{"id":12468,"date":"1995-12-20T16:00:00","date_gmt":"1995-12-20T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/pressekampagnen-anmerkugen-wider-einen-mythos\/"},"modified":"1995-12-20T12:00:00","modified_gmt":"1995-12-20T11:00:00","slug":"pressekampagnen-anmerkugen-wider-einen-mythos","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/132-vorgaenge\/publikation\/pressekampagnen-anmerkugen-wider-einen-mythos\/","title":{"rendered":"Pressekampagnen: Anmerkugen wider einen Mythos"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 132 (Heft4\/1995), S. 109-117<\/p>\n<p>Eines der Hauptmotive daf\u00fcr, da\u00df sich so viele junge Leute f\u00fcr den politischen Journalismus entscheiden (die Berufschance liegt bei knapp drei Prozent), ist sicherlich ein narzisstisches, wenn nicht gar ein missionarisches: die Vorstellung, man\/frau k\u00f6nne mit der Feder die Welt aus den Angeln heben, d.h., zum Guten, Sch\u00f6nen, Wahren hin ausrichten, indem man die Massen mobilisiert, zumindest die Eliten der Gesellschaft auf sich aufmerksam macht &#150; nur mit der Kraft des \u00fcberlegeneren Arguments und der aufrichtigeren Absicht. Jemand sein, von dem man spricht; ber\u00fchmt sein, einen Namen haben (der die Gegner erzittern l\u00e4\u00dft), vielleicht gar zum Star werden. Amerikanische Filme, in denen der unbeugsame, unbestechliche, z\u00e4he Reporter einen unerbittlichen Feldzug, eine Art Kampagne, gegen den B\u00f6sewicht f\u00fchrt und ihn schlie\u00dflich sogar gegen den Widerstand seines eigenen Verlegers und der Polizei zur Strecke bringt, n\u00e4hren solche Phantasien. Es dauert dann meist ein Berufsleben, ehe die journalistische Alltagserfahrung der Ohnmacht angenommen wird, ohne sie zur Resignation werden zu lassen.<br \/>Allerdings gilt es zu differenzieren: Wie der Nachrichtenwert eines Ereignisses und die Wirkung einer Meldung hat auch die journalistische Wirkung einen Gradienten, d.h., sie wird mit der Entfernung schw\u00e4cher. Am schw\u00e4chsten ist sie auf der globalen Ebene, am st\u00e4rksten auf der lokalen und regionalen. Es bleibt, um ein Beispiel zu nennen, absolut folgenlos, ob ein deutscher Journalist die Ungerechtigkeiten des Weltwirtschaftssystems oder den amerikanischen Pr\u00e4sidenten kritisiert, auch wenn ihm seine Leser, H\u00f6rer, Zuschauer begeistert applaudieren. Dagegen kann die Kritik, etwa auf lokaler an der &#132;Politik&#148; eines Vereins oder des B\u00fcrgermeisters vor erheblicher Wirkung sein. Um so bedauerlicher, da\u00df der Gradient der Bekanntheit oder gar der Ber\u00fchmtheit exakt umgekehrt zur Wirkung verl\u00e4uft: Die Korrespondenten und Kommentatoren des gro\u00dfen Weltgeschehens haben im Vergleich zu ihrer geringen Effizienz oft einen beutenden Namen (der sich freilich auch der Autorit\u00e4t des Presseorgans, f\u00fcr das sie arbeiten, verdankt), den wirkungsvollen Lokaljournalisten kennt man halt nur in der Region.<br \/>Was ist eine Kampagne? Dem dtv-Lexikon zufolge &#132;eine zeitlich begrenzte, gemeinschaftlich durchgef\u00fchrte Unternehmung politischer, werbetechnischer, wissenschaftlicher oder wirtschaftlicher Art&#148;. Zu erg\u00e4nzen w\u00e4re: um ein bestimmtes Ziel zu einem bestimmten Zweck zu erreichen. Dabei h\u00e4ngen die Methoden, die f\u00fcr die Durchf\u00fchrung einer Kampagne eingesetzt werden k\u00f6nnen, von den Gebieten ab, auf denen sie stattfinden soll. Wer eine Kampagne startet, um beispielsweise ein neues Produkt auf dem Markt einzuf\u00fchren, mu\u00df gewisse gesetzlich vorgeschriebe Regeln beachten. So darf er Konkurrenzprodukte nicht namentlich erw\u00e4hnen und in ihren einzelnen Eigenschaften negativ beurteilen bzw. im Vergleich als minderwertiger bezeichnen. Eine Werbekampagne darf einzig f\u00fcr ein Produkt bzw. einen Hersteller gef\u00fchrt werden. Dabei kann sie auf eine relative Unvoreingenommenheit bei den Adressaten bzw. Rezipienten der Werbebotschaft setzen, auf eine Offenheit der potentiellen K\u00e4ufer, auch wenn ein Gro\u00dfteil von ihnen &#150; die meisten oder gar alle &#150; auf die Konkurrenzprodukte &#132;schw\u00f6ren&#148; und ihnen weiterhin die Treue halten. Aber gerade diese Treue zum Konkurrenzprodukt mu\u00df der Werber mit sei-ner Kampagne schw\u00e4chen und durchbrechen, er mu\u00df eine Vielzahl (pluralistische) &#132;emotiver Konsonanzen&#148;, \u00dcbereinstimmungen, Ab und gleichzeitig Zustimmung zu seinem Produkt aufbauen.<br \/>Wer hingegen eine politische Kampagne f\u00fchrt, kann, ja mu\u00df, den Gegner durchaus erstens benennen und zweitens im direkten Vergleich abqualifizieren, sofern er nicht beleidigend wird oder falsche Behauptungen aufstellt (aber der Comment ist diesbez\u00fcglich allgemein sehr gro\u00dfz\u00fcgig). Eine Kampagne kann gegen oder f\u00fcr jemanden (Personen, Parteien, \u00dcberzeugungen\/Programme) gef\u00fchrt werden. Die Grenzen der Kampagne bilden dabei &#8211; \u00e4hnlich und doch anders &#150; wie bei den Konkurrenzprodukten und den auf sie eingeschworene K\u00e4uferschichten pluralistische politische \u00dcberzeugungen.<br \/>Die politischen Parteien haben sich l\u00e4ngst von der Wirksamkeit der Werbeindustrie beim Verkauf irgendwelcher Produkte oder Dienstleistungen \u00fcberzeugen lassen und auch ihre Wahlkampagnen danach ausgerichtet. Werbeagenturen entwerfen die Kampagne, angefangen von den Slogans und den Werbespots \u00fcber die Gestaltung der Anzeigen und Plakate bis hin zur Auswahl der einzusetzenden Politiker als Redner. \u00dcber die Wirksamkeit politischer Wahlwerbekampagnen streiten sich die Fachleute; sie gilt im allgemeinen als derart gering, da\u00df man sie sich eigentlich sparen k\u00f6nnte. Die Pr\u00e4ferenz f\u00fcr oder gegen eine Partei ist nicht zu vergleichen mit der Pr\u00e4ferenz f\u00fcr oder gegen ein Produkt. Parteipr\u00e4ferenzen liegen etwa drei Monate vor einer Wahl relativ eindeutig fest, sogar bei den noch Unentschlossenen. Parteipr\u00e4ferenzen und dar\u00fcber hinaus politische Einstellungen oder \u00dcberzeugungen werden im Sozialisationsprozess erworben, zumindest die Pr\u00e4disposition f\u00fcr \u00dcberzeugungen. Je pr\u00e4gender bestimmte Vermittlungsprozesse w\u00e4hrend der Sozialisation waren, desto festsitzender und unverr\u00fcckbarer die \u00dcberzeugungen. Der idealtypische Stammw\u00e4hler steht vor uns. Je schw\u00e4cher oder relativierender die Vermittlungsprozesse, desto schwankender die \u00dcberzeugungen, desto vielf\u00e4ltiger beispielsweise die Optionen der Entscheidung etwa bei Wahlen. Das ist der gef\u00fcrchtete und umworbene Wechselw\u00e4hler, aber auch der Nichtw\u00e4hler.<br \/>Die Pluralit\u00e4t jedweder Einstellungen und \u00dcberzeugungen des Publikums w\u00fcrde der Wirkung von Pressekampagnen rasche und klare Grenzen setzen. Selbst wenn die Medien unisono ein Thema propagieren und entsprechend eine Einstellungs- bzw. Verhaltens\u00e4nderung beim Publikum bewirken wollten, w\u00e4re das Ergebnis nicht nennenswert. Eine halbj\u00e4hrige Medienkampagne w\u00fcrde eine stabile Ver\u00e4nderung des Verhaltens von sch\u00e4tzungsweise maximal drei Prozent erzielen.<br \/>Die Sozialisation &#150; Erfahrungen der fr\u00fchen Kindheit und Jugend, mit prim\u00e4ren Bezugspersonen wie den Eltern oder nahen Verwandten, aber auch sekund\u00e4ren wie Lehrern oder Ausbildern, in der Schule, Familie, im Freundes- und Kollegenkreis, am &#132;Stammtisch&#148; als Symbol f\u00fcr eine bestimmte Form des privaten Diskurses &#150; erweist sich als st\u00e4rker. Allenfalls wirken die Medien indirekt an der Entstehung von meinungsbildenden Trends, Moden, Denkmustern usw. mit, die das Verhalten von Subkulturen pr\u00e4gen. Die vielf\u00e4ltigen und komplexen Sozialisationsprozesse, die ja gr\u00f6\u00dftenteils unbewu\u00dft ablaufen (\u00fcber Internalisierung und Identifikation) haben im \u00fcbrigen eine Selektion der Print-medien zur Folge: Der K\u00e4ufer oder Abonnent einer Zeitung beispielsweise w\u00e4hlt diese entsprechend seiner politischen \u00dcberzeugung aus. Er will seine Meinung bzw. \u00dcberzeugung best\u00e4tigt sehen und leitet vom Grad der Best\u00e4tigung, der emotiven oder kognitiven Konsonanz mit dem Blatt, seine Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die Beurteilung beispielsweise eines Kom-mentars ab. Eine redaktionelle Meinungs\u00e4u\u00dferung, die seiner w\u00e4hrend der Sozialisation erworbenen Pr\u00e4disposition entspricht, findet Zustimmung und damit eine gute Zensur. Ein Kommentar hingegen, der beim Leser (H\u00f6rer oder Zuschauer) emotive oder kognitive Dissonanzen erregt, wird abgelehnt, unbeschadet der Qualit\u00e4t und Differenziertheit seiner Argumentation, unbeschadet letztlich, ob er zutreffend oder falsch ist. Die Leser-Blatt-Bindung, unverzichtbar f\u00fcr jedes politische Pressorgan, ergibt sich aus der Kongruenz der &#132;Haltung&#148; bzw. der Richtlinien, die der Verleger dem Organ vorgegeben hat, und den (kongruenten) Einstellungen der Leser.<br \/>Daraus ergibt sich eine Wechselwirkung, die bei der Einsch\u00e4tzung der Wirkung von Presseorganen in der Regel untersch\u00e4tzt wird: Jede Redaktion kennt die Einstellungen ihrer Leserschaft, zumindest in ihren Hauptz\u00fcgen. Sie h\u00fctet sich, gegen diese zu versto\u00dfen, indem sie durch die Berichterstattung und vor allem durch die Kommentierung emotive oder kognitive Dissonanzen ausl\u00f6st. Leserbriefe oder Abonnementsk\u00fcndigungen im Dissonanz Fall (aber auch Auflagensteigerung im Falle der Konsonanz, d.h. der konsequenten Verfolgung der vorgegebenen redaktionellen Linie) signalisieren der Redaktion das notwendige Ma\u00df der politisch-gesellschaftlichen \u00dcbereinstimmung mit &#132;dem&#148; Leser. Geht beispielsweise der gesamtgesellschaftliche, von den Medien nicht oder nur marginal zu beeinflussende Trend in einer bestimmten Frage wie etwa der Einstellung zu Ausl\u00e4ndern in die konservative Richtung, wird eine konservative Zeitung dem Rechnung tragen m\u00fcssen, auch wenn sich liberale Redaktionsmitglieder, m\u00f6gen sie sogar die Mehrheit bilden, dem zun\u00e4chst energisch widersetzen sollten. Denn vor jeder Kauf- oder Abonnementsentscheidung steht die generelle Zustimmung zur grunds\u00e4tzlichen politischen bzw. gesellschaftlichen Einstellung der Zeitung, aus der sich die Einstellung zu Einzelfragen ergibt. In komplexen modernen Gesellschaften zeigt sich ein sich verst\u00e4rkendes Bed\u00fcrfnis des Lesers nach Identifikation mit &#132;seiner&#148; Zeitung. Er will sich best\u00e4tigt sehen, seine Vorabmeinung mitsamt Vorurteilen und Ressentiments. Die st\u00e4ndig &#8211; bewu\u00dft-reflektiert oder unbewusst &#8211; wahrgenommen Ohnmachtsgef\u00fchle gegen\u00fcber politischen, wirtschaftlichen oder sonstigen als \u00fcberm\u00e4chtig erlebten &#132;Autorit\u00e4ten&#148; werden auf die Zeitung projiziert und als St\u00e4rke empfunden. Das Blatt soll dann aufgrund seiner \u00f6ffentlichen Position die Interessen des (sich ohnm\u00e4chtig f\u00fchlenden) Lesers vertreten und es den Herrschenden &#8211; &#132;denen da oben&#147; &#8211; oder anderen bedrohlichen, starken Instanzen bzw. vermeintlichen &#132;Gefahren&#148; wie Gewerkschaften, B\u00fcrokratien, Ausl\u00e4ndern, Nachbarstaaten usw. die Meinung sagen und sie in die Schranken weisen.<br \/>Die Wirkung der Medien ist erheblich &#8211; und kann sogar bedrohlich werden &#8211; wenn sie Trends, die sich aus dem &#132;sub- oder transmedialen&#148;, also von den Medien nicht oder nur indirekt beeinflu\u00dften, Kommunikationsprozess einer Gesellschaft entwickeln, verst\u00e4rken und dabei emotive und\/oder kognitive Konsonanz herstellen. (Wie Trends entstehen, kann in diesem Zusammenhang nicht nachgezeichnet werden, abgesehen davon, da\u00df es m.W. keine allgemein akzeptierte soziologische Theorie daf\u00fcr gibt. Das komplexe Geschehen weist jedoch auf den Vernetzungscharakter moderner Gesellschaften hin. Nur in seltenen F\u00e4llen sind Einzelpersonen oder klar definierbare Gruppen Trendsetter. Trends nivellieren die Pluralit\u00e4t der Ansichten bzw. \u00dcberzeugungen zugunsten einer Konformit\u00e4t. Man wird beispielsweise wesentlichen Teilen der Medien in Deutschland schwerlich den generellen Vorwurf der Ausl\u00e4nderfeindlichkeit machen k\u00f6nnen, wohl aber jenen, da\u00df sie f\u00fcr aufkommende ausl\u00e4nderfeindliche Trends viel Verst\u00e4ndnis auf-brachten und sie &#8211; um keine emotiven oder kognitiven Dissonanzen bei ihren Lesern, H\u00f6rern bzw. Zuschauern zu erregen &#8211; dann sogar billigten und propagierten. Offene oder versteckte, direkte oder vor allem sublimierte Ausl\u00e4nderfeindlichkeit bzw. Vorbehalte gegen Ausl\u00e4nder sind in Deutschland in Verbindung mit der Asylrechts-Problematik &#132;zum guten Ton&#148; geworden. Die urspr\u00fcngliche Pluralit\u00e4t und Differenziertheit der Ansichten zur &#132;Ausl\u00e4nderfrage&#148; ist ohne Zweifel erheblich nivelliert worden &#8211; dank der trendverst\u00e4rkenden Wirkung der Massenmedien.<br \/>Medien sind mit anderen Worten von Trends auch abh\u00e4ngig. (Und Journalisten &#8211; dies sei an dieser Stelle eingeschoben &#8211; sind insbesondere, wenn sie investigativen Journalismus betreiben, abh\u00e4ngig von Informaten aus den jeweiligen Szenen; das \u00d6ffentlich-werden politischer Skandale ist folglich nie allein Resultat journalistischer Arbeit oder auch von journalistischen Kampagnen.) Es gibt Trends, die &#132;intermedial&#148; wirken, d.h., denen sich ein einzelnes Presse- oder Medienorgan nicht entziehen und dem es folglich auf Dauer nicht oder nicht mit der &#132;an sich&#148; zu erwartenden Intensit\u00e4t oder Entschlossenheit entgegenwirken kann. Der Trend &#8211; und das ist immer ein Geflecht von normbildenden oder Werte zersetzenden Meinungen und \u00dcberzeugungen, somit auch Verhaltensweisen, die rasch zu Gewohnheiten werden &#8211; entwickelt sich dann anarchisch, ohne differenzierende Kritik (die vielfach tabuisiert wird), somit ohne die M\u00f6glichkeit einer Korrektur, geschweige denn der Trendumkehr. Denn ein mehrheitsf\u00e4hig gewordener Trend ist ja f\u00fcr diejenigen, die ihm zustimmen, eine &#132;soziale&#148; bzw. normative Wahrheit. Oft freilich wird ein Trend schon verortet, wo nur Wunschdenken, die Projektion der eigenen W\u00fcnsche, ist. Meinungsumfragen und Statistiken k\u00f6nnen eine Korrektur dieser &#132;\u00dcberzeugung&#148; sein. Sollte er sich als Fehlentwicklung herausstellen, ist der \u00f6ffentliche, gesamtgesellschaftliche Schaden gro\u00df. Beispiele f\u00fcr gef\u00e4hrliche, ja unheilvolle Trends lassen sich aus der Vergangenheit zur Gen\u00fcge aufzeigen: Die Dolchsto\u00dflegende nach dem Ersten Weltkrieg, der Antisemitismus, die Kommunismus Phobie in den USA nach 1945. Gegenw\u00e4rtige aktuelle Trends sind die Akzeptanz des kapitalistischen Systems als einzig sinnvoller Gesellschaftsordnung; die Akzeptanz von Naturwissenschaft und Technik als Tr\u00e4ger eines notwendigen Fortschritts (wohingegen Erkenntnisse der Sozialwissenschaften, etwa die Sozialisationstheorie und ihre Folgen, einschlie\u00dflich der zu ziehenden politischen Konsequenzen, immer noch weitgehend negiert werden); die selbst bei Betroffenen anzutreffende Ansicht, nur durch Verzicht und Sozialabbau lasse sich der Wirtschaftsstandort Deutschland erhalten; die Gleichsetzung von Konsum sowie Unterhaltung mit &#132;Gl\u00fcck&#148; oder auch nur Zufriedenheit, was einen De-facto-Utilitarismus zur Folge hat (mit allen Konsequenzen wiederum f\u00fcr das ethische Niveau einer Gesellschaft); die \u00dcberzeugung, da\u00df die globale \u00f6konomische Situation eine Art darwinistisches System sei, in dem sich der St\u00e4rkere durchsetzen m\u00fcsse; die \u00dcberzeugung, mit Atomwaffen k\u00f6nne sich ein Staat &#132;verteidigen&#148;; die erw\u00e4hnte Ausl\u00e4nderfeindlichkeit, damit verbunden die Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber der Not in der Dritten Welt; die Zustimmung zum Abbau liberaler Grundrechte und Positionen; der entpolitisierte R\u00fcckzug in die Privatsph\u00e4re mit massenhafter Wahlenthaltung.<br \/>Entsprechend hat \u00f6ffentlichen Erfolg, auch publizistischen, wem es gelingt, auf den fahrenden Zug eines Trends aufzuspringen und sich massenhaft Zustimmung zu sichern, also sein M\u00e4ntelchen nach dem Winde zu h\u00e4ngen. Es gibt Presseorgane, die dies mit Exzessivit\u00e4t tun, etwa die Boulevard- und\/oder die Regenbogenpresse. Der Erfolg, sichtbar in hohen Auflagenzahlen, beruht auf der publizistischen Verst\u00e4rkung von Trends, aber auch von kollektiven Gewohnheiten, bestehenden Vorurteilen, Ressentiments, Klischees. Umgekehrt schm\u00e4lert sich der Erfolg f\u00fcr denjenigen, der einem Trend entgegen argumentiert und Gewohnheiten, Vorurteile, Ressentiments, Klischees usw. kritisiert. Er bewirkt damit emotive und\/oder kognitive Dissonanzen, st\u00f6\u00dft damit den Rezipienten buchst\u00e4blich vor den Kopf. Was indes nicht bedeuten kann, dass ein Presse-Imperium oder eine Presse-Zar wie etwa Berlusconi nicht auch in der Lage w\u00e4ren, durch ein entsprechendes Stakkato Kampagnen zu inszenieren.<br \/>Die Presse definiert ihr Ethos u.a. als Anspruch, erstens Informationen &#132;nach bestem Wissen und Gewissen&#148; so zu vermitteln, da\u00df ein \u00f6ffentlicher Diskurs \u00fcber sie in Gang kommt und Interessierte sich zum jeweiligen Sachgebiet ein abgewogenes, &#132;objektives&#148; Urteil bilden k\u00f6nnen, zweitens Entwicklungen und Trends kommentierend so zu begleiten, da\u00df Korrekturen m\u00f6glich werden. Dieser im wesentlichen politische Anspruch wurde w\u00e4hrend des Kampfes des B\u00fcrgertums gegen die absolutistische Herrschaft entwickelt. Er hat die Pressefreiheit als verfassungsrechtlich garantiertes Grundrecht zur Voraussetzung, wobei ihm die politische Annahme zugrundeliegt, da\u00df es die Politik ist, die f\u00fcr eine Gesellschaft oder einen Staat schicksalshafte und zukunftsdeterminierende Prozesse in Gang setzt.<br \/>Tats\u00e4chlich aber werden zukunftsdeterminierende Entscheidungen bzw. Prozesse von Wissenschaft und Technik bewirkt, vermittelt durch die aus &#8211; und verwertende Industrie. In vielen F\u00e4llen mu\u00df sich die Politik auf die Funktion eines Verwalters der dadurch ausgel\u00f6sten Folgen beschr\u00e4nken. Da heute etwa achtzig Prozent aller Forschung von der Industrie und der Wirtschaft finanziert, ergo abh\u00e4ngig sind, l\u00e4sst sich sagen, da\u00df Industrie und Wirtschaft die gesellschaftlichen Prozesse ausl\u00f6sen und teilweise steuern, allerdings anarchisch, nicht nach Plan, geschweige denn zu einem Zweck, sondern nach Ma\u00dfgabe des Profits und, mehr noch, der Durchsetzungsf\u00e4higkeit auf dem (gr\u00f6\u00dftenteils pr\u00e4parierten und gesteuerten) Markt gegen\u00fcber der Konkurrenz. Wissenschaft und Technik beeinflussen, marxistisch formuliert, nicht nur die Produkte, sondern auch und in noch bedeutenderem Ma\u00dfe die Produktionsmittel. Damit strukturieren sie Gesellschaft nicht nur technisch, sondern auch sozial (Wohlstand, H\u00f6he der Arbeitslosigkeit usw.) und normativ: Traditionelle Milieus und Strukturen (etwa Ehe und Familie), die den einzelnen lebenslang &#132;trugen&#148; und ihm Orientierung sowie Sicherheit vermittelten, werden aufgel\u00f6st, damit auch Verhaltensweisen und Kommunikationsformen ver\u00e4ndert. Wo Konsum zu einer wichtigen Verhaltensmaxime avanciert, kann sich keine tradierte Moral mit dem Ideal des &#132;Ma\u00dfes&#148; halten. Der einzelne ist \u00fcberdies f\u00fcr seine Lebensplanung allein verantwortlich, und zwar in einem immer fr\u00fcheren Lebensalter und in einer als undurchschaubar empfundenen Gesellschaft. Das f\u00fchrt h\u00e4ufig zu Desorientierung und aggressivem Verhalten.<br \/>Diese eher stichwortartige Skizze soll lediglich verdeutlichen, welchen enormen Einflu\u00df Wissenschaft und Technik sowie die sie verwertende Wirtschaft auf die alle Bereiche einer vernetzten Gesellschaft haben, bis hinein in die Psyche der einzelnen. Dieser &#8211; politischen &#8211; Bedeutung steht die institutionelle Unf\u00e4higkeit der Presse gegen\u00fcber, Entscheidungen und Prozesse, die von Wissenschaft und Technik initiiert werden, ad\u00e4quat, ihrem Ethos entsprechend, zu vermitteln. Weder gelingt ihr, Informationen aus Wissenschaft und Technik so zu formulieren, da\u00df ein breiter, \u00f6ffentlicher Diskurs und Meinungsbildung erm\u00f6glicht w\u00fcrde, noch kann sie durch eigene Meinungs\u00e4u\u00dferung korrigierend in vermutete Fehlentwicklungen eingreifen. Der Grund ist simpel: Es fehlt ihr erstens die daf\u00fcr notwendige Fachkompetenz &#8211; Journalisten sind \u00fcberwiegend keine Naturwissenschaftler -, zweitens die notwendigen Vermittlungsformen: Niemand w\u00fcsste anzugeben, wie komplexe naturwissenschaftliche Sachverhalte, zumal in ihrer gesellschaftlich determinierenden, sprich: politischen Bedeutung, sprachlich \u00fcberhaupt so zu vermitteln w\u00e4ren, da\u00df sie f\u00fcr Laien verstehbar w\u00e4ren und obendrein auf Interesse stie\u00dfen. Die regelm\u00e4\u00dfigen Wissenschaftsseiten bei einzelnen Tageszeitungen haben wenig mehr als Alibifunktion, auch wenn sie als Indiz f\u00fcr ein gewachsenes Problembewusstsein gelten k\u00f6nnen. Mit der wachsenden, im \u00fcbrigen auch f\u00fcr Naturwissenschaftler l\u00e4ngst nicht mehr durchschaubaren und erkl\u00e4rbaren Gesellschaft, w\u00e4chst die Entfremdung der Menschen nicht nur von iher Arbeit, sondern von dieser Gesellschaft insgesamt. Damit aber nimmt Angst zu, und mit ihr notwendig Entpolitisierung und Politikverdrossenheit. Die Politik vermag nicht mehr die Notwendigkeiten und Ziele bestimmter Entwicklungen und Prozesse zu definieren &#8211; au\u00dfer da\u00df ihre Vertreter stereotyp das Argument wiederholen, man m\u00fcse mitmachen, weil die anderen mitmachen, und man ansonsten im globalen Konkurrenzwettlauf &#132;den K\u00fcrzeren ziehen&#148; w\u00fcrde.<br \/>Da die Medien in diesem anarchisch wuchernden gesellschaftlichen Proze\u00df mit unbekannten Folgen selbst orientierungslos sind, k\u00f6nnen sie auch keine Orientierung geben, keine Korrekturen vorschlagen und letztlich auch nichts zum gesellschaftlichen Diskurs beitragen. Diese &#8211; strukturelle &#8211; Unf\u00e4higkeit wird verst\u00e4rkt durch ihren problematischen Aktualit\u00e4tsbegriff: Die Verk\u00fcrzung selbst globaler Informationsprozesse auf Sekunden und die gewaltige Ausweitung der Informationskapazit\u00e4ten hat dazu gef\u00fchrt, aktuell, damit wichtig und ergo von Interesse sei das Ad-hoc-Geschehene. Dies scheint sich jedoch zunehmend als Irrtum herauszustellen. Die &#132;ereignisaktuelle&#148; Informationsflut, zunehmend \u00fcberall und jederzeit abrufbar (ob in den zahlreichen Nachrichten-Kan\u00e4len des Kabelnetzes, via Internet oder kommerzielle Netzwerke selbst am privat genutzten PC) und verf\u00fcgbar, f\u00fchrt in Wahrheit zu Desinteresse, weil die Aufmerksamkeitsschwelle angehoben wird: Damit eine ereignisaktuelle Information noch Aufmerksamkeit erregen kann, mu\u00df sie &#132;aufgepeppt&#148; werden, sei es durch eine &#132;marktschreierische&#148; Aufmachung, sei es durch ein entsprechendes Layout. Dem einzelnen, der sich &#132;normal&#148; durch Tageszeitung, Funk und Fernsehen \u00fcber das Geschehen au\u00dferhalb seines unmittelbaren Lebensbereichs informieren m\u00f6chte, werden heute rund 100 mal mehr Informationen angeboten als dies noch gegen Ende des letzten Jahrhunderts der Fall war. Das potentielle, zunehmend rapide wachsende Informationsangebot l\u00e4\u00dft sich kaum mehr quantifizieren. Brachten in den zwanziger und noch in den f\u00fcnfziger Jahren die Tageszeitungen &#8211; einem entsprechenden Informationsinteresse an Ereignisaktualit\u00e4t Rechnung tragend &#8211; im Schnitt f\u00fcnf bis sechs Sonderausgaben pro Jahr heraus, ist heute kaum noch ein Ereignis vorstellbar, das eine solche verlegerische Entscheidung rechtfertigen k\u00f6nnte. Mit anderen Worten: Aufmerksamkeit und damit Aktualit\u00e4t sind in einer Zeit sekundenschnell vermittelbarer und unersch\u00f6pflicher Informationen zu knappen G\u00fctern geworden.<br \/>Eine Alternative zur ereignisaktuellen Berichterstattung und vor allem Kommentierung w\u00e4re die &#132;zustandsaktuelle&#148;: Berichterstattung und Kommentierung aus Lebensbereichen und Lebenswelten (Heidegger), die nicht ein gerade geschehenes Ereignis aktuell werden l\u00e4\u00dft, sondern die f\u00fcr die meisten Menschen ein Zustand sind, also st\u00e4ndig oder chronisch aktuell, mithin von anhaltender Bedeutung. Zu nennen w\u00e4ren Gesundheit bzw. Krankheit, Partnerschaft, Wohnungssituation, Arbeitslosigkeit oder \u00c4ngste um den Arbeitsplatz, finanzielles Auskommen, Umwelt\u00e4ngste, Erziehungsfragen, die Lage der Alleinstehen-den, Alleinerziehenden, Rentner usw., ferner Diskussionen um Orientierung oder gar Lebenssinn; verst\u00e4rkt Informationen aus der und \u00fcber die Lebenswelt des einzelnen, des B\u00fcrgers, der Gemeinschaft.<br \/>Die Schwierigkeit, die die Medien mit einem zustandsaktuellen Journalismus haben, k\u00f6nnte auch mit ihrem Verst\u00e4ndnis von Objektivit\u00e4t zusammenh\u00e4ngen. Zustandsaktuelle Themen fordern Stellungnahme, Engagement, was als subjektiv verstanden wird, als einseitig und damit dem journalistischen Ethos widerstreitend. Bis zur Jahrhundertwende waren die europ\u00e4ischen Printmedien durchaus in diesem Sinne &#132;einseitig&#148; oder parteilich. Erst im 20. Jahrhundert setzte sich, aus den USA kommend, das heutige Verst\u00e4ndnis von &#132;Objektivit\u00e4t&#148; durch, dem indes seine Herkunft niemand mehr ansah. Es war entstanden, als im amerikanischen B\u00fcrgerkrieg die Nachrichtenagentur AP (Associated Press) versuchte, mit beiden Seiten, den Nord- wie S\u00fcdstaaten, ins Gesch\u00e4ft zu kommen und ihnen gleicherma\u00dfen die Nachrichten zu verkaufen. Sie entwickelte dazu standardisierte Muster der Berichterstattung, die auf jegliche Form der Meinungs\u00e4u\u00dferung, Bewertung, Stellungnahme usw. verzichtete und so den Anschein erweckte, nur \u00fcber die Faktizit\u00e4t der Wirklichkeit zu berichten, eben objektiv. Indes wei\u00df jeder, da\u00df Realit\u00e4t sich je nach &#132;Standpunkt&#148; des Betrachters, seiner Wahrnehmungsf\u00e4higkeit, seinen Interessen, seiner Kompetenz, seiner Selektion und gewichtenden Vor-Einstellung, seinem Vor-Urteil usw. anders darstellt. Das Problem der realit\u00e4tsad\u00e4quaten Darstellung ist ein Problem im Journalismus geblieben.<br \/>Allerdings ist bedauerlich, da\u00df dem Bem\u00fchen, m\u00f6glichst objektiv zu berichten, die gute alte Form der Reportage geopfert wurde &#8211; zugunsten des amerikanischen &#132;Features&#148;. Die Reportage berichtet nicht nur \u00fcber ein Ereignis oder einen Vorgang, sie wertet auch und interpretiert, ist also dynamisch. Das Feature hingegen ist eine Situationsbeschreibung, die unter dem Gewande einer sehr witzigen und intelligenten Schreibe ihre Subjektivit\u00e4t und Voreingenommenheit nur schwer verbergen kann. In der Regel bleibt das Feature statisch. Die bedeutendsten Journalisten nicht nur der deutschen Presse &#8211; Karl Kraus, Alfred Polgar, Maximilian Harden, Theodor Wolff, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Egon Erwin Kisch, Karl-Hermann Flach, Karl Gerold oder auch Rudolf Augstein &#8211; waren und sind parteiergreifend, engagiert, so gesehen einseitig. In ihnen erkannten und erkennen sich die Leser wieder mit ihren Sorgen, \u00c4ngsten und auch Hoffnungen.<br \/>Zumindest die -&#132;seri\u00f6sen&#147; &#8211; Printmedien sollten trotz Normen und Anschauungs- bzw. Einstellungspluralit\u00e4t das werden, wof\u00fcr sie der Leser h\u00e4lt und entsprechend selektiert: Interessenvertreter von Individuen, die sich im modernen Gesellschaften bewu\u00dft oder unbewu\u00dft ohnm\u00e4chtig f\u00fchlen. Vermutlich k\u00f6nnten sie dann auch Kampagnen in gesellschaftlichem Rahmen f\u00fchren.<br \/>Der wom\u00f6glich folgenschwerste Irrtum eines unreflektierten Objektivit\u00e4tsbegriffs wirkt sich im Verh\u00e4ltnis der Medien zu Minderheiten aus. Unreflektiert ist in diesem Falle der Objektivit\u00e4tsbegriff, weil Minderheit quantitativ verstanden wird, analog den Spielregeln in einer Demokratie. Ihnen zufolge kann in einer Demokratie nur die Mehrheit entscheiden und damit wirksam werden. Die demokratische Idee unterstellt dabei, da\u00df auf ihrer Seite auch der gr\u00f6\u00dfte Sachverstand versammelt und die Mehrheitsentscheidung dank des besseren Arguments zugleich auch &#132;objektiver&#148; ist. Der Minderheit bleibt allerdings die Chance, f\u00fcr sich und ihre Idee zu werben, um Mehrheit werden zu k\u00f6nnen.<br \/>Dieses Modell, auf die journalistische Berichterstattung \u00fcbertragen, wirkt in der gesellschaftlichen Realit\u00e4t steril und stereotyp. Denn Ideen, Prognosef\u00e4higkeit, Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Fehlentwicklungen, Risikobewu\u00dftsein, Offenheit f\u00fcr bessere Alternativen usw. werden h\u00e4ufig, wenn nicht fast immer, zuerst von Minderheiten entwickelt und artikuliert, sei es von einem Individuum, der kleinsten denkbaren Minderheit, oder von Gruppen. Doch Minderheit z\u00e4hlt nicht zu jenen Nachrichtenfaktoren, die die Relevanz einer Nachricht bestimmen, im Gegensatz etwa zu Quantit\u00e4t bzw Frequenz oder Elite bzw. Prominenz. Entsprechend werden Minderheiten und ihre Innovationsf\u00e4higkeit von den Medien nicht gen\u00fcgend wahrgenommen, geschweige denn gef\u00f6rdert. Denn Minderheiten stehen zun\u00e4chst ebenfalls vor dem Problem, da\u00df sie emotive und\/oder kognitive Dissonanzen erzeugen m\u00fcssen. Gleichwohl k\u00f6nnte und m\u00fc\u00dfte ihr Anliegen und das Ma\u00df an gesellschaftlicher Vernunft quantifizierbar sein. Sollte die evolution\u00e4re Erkenntnistheorie recht haben, vollziehen sich auch zivilisatorische und kulturelle Entwicklungen nach dem Modell der Evolution und ihrer Grundprinzipien Selektion und Mutation: Der Selektion entsprechen im kulturellen Raum das Bew\u00e4hrte, das \u00dcberkommene, der Mutation die Idee, der Einfall. Aber w\u00e4hrend in der Evolution die Auswahlkriterien der Selektion und damit die Durchsetzungschancen der Mutation objektiviert sind &#8211; die Mutation setzt sich durch, wenn die Umweltbedingungen es zulassen und die \u00dcberlebenschancen der Art, sozusagen das Allgemeinwohl, tats\u00e4chlich verbessert werden &#8211; kommt im kulturellen Raum das Interesse ins Spiel, verbunden mit Macht. Das Allgemeinwohl ist mit Partikularinteressen durchaus nicht immer vereinbar, ja, das Interesse der Mehrheit mu\u00df nicht mit dem Allgemeinwohl \u00fcbereinstimmen.<br \/>Wiederum bietet die Geschichte zahllose Beispiele f\u00fcr die unverzichtbare Innovationsf\u00e4higkeit von Minderheiten, die von der Mehrheit einer Soziet\u00e4t, vor allem von den Medien, nicht oder zu sp\u00e4t wahrgenommen wurden, und wenn sie sich durchgesetzt haben, dann nicht dank der Medien.<br \/>Die Warner vor der heraufziehenden Barbarei der Nationalsozialisten um Tucholsky und Ossietzky blieben in der Minderheit. Eine Minderheit blieben weltweit die Pazifisten und ihre konkreten Vorschl\u00e4ge, wie Gewaltfreiheit zu einer wirksamen, institutionalisierten politischen Praxis umgesetzt werden k\u00f6nnte. Minderheit immer noch die Umweltsch\u00fctzer mit ihren Warnungen vor drohenden Umweltkatastrophen, die mittlerweile bereits zeitlich und in ihren Folgewirkungen berechenbar und quantifizierbar sind. Auch die feministische Bewegung blieb bislang Minderheit, wenngleich ihre Durchsetzungsf\u00e4higkeit w\u00e4chst, ebenso die Menschenrechtsbewegung und eine Vielzahl sozialer Bewegungen und Initiativen, denen wahrscheinlich niemals die Chance beschieden sein wird, mehrheitsf\u00e4hig zu werden und gesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen.<br \/>Die Potentiale an Vernunft und Ethik der Minderheiten bleiben weitgehend ungenutzt, dank einer unzul\u00e4nglichen, ja falschen Vorstellung von politischer oder gesellschaftlicher, &#132;objektiver&#148; Bedeutung sozialer Gruppen, und einem Mangel an Kriterien, den gesamtgesellschaftlichen Nutzen der von Minderheiten vertretenen Anliegen zu erkennen und zu bewerten.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2365],"publikationen":[1230],"class_list":["post-12468","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-anton-andreas-guha","publikationen-132-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - 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