{"id":12486,"date":"1993-12-15T20:00:00","date_gmt":"1993-12-15T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/irgend-etwas-nimmt-immer-mehr-zu\/"},"modified":"2021-08-24T21:48:03","modified_gmt":"2021-08-24T19:48:03","slug":"irgend-etwas-nimmt-immer-mehr-zu","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/124-vorgaenge\/publikation\/irgend-etwas-nimmt-immer-mehr-zu\/","title":{"rendered":"\u201eIrgend etwas nimmt immer mehr zu&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Kriminalit\u00e4tsfurcht und Kriminalit\u00e4t<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 124 (Heft 4\/1993), S. 85-98<\/p>\n<p>Zwar lie\u00dfe sich die These aufstellen, Kriminalit\u00e4tsfurcht brauche nicht zu interessieren &#8212; zumindest solange nicht, wie eine objektiv eskalierende Kriminalit\u00e4tsentwicklung nicht verzeichnet werden kann. Indes: Subjektive Einstellungen wie Kriminalit\u00e4tsfurcht k\u00f6nnen durchaus konkrete Wirkung entfalten. Folglich kann &#8222;es keiner Rechtsordnung gleichg\u00fcltig sein &#8230;, wie die Bev\u00f6lkerung \u00fcber die Durchsetzung von Strafnormen und die eigene Sicherheit denkt&#8220;. Begr\u00fcndet wird diese \u00dcberlegung zumeist mit der Bef\u00fcrchtung, da\u00df es sonst leicht zu Selbst- oder Privatjustiz kommen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Ob dies aber begr\u00fcndbar ist, erscheint zweifelhaft. Zwar ist Selbstjustiz existent, doch eben weniger im \u00f6ffentlichen Bereich als vielmehr in der Privatsph\u00e4re. Ein umfangreiches, me\u00dfbares selbst justitielles Verhalten kann trotz des ansteigens der Kriminalit\u00e4tsfurcht nicht beobachtet werden.<\/p>\n<p>Diese \u00dcberlegungen sind also nicht der wirkliche Ausl\u00f6ser, sich mit Kriminalit\u00e4tsfurcht zu besch\u00e4ftigen. Besieht man sich aber die Untersuchungen und die \u00f6ffentliche Diskussion zu diesem Thema, scheint der ,war on fear of crime&#8216; mehr zu einem ,war on crime by fear of crime&#8216; geworden zu sein, in dem \u00c4ngste vor Kriminalit\u00e4t erst recht gesch\u00fcrt und Umfragen zur Kriminalit\u00e4tsfurcht instrumentalisiert werden, unpolitische Forderungen zur Kriminalit\u00e4tsbek\u00e4mpfung zu st\u00fctzen. An dieser Stelle schlie\u00dft sich der Kreis zwischen dem starken Aufgriff des Themas der Kriminalit\u00e4tsfurcht in den Medien und entsprechenden Reaktionen auf politischer Seite: F\u00fcr die Medien sind Kriminalit\u00e4tsberichte jeglicher sensationeller Art &#8222;marktweite Information&#8220;. Von Politikern, Verwaltungen oder Polizei werden diese Berichte &#8222;als faktischer Anhaltspunkt f\u00fcr politischen und administrativen Handlungsbedarf aufgefa\u00dft. Die politischen Reaktionen werden wiederum von den Medien aufgegriffen und kritisch beleuchtet. Sebastian Scheerer nannte diese Erscheinung den &#8222;politisch-publizistischen Verst\u00e4rkerkreislauf&#8220;&#8218;. [1]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kriminalitaetsentwicklung\">Kriminalit&auml;tsentwicklung<\/span><\/h2>\n<p>Entsprechend der vorherrschenden Annahme vor allem im Alltagsdenken, wird die Frage, ob eine ver\u00e4nderte Kriminalit\u00e4tsbelastung auch zu Ver\u00e4nderungen im Bereich der Kriminalit\u00e4tsfurcht f\u00fchrten, zumeist bejaht. Um dies zu \u00fcberpr\u00fcfen, soll der Kriminalit\u00e4tsfurcht als subjektiver Komponente ein objektiver Bezugspunkt gegeben und zun\u00e4chst die Entwicklung der Kriminalit\u00e4t in der Bundesrepublik von 1975 bis 1990 anhand ausgew\u00e4hlter Deliktbereiche dargestellt werden. Untersucht wird die Entwicklung von Raubdelikten, K\u00f6rperverletzungs- und T\u00f6tungsdelikten (ohne Zusammenhang mit dem Stra\u00dfenverkehr), Vergewaltigung und sexueller N\u00f6tigung, da diese Delikte das pers\u00f6nliche Sicherheitsgef\u00fchl besonders betreffen, nach den Ma\u00dfgaben der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) auf der einen Seite und der Strafverfolgungsstatistik (SVS) als Teil der Rechtspflegestatistik auf der anderen.<\/p>\n<p>Es ist allerdings problematisch, inwieweit die Kriminalstatistiken \u00fcberhaupt die Kriminalit\u00e4tswirklichkeit widerzuspiegeln verm\u00f6gen. Die von ihnen ausgewiesene sozial sichtbare Kriminalit\u00e4t stellt nur einen Ausschnitt der &#8222;Verbrechenswirklichkeit&#8220; dar, sie pr\u00e4sentiert das Ergebnis eines umfangreichen Filterungsprozesses. [2] So sind Kriminalstatistiken als Indikatoren f\u00fcr Kriminalit\u00e4tsentwicklungen nicht repr\u00e4sentativ, doch immerhin geben sie Anhaltspunkte f\u00fcr die Einsch\u00e4tzung von Entwicklungen in bestimmten Deliktsbereichen. Die Darstellung erfolgt bei der PKS unter Angabe der H\u00e4ufigkeitszahl (jeweils auf 100 000 Einwohner) und der Verurteiltenziffer (auf 100 000 Strafm\u00fcndige) bei der SVS.<\/p>\n<p>Die von der Polizei bearbeiteten Raubdelikte haben sich seit 1975 ann\u00e4hernd verdoppelt: Kamen 1975 auf 100000 Einwohner 32,9 Raubdelikte, waren es im Jahre 1990 56. Nach einer Fluktuationsphase Mitte der achtziger Jahre ist seit 1988 ein erneuter Anstieg zu verzeichnen. Die K\u00f6rperverletzungs- und T\u00f6tungsdelikte nahmen im gleichen Zeitraum von 192 auf 317,1 zu. Von kurzen Einbr\u00fcchen 1982 und 1984 abgesehen, verlief der Anstieg konstant, die Rate der T\u00f6tungsdelikte war in diesem Zeitraum leicht r\u00fcckl\u00e4ufig. Verzeichnete die PKS 1975 noch 15,9 F\u00e4lle von Vergewaltigung und sexueller N\u00f6tigung, waren es 1990 nur noch 14,2. Die Rate sank in dieser Zeit relativ konstant. Diese Entwicklung beruht in diesem Bereich auf einem R\u00fcckgang der Vergewaltigungsf\u00e4lle, w\u00e4hrend die Zahl der sexuellen N\u00f6tigungen leicht anstieg.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der Frage nach der Entwicklung der Kriminalit\u00e4t lie\u00dfe sich auf dieser Basis der Schlu\u00df ziehen, bei der Gewaltkriminalit\u00e4t sei in fast jedem Bereich ein Anstieg zu beobachten; lediglich die Vergewaltigungen und &#8212; bei isolierter Betrachtung die T\u00f6tungsdelikte &#8212; weisen eine leicht r\u00fcckl\u00e4ufige Tendenz auf.<\/p>\n<p>Die Zahl der Verurteilten insgesamt bleibt aber im Verlauf der Zeit von 1975 bis 1990 relativ konstant. Wurden 1975 noch 664 536 Verurteilungen gez\u00e4hlt, waren es 1990 mit 692 363 nur unwesentlich mehr. Bemerkenswert ist, da\u00df insbesondere die Verurteilung Jugendlicher und Heranwachsender deutlich zur\u00fcckging. Bei den Raub- und Erpressungsdelikten weist die SVS 1975 eine Verurteiltenziffer von 9,3 auf &#8212; gegen\u00fcber 10,4 im Jahre 1990. Nach einem Anstieg zu Beginn der achtziger Jahre mit eine H\u00f6chstmarke von 13,7 im Jahre 1984 ist bis 1990 ein stetiges Absinken zu beobachten. Verglichen mit der Verurteiltenziffer 1975 war zwar insgesamt ein Anstieg zu verzeichnen, doch reicht er an die von der PKS ermittelte Verdoppelung nicht heran. Die Verurteiltenziffer bei K\u00f6rperverletzungs- und T\u00f6tungsdelikten stieg von 49,3 1975 auf 55 im Jahre 1990. Bei Vergewaltigungen und sexueller N\u00f6tigung steht in der SVS (im Vergleich der Jahre 1975 und 1990) einer Verurteiltenziffer von 3,6 ein Wert von 2,9 gegen\u00fcber; nach einer Fluktuationsphase von 1981 bis 1984 mit Werten um 4, ging die Verurteiltenziffer stetig zur\u00fcck. Die hier ermittelte abnehmende Tendenz steht im Einklang mit dem Ergebnis der PKS.<\/p>\n<p>Problematisch ist, wie sich die unterschiedlichen Steigerungsraten in den Bereichen Raub und K\u00f6rperverletzung erkl\u00e4ren lassen und welche Werte zur objektiven Kriminalit\u00e4tseinsch\u00e4tzung herangezogen werden k\u00f6nnen. Zun\u00e4chst ist klarzustellen, da\u00df die Angaben der PKS und der SVS (schon nach eigener Angabe der PKS) nicht vergleichbar sind. Als Gr\u00fcnde werden die Verschiedenheit des Erfassungszeitraumes, unterschiedliche Erfassungsgrunds\u00e4tze und der Umstand angef\u00fchrt, da\u00df der betreffende Fall im Bereich der Justiz eine andere strafrechtliche Beurteilung erfahren kann. Doch verm\u00f6gen diese Unterschiede im Modus der Erfassung nur den Schwund an sich zu erkl\u00e4ren. Offen bleibt die Frage, warum der prozentuale Anstieg innerhalb der PKS nicht dem der SVS entspricht. F\u00fcr den starken Anstieg der registrierten Kriminalit\u00e4t in den genannten Bereichen k\u00f6nnte ausschlaggebend sein, da\u00df die Gesch\u00e4digten weniger gewillt sind, erlittene Einbu\u00dfen Reaktionslos hinzunehmen, das hei\u00dft, die Anzeigebereitschaft k\u00f6nnte gestiegen sein. Es l\u00e4\u00dft sich weiter vermuten, da\u00df der ausgeweitete Versicherungsschutz das Anzeigeverhalten mitbestimmt, da ohne die polizeiliche Anzeige das Opfer nicht entsch\u00e4digt wird. [3]<\/p>\n<p>Aber nicht nur die H\u00e4ufigkeitsziffern der PKS und die Verurteiltenziffern sind auf der objektiven Seite zu nennen, sondern es kommen weitere Faktoren hinzu, die statistisch die Gefahr erh\u00f6hen, von Kriminalit\u00e4t betroffen zu werden, wie Geschlecht, Alter und Gr\u00f6\u00dfe des Wohnortes. M\u00e4nner werden statistisch gesehen, den Handtaschenraub ausgenommen, doppelt so h\u00e4ufig beraubt wie Frauen und viermal so oft von einem K\u00f6rperverletzungsdelikt betroffen. J\u00fcngere tragen ein h\u00f6heres Opferrisiko als \u00e4ltere Menschen. Zudem korreliert die Viktimisierungsrate mit der Gemeindegr\u00f6\u00dfe: Sie ist in Gro\u00dfst\u00e4dten ab 500 000 Einwohnern etwa dreimal so hoch wie in Gemeinden unter 20 000. [4]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kriminalitaetsfurcht-zwischen-1975-und-1992\">Krimi&shy;na&shy;li&shy;t&auml;ts&shy;furcht zwischen 1975 und 1992<\/span><\/h2>\n<p>Grundlage der meisten Umfragen ist ein Indikator, der als Standardinstrument zur Erfassung von Kriminalit\u00e4tsfurcht im Rahmen von Mehrthemenbefragungen gilt. In der deutschen Fassung lautet er: &#8222;Gibt es eigentlich hier in der unmittelbaren N\u00e4he &#8212; ich meine so im Umkreis von einem Kilometer &#8212; irgendeine Gegend, wo Sie nachts nicht alleine gehen m\u00f6chten?&#8220; In kriminologischen Untersuchungen lautet die Frage leicht abgewandelt: &#8222;Wie sicher f\u00fchlen Sie sich oder w\u00fcrden Sie sich f\u00fchlen, wenn Sie hier in dieser Gegend nachts drau\u00dfen alleine sind?&#8220;<\/p>\n<p>Bei Betrachtung der Ergebnisse, die auf Grundlage der Standardfrage gewonnen wurden, zeigt sich entgegen dem in den Medien unterstellten starken Anwachsen von Furchtgef\u00fchlen ein stetiger R\u00fcckgang, zumindest bis 1990. Antworteten 1975 noch 50 % der Befragten auf die dichotome Frage mit &#8222;Ja&#8220;, waren es 1982 und 1987 nur noch 35 bzw. 36 %. 1992 betrug der Anteil in den alten Bundesl\u00e4ndern wieder 36 %. Frauen \u00e4u\u00dfern auf diese Frage wesentlich mehr Kriminalit\u00e4tsfurcht als M\u00e4nner, \u00e4ltere Menschen zumindest etwas mehr als j\u00fcngere &#8212; trotz der geringeren statistischen Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden. [5] Vielfach wurde dieses Ph\u00e4nomen als &#8222;Kriminalit\u00e4tsfurcht-Paradox&#8220; [6] bezeichnet, das hei\u00dft, diejenigen f\u00fcrchten sich am meisten, die objektiv am wenigsten dazu Anla\u00df haben und umgekehrt. Es zeigt sich aber, da\u00df die Annahme einer Paradoxie auf einem Zirkelschluss beruht: So l\u00e4\u00dft sich die st\u00e4rkere Viktimisierung junger Menschen und M\u00e4nner auch damit erkl\u00e4ren, da\u00df sie im Sinne eines &#8222;routinem\u00e4\u00dfigen Sozialverhaltens&#8220; einen &#8222;outdoor- Lebensstil&#8220; praktizierten, der sie vermehrt in &#8222;viktimogene Situationen&#8220; bringe. [7] Umfragen best\u00e4tigen, da\u00df sowohl Frauen als auch \u00e4ltere Menschen gefahrentr\u00e4chtige Situationen in gro\u00dfem Umfang umgehen. So wurde in einer neueren Untersuchung ermittelt, da\u00df nach eigenen Angaben zwar ca. 49 % der Frauen, aber nur etwa 25 % der M\u00e4nner in ihrer Wohngegend, wenn sie nachts allein drau\u00dfen sind, gewisse Stra\u00dfen oder Pl\u00e4tze immer oder manchmal vermeiden. Knapp \u00fcber 18 % der Frauen im Gegensatz zu 3,5 % der M\u00e4nner \u00e4u\u00dferten sich sogar dahingehend, da\u00df sie nachts nie allein auf die Stra\u00dfe gingen.[8] Es l\u00e4\u00dft sich somit auch die These aufstellen, Frauen und \u00e4ltere Menschen h\u00e4tten nur deshalb so wenig Anla\u00df zur Furcht, weil sie ein ausgepr\u00e4gtes Vermeideverhalten praktizierten.<\/p>\n<p>In der neueren Diskussion wurde daher das Konzept der &#8222;Vulnerabilit\u00e4t&#8220; entwickelt, das die rationalen Hintergr\u00fcnde dieser vermeintlichen Paradoxie beleuchtet. Ausgangspunkt dieses Konzepts ist die \u00dcberlegung, da\u00df nicht f\u00fcr jede Person jedes Delikt auch dasselbe bedeutet, da\u00df &#8222;Viktimisierung qualitativ je nach den sozialen Merkmalen des Betroffenen jeweils etwas anderes bedeuten kann&#8220;. [9] So k\u00f6nnen sich Frauen und \u00e4ltere Menschen aufgrund physischer Unterlegenheit oft schlechter gegen k\u00f6rperliche Angriffe wehren. Bei Frauen kommt hinzu, da\u00df sie im Falle der Viktimisierung durch Sexual delinquenz besonders erniedrigenden Eingriffen in die Intimsph\u00e4re ausgesetzt sind. F\u00fcr \u00e4ltere Menschen bringen Verletzungen ein gr\u00f6\u00dferes Gesundheitsrisiko aufgrund m\u00f6glicher Komplikationen mit sich als dies bei j\u00fcngeren Menschen der Fall ist. Bei Frauen ist \u00fcber die k\u00f6rperliche Vulnerabilit\u00e4t hinaus auch das spezifische Rollenverhalten zu ber\u00fccksichtigen, das Frauen &#8222;vulnerabler&#8220; macht. Frauen sind noch immer der gesellschaftlichen Erwartung ausgesetzt, sich passiv zu verhalten, was sich wiederum negativ auf ein effektives, auch aktives Verteidigungsverhalten auswirkt. [10] Dieses Defizit zieht das Gef\u00fchl st\u00e4rkerer Hilflosigkeit nach sich und k\u00f6nnte die gr\u00f6\u00dfere Kriminalit\u00e4tsfurcht bedingen.<\/p>\n<p>Es zeigt sich bei anderen Untersuchungen, da\u00df Frauen nicht nur mehr Kriminalit\u00e4tsfurcht \u00e4u\u00dfern, sondern auch sonst h\u00f6here Angstwerte in psychologischen Testinventaren haben, insbesondere, wenn diese an bestimmte Rollenerwartungen ankn\u00fcpfen. So lie\u00df sich anhand des von Becker entwickelten Interaktions Angst-Fragebogens zeigen, da\u00df Frauen nicht nur eine h\u00f6here \u00c4ngstlichkeit vor physischen Verletzungen angeben, sondern auch mehr Angst vor &#8222;Auftritten&#8220; in der \u00d6ffentlichkeit, vor Selbstbehauptung und Vertretung ihrer Interessen, Abwertung und Unterlegenheit, psychischen Angriffen und Bew\u00e4hrungssituationen haben.&#8220; Zudem kann gerade eine rollen spezifische &#8222;Abschottung&#8220; von Frauen wegen des fehlenden Umgangs mit gefahrentr\u00e4chtigen Situationen f\u00fcr ein h\u00f6heres Fruchtniveau verantwortlich sein, da es an einem aktiven, auf Bew\u00e4ltigung schwieriger Situationen ausgerichteten Verhalten fehlt, das zu einer rationalen Einsch\u00e4tzung tats\u00e4chlicher Gef\u00e4hrdungen verhelfen k\u00f6nnte. Nicht unber\u00fccksichtigt bleiben darf die Tatsache, da\u00df Frauen wohl noch immer mehr Bereitschaft zeigen, Furcht auch zuzugeben. [12]<\/p>\n<p>Wie schon Frauen und \u00e4ltere Menschen \u00e4u\u00dfern auch Gro\u00dfstadtbewohner mehr Kriminalit\u00e4tsfurcht als Bewohner kleinerer St\u00e4dte. Hier korreliert die gr\u00f6\u00dfere Furcht mit der tat-s\u00e4chlich vermehrten Viktimisierung von Gro\u00dfstadtbewohnern. Diese erkl\u00e4rt sich gleicher-ma\u00dfen aus deren Lebensstil: der Nutzung kultureller Angebote, sozialer Kontakte und verst\u00e4rkter Inanspruchnahme \u00f6ffentlicher Verkehrsmittel. Es konnte aber anhand der beiden anderen Gruppen gezeigt werden, da\u00df Viktimisierungsrate und Furchtniveau sich insgesamt gesehen gegenl\u00e4ufig verhalten. So kann die gr\u00f6\u00dfere Viktimisierungsgefahr nicht als ausschlie\u00dflicher Erkl\u00e4rungsansatz f\u00fcr die h\u00f6here Kriminalit\u00e4tsfurcht herangezogen werden. Dennoch: Mit zunehmender Wohnortgr\u00f6\u00dfe nimmt auch die Anonymit\u00e4t der Bewohner zu, mit der eine verst\u00e4rkte Vereinzelung der Individuen verbunden ist. Insgesamt sind die Lebensverh\u00e4ltnisse Stressbelasteter, womit eine gr\u00f6\u00dfere psychische Beanspruchung einhergeht. [13] Allerdings weist die Kriminalit\u00e4tsfurcht nicht in allen Gro\u00dfst\u00e4dten die gleiche Gr\u00f6\u00dfenordnung auf: Gaben in Hamburg 1984 und in Bochum 1987 15,7 % bzw. 18,1 % der Befragten bei der Beantwortung der Standardfrage an, sich &#8222;sehr unsicher&#8220; zu f\u00fchlen (Skala: &#8222;sehr sicher&#8220;; &#8222;ziemlich sicher&#8220;, &#8222;etwas unsicher&#8220;, &#8222;sehr unsicher&#8220;), waren es in M\u00fcnchen im Jahre 1989 nur 6%. [14] Diese Diskrepanz allein auf einen R\u00fcckgang der Kriminalit\u00e4tsfurcht in Gro\u00dfst\u00e4dten zur\u00fcckzuf\u00fchren, scheint zu kurz gegriffen. Vielmehr ist auch das Sicherheitsklima zu ber\u00fccksichtigen, welches sich in M\u00fcnchen etwa durch die hohe, auch sichtbare Polizeipr\u00e4senz den Einwohnern wohl positiv darstellt.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1991 wurde bei einer Untersuchung der Kriminalit\u00e4tsfurcht in den Neuen Bundesl\u00e4ndern ermittelt, da\u00df auf die Frage nach dem Unsicherheitsgef\u00fchl abends allein im eigenen Wohngebiet (Skala wie oben) 21,6 % &#8222;sehr unsicher&#8220; und 29,4 % &#8222;etwas unsicher&#8220; angaben. Bei der Frage nach dem Unsicherheitsgef\u00fchl vor dem 9.11.1989 antworteten in der Retrospektive nur 3,1 % &#8222;sehr unsicher&#8220; und 11,7 % &#8222;etwas unsicher&#8220;. Dieses Ergebnis ist aber kein tauglicher Indikator f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung des Empfindens von Kriminalit\u00e4tsfurcht, da die Retrospektive fr\u00fchere Gef\u00fchle verzerrt erscheinen l\u00e4\u00dft &#8212; gerade in Hinblick auf eine Idealisierung &#8222;des fr\u00fcher Gewesenen&#8220;. [15] In einer anderen Untersuchung, die auch einen Vergleich zwischen Alten und Neuen Bundesl\u00e4ndern erlaubt, liegt die Kriminalit\u00e4tsfurcht 1992 um 13 Prozentpunkte h\u00f6her als in den alten Bundesl\u00e4ndern (49 % zu 36 %). [16]<\/p>\n<p>Bei der Analyse der Entwicklung der Kriminalit\u00e4tsfurcht in der Zeit von 1975 bis 1992 ist besonders das Absinken des Furchtniveaus bis 1990 zu kl\u00e4ren. Bei genauerer Untersuchung der Umfrageergebnisse zeigt sich, da\u00df f\u00fcr die skizzierte Entwicklung in erster Linie entsprechende Ver\u00e4nderungen bei den Frauen verantwortlich sind. Gaben 1975 noch 74 % der Frauen an, nachts in einer Gegend im Umkreis von einem Kilometer nicht allein gehen zu m\u00f6gen, waren es 1982 und 1987 49 % bzw. 50 %, 1990 sogar nur 45 %. Bei den M\u00e4nnern bleibt das Niveau in diesem Zeitraum mit Gr\u00f6\u00dfen von 24 %, 18 %, 19 % und 16 % dagegen stabiler. Bei Betrachtung der Altersstruktur ist dar\u00fcber hinaus zu ermitteln, da\u00df die Entwicklung bei den jungen Frauen am st\u00e4rksten ausgepr\u00e4gt ist. In der Altersgruppe der 18 bis 29j\u00e4hrigen ergibt sich von 1975 bis 1987 ein R\u00fcckgang um 30 Prozentpunkte von 74 % auf 44 %. Bei den 30 bis 44j\u00e4hrigen und den 45 bis 59j\u00e4hrigen waren es noch jeweils 27 %. In der Altersgruppe der 60 und mehr Jahre alten war ein R\u00fcckgang um 24 % zu verzeichnen. Durch diese Ver\u00e4nderungen hat die Beziehung zwischen Alter und Kriminalit\u00e4tsfurcht im Laufe der Zeit eine Umstrukturierung erfahren. Nahmen noch 1975 die J\u00fcngsten und die \u00c4ltesten hinsichtlich der Kriminalit\u00e4tsfurcht eine exponierte Stellung ein, treten 1987 die \u00c4ltesten als diejenigen hervor, die die gr\u00f6\u00dfte Kriminalit\u00e4tsfurcht \u00e4u\u00dfern, was den bei den M\u00e4nnern seit jeher bestehenden Verh\u00e4ltnissen entspricht.<\/p>\n<p>Ver\u00e4nderungen bezogen auf die Kriminalit\u00e4tsfurcht betreffen am meisten Frauen in den kleinen Gemeinden mit weniger als 20000 Einwohnern, also Gegenden mit verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringer Kriminalit\u00e4tsrate und traditionellem Rollenverst\u00e4ndnis. [19] So l\u00e4\u00dft sich die These aufstellen, da\u00df das seit Ende der sechziger und in den siebziger Jahren ge\u00e4nderte Rollenverst\u00e4ndnis diese Entwicklung ma\u00dfgeblich mitbestimmt hat. Ein gr\u00f6\u00dferes Selbstbewu\u00dftsein l\u00e4\u00dft langfristig auch das Gef\u00fchl der Vulnerabilit\u00e4t geringer werden und beeinflu\u00dft damit die Kriminalit\u00e4tsfurcht. Hiermit kann der Ansatz verkn\u00fcpft werden, da\u00df ein Absinken der Kriminalit\u00e4tsfurchtrate zumeist mit einer Verbesserung der sog. Coping-F\u00e4higkeiten [20] (coping=Bew\u00e4ltigung) einhergehe. Menschen arrangierten sich oftmals mit Gefahren. &#8222;Sie gewinnen in dem Ma\u00dfe eine gr\u00f6\u00dfere Sicherheit, wie sie glauben, Routinen gegen\u00fcber Gefahrensituationen entwickelt zu haben&#8220;. [21]<\/p>\n<p>Im Zeitraum von 1975 bis 1990 stieg die Zufriedenheit mit der \u00d6ffentlichen Sicherheit. Auf die Fragen: &#8222;Wie zufrieden sind Sie &#8212; alles in allem &#8212; mit der \u00d6ffentlichen Sicherheit und Bek\u00e4mpfung der Kriminalit\u00e4t?&#8220; (Zufriedenheitsskala von 0 bis 10, hier 6-10: &#8222;sehr\/ eher zufrieden&#8220;) [17] bzw. &#8222;Bitte sagen Sie uns, wie zufrieden Sie mit folgenden gesellschaftlichen Bedingungen &#8230; sind. Sind Sie mit &#8230; sehr zufrieden, eher zufrieden oder sehr unzufrieden?&#8220;, unter anderem erfragt: &#8222; . . . Schutz der B\u00fcrger vor Kriminalit\u00e4t&#8220; (hier ausgewiesen &#8222;sehr\/eher zufrieden&#8220;) [18], \u00e4u\u00dferten 1978 44 %, 1984 47 %, 1988 58 % und 1990 64 % der Befragten in Westdeutschland Zufriedenheit mit der \u00d6ffentlichen Sicherheit. Seitdem ist aber ein starker R\u00fcckgang der Zufriedenheit zu verzeichnen. 1991 \u00e4u\u00dferten sich 59 % der Befragten zufrieden, 1992 waren es nur noch 48 %. Ein noch st\u00e4rkerer Abfall des Zufriedenheitsniveaus ist in den Neuen Bundesl\u00e4ndern zu erkennen. Gaben 1990 noch 58 % an, mit der \u00d6ffentlichen Sicherheit im gro\u00dfen und ganzen zufrieden zu sein, waren es 1991 15 % und 1992 nur noch 10 %.<\/p>\n<p>Bei einem Vergleich zeigt sich, da\u00df sich die Angaben zur Zufriedenheit mit der \u00d6ffentlichen Sicherheit mit denen zur Kriminalit\u00e4tsfurcht genau gegenl\u00e4ufig bewegen. Stieg die Zufriedenheit mit der \u00d6ffentlichen Sicherheit an, sank die Kriminalit\u00e4tsfurcht. Das Ansteigen des Furchtniveaus seit 1990 ging mit einem starken Absinken der Zufriedenheit mit der \u00d6ffentlichen Sicherheit einher. F\u00fchlten die Befragten sich unsicher, nicht hinreichend gesch\u00fctzt, \u00e4u\u00dferten sie somit auch mehr Kriminalit\u00e4tsfurcht. Betrachtet man also die Entwicklung dieser beiden Komponenten von 1975 bis 1992, kommt man zu dem Ergebnis, da\u00df die Zufriedenheit mit der \u00d6ffentlichen Sicherheit auf der Einstellungsebene ein Indikator f\u00fcr Kriminalit\u00e4tsfurcht sein kann.<\/p>\n<p>Das &#8222;Wissen&#8220; um einen rasanten Anstieg der Kriminalit\u00e4t geh\u00f6rt zur g\u00e4ngigen Alltagsinformation. Neutral gefa\u00dfte Umfragen zur allgemeinen Kriminalit\u00e4tsentwicklung k\u00f6nnen somit leicht zur reinen Reproduktion des &#8222;schon immer&#8220; Gewussten f\u00fchren. [22] In entsprechenden Untersuchungen findet sich deshalb gegen die vorausgesetzte Meinung vom permanenten Anstieg der Kriminalit\u00e4t oft ein Gegenstimulus. Dieser formuliert in der Fragestellung die vorwiegend nicht erwartete Antwort positiv: &#8222;Die Kriminalit\u00e4t in der Bundesrepublik ist im Zeitraum&#8230;kaum angestiegen&#8220;, gefragt wird sodann nach der Einstellung zu dieser These. Dennoch erh\u00e4lt man einen Anteil von 50 % bzw. 40 % der Befragten, die eine allgemeinen Verbrechenszunahme annehmen. [23] Variiert man die Frage nach dem Anstieg der Kriminalit\u00e4t bezogen auf das Gebiet, dessen Kriminalit\u00e4tsentwicklung einzusch\u00e4tzen ist, so geben die Befragten einen umso geringeren Anstieg der Kriminalit\u00e4t an, je enger der Kreis um ihr unmittelbares Umfeld gezogen wird. Je weiter entfernt Kriminalit\u00e4t ist, desto gr\u00f6\u00dfer wird ihr Ausma\u00df eingesch\u00e4tzt. Man k\u00f6nnte daher schon an dieser Stelle die \u00dcberlegung anstellen, da\u00df Einstellungen zu Kriminalit\u00e4t eng mit der Einstellung zum &#8222;Fremden&#8220; und &#8222;Unbekannten&#8220; verkn\u00fcpft zu sein scheinen.<\/p>\n<p>Angesichts des starken Aufgriffs des Problems der Kriminalit\u00e4t und der Kriminalit\u00e4tsfurcht stellt sich die Frage, welcher Rang der Kriminalit\u00e4t im Vergleich mit anderen sozialen Problemen zugewiesen wird. Bei der Bildung einer Rangfolge, welche sozialen Probleme als relevant betrachtet werden, ist die Art der Fragestellung von wesentlicher Bedeutung. Bei geschlossener Fragestellung, die entsprechende Antwortvorgaben vorsieht, nahmen &#8222;Kriminalit\u00e4t&#8220; oder &#8222;Verbrechensbek\u00e4mpfung&#8220; nach Angabe fr\u00fcherer Umfragen den dritten Rang ein, w\u00e4hrend diese Probleme bei einer offenen Frage ohne entsprechende Antwortvorgaben auf einen unteren Rang absinken. Gefolgert wird aus diesem Ergebnis, da\u00df f\u00fcr die Einordnung von &#8222;Kriminalit\u00e4t&#8220; und &#8222;Verbrechensbek\u00e4mpfung&#8220; als gravierende soziale Probleme eine eindeutige Stimulierung notwendig sei. Eine Befragung aus dem Jahre 1983 ergab bei geschlossener Fragestellung (&#8222;wirksame Verbrechensbek\u00e4mpfung&#8220;) einen Wert von 62 % der Nennungen auf Rang 15 hinter Arbeitslosigkeit (94 %), Renten (82 %), Jugendarbeitslosigkeit (76 %), Umweltschutz (73 %), Inflation (72 %), Staatsverschuldung (70 %) und Abr\u00fcstung (69 %) u.a. [24] Bei neueren Umfragen zeigt sich aber eine Diskrepanz zwischen Alten und Neuen Bundesl\u00e4ndern. Lag 1990 bei einer geschlossenen Fragestellung, was einem pers\u00f6nlich am meisten Sorge bereite, &#8222;Kriminalit\u00e4tszunahme&#8220; bei den Westdeutschen an sechster Stelle (31 % der Befragten), lag der Anteil in Ostdeutschland bei 68 % und nahm den ersten Rang ein. Bei einer Allensbach-Befragung ebenfalls 1990 wurden neben den \u00fcblichen Problemen auch die Rangwertigkeit von Vereinigungsproblemen erfragt. Die ersten R\u00e4nge nahmen hier im Osten und Westen Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung, wirtschaftliche Probleme, Inflation und Rentenversicherung ein, w\u00e4hrend das Kriminalit\u00e4tsproblem weit abgeschlagen lag. [25] Es zeigt sich trotz dieser Unterschiede, da\u00df das Problem der Kriminalit\u00e4t im Verh\u00e4ltnis mit anderen Problemen relativ gesehen werden mu\u00df und nur einen Platz neben anderen einnimmt. [26]<\/p>\n<p>Als zentrales Begr\u00fcndungsmuster einer an law-and-order orientierten Kriminalpolitik kann die Behauptung gelten, die Bev\u00f6lkerung sei \u00fcber die wachsende Kriminalit\u00e4t beunruhigt und verlange h\u00e4rtere Strafen. Durch eine unnachgiebige Verfolgung k\u00f6nne sodann nicht nur die Kriminalit\u00e4tsrate gesenkt, sondern auch der Kriminalit\u00e4tsfurcht begegnet werden. Zwischen der Kriminalit\u00e4tsfurcht und den Sanktionseinstellungen der Betroffenen bestehen nach bisher durchgef\u00fchrten Untersuchungen nur schwache Verbindungen. Es zeigte sich bei der leichten Korrelation aber, da\u00df Probanden, die eine h\u00f6here Kriminalit\u00e4tsfurcht ge\u00e4u\u00dfert haben, nicht punitiver, sondern lediglich weniger restitutiv reagieren, was ihre Sanktionseinstellungen bez\u00fcglich schwererer Eigentumskriminalit\u00e4t und Gewaltkriminalit\u00e4t angeht.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"medien-und-kriminalitaet\">Medien und Krimi&shy;na&shy;lit&auml;t<\/span><\/h2>\n<p>Das Wissen um &#8222;die Kriminalit\u00e4t&#8220; und &#8222;den Kriminellen&#8220; geh\u00f6rt zum Alltagswissen. Jeder hat irgendeine Vorstellung von Art und H\u00e4ufigkeit von Straftaten, \u00fcber ihre Ursachen und angemessene Reaktionen. Die Erlangung von Normen- und Wertewissen ist zun\u00e4chst Teil der kindlichen und jugendlichen Sozialisation, die so vermittelten Norm- und Wertvorstellungen werden in lebenslangen Sozialisationsprozessen verst\u00e4rkt und in gewissem Umfang erneuert. Zu den hier anzuf\u00fchrenden &#8222;Normverallgemeinerungs- und Kontrollinstanzen&#8220; geh\u00f6ren auch die Massenmedien &#8222;als allgemeinste und \u00fcbergreifende Instanz&#8220;. [27] Das reine Faktenwissen \u00fcber Kriminalit\u00e4t wird nahezu ausschlie\u00dflich \u00fcber die Massenmedien vermittelt. Eigene Erfahrungen bleiben die Ausnahme. Das Wissen \u00fcber Kriminalit\u00e4t wird aufgrund dieses Umstandes zum &#8222;Sekund\u00e4rwissen&#8220;.<\/p>\n<p>Da\u00df durch die Tatsache der Beziehung von Kriminalit\u00e4tswissen aus den Massenmedien auch eine Aufnahme des damit in Zusammenhang stehenden Normen- und Wertewissens erfolgt und eine Verkn\u00fcpfung mit schon vorhandenen Vorstellungen vorgenommen wird, liegt nahe.<\/p>\n<p>Als Indizien hierf\u00fcr k\u00f6nnen zum Beispiel &#8222;\u00f6ffentliche Meinungen&#8220; \u00fcber neue bzw. aktuelle Arten der Kriminalit\u00e4t, Straft\u00e4ter, Strafvollzug oder auch Strafzwecke sein, die permanent gebildet werden, ohne da\u00df direkte Erfahrungen nachweisbar w\u00e4ren. Massenmedien zeigen dem Rezipienten aber nicht nur, was Kriminalit\u00e4t ist, sondern auch inwiefern sie f\u00fcr den Einzelnen eine Bedrohung darstellt. Auch Bedrohung durch Kriminalit\u00e4t wird seltener direkt erlebt als vielmehr durch die Darstellungen in den Massenmedien erfahren. Durch den Umstand, fast ausschlie\u00dfliche Informationsquelle zu sein, bietet sich den Massenmedien die M\u00f6glichkeit, bestimmte Erscheinungen zu Problemen zu machen oder andere gar nicht aufzugreifen. Mit gro\u00dfer Sch\u00e4rfe formuliert k\u00f6nnte dies folgendes bedeuten: &#8222;Soziale Probleme entstehen nicht automatisch aufgrund objektiver Bedingungen, sondern man kann sie als entstanden denken im Kontext eines Meinungsstreites, in dem gegens\u00e4tzliche Ansichten aufgezeigt, \u00dcberredungsprozesse aktiviert und Anstrengungen unternommen werden, Macht und Autorit\u00e4t zu institutionalisieren, um Bedingungen zugunsten bevorzugter Werte zu ver\u00e4ndern. [28]<\/p>\n<p>Die Darstellung von Kriminalit\u00e4t in den Massenmedien erfolgt auf ganz verschiedenen Ebenen. Zu nennen sind als Hauptquellen der Information der &#8222;klassische&#8220; Krimi, Sendungen, die auf Aufkl\u00e4rung ungel\u00f6ster Kriminalf\u00e4lle ausgerichtet sind und zudem Ratschl\u00e4ge geben, um einer eventuellen Viktimisierung entgegenzuwirken, schlie\u00dflich Berichte \u00fcber aktuelle Kriminalf\u00e4lle, Kriminalit\u00e4tsentwicklungen oder Einstellungen in Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsendungen. Die beiden ersten Gruppen zeichnen sich dadurch aus, da\u00df durchg\u00e4ngig die Perspektive der Strafverfolgungsorgane eingenommen wird, &#8222;was sich auch in der \u00dcberbewertung des Moments der Verhaftung des Beschuldigten niederschl\u00e4gt&#8220; [29] Die sozialen Zusammenh\u00e4nge von Kriminalit\u00e4t werden kaum dargestellt. Es erfolgt \u00fcberwiegend eine Reduzierung der Problematik auf die Pole &#8222;gut&#8220; und &#8222;b\u00f6se&#8220;, wobei die Fernsehzuschauer schon aufgrund der Aufforderung, sich auf der Suche nach den T\u00e4tern auch aktiv zu beteiligen, automatisch der positiv bewerteten Seite zugeordnet werden. An diesem Beispiel l\u00e4\u00dft sich die Interaktion zwischen Medium und Zuschauer, der aufgrund seiner &#8222;Mitarbeit&#8220; durch die Identifikationsm\u00f6glichkeit mit dem Guten und &#8222;Rechtschaffenen&#8220; in seiner reinen Wortbedeutung belohnt wird, in gro\u00dfem Umfang auf-zeigen. Weiter zeigt sich eine deutliche Konzentration auf die Darstellung von Gewaltkriminalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Dies steht in deutlichem Widerspruch zum tats\u00e4chlichen Gewicht, haben doch K\u00f6rperverletzungsdelikte, Mord, Totschlag, Raub und Vergewaltigung nur einen Anteil von 5,8 % an der Gesamtkriminalit\u00e4t. [30] Zwar werden in der Wochenpresse in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe als in der Tagespresse auch andere Formen von Kriminalit\u00e4t ber\u00fccksichtigt, doch zeigt sich dabei eine verst\u00e4rkte Hinwendung zur Staats- und Gro\u00dfkriminalit\u00e4t. Als Beispiel kann genannt werden: &#8222;Falschgeld: Mafia-Bl\u00fcten bedrohen die Wirtschaft [31]. Eine Darstellung &#8222;mittlerer&#8220; Wirtschaftskriminalit\u00e4t erfolgt auch hier kaum.<\/p>\n<p>Augenf\u00e4llig ist auch die Darstellungsweise, die (Gewalt-)Kriminalit\u00e4t in den Massenmedien erf\u00e4hrt. Betrachtet man die Formulierungen, mit denen zum Beispiel allj\u00e4hrlich die PKS kommentiert wird, zeigt sich, da\u00df die Situation vielfach bewu\u00dft \u00fcberzeichnet wird. So verwischt etwa die Bezeichnung &#8222;Verbrechensrekord&#8220; [32] eindeutig die Grenzziehung zwischen Verbrechen und Vergehen und suggeriert einen Rekord im Bereich der Gewaltkriminalit\u00e4t, der tats\u00e4chlich aber nicht gegeben ist. Weitere Formulierungen sind ,,&#8230;weniger als die H\u00e4lfte aller Verbrechen aufgekl\u00e4rt&#8220; [33] oder &#8222;Nur etwa jedes zweite Verbrechen &#8212; 47 % aller Straftaten &#8212; konnte aufgekl\u00e4rt werden&#8220; [34]. Selbst bei den \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten wird in dieser Weise verfahren: &#8222;Immer mehr Verbrechen&#8220; [35]. Neben diesen begrifflichen Manipulationen wird durch Aussparung bestimmter Tatsachen dar\u00fcber hinaus eine eigene kriminelle Wirklichkeit geschaffen. So wurde 1991 nach Ver\u00f6ffentlichung der PKS in den Zeitungen auch ausgef\u00fchrt, da\u00df 2387 Menschen durch Mord und Totschlag zu Tode gekommen seien, obwohl &#8222;verbl\u00fcffender weise mehr als zwei Drittel \u00fcberhaupt nicht get\u00f6tet worden sind&#8230;. man hatte n\u00e4mlich versuchte (1644 F\u00e4lle=68,9 %) und vollendete (743 F\u00e4lle=31,1 %) Taten flugs in einen Topf geworfen&#8220;. [36] Die Massenmedien produzieren auf diese Weise eine immer neue Kriminalit\u00e4tswelle. Im Bewu\u00dftsein der Konsumenten wird die Vorstellung von einem &#8222;Horror-Szenario&#8220; gef\u00f6rdert. Dabei spielt nicht nur das Desinteresse \u00fcberhaupt an &#8222;guten Nachrichten&#8220; eine Rolle: &#8222;Wen interessiert es schon, da\u00df der Kassierer Mayer am gestrigen Tag keine Unterschlagung begangen hat&#8220; (H.-J. Friedrichs), sondern das Interesse an der vermeintlich st\u00e4ndigen Versch\u00e4rfung der Lebensverh\u00e4ltnisse: &#8222;Irgend etwas nimmt immer mehr zu&#8220;. [37]<\/p>\n<p>Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, da\u00df das Interesse der Massenmedien sich mehr zur subjektiven Opferseite gewendet hat. Die individuelle Betroffenheit des Einzelnen und seine pers\u00f6nlichen Angstgef\u00fchle werden st\u00e4rker in den Vordergrund ger\u00fcckt. Fast gleich-zeitig mit der Wiedervereinigung wurde in den Medien zudem eine Diskussion \u00fcber die \u00f6ffentliche Sicherheit entfacht. Die verst\u00e4rkt erfolgten Umfragen \u00fcber Kriminalit\u00e4tsfurcht und Zufriedenheit mit der \u00f6ffentlichen Sicherheit wurden umgehend von den Massenmedien aufgegriffen.<\/p>\n<p>Als Beispiele k\u00f6nnen die Darstellungen zur Kriminalit\u00e4t im Spiegel vom 27. Juli 1992 herangezogen werden. Kriminalit\u00e4tsfurcht und innere Sicherheit wurden als eigenst\u00e4ndige Probleme thematisiert, die Ergebnisse der Umfragen als &#8222;dramatische Werte&#8220; bezeichnet. Zwar wird die Kriminalit\u00e4tsfurcht in diesem Beispiel auch in seiner dysfunktionalen Komponente betrachtet, wenn Zukunftsangst der Ostdeutschen als Erkl\u00e4rungsgrund angef\u00fchrt wird, doch wird trotz der Erkenntnis, da\u00df die Gewaltkriminalit\u00e4t nicht in gro\u00dfem Ma\u00dfe gestiegen ist, das Gewaltthema miteingebracht.<\/p>\n<p>Der Leiter des Dresdner Landeskriminalamtes, Peter Raisch, wird mit der \u00c4u\u00dferung zitiert, er sei verbl\u00fcfft, &#8222;wie schnell im Osten zugelangt und geschossen wird&#8220;. Weiter f\u00fchrt der Spiegel aus: &#8222;Typisch ist der Fall einer Torgauer Studentin, die abends an einer Stra\u00dfenbahnhaltestelle pl\u00f6tzlich von einem Unbekannten zur Herausgabe ihrer Umh\u00e4ngetasche aufgefordert wird. Als sie sich weigert, h\u00e4lt ihr der R\u00e4uber eine Gaspistole vors Gesicht und dr\u00fcckt ab&#8220;. Im folgenden werden weitere Kriminalit\u00e4tsschilderungen angef\u00fchrt. Schon die Verwendung des Wortes &#8222;typisch&#8220; l\u00e4\u00dft entgegen der vorherigen Ausf\u00fchrung die Assoziation &#8222;st\u00e4ndiger krimineller Gewaltsituationen&#8220; und somit einer steigende Kriminalit\u00e4tsrate oder zumindest gr\u00f6\u00dferer Brutalit\u00e4t aufkommen. Hierdurch scheint die hohe Kriminalit\u00e4tsfurcht wiederum ihre Berechtigung zu finden. Im Anschlu\u00df daran werden die Auswirkungen auf die Zufriedenheit mit der \u00f6ffentlichen Sicherheit anhand von Zitaten kommentiert: &#8222;Die Leute hier empfinden die neue Rechtsordnung sehr intensiv als T\u00e4terschutz&#8220; oder &#8222;Wenn wir nicht zeigen k\u00f6nnen, da\u00df ein Rechtsstaat stark ist, treiben wir den Radikalen die Hasen in die K\u00fcche&#8220;.<\/p>\n<p>Den Schlu\u00dfpunkt setzt J\u00fcrgen Dzuibas vom brandenburgischen LKA mit dem resignierten Fazit: &#8222;Die Westler haben auch mit der Kriminalit\u00e4t zu leben gelernt. Bei denen ist ein Autoaufbruch doch inzwischen Teil des allgemeinen Lebensrisikos in einer freien Gesellschaft&#8220;. Dieses unkommentierte Schlu\u00dffazit schlie\u00dft den Kreis von Angst, &#8222;erschreckender Gewaltkriminalit\u00e4t&#8220; und Sorgen \u00fcber die innere Sicherheit. Immer wieder kommt es zur Verwendung der Topoi &#8222;gro\u00dfe Verunsicherung&#8220; und &#8222;Kritik an der Polizei&#8220;, die auf Kriminalit\u00e4tsfurcht und die \u00f6ffentliche Sicherheit bezogen werden. [38]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"schadensgroesse-und-kriminalitaetsfurcht\">Schadens&shy;gr&ouml;&szlig;e und Krimi&shy;na&shy;li&shy;t&auml;ts&shy;furcht<\/span><\/h2>\n<p>Betrachtet man etwa die (objektiven) Schadensdimensionen im Zusammenhang mit &#8222;Wirtschaftskriminalit\u00e4t&#8220;, so fragt sich, ob auch diese Delikte in gro\u00dfem Umfang Kriminalit\u00e4tsfurcht hervorzurufen verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Das erste Problem in diesem Zusammenhang stellt sich mit dem Begriff der Furcht. Bei allen bisher untersuchten Delikten war mittel- oder unmittelbar die Unversehrtheit von Personen, physisch und\/oder psychisch, betroffen. So lie\u00dfe sich zun\u00e4chst argumentieren, Eigentumskriminalit\u00e4t und Wirtschaftskriminalit\u00e4t im besonderen seien gar nicht &#8222;furchtf\u00e4hig&#8220;. Die \u00e4u\u00dferst geringe Aufnahme vor allem der &#8222;mittleren&#8220; Wirtschaftskriminalit\u00e4t in den Massenmedien scheint diese Annahme zu best\u00e4tigen, gew\u00e4hrleistet die Forcierung von \u00c4ngsten doch sonst hohe Auflagen und ein starkes \u00f6ffentliches Interesse.<\/p>\n<p>Es stellt sich somit die Frage, ob die Furcht vor Kriminalit\u00e4t nicht durch ein bestimmtes Bild von Kriminalit\u00e4t und &#8222;dem Kriminellen&#8220; beeinflu\u00dft wird, daher einige kriminelle Erscheinungsformen schon gar nicht als Kriminalit\u00e4t bewertet werden und sich deswegen auch nicht vor ihnen gef\u00fcrchtet wird. Weiter mu\u00df \u00fcberlegt werden, was die Furcht selbst ausmacht, was aus welchen Gr\u00fcnden gef\u00fcrchtet wird und was nicht. Das Ph\u00e4nomen &#8222;Kriminalit\u00e4t&#8220; wird insbesondere in der (Laien-)\u00d6ffentlichkeit sozialstrukturell recht eindeutig festgelegt. &#8222;Kriminalit\u00e4t ist danach immer noch im gro\u00dfen und ganzen eine \u00fcberwiegend an niedrigen Sozialstatus, geringe Kompetenz, defizit\u00e4re Lebenssituation oder Entwicklungsstadien der Unfertigkeit gebundene Erscheinung. Kriminelle Abweichung wird weithin gleichgesetzt oder doch in engen Zusammenhang gestellt mit Abweichung des allgemeinen Lebensstils von einer den durchschnittlichen Normalit\u00e4tserwartungen entsprechenden Ordnungsgem\u00e4\u00dfheit. [39] In das Bewu\u00dftsein der \u00d6ffentlichkeit gelangt ist seit einiger Zeit auch die &#8222;Kriminalit\u00e4t der M\u00e4chtigen&#8220; als &#8222;Makrokriminalit\u00e4t [40], n\u00e4mlich die Kriminalit\u00e4t von Staatsf\u00fchrungen und ihrer Organe, multinationaler Konzerne und Verbrechensorganisationen. Die kriminologisch vermutete und f\u00fcr einige Bereiche mittlerweile best\u00e4tigte Ubiquit\u00e4t strafgesetzwidrigen Verhaltens unabh\u00e4ngig von der Schichtzugeh\u00f6rigkeit findet sich hingegen nicht als aktuelles Wissen in der Bev\u00f6lkerung und der \u00f6ffentlichen Diskussion wieder. Die &#8222;mittlere Wirtschaftskriminalit\u00e4t&#8220; oder noch weiter die &#8222;Kriminalit\u00e4t der Rechtstreuen, Erfolgreichen, Angepa\u00dften, der anst\u00e4ndigen oder braven B\u00fcrger&#8220; [41] wird in der \u00d6ffentlichkeit gerade in der Gruppe der hier Benannten nicht registriert. Die Bandbreite der Kriminalit\u00e4tsformen in diesem Bereich ist gro\u00df. Genannt werden k\u00f6nnen nur beispielhaft der &#8222;Volkssport Versicherungsbetrug&#8220;, unberechtigte Inanspruchnahme von Sozialleistungen, Betrugsdelikte hinsichtlich fingierter Kfz- und Fahrraddiebst\u00e4hle, die nach Sch\u00e4tzungen des BKA bis zu 50 % der registrierten F\u00e4lle ausmachen, Neuetikettierung von Verfallsdaten durch Gro\u00dfh\u00e4ndler, Manipulation von Herkunftsangaben durch Einzelh\u00e4ndler, die Fehlerhaftigkeit der Mehrzahl der Abrechnungen und Reparaturen bei Kraftfahrzeugen, die Falschabrechnung medizinischer Leistungen, zahn\u00e4rztliche Altgold- und Goldstaubunterschlagungen oder Rezeptschwindeleien. Angesichts dieser (nur kleinen) Auswahl scheint schon wegen des nicht mehr sch\u00e4tzbaren Gesamtschadens die Verwendung des Begriffs der &#8222;Furcht&#8220; eher angebracht als der mit Eigentumskriminalit\u00e4t ansonsten eher assoziierte &#8222;\u00c4rger&#8220;. In der \u00f6ffentlichen Diskussion werden diese Deliktsarten trotz des objektiv gro\u00dfen Schadens aber nicht unter den Begriff der Furcht gefa\u00dft und wohl vom \u00fcberwiegenden Teil der Bev\u00f6lkerung auch nicht &#8222;gef\u00fcrchtet&#8220;. Hier stellt sich die schon Eingangs aufgeworfene Frage nach dem, was die Furcht im Zusammenhang mit Kriminalit\u00e4t ausmacht. Hinsichtlich ihrer eigenen Kriminalit\u00e4t bzw. der Kriminalit\u00e4t ihrer eigenen sozialen Schicht wird die &#8222;Normalbev\u00f6lkerung&#8220; durch &#8222;wahrnehmungspsychologische Barrieren vor reflexiver Selbsterkenntnis gesch\u00fctzt&#8220;, Verhaltensweisen, die im eigenen Umfeld gang und g\u00e4be sind, &#8222;normalisieren&#8220; sich selbst dann, wenn sie formelle Normen verletzen und werden dar\u00fcber hinaus sogar in &#8222;subkulturelle Eigen- oder Gegennormen&#8220; integriert. [42]<\/p>\n<p>Aber nicht nur die Massenmedien und die Schutzprojektion der im gro\u00dfen und ganzen nicht professionellen B\u00fcrger st\u00fctzen dieses Bild von Kriminalit\u00e4t. Auch die Rechtsordnung selbst definiert die Sanktionsw\u00fcrdigkeit in eine bestimmte Richtung. &#8222;Wo das Gesetz das Vorleben des T\u00e4ters, seine pers\u00f6nlichen und wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, seine Lebensverh\u00e4ltnisse, in der Pers\u00f6nlichkeit des T\u00e4ters liegende besondere Umst\u00e4nde zur Zumessungsgrundlage f\u00fcr Art und Umfang der Rechtsfolge macht (\u00a7\u00a7 46, 47, 56, 57 StGB), da wird eben nicht mehr nur die Tat sanktioniert, sondern auch ein Lebensstil&#8220;. [43] Hierdurch entsteht eine gesamtgesellschaftliche Allianz zur Ausgrenzung bestimmter Au\u00dfenseitergruppen.<\/p>\n<p>Mag diese Abgrenzung als psychologischer Schutzmechanismus gewisse Funktionen erf\u00fcllen, wirkt sie sich auf diejenigen fatal aus, die au\u00dferhalb der beschriebenen gesellschaftlichen Schutzbereiche leben und aufgrund von Defiziten in der &#8222;pers\u00f6nlichen Darstellungs- und Verbalisierungsf\u00e4higkeit, Definitions- und Beschwerdemacht, Verteidigungskompetenz, Verf\u00fcgung \u00fcber Verteidigungsressourcen [44] schnell in die Rolle des &#8222;S\u00fcndenbocks&#8220; getrieben werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"reduzierung-von-kriminalitaetsfurcht\">Reduzierung von Krimi&shy;na&shy;li&shy;t&auml;ts&shy;furcht<\/span><\/h2>\n<p>Schlie\u00dflich stellt sich die Frage nach M\u00f6glichkeiten, der Kriminalit\u00e4tsfurcht zu begegnen. Die g\u00e4ngigste individuelle Strategie ist die Vermeidung vermeintlich gef\u00e4hrlicher Situationen, das hei\u00dft viele Menschen, insbesondere Frauen, bleiben zu Hause. Doch hat diese &#8222;Einigelung&#8220; den umgekehrten Effekt. Mi\u00dftrauen, Fremdenfurcht und allgemeine Lebens-angst werden dadurch gesch\u00fcrt. [45] Zudem w\u00e4chst durch das Vermeideverhalten auch die Unsicherheit im Umgang mit der furchteinfl\u00f6\u00dfenden Situation, was die \u00c4ngste vielfach verst\u00e4rkt. Weiter versch\u00e4rft das Vermeideverhalten letztlich auch die be\u00e4ngstigende Situation. Je weniger die Menschen aus dem Haus gehen, desto leerer werden die Stra\u00dfen, Parks etc., ein Kreislauf, der sich immer weiter fortsetzt. &#8222;&#8230;Das verbreitete Meiden \u00f6ffentlicher Verkehrsmittel etwa setzt diejenigen gr\u00f6\u00dferer Gefahr aus, welche auf deren Benutzung angewiesen sind&#8220;. [46] Auch der Gebrauch von Abwehrma\u00dfnahmen wie die Anschaffung einer Waffe oder die Bildung von B\u00fcrgerwehren erweist sich nicht als taugliche Strategie. Diese Ma\u00dfnahmen &#8222;bilden ein der demokratischen Kontrolle entzogenes, vielfach manipulierbares Gewaltpotential, das durch Jagdinstinkte beherrscht wird und auf Exempelstatuierung abzielt&#8220;. [47].<\/p>\n<p>Eine sch\u00e4rfere Sanktionierung bewirkt eher einen negativen Einflu\u00df auf die Kriminalit\u00e4tsrate als ein Eind\u00e4mmen der Kriminalit\u00e4tsfurcht. Selbst h\u00f6here Aufkl\u00e4rungsquoten oder eine Verst\u00e4rkung k\u00f6nnen ins Gegenteil umschlagen. Registrieren die Menschen eine &#8212; erstmalig &#8212; verst\u00e4rkte Polizeipr\u00e4senz oder eine steigende Aufkl\u00e4rungsquote, kann damit erst erst der Eindruck entstehen, man sei einer dramatischen Entwicklung ausgesetzt.<\/p>\n<p>Da sich Kriminalit\u00e4tsfurcht in erster Linie als Furcht vor dem Fremden, Unbekannten darstellt, die insbesondere in Zeiten politischer und sozialer Unsicherheit mit Unterst\u00fctzung der Medien durch eine Projektion eigener, ungel\u00f6ster Probleme auf eine bestimmte Verhaltensform entsteht, k\u00f6nnte ein Ansatz zur Minderung von Kriminalit\u00e4tsfurcht darin bestehen, trotz in der \u00d6ffentlichkeit ge\u00e4u\u00dferten Vorbehalte eben diese Barrieren abzubauen. Zu denken ist hier insbesondere an die M\u00f6glichkeiten informeller Streitbeilegung, oder zur Wiedergutmachung im Sinne einer Reprivatisierung strafrechtlicher Konfliktbew\u00e4ltigung.<\/p>\n<p>1 Der politisch-publizistische Verst\u00e4rkerkreislauf; in: KrimJ 1978, S. 223<br \/>2 Vgl. Heinz, Wolfgang: Kriminalstatistiken-Indikatoren der Kriminalit\u00e4t und ihre Entwicklung; Polizei und Justiz 1977, S. 93 und Kerner, Hns-J\u00fcrgen: Verbrechenswirklichkeit und Strafverfolgung; M\u00fcnchen 1973<br \/>3 Vgl. Kaiser, G\u00fcnther;Kriminologie. Eine Einf\u00fchrung in die Grundlagen; Heidelberg 1989, S. 210 <br \/>4 PKS 1990; Kirchhoff , Gerd Ferdinand\/ Sessar, Klaus: Das Verbrechensopfer, Bochum 1979, S. 179ff und 311<br \/>5 Vgl.Kirchhoff (s. Anm. 4)<br \/>6 Z.B. bei Arnold, Harald: Kriminelle Viktimisierung und ihre Korrelate, ZStW 1986 (98), S.1004<br \/>7 Kunz, Karl-Ludwig: Die Verbrechensfurcht als Gegenstand der Kriminologie und als Faktor der Kriminalpolitik; MachrKrim 66, 3\/1983, S. 162ff<br \/>8 Kury,H.\/ Dormann, U.\/ Richter H.\/ W\u00fcger, M.: Opfererfahrungen und Meinungen zur Inneren Sicherheit in Deutschland; Wiesbaden 1992, S. 234<br \/>9 Reuband, Karl -Heinz: Objektive und subjektive Bedrohung durch Kriminalit\u00e4t, KZfSS 2\/ 1992, S. 341, 347<br \/>10 Stinchcombe, Arthur u.a.: Crime and Punishment-Changing Attitudes in America; San Francisco\/Washington\/London 1980, S. 47ff<br \/>11 Becker, zit. nach Kury u.a., s. Anm. 8, S. 232 <br \/>12 Schwind, H.D. \/Ahlborn, W. \/Weiss,R.: . Dunkelfeldforschung in Bochum 1986\/87; Wiesbaden 1989, S. 132<br \/>13 So Kury u.a. (s. Anm. 8), S. 239ff<br \/>14 Lamnek, Siegfried: . Fear of Victimization. Attitudes to the Police an Mass Media Reproting; in: Kaiser G.\/ Kury H.\/ Albrecht H.-J. (Hg.): Victims and Criminal Justice, Freiburg, 1991, S. 637 und 641 <br \/>15 Datenbasis. Boers, Klaus: Kriminalit\u00e4tseinstellungen in den neuen Bundesl\u00e4ndern; T\u00fcbingen 1993<br \/>16 Datenbasis: ALLBUS 1992<br \/>17 Wohlfahrtssurvey 1978, 1984, 1988<br \/>18 ipos 1990, 1991, 1992<br \/>19 Vgl. auch Reuband (s. Anm. 9), S. 341 und 349<br \/>20 Zum Begriff des &#8222;coping&#8220; vgl. Boers (s. Anm. 15), S. 286<br \/>21 Reuband (s. Anm. 9), S. 446f<br \/>22 Kerner, Hans-J\u00fcrgen: Kriminalit\u00e4tseinsch\u00e4tzung und Innere Sicherheit, Wiesbaden 1980, S. 87<br \/>23 Stephan, Egon: Die Stuttgarter Opferbefragung. Eine kriminologisch-viktimologische Analyse zur Erforschung des Dunkelfeldes; Wiesbaden 1976, S. 420 und Kerner (s. Anm. 22), S. 91<br \/>24 Noelle-Neumann, Elisabet\/Piel, Edgar (Hg.): Eine Generation sp\u00e4ter. Bundesrepublik Deutschland 1953-1979; M\u00fcnchen 1983; S. 263<br \/>25 Noelle-Neumann, Elisabeth: in der FAZ vom 26.9. und 24.10.1990, S. 5<br \/>26 Aus anderer Perspektive formuliert, bedeutet dies, &#8222;da\u00df die wirklichen ,Lebenskatastrophen&#8216;, soweit sie aus zwischenmenschlichen Problemen und Konflikten hervorgehen, nur selten mit Ereignissen verbunden sind, die wir als ,kriminell&#8216; Klassifizieren k\u00f6nnen.&#8220; Hanak, G. \/Stehr, J. \/Steinert, H.: \u00c4rgernisse und Lebenskatastropen. \u00dcber den allt\u00e4glichen Umgang mit Kriminalit\u00e4t; Bielefeld 1989, S. 193<br \/>27 Schneider, Hans-Joachim: Kriminalit\u00e4tsdarstellungen im Fernsehen und kriminelle Wirklichkeit; Opladen 1977, S. 46<br \/>28 Larsen, Otto N. (Hg. ): Violence an the Mass Media; New York \/ Evanston \/ London 1968, S. 5<br \/>29 Kaiser, G. u.a. (Hg.): Kleines Kriminologisches W\u00f6rterbuch; Heidelberg 1993, S. 346<br \/>30 PKS 1990, S. 16<br \/>31 Spiegel Titel vom 19.7.1993<br \/>32 Die Welt 15.5.1991<br \/>33 taz vom 15.5.1991<br \/>34 Rheinische Post 15.5.1991<br \/>35 Heute-Journal vom 14.5.1991<br \/>36 Geiter, Helmut: Kriminalit\u00e4t und Strafvollzugs-\u00d6ffentlichkeit und Justiz zwischen, Mut, Unmut und \u00dcbermut; ZfStrVo 6\/91, S. 323<br \/>37 ebd.<br \/>38 Siehe z.B. die Teil\u00fcberschriften in: Gewalt in Deutschland, Das Beste aus Reader`s Digest, Februar 1993, 5. 35<br \/>39 Frehsee, Detlev: Zur Abweichung der Angepa\u00dften; KrimJ 1991, S. 25ff.<br \/>40 J\u00e4ger, Herbert: Makrokriminalit\u00e4t. Studien zur Kriminologie kollektiver Gewalt; Ffm 1989, S. 7<br \/>41 Frehsee (s. Anm. 39), S. 25 und 28<br \/>42 Frehsee (s. Anm. 39), S. 37<br \/>43 Frehsee (s. Anm. 39), S. 25f.<br \/>44 ebd., S. 25f; so auch Sessar, Klaus: Von einem anderen Umgang mit Straff\u00e4lligen in unserer Gesellschaft; Vortrag am 7.11.1991 in Kiel (MS)<br \/>45 Kunz (s. Anm. 8), S. 162 und 170<br \/>46 ebd.<br \/>47 ebd.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2487],"publikationen":[1238],"class_list":["post-12486","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-stephanie-schloth","publikationen-124-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>\u201eIrgend etwas nimmt immer mehr zu&quot; - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/124-vorgaenge\/publikation\/irgend-etwas-nimmt-immer-mehr-zu\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"\u201eIrgend etwas nimmt immer mehr zu&quot; - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Kriminalit\u00e4tsfurcht und Kriminalit\u00e4t aus: vorg\u00e4nge Nr. 124 (Heft 4\/1993), S. 85-98 Zwar lie\u00dfe sich die These aufstellen, Kriminalit\u00e4tsfurcht brauche nicht zu interessieren &#8212; zumindest solange nicht, wie eine objektiv eskalierende Kriminalit\u00e4tsentwicklung nicht verzeichnet werden kann. 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