{"id":12479,"date":"1986-01-31T23:00:00","date_gmt":"1986-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/politische-theorie-der-geschichte-vorlaeufig-am-ende\/"},"modified":"1986-01-31T12:00:00","modified_gmt":"1986-01-31T11:00:00","slug":"politische-theorie-der-geschichte-vorlaeufig-am-ende","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/79-vorgaenge\/publikation\/politische-theorie-der-geschichte-vorlaeufig-am-ende\/","title":{"rendered":"Politische Theorie der Geschichte vorl\u00e4ufig am Ende?"},"content":{"rendered":"<p>Kommentar<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 79 (Heft 1\/1986), S.1-9<\/p>\n<p>Die Kontinuit\u00e4t der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft von Hegel erstmals auf ihren philosophischen und systematischen Begriff gebracht, bleibt trotz aller Krisen der kapitalistischen \u00d6konomie, trotz Bedrohung durch den selbst verschuldeten atomaren Genozid und trotz der wachsenden Isolierung der b\u00fcrgerlichen Wohlstandsinsel in dem Meer des Massenelends der Dritten Welt ungebrochen.<\/p>\n<p>Die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, als kapitalistische Struktur der Warenproduktion in einem langen Zersetzungsprozess gegen die zerfallenden feudalen Systeme Mitteleuropas durchgesetzt, hat sich in ihrer Philosophischen Ideologie seit der fr\u00fchen Aufkl\u00e4rung selbst nicht als die Durchsetzung eines blo\u00df partiellen \u00f6konomischen Interesses gegen alte Herrschaft, sondern als einen Schritt in die Richtung grunds\u00e4tzlicher gattungsgeschichtlicher Emanzipation des Menschen definiert. Die normativen Anspr\u00fcche der b\u00fcrgerlichen Revolution, politisch in der Triade Freiheit-Gleichheit-Br\u00fcderlichkeit, philosophisch in den gro\u00dfen Systemen der idealistischen Transzendentalphilosophie ausformuliert, definieren in abstrakter Weise einen normativen Horizont, den auch zweihundert Jahre sp\u00e4ter keine neue soziale Bewegung zu \u00fcberschreiten vermochte. Die in der b\u00fcrgerlichen Aufkl\u00e4rung formulierten Wertma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die gesellschaftliche und gattungsgeschichtliche Emanzipation wurden zur Ideologie nicht aufgrund ihres in wertm\u00e4\u00dfiger oder erkenntnism\u00e4\u00dfiger Hinsicht eingeschr\u00e4nkten Charakters, sondern aufgrund ihrer unvollkommenen Realisierung in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. Da\u00df diese unvollkommen bleiben musste (und muss) ist freilich nicht dem politischen und historischen Unverm\u00f6gen des b\u00fcrgerlichen Kollektivsubjekts geschuldet, sondern resultiert aus der komplizierten, aber in der \u00bbKritik der Politischen \u00d6konomie\u00ab von Marx im wesentlichen entschleierten widerspr\u00fcchlichen Totalit\u00e4t der kapitalistischen Reproduktion, in der trotz des notwendigen Scheins gesellschaftlicher Allgemeingeltung der aufkl\u00e4rerischen Normen zugleich die immer blo\u00df partielle Verwirklichung entlang von Klassenschranken realisiert wird.<\/p>\n<p>Mit der Aufspaltung der gesellschaftlichen Totalit\u00e4t in \u00bbb\u00fcrgerliche Gesellschaft\u00ab und \u00bbStaat\/zivile Gesellschaft\u00ab reflektiert das Hegelsche System diesen Widerspruch zwischen allgemein gattungsgeschichtlichem Emanzipationsanspruch und formationsspezifischer, herrschaftlicher Realisierung. W\u00e4hrend in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, dem, wie Hegel sagt, \u00bbSystem der Bed\u00fcrfnisse\u00ab, die Realisierung der aufkl\u00e4rerischen Wertnormen an das \u00bbfreie Spiel der Kr\u00e4fte\u00ab kapitalistischer Konkurrenzvergesellschaftung und Warenproduktion verwiesen wird, bleibt die Realisierung allgemein menschlicher, gattungsgeschichtlicher Vernunft allein realisiert f\u00fcr den als \u00bbWirklichkeit der sittlichen Idee\u00ab hypostasierten Staat. In der widerspr\u00fcchlichen Totalit\u00e4t des Hegelschen philosophischen Systems, in der Totalit\u00e4t des Widerspruchs, der sich durch dessen ganze Konstruktion zieht, findet eine politische Theorie der Geschichte und der geschichtlichen Bewegung ihren vorl\u00e4ufigen Abschlu\u00df und H\u00f6hepunkt, mit der das aufstrebende B\u00fcrgertum sich gegen\u00fcber den theokratischen Weltbildern des fr\u00fchen und sp\u00e4ten Mittelalters seinen eigenen Herrschaftsanspruch rechtfertigte &#8211; diesen in charakteristischer Weise nicht als partiellen Anspruch einer Klasse, sondern als allgemein-menschlichen Gattungsanspruch ausformulierend.<\/p>\n<p>Dieser Endpunkt der b\u00fcrgerlichen politischen Theorie der Geschichte wird logisch und historisch offenkundig, indem Marx, \u00fcber die ersten Studien der Linkshegelianer hinausgehend, in der \u00bbKritik der politischen \u00d6konomie\u00ab die Konstitutionsnotwendigkeiten der politischen Theorie der Geschichte des B\u00fcrgertums aus den Strukturen der Warenproduktion und des Warentausches herleitet. Aufgedeckt wird dabei unwiderruflich der klassenm\u00e4\u00dfige, blo\u00df partielle Charakter des b\u00fcrgerlichen Interesses, das sich historisch als allgemeine Vernunft gerierte ebenso, wie der aus der Produktion von Waren und ihrem Tausch notwendig erwachsene Schein ihres systemunspezifischen allgemeinen Charakters.<\/p>\n<p>Die materialistisch-dialektisch gewendete Analyse der kapitalistisch-b\u00fcrgerlichen Gesellschaftsformationen durch Marx muss, eigenen methodologischen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgend, nunmehr, was Hegel als Inkarnationsgeschichte des \u00bbabsoluten Geistes\u00ab erschien, als geschichts- und gesellschaftsimmanent konstituierte m\u00f6gliche allgemeine Vernunft interpretieren. Die erkenntnistheoretische Kritik am transzendentalen Idealismus Hegelscher Vernunftphilosophie muss, vom \u00bbKopf auf die F\u00fc\u00dfe gestellt\u00ab, die M\u00f6glichkeit allgemeiner gesellschaftlicher und historischer Vernunft materialistisch an historische Bedingungen kn\u00fcpfen, die aus der Reproduktion der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, die aus den konkret-historischen Widerspr\u00fcchen der von ihr realisierten Totalit\u00e4t selbst hervorgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bekanntlich hat Marx diesem Anspruch auf mindestens zwei verschiedene Weisen nachzukommen versucht: in einem geschichtsphilosophischen Argumentationsstrang, insofern noch mehr an seinem Vorg\u00e4nger Hegel angelehnt, begreift Marx die gattungsgeschichtliche Entwicklung \u00bbdes Menschen\u00ab durch die verschiedenen formationsspezifischen Stadien hindurch als einen umfassenden, wohl aufzuhaltenden, aber niemals r\u00fcckg\u00e4ngig zu machenden gattungsgeschichtlichen Lern- und Bildungsproze\u00df, in dem \u00bbder Mensch\u00ab als kollektives Gattungssubjekt sich vermittels \u00bbproduktiver Lebenst\u00e4tigkeit\u00ab in der Auseinandersetzung mit der Natur historisch so entwickelt, da\u00df, einmal von geschichtlicher Herrschaft befreit, wie sie in verschiedenen Formationen ihren politisch-institutionellen Ausdruck gefunden hat, eine \u00bballseitige Entfaltung seiner Bed\u00fcrfnisse und F\u00e4higkeiten\u00ab m\u00f6glich w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Neben diesen geschichtsphilosophischen Begr\u00fcndungsstrang tritt das aus der \u00bbKritik der politischen \u00d6konomie\u00ab des Kapitalismus hervorgehende Motiv, nach dem die die \u00bbArbeit\u00ab im Kapitalismus repr\u00e4sentierende Klasse des Proletariats sich w\u00fcrde zum allgemeinen historischen Subjekt der Gattungsgeschichte aufschwingen k\u00f6nnen. Und zwar einerseits, weil dem Kapitalismus die Logik von Konzentration und Zentralisation als Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit zugrunde liege, nach der schlie\u00dflich das zun\u00e4chst nur eine Klasse umfassende Proletariat, das noch anderen Klassen gegen\u00fcber steht, durch st\u00e4ndiges Anwachsen die ganze Bev\u00f6lkerung eines Gesellschaftssystems umfassen w\u00fcrde und, indem zweitens neben diesen quantitativen Effekt der qualitative tritt, nach dem unter Bedingungen der b\u00fcrgerlichen Warenproduktion allein das Proletariat mit der gattungsgeschichtlich konstitutiven Qualit\u00e4t \u00bbproduktiver Arbeit\u00ab (\u00bbLebenst\u00e4tigkeit\u00ab) verbunden ist und insofern die gattungsgeschichtliche Entfaltung der Menschheit in sich repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>\u00dcber die politische Theorie der \u00bbFrankfurter Schule\u00ab, konkreter von Adorno und Horkheimer, kann man nur vor diesem historischen Hintergrund sprechen.<\/p>\n<p>Gemeinhin wird in der Literatur \u00fcber die \u00bbFrankfurter Schule\u00ab in den letzten Jahren deren resingnative Abkehr von einer politischen Theorie der Praxis bemerkt. Die Tonlage dieser Kritik bleibt &#8211; ausgesprochen oder unausgesprochen &#8211; vorwurfsvoll: so, als st\u00fcnde es im Belieben der einzelnen Protagonisten, ihren theoretischen \u00dcberlegungen zur Geschichte der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft einen aktivistischen, auf Praxis und Revolution dringenden Anspruch zu geben oder nicht. Dort, wo der Anspruch an politische Theorie an ihre Vermittlung mit Praxis gebunden wird, wird folglich konsequenterweise der \u00bbFrankfurter Schule\u00ab eine politische Theorie insgesamt bestritten. Sie sei zu blo\u00dfer Kulturkritik und \u00c4sthetik verkommen; literarisch bedeutend, aber als blo\u00dfe Essayistik von aller wirklichen Geschichte getrennt und damit im Wesen dem verwandt, worauf sie doch inhaltlich ihr kritisches Augenmerk vor allem richte: Massenkultur.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte in den wenigen Bemerkungen, die hier m\u00f6glich sind, auf die Missverst\u00e4ndnisse einer solchen Kritik aufmerksam machen. Sie liegen zum einen in einem mangelhaften Verst\u00e4ndnis des Begriffs von politischer Theorie der Geschichte, wie er \u00fcber die b\u00fcrgerliche Aufkl\u00e4rungsliteratur, Hegel und Marx bis hin zur \u00bbFrankfurter Schule\u00ab grundlegend war und sie liegen zum anderen in einem ungen\u00fcgenden theoretischen Nachvollzug der radikal zu Ende gedachten Konsequenzen einer materialistisch-dialektischen\u00a0 Bewusstseins- oder Erkenntnistheorie, wie sie vor allem von Adorno ausgearbeitet worden ist.<\/p>\n<p>Materialistisch-dialektische Theorie kann, ihren eigenen erkenntnistheoretischen Voraussetzungen entsprechend, ihren Ausgang nur von geschichtlicher Erfahrung nehmen. Bewusstsein &#8211; als bewusstes Sein von Subjekten in einer objektiven historischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit &#8211; enth\u00e4lt gegen\u00fcber dieser kein transzendentes Moment. Die je subjektive Konstitution des Bewusstseins in der Erfahrung verhindert aber auch, da\u00df diese blo\u00dfe Widerspiegelung oder Abbildung objektiver Wirklichkeit als \u00bbZustand\u00ab umfasst. Dies gerade ist der grunds\u00e4tzliche Vorwurf gegen\u00fcber jeglichem Positivismus, dass er die Inhalte der Erfahrung, das historisch momentane SO-Sein aus der Subjekt-Objekt-Dialektik und Geschichtlichkeit herausl\u00f6st. Dann wird nicht mehr begriffen, dass das so seiende Faktum so geworden, dass es kritisiert und dass es ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Andererseits widerspricht die materialistische Auffassung vom Subjekt einer blo\u00dfen Gegen\u00fcberstellung von objektiver Wirklichkeit und unabh\u00e4ngigem, t\u00e4tigen Subjekt, das diese als Repertoire seiner historischen Handlungsm\u00f6glichkeiten vorfindet. Das Subjekt selbst, auch das als t\u00e4tiges Bewusstsein sich begreifende Theoriesubjekt, ist als \u00bbEnsemble gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse\u00ab in die objektiven Voraussetzungen und Bedingungen geschichtlicher Wirklichkeit integriert. Es kann sich aus diesem Vermittlungszusammenhang nicht dezisionistisch herausl\u00f6sen: Als m\u00f6glicher Sch\u00f6pfer seiner zuk\u00fcnftigen gesellschaftlichen Wirklichkeit steht der Mensch nicht nur der geschichtlichen Wirklichkeit gegen\u00fcber, sondern seine eigenen M\u00f6glichkeiten und F\u00e4higkeiten als Subjekt bleiben historisch ans Bestehende gebunden und erwachsen aus diesem. Die Grenzen seiner Handlungsm\u00f6glichkeit liegen also nicht nur au\u00dferhalb, sondern auch innerhalb seiner Selbst.<\/p>\n<p>Damit ist keinem Determinismus das Wort geredet, denn die Widerspr\u00fcchlichkeit der geschichtlich entstandenen Totalitat der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft entfaltet Kontingenzen f\u00fcr gesellschaftliches Handeln. Sich dieser Kontingenz als objektiver M\u00f6glichkeiten bewusst zu werden, ist M\u00f6glichkeit und Aufgabe der historisch entfalteten Subjektivit\u00e4t, die gerade darin ihre m\u00f6gliche Freiheit gegen\u00fcber der Geschichte findet. Diese Freiheit ist in ihrer R\u00fcckbindung an objektive M\u00f6glichkeiten nicht einschr\u00e4nkungs- und bedingungslos, aber sie ist im Vollzug der Erkenntnis ihrer objektiven M\u00f6glichkeit auch nicht blo\u00dfe Einsicht in eine vorgebliche historische Notwendigkeit der sie sich nur zu unterwerfen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die geschichtliche Erfahrung, bei der die \u00bbFrankfurter Schule\u00ab &#8211; wie andere Str\u00f6mungen des \u00bbWestlichen Marxismus\u00ab in den zwanziger Jahren &#151; ihren Ausgangspunkt nimmt, geht \u00fcber den konstitutiven historischen Erfahrungszusammenhang von Marx in seiner Hegelkritik hinaus. Wie dieser die allgemeinen Anspr\u00fcche der b\u00fcrgerlichen aufkl\u00e4rerischen Philosophie als partiellen Herrschaftsanspruch der b\u00fcrgerlichen Klasse historisch reduziert sah und analysierte, so lebt der nach-marxistische historische Materialismus von der Erfahrung, da\u00df die von Marx vorgestellte M\u00f6glichkeit des Proletariats als historisches Kollektivsubjekt, das die allgemeinen gattungsgeschichtlichen Vernunftanspr\u00fcche in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft und \u00fcber diese hinaus zu realisieren in der Lage sei, diesen Anspruch verfehlte. Ohne hier weiter auf die historischen Umst\u00e4nde und diskutierbaren Einsch\u00e4tzungen im einzelnen einzugehen, sei darauf verwiesen, dass das Verkommen des Marxismus in der zweiten Internationale zum blo\u00dfen idealistischen Evolutionismus, die politische Niederlage des internationalen Proletariats am Tage des Ausbruchs des 1. Weltkrieges, den es nicht verhindern konnte, sowie die Desillusionierung angesichts des wiederum nur partiellen Herrschaftscharakters der im Namen des Proletariats, aber nicht von diesem errichteten Entwicklungsdiktatur in der Sowjetunion nach 1918 den historischen Erfahrungshintergrund ausmachen, aus dem die Leitidee der Kritischen Theorie erw\u00e4chst.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle kritischen Marxisten, die sich der leerlaufenden Orthodoxie eines kautskyanischen Marxismus nicht l\u00e4nger beugen wollten, lag sp\u00e4testens in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts die Frage offen, wie eine politische Theorie der Geschichte als praktische Theorie zu begr\u00fcnden sein sollte, wenn sich das Proletariat der ihm von Marx und dem orthodoxen Marxismus zugeschriebenen Rolle als historisches Kollektivsubjekt nicht f\u00fcgt.<\/p>\n<p>Alle wesentlichen Ans\u00e4tze des \u00bbwestlichen Marxismus\u00ab der zwanziger Jahre reagieren auf diese Problemstellung. Die Nichtkonstituierung des Proletariats als historisches Subjekt wird dabei allerdings verschieden theoretisch verarbeitet. F\u00fcr diese Verschiedenheit ist zum Teil eine unterschiedliche Einsch\u00e4tzung verantwortlich, ob die Nichtkonstituierung des Proletariats zum revolution\u00e4ren Subjekt in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft nur momentan und durch besondere historische Umst\u00e4nde bedingt verhindert sei (wie bei Georg Luk\u00e1cs, Antonio Gramsczi und Karl Korsch), oder ob die M\u00f6glichkeit zur Konstituierung des Proletariats zum historischen Subjekt, wenn sie denn einmal bestanden h\u00e4tte, endg\u00fcltig verspielt sei.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die drei genannten Ans\u00e4tze sich als unterschiedliche Begr\u00fcndungen f\u00fcr die These verstehen lassen, da\u00df nur momentan in der besonderen historischen Situation der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft das Proletariat seine historische Rolle nicht wahrnehme, denkt die \u00bbFrankfurter Schule\u00ab den \u00bbVerlust des historischen Subjekts\u00ab in ihren Konsequenzen f\u00fcr eine politische Theorie der Geschichte mit praktischer Absicht sp\u00e4testens seit Mitte der drei\u00dfiger Jahre konsequent zu Ende.<\/p>\n<p>Die erkenntnisleitende Frage lautet: Welche Konsequenzen ergeben sich f\u00fcr eine politische Theorie der Geschichte mit praktischer Absicht, wenn diese Absicht nicht mehr an ein konkretes und soziologisch bestimmbares historisches Subjekt r\u00fcckgebunden werden kann? Diese Fragestellung ist konsequenter Ausfluss des Festhaltens am materialistisch-dialektischen Konstitutionszusammenhanges der Gesellschaftstheorie.<\/p>\n<p>Der praktische Anspruch auf Ver\u00e4nderung kann f\u00fcr eine solche Theorie nur als zumindest m\u00f6glicher Anspruch eines zumindest m\u00f6glichen konkret bestimmbaren historischen Subjekts formuliert werden. Wird die Verbindung zwischen einem solchen benennbaren Subjekt und dem Anspruch auf Ver\u00e4nderung preisgegeben, so f\u00e4llt materialistisch-dialektische Theorie zur\u00fcck auf den Stand blo\u00dfer idealistischer Transzendentalphilosophie. Die Gefahr eines solchen R\u00fcckfalls wird am ehesten im \u00bbobjektiven Idealismus\u00ab von Georg Luk\u00e1cs erkennbar, in dem er an der ldee des proletarischen Subjekts und seines m\u00f6glichen Klassenbewusstseins wider alle historische und empirische Erfahrung festh\u00e4lt. Das Proletariat tritt damit an die Stelle des transzendentalen Erkenntnissubjekts. Die politischen Konsequenzen liegen auf der Hand; der Theoretiker, bzw. die avantgardistische Partei als Inkarnation des transzendentalen Bewusstseins des Proletariats stehen in dem Dilemma, entweder in \u00bbrevolution\u00e4rem Attentismus\u00ab auf die angemessene Bewusstseinsentwicklung des Proletariats zu warten (so die zweite Internationale und Kautsky) oder aber im Vorgriff auf das m\u00f6gliche Bewusstsein des Proletariats und begr\u00fcndet aus seinem theoretisch zugerechneten transzendentalen Bewusstsein diktatorisch die Geschichte voranzutreiben &#8211; in der Hoffnung, das sich mit der Beseitigung der die Bewusstseinsentwicklung des Proletariats hemmenden Sozialisationsfaktoren der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft schlie\u00dflich das faktische empirische Bewusstsein des Proletariats nachtr\u00e4glich dem ihm zugerechneten Bewusstsein angleichen werde (so im Groben die Luk\u00e1csche Rechtfertigung des Leninismus).<\/p>\n<p>Gegen die Einnahme der ersten Position sprach f\u00fcr die \u00bbFrankfurter Schule\u00ab am Ende der zwanziger Jahre nicht nur die von Marx \u00fcbernommene und weiterhin als g\u00fcltig betrachtete radikale Kritik der Entfremdung in einer b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, die die einzelnen Subjekte an der Entfaltung ihrer F\u00e4higkeiten und Bed\u00fcrfnisse mit dehumanisierenden Konsequenzen behinderte, sondern auch das aktuell dringliche Problem des heraufziehenden Faschismus als der konsequentesten Form der Realisierung politischer Herrschaft unter kapitalistisch-b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen. Angesichts dieser aktuellen Gefahr erwiese sich jeder Attentismus als menschenverachtender Zynismus; so die Kritik von Max Horkheimer an der Haltung der Sozialdemokratie in der zweiten H\u00e4lfte der Weimarer Republik.<\/p>\n<p>Gegen die Einnahme der zweiten Position sprachen f\u00fcr die Frankfurter einerseits die historischen Erfahrungen mit der Diktatur der bolschewistischen Partei nach der Oktober Revolution, die beim besten Willen nicht l\u00e4nger als Verwirklichung der humanistischen Anspr\u00fcche des revolution\u00e4ren Marxismus interpretiert werden konnte, und andererseits auch schon die genannten theoretischen und methodologischen Anspr\u00fcche einer materialistisch-dialektischen Begr\u00fcndung einer politischen Theorie der Geschichte, deren emanzipatorische Absichten durch die Abtrennung der politischen Praxis einer Avantgarde von den wirklichen Erfahrungen und dem Bewusstsein des empirischen Proletariats fundamental gef\u00e4hrdet waren.<\/p>\n<p>In der ersten Phase der \u00bbFrankfurter Schule\u00ab nach der Errichtung des Instituts f\u00fcr Sozialforschung unter dem Direktorat von Max Horkheimer stand daher die wissenschaftliche Erforschung der Frage im Vordergrund, warum die Marxistischen Prognosen \u00fcber die Entwicklung des Proletariats im Kapitalismus sich als unzutreffend erwiesen hatten. Die Beantwortung dieser Frage wird konsequent im Institutsprogramm auf zwei Ebenen vorangetrieben.<\/p>\n<p>Einerseits versuchen die Studien von Henrik Grossmann und Friedrich Pollock immanent im Rahmen der marxistischen \u00bbKritik der politischen \u00d6konomie\u00ab jene Faktoren zu erkl\u00e4ren, die der von Marx im Rahmen seiner Krisentheorie des Kapitalismus behaupteten Zusammenbruchstendenz entgegenwirken. Wie in anderen Theorien dieser Epoche auch (Hilferding, Luxemburg), stehen dabei Monopolbildung und Staatsintervention im Zentrum des Interesses. Bedeutsamer, weil den Rahmen der marxistischen Orthodoxie in den zwanziger Jahren deutlich verlassend, ist die Einbeziehung der Psychologie, genauer der Psychoanalyse, als theoretisches Erkl\u00e4rungsinstrument f\u00fcr die gegebene historische Wirklichkeit. Der Mensch als das \u00bbEnsemble gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse\u00ab wird nicht l\u00e4nger nur im Rahmen der \u00bbKritik der politischen \u00d6konomie\u00ab als \u00bbCharaktermaske\u00ab und Funktionstr\u00e4ger in der kapitalistischen Warenproduktion aufgefasst, sondern die durch die b\u00fcrgerlich-kapitalistische Produktionsweise gesetzten objektiven Sozialisationsbedingungen, wie sie im Kapitel \u00fcber den Warenfetisch im \u00bbKapital\u00ab von Marx bereits angelegt sind, kommen ins Blickfeld.<\/p>\n<p>Gegen ein \u00f6konomistisches Gesellschaftsbild des orthodoxen Marxismus wird von den Frankfurtern nachdr\u00fccklich der objektive Charakter der durch die kapitalistische Produktionsweise gesetzten Sozialisationsbedingungen ins Blickfeld ger\u00fcckt. Die im orthodoxen Marxismus angelegte Metapher von hardware (Basis) und software (\u00dcberbau), die h\u00e4ufig mit einem naturalistischen Missverst\u00e4ndnis des Materialismusbegriffes einhergeht, tritt zur\u00fcck gegen\u00fcber einer den objektiv-materiellen Charakter der gesellschaftlichen Beziehungen betonenden Sichtweise. Die durch die kapitalistische Warenproduktion konstituierten gesellschaftlichen Beziehungen und das zu ihnen geh\u00f6rende notwendig-falsche Bewusstsein (Ideologie) haben danach den gleichen objektiven Charakter, bilden erst insgesamt die gesellschaftliche Totalit\u00e4t, deren materialistisch-dialektische Analyse Ziel der politischen Theorie der Geschichte sein kann.<\/p>\n<p>Dabei entsteht nun allerdings ein fundamentaler Gegensatz zu Marx: Wo diesem seine eigene Theorie und die materialistisch-dialektische Analyse der kapitalistischen Produktionsweise als das m\u00f6gliche Bewusstsein, als das bewu\u00dfte Sein des m\u00f6glichen Subjekts Proletariat erschien und von daher erkenntnislogisch als historisch wahr begr\u00fcndet war, findet die Kritische Theorie der \u00bbFrankfurter Schule\u00ab au\u00dferhalb der Theorie selbst keinen Begr\u00fcndungsanspruch auf historische Wahrheit mehr. Wo die historische Praxis des Proletariats ausbleibt, kann sie auch nicht mehr als Wahrheitsbegr\u00fcndung in der Theorie fungieren. Insofern liegt gerade im konsequenten Festhalten am materialistisch-dialektischen Erkenntnisprogramm die historische Esoterik der Kritischen Theorie begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Dieser Punkt ist angesichts der Vorw\u00fcrfe \u00fcber die Abkehr von einer revolution\u00e4ren Theorie mit praktischer Absicht so wichtig, da\u00df er noch einmal betont wird: Wo der Inhalt der materialistisch-dialektischen Analyse der gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Beziehungen und des Entwicklungsstandes der kapitalistischen \u00d6konomie das Fehlen eines historischen Subjekts f\u00fcr die Ver\u00e4nderung der Verh\u00e4ltnisse ergibt, ja mehr noch, dessen Konstituierung gerade aus den objektiven Bedingungen als unm\u00f6glich erweist, da bleibt Kritischer Theorie in der Tradition materialistisch-dialektischer Analyse gar nichts anderes \u00fcbrig, als zumindest zeitweise den praktischen Anspruch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit als dispensiert anzusehen.<\/p>\n<p>Freilich f\u00fchrt, wie schon angedeutet, die Erkenntnis, da\u00df der Theorie mit praktischer Absicht das historische Subjekt fehlt, in ein erkenntnistheoretisches Dilemma. Die Perspektive Kritischer Theorie, n\u00e4mlich die Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt ihrer Ver\u00e4nderung zu analysieren, das \u00fcber\u00a0den blo\u00df konstatierenden Positivismus hinausgehende praktische Moment der Kritischen Theorie, verliert mit dem gesellschaftlichen Tr\u00e4ger seine materialistische Begr\u00fcndung. Das Festhalten an den Anspr\u00fcchen Kritischer Theorie erscheint als willk\u00fcrliche Dezision des Theoretikers, der sich dabei freilich in die Tradition aus Geschichte der Theorie und aus Geschichte vergangener Hoffnungen von historischen Subjekten gestellt sehen kann. Allein die Berufung auf Tradition ergibt erkenntnislogisch keine Begr\u00fcndung, die gegen\u00fcber konkurrierenden Anspr\u00fcchen allgemeine Geltung beanspruchen kann. Paradoxerweise tritt gerade nach dem Verlust des historischen Subjekts der Arbeiterklasse, f\u00fcr das man theoretisch Partei ergreifen konnte, im Festhalten am praktischen Anspruch politischer Theorie in der Geschichte ein Moment von Parteilichkeit der Wissenschaft auf, bei dem freilich ganz ungewiss bleibt, wessen Partei in der Zukunft mit einer Kritik des Bestehenden ergriffen werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die erste Phase der \u00bbFrankfurter Schule\u00ab, die den Verlust des historischen Subjekts Proletariat in einer Art theoretischer Trauerarbeit zu bew\u00e4ltigen und die &#8211; mit \u00bbAutorit\u00e4t und Familie\u00ab sowie der Herausarbeitung einer Theorie des Staatsinterventionsimus &#8211; die psychosozialen und polit\u00f6konomischen Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen Verlust zu ermitteln suchte, kann man mit dem programmatischen Aufsatz von Max Horkheimer \u00fcber die Aufgaben der Kritischen Theorie im Unterschied zur traditionellen Theorie &#8211; und damit ist durchaus und vor allem auch der orthodoxe Marxismus gemeint &#8211; als beendet ansehen.<\/p>\n<p>Die zweite Phase der \u00bbFrankfurter Schule\u00ab kulminiert in den in den vierziger Jahren erscheinenden Schriften \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab, \u00bbMinima Moralia\u00ab, \u00bbZur Kritik der instrumentellen Vernunft\u00ab und schlie\u00dflich in dem Adornoschen Sp\u00e4twerk der \u00bbNegativen Dialektik\u00ab. Die folgenden Bemerkungen k\u00f6nnen sich mit dieser zweiten Phase nur ebenso kursorisch befassen, wie mit der ersten. Worum es geht: zu zeigen, dass der angebliche Bruch 1937\/38 von den immanenten Voraussetzungen der Kritischen Theorie der \u00bbFrankfurter Schule\u00ab, wie sie sich in den gro\u00dfen Analysen der ersten Phase entwickelt und entfaltet hat, nicht als solcher erscheinen konnte. Der \u00dcbergang von der marxistischen \u00bbKritik der politischen \u00d6konomie\u00ab der b\u00fcrgerlich-kapitalistischen\u00a0 Formation zur eben diese noch einschlie\u00dfenden \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab ergibt sich konsequent als die Realisierung des Versuchs, an den wissenschaftlichen Pr\u00e4missen materialistisch-dialektischer Analyse der Gattungsgeschichte festzuhalten und den praktischen Anspruch, der aktuell nicht zu realisieren war, wenigstens in der Frage nach den ihn behindernden historisch wirksamen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten und Faktoren aufzubewahren.<\/p>\n<p>In der \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab wird die Fetischisierung menschlichen Bewu\u00dftseins zur instrumentellen Vernunft wie sie Marx in seinen Analysen als bewu\u00dftseinsm\u00e4\u00dfigen Reflex der kapitalistischen Warenproduktion in einer Tauschgesellschaft analysiert hatte, als blo\u00dfer Sonderfall einer gattungsgeschichtlichen Entwicklung der instrumentellen Vernunft im Proze\u00df der Unterwerfung der \u00e4u\u00dferen und inneren Natur des Menschen unter praktische Zwecke demonstriert. Der in Hegelscher Tradition stehenden Marxsche Emphase der Subjektkonstitution durch naturbearbeitende Lebenst\u00e4tigkeit, durch Arbeit, stellen Adorno und Horkheimer die gattungsgeschichtlichen \u00bbEntwicklungskosten\u00ab gegen\u00fcber. Die im Proze\u00df der Bearbeitung der \u00e4u\u00dferen Natur konstituierte Subjekt-Objekt-Relation ist, was der allt\u00e4gliche Sprachgebrauch von der \u00bbBeherrschung der Natur\u00ab eh schon vermittelt, an Herrschaft gebunden. Insofern sich das subjektive Selbst historisch und individuell nach diesen Pr\u00e4missen stets nur durch Objektivation und Reflexion der eigenen Subjektivit\u00e4t in der objektiven Au\u00dfenwelt erkennen kann, bleibt die Konstitution des subjektiven Selbst an die Aus\u00fcbung instrumenteller Vernunft, an Herrschaft gebunden. Diese gattungsgschichtlich orientierte Analyse dementiert nicht die Ergebnisse der \u00bbKritik der politischen \u00d6konomie\u00ab, des Kapitalismus, aber sie stellt die m\u00f6glichen revolution\u00e4ren Bedingungen seiner Aufhebung vor ein zus\u00e4tzliches Problem.<\/p>\n<p>Nicht nur, da\u00df in der aktuellen historischen Situation f\u00fcr dessen Aufhebung das praktische Subjekt fehlt, da\u00df sein zuk\u00fcnftiges Erscheinen immer unwahrscheinlicher geworden ist, sondern, da\u00df auch jedes m\u00f6gliche Subjekt revolution\u00e4rer Praxis eingebunden in den bisherigen gattungsgeschichtlichen Kontext instrumenteller Vernunft bliebe, ist das zu Ende gedachte Ergebnis einer schonungslosen materialistisch-dialektischen Analyse der bisherigen Geschichte.<\/p>\n<p>Noch einmal das Ergebnis formelhaft und k\u00fcrzer: indem die gattungsgeschichtliche Konstitution der Subjektivit\u00e4t nicht nur durch die Trennung von der Natur, sondern durch die instrumentelle Unterwerfung der Natur unter die Zwecke des sich von ihr emanzipierenden Bewu\u00dftseins die Voraussetzung der Konstituierung des Selbst war, f\u00fchrt im Umkehrschlu\u00df die Analyse der Bedingungen einer\u00a0 m\u00f6glichen Aufhebung von Herrschaft zu dem Ergebnis, da\u00df mit dem Verschwinden von Herrschaft auch ihr anderes Gesicht, die Subjektivit\u00e4t, verschw\u00e4nde.<\/p>\n<p>Die Utopie von der Herrschaftsfreiheit, orientierende Perspektive aller materialistisch-dialektischen Geschichtsphilosophie in der Geschichte, kann aus der Sicht eines historischen Subjekts, das \u00fcber die Entfaltung instrumenteller Vernunft und die Unterwerfung der \u00e4u\u00dferen wie der inneren Natur konstituiert war, nicht l\u00e4nger gedacht werden. An dessen Stelle treten freilich opake Metaphern: Wo fr\u00fcher die Orientierung des Materialismus auf das ganz handfeste \u00bbGl\u00fcck\u00ab des Menschen, die allseitige Befriedigung seiner Bed\u00fcrfnisse und allseitige Entfaltung seiner F\u00e4higkeiten gerichtet war, da evoziert der Begriff von \u00bbVers\u00f6hnung\u00ab nicht ohne Zufall heilsgeschichtliche Assoziationen.<\/p>\n<p>Die \u00bbVers\u00f6hnung\u00ab des Menschen mit der Natur, insbesondere auch mit der inneren Natur, kann nicht auf der Basis von instrumenteller Vernunftphilosophie gedacht werden. Insofern deren Subjekt-Objekt-Dialektik bei aller dialektischen Vermittlung stets doch vom Vernunftstandpunkt des Subjekts her gedacht bleibt, insofern noch in der Vermittlung das Selbst sich des Objekts als eines \u00bbAnderen\u00ab bem\u00e4chtigt, bleibt diese Dialektik auch als vermittelte Beziehung stets uneingel\u00f6st. Der Terminus \u00bbVers\u00f6hnung\u00ab evoziert eine in der Subjekt-Objekt-Vernunft-Relation nicht mehr zu formulierende Synthesis. Hieraus ergibt sich das oft zitierte quasi-religi\u00f6se Moment in der zweiten Phase der Kritischen Theorie, dessen erkenntnistheoretische Funktion freilich darauf beschr\u00e4nkt bleibt, die nach wie vor m\u00f6glichen und realisierten materialistisch-dialektischen Analysen gegenw\u00e4rtiger Vergesellschaftung quasi-transzendental abzusichern. Was als transzendentale oder gar materialistische Begr\u00fcndung einer politischen Theorie der Geschichte mit praktischer Absicht ganz ungen\u00fcgend erscheint, freilich nach dem konkreten Inhalt der materialistisch-dialektischen Gegenwartsanalyse der \u00bbFrankfurter Schule\u00ab auch gar nicht anders erscheinen kann, das reicht in seiner vagbleibenden Orientierung f\u00fcr die erkenntnislogische Fundierung kritischer Gegenwartsanalyse, die sich gegen\u00fcber dem Wesen der erscheinenden Wirklichkeit\u00a0 sp\u00e4tkapitalistischer Vergesellschaftung grunds\u00e4tzlich negativ verh\u00e4lt, noch aus. Damit ist auch die Begr\u00fcndungsfigur f\u00fcr den im Sp\u00e4twerk von Adorno entwickelten Topos von \u00bbNegativer Dialektik\u00ab gegeben: Angesichts des Fehlens eines historischen Subjekts und angesichts der sich daraus ergebenden Unm\u00f6glichkeit materialistisch-dialektischer Theorie \u00fcber den bestehenden Zustand anders denn in quasi-religi\u00f6sen Topoi wie \u00bbVers\u00f6hnung\u00ab hinaus zu denken, bleibt die praktische wie theoretische Negation der Negation aus, der Positivierung der doppelten Negation entspricht kein konkreter historischer Inhalt und keine bewu\u00dftseinsm\u00e4\u00dfige theoretische Denkm\u00f6glichkeit: Subjekt-Objekt-Dialektik tritt historisch, bestenfalls als Negation der bestehenden Verh\u00e4ltnisse, auf der Stelle.<\/p>\n<p>Um es radikal zu vereinfachen: da\u00df es also nicht l\u00e4nger eine revolution\u00e4re Theorie der Geschichte mit praktischer Absicht gibt, ist nicht der Theorie, sondern der historischen Entwicklung des Augenblicks geschuldet. Theorie, als gesellschaftliches Bewu\u00dftsein, als bewu\u00dftes Sein in der Gesellschaft reflektiert diesen historischen Epochenaugenblick nur. Insofern dieses gesellschaftliche Bewu\u00dftsein als Kritische Theorie \u00bbvergangene Zuk\u00fcnfte\u00ab das hei\u00dft, erinnerte, aber nicht mehr m\u00f6gliche Zuk\u00fcnfte gegen\u00fcber einer bereits vergangenen Vergangenheit, vergangene Zuk\u00fcnfte, deren Unm\u00f6glichkeit durch die bestehende Wirklichkeit bereits erwiesen ist, erinnert, wird Kritische Theorie selbst zum Verweser eines zuk\u00fcnftig m\u00f6glichen historischen Subjekts, \u00fcber dessen konkret soziologische Bestimmung wir keine Anhaltspunkte besitzen, \u00fcber dessen Erscheinen in der Zukunft wir nicht gewiss sein k\u00f6nnen. Deshalb korrespondiert der materialistisch-dialektischen Analyse bestehender gesellschaftlicher Totalit\u00e4t, wird sie radikal zu Ende gedacht, neben dem quasi-transzendentalen Begr\u00fcndungspunkt von \u00bbVers\u00f6hnung\u00ab auch, wie Horkheimer einmal feststellte, \u00bbHoffnung\u00ab als individuelle Haltung.<\/p>\n<p><b>Anhang<\/b><\/p>\n<p>Es handelt sich um meinen Vortrag in Palermo im M\u00e4rz 1983, nachtr\u00e4glich niedergeschrieben in Erinnerung an Momente des Gl\u00fccks, die ich zusammen mit Margherita C. und Gerd v.d.M. in Solunth, hoch \u00fcber dem Meer, bei warmem Brot und salzigem Provolone verbrachte: mit dem Gesicht im meeresk\u00fchlen Nord-West-Wind Europas, im Herzen die Sehnsucht nach dem nahen tausendger\u00fcchigen Afrika &#8211; mit dem Hintern aber auf der fr\u00fchlingssonnenwarmen Erde Siziliens; genau dort, wo vor vielen Tagen ein brandschatzender r\u00f6mischer Legion\u00e4r aus Macedonien dem auf dem Monte Catalfano siedelnden Katharger die Tochter entri\u00df, deren Nachkommen drunten in Sant&#8216; Elia noch heute leben. War es die B\u00e4ckerin, die uns das warme Brot verkaufte oder jener Fischer, der aufrecht im Heck seines Bootes stehend, die Pinne zwischen den wiegenden Knien, aus dem Hafen lief, die mich daran erinnerten?<\/p>\n<p>Ich habe, der Form des urspr\u00fcnglichen Vortrags entsprechend, auf einzelne Literaturhinweise verzichtet. Wichtig, neben den entsprechenden Grundtexten von Hegel, Marx und der \u00bbFrankfurter Schule\u00ab sind heute die Gesamtdarstellungen von M. Jay, Dialektische Phantasie: Die Geschichte der Frankfurter Schule und des Instituts f\u00fcr Sozialforschung, Frankfurt 1978; H. Dubiel, Wissenschaftsorganisation und politische Erfahrung: Studien zur fr\u00fchen Kritischen Theorie, Frankfurt 1978; A. S\u00f6llner, Geschichte und Herrschaft: Studien zur materialistischen Sozialwissenschaft 1929-1942, Frankfurt 1979.<\/p>\n<p>Die Diskussion \u00fcber die Kritische Theorie spitzt sich in letzter Zeit darauf zu, entweder bei aller historischen Bedeutung ihre aktuelle Relevanz als \u00bbsozialwissenschaftliches Paradigma\u00ab zu bestreiten, oder aber, vor allem von A. Sollner und W. Bon\u00df betrieben, zu einem sozialwissenschaftlichen Paradigma des \u00bbinterdisziplin\u00e4ren Materialismus\u00ab ausgebaut zu werden. Letzteres um den Preis einer sozialphilosophischen Qualit\u00e4t, die als zeitgebunden und \u00fcberlebt erscheint. Siehe zu diesen Kontroversen den sehr informativen Sammelband W. Bon\u00df \/A. Honneth (Hg.), Sozialforschung als Kritik. Zum sozialwissenschaftlichen Potential der Kritischen Theorie, Frankfurt 1982.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[157],"publikationen":[1271],"class_list":["post-12479","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-michael-th-greven","publikationen-79-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Politische Theorie der Geschichte vorl\u00e4ufig am Ende? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/79-vorgaenge\/publikation\/politische-theorie-der-geschichte-vorlaeufig-am-ende\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Politische Theorie der Geschichte vorl\u00e4ufig am Ende? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Kommentar aus: vorg\u00e4nge Nr. 79 (Heft 1\/1986), S.1-9 Die Kontinuit\u00e4t der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft von Hegel erstmals auf ihren philosophischen und systematischen Begriff gebracht, bleibt trotz aller Krisen der kapitalistischen \u00d6konomie, trotz Bedrohung durch den selbst verschuldeten atomaren Genozid und trotz der wachsenden Isolierung der b\u00fcrgerlichen Wohlstandsinsel in dem Meer des Massenelends der Dritten Welt ungebrochen. 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