"publikationen":[1230],"class_list":["post-12464","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-heiko-geiling","publikationen-132-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>\u201eChaos-Tage&quot; in Hannover - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/132-vorgaenge\/publikation\/chaos-tage-in-hannover-vom-ereignis-zum-mythos\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"\u201eChaos-Tage&quot; in Hannover - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Vom Ereignis zum Mythos aus: vorg\u00e4nge Nr. 132 (Heft 4\/1995), S. 1-6 Wieder einmal sorgt sich die Landeshauptstadt Hannover um ihr Image. \u00dcber lange Jahre im unvermeidlichen Wettbewerb der St\u00e4dte mehr oder minder zu Unrecht als graue Maus gehandelt, sieht sich Hannover seit dem Sommer 1995 Pl\u00f6tzlich als Synonym f\u00fcr &#132;Chaos-Tage&#148;. 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