{"id":12476,"date":"1972-06-01T15:16:00","date_gmt":"1972-06-01T14:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/plaedoyer-fuer-den-pluralismus-der-wissenschaften\/"},"modified":"2021-09-04T14:14:31","modified_gmt":"2021-09-04T12:14:31","slug":"plaedoyer-fuer-den-pluralismus-der-wissenschaften","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/1-2-1972\/publikation\/plaedoyer-fuer-den-pluralismus-der-wissenschaften\/","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Pluralismus der Wissenschaften"},"content":{"rendered":"<p>Unter Hinweis auf die b\u00fcrgerlich-liberalen Traditionen der Wissenschaflsfreiheit und des Wissenschaflspluralismus wies Professor Walter Jens, T\u00fcbingen, in einer beachtlichen Re-de auf dem Marburger Kongre\u00df auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der liberalen und sozialistischen Wissenschafter gegen die konservative Reaktion hin. (Die Rede geben wir gek\u00fcrzt wieder.)<br \/>,,&#8230; Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Pluralismus der Wissenschaften bedeutet damit: Der Antragsteller insistiert darauf, da\u00df an den Universit\u00e4ten unserer Republik die Behauptung realisiert wird, die vor 100 Jahren, im Oktober 1877, der Rektor der Friedrich-Wilhelm-Universit\u00e4t, es war Hermann Helmholtz, \u00fcber die Lehrfreiheit an den Hochschulen des Deutschen Reiches aufstellte: ,In diesem Augenblick k\u00f6nnen auf deutschen Universit\u00e4ten die extremsten Konsequenzen materialistischer Metaphysik, die k\u00fchnsten Spekulationen auf dem Boden von Darwins Evolutionstheorie ebenso ungehindert wie die extremste Verg\u00f6tterung p\u00e4pstlicher Autorit\u00e4t vorgetragen werden.&#8216; Lassen wir den Papst und Darwin einmal beiseite &#8230;: Wie steht es in einem Augenblick um die freie Entfaltung materialistischer Metaphysik marxistischer Provenienz, da der Kultusminister des Landes Baden-W\u00fcrttemberg in einem Brief an die ,Hochschullehrer, Lehrer, Verleger und im Kulturbereich T\u00e4tigen&#8216; eine Beziehung zwischen dem von linksextremen Gruppen bedrohten Leben der Kinder und jenen ,marxistischen Ideologen und Wissenschaftlern&#8216; herstellt, die, nach Wilhelm Hahn, ,\u00fcber Jahr-zehnte den Studenten ihre realit\u00e4tsfernen Theorien, die sich gegen unseren Staat und unsere Gesellschaft richten, mit viel Geist und Rhetorik verk\u00fcndeten.&#8216;<br \/>In der Tat, meine Damen und Herren, das Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Pluralismus der. Wissenschaft, das ich Ihnen vorzutragen habe, gilt &#8212; wie das Stuttgarter Schreiben vom 2. Juni 1972 beweist &#8212; Mandanten, deren Recht, als B\u00fcrger unter den B\u00fcrgern ihre Meinung vertreten zu d\u00fcrfen, zunehmend bedroht ist. Es gilt den linken Hochschullehrern &#8212; eine verschwindende Minorit\u00e4t, wie man wei\u00df: aber Hahn und die Seinen sprechen davon, da\u00df an unseren Universit\u00e4ten ,einseitig und in gro\u00dfem Umfang Theorien verk\u00fcndet werden, die auf eine Unterminierung unseres Staates und unserer Gesellschaft abzielen&#8216;; es gilt den Lehrern und Verlegern, es gilt aber auch jenen Politikern, die, wie die Vertreter der derzeitigen Bundesregierung, eine Amnestie f\u00fcr Demonstrationst\u00e4ter durchsetzten, die angeblich nach Hahn ,dazu beigetragen hat, politische Gewalttaten als Kavaliersdelikte zu beurteilen, die sogar positiv bewertbar seien`.<br \/>Meine Damen und Herren, als wir in unserem Kongre\u00dfappell darauf verwiesen, da\u00df Disziplinierungsma\u00dfnahmen, die sich heute in erster Linie gegen sogenannte Extremisten richten, morgen schon unbotm\u00e4\u00dfige Gewerkschafter und Sozialdemokraten, Journalisten, die auf die Materialisation der Sozialgebote unseres Grundgesetzes pochen, oder Lehrer treffen kann, die den Gedanken der Verschwisterung von Demokratie und Sozialismus vertreten, weil sie glauben, da\u00df nur auf diese Weise die b\u00fcrgerlichen Freiheiten, nun-mehr Freiheiten f\u00fcr alle, realisiert werden k\u00f6nnen &#8230;, als wir den Kreis der potentiell Bedrohten so weit zogen, da hat man uns vorgeworfen, wir malten schwarz, wo nur grau sei und untersch\u00e4tzten das Ausma\u00df jenes liberalen Freiheitsraumes, der doch immer-hin geblieben sei. Da hatte man vergessen, da\u00df bereits vor Jahren, angeklagt mit anderen demokratischen Wissenschaftern, ein Mann wie Ossip Flechtheim &#8212; zeitlebens ein Anwalt des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit und der Gewaltlosigkeit &#8212; von Gerhard Stoltenberg als Verf\u00fchrer der Jugend hingestellt wurde &#8230; Jetzt aber sind es nicht allein die realit\u00e4tsfernen Theoretiker, die &#8212; dennoch &#8212; mit der Realit\u00e4t Baader-Meinhof identifiziert\u00a0&#8211;<br \/>werden: im Zeichen des gro\u00dfen Ketzergerichts stehen fortschrittliche Politiker neben Theologen, beide bezichtigt der Verletzung demokratischer Spielregeln, Vertreter der Massenmedien finden sich seitanseit mit den Regenten der sozialliberalen Koalition, deren Gesetzest\u00e4tigkeit es zuzuschreiben sei, da\u00df die ,Grenze zwischen Recht und Un-. recht f\u00fcr viele in der jungen Generation flie\u00dfend geworden sei&#8216;.<br \/>Professoren, Politiker, Theologen, Verleger, Publizisten, alle rot, alle als Sympathisanten in einem Atemzug mit Terroristen genannt: Wenn das keine Volksfront ist, die in diesem Brief vorgestellt und angeklagt wird, dann wei\u00df ich nicht, was eine Volksfront ist. Hier springt die Katze aus dem Sack &#8212; eine Katze die die Tollwut hat &#8212; Schlu\u00df mit der Toleranz gegen\u00fcber den Linken hei\u00dft die Devise. (. . .)<br \/>B\u00f6ll: ein Radikaler! Als ob das verurteilenswert w\u00e4re, radikal zu sein! Als ob ,radikal` nicht ein Ehren-Wort der Aufkl\u00e4rer war und mit dem Begriff ,Radikaler` sich als B\u00fcrger ausgezeichnet sahen, die dem \u00dcbel an die Wurzel gingen, statt nur Symptome zu heilen. ,Daher mu\u00df eigentlich ein jeder, welcher die Unvollkommenheit eines gegebenen Zustandes erkennt und auf Heilung desselben denkt, ein Radikaler sein&#8216;: ein Zitat aus Brockhaus&#8216; Conversationslexikon von 1836, ein Satz aus einem Artikel, der, von b\u00fcrgerlichem Freisinn zeugend, radikale Reform mit der Ver\u00e4nderung auf verfassungsm\u00e4\u00dfigem Weg identifiziert. So sprach man einst &#8230; und wenn man heute anders spricht und glaubt, sich von den Linken zu trennen, dann trennt man sich in Wahrheit von den fortschrittlichen Elementen b\u00fcrgerlicher \u00dcberlieferung, zerschneidet den Faden, der zum Freiheitsdenken der Aufkl\u00e4rung f\u00fchrt, weil man f\u00fcrchtet &#8212; und dies zu recht &#8212; da\u00df in der sozialen Demokratie f\u00fcr alle verwirklicht werden k\u00f6nnte, was die Liberalen Einzelnen versprachen! So betrachtet ist die Attacke gegen den Radikalismus, bei der nicht mehr gefragt wird, zu welchem Ziel und mit welchen Mitteln denn die Gesellschaft radikal ver\u00e4ndert werden soll, eine Attacke gegen jene humanistische Tradition der Wissenschaft, die es, so bescheiden sie sich auch ausnimmt, in diesem Lande denn doch auch gegeben hat. (. . .)<br \/>M\u00f6gen die Virchow und Mommsen, der alte Achtundvierziger, die Gervinus und Humboldt Ausnahmen gewesen sein, die die Regel best\u00e4tigen: da\u00df sich eine scheinbar unpolitische, auf Wertsetzungen verzichtende Wissenschaft der Kontrolle \u00fcber das von ihr Verlangte begibt und so gerade wegen ih-res unpolitischen Selbstverst\u00e4ndnisses m\u00fche-los politisiert werden kann . . ; sie haben Zeic1~en gesetzt, die progressiven Wissenschafter in der heroischen Phase des B\u00fcrgertums, und es ist Sache der wahrhaft Liberalen und Sozialisten in diesem Land, ein Erbe fortzusetzen, das die Konservativen verrieten: Rudolf Virchow, zu seiner Zeit wegen ,Reformvorschl\u00e4gen und politischer Bet\u00e4tigung&#8216; des Amtes enthoben, st\u00fcnde &#8212; im Zeichen des Stuttgarter Schreibens vom 2. Juni 1972 &#8212; auch heute am Pranger .. .<br \/>Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen Pluralismus der Wissenschaft &#8230; das meint aber vor allem, nun in einer anderen Bedeutung des Wortes: Vertretung einer \\Uissenschaft, die, statt sich selbst genug zu sein, der Soziet\u00e4t zugewandt ist, der sie dient und die sie infrage stellt, indem sie die bestehende Gesellschaft, vorgriffsartig und vergleichsweise, an einer als m\u00f6glich vorgestellten humaneren und sozialeren Ordnung der Zukunft mi\u00dft: ,Dem Egoismus&#8216;, schreibt Kant in der Anthropologie, ,kann nur der Pluralismus entgegengesetzt werden &#8230;, d. i. die Denkungsart, sich nicht als die ganze Welt in seinem Selbst befassend, sondern als einen blo\u00dfen Weltb\u00fcrger zu betrachten und zu verhalten&#8216;. Pluralismus hei\u00dft also, auf die Wissenschaft bezogen, die Privatheit eines. nur sich selbst verantwortlichen Metiers zu leugnen und, mit Kant, ,das Da-sein anderer, mit mir in Gemeinschaft stehender Wesen&#8216; zu realisieren &#8230;und es nicht nur zu realisieren, sondern, Wirklichkeit und M\u00f6glichkeit miteinander vergleichend (wer, wenn nicht der Wissenschafter, k\u00f6nnte das?) dazu beitragen, da\u00df die Produktivkr\u00e4fte, die ein menschenw\u00fcrdiges Leben f\u00fcr alle gew\u00e4hrleisten k\u00f6nnen, nicht l\u00e4nger durch soziale Verh\u00e4ltnisse gedrosselt werden, die, wo Reichtum m\u00f6glich w\u00e4re, das Elend belassen. ,K\u00f6nnen wir uns der Menge verweigern&#8216;, hei\u00dft es in Brechts Galilei, ,und doch Wissenschafter bleiben? &#8230; Ich halte daf\u00fcr, da\u00df das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die M\u00fchseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern. Wenn Wissenschafter, eingesch\u00fcchtert durch selbsts\u00fcchtige Machthaber, sich damit begn\u00fcgen, Wissen um des Wissens willen anzuh\u00e4ufen, kann die Wissenschaft zum Kr\u00fcppel gemacht werden und neue Maschinen m\u00f6gen nur Drangsal bedeuten&#8216;.<br \/>Ich denke, man kann, in der Sprache der Poesie, nicht exakter umschreiben, was, in der Diktion des philosophierenden Jakobiners aus K\u00f6nigsberg, Pluralismus bedeutet. Pluralismus der Wissenschaft meint, im Kantschen Sinne: allgemeine, objektive Bed\u00fcrfnisse \u00fcber partikulare Interessen zu stellen und die Verf\u00fcgungsgewalt des abstrakten Individuums in der Freiheit der solidarisch Produzierenden aufzuheben. Das hei\u00dft konkret: Eine Wissenschaft, die unter ,Praxisbezug` und ,gesellschaftlicher Relevanz&#8216; versteht, die Universit\u00e4t m\u00fc\u00dfte zun\u00e4chst einmal auftragsf\u00e4big f\u00fcr die herrschende Schicht in dieser Gesellschaft sein, ohne zu bedenken, da\u00df sie damit jene Schicht preisgeben k\u00f6nnte, deren Existenz, mit Werner Hofmann zu reden, den objektiven M\u00f6glichkeiten der Gesellschaft am meisten widerspricht &#8230; eine solche unkritische Wissenschaft sollte auf den von Brecht geforderten hippokratischen Eid f\u00fcr alle Wissenschafter lieber verzichten &#8212; es w\u00fcrde ein Meineid daraus.<br \/>Den Schwur ablegen, ihr Wissen zum Wohle der Menschheit anzuwenden, kann allein eine Wissenschaft, die zum ersten ihre Autonomie &#8212; die Autonomie einer demokratischen Institution selbstverst\u00e4ndlich &#8212; zu verteidigen versteht, weil sie wei\u00df, da\u00df sie der Gesellschaft nur als deren kritischer Widerpart und nicht als ein fungibles Element dienen kann, das, beschr\u00e4nkt auf pure Funktionalit\u00e4t, von den jeweils dominierenden Interessen nach Belieben zu manipulieren ist.<br \/>Den hippokratischen Eid ablegen kann zum zweiten nur eine demokratisch orientierte Wissenschaft, die sich, radikal unterschieden von den nach staatlichem Eingriff verlangen-den Freiheitsbund-Sprechern, allen Pl\u00e4nen zu widersetzen wei\u00df, die eine erweiterte Hochschulkompetenz der L\u00e4nder, bis hin zur Fachaufsicht, fordern. (..<br \/>Diese Aufgabe ist uns allen gestellt: Wir haben darauf zu bestehen, da\u00df die Forderung, die Rudolf Virchow vor 130 Jahren auf-stellte: volle und unumschr\u00e4nkte Demokratie, gleiches Recht f\u00fcr jedermann, realisiert wird; wir haben uns dagegen zu wehren, da\u00df die inzwischen auch von der Jungen Union als Reaktion\u00e4re gebrandmarkten Vertreter vom Bund Freiheit der Wissenschaft und ihre Interessenwahrer in Ministerien, Parteien, .Massenmedien und Wirtschaft sich auf eine b\u00fcrgerliche Wissenschaft berufen, deren progressive Vertreter es nicht verdient haben, als Eideshelfer f\u00fcr die Sache der Reaktion her-halten zu m\u00fcssen: Ein Boot, in dem zugleich ein Platz f\u00fcr Maier und Gervinus ist, gibt es nicht.<\/p>\n<p>Sie waren radikal und sind es heute noch&#8230; radikal wie anno 72 die Thesen des Ahlener Programms und die Sozialartikel jenes Grundgesetzes sind, das, an der Verfassungswirklichkeit gemessen, l\u00e4ngst revolution\u00e4ren Charakter gewonnen hat.<br \/>Dies alles gilt es zu verteidigen: wir stehen mit dem R\u00fccken zur Wand, wenn wir uns nicht zusammenschlie\u00dfen, Marxisten, Radikaldemokraten und Liberale: Wenn wir uns auch in Zukunft nur in den Verlautbarungen der Hahns vereint wissen wollen und nicht, auf breiter Basis, gewerkschaftlich-solidarisch handeln, dann k\u00f6nnte nicht nur die Wissenschaft in dieser Republik ihre Freiheit verlieren.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2471],"publikationen":[1436],"class_list":["post-12476","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-walter-jens","publikationen-1-2-1972"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Pluralismus der Wissenschaften - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/1-2-1972\/publikation\/plaedoyer-fuer-den-pluralismus-der-wissenschaften\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Pluralismus der Wissenschaften - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Unter Hinweis auf die b\u00fcrgerlich-liberalen Traditionen der Wissenschaflsfreiheit und des Wissenschaflspluralismus wies Professor Walter Jens, T\u00fcbingen, in einer beachtlichen Re-de auf dem Marburger Kongre\u00df auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der liberalen und sozialistischen Wissenschafter gegen die konservative Reaktion hin. 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