{"id":12521,"date":"1986-01-31T09:00:00","date_gmt":"1986-01-31T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/wohngruppenvollzug-vorstufe-zur-freiheit\/"},"modified":"1986-01-31T12:00:00","modified_gmt":"1986-01-31T11:00:00","slug":"wohngruppenvollzug-vorstufe-zur-freiheit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/79-vorgaenge\/publikation\/wohngruppenvollzug-vorstufe-zur-freiheit\/","title":{"rendered":"Wohngruppenvollzug. Vorstufe zur Freiheit?"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.79 (Heft 1\/1986), S.73-82<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Reformbestrebungen im westdeutschen Strafvollzug wurde der erst Anfang der 70er Jahre in Betrieb genommenen JVA Schwerte ein gewisser Modellcharakter zuerkannt, was eine relativ g\u00fcnstige Ausstattung mit Geldmitteln zur Folge hatte. Aus diesen Gr\u00fcnden konnte in der Anstalt etwas experimentiert werden: Das\u00a0 Experiment hie\u00df \u00bbdifferenzierender Wohngruppenvollzug\u00ab, und die einmaligen Zusatzkosten wurden mit ca. DM 90000,- veranschlagt. Die JVA blieb jedoch weiterhin eine Anstalt des geschlossenen Vollzugs. Zwei vorhandene Abteilungen mit jeweils 24 Haftpl\u00e4tzen wurden in drei neue mit jeweils 12 Haftpl\u00e4tzen umgestaltet &#8211; die \u00fcbrigen Abteilungen der Anstalt (insgesamt ca. 280 Haftpl\u00e4tze) blieben von der \u00c4nderung unber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die drei neuen Abteilungen wurden gro\u00dfz\u00fcgig konzipiert &#8211; gro\u00dfz\u00fcgig im Verh\u00e4ltnis zur restlichen JVA:<\/p>\n<p>&#8211; die Flursch\u00e4chte wurden zubetoniert, so da\u00df die vorher durchgehenden \u00d6ffnungen, von oben nach unten, auf ganzer L\u00e4nge der Flure, verschwanden;<\/p>\n<p>&#8211; die neuen Abteilungen wurden untereinander durch Zwischent\u00fcren abgeteilt;<\/p>\n<p>&#8211; jede Abteilung bekam eine Teek\u00fcche, einen Fernseh- und Gruppenraum, sowie einen Beamtenraum;<\/p>\n<p>&#8211; die Flure der Abteilungen durften durch besonderen Farbanstrich, durch Aufstellen von (von Privatleuten f\u00fcr die Gefangenen gespendeten) Polsterm\u00f6beln zu Sitzgruppen und durch Anbringen von Postern wohnlicher gestaltet werden;<\/p>\n<p>&#8211; pro Abteilung wurden vier besonders ausgesuchte Beamte als st\u00e4ndige Abteilungsbeamte beordert;<\/p>\n<p>&#8211; jede Abteilung bekam ihren eigenen Sozialarbeiter.<\/p>\n<p>Auch wurde ein grundlegendes Konzept, Statut genannt, ausgearbeitet, das allerdings auf keinerlei Erfahrungen basierte. Dieses Papier regelt die Aufnahme- und Ausscheidungskriterien f\u00fcr die Gefangenen der Wohngruppen, regelt den abteilungsinternen Organisationskram und vieles mehr. Da wird unter anderem w\u00f6rtlich angef\u00fchrt (Anhang A, Punkt1 ff):<\/p>\n<p>1. Die Wohngruppe im Strafvollzug arbeitet nach dem Prinzip einer probleml\u00f6senden und helfenden Gemeinschaft. Dieser Begriff meint, da\u00df alle Menschen, die innerhalb der Wohngruppe leben und arbeiten, sich als Partner im Behandlungsproze\u00df verstehen und eine einander st\u00fctzende Einheit bilden mit dem Ziel, den sozial anf\u00e4llig gewordenen Mitgliedern der Gemeinschaft die Voraussetzung f\u00fcr eine Eingliederung als sozial anerkannte Glieder der Gesellschaft zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>2. Die Wohngruppe bietet dem einzelnen Mitglied ein begrenztes, leicht \u00fcberschaubares und unter kontrollierten Bedingungen funktionierendes \u00dcbungsfeld f\u00fcr sozial anerkanntes Verhalten. Die Wohngruppe als helfende Gemeinschaft stellt ein korrigierendes soziales Klima her, in dem der Gruppenteilnehmer seine negativen Erfahrungen aus fr\u00fcheren mitmenschlichen Beziehungen neu erleben und ver\u00e4ndern kann.<\/p>\n<p>3. Die Wohngruppe soll folgende allgemein positive Faktoren des Gruppenlebens f\u00f6rdern:<\/p>\n<p>&#8211; Das unangemessene Sozialverhalten des einzelnen wird der Gruppe deutlich; dadurch kann er von der Gruppe darauf aufmerksam gemacht werden;<\/p>\n<p>&#8211; Die Gruppe und der einzelne bem\u00fchen sich gemeinsam, das unangemessene Sozialverhalten zu verstehen;<\/p>\n<p>&#8211; Die sch\u00e4tzens- und liebenswerten Seiten der einzelnen Gruppenmitglieder werden dem Betreffenden deutlich und erkennbar gemacht und durch die Gruppe anerkannt und damit gef\u00f6rdert;<\/p>\n<p>&#8211; Gemeinsam werden Situationen geschaffen und gef\u00f6rdert, die korrigierende Erfahrungen erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Im Grunde beinhaltet dieser \u00bbAnhang A des Statut\u00ab alle wichtigen Punkte; nur geriet er sehr schnell in Vergessenheit, weil es an Rezepten zu seiner Realisierung fehlt. Er ist vorhanden, wird jedoch nicht als Grundlage benutzt. Zudem gibt es ein gewichtigeres Papier: Die Vorschriften f\u00fcr Sicherheit und Ordnung in der Anstalt, welches durch seine Ausf\u00fchrungsanweisungen praktikabel ist. Diese Vorschrift ist allem und jedem \u00fcbergeordnet &#8211; auch dem Strafvollzugsgesetz.<\/p>\n<p>Wird im Abschnitt drei von Punkt vier des Anhang A noch gesagt:<\/p>\n<p>\u00bbZum dritten kann von den Gruppenteilnehmern eine aktive Beteiligung, sein Eintritt in den Proze\u00df des sozialen Lernens erst erwartet werden, wenn das Behandlungsteam ein einladendes soziales Klima herstellt, indem es exemplarisch die \u00e4u\u00dferen und inneren Bedingungen seines Zusammenlebens diskutiert und sich im Proze\u00df der Selbstreflexion um die Verbesserung der interpersonellen Kommunikation und Kooperation bem\u00fcht.\u00ab,<\/p>\n<p>so steht dies nur auf dem Papier des Statut. In den Ordnungsbestimmungen sind Mi\u00dftrauen und Kontrolle vorgeschrieben &#8211;\u00a0 und diese bestimmen die Atmosph\u00e4re in der Wohngruppe wie auch das Dienstverhalten der Beamten.<\/p>\n<p>Im Statut ist die vorrangige \u00dcberwachungs- und Kontrollfunktion der Beamten nicht ber\u00fccksichtigt; vielmehr verlangt es vom Beamten ein Eingehen auf die individuelle Situation des Gefangenen; die Vorschrift hingegen insistiert auf die ausschlie\u00dfliche Ber\u00fccksichtigung des Sicherheitsbed\u00fcrfnisses der Beh\u00f6rde. Die Ausbildung der Beamten ist darauf ausgerichtet, diese Vorschriften zu erf\u00fcllen; dazu dienen auch die regelm\u00e4\u00dfig durchgef\u00fchrten Schie\u00df- und Feuerschutz\u00fcbungen, Judokurse und Anti-Revolte-\u00dcbungen. Diese \u00bbWeiterbildungskurse\u00ab sind verordnet und bef\u00f6rderungsrelevant. Sonstige Aus- und Weiterbildung &#8211; etwa, wie der Beamte die Probleme der Gefangenen erkennt, wie er sie dem Gefangenen bewu\u00dft machen kann und wie die Gefangenen motiviert werden k\u00f6nnen, ihre Probleme konstruktiv anzugehen &#8211; mu\u00df der Beamte in Eigeninitiative absolvieren (sofern \u00fcberhaupt ein derartiges Angebot existiert, VHS, etc.) und finden dienstlich (Bef\u00f6rderungen) keine Ber\u00fccksichtigung.<\/p>\n<p>Ein Kompetenz- und Funktionskonflikt der Beamten ist somit vorprogrammiert: Sie lernen die Bed\u00fcrfnisse der Beh\u00f6rden zu befriedigen. Die Bed\u00fcrfnisse der Gesellschaft &#8211; eine sinnvolle Resozialisierung der Gefangenen &#8211; finden in den Dienst- und sonstigen Vorschriften keinen Raum. So verstehen die Beamten unter \u00bbBehandlung\u00ab lediglich eine Anpassung der Gefangenen an die justizvollzugsinternen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, die mit einer Vorbereitung f\u00fcr das straffreie Leben in der Freiheit nichts gemein hat. Unterordnung unter die allm\u00e4chtige, willk\u00fcrlich herrschende Beh\u00f6rde; jede andere Zielsetzung steht nur auf dem Papier, wortreich und wertlos.<\/p>\n<p>Die JVA Schwerte ist eine Anstalt des geschlossenen Vollzuges. Die Wohngruppen mit ihren speziellen Erfordernissen haben das zu respektieren und keinen Sonderstatus. Somit beschr\u00e4nkt sich das Gruppenleben fast ausschlie\u00dflich auf den r\u00e4umlichen Abteilungsbereich, da auch f\u00fcr die Mitglieder der Wohngruppen die Au\u00dfenmauer so undurchl\u00e4ssig ist, wie im geschlossenen Vollzug \u00fcblich. Das bedeutet, da\u00df wesentliche Punkte des Statutes, etwa die F\u00f6rderung von Au\u00dfenkontakten und das Ein\u00fcben, per Bew\u00e4ltigung, von Konfliktsituationen fast nur als theoretisches Planspiel geschrieben stehen. Folglich kommen fast ausschlie\u00dflich nur solche Konfliktsituationen zur Sprache und zur \u00bbBehandlung\u00ab, die der Gefangene innerhalb des Vollzuges erlebt. Daraus wiederum resultiert, da\u00df die Behandlung auf Vollzugstauglichkeit ausgerichtet ist. Die Konflikte, aufgrund derer die Gefangenen in den Strafvollzug gerieten, k\u00f6nnen bestenfalls verbal behandelt werden.<\/p>\n<p>Zu den Aufnahmekriterien, nach denen die Gefangenen f\u00fcr die Behandlungswohngruppe ausgesucht werden, hei\u00dft es:<\/p>\n<p>\u00bbBei der Einweisung in die Behandlungswohngruppe ist auf die Zusammenstellung einer gemischten Population zu achten: Eine kleine Anzahl von Inhaftierten mit stark gruppenbelastenden Merkmalen ist durch Bewohner mit einer stabileren Pers\u00f6nlichkeits-struktur zu erg\u00e4nzen.\u00ab<\/p>\n<p>Darauf, auf das Gruppenverhalten in einer Gruppe von Strafgefangenen die sich freudig und f\u00fcgsam der Beh\u00f6rde unterordnen, beschr\u00e4nkt sich letztlich die gesamte \u00bbMa\u00dfnahme Behandlungswohngruppe\u00ab.<\/p>\n<p>Entsprechend den oben genannten Kriterien werden die Gefangenen f\u00fcr die Behandlungswohngruppe ausgew\u00e4hlt, jedoch nicht gegen ihren Willen in die Wohngruppe verlegt. F\u00fcr sie gibt es haupts\u00e4chlich zwei Gr\u00fcnde, sich f\u00fcr die Wohngruppe zu entscheiden:<\/p>\n<p>1. Sie versprechen sich von der Wohngruppe Vorteile f\u00fcr ihren weiteren Weg durch den Strafvollzug &#8211; z.B. eine schnellere Verlegung in den gelockerten Vollzug, eine fr\u00fchere Entlassung, oder<\/p>\n<p>2. eine relativ gem\u00fctliche Zeit. (Die Ruhe auf der Wohngruppenabteilung ist psychisch wesentlich weniger anstrengend als die l\u00e4rmerf\u00fcllte, hektische Normalabteilung. Dort dr\u00f6hnt jeden Abend der Gemeinschaftsfernseher bis in die letzten Winkel, dort herrscht ein primitiver Kasernenhofton, dort kommt es auch zu T\u00e4tlichkeiten seitens der dazu neigenden Beamten, ebenso zu Schikanen.)<\/p>\n<p>Sicherlich ist es kein Einzelfall, da\u00df ein Gefangener mit der ehrlichen Absicht, \u00fcber sich zu lernen in die Wohngruppe kommt; vielleicht ist dies sogar bei jedem der Fall; doch halte ich solchen Wunsch f\u00fcr nicht gef\u00e4ngnistypisch. Dieser Wunsch, etwas \u00fcber uns und die Mitmenschen zu lernen, ist derart nat\u00fcrlich, da\u00df er uns alle das Leben lang begleitet. Ihn als Beweggrund f\u00fcr die Wohngruppe anzuf\u00fchren, halte ich daher f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig, obwohl die Fachdienste und Beamten gerade diese Begr\u00fcndung bei den Gespr\u00e4chen mit den Kandidaten f\u00fcr die Wohngruppe h\u00f6ren m\u00f6chten. Sie w\u00fcnschen, da\u00df der therapeutische Schein gewahrt bleibt &#8211; aller Praxis zum Trotz.<\/p>\n<p>Die Verlegung in eine lockere Form des Vollzuges h\u00e4ngt von vielen verschiedenen Faktoren ab, die insgesamt nicht langfristig absch\u00e4tzbar sind. In keinem Fall kann vorhergesagt werden, ob die Anstalt des gelockerten Vollzuges zum Zeitpunkt des Ausscheidens des Gefangenen aus der Wohngruppe auch einen Platz zur Verf\u00fcgung hat. So h\u00e4ngt es eher von Zuf\u00e4llen ab, ob ein Gefangener, bei dem eine Verlegung geplant war, nach Beendigung der Wohngruppe auch wirklich verlegt werden kann.<\/p>\n<p>Die zweite Hoffnung, w\u00e4hrend der Zeit in der Wohngruppe ein relativ gem\u00fctliches Leben zu haben, ist im allgemeinen berechtigt:<\/p>\n<p>&#8211; die Abteilung ist \u00fcberschaubar;<\/p>\n<p>&#8211; die Beamten sind nicht gar so 150%ig wie die anderer Abteilungen;<\/p>\n<p>&#8211; die Vorschriften, welche die Einrichtung und Ausstattung der Haftr\u00e4ume regeln, werden hier nicht so engstirnig ausgelegt;<\/p>\n<p>&#8211; die Beamten sind ansprechbarer und setzen sich wesentlich mehr f\u00fcr die Belange der Gefangenen ein;<\/p>\n<p>&#8211; der abendliche Einschlu\u00df erfolgt vorschriftsm\u00e4\u00dfig erst um 21.30 Uhr<\/p>\n<p>&#8211; und nicht wie im Haupthaus unvorschriftsm\u00e4\u00dfig-willk\u00fcrlich, nach Laune der jeweiligen Diensttuenden schon mal um 21.00 Uhr.<\/p>\n<p>Die Summe dieser Gr\u00fcnde war es, die mich immer wieder nach Beendigung eines Durchganges, f\u00fcr einen weiteren Gruppenverbleib entscheiden lie\u00dfen. In den Augen der Beamten wandelte ich mich von anfangs betreuungsbed\u00fcrftigen zum sozial stabilen Gefangenen, was meinen Verbleib f\u00f6rderte. Nach \u00fcber 12 Jahren Isolation, wie sie in der Einzelhaft des geschlossenen Vollzuges (damals) war, kam mir die Behandlungswohngruppe fast wie eine \u00bbVorstufe zur Freiheit\u00ab vor. Sehr viel von dem, was ich in den Jahren davor (ohne es bemerkt zu haben) verlernt hatte, wurde mir in der Wohngruppenzeit deutlich, und ich konnte es aufarbeiten, soda\u00df ich meine isolationsbedingten Kontaktschwierigkeiten nahezu v\u00f6llig \u00fcberwinden konnte. Mir half die Wohngruppenzeit, meine haftbedingten Pers\u00f6nlichkeitssch\u00e4den zu verringern. Auch wurde ich von den Beamten der Wohngruppe in keiner Weise daran gehindert, mir Kontakte nach drau\u00dfen aufzubauen, sie zu vertiefen und zu pflegen.<\/p>\n<p>Da ein Wohngruppendurchgang in der Regel ein Jahr w\u00e4hrt, erlebte ich bisher 4 Durchg\u00e4nge. Bei allen Durchg\u00e4ngen war die gleiche Entwicklung der jeweiligen Gruppe zu beobachten.<\/p>\n<p>Zuerst geb\u00e4rdeten sich die Gruppenmitglieder euphorisch, froh dem Normalvollzug der anderen Abteilungen entronnen zu sein. Nicht alle Gruppenmitglieder kamen aus dem Haupthaus. Einige kamen direkt von der sogenannten Zugangs- und Beobachtungsabteilung und hatten zuvor mit keinem der Gefangenen aus dem \u00fcbrigen Haus Kontakt. Ihnen mangelte es an wichtigen Vorinformationen \u00fcber die Wohngruppe, ihr Wissen ersch\u00f6pfte sich in den unbestimmt gehaltenen (Schein-)Informationen, die sie von den Beamten bekamen. Die anderen Gefangenen verf\u00fcgen \u00fcber detailliertes Vorwissen, da sie konkrete Informationen von solchen Gefangenen, die schon in der Wohngruppe waren, sammeln konnten. Doch auch diese t\u00e4uschen sich zumeist \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Wohngruppe. Die erste Zeit eines Durchganges ist die der gro\u00dfen Pl\u00e4ne, und jeder zeigt sich von der besten Seite.<\/p>\n<p>Danach kommt die Zeit der Krisen. Die Schokoladenseite der einzelnen wird br\u00fcchig, die ersten unangenehmen Verhaltensweisen werden deutlich. Die Krisen entstehen jeweils aus der Verunsicherung des einzelnen, die dann Einflu\u00df auf die gesamte Abteilung hat. Hier wird ein drastischer Mangel an psychologischer Betreuung und Beratung offenbar. Der f\u00fcr die Abteilung zust\u00e4ndige psychologische Dienst ist zwar erreichbar, jedoch vermag er der Wohngruppe nicht gen\u00fcgend Zeit zu widmen, da er gleichzeitig das halbe Haus zu beraten und zu betreuen hat. Auch der zust\u00e4ndige Sozialdienst kann sich nur wochenstundenweise um die Wohngruppe bem\u00fchen, da auch dieser einen Gutteil des Hauses mit zu betreuen hat.<\/p>\n<p>Nach und nach macht jeder in der Wohngruppe seine Identit\u00e4tskrise durch; die aus dem F\u00fchrungsanspruch entstehenden Rivalit\u00e4ten werden geregelt, und es tritt Ruhe ein. Dann ist im allgemeinen der vorher laut propagierte Gruppengedanke am Ende. Die Gefangenen haben nun gelernt, da\u00df sie hier ebenso allein gelassen sind, wie auf einer anderen Abteilung, da\u00df sie hier lediglich mehr Ruhe und Polsterm\u00f6bel auf dem Flur haben. Ansonsten ist der Knast, den sie hier durchwarten m\u00fcssen, der gleiche.<\/p>\n<p>In der dritten Phase, der Zeit der Verunsicherung und F\u00fchrungsrivalit\u00e4ten, verhalten sich die nicht direkt betroffenen Gefangenen distanziert. Es ist die Zeit der Cl\u00fcbchenbildung, in der sich die Untergruppen formieren, die bis zum Auslaufen des Durchganges konstant bleiben. Diese Zweier- und Dreiergruppen bilden Schutzgemeinschaften und beweisen bestens, da\u00df die Behandlungswohngruppe nichts anderes ist, als eine normale Knastabteilung &#8211; nur eben mit anderer \u00dcberschrift. Die Schutzgemeinschaft ist die eigentliche Gruppe, in der der Gefangene lebt. Hier spricht er \u00fcber seine Probleme; hier wird er beraten, kritisiert und n\u00f6tigenfalls aufgefangen &#8211; von seinen Mitgefangenen. Die Beamten erfahren kaum davon.<\/p>\n<p>Am Grad der Verschwiegenheit wird Vertrauensw\u00fcrdigkeit gemessen, Wer etwas \u00fcber einen Gefangenen erf\u00e4hrt und es nicht weitertr\u00e4gt, gilt als zuverl\u00e4ssig. Die Beamten bilden den Gegenpol; sie vertreten den Justizvollzug, die bevormundende, freiheitsbeschneidende Macht. Das Ausma\u00df der Heimlichkeiten einer Kumpanei ist gleich dem Ma\u00df der Vertrautheit; somit ist das Ma\u00df der Nichtzusammenarbeit mit den Beamten gleich dem Ansehen, welches der einzelne in der Wohngruppe genie\u00dft. Nur in sehr begrenztem Ma\u00dfe werden einzelne Beamte als vertrauensw\u00fcrdig angesehen. Zumeist nur in Dingen, die er in seiner Eigenschaft als Vollzugsbediensteter sowieso erf\u00e4hrt, wenn er z.B, die Personalakte des Gefangenen studiert oder die Antr\u00e4ge der Gefangenen bearbeitet. Wer jedoch zum Plaudern neigt und den Beamten berichtet, wird sich alsbald im Abseits sehen und nur noch in den Beamten Gespr\u00e4chspartner finden. Somit ist der Gefangene, der sich nicht darauf versteht in einer Gruppe zu leben, in der Wohngruppe ebenso im Abseits wie bereits zuvor und findet keine M\u00f6glichkeit dazuzulernen. Wer in der Lage ist, sich einzuordnen, kann dies auch in der Wohngruppe; wer es nicht gelernt hat, findet hier keine M\u00f6glichkeit, es zu lernen.<\/p>\n<p>Nachdem sich die Cl\u00fcbchen formierten &#8211; und der Gruppentrottel bestimmt ist &#8211; , findet eigentlich nichts anderes mehr statt, als \u00bbdas Beste aus der Situation zu machen\u00ab. Die Annehmlichkeiten, die sich bieten, werden nach Kr\u00e4ften genutzt; sich einzubringen in die Gesamtgruppe wird nach M\u00f6glichkeit vermieden. Das w\u00e4re die dritte Phase, die bis einige Wochen vor dem jeweiligen Durchgangsende dauert.<\/p>\n<p>Die vierte Phase ist die der Aufl\u00f6sung, das Ende des Durchganges ist in greifbare N\u00e4he ger\u00fcckt. Nun weicht der Druck von den Gefangenen, sie geben sich unverkrampfter und gehen freier miteinander um. Ganz werden die stillen Burgfrieden jedoch nicht aufgehoben. Jetzt wissen die, welche in den offenen Vollzug verlegt werden bereits, wie es mit ihnen weitergeht, und die anderen hegen keine Illusionen mehr; sie wissen, da\u00df sie zur\u00fcck ins Haupthaus m\u00fcssen und geben sich keine M\u00fche mehr, Anpassung zu heucheln.<\/p>\n<p>An Annehmlichkeiten bieten sich auch gemeinsame Unternehmungen, wie ein bis drei Gruppenausf\u00fchrungen pro Durchgang, gemeinsame Treffen mit Angeh\u00f6rigen und Gruppenessen. Da diese M\u00f6glichkeiten bestens geeignet sind, den grauen Alltag aufzuhellen, werden sie von allen Gefangenen angestrebt. Dar\u00fcber hinaus besteht alle drei bis vier Monate die M\u00f6glichkeit als geschlossene Gruppe die Anstalt zu verlassen und, unter Bewachung s\u00e4mtlicher Abteilungsbeamten, einen Ausflug zu machen. Lediglich ein kultureller Aspekt ist als Begr\u00fcndung vorgeschrieben. So begibt sich die Gruppe in irgendein Museum, hakt dieses im Schnelldurchgang ab und ist danach bem\u00fcht, einen \u00bblockeren Tag\u00ab in irgendeinem Restaurant zu verbringen. Angeh\u00f6rigentreffen sind theoretisch \u00f6fter m\u00f6glich, scheitern aber zumeist im Planungsstadium an den Terminzw\u00e4ngen der Angeh\u00f6rigen: Nur selten ist es m\u00f6glich, alle Angeh\u00f6rigen der Gefangenen zusammen zu bekommen. In den ersten Jahren erlebte ich gesonderte Ausf\u00fchrungen und Angeh\u00f6rigentreffen. Da fanden die Angeh\u00f6rigentreffen jeweils im gro\u00dfen Besucherraum der Anstalt statt und dauerten einen Sonntagnachmittag. Seit einem Jahr werden beide M\u00f6glichkeiten kombiniert: Man trifft sich mit den Angeh\u00f6rigen bei einer Ausf\u00fchrung. Diese Variante fand gr\u00f6\u00dfere Zustimmung, sowohl bei den Beamten (die Beamten hatten die Lust an den bis dahin praktizierten Ausf\u00fchrungen verloren, weil sie ihre Laufbahn, ihr berufliches Fortkommen gef\u00e4hrdet sahen; denn beim gemeinschaftlichen Restaurantbesuch hatten die Gefangenen die Gelegenheit Alkohol zu bestellen, was von den Vorschriften strikt untersagt ist und f\u00fcr die Beamten stets unangenehme Auseinandersetzungen mit den Vorgesetzten zur Folge hat); die Gefangenen freuten sich, da\u00df bei einem externen Angeh\u00f6rigentreffen der l\u00e4stige Museumsbesuch entfiel. Abseits von jeder Alkoholversargungsm\u00f6glichkeit findet seitdem f\u00fcr die Dauer eines ganzen Sonntags eine lockere Grillpartie statt, die den gro\u00dfen Vorteil bietet, da\u00df auch Kinder dazu eingeladen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Wohngruppe ist ein Knast innerhalb des Knastes. Vom morgendlichen Aufschlu\u00df bis zum Arbeitsende am fr\u00fchen Abend gleicht der Ablauf dem im Haupthaus. Ab 18.00 Uhr beginnen die Besonderheiten der Wohngruppe: Die Gruppenabende.<\/p>\n<p>Der Wohngruppengefangene ist verpflichtet an verschiedenen wohngruppeninternen Gruppenabenden teilzunehmen und kann an diesen Abenden nicht an irgendeiner der f\u00fcr die Gesamtanstalt angebotenen (Bildungs- oder Freizeit-) Veranstaltung teilnehmen, ebenso wenig am Fernsehen. An solchen Tagen beginnt die Freizeit des Gefangenen erst nach dem Einschlu\u00df, wenn er mit sich allein in der Zelle sitzt.<\/p>\n<p>In den ersten Jahren der Bhwg wurden eine Trainingsgruppe, eine Pers\u00f6nlichkeitsgruppe und eine Projektgruppe als Pflicht\u00fcbungen angeboten. Vom Statut her bestand nebenher noch die M\u00f6glichkeit f\u00fcr reine Freizeitgruppen, die aber, weil die Gefangenen auch einmal einen Abend zur wirklich freien Verf\u00fcgung haben wollten, mit Ausnahme sporadischer Sportstunden, nicht wahrgenommen wurden. Vierzehnt\u00e4tig wurde au\u00dferdem eine Gruppenversammlung anberaumt, bei der die Teilnahme ebenfalls f\u00fcr alle Pflicht war, und die als Selbstverwaltungsorgan der Bhwg (gem\u00e4\u00df \u00a7 160 StVollzG) galt.<\/p>\n<p>Die Pers\u00f6nlichkeitsgruppe wurde stets von einem Vertreter der Fachdienste &#8211; also der Psychologin oder dem Sozialarbeiter &#8211; geleitet. Hier sollte personen- und problemorientiert gearbeitet werden. Nach der Art des Group-Councelling sollten Schw\u00e4chen und St\u00e4rken der Gefangenen in den Mittelpunkt ger\u00fcckt und Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr geweckt werden.<\/p>\n<p>Dieser Pers\u00f6nlichkeitsgruppenabend war bei den Gefangenen allgemein unbeliebt. Er begann nicht selten mit lang anhaltendem Schweigen, da erfahrungsgem\u00e4\u00df derjenige Gefangene, der zuerst das Wort ergriff von allen anderen zum Thema gemacht wurde.<\/p>\n<p>Er wurde dann verbal zerrissen und verhackst\u00fcckt, wobei das Hin und Her der Vorw\u00fcrfe und Unterstellungen oft h\u00e4\u00dfliche, emotionsgeladene Situationen herbeif\u00fchrte. Das\u00a0 Bestreben aller Teilnehmer war stets, nicht selbst zum Thema zu werden. Mich erinnerten diese Gruppenabende oft an die aus dem stalinistischen Machtbereich berichtete &#8211; Methode von Kritik und Selbstkritik: Gab es nichts zu kritisieren, so wurde konstruiert (\u00bbStell Dir vor, Du w\u00fcrdest&#8230;!\u00ab). Der Wortgewandteste war unbedingt im Vorteil: Wer nicht gelernt hatte zu argumentieren, war verraten und verkauft und wurde zur leichten Beute der Masse. So verursachte diese Pers\u00f6nlichkeitsgruppe bei schw\u00e4cheren Naturen Krisensituationen, die auf das gesamte Gruppenleben abf\u00e4rbten. Mancher simulierte aus Angst vor einem solchen Abend Krankheit und fl\u00fcchtete ins Bett. Auch konnte es dazu kommen, da\u00df wochenlang ein und derselbe Gefangene Gruppenthema war, da er auf Grund der psychischen Probleme, in die er hinein gezwungen wurde, die entsprechenden Verhaltensweisen zeigte. Die Probleme, die in der Pers\u00f6nlichkeitsgruppe zur Sprache kamen, wurden somit nicht selten in eben dieser Pers\u00f6nlichkeitsgruppe erzeugt. Als k\u00fcnstlich geschaffenes \u00dcbungsfeld bezeichnet, kann solches als im Einklang mit dem Statut gesehen werden; mir schien es jedoch eine furchtbar sadistische Methode der Verhaltenssteuerung. Auch dr\u00e4ngte sich oft der Eindruck auf, da\u00df hier experimentiert wurde, da\u00df es gar nicht darum ging den Gefangenen zu helfen, sich in der Welt au\u00dferhalb des Knastes flexibler zu verhalten, sondern da\u00df sowas wie eine forensische Psychologie hier Erkenntnisse sammeln wollte. Allerdings wurden die Gefangenen auch von ihrer Solidarit\u00e4t gesteuert: Je mehr Erfahrungen wir mit der Pers\u00f6nlichkeitsgruppe machten, um so st\u00e4rker versuchten wir, die unangenehmen Seiten dieser Gruppenabende zu entsch\u00e4rfen, indem wir vorher absprachen wen und was wir zum Thema zulassen wollten. Die \u00bbThemen-Opfer\u00ab und auch die Anschuldigungen wurden vereinbart und den Beamten damit ein verstecktes Theaterspiel geliefert. Damit wurde dann tats\u00e4chlich &#8211; wie vom Statut gefordert &#8211; das Wir-Gef\u00fchl verst\u00e4rkt. Zugleich wurden die Beamten ins Abseits gedr\u00e4ngt, was diesen nicht verborgen blieb und was sie als Undankbarkeit auslegten; wodurch die allgemeine Stimmung getr\u00fcbt wurde.<\/p>\n<p>Die zweite urspr\u00fcngliche Form des Gruppenabends war die Trainingsgruppe. Diese wurde regelm\u00e4\u00dfig von einem der Beamten, ohne Anwesenheit eines Fachdienstes, durchgef\u00fchrt. Entsprechend unqualifiziert waren diese Leitungen. Laut Statut sollte in der Trainingsgruppe sozialpraktisches Lernen erfolgen und praktische Aufgabenl\u00f6sungen f\u00fcr nach der Entlassung einge\u00fcbt (trainiert) werden. Doch scheiterte sie (trotz guten Willen der Beamten und der Gefangenen) an der Tatsache, da\u00df den Gefangenen nicht bekannt ist, mit welchen Problemen sie nach der Entlassung konfrontiert werden und da\u00df ein Gespr\u00e4ch kein psychosoziales Training bedeutet. Weder die Beamten, noch die Gefangenen wissen also, welche Probleml\u00f6sungen zu trainieren erforderlich ist. So beschr\u00e4nkte sich die Thematik auf absehbare Problemchen: Dem Umgang mit dem Sozialamt, Bew\u00e4hrungshelfer, Arbeitsamt und mit Versicherungen. Zu diesen Abenden eingeladene Fachkr\u00e4fte (Versicherungsleute und Bew\u00e4hrungshelfer) konnten keine echte Beratung vornehmen, sondern nur allgemein reden (Die Versicherungsleute aus gesetzlichen, die Bew\u00e4hrungshelfer aus Zust\u00e4ndigkeitsgr\u00fcnden). Es konnte also in der Trainingsgruppe nichts wirklich trainiert werden. Die Beamten waren fachlich nicht gen\u00fcgend kompetent, obwohl sie sich wirklich m\u00fchten sich zu informieren; doch standen ihnen lediglich allgemeinerh\u00e4ltliche Werbetrakt\u00e4tchen zur Verf\u00fcgung, denen f\u00fcr den Einzelfall nichts zu entnehmen ist. Das wirklich gro\u00dfe Problem der Gefangenen, wie sie ihre Einsamkeit, ihre Isolierung, ihre Freizeit und ihre \u00c4ngste in den Griff bekommen, das konnten auch die Beamten nicht ansprechen &#8211; da sie es selbst nicht beherrschen. Es wurde geraten, sich Arbeit zu suchen und dazu auch die Hilfe des Arbeitsamtes in Anspruch zu nehmen; und es wurde geraten sich vertrauensvoll und dankbar den Schikanen der Sozial\u00e4mter zu unterwerfen. Die Problemsituationen in Freizeit und Arbeitsleben, die doch eigentlich zu den Straftaten f\u00fchrten, wurden gro\u00dfz\u00fcgig ausgeklammert. Solche Themen zu behandeln l\u00e4sst die Ausbildung der Beamten nicht zu; es ist auch nicht m\u00f6glich diesen Bereich im geschlossenen Vollzug zu trainieren.<\/p>\n<p>Nachdem das erkannt war, wurden auch die Trainingsgruppen zu Gunsten der Kleingruppen abgeschafft.<\/p>\n<p>Vor zwei Jahren wurde das Konzept, welches Trainings- und Pers\u00f6nlichkeitsgruppen vorsah, dahingehend abge\u00e4ndert, da\u00df die Gruppenabende, an denen alle Bewohner zugleich teilnehmen mussten, zugunsten kleinerer Gruppen aufgegeben wurde. Diese Kleingruppen wurden regelm\u00e4\u00dfig nach vier bis sechs Monaten in Frage gestellt, um eine \u00c4nderung der Teilnehmerzusammensetzung zu erm\u00f6glichen, bzw. einen Themenwechsel vorzunehmen. Doch auch hier wurde das Angebot von den M\u00f6glichkeiten der Beamten begrenzt. Im Grunde blieben die altbekannten Trainingsgruppen-Themen. F\u00fcr andere sind und waren die Beamten nicht kompetent. Der hohe Anspruch, St\u00e4rken und Schw\u00e4chen einzelner zu thematisieren, wurde g\u00e4nzlich fallen gelassen zugunsten der M\u00f6glichkeit, da\u00df es dem einzelnen freisteht \u00fcber sich selbst zu reden.<\/p>\n<p>Wieder anders war die Projektgruppe. Hier kamen an einem Abend der Woche Studenten der Fachhochschule in die Wohngruppe. F\u00fcr die Studenten ist dies ein Teil des Studium, und sie m\u00fcssen an der FH entsprechende Berichte dar\u00fcber abliefern. An der FH wird dieser Teil des Studium als Projekt bezeichnet, daher der Name. F\u00fcr die Gefangenen war es jeweils ein Abend ohne Stress. Die Studenten erhielten viele Informationen aus erster Hand; einiges, z.B. Kontrollen und Schikanen seitens der Institution Gef\u00e4ngnis erlebten sie am eigenen Leib. Vieles von dem, was sie im Knast erfuhren und erlebten stand im Widerspruch zu dem, was ihnen an offiziellen Informationen zuteil wurde Diese Widerspr\u00fcche und mancherlei Betroffenheit f\u00fchrten zu intensiver Solidarisierung der Studenten mit den Gefangenen. Das wiederum hatte Krach mit den Bediensteten der JVA und mit der FH zur Folge. Es kam zu intensiver Zusammenarbeit der Institutionen Knast und FH gegen die Studenten; massive h\u00e4ssliche Unterstellungen, zumal gegen die weiblichen der Studenten, und konstruierte Beweisf\u00fchrungen gipfelten in Hausverboten.<\/p>\n<p>Danach fand f\u00fcr einige Monate keine Projektgruppe statt. Seit einem Jahr gibt es diese Gruppe wieder; jedoch mit besonders ausgesuchten Studenten, die keine Neigung zeigen, andere als offizielle Informationen zu erhalten. So l\u00e4uft das Projekt problemlos weiter &#8211; ist allerdings auch zum langweiligen Kaffee- und Plauderst\u00fcndchen degeneriert. Die Zeiten hitziger Diskussionen \u00fcberwiegend politischen Inhalts, in denen ernsthaft versucht wurde, Sachverhalte zu ergr\u00fcnden (Hintergrundinformationen wurden von der Hochschulbibliothek ausgeliehen), Informationen auszutauschen und Bewu\u00dftsein zu bilden, sind in der Projektgruppe vorl\u00e4ufig vorbei. Das Thema \u00bbKnast und\u00a0 Gesellschaft\u00ab ist an diesen Abenden v\u00f6llig tabu.<\/p>\n<p>Die Gruppenversammlung, die das Selbstverwaltungsorgan der Wohngruppe, gem\u00e4\u00df \u00a7 160 StVollzG, sein soll, ist eine besonders am\u00fcsante Einrichtung &#8211; ebenso wie der \u00a7 160 selbst. Tats\u00e4chlich d\u00fcrfen die Gefangenen zu allen Vorkommnissen in der Anstalt ihre Meinung sagen, nur &#8211; es k\u00fcmmert sich niemand um die Meinung der Gefangenen. Mitentscheiden d\u00fcrfen sie nur, wenn es gilt, bereits getroffene Entscheidungen zu best\u00e4tigen. Die Abteilungs- bzw. Gruppenversammlung der Bhwg entscheidet \u00fcber die Aufteilung der verschiedenen Putzdienste (Flur, K\u00fcche, Gruppenraum). Gruppenentscheidungen \u00fcber Aktivit\u00e4ten, wie Ausf\u00fchrungen, h\u00e4ngen von den Entscheidungen der Beamten ab, haben also bestenfalls Echo-Charakter.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend:<\/p>\n<p>Ich sehe im Wohngruppenvollzug eine m\u00f6gliche Alternative zum klassischen Verwahrvollzug, jedoch keine Verbesserung, sondern lediglich eine \u00c4nderung. Die Einengung, die der Wohngruppenvollzug durch die geschlossene Anstalt erf\u00e4hrt, macht vieles unm\u00f6glich, was am \u00bbExperiment Wohngruppe\u00ab interessant erscheinen k\u00f6nnte. Mir w\u00e4re, statt Polsterm\u00f6beln, eine Mitgliedschaft in der Arbeiterrentenversicherung lieber, da eine solche wirklich zukunftsorientiert wirksam w\u00e4re. Ich wurde \u00fcber die Versicherung informiert, zugleich wurde mir der Zugang verwehrt (durch zu niedriges Einkommen, so da\u00df ein freiwilliger Beitrag unm\u00f6glich ist), wodurch ich mich aufs h\u00f6chste verh\u00f6hnt f\u00fchle.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2496],"publikationen":[1271],"class_list":["post-12521","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-leonhard-u-dronski","publikationen-79-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wohngruppenvollzug. 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