{"id":12488,"date":"1993-06-01T16:00:00","date_gmt":"1993-06-01T14:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/rechtsradikalismus-als-soziale-bewegung\/"},"modified":"2021-08-24T21:47:49","modified_gmt":"2021-08-24T19:47:49","slug":"rechtsradikalismus-als-soziale-bewegung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/122-vorgaenge\/publikation\/rechtsradikalismus-als-soziale-bewegung\/","title":{"rendered":"Rechtsradikalismus als soziale Bewegung. Was hei\u00dft das?"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge 122<\/p>\n<p>Von 1990 auf 1991 registriert der Verfassungsschutz die Zunahme des organisierten Rechtsextremismus von 32000 (1990) auf 39000 Aktivisten (1991), wobei die &#8222;Republikaner&#8221; nicht einmal mitgez\u00e4hlt sind; die Gewaltbereitschaft von rechts steigt in diesem Zeitraum um das F\u00fcnffache, von 270 auf 1483 Gewalttaten.[1] Im vergangenen Jahr wurden 2285 Gewalttaten von rechts gez\u00e4hlt, darunter 701 Brand- und Sprengstoffanschl\u00e4ge, siebzehn Tote waren die Folge. Von 894 ermittelten Tatverd\u00e4chtigen waren nur zwei Prozent \u00e4lter als drei\u00dfig Jahre.[2] Vermutlich darf man diese Gewaltausbr\u00fcche nicht linear in die Zukunft weiterdenken. Sie werden ebenso abebben wie schon andere wellenf\u00f6rmige Gewaltzyklen zuvor. Dennoch haben sie Spuren hinterlassen und Zeichen gesetzt. Fremdenfeindliche Ausschreitungen vom Pogrom von Hoyerswerda im Herbst 1991, als eine Handvoll radikaler und militanter Skinheads, beif\u00e4llig begleitet von Teilen der Bev\u00f6lkerung, die Stadt &#8222;ausl\u00e4nderfrei&#8221; macht, bis hin zu den Rostocker Krawallen im August 1992 stehen f\u00fcr eine politische Klimaver\u00e4nderung: Gewalt gegen Andersartige, Ausl\u00e4nder, Nicht-Dazugeh\u00f6rige in Wort und Tat versteckt sich nicht l\u00e4nger im Tabu privater Mentalit\u00e4ten, sie schafft sich \u00f6ffentliche R\u00e4ume, tritt unverbl\u00fcmt nach au\u00dfen und veranla\u00dft die Politiker, den populistischen fremdenfeindlichen Stimmungen nachzugeben. Die \u00c4nderung des Asyl-Artikels des Grundgesetzes dient nicht nur der Beschr\u00e4nkung der Zuwanderung, sie ist auch ein Zugest\u00e4ndnis an die &#8222;Republikaner&#8221; &#8211; und anderen Rechts-W\u00e4hler und die fremdenfeindlichen Str\u00f6mungen.<\/p>\n<p>Seit dem parlamentarischen Aufschwung der Rechtsau\u00dfen-Parteien ab 1989 und seit der wachsenden Militanz von Jugendlichen und jungen Erwachsenen h\u00e4ufen sich mehr oder minder erkl\u00e4rungskr\u00e4ftige Deutungsvorschl\u00e4ge. Im Zentrum der neueren wissenschaftlichen Diskussion steht dabei die Theorie der Individualisierung in vielf\u00e4ltigen Variationen, wie sie etwa in der Wahl- und Jugendforschung fortentwickelt worden ist.<\/p>\n<p>Ich werde im Folgenden in einem ersten Schritt diese Theorie knapp zusammenfassen, um sodann ihre Defizite darzustellen. Daran schlie\u00dfen sich \u00dcberlegungen zum Rechtsextremismus als soziale Bewegung an. Die These lautet: Der Protest von rechts ist eine sich zur sozialen Bewegung formierende modernisierungskritische Reaktion auf zwei fundamentale Ver\u00e4nderungen der Gesellschaft &#8211; auf Ethnisierungsprozesse und auf Individualisierungssch\u00fcbe.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"individualisierungs-theoriker-hilflos-im-elfenbeinturm\">Indivi&shy;du&shy;a&shy;li&shy;sie&shy;rungs&shy;-&shy;The&shy;o&shy;ri&shy;ker: Hilflos im Elfen&shy;bein&shy;turm?<\/span><\/h2>\n<p>&#8222;Individualisierung&#8221; bezeichnet den historischen Proze\u00df des Bindungsverlustes des Individuums an Konventionen und Orientierungsmuster traditioneller Lebenswelten, Sozialmilieus und Organisationen bzw. Institutionen. Alle empirischen Daten sprechen daf\u00fcr; da\u00df der Einzelne heute seine Biographie st\u00e4rker als jemals zuvor selbstverantwortlich planen mu\u00df und da\u00df die traditionellen sinngebenden Institutionen (Familie, Kirchen, Schulen, Parteien u.a.) an \u00dcberzeugungskraft eingeb\u00fc\u00dft haben. In den Debatten \u00fcber Sozialstruktur und soziale Ungleichheit spielt die These von der Endschichtung, End-Strukturierung und Individualisierung der Gesellschaft seit zwanzig Jahren eine bedeutende Rolle. Unklar dabei sind nicht die faktischen Ver\u00e4nderungen, sondern deren Verlauf und Perspektiven. [3]<\/p>\n<p>W\u00e4hrend auf der einen Seite mehr Freiheit und mehr Lebenschancen entstehen, wachsen andererseits die sozialen Risiken f\u00fcr jene, die von dieser Freiheit &#8212; aus welchen Gr\u00fcnden auch immer &#8212; keinen Gebrauch machen k\u00f6nnen. Es sind, so scheint es, im Wesentlichen diese &#8222;Modernisierungsverlierer&#8221;, die das soziale Potential des rechtsextremen Protests bilden. Individualisierungssch\u00fcbe indes erlauben \u00fcberaus verschiedene Deutungen. Eine st\u00e4rker partizipatorische Demokratie auf der Basis wohl informierter, distanzierter und kritischer Staatsb\u00fcrger w\u00e4re ebenso eine Perspektive wie eine wachsende, diffuse Gruppierung sozial isolierter und apathischer B\u00fcrger, die eine Wiederbelebung vordemokratischer Gemeinschafts-Formen verlangt und Aggressivit\u00e4t gegen Fremde und Andersartige entwickelt. Die Richtung k\u00fcnftiger Prozesse scheint noch unabsehbar.<\/p>\n<p>Die Jugendforschung hat auf verschiedene m\u00f6gliche Folgewirkungen der Individualisierung hingewiesen: Die aktuelle politische Sozialisation ist demnach gepr\u00e4gt von einem komplexer werdenden Identit\u00e4tsfindungsprozess. Das Verschwinden traditionell verb\u00fcrgter Normen und die wachsende Distanz zu Organisationen und Institutionen b\u00fcrden dem Einzelnen ein Mehr an Identit\u00e4tsarbeit auf. Indes: \u00dcber die Richtung politischer Orientierung unter diesen ver\u00e4nderten Bedingungen hat die Debatte bislang kaum einen Beitrag geleistet.[4] Dar\u00fcber hinaus dient die Individualisierungsthese dazu, abweichendes Verhalten von Jugendlichen zu erkl\u00e4ren. Sie ist ein entscheidendes theoretisches Instrument, geht es um Gewalt und Protest von rechts. Diese Jugendlichen schaffen es nicht, so die Bilanz der \u00dcberlegungen, unter dem Druck verlorengegangener Bindungen und sozialer Auffangnetze die eigene Biographie sinnvoll zu konstruieren und greifen aus Ohnmachtsgef\u00fchlen zu rechten Provokationen.<\/p>\n<p>Am pointiertesten vertritt diese These Wilhelm Heitmeyer: Die Ausweitung von Konkurrenzbeziehungen, die Monetarisierung sozialer Beziehungen und der Verlust milieuspezifischer Erfahrungshorizonte f\u00fchrt zur Individualisierung jugendlicher Lebenslagen und zu einem spezifischen Problemdruck im Verlauf der Adoleszenz: Die Identit\u00e4tsbildung gleicht einem Nadel\u00f6hr, das unter Voraussetzungen pluralisierter Normen und geschwundener sozialer Auffangbecken passiert werden mu\u00df. Rechtsextremismus leistet hier insofern eine Hilfestellung, als der Problemdruck \u00fcber Ideologien der Ungleichheit und Gewaltakzeptanz umgeleitet wird in Orientierungen der \u00dcberlegenheit und der St\u00e4rke.[5]<\/p>\n<p>In der Wahlforschung werden unter den Stichworten &#8222;aggressive Apathie&#8221;, &#8222;negative Individualisierung&#8221; und &#8222;Politik- und Parteienverdrossenheit&#8221; \u00e4hnliche Ph\u00e4nomene letztlich unter eine Theorie der Individualisierung subsumiert, ebenso das Ph\u00e4nomen der steigenden Anteile der Nicht- und Wechsel-W\u00e4hler. Wir stehen vor dem Ph\u00e4nomen, &#8222;da\u00df die beiden gro\u00dfen Volksparteien ihren Unterbau verlieren &#8212;jene sozial moralischen Milieus, in denen sie gewachsen und verankert waren. Je ein Drittel der W\u00e4hlerschaft verf\u00fcgt mittlerweile \u00fcber dauerhafte, lose und gar keine Bindungen an irgendeine Partei&#8220;.[6] Individualisierung in diesem Zusammenhang meint zweierlei: Erstens diejenigen, die sich frustriert und desinteressiert vom politischen System abwenden, also den Kern von &#8222;Politik&#8221; &#8211; und &#8222;Parteienverdrossenheit&#8221; ausmachen. Zweitens aber jenen aufgrund der Bildungsexpansion gewachsenen Bereich bewu\u00dfter W\u00e4hler, die differenzierter und distanzierter den politischen Gesch\u00e4ften folgen. B\u00fcrklin spricht vor dem Hintergrund der Diskussion \u00fcber den Wertewandel vom &#8222;individualisierten Mensch, der sich von traditionellen Gro\u00dforganisationen jeder Art abwendet, seien es Gewerkschaften, Kirchen oder die gro\u00dfen Volksparteien. Er setzt stattdessen &#8211; rationalerweise &#8211; auf die Erh\u00f6hung bzw. Maximierung seiner Beteiligung in kleinen dezentralen Einheiten. Diese Entwicklung verst\u00e4rkt den Trend zur individualisierten, aktiveren, st\u00e4rker partizipationsorientierten Gesellschaft&#8220;.[7]<\/p>\n<p>Bezogen auf die Realentwicklung der Gesellschaft \u00fcber mehrere Jahrzehnte verweisen praktisch alle verf\u00fcgbaren empirischen Daten \u00fcber die Familie, die Organisationen und Institutionen-Bindungen und die unter den Stichworten &#8222;Pluralisierung&#8221; der Lebensstile und der Ideologien gef\u00fchrten Debatten f\u00fcr die Richtigkeit der Individualisierungs -Theorie.[8] Auf der empirischen Ebene also l\u00e4\u00dft sie sich kaum kritisieren. Und doch lassen sich an anderen Positionen Leerstellen verorten. Diese Theorie erm\u00f6glicht zwar eine zutreffende Beschreibung der ver\u00e4nderten Stellung des Individuums innerhalb der Gesellschaft, nicht aber die daraus folgenden individuellen und kollektiven Handlungsalternativen.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Die Individualisierungs -Theorie erlaubt es, alle normabweichenden Verhaltensmuster plausibel, aber eben nicht pr\u00e4zise genug zu charakterisieren. Sie ist aber zu allgemein gehalten, um spezifische Verhaltensweisen und Orientierungen zu erkl\u00e4ren. Nicht nur der Protest von rechts, sondern auch etwa die Anh\u00e4ngerschaft in religi\u00f6sen Sekten und in Psycho -Gruppen, die Sympathien f\u00fcr diverse unkonventionelle Stile der Jugendkultur und radikal-militante Fu\u00dfball-Fan-Gruppen lassen sich mit ihrer Hilfe ansatzweise erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Nicht nur normabweichendes Verhalten, sondern auch der radikale Konventionalismus kann in Zusammenhang mit der Individualisierungstheorie gebracht werden: Der an die &#8222;Ohne-mich&#8221; Mentalit\u00e4t der f\u00fcnfziger Jahre erinnernde Privatismus, der aktive R\u00fcckzug von den \u00f6ffentlichen Angelegenheiten, k\u00f6nnte als Folge der Individualisierungssch\u00fcbe betrachtet werden. Warum aber Einzelne und Gruppen diese und nicht jene Protestform w\u00e4hlen, warum sie zu rechtsextremen Gruppen neigen und nicht zu anderen: dies l\u00e4\u00dft sich mit der Individualisierungs -Theorie in keinster Weise erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Folgen von Individualisierungsprozessen wie etwa die &#8222;Umformung von erfahrener Handlungsunsicherheit in Gewi\u00dfheitssuche&#8221;, &#8222;von Ohnmachtserfahrungen in Gewaltakzeptanz&#8221; und &#8222;von Vereinzelungserfahrungen in die Suche nach leistungsunabh\u00e4ngigen Zugeh\u00f6rigkeitsm\u00f6glichkeiten&#8220;[9] (z.B. Nation) lassen den Protest von rechts als eine von mehreren M\u00f6glichkeiten erscheinen. Der Schritt von Individualisierungsprozessen hin zu Rechtsextremismus ist jedoch weder eindimensional noch linear und keineswegs automatisch. Warum aber w\u00e4hlen die Betroffenen gerade diesen Fluchtweg und nicht einen anderen, der ebenso der &#8222;Gewi\u00dfheitssuche&#8221;, der Kompensation von Ohnmacht und dem Bed\u00fcrfnis der Zugeh\u00f6rigkeit zu \u00fcbergeordneten Werten entspricht? Warum entscheiden sich die betroffenen Personengruppen f\u00fcr rechtsradikale Parteien und nicht f\u00fcr eine linksradikale oder eine radikal-\u00f6kologische oder andere Kleinpartei?<\/p>\n<p>Die Bedeutung der Individualisierungstheorie f\u00fcr die Diskussion \u00fcber rechtsextreme Protestformen l\u00e4\u00dft sich wie folgt zusammenfassen: Unbestreitbar existieren innerhalb der Gesellschaft Tendenzen von Individualisierung, die in vielf\u00e4ltige politische und vor-politische Protestformen einm\u00fcnden. Sie f\u00fchren aber weder zwangsl\u00e4ufig zu Rechtsextremismus noch ist diese Protestform dadurch hinreichend erkl\u00e4rt. Die Leerstelle besteht folglich an der Schnittstelle von Individualisierungsprozessen und rechtsextremer Protestform. Um sie aufzuf\u00fcllen, bedarf es \u00dcberlegungen zur Attraktivit\u00e4t, ja (mit Blick auf Jugendliche) zur Faszination des Rechtsextremismus. Worin besteht sie, warum scheint sie sich zur politischen Alternative zu entwickeln?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"rechtsextremismus-als-reaktion-des-bauches\">Rechts&shy;ex&shy;tre&shy;mismus als Reaktion des Bauches<\/span><\/h2>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den beklagenswerten Erscheinungen hierzulande, da\u00df organisierter Rechtsextremismus politisch weithin nicht ernst genommen wird. Politiker und Journalisten reden im Gestus moralischer Emp\u00f6rung vom P\u00f6bel, von den Ewiggestrigen, vom braunen Spuk oder braunen Rattenf\u00e4ngern. Hinter solchen Deutungen stehen nicht zuletzt symbolische Reinigungsrituale in Konflikten mit NS Traditionen.[10] Wahlforscher geben mit der Chiffre von &#8222;den Protestw\u00e4hlern&#8221; Entwarnung &#8211; als ob die W\u00e4hlerschaft von CDU oder SPD aus \u00fcberzeugten Christ- oder Sozialdemokraten best\u00fcnde. Jugendforscher befreien uns von der Notwendigkeit ernsthaften Einlassens mit der wohlfeilen Parole, Rechtsextremismus entstehe in der Mitte der Gesellschaft, nicht an ihren R\u00e4ndern. Das wird schwerlich jemand bestreiten wollen. Ebenso wenig aber ist heute zu bestreiten, da\u00df dem Angebot von rechts genauer nachzugehen ist, soll die steigende Nachfrage gekl\u00e4rt werden. Schlie\u00dflich befreit sich die an die Stelle der historisch \u00fcberlebten Antifaschismus-Theorie getretene Debatte \u00fcber Rassismus und Neorassismus von der politischen Diskussion der Empirie des Rechtsextremismus durch eine simple Manipulationstheorie: Ihr zufolge sind die W\u00e4hler, Aktivisten und Claqueure von rechts nichts denn au\u00dfen geleitete, verf\u00fchrte und aufgehetzte Marionetten der Rassisten von oben, in den Regierungen, Verwaltungen und Medien. Will man jedoch die subjektive Seite der Rechtsau\u00dfen-Str\u00f6mungen nicht au\u00dfer Acht lassen, lohnt ein Blick auf das Verh\u00e4ltnis von Innen-Ansichten und gesellschaftlichen Wirkungen.<\/p>\n<p>Rechtsextremismus bietet eine prinzipiengeleitete, geschlossene, organische Weltdeutung. Aus der Natur abgeleitete Maximen wie Kampf, Volk, Rasse, Gemeinschaft und die Unterscheidung von Freund und Feind schaffen eine politische Religion, die sich der diskursiven Hinterfragung verweigert. Anh\u00e4nger und W\u00e4hler sind \u00fcberzeugt von Deutschland, dem deutschen Volk, der Reinheit der Rasse, der Volksgemeinschaft. Dieses Glaubenssystem bietet Sicherheit und Klarheit in der verwalteten Welt der Interessengruppen, der Meinungsvielfalt, in der alles und nichts gilt wie auch in einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft, in der sich unten und oben immer weiter auseinanderentwickeln. Rechtsextremismus richtet sich an den Bauch, nicht an den Kopf, er postuliert eine Haltung gegen\u00fcber der Welt, nicht eine Analyse ihrer Zust\u00e4nde.<\/p>\n<p>Als Konsequenz von vierzig Jahren Aufarbeitung bzw. Verdr\u00e4ngung der Vergangenheit ist der Symbolwert des Nationalsozialismus einer der Provokationsm\u00e4chtigsten in dieser Gesellschaft (das unterscheidet die Situation im wiedervereinigten Deutschland von den anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern). Keine andere Symboltradition ist geeignet, die politische Kultur derart herauszufordern wie die \u00f6ffentliche Verwendung von NS-Symbolen in Sprache, Kleidung, Gestik und Gruppenverhalten. In einer historisch einzigartigen Situation, in der die Welt sich fragt, in welcher Weise das wiedervereinigte Deutschland von seinen politischen und \u00f6konomischen M\u00f6glichkeiten Gebrauch machen wird, ist der \u00f6ffentliche Gebrauch von NS-Symbolik durch kleine militante Zirkel eine au\u00dferordentliche Provokation. Dies nutzen Teile der Rechtsau\u00dfen-Szene und k\u00f6nnen so die por\u00f6sen Stellen einer d\u00fcnnen demokratischen Substanz blo\u00dflegen. Neuere rechtsextreme Protestformen leben &#8211; nicht allein hierzulande &#8211; von populistischen Themen und Strategien.[11] Bei Themen wie Ausl\u00e4nder, Asylbewerber, multikulturelle Gesellschaft und auch innere Sicherheit k\u00f6nnen sich die rechten Aktivisten einer breiten Unterst\u00fctzung sicher sein. Instrumente wie das eines Volksbegehrens gegen die Zuwanderung, von Haiders FP\u00d6 in \u00d6sterreich Anfang 1993, wenn auch mit m\u00e4\u00dfigem Erfolg, durchgef\u00fchrt, dienen der Mobilisierung und verfolgen die Strategie, Themen und Deutungen wach zu halten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"bewegung-gegen-modernisierung\">Bewegung gegen Moder&shy;ni&shy;sie&shy;rung<\/span><\/h2>\n<p>Nach der deutsch-deutschen Vereinigung scheint der Rechtsextremismus allm\u00e4hlich zur Form einer sozialen Bewegung zu werden. Versteht man &#8222;soziale Bewegung&#8221; als einen &#8222;mobilisierenden kollektiven Akteur, der mit einer gewissen Kontinuit\u00e4t auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation mittels variabler Organisations- und Aktionsformen das Ziel verfolgt, grundlegenderen sozialen Wandel herbeizuf\u00fchren, zu verhindern oder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen&#8221; [12], so erscheint es geradezu unverst\u00e4ndlich, warum die Bewegungsforschung sich nicht schon l\u00e4ngst des Protests von rechts angenommen hat. Bezogen auf die obige Definition geht es den Rechten darum, nicht nur Individualisierungssch\u00fcbe, sondern auch objektive soziale Prozesse der Ethnisierung, auf die noch zu kommen sein wird, l\u00e4ngerfristig r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen zugunsten einer ethnischen Homogenisierung der Gesellschaft.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Konstituierung einer sozialen Bewegung von rechts lassen sich zahlreiche Indikatoren benennen. Zun\u00e4chst das populistische Aufgreifen von Alltagsinteressen und eine weithin akzeptierte Thematik (Ausl\u00e4nder, innere Sicherheit, nationale Identit\u00e4t). Sodann die Existenz mehrerer rechtsintellektueller Gruppierungen au\u00dferhalb der Universit\u00e4ten, die Impulse der Weimarer &#8222;konservativen Revolution&#8221;, geistesgeschichtliche Traditionen zwischen Carl Schmitt, Moeller van den Bruck und Ernst J\u00fcnger zum Programm erheben, aber auch eine partielle, bisweilen terroristische Militanz am Rande (nicht im Zentrum) der Bewegung.<\/p>\n<p>Hinzu kommen eine beachtliche Breitenwirksamkeit, die in der Lage ist, die politische Klasse in die argumentative Defensive zu dr\u00e4ngen sowie dezentrale Strukturen bei hohem Vernetzungsgrad. Die Selbststilisierung als einzig wahre Opposition grenzt zum einen den &#8222;linken&#8221; Gegner aus, dessen Kr\u00e4fte in jeder Hinsicht historisch ersch\u00f6pft zu sein scheinen und der die verbrauchte Antifaschismus-Propaganda umformuliert in eine hilflose &#8222;Antirassismus&#8221; -programmatik; zum anderen aber ebenso den konservativer Konkurrenten, der durch inhaltliche und organisatorische Ann\u00e4herungen die Dynamik des rechten Protests in Richtung etabliert-rechtskonservativer Str\u00f6mungen zu kanalisieren sucht.[13] Zu einer vergleichsweise breiten, aktivistischen Beteiligung von Jugendlichen mit einer sich auspr\u00e4genden jugendspezifischen Subkultur (Skin-Bands und -zeitschriften, expressive Selbstdarstellungsrituale) gesellt sich eine romantisch-irrationale, dem vern\u00fcnftigen Diskurs kaum zug\u00e4ngliche politische Religiosit\u00e4t, die Botschaft statt Programm verk\u00fcndet. Und nicht zuletzt ist ein internationaler &#8211; zumindest europaweiter &#8211; Gleichklang mit \u00e4hnlich strukturierten sozialen Bewegungen zu verorten.<\/p>\n<p>Sollte sich best\u00e4tigen, da\u00df auf der Rechten eine soziale Bewegung dabei ist, sich zu formieren, so werden Konzessionen &#8211; etwa in der Asylfrage &#8211; sie in ihrer Dynamik nicht bremsen, sondern eher noch vorantreiben. Die \u00c4nderung des Asylrechts ist auch ein sichtbarer und an Konsequenzen reicher Erfolg des Protestes von rechts. Aus umfangreichen Untersuchungen \u00fcber Entstehung und Verlauf sozialer Bewegungen ist bekannt, da\u00df deren Ende in aller Regel mit ihrer Institutionalisierung gegeben ist.[14] Das war bei der Studentenbewegung so, und das ist bei den Gr\u00fcnen nicht anders. Eine wie immer geartete, \u00fcber die \u00c4nderung des Asylrechts hinausgehende Institutionalisierung des gegenw\u00e4rtigen Protest von rechts h\u00e4tte allerdings fatale, demokratiegef\u00e4hrdende Folgewirkungen.<\/p>\n<p>Versteht man den rechten Protest als Konstitutionsproze\u00df einer sozialen Bewegung, dann l\u00e4\u00dft sich eine Schw\u00e4che der Individualisierungstheoretischen Ans\u00e4tze \u00fcberwinden: Die Motivation der Anh\u00e4nger und Sympathisanten, ihr Weg nach rechts und nicht anderswohin, erkl\u00e4rt sich durch die Attraktion der Bewegungsmomente des Rechtsradikalismus. Das hervorstechende Beispiel sind die rechten &#8222;Skins&#8221;.<\/p>\n<p>Skinheads, militante Arbeiterjugendliche in britischen Gro\u00dfst\u00e4dten mit hoch geschn\u00fcrten Doc -Marten -Stiefeln, kurzgeschorenen Haaren, rassistisch und in Gangs organisiert, entwickelten sich als jugendliche Subkultur neben anderen Ende der sechziger Jahre.[15] Ein Jahrzehnt sp\u00e4ter finden sie sich auch hierzulande in wachsender Zahl.<\/p>\n<p>Einer Statistik des Bundeskriminalamts \u00fcber die gemeldeten Straftaten gegen Ausl\u00e4nder zufolge z\u00e4hlten zehn Prozent der festgenommenen Tatverd\u00e4chtigen zu den Skinheads.[16] Dieser eher geringe Anteil widerspricht dem \u00f6ffentlichen Klischee, demzufolge die Randalierer Gro\u00dfteils dieser Jugend-Subkultur entstammen. Tats\u00e4chlich geh\u00f6ren sie am Rande des Protests von rechts zu den aktivistischen, militanten Teilen, die eine eigenst\u00e4ndige subkulturelle Tradition artikulieren.<\/p>\n<p>Die Sicherheitsbeh\u00f6rden z\u00e4hlten Ende 1992 in der Bundesrepublik etwa 6500 Skinheads, von denen etwa 4 500 dem rechtsextremen Spektrum zugerechnet werden, allein 3 000 davon in den neuen Bundesl\u00e4ndern. Eine hohe Dunkelziffer ist gewi\u00df in Rechnung zu stellen. Der rheinland-pf\u00e4lzische Verfassungsschutz kommt zu dem Ergebnis, da\u00df bis Ende der achtziger Jahre &#8222;allenfalls rund 10% der Skinheadszene von den Sicherheitsbeh\u00f6rden als rechtsextremistisch eingestuft (wurde). Ende der achtziger Jahre setzte allerdings eine bis heute anhaltende Entwicklung ein, die zu einer beachtlichen Vergr\u00f6\u00dferung der rechtsextremistisch-motivierten Skinheadszene gef\u00fchrt hat.&#8220;[17]<\/p>\n<p>Antib\u00fcrgerliche Gruppen-Identit\u00e4t, subkulturelles Bewu\u00dftsein, kompromissloses fremdenfeindliches Denken, jugendspezifisches &#8222;Outfit&#8221; und eine Dynamik von Aktionen, die von oben stigmatisiert und verfolgt werden [18], machen die rechten Skins zu einer kleinen subkulturellen Minderheit, die deutliche Z\u00fcge einer sozialen Bewegung annimmt und ihrerseits Bewegungs-Elemente in den Protest von rechts einbringt. Sie n\u00e4hrt sich aus einem Selbstbild, das &#8222;nach den Ma\u00dfst\u00e4ben des Daseinskampfes, d.h. sich Behaupten und Durchsetzen, Gewaltanwendung als soziale Technik, Unberechenbarkeit im Sozialverhalten (bedingt auch durch eine Eigendynamik innerhalb der Gruppen), Desillusionierung als Erfahrungswert der bisherigen Biographie&#8221; formiert ist.[19] Dieses Selbstbildnis ist eingebunden in eine maskuline Gewalt-\u00c4sthetik, die Ueltzh\u00f6ffer beschrieben hat als &#8222;eine Mischung aus nordischem Helden-Antlitz und Rambo-Kult. Die Gewalt\u00e4sthetik der Skins darf aber nicht als lediglich stilistisches Attribut verstanden werden, sie ist sinnstiftender Inhalt und politische Programmatik zugleich. Wir haben also Anla\u00df, den bisherigen wissenschaftlichen Erkl\u00e4rungsmustern zur Entstehung von Rechtsextremismus eine sozial \u00e4sthetische Theorie anzuf\u00fcgen.&#8220;[20]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ethnisierung-des-politischen-und-der-sozialen-beziehungen\">Ethni&shy;sie&shy;rung des Politischen und der sozialen Beziehungen<\/span><\/h2>\n<p>Rechtsradikalismus heute zehrt von einem historischen Projekt: Es geht um Phantasien von einer ethnisch-homogenen, organischen Gemeinschaft auf der Basis eines starken Staates. Nicht nur Individualisierung und Demokratisierung sollen zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden, sondern auch die objektive Ethnisierung der Gesellschaft. Es lohnt ein Blick auf die Ethnisierungstendenzen, um so den historischen Widerpart der Rechten ins Blickfeld zu r\u00fccken.<\/p>\n<p>Die kollektive Verarbeitung von Migration ist ein langanhaltender sozialer Proze\u00df, dessen Struktur und Tragweite weithin untersch\u00e4tzt wird. Der Kosmopolitismus liberal-aufgekl\u00e4rter Eliten und der Stra\u00dfenfest -Folklorismus alternativer Szenen stellte moralische Normen akzeptierter Zuwanderung auf, noch bevor deutlich wurde, was Zuwanderung strukturell bedeutet. Umgekehrt hat der Provinzialismus traditionalistischer Milieus Migration schon abgelehnt, bevor immer deutlicher wurde, da\u00df es keine ethnisch homogenen Gesellschaften in Europa geben kann. Zwischen diesen Positionen w\u00e4re zu eruieren, was das Miteinander der Ethnien und Kulturen bedeuten kann und welche Auswirkungen f\u00fcr die Sozialstrukturen absehbar sind.<\/p>\n<p>Nach Umfrage-Ergebnissen von Eurobarometer Ende 1992 sind in den Staaten der EG f\u00fcnfzig Prozent der Befragten der Ansicht, es gebe zu viele Nicht-EG-Ausl\u00e4nder in ihrem jeweiligen Land. F\u00fcnfunddrei\u00dfig Prozent meinen, es seien viele, aber doch nicht zu viele. \u00c4hnlich breite Ablehnungen zeigen sich in Bezug auf die Zuwanderung von Menschen aus Osteuropa, aus dem s\u00fcdlichen Mittelmeerraum sowie die Aufnahme von Asylbewerbern. Eine knappe Mehrheit in den EG-L\u00e4ndern ist gegen das kommunale Wahlrecht f\u00fcr Ausl\u00e4nder.[21] Die hier ermittelten Potentiale sind die der rechtspopulistisch -antimodernistischen Str\u00f6mungen in Europa.<\/p>\n<p>Das Wiedererstarken des Rechtsextremismus und die Ans\u00e4tze einer sozialen Bewegung von rechts sind ohne das Problemb\u00fcndel der Zuwanderung nicht zu verstehen. Rechtsextremismus ist stets auch Antwort auf unverarbeitete Modernisierungsprozesse. Die Ausl\u00e4nder- und Asyldebatte hierzulande hat \u00fcbersehen, da\u00df die Ethnisierung der Sozialbeziehungen einen Proze\u00df impliziert, der eine tiefgreifende Wandlung des Miteinanders bedeutet. Sowohl von unten (in den Alltagserfahrungen und -orientierungen) wie auch von oben, aus der Perspektive der politischen Akteure, werden ehedem sozialstrukturell definierte Probleme \u00fcberlagert durch ethnische Deutungsmuster, werden Interessenstrukturen \u00f6konomisch definierter Organisationen \u00fcberformt durch die vermeintlichen Interessen ethnisch ausgezeichneter Gruppen. Soziale Konflikte und Gegens\u00e4tze werden \u00fcberlagert durch die Transformation in Bilder ethnischer Ungleichheit und Ungleichwertigkeit der Menschen. In den real erfahrenen Alltagswelten wie auch in den medial mitgepr\u00e4gten Deutungsmustern resultieren hieraus Polarisierungen zwischen ethnischen Gruppen, es bildet sich ein Denken, F\u00fchlen und Handeln in ethnisch bestimmten Ab &#8211; und Ausgrenzungsmustern aus, die bis hin zu Freund-Feind-Kategorien reichen. Es scheint, als setzten sich die untergegangenen Feindbilder der Ost &#8211; West &#8211; Block Konfrontation zu neuen zusammen, diesmal in der Nord-S\u00fcd-Konfrontation. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich innerhalb der Bundesrepublik, zwischen West- und Ostdeutschland und zwischen Europa und den Dritte-Welt-L\u00e4ndern ist im Kern ein strukturell bedingter sozialer Konflikt, der auf der Ungleichheit von Lebenschancen, materiellen und immateriellen G\u00fctern, Bildungschancen und Statuszuweisungen basiert und zu weltweiten Wanderungsbewegungen f\u00fchrt.[22] Urs\u00e4chlich ist also nicht einfach der Mangel an Ressourcen wie Arbeit, Wohnungen und Grundnahrungsmitteln, sondern ihre ungleiche und ungerechte Verteilung. Das hat tiefgreifende, nicht zuletzt \u00f6konomische und finanzpolitische Ursachen im weltwirtschaftlichen Ma\u00dfstab.[23]<\/p>\n<p>Stattdessen aber wird von Politikern im Spannungsbogen zwischen Duldung und aktivem Vorantreiben in der Aufwertung der Asylproblematik zur \u00dcberlebensfrage des deutschen Volkes und erst recht von der sich formierenden rechten Protestbewegung die als solche unaufhebbare ethnisch-kulturelle Ungleichheit sowohl als Ursache f\u00fcr die Misere benannt wie auch zum Programm f\u00fcr die Zukunft erkl\u00e4rt. Wird dem Publikum in Aussicht gestellt, weniger Asylbewerber seien gleichbedeutend mit der Wiederherstellung einer aus den Fugen geratenen innerstaatlichen Ordnung und zugleich besseren Lebenschancen f\u00fcr alle, so ist dies nicht nur ein fataler und m\u00f6glicherweise folgenreicher Irrtum, sondern ein gef\u00e4hrlicher Verweis auf eine bestimmte soziale und ethnisch definierte Gruppe als Verursacher sozialer Krisen. Eine solche Ethnisierung des Politischen betrifft &#8211; wie die Asyldebatten zeigen &#8211; nicht nur den Kreis der Asylbewerber selbst. Die Folgen sind f\u00fcr alle hier lebenden Ausl\u00e4nder sp\u00fcrbar. Sie finden sich in der Rolle, (noch und bis auf weiteres) geduldet zu sein und gegen\u00fcber Deutschen allemal erst nachrangig Teilhaberechte anmelden zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Die Ethnisierung des Politischen geht an den tiefer liegenden strukturellen Ursachen der sozialen Ungleichheit sowohl in nationaler wie in international-weltwirtschaftlicher Hinsicht vorbei. Die Ethnisierung sozialer Konflikte beim Kampf um Wohnungen, Arbeitspl\u00e4tze und finanzielle Ressourcen des Sozialstaats f\u00fchrt notwendig zu versch\u00e4rften konkurrenten Sozialbeziehungen der Ethnien, sozialen Spannungen, gewaltt\u00e4tigen Ausbr\u00fcchen und schlie\u00dflich zur faktischen Abwertung und Au\u00dferkraftsetzung von Grundrechten wie des Artikel 3 Absatz 3(&#8222;Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religi\u00f6sen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden&#8220;). Der dauerdiskutierte Artikel 16 steht zur Disposition; da\u00df Artikel 3 l\u00e4ngst schon au\u00dfer Kraft gesetzt zu sein scheint, wird kaum bemerkt, schlimmer noch: Es wird hingenommen. Wer also \u00fcber die \u00c4nderung des Artikel 16 redet, darf \u00fcber Artikel 3 Abs. 3 nicht den Mantel des Schweigens ausbreiten. Das Gleichheitsprinzip ist ein Essential jeder demokratischen Verfassung. Wird es eingeschr\u00e4nkt oder zur\u00fcckgenommen, ist die Demokratie gef\u00e4hrdet. Hinter den kurzfristigen politischen Kalk\u00fclen der Bonner Parteien, die sich zu Recht Gedanken machen \u00fcber die Aufnahmekapazit\u00e4ten f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge vor Ort, in den Kommunen, stehen folglich gravierende Restriktionen der Demokratie. Mit anderen Worten: Wo pragmatische L\u00f6sungen gefordert sind, darf die Gefahr der Preisgabe substantieller demokratischer Essentials nicht \u00fcbersehen werden. Diesen Zusammenhang zu mi\u00dfachten, wird man der Bonner Politik des Jahres 1992 zum Vorwurf machen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Ethnisierung sozialer Ungleichheit ist einzig dadurch entgegenzutreten, da\u00df die \u00f6konomischen Grundstrukturen &#8211; national wie international &#8211; wieder sichtbar gemacht werden. Das bedeutet die Anerkennung von Tatsachen wie der fortbestehenden Ausbeutung der Dritten Welt durch die Erste einschlie\u00dflich der sozialen Folgekosten. Es fehlt an einem geistig-politischen Klima, das Armutswanderungen als zwangsl\u00e4ufige Folge der Konsumstile der Industriel\u00e4nder anerkennt. Es fehlt an einem geistig-politischen Klima, das den Kampf um Wohnungen und Arbeitspl\u00e4tze als Verteilungskampf mit strukturellen Ursachen anerkennt, in dem die Widerspr\u00fcchlichkeiten von Wohnungs- und Arbeitsmarkt die entscheidenden Bestimmungsgr\u00f6\u00dfen sind, nicht aber die H\u00f6her &#8211; oder Minderwertigkeit der Hautfarbe und der Herkunft. Armutswanderungen sind nicht Ursachen der Misere, sondern deren Folgewirkungen. Es fehlt an einem geistig-politischen Klima, in dem diese Migrationen als Folgeerscheinung weltwirtschaftlich bedingter Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse gesehen werden. Es gilt folglich zu \u00fcberwinden, was die &#8222;defensive Erkenntnisverweigerung&#8221; der real existierenden, auf Abschottung bedachten Ausl\u00e4nderpolitik in Deutschland genannt wird.[24]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-falsche-utopie-einer-ethnisch-homogenen-gesellschaft\">Die falsche Utopie einer ethnisch homogenen Gesell&shy;schaft<\/span><\/h2>\n<p>Die gef\u00e4llige Reduktion des Rechtsau\u00dfen-Protests auf die Formel &#8222;Ausl\u00e4nder raus!&#8221; durch eine moralisierende &#8212; nach Rostock und Hoyerswerda zu Hysterie neigenden &#8212; \u00d6ffentlichkeit geh\u00f6rt zu den gr\u00f6bsten Fehleinsch\u00e4tzungen in den gegenw\u00e4rtigen Debatten. Tats\u00e4chlich ist der Rechtsradikalismus eine anti modernistische, traditionalistische Reaktion nicht nur auf die objektive Individualisierung von Lebenslagen, sondern auch auf die von verschiedenen Interessengruppen und Sozialmilieus aktiv vorangetriebene Ethnisierung der Gesellschaft. Gegen\u00fcber der Migration haben sich l\u00e4ngst einige interessen- und milieubedingte Grundpositionen herausgebildet. Frank-Olaf Radke skizziert vier Formen der &#8222;Selbstethnisierung&#8221; gesellschaftlicher Gruppen und sozialer Konflikte: 1. Der p\u00e4dagogisch intendierte rot-gr\u00fcne Multikulturalismus tendiere &#8222;zu einer Sozialromantischen Verkl\u00e4rung der in der Gesellschaft virulenten Widerspr\u00fcche&#8221;, er neige zu einem Kulturalismus, &#8222;der die strukturellen Gegebenheiten und materiellen Konflikte untersch\u00e4tzt und in Gefahr steht, bei Folklorisierung zu enden&#8221;. 2. Der &#8222;kulinarisch-zynische Multikulturalismus&#8221; der Dienstleister und Modernisierungsgewinner werde zum verzweifelt-fr\u00f6hlichen Programm eines entfesselten, traditionalistischen Karrierismus. 3. Der &#8222;demagogisch-instrumentelle Multikulturalismus&#8221; schaffe freie Bahn f\u00fcr die Internationalisierung des Kapitals und der Warenstr\u00f6me und erweise sich als Vehikel f\u00fcr die Durchsetzung von Kapital-Interessen. Und 4.: Der &#8222;reaktiv-fundamentalistische Multikulturalismus&#8221; von Teilen der Migranten selbst sei Reaktion auf erfahrene Diskriminierung durch die wei\u00dfe Mehrheitsgesellschaft. Der R\u00fcckzug auf Traditionalismus, Clans und Gettos sei ein Instrument der Selbstorganisation und der Gegenwehr. [25]<\/p>\n<p>Mindestens diese Formen der Selbst-Ethnisierung forcieren den objektiven Proze\u00df der Ethnisierung und versuchen, dessen Richtung je nach Interesse zu beeinflussen. Sie sind milieugebundene Teile eines gewaltigen gesellschaftlichen Wandels, an dessen Ende die Existenz einer Multi ethnischen Gesellschaft neben anderen in Mittel- und Westeuropa stehen wird.<\/p>\n<p>Eine ethnisch homogene Gesellschaft in Deutschland hat faktisch nie existiert, dennoch aber gehen das Staatsb\u00fcrgerrecht, die politische Kultur, der Sport und weite Teile der Politik von einem an das deutsche Volk gebundenen einheitlichen politischen Willen aus. Selbst im Grundgesetz finden sich neben weltb\u00fcrgerlichen auch nationalstaatlich-v\u00f6lkische Verfassungsnormen.[26] Der Proze\u00df der Ethnisierung reibt sich an diesen Traditionalismen. Rechtsextremismus ist so gesehen der anti modernistische Versuch, die Entwicklung aufzuhalten und alte Zust\u00e4nde wiederherzustellen. Das wird noch deutlicher, werden zwei Schl\u00fcsselbegriffe der Rechten n\u00e4her betrachtet: &#8222;Gemeinschaft&#8221; und &#8222;Volk&#8221;. Individualisierungssch\u00fcbe zerst\u00f6ren die alten Gemeinschaften. Der rechte Protest besteht auf der Wiederherstellung von Gemeinschaften und, am Ende, der &#8222;Volksgemeinschaft&#8221;. W\u00e4hrend die intellektuelle Neue Rechte die Dekadenz und den individualistischen Liberalismus verantwortlich macht f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der Gemeinschaft, wird sie von den militanten Skins als Gegenmodell praktisch in Vollzug gesetzt: durch den Aktionismus in kleinen Gruppen und das Leitbild einer Gemeinschaft der Deutschen. Die Ethnisierungsprozesse zerst\u00f6ren jedoch nachhaltig die Illusion einer ethnisch homogenen Volksgemeinschaft. Der rechte Protest indes insistiert auf ethnischer Homogenit\u00e4t. W\u00e4hrend seine militante Variante Verfolgungsszenen gegen\u00fcber Ausl\u00e4ndern inszeniert, konzentriert sich die intellektuelle Version auf den Begriff des &#8222;Ethnopluralismus&#8221;, demzufolge es keine Vermischung zwischen den V\u00f6lkern und ihren Kulturen geben d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Rechtsextremismus als soziale Bewegung reagiert folglich auf zwei ebenso fundamentale wie weitreichende strukturelle Ver\u00e4nderungen der Gesellschaft. Daraus sch\u00f6pft er seine Themen, seine Legitimation und seine Bewegungsdynamik. Alles Gerede vom Versagen der Politiker, von fehlenden Wohnungen oder vom institutionellen Rassismus \u00fcbersieht diesen historisch immer deutlicher zutage tretenden Zusammenhang.<\/p>\n<p>[1] Vgl. FR, 13.8.1992, S. 4 und den Bericht in: Innere Sicherheit, hrsg. vom Bundesminister des Innern 3\/1992,S. 1ff.<\/p>\n<p>[2] FAZ, 8.2.1993, S. 4<\/p>\n<p>[3] Vgl. Rainer Gei\u00dfler, Die Sozialstruktur Deutschlands, Opladen 1992, isb. S. 66ff.<\/p>\n<p>[4] Wilhelm Heitmeyer\/Juliane Jacobi (Hrsg.), Politische Sozialisation und Individualisierung, Weinheim\/M\u00fcnchen 1991<\/p>\n<p>[5] Wilhelm Heitmeyer u.a., Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie, Weinheim\/M\u00fcnchen 1992<\/p>\n<p>[6] Malte Ristau, Bewegliche W\u00e4hler &#8212; Dezimierte Volksparteien, in: Vorw\u00e4rts 1\/1993, S. 19<\/p>\n<p>[7] Wilhelm B\u00fcrklin, Gesellschaftlicher Wandel, Wertewandel und politische Beteiligung, in: Protestw\u00e4hler und Wahlverweigerer, hrsg. von Karl Starzacher u.a., K\u00f6ln 1992, S. 35<\/p>\n<p>[8] Vgl. die Aufbereitung sozialstruktureller Grunddaten bei Gei\u00dfler, a.a.O.<\/p>\n<p>[9] Wilhelm Heitmeyer, Gesellschaftliche Desintegrationsprozesse als Ursachen von fremdenfeindlicher Gewalt und politischer Paralysierung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 2-3 \/ 1993, S. 5<\/p>\n<p>[10] Claudia Althaus, Symbolische Reinigungsrituale in NS-Konflikten. Eine Analyse repr\u00e4sentativer Artikel \u00fcber NS-Konflikte der Frankfurter Rundschau des Jahres 1956 (= unver\u00f6ff, Papier des Forschungsprojekts Politische Kultur &#8212; Politische Konflikte an der Univ. \/ Gesamthochschule Siegen), November 1992<\/p>\n<p>[11] Dies gilt nicht nur f\u00fcr die &#8222;Republikaner&#8221;, sondern mehr noch f\u00fcr deren Vorbilder, den franz\u00f6sischen Front National und die \u00f6sterreichische FP\u00d6. Zu den &#8222;Republikanern&#8221; vgl. Hans-Gerd Jaschke, Die &#8222;Republikaner&#8221;, Bonn 2. Aufl. 1993; zum Front National: Dietmar Loch, Der schnelle Aufstieg der Front National. Rechtsextremismus im Frankreich der 80er Jahre, M\u00fcnchen 1990; zur FP\u00d6: Hans-Henning Scharsach, Haiders Kampf, Wien 1992<\/p>\n<p>[12] Joachim Raschke, Zum Begriff der sozialen Bewegung, in: Neue soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland, hrsg. von Roland Roth \/Dieter Rucht, Bonn 1987, S. 19<\/p>\n<p>[13] Die von Heinrich Lummer initiierten &#8222;konservativen Gespr\u00e4chskreise&#8221; sind als Versuch in dieser Richtung zu werten, vgl. den Bericht &#8222;CDU-Politiker gr\u00fcnden konservativen Gespr\u00e4chskreis in Sachsen. ,Heimatgef\u00fchl st\u00e4rken&#8216;. Lummer: Republikaner sind koalitionsf\u00e4hig&#8221;, in: FAZ, 8.2.1993, S. 4; vgl. auch den Hintergrundbericht &#8222;Der wertkonservative Fl\u00fcgel der CDU ist erwacht&#8221;, in: Blick nach rechts, hrsg. vom sozialdemokratischen Pressedienst, Nr. 2 \/ 1993, S. 2<\/p>\n<p>[14] Vgl. zur &#8222;Institutionalisierung&#8221; sozialer Bewegungen Otthein Rammstedt, Soziale Bewegung, Frankfurt 1978, S. 167ff. Vgl. auch das mit &#8222;Institutionalisierung&#8221; endende, an Rammstedt angelehnte Ablaufmodell sozialer Bewegungen bei Karl-Werner Brand, Neue soziale Bewegungen, Opladen 1982, S. 33ff.<\/p>\n<p>[15] Mike Brake, Soziologie der jugendlichen Subkulturen, Frankfurt\/New York 1981, S. 90ff.<\/p>\n<p>[16] Vgl. Rainer Fromm, Rechtsextremismus in Th\u00fcringen, Erfurt 1992, S. 8<\/p>\n<p>[17] Verfassungsschutz Rheinland-Pfalz, Skinheads, Mainz, o.J. (1993), S. 8 (hektographiert); Hans-J\u00fcrgen Doll, Die aktuelle Situation des Rechtsextremismus, in: Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, hrsg. vom Bundesminister d. Innern, Bonn 1991, S. 92ff.; vgl auch zu den neuen Skinhead-Magazinen und Rockbands die Hinweise in: Innere Sicherheit 5\/1991, S. 6<\/p>\n<p>[18] Vgl. etwa den Bericht &#8222;Razzia bei rechtsradikalen Bands. Bundesweit R\u00e4ume von Musikern und Produzenten durchsucht&#8221;, in: FR, 4.2.1993, S. 4<\/p>\n<p>[19] Wolfgang Br\u00fcck, Skinheads vor und nach der Wende in der DDR, in: Wolfgang Gessenharter\/Helmut Fr\u00f6chling (Hrsg.), Minderheiten &#8211; St\u00f6rpotential oder Chance f\u00fcr eine friedliche Gesellschaft? Baden-Baden 1991, S. 164<\/p>\n<p>[20] J\u00f6rg Ueltzh\u00f6ffer, &#8222;Wir sollten in Zukunft von Menschenfeindlichkeit reden&#8221;. Zu Gewalt und Rechtsextremismus in Deutschland, in: FR, 16.3.1993, S. 10<\/p>\n<p>[21] Die Ergebnisse im Einzelnen finden sich bei Erich Wiegand, Ausl\u00e4nderfeindlichkeit in der Festung Europa, in: ISI. Informationsdienst Soziale Indikatoren. Eine ZUMA Publikation Nr. 9\/Januar 1993, S. 1-4<\/p>\n<p>[22] Eine sehr informative Einf\u00fchrung in diese Zusammenh\u00e4nge bieten: Detlef Bischoff\/Werner Teubner, Zwischen Einb\u00fcrgerung und R\u00fcckkehr. Ausl\u00e4nderpolitik und Ausl\u00e4nderrecht der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1990<\/p>\n<p>[23] Vgl. dazu das jetzt erschienene Handbuch der Dritten Welt Bd. 1: Grundprobleme, Theorien, Strategien, hrsg. von Dieter Nohlen und Franz Nuscheler, 3. Aufl., Bonn 1992<\/p>\n<p>[24] Klaus J. Bade, Ausl\u00e4nder- und Asylpolitik in der Bundesrepublik Deutschland: Grundprobleme und Entwicklungslinien, in: Einwanderungsland Deutschland, hrsg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1992, S. 51ff.<\/p>\n<p>[25] Frank-Olaf Radke, Multikulturalismus &#8212; vier Formen der Ethnisierung, in: Klaus J. Bade, Ausl\u00e4nder, Aussiedler, Asyl in der Bundesrepublik Deutschland, hrsg. von der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, Bonn 1992, S. 149f.<\/p>\n<p>[26] Dieter Obernd\u00f6rfer, V\u00f6lkische Orientierungen im Grundgesetz, in: ders., Die offene Republik, Freiburg 1991, S. 59ff.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1838],"publikationen":[1240],"class_list":["post-12488","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hans-gerd-jaschke","publikationen-122-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rechtsradikalismus als soziale Bewegung. 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