{"id":12465,"date":"1995-12-20T18:45:00","date_gmt":"1995-12-20T17:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/politik-und-mehr-zum-20-todestag-von-hannah-arendt\/"},"modified":"1995-12-20T12:00:00","modified_gmt":"1995-12-20T11:00:00","slug":"politik-und-mehr-zum-20-todestag-von-hannah-arendt","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/132-vorgaenge\/publikation\/politik-und-mehr-zum-20-todestag-von-hannah-arendt\/","title":{"rendered":"Politik und mehr."},"content":{"rendered":"<p>Zum 20. Todestag von Hannah Arendt<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 132 (Heft 4\/1995), S. 23-26<\/p>\n<p>Auch ein deutsches Leben: 1906 hineingeboren in diese unsere Moderne mit ihren Welt- und Weltanschauungs- und Weltvernichtungskriegen, aufgewachsen im ostpreu\u00dfischen K\u00f6nigsberg, in einem liberalen deutsch j\u00fcdischen Milieu. Die junge Frau studiert in Heidelberg und auch bei Karl Jaspers, Martin Heidegger und Edmund Husserl. Sie engagiert sich nach ihren flinken Doktorat 1928 in der zionistischen Bewegung in Deutschland. Das ist den neuen deutschen Herren nicht genehm: Flucht also schon 1933 nach der Macht\u00fcbergabe, -\u00fcbernahme und -aus\u00fcbung durch die Nationalsozialisten. Illegalit\u00e4t im Nachbarland Frankreich. Dort wieder aktiv in der j\u00fcdischen Rescue-Arbeit, um zu retten, wer immer aus Deutschland zu retten ist. G\u00fcnther Anders &#8211; sp\u00e4ter bedeutender sozial-philosophischer Kritiker des Atomzeitalters &#8211; ist ihr Lebensgef\u00e4hrte. Beide k\u00f6nnen nach der Besetzung des gr\u00f6\u00dften Teils von Frankreich durch deutsche Truppen in die USA fliehen. Wieder Arbeit in j\u00fcdischen Hilfskomitees, aber auch: intellektuelle Aufarbeitung all dessen, was geschah; und warum es so geschehen konnte, z\u00e4h, verbissen, gegen Widerst\u00e4nde.<\/p>\n<p>Das bis heute wichtigste Ergebnis diverser Jahre auch des Zweifels an allen M\u00f6glichkeiten der <i>conditio humana <\/i>und Mit-Menschlichkeit ist ein Buch, das als Bibel des Antitotalitarismus gilt; Hannah Arendts 1961 erschienene wissenschaftliche Trilogie <i>The Origins of Totalitarism<\/i> (dt.: Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft). Auch diesem Buch fehlt, wie Man\u00e8s Sperber als Zeitgenosse in seinem Epochenroman <i>Wie eine Tr\u00e4ne im Ozean <\/i>einleitet jede &#132;tr\u00f6stliche Moral&#148;. Denn auch f\u00fcr Hannah Arendt&#8217;s Studie zur totalit\u00e4ren Herrschaft gilt als Angebot f\u00fcr uns Leser: Mit der Autorin &#132;die Einsamkeit teilen&#148;, also an einer paradoxen Form von Gemeinschaft teilhaben in der, so Man\u00e8s Sperber, &#132;jene zueinanderfinden, die aus der gleichen Quelle den Mut sch\u00f6pfen m\u00fcssen, ohne Illusionen zu leben.&#148;<\/p>\n<p>In den Kalten-Kriegs-Jahren der F\u00fcnfziger wird Hannah Arendt bekannter, schlie\u00dflich prominent und Professorin an der New School for Social Research in New York. Bis sie, nach zwei Jahrzehnten produktiver akademischer Lehr- und politischer Publikationst\u00e4tigkeit, neunundsechzigj\u00e4hrig, stirbt.<br \/>Auschwitz &#8211; was das war, wie es dazu kommen konnte und wie es k\u00fcnftig verhindert werden kann: Das bestimmte Hannah Arendts Denken und Handeln. Und das Wissen um die und ihre eigene Verg\u00e4nglichkeit war die einzige und letzte Gewi\u00dfheit der politischen Zeitgenossin, Soziologin und Philosophin.<\/p>\n<p><i>Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft <\/i>kann auch als ausgreifende Zeitdiagnose gelesen werden. Was die Autorin etwa zum Imperialismus ausf\u00fchrt, behandelt die auch ideengeschichtlich hergeleitete Zerst\u00f6rung des alten Europa durch den und im Ersten Weltkrieg. Und der zweite Teil des 750-Seiten-Werks l\u00e4\u00dft sich immer noch lesen als kundige Variation \u00fcber einen geschichtlich-allgemeinen Proze\u00df der Entbindung von Traditionsbest\u00e4nden, Verweltlichung und Modernisierung, kurz: Es geht um &#132;Entzauberung&#148; (Max Weber). Ein Proze\u00df, der im totalit\u00e4ren Zeitalter von Massen und Zerfall wohl beschreibbar, aber nach Hannah Arendt nicht erkl\u00e4rbar ist: &#132;Zu erkl\u00e4ren ist das totalit\u00e4re Ph\u00e4nomen aus seinen Elementen und Urspr\u00fcngen so wenig und vielleicht noch weniger als andere geschichtliche Ereignisse von gro\u00dfer Tragweite.&#148;<br \/>Und auch wenn, oder vielleicht gerade weil, die politische Wissenschaftlerin und Publizistin Hannah Arendt immer einem beschreibend-identifizierenden Zugriff zum Totalit\u00e4ren verpflichtet blieb, insofern Erscheinungen beschrieb und ph\u00e4nomenologisch verfuhr, so k\u00f6nnen doch auch heute noch einzelne Seiten, Hinweise und Facetten ihrer kritischen Einsch\u00e4tzung von totalit\u00e4rer Politik im 20. Jahrhundert wenn nicht in jeder Einzelheit, so doch wenigstens in der allgemeinen Tendenz stimmig klingen: &#132;Totalit\u00e4re Politik ist nicht Machtpolitik im alten Sinn, auch nicht im Sinn einer noch nie da gewesenen \u00dcbertreibung und Radikalisierung des alten Strebens nach Macht nur um der Macht willen, hinter totalit\u00e4rer Machtpolitik wie hinter totalit\u00e4rer Realpolitik liegen neue, in der Geschichte bisher unbekannte Vorstellungen von Macht und Realit\u00e4t \u00fcberhaupt. Auf diese Begriffsverschiebung kommt alles an, denn sie, und nicht blo\u00dfe Brutalit\u00e4t, bestimmt die au\u00dferordentliche Schlagkraft wie die ungeheuerlichen Verbrechen der totalen Herrschaft. Es handelt sich bei totalit\u00e4ren Methoden nicht um R\u00fccksichtslosigkeit, sondern um die v\u00f6llige Nichtachtung aller berechenbaren \u00e4u\u00dferen Konsequenzen, nicht um chauvinistische Gr\u00e4ueltaten, sondern um die Nichtachtung aller nationalen Interessen und die v\u00f6llige Wurzellosigkeit derer, die sich der Bewegung als solcher verschrieben haben, nicht um die vulg\u00e4re Durchsetzung irgendwelcher personaler oder Cliqueninteressen, sondern um die ruchlose Verachtung aller Zweckm\u00e4\u00dfigkeitserw\u00e4gungen &#8230; . Der unersch\u00fctterliche Glaube an eine ideologisch-fiktive Welt, die es herzustellen gilt, hat die politischen Verh\u00e4ltnisse der Gegenwart tiefer und entscheidender ersch\u00fcttert, als Machthunger oder Angriffslust es je h\u00e4tten tun k\u00f6nnen.&#148; &#132;Der Machtbegriff der totalen Herrschaft&#148; &#8211; so fa\u00dfte Hannah Arendt seine Wirksamkeit zusammen &#8211; &#132;beruht ausschlie\u00dflich auf der Kraft und der St\u00e4rke, welche durch Organisation und reibungsloses Funktionieren zu erreichen ist.&#148;<br \/>In ihrem 1964 in Deutschland ver\u00f6ffentlichten Eichmann -Proze\u00df hat Hannah Arendt in der Eichmann-Figur als t\u00fcchtigem SS B\u00fcrokraten und V\u00f6lkermord-Organisator ihren Kerngedanken zur Beschreibung von Genozid und Massenmord, seiner Planung, Organisation und Durchf\u00fchrung im arbeitsteiligen Verfahren popularisiert; grad so, als wollte sie als \u00dcberlebende am zwei Jahrzehnte vor Auschwitz und Treblinka verstorbenen Prager Juden Franz Kafka, \u00fcber den Hannah Arendt schon 1948 schrieb und aus dessen k\u00fcnstlerischen Visionen und Negativutopien sie als Wissenschaftlerin und Publizistin viele Anregungen erfuhr, eine moralische Schuld abtragen. Geht es doch im Romanfragment <i>Der Proze\u00df <\/i>auch um die Festnahme eines Unschuldigen durch eine m\u00e4chtige Organisation, die gegen einzelne Menschen ein sinnloses Gerichtsverfahren organisiert. Dies ist &#8211; so Franz Kafka &#8211; &#132;Eine Organisation, die nicht nur bestechliche W\u00e4chter, l\u00e4ppische Aufseher und Untersuchungsrichter besch\u00e4ftigt, sondern die weiterhin jedenfalls eine Richterschaft hohen und h\u00f6chsten Grades unterh\u00e4lt, mit dem zahllosen, unumg\u00e4nglichen Gefolge von Dienern, Schreibern, Gendarmen, vielleicht sogar Henkern &#8230;&#148;<\/p>\n<p>Kafka wird auch das mit Blick auf Hannah Arendts B\u00fcrokratie-Kritik nicht einmal unzutreffende Bonmot, da\u00df viele sogenannte Wissenschaftler, wenn sie nur die Welt von Dichtern und K\u00fcnstlern auf eine andere Ebene transponierten, zu Ansehen Ruhm und Bedeutung gelangten, zugeschrieben. Nur: Diese Kritik tr\u00e4fe keineswegs nur Hannah Arendt. Und auch ihre wissenschaftlichen Wissensdefizite gerade in ihrem Hauptfeld Totalitarismus- und V\u00f6lkermord-Beschreibung, -Analyse und -Kritik sind unverkennbar. Etwa immer dann, wenn Hannah Arendt alle Vorformen des sp\u00e4ter Holocaust genannten staatlich geplanten, organisierten und exekutierten, fabrikm\u00e4\u00dfig ablaufenden Vernichtungskrieg und Massenmord gegen europ\u00e4ische Juden durch deutsche Staatsfunktion\u00e4re f\u00fcr einzigartig erkl\u00e4rt. Und damit auch so gar nichts von Vorl\u00e4ufern, also Deutschs\u00fcdwest vor dem Ersten Weltkrieg, w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs gegen Armenier &#132;hinten in der T\u00fcrkei&#148; und w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs gegen Serben im kroatischen Separatstaat wissen will &#8230;<br \/>F\u00fcr intellektuell bedeutungsvoll, damit \u00fcber blo\u00df publizistisch -aktuelle Zeitdiagnose hinausgehend halte ich nicht nur Hannah Arendts Antitotalitarismus -trilogie wie ihren Eichmann -Proze\u00dfbericht, sondern auch ihr zuerst 1958 ver\u00f6ffentlichtes Lese-Buch, <i>The Human Condition<\/i> (dt.: Vita Activa oder Vom T\u00e4tigen Leben). Hier geht es um Bedingungen unseres im Kleinen vergemeinschafteten und im Gro\u00dfen vergesellschafteten Lebens, damit unserer <i>conditio humana<\/i>. Etwa, wenn die politische Philosophin im geschichtlichen Teil \u00fcber die soziale Ordnung mittelalterlicher St\u00e4ndegesellschaften ausf\u00fchrt: &#132;Kein Eigentum haben hie\u00df, keinen angestammten Platz in der Welt sein eigen zu nennen, also jemand zu sein, den die Welt nicht vorgesehen hatte.&#148; Und wer &#132;Eigentum&#148; durch bezahlte Erwerbsarbeit ersetzt, befindet sich, nolens volens, pl\u00f6tzlich in unserer Moderne. \u00c4hnlich &#132;modern&#148; pr\u00e4sentiert sich Hannah Arendts Hinweis zur zentralen Rolle des Konformismus als Merkmal aller Gesellschaft, damit jeder Vergesellschaftung von Menschen. Es geht immer um &#132;zahllose Regeln, die alle darauf hinauslaufen, die Einzelnen gesellschaftlich zu normieren, sie gesellschaftsf\u00e4hig zu machen, und spontanes Handeln wie hervorragende Leistungen zu verhindern.&#148;<\/p>\n<p>Hannah Arendts Zwischenlage zwischen Innen und Au\u00dfen nicht ausgeschlossen zu sein und auch nicht v\u00f6llig dazugeh\u00f6ren, ist es, die etwas, das ich f\u00fcr moralisch und erkenntnispraktisch zentral wichtig halte, erm\u00f6glicht: Intellektuell Unannehmbares annehmen, Unaussprechliches aussprechen und letztlich damit Undenkbares denken. Denn ohne das, was in der internationalen sozialwissenschaftlichen Destruktionsforschung, etwa zum V\u00f6lkermord\/Genozid, thinking the unthinkeable genannt wird, lassen sich gerade heute epochale Vernichtungsprozesse und Destruktionsereignisse wie Genozid\/V\u00f6lkermord nicht angemessen beschreiben, erkl\u00e4ren und begreifen.<br \/>Wenn es eine Kernfunktion von Sozialwissenschaften ist, bisher unsichtbare Prozesse in der Welt des Sozialen sichtbar zu machen und bisher unverstandene soziale Vorg\u00e4nge zu beschreiben, verstehen und begreifen zu lernen, dann war Hannah Arendt eine bedeutende politische Wissenschaftlerin des 20. Jahrhunderts. Und da\u00df Staaten in unserer Zeit, namentlich der Holocaust-nationalistische und der Gulag-stalinistische, als solche und aktiv und bewu\u00dft Verbrechen begehen, nicht irgendwelche, sondern Verbrechen an der Menschheit, da\u00df also Staaten als solche kriminell handeln und Kapitalverbrechen begehen, diese scheinbare Paradoxie mu\u00dfte auch erstmals wissenschaftlich durchdacht, intellektuell bew\u00e4ltigt und \u00f6ffentlich ausgesprochen werden, ohne da\u00df die moralische Pers\u00f6nlichkeit an ihren Einsichten selbst verzweifelt.<\/p>\n<p>Der Preis ist die Preisgabe verbindlicher staatsb\u00fcrgerlicher Sicherheiten und Gewi\u00dfheiten. Hinter der glatten Fassade der Normalit\u00e4t steckt, wie Hannah Arendt vorf\u00fchrt, der Abgrund, das B\u00f6se, das auch als Banalit\u00e4t daherkommen kann. Jede totalit\u00e4re Welt ist eine ungeb\u00e4ndigt -furchtbare soziale Welt,\u00a0 und zugleich eine verkehrte Wirklichkeit, die doch erweislich wirklich war und ist und, weil strukturell eingelassen in jede b\u00fcrgerliche Ordnungsnormalit\u00e4t, werden k\u00f6nnte. So gesehen, gibt es, zuendegedacht, nur eine letzte human-b\u00fcrgerliche Gewissheit: Da\u00df unser Leben endlich ist und unsere Leben erst mit dem Tod zuende sind. Auch das Leben der Hannah Arendt ging zusende, am 4. Dezember 1975.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[423],"publikationen":[1230],"class_list":["post-12465","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-richard-albrecht","publikationen-132-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Politik und mehr. - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/132-vorgaenge\/publikation\/politik-und-mehr-zum-20-todestag-von-hannah-arendt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Politik und mehr. - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zum 20. 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