{"id":12515,"date":"1978-12-16T13:00:00","date_gmt":"1978-12-16T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/richtlinien-fuer-die-sterbehilfe\/"},"modified":"2021-08-24T21:47:26","modified_gmt":"2021-08-24T19:47:26","slug":"richtlinien-fuer-die-sterbehilfe","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/36-vorgaenge\/publikation\/richtlinien-fuer-die-sterbehilfe\/","title":{"rendered":"Richtlinien f\u00fcr die Sterbehilfe"},"content":{"rendered":"<p>Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge 36 (Heft 6\/1978), S. 110-112<\/p>\n<p><i>I. Einleitung<\/i><\/p>\n<p>Zu den Pflichten des Arztes, welche Heilen, Helfen und Lindern von Leiden als hohes Ziel umfassen, geh\u00f6rt auch, dem Sterbenden bis zu seinem Tode zu helfen. Diese Hilfe besteht in Behandlung, Beistand und Pflege.<\/p>\n<p><i>II. Behandlung<\/i><\/p>\n<p>a) In bezug auf die Behandlung ist der Wille des urteilsf\u00e4higen Patienten nach dessen geh\u00f6riger Aufkl\u00e4rung zu respektieren, auch wenn er sich nicht mit medizinischen Indikationen deckt.<br \/>b) Beim bewusstlosen oder sonst urteilsunf\u00e4higen Patienten dienen medizinische Indikationen als Beurteilungsgrundlage f\u00fcr das \u00e4rztliche Vorgehen im Sinne einer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung ohne Auftrag. Hinweise auf den mutma\u00dflichen Willen des Patienten sind dabei zu ber\u00fccksichtigen. Dem Patienten nahestehende Personen m\u00fcssen angeh\u00f6rt werden; rechtlich aber liegt die letzte Entscheidung beim Arzt. Ist der Patient unm\u00fcndig oder entm\u00fcndigt, so darf die Behandlung nicht gegen den Willen der Eltern oder des Vormundes eingeschr\u00e4nkt oder abgebrochen werden.<br \/>c) Bestehen bei einem auf den Tod Kranken oder Verletzten Aussichten auf eine Besserung, kehrt der Arzt diejenigen Ma\u00dfnahmen vor, welche der m\u00f6glichen Heilung und Linderung des Leidens dienen.<br \/>d) Beim Sterbenden, auf den Tod Kranken oder lebensgef\u00e4hrlich Verletzten<br \/>&#8211; bei dem das Grundleiden mit infauster Prognose einen irreversiblen Verlauf genommen hat und<br \/>&#8211; der kein bewusstes und umweltbezogenes Leben mit eigener Pers\u00f6nlichkeitsgestaltung wird f\u00fchren k\u00f6nnen lindert der Arzt die Beschwerden. Er ist aber nicht verpflichtet, alle der Lebensverl\u00e4ngerung dienenden therapeutischen M\u00f6glichkeiten einzusetzen.<\/p>\n<p><i>III. Beistand<\/i><\/p>\n<p>Der Arzt bem\u00fcht sich, seinem auf den Tod kranken, lebensgef\u00e4hrlich verletzten oder sterbenden Patienten, mit dem ein Kontakt m\u00f6glich ist, auch menschlich beizustehen.<\/p>\n<p><i>IV. Pflege<\/i><\/p>\n<p>Der auf den Tod kranke, lebensgef\u00e4hrlich verletzte und der sterbende Patient haben einen Anspruch auf die ihren Umst\u00e4nden entsprechende und in der gegebenen Situation m\u00f6gliche Pflege.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Kommentar zu den Richtlinien f&uuml;r die Sterbehilfe<\/h2>\n<p>Zu den Aufgaben des Arztes geh\u00f6rt auch die Sterbehilfe; sie ist das Bem\u00fchen, dem Sterbenden so beizustehen, dass er in W\u00fcrde zu sterben vermag. Solche Sterbehilfe ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein ethisches und juristisches Problem.<\/p>\n<p><i>I. \u00c4rztliche \u00dcberlegungen <\/i><\/p>\n<p>Der von einer t\u00f6dlichen Krankheit oder von einer lebensgef\u00e4hrlichen \u00e4u\u00dferen Gewalteinwirkung betroffene Mensch ist nicht notwendigerweise ein Sterbender. Er ist ein in Todesgefahr Schwebender, und es versteht sich von selbst, dass stets die Lebenserhaltung und wenn m\u00f6glich die Heilung anzustreben ist. In solchen F\u00e4llen hat der Arzt diejenigen Hilfsmittel einzusetzen, die ihm zur Verf\u00fcgung stehen und geboten erscheinen. Diesen Patienten zu behandeln, ist Lebenshilfe und keine Sterbehilfe.<\/p>\n<ol>\n<li>a) Die Sterbehilfe betrifft den im Sterben liegen den Menschen. Ein Sterbender ist ein Kranker oder Verletzter, bei dem der Arzt auf Grund einer Reihe klinischer Zeichen zur \u00dcberzeugung kommt, dass die Krankheit irreversibel oder die traumatische Sch\u00e4digung infaust verl\u00e4uft und der Tod in kurzer Zeit ein treten wird. In solchen F\u00e4llen kann der Arzt aufweitere, technisch eventuell noch m\u00f6gliche Ma\u00dfnahmen verzichten.<br \/>b) Die \u00e4rztliche Hilfe endet beim E i n t r i t t des Todes, dessen Definition in den Richtlinien f\u00fcr die Definition und die Diagnose des Todes der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften (1969) festgelegt ist.<\/li>\n<li>Die Sterbehilfe umfasst die aktive Sterbehilfe (oder Sterbenachhilfe) und die passive Sterbehilfe. Allerdings ist diese Unterscheidung in einzelnen F\u00e4llen nicht leicht zu treffen.<br \/>a) Die aktive Sterbehilfe ist die gezielte Lebensverk\u00fcrzung durch T\u00f6tung des Sterbenden. Sie besteht in k\u00fcnstlichen Eingriffen in die restlichen Lebensvorg\u00e4nge, um das Eintreten des Todes zu beschleunigen(1). Aktive Sterbehilfe ist nach dem Schweizerischen Strafgesetzbuch strafbare vors\u00e4tzliche T\u00f6tung (StGB Art 111 bis 113 Adnex). Sie bleibt gem\u00e4\u00df StGB Art 114 strafbar, selbst wenn sie auf Verlangen des Patienten erfolgt.<br \/>b) Die passive Sterbehilfe ist der Verzicht auf lebensverl\u00e4ngernde Ma\u00dfnahmen beim Todkranken. Sie umfasst die Unterlassung oder das Nichtfortsetzen von Medikationen sowie von technischen Ma\u00dfnahmen, z.B. Beatmung, Sauerstoffzufuhr, Bluttransfusionen, H\u00e4modialyse, k\u00fcnstliche Ern\u00e4hrung.<br \/>\u00c4rztlich ist der Verzicht auf eine Therapie bzw. die Beschr\u00e4nkung auf eine Linderung von Beschwerden begr\u00fcndet, wenn ein Hinausschieben des Todes f\u00fcr den Sterbenden eine nicht zumutbare Verl\u00e4ngerung des Leidens bedeutet und das Grundleiden mit infauster Prognose einen irreversiblen Verlauf angenommen hat.<br \/>c) Als medizinische Sonderf\u00e4lle sei das Vorgehen bei einigen zerebralen St\u00f6rungen er\u00f6rtert:<br \/>Apallisches Syndrom (Coma vigile, akinetischer Mutismus). Wenn der Patient dauernd schwer bewusstseinsgest\u00f6rt bleibt und keinerlei Kommunikation mit seiner Umwelt hat, so muss der Arzt nach l\u00e4ngerer Beobachtung beurteilen, ob der Prozess irreversibel ist, so dass auf die besonderen lebensverl\u00e4ngernden Ma\u00dfnahmen verzichtet werden kann, auch wenn das Atmen und das Schlucken erhalten sind. Die Behandlung darf sich in diesen F\u00e4llen auf pflegerische Hilfe beschr\u00e4nken.<br \/>Schwere zerebrale St\u00f6rungen des Neugeborenen. Bei schweren Missbildungen und perinatalen Sch\u00e4den des Zentralnervensystems, die zu irreparablen Entwicklungsst\u00f6rungen f\u00fchren w\u00fcrden, und wenn ein Neugeborenes bzw. ein S\u00e4ugling nur dank des fortdauernden Einsatzes au\u00dfergew\u00f6hnlicher technischer Hilfsmittel leben kann, darf von der erstmaligen oder anhaltenden Anwendung solcher Hilfsmittel abgesehen werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p><i>II. Ethische Gesichtspunkte<\/i><\/p>\n<p>Die Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften war von dem Grundgedanken geleitet, dass es die prim\u00e4re Verpflichtung des Arztes ist, dem Patienten in jeder m\u00f6glichen Weise helfend beizustehen. W\u00e4hrend des Lebens ist die Hilfe, die er leisten kann, ausgerichtet auf die Erhaltung und Verl\u00e4ngerung des Lebens. Beim Sterbenden h\u00e4ngt die bestm\u00f6gliche Hilfe von einer Anzahl von Gegebenheiten ab, deren angemessene W\u00fcrdigung und Abw\u00e4gung den Arzt vor schwere Entscheidungen stellen kann. Der Arzt hat in seine \u00dcberlegungen unter anderem<br \/>&#8211; die Pers\u00f6nlichkeit oder den ausgesprochenen oder mutma\u00dflichen Willen des Patienten<br \/>&#8211; seine Belastbarkeit durch Schmerzen und Verst\u00fcmmelung<br \/>&#8211; die Zumutbarkeit medizinischer Eingriffe<br \/>&#8211; die Verf\u00fcgbarkeit therapeutischer Mittel<br \/>&#8211; die Einstellung der menschlichen und gesellschaftlichen Umgebung einzubeziehen.<br \/>Der Sterbeprozess beginnt, wenn die elementaren k\u00f6rperlichen Lebensfunktionen erheblich beeintr\u00e4chtigt sind oder v\u00f6llig ausfallen. Sind diese Lebensgrundlagen derart betroffen, dass jegliche F\u00e4higkeit entf\u00e4llt, Subjekt oder Tr\u00e4ger eigener Handlungen zu sein, dh, sein Leben selbst zu bestimmen, und steht der Tod wegen lebensgef\u00e4hrdender Komplikationen unmittelbar bevor, so ist dem Arzt ein breiter Ermessensspielraum f\u00fcr sein Handeln zuzugestehen.<br \/>Diese Richtlinien k\u00f6nnen dem Arzt seine Entscheidung nicht abnehmen, sollen sie ihm aber nach M\u00f6glichkeit erleichtern.<\/p>\n<p><i>III. Rechtliche Beurteilung<\/i><\/p>\n<p>Die Sterbehilfe beruht auf der Verpflichtung des Arztes, bei der \u00dcbernahme der Behandlung eines Patienten alles in seinen Kr\u00e4ften Stehende zu unternehmen, um Gesundheit und Leben des Kranken zu f\u00f6rdern und zu bewahren. Diese Pflicht wird als Garantenpflicht des Arztes bezeichnet. Der Arzt, welcher passive Sterbehilfe leistet, k\u00f6nnte zivil- oder strafrechtlich verantwortlich werden, wenn er dadurch seine Garantenpflicht verletzt. Deshalb muss der Arzt wissen, in welcher Weise diese Pflicht einerseits dem urteilsf\u00e4higen, bei vollem Bewusstsein befindlichen Patienten, und andererseits dem bewusstlosen Patienten gegen\u00fcber besteht.<\/p>\n<ol>\n<li>Der Wille des urteilsf\u00e4higen Patienten, der \u00fcber<br \/>die Erkrankung, deren Behandlung und die damit verbundenen Risiken aufgekl\u00e4rt worden ist, bindet den Arzt. Weil der urteilsf\u00e4hige Patient dar\u00fcber zu entscheiden hat, ob er behandelt werden will, kann er die Behandlung abbrechen lassen. Unter diesen Umst\u00e4nden enth\u00e4lt die rechtliche Grundlage zur Behandlung mit denjenigen Ma\u00dfnahmen, welche der Patient nicht mehr w\u00fcnscht. In diesem Fall darf sich der Arzt &#8211;\u00a0dem Wunsch des Patienten entsprechend &#8211; darauf beschr\u00e4nken, nur noch leidenmildernde Mittel zu geben oder eine in anderer Weise beschr\u00e4nkte Behandlung durchzuf\u00fchren, ohne dass er deswegen\u00a0rechtlich\u00a0 verantwortlich wird. Es gilt der Grundsatz: Voluntas aegroti suprema lex esto.<\/li>\n<li>Ist der t\u00f6dlich erkrankte Patient nicht mehr urteilsf\u00e4hig und deswegen nicht in der Lage, seinen Willen zu \u00e4u\u00dfern (wie z.B. der Bewusstlose), so wird die Pflicht des Arztes zivilrechtlich nach den Regeln der &#8222;Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung ohne Auftrag&#8221; bestimmt (OR Art 419ff). Die Heilbem\u00fchungen sind dann entsprechend dem mutma\u00dflichen Willen des Patienten auszuf\u00fchren. Dieser Wille ist nicht einfach auf blo\u00dfe Verl\u00e4ngerung von Schmerzen und Leiden zielend anzusehen. Vielmehr kann der Respekt vor der Pers\u00f6nlichkeit des Sterbenden die Anwendung medizinischer Ma\u00dfnahmen als nicht mehr angezeigt erscheinen lassen. Ist diese Voraussetzung gegeben, so kann sich der Arzt strafrechtlich auf einen der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung ohne Auftrag entsprechenden Rechtfertigungsgrund berufen.<\/li>\n<li>Eine fr\u00fchere schriftliche Erkl\u00e4rung, worin der Patient auf jede k\u00fcnstliche Lebensverl\u00e4ngerung verzichtet, kann f\u00fcr die Ermittlung seines Willens ein gewichtiges Indiz abgeben. Entscheidend ist jedoch der gegenw\u00e4rtige mutma\u00dfliche Wille, der nur auf Grund einer sorgf\u00e4ltigen Abw\u00e4gung aller Umst\u00e4nde des Falles gefunden werden kann. Verbindlich ist die fr\u00fchere Erkl\u00e4rung schon deshalb nicht, weil sie zu jeder Zeit r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden kann. Somit muss stets danach gefragt werden, ob der Patient die Erkl\u00e4rung im gegenw\u00e4rtigen Augenblick vern\u00fcnftigerweise widerrufen w\u00fcrde oder nicht.<\/li>\n<li>Dem Patienten nahestehende Personen sind anzuh\u00f6ren. (Nahestehende Personen sind in der Regel, doch nicht ausschlie\u00dflich, die n\u00e4chsten Verwandten des Patienten.) Die letzte Entscheidung liegt rechtlich allerdings beim Arzt. Ist jedoch der Patient unm\u00fcndig oder entm\u00fcndigt, so darf die Behandlung nicht gegen den Willen der Eltern oder des Vormundes eingeschr\u00e4nkt oder abgebrochen werden,<\/li>\n<\/ol>\n<p><i>Basel, den 5. November 1976.<\/i><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Verweise<\/h2>\n<p>(1) Diese Sterbehilfe wurde auch als &#8222;aktive Euthanasie&#8220; bezeichnet, obschon &#8222;Euthanasie&#8220; eigentlich &#8222;guter Tod&#8220; hei\u00dft. Im Dritten Reich wurde die &#8222;Vernichtung lebensunwerten Lebens&#8220; mi\u00dfbr\u00e4uchlich mit diesem Worte bezeichnet, weshalb es hier nicht gebraucht wird.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[2556,667],"autoren":[2494],"publikationen":[1064],"class_list":["post-12515","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-sterbehilfe-dokumente","tag-vorgaenge-artikel","autoren-schweizerische-akademie-der-medizinischen-wissenschaften","publikationen-36-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Richtlinien f\u00fcr die Sterbehilfe - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/36-vorgaenge\/publikation\/richtlinien-fuer-die-sterbehilfe\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Richtlinien f\u00fcr die Sterbehilfe - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften aus: vorg\u00e4nge 36 (Heft 6\/1978), S. 110-112 I. 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