{"id":12485,"date":"1993-12-15T21:30:00","date_gmt":"1993-12-15T20:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/wo-sind-sie-geblieben\/"},"modified":"1993-12-15T12:00:00","modified_gmt":"1993-12-15T11:00:00","slug":"wo-sind-sie-geblieben","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/124-vorgaenge\/publikation\/wo-sind-sie-geblieben\/","title":{"rendered":"Wo sind sie geblieben? Zur Situation der Linken"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 124 (Heft 4\/1993), S. 20-22<\/p>\n<p>Die deutsche Einheit und die Bew\u00e4ltigung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Folgen beherrschen nach wie vor die tagespolitische Diskussion. Solidarpakt , Treuhand, Stasi-Akten und Bischofferorde lauten die alten und neuen Stichworte. Angleichung der Lebensverh\u00e4ltnisse in Ost und West so schnell wie m\u00f6glich, irgendwann sp\u00e4ter oder wann auch immer. Die SPD beteiligt sich zwar an dieser Diskussion, jedoch mit wenig aufsehenerregenden Beitr\u00e4gen. Eindeutig &#132;linke&#148; Positionen sind weder von ihr noch von anderer Seite zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die Linken diskutieren derweil neben und abseits der Tagespolitik, in den Feuilletons. Dabei geht es insbesondere um das unterschiedliche F\u00fchlen und Denken in Ost und West. Wurde &#151; so lautet beispielsweise eine heftig umstrittene Frage &#151; den Ostdeutschen mit der ihnen \u00fcbergest\u00fclpten (von ihnen allerdings mehrheitlich heftig herbei gew\u00fcnschten) kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ein St\u00fcck geistiger\u00a0kultureller Identit\u00e4t genommen?<\/p>\n<p>Diese Frage spaltet vor allem die ostdeutschen Intellektuellen. Von &#132;Kolonisation&#148; ist die Rede, vom Raub der kulturellen Identit\u00e4t &#151; ein Stuck geistiger Vereinigungskriminalit\u00e4t sozusagen. Andere meinen, nichts habe sich in den K\u00f6pfen der Ostdeutschen ge\u00e4ndert, verlorengegangen seien allenfalls Illusionen und Privilegien. Wieder andere fragen, was denn das f\u00fcr eine Identit\u00e4t gewesen sei und ob es \u00fcberhaupt eine gab, die sich in der DDR entwickelt habe und mit ihr abhanden gekommen sei. Die Diskussion ist \u00e4hnlich un\u00fcbersichtlich wie die Situation der Linken in den neuen und alten Bundesl\u00e4ndern. Gibt es sie noch oder hat sie sich bereits aufgel\u00f6st? Hat sich alles ver\u00e4ndert einschlie\u00dflich des politischen Spektrums oder hat sich kaum etwas ver\u00e4ndert? Hat sich vielleicht alles ver\u00e4ndert und ist zugleich geblieben, wie es immer war?<\/p>\n<p>Die in den letzten f\u00fcnf Jahren eingetretenen globalen Ver\u00e4nderungen wird niemand bestreiten. Der &#132;real existierende Sozialismus&#148; ist von\u00a0 der Landkarte verschwunden, die Sowjetunion auseinandergebrochen. Der Eiserne Vorhang ist hochgegangen, die Mauer in Berlin gefallen und die beiden deutschen Staaten sind wieder einer. Ein geschichtlicher Umbruch in atemberaubender Geschwindigkeit ohne Frage. Das Zeitalter des Kalten Krieges ist abgeschlossen, die \u00fcbersichtliche Einteilung der Welt in &#132;West&#8220; und &#132;Ost&#148; dahin. Neue Krisenherde entstehen, und neu-alte nationale Konflikte brechen aus. Begrenzte milit\u00e4rische Auseinandersetzungen sind wieder m\u00f6glich ohne die Gefahr einer Ausweitung zum Kampf der Bl\u00f6cke und werden erbittert gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Zugleich hat sich f\u00fcr viele nichts ge\u00e4ndert. Sie leben noch in denselben Wohnengen, wie vor f\u00fcnf Jahren, mit denselben Partnern und gehen Tag f\u00fcr Tag in dieselben B\u00fcros und Werkhallen. Weder ihr Lebensstandard noch ihre Einstellung zum Leben haben sich grundlegend gewandelt. Die Geburt eines Kindes, der Verlust des Arbeitsplatzes oder das Zerbrechen der Lebensgemeinschaft haben ihr Denken und F\u00fchlen im Zweifel st\u00e4rker beeinflu\u00dft als der Zerfall der Sowjetunion und die deutsche Einheit. Es ist eine Binsenweisheit, da\u00df die Welt im Gro\u00dfen die im Kleinen kaum tangiert und ohne Einflu\u00df auf sie ist. Hein Czechowski kommt zu der lapidaren Einsicht: Die Geschichte mag Br\u00fcche kennen, der Alltag kennt sie nicht&#8220; (DIE ZEIT Nr. 23\/93).<\/p>\n<p>Doch es gibt offenbar Schnittstellen zwischen den globalen Ver\u00e4nderungen der vergangenen Jahre und dem privaten Leben und Denken. Besonders die Linken reiben sich an diesen Schnittstellen wund und rei\u00dfen sich die Haut auf. Denn wer von der humanistischen Idee des Sozialismus durchdrungen und von der Reformierbarkeit des real existierenden Sozialismus \u00fcberzeugt war, dessen \u00dcberzeugungen und weltanschaulichen Fundamente sind durch die eingetretenen Ver\u00e4nderungen zwangsl\u00e4ufig in Mitleidenschaft gezogen worden. Das betrifft nicht nur die Ostdeutschen, die sich aktiv f\u00fcr den Aufbau des Sozialismus in der DDR einsetzten. Es betrifft, wenngleich nicht im selben Ausma\u00df ebenfalls Linke in den alten Bundesl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Ihr vertrautes Weltbild sei &#132;zerbrochen&#148; und &#132;auseinander gefallen&#148; meint Ulrich Greiner (DIE ZEIT Nr. 23\/93). Und mit den Linken meint er offensichtlich nicht nur die die regelm\u00e4\u00dfig nach Moskau oder Ostberlin gefahren sind, um sich vor Ort von der Richtigkeit und \u00dcberlegenheit ihrer Weltanschauung zu \u00fcberzeugen, sondern auch die\u00a0dem &#132;real existierenden Sozialismus&#148; kritisch und im Detail ablehnend gegen\u00fcberstanden. Auch ihr Weltbild habe Schaden genommen und sei zerbrochen.<\/p>\n<p>Martin L\u00fcdke erkl\u00e4rt diesen Umstand wie folgt: &#132;Auch wenn die Gesellschaften des real existierenden Sozialismus mindestens ebenso weit von der Realisierung solcher Ideen (freie, gerechte Gesellschaft Vers\u00f6hnung von Mensch und Natur, E.D.) entfernt waren wie die L\u00e4nder auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs &#8230;, so hat doch der Zusammenbruch des sozialistischen Lagers auch die Idee in Mitleidenschaft gezogen&#148; (F\u00fcr den SPIEGEL geschrieben, Reinbek 1991, S. 121). Das ist zwar nicht logisch, aber es leuchtet ein. Die Untauglichkeit des Marxismus zur sinnvollen Organisation einer Gesellschaft sei durch die Wirklichkeit erwiesen (best\u00e4tigt) worden, trumpfen jene auf, die es schon immer gewu\u00dft haben. Die Idee einer sozialistischen Planwirtschaft sei ein f\u00fcr allemal auf dem &#132;M\u00fcllhaufen der Geschichte&#148; gelandet. Eine eigenartige Situation. Viele Linke f\u00fchlen sich in ihren \u00dcberzeugungen verunsichert oder sogar widerlegt, ohne eines besseren belehrt worden zu sein: &#132;Der Klassenkampf ist abgeblasen. Mag sein, da\u00df wir nach wie vor in einer Klassengesellschaft leben&#148; (L\u00fcdke, a.a.O. S. 127).<\/p>\n<p>Warum eigentlich sind vielen Linken mit dem Ende des &#132;real existierenden Sozialismus&#148; die weltanschaulichen Orientierungspunkte abhanden gekommen? Warum ist der Glaube an die Machbarkeit eines freiheitlichen demokratischen Sozialismus nachhaltig ersch\u00fcttert, auch wenn der Ostblock den Vorstellungen der meisten Linken davon nicht entsprochen und ihren Hoffnungen zu keiner Zeit Gestalt gegeben hat? Warum hat das Ende der sozialistischen Planwirtschaften auch die theoretischen Grundlagen (von Marx bis Marcuse) in Mitleidenschaft gezogen, obwohl sich ihre Praktiker wie Ideologen auf dein Weg von der Diktatur des Proletariats zur Diktatur der Parteib\u00fcrokratie weit von ihren theoretischen Grundlagen entfernt hatten?<\/p>\n<p>Doch wohl weil gesellschaftliche Utopien nicht im luftleeren Raum existieren und sich entwickeln k\u00f6nnen. Trotz aller Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit waren die Vorstellungen von einer demokratischen, sozialistischen Gesellschaft nur vor dem Hintergrund des &#132;real existierenden Sozialismus&#148; denkbar. Die blo\u00dfe Tatsache des Bestehens und Fortdauerns verlieh der Idee des Sozialismus Glaubw\u00fcrdigkeit. Juristen sprechen in diesem Zusammenhang von der &#132;normativen Kraft des Faktischen&#8220;. Die Linken diesseits des Eisernen Vorhangs konnten deshalb, wenn sie den Zust\u00e4nden jenseits schon nicht zustimmten, nicht ohne Hoffnung nach Osten blicken. Ohne das Gef\u00fchl, die Gesellschaften dort seien, bei aller Kritik im einzelnen, auf dem richtigeren Weg, war linke Identit\u00e4t nicht zu haben. Diese Hoffnung ist verflogen, der Blick nach Osten unterscheidet sich nicht mehr von dem in andere Himmelsrichtungen. Die Verh\u00e4ltnisse haben sich ge\u00e4ndert, und das Bewu\u00dftsein pa\u00dft sich ihnen an. Die neuen Fakten entfalten ihre normative Kraft.<\/p>\n<p>Allerdings genie\u00dft die &#132;normative Kraft des Faktischen&#148; unter Rechtsgelehrten keinen guten Ruf. Als Legitimationsgrundlage f\u00fcr gesellschaftliche Ordnungen und Verhaltensregeln wird sie nur augenzwinkernd anerkannt. Sie gilt allgemein als besch\u00f6nigende Umschreibung f\u00fcr opportunistisches Verhalten. So ist denn auch ihr gel\u00e4ufigstes und anschaulichstes Beispiel die Situation des politischen Umsturzes und die (f\u00fcr viele) m\u00fchelose \u00dcbertragung der Treuepflicht vom gest\u00fcrzten auf das neue Regime, sofern dieses sich an der Macht h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Dazu folgende Geschichte. Ich traf zuf\u00e4llig einen alten Bekannten, den ich seit f\u00fcnf Jahren nicht gesehen hatte, einer der wenigen &#132;echten&#148; 68er, die ich pers\u00f6nlich kenne. Er studierte damals in Berlin und war aktiv in der APO und in der Studentenbewegung. 1972 trat er in die SPD ein. Er sagte: &#132;Als sicher schien, da\u00df das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt Erfolg haben w\u00fcrde, bin ich spontan eingetreten.&#148; Damals arbeitete er in einem Bundesministerium, seit 1976, unter wechselnden Regierungen, in einem Landesministerium. Wir sprachen \u00fcber die letzten Jahre, auch \u00fcber die Aufarbeitung des SED- und Stasi-Unrechts durch die bundesdeutschen Gerichte. Er habe damit nicht allzu viele Probleme, sagte er: &#132;Ich habe mit dem SED-Regime zu keinem Zeitpunkt sympathisiert, dazu kannte ich es zu gut. Ich habe diese Art von Sozialismus immer abgelehnt.&#148; An dieser Stelle wurde das Gespr\u00e4ch f\u00fcr mich un\u00fcberwindbar kompliziert. Ich hielt f\u00fcr m\u00f6glich, da\u00df er die Wahrheit sagte, aber zugleich erschien mir das Gesagte furchtbar opportunistisch. Wie hast du dich ver\u00e4ndert, dachte ich. Als ich es ihm sagte, antwortete er: &#132;Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begr\u00fc\u00dfte ihn mit den Worten: ,Sie haben sich gar nicht ver\u00e4ndert: ,Oh!&#8216; sagte Herr K. und erbleichte&#148;.<\/p>\n<p>Wie zwischen zwei M\u00fchlsteinen droht die Linke gegenw\u00e4rtig zerrieben zu werden zwischen dem Vorwurf, alte \u00dcberzeugungen aus Gr\u00fcnden politischer Opportunit\u00e4t \u00fcber Bord zu werfen und dem Zeitgeist nach rechts zu folgen, und dem Vorwurf, die Augen vor den eingetretenen Ver\u00e4nderungen fest zu verschlie\u00dfen und nichts dazugelernt zu haben. Auf der einen Seite also die Gefahr, als Wendehals bel\u00e4chelt oder beschimpft zu werden, auf der anderen Seite die Gefahr, mit den ewig Gestrigen in eine Reihe gestellt zu werden. Denn im Unterschied zu Brechts Herrn Keuner freuen sich die meisten, wenn man ihnen sagt, sie h\u00e4tten sich nicht ver\u00e4ndert und erblassen, wenn man sie nicht mehr als die Alten erkennt. Sich selber treu zu bleiben ist schlie\u00dflich ein legitimes Interesse und der Vorwurf, seine Fahne in den Wind zu h\u00e4ngen, die \u00dcberzeugungen zu wechseln wie das Hemd und wie Fettaugen immer oben auf der Suppe zu schwimmen, ist aus der Zeit nach 1945 (zum Beispiel Globke) noch in guter (schlechter) Erinnerung.<\/p>\n<p>Sich ver\u00e4ndern und doch die gleichen bleiben, das ist gegenw\u00e4rtig das Problem der Linken. Sich anpassen und sich treu bleiben. Das f\u00fchrt notgedrungen zu mehr oder weniger unklaren Bestimmungen des eigenen Standpunktes. So antwortete G\u00fcnter Wallraff auf die Frage, wo er sich heute einordne: &#132;Nirgends.<\/p>\n<p>Ich denke liberal anarchisch&#148; (DER SPIEGEL, NR. 35\/93, S. 194). So l\u00e4\u00dft sich die Frage nach dem Verbleib der Linken wohl nicht widerspruchsfrei, aber doch recht einfach beantworten: Sie sind verschwunden, und sie sind immer noch da. Verschwunden sind sie als gesellschaftliche Kraft und politische Gr\u00f6\u00dfe. Geblieben sind sie als aufrechte Intellektuelle, die sich ihrer selbst vergewissern, indem sie sich oft und gern an vergangene Zeiten erinnern.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2486],"publikationen":[1238],"class_list":["post-12485","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-eckard-dietze","publikationen-124-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wo sind sie geblieben? 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