{"id":12541,"date":"1985-05-30T23:00:00","date_gmt":"1985-05-30T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/wirtschaftskrise-jugendhilfe-und-selbsthilfe\/"},"modified":"1985-05-30T12:00:00","modified_gmt":"1985-05-30T10:00:00","slug":"wirtschaftskrise-jugendhilfe-und-selbsthilfe","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/75-vorgaenge\/publikation\/wirtschaftskrise-jugendhilfe-und-selbsthilfe\/","title":{"rendered":"Wirtschaftskrise, Jugendhilfe und -selbsthilfe"},"content":{"rendered":"<p>Kommentar<\/p>\n<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 75 (Heft 3\/1985), S. 1-5<\/p>\n<p>Um den Entstehungszusammenhang alternativer Projekte in der BRD zu begreifen, gen\u00fcgt der Verweis auf die \u00f6konomische Krise, die viele Arbeitslose f\u00f6rmlich zur Selbsthilfe zwingt, allein nicht. Vielmehr verdanken sie sich komplexen Krisen- und Protestph\u00e4nomenen, deren einige im folgenden nur angedeutet werden k\u00f6nnen. Heute wird so getan &#151; und zwar von seiten aller traditioneller Parteien &#151;, als w\u00e4ren die momentanen gesellschaftlichen Probleme ganz neu, als h\u00e4tte sie niemand vorhersehen, keiner fr\u00fchzeitig Gegenma\u00dfnahmen ergreifen k\u00f6nnen und so erz\u00e4hlen auch zur Zeit noch zahlreiche Politiker, da\u00df Arbeitslosigkeit durch Wirtschaftswachstum zu \u00fcberwinden, Abr\u00fcstung durch Aufr\u00fcstung zu erreichen sei, die Ursachen der vielf\u00e4ltigen \u00f6kologischen Krisen noch weithin unerforscht, soziokulturelle Br\u00fcche wie die Krise des Bildungs- und Ausbildungssystems nur von linken Intellektuellen herbeigeredet seien, D\u00fcrre und Hungerkatastrophen in der Dritten Welt auf ungl\u00fccklichen Zuf\u00e4llen beruhten &#151; aber im gro\u00dfen und ganzen doch alles in Ordnung sei.<\/p>\n<p>De facto ist nichts in Ordnung und kaum ein Problem neu. Aufr\u00fcstung, wie auch immer verbr\u00e4mt, hatte durch Jahrhunderte hindurch das immer gleiche Resultat: Krieg, Tod, millionenfaches Elend; und wenn die renommiertesten Friedensforscher unserer Tage von der Unvermeidlichkeit eines neuen Krieges ausgehen, und sei es \u00bbnur\u00ab aufgrund eines falsch programmierten Computers, des Ausrastens eines ideologisierten Atombombenbesitzers, z.B. in Libyen oder Pakistan, oder eines von lich der j\u00fcngsten Pershing II-Explosion bei Heilbronn, die &#151; so \u00bbDer Spiegel\u00ab (4\/1985), S. 83) \u00bbdas Unvorstellbare wieder ein wenig wahrscheinlicher gemacht\u00ab hat, so wei\u00df man, was von offiziellen Fensterreden zu halten ist. Und was passiert: neue Raketenstationierungen in Ost und West und Vorbereitungen auf den Krieg der Sterne&#8230;<br \/>Da\u00df Haus- und Industrieschlote Gifte aussto\u00dfen, die Boden und Gew\u00e4sser ruinieren, den Wald sterben lassen und die menschliche Gesundheit beeintr\u00e4chtigen, ist sp\u00e4testens seit Ende des 19. Jahrhunderts bekannt und wurde bereits 1872 von dem Briten R. A. Smith beschrieben. 1896 wurde das erste deutsche Reichspatent auf ein Verfahren zur Rauchgasentschwefelung erteilt, und 1917 warnte Hofrat Julius Stocklasa aus Prag in der Vereinszeitschrift des b\u00f6hmischen Forstvereins, durch die schwefeldioxydhaltigen Rauchgase und \u00bbFabrik-Exhaltationen\u00ab w\u00fcrden ungeheuere Sch\u00e4den in der Land- und Forstwirtschaft verursacht werden, \u00bbweshalb es schon in vielen Gegenden die h\u00f6chste Zeit ist, entsprechende Ma\u00dfregeln zu ihrer Beseitigung zu treffen\u00ab. Und was passiert? Die Dreckschleuder Buschhaus geht unentschwefelt ans Netz&#8230;<br \/>Da\u00df das Problem der Arbeitslosigkeit durch Wirtschaftswachstum nicht zu beseitigen ist, war angesichts der \u00f6konomischen und demographischen Daten bereits vor 10 Jahren klar. Was aber geschieht? Die Zahl der offiziell registrierten \u00bbArbeitslosen\u00ab in der Bundesrepublik ist im Dezember 1984 um 136000 auf 2,325 Mio. gestiegen. Und doch erzielte die Bundesanstalt f\u00fcr Arbeit 1984 einen Jahres\u00fcberschu\u00df von 3,1 Mrd DM &#151; durch Aussonderung von Dauerarbeitslosen und deshalb nicht mehr Anspruchsberechtigten: \u00bbVon den Arbeitslosen erhielten im Dezember 1984 nur noch etwa 1,4 Mio. oder 60,6% Leistungen vom Arbeitsamt. Arbeitslosengeld erhielten noch 803 000 M\u00e4nner und Frauen oder 34,6%. Im Vergleich dazu zahlten die Arbeits\u00e4mter im Dezember 1983 bei insgesamt etwa gleich hoher Arbeitslosigkeit noch an 948 400 Empf\u00e4nger Arbeitslosengeld. 606000 Erwerbslose oder 26% erhalten derzeit Arbeitslosenhilfe, der Rest von 40% geht leer aus&#8230;\u00ab (Frankfurter Rundschau v. 9.1.1985). Z\u00e4hlt man die vom N\u00fcrnberger Institut f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gesch\u00e4tzten 1,35 Mio. nicht registrierte Arbeitslose hinzu, waren 1984 ca. 3,7 Mio. Menschen arbeitslos, von denen \u00fcber 2,2 Mio. keine Leistungen des Arbeitsamtes erhielten. Was also geschieht? Die Zahl der Dauerarbeitslosen steigt best\u00e4ndig. Die einzige Reaktion &#151; Sonntagsreden und Warten auf Godot, d.h. auf die vielbeschworenen Selbstheilungskr\u00e4fte der Wirtschaft, die jedoch ganz anderes vorhat: gro\u00dfe Rationalisierungssch\u00fcbe stehen ja erst noch bevor&#8230;<\/p>\n<p>In der Berufsbildungspolitik sieht es nicht anders aus. Bereits Mitte der sechziger Jahre war bekannt, wann geburtenstarke Jahrg\u00e4nge die Schulen verlassen w\u00fcrden. Die Entwicklung des Ausbildungsangebots war ebenfalls Jahr f\u00fcr Jahr nachzuvollziehen. Nur getan wurde nichts, au\u00dfer Appellen und Taschenspielertricks beim Versuch, das Problem wenigstens statistisch zu bereinigen: so verk\u00fcndete Bildungsministerin Dorothee Wilms, bis Ende 1984 sei die Zahl der Jugendlichen ohne Ausbildungsstelle auf 44 500 zur\u00fcckgegangen. Bis zum Jahresende werde die Zahl der Bewerber ohne Lehrstelle sogar unter 30000 sinken. Die Rechnung t\u00e4uscht. Wer nach dem Ende des Berufsbildungsjahres am 30. September in den vergangenen 3 Monaten noch einen Ausbildungsplatz fand, besetzte lediglich die Stelle eines anderen Lehrlings. Der Vorg\u00e4nger hat entweder die Lehrstelle von selbst aufgegeben, weil die ihm nicht pa\u00dfte, oder der Meister hat ihn w\u00e4hrend der dreimonatigen Probezeit gefeuert.<br \/>Diese sogenannten Abbrecher aber verschwinden einfach aus Dorothee Wilms&#8216; Rechenwerk. Den Nachr\u00fccker hingegen zieht die Ministerin von der Zahl der Unversorgten ab. Ein neuer Ausbildungsplatz ist bei dieser schlichten Buchf\u00fchrung nicht entstanden: Lediglich die Bilanz des Jahres 1984 ist gesch\u00f6nt. Die Abbrecher n\u00e4mlich suchen 1985 erneut eine Lehrstelle. So rechnet das Berliner Bundesinstitut f\u00fcr Berufsbildung f\u00fcr das neue Jahr wiederum mit rund 765 000 Bewerbern, davon allein 100 000 Jugendliche, die sich schon einmal beworben oder eine Ausbildung abgebrochen haben. Das Bonner Verschiebeprinzip wird an einem simplen Tatbestand deutlich: Obwohl die Zahl der Schulabg\u00e4nger 1985 zur\u00fcckgeht, bleibt die Nachfrage nach Lehrstellen unver\u00e4ndert hoch&#8230;<br \/>Neben jenen Jugendlichen, die ihre Lehre abbrechen und so zun\u00e4chst aus der Statistik verschwinden, rechnet Dorothee Wilms noch eine zweite Gruppe aus ihrer Bilanz heraus: Die jungen Leute, die jedes Jahr auf Berufsschulen oder bei der Bundesanstalt f\u00fcr Arbeit in weiterbildenden Kursen \u00bbgeparkt\u00ab werden, weil sich f\u00fcr sie kein Ausbildungsplatz finden l\u00e4\u00dft. Im Jahr der Kohl-Garantie waren es 29800, 1984 schon rund 36000. Diese Jugendlichen z\u00e4hlt die Bonner Ministerin einfach unter die Versorgten, obwohl sie keinen Ausbildungsplatz haben. In Wirklichkeit waren also Ende September nicht 58000, sondern \u00fcber 94000 Bewerber ohne Lehrstelle. Der DGB sch\u00e4tzt dar\u00fcber hinaus die Dunkelziffer derjenigen Jugendlichen, die inzwischen die Hoffnung auf eine Lehrstelle aufgegeben haben, auf bis zu 100000. Sie verschwinden aus der Statistik, leben von Gelegenheitsjobs oder werden von ihren Familien unterst\u00fctzt&#8230;<br \/>Bei all diesen Zahlenspielen wird zudem zweierlei leicht vergessen: da\u00df es sich hier nicht nur um 200000 \u00bbUnversorgte\u00ab, sondern um 200000 Einzelschicksale von Jugendlichen handelt, die um ihre Zukunft betrogen werden und da\u00df auch viele \u00bbVersorgte\u00ab keinesfalls gut versorgt sind: \u00bbDas N\u00fcrnberger Institut f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat festgestellt, da\u00df die Arbeitslosigkeit direkt nach Abschlu\u00df der Berufsausbildung steigt. Von 1981 bis 1983 wuchs die Zahl der Arbeitslosen mit Lehre sprunghaft von 18 000 auf 54000. Vor allem B\u00e4cker, G\u00e4rtner, Kraftfahrzeugmechaniker, Stahlbauer, Tankwarte und Fris\u00f6re finden nach der Ausbildung kaum Jobs. F\u00fcr M\u00e4dchen sind die Chancen besonders schlecht, wenn sie Fris\u00f6rin, G\u00e4rtnerin, Tischlerin oder Arzthelferin gelernt haben. Nach einer Untersuchung des Berliner Berufsbildungsinstituts arbeiteten 1983 nur 2 von 3 frisch ausgebildeten Arzthelferinnen in ihrem erlernten Beruf, fast 20% waren arbeitslos\u00ab (Spiegel 1\/1985, S. 59 f).<\/p>\n<p>Wer \u00fcber die politische Behandlung nur dieser 4 Problemkreise in der BRD nachdenkt &#151; von den anderen; eingangs Erw\u00e4hnten ganz zu schweigen &#151;, wird leicht zum Zyniker, dr\u00e4ngt sich doch der Verdacht auf, da\u00df sich die \u00f6konomischen und politischen Herrschafts- und Profitinteressen einer kleinen radikalen Minderheit &#151; und wie diese zusammenh\u00e4ngen, dar\u00fcber kann man aus der Flick-Aff\u00e4re eine Menge lernen &#151; letztlich stets gegen die Gl\u00fccks- oder einfach \u00dcberlebensinteressen der Menschen durchsetzen. Exakt dieser Verdacht ist wesentlicher Ausgangspunkt der sogenannten \u00bbNo future\u00ab-Generation:<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\" class=\"bodytext\">\u00bbNichts, nichts l\u00e4uft richtig! Wie soll die Jugend einen Weg finden, wo die Erwachsenen alles falsch gemacht haben?\u00ab<br \/>(Carmen, 16, in: Shell 1984, S. 55)<\/p>\n<p align=\"justify\" class=\"bodytext\">\u00bbAuf der Selbstmordstra\u00dfe<br \/>laufen wir jetzt mit lautlosem Schreien das niemand h\u00f6rt&#8230;<br \/>Denken mit Grauen an die Zukunft und schreiben<br \/>No Future an die Wand\u00ab<br \/>(Bettina, 15, ebd., S. 131)<\/p>\n<p align=\"justify\" class=\"bodytext\">\u00bbIch zittere bei dem Gedanken an die Zukunft&#8230; jede Nachricht von Krieg und Bomben bei\u00dft ein kleines Loch in meine Seele. So wird, nach und nach, aus ihr ein d\u00fcnn gewebtes Netz, das den Zerrei\u00dfproben des Lebens kaum Widerstand bietet. Ich nehme jede Gelegenheit wahr, zu hoffen, doch die Gelegenheiten werden immer weniger\u00ab.<br \/>(Lutz, ebd., S. 143)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Und auch die Jugendlichen, die den neuen sozialen und alternativen Bewegungen nahestehen, empfinden \u00e4hnlich, wie die Bundestagsenquetekommission \u00bbJugendprotest im demokratischen Staat\u00ab feststellt: \u00bbImmer wieder wurde in den Anh\u00f6rungen von seiten der Jugendlichen den Politikern Unehrlichkeit und Opportiunismus vorgehalten. Es wurde dar\u00fcber Klage gef\u00fchrt, da\u00df die Politiker, statt sich der Verantwortung f\u00fcr die Probleme zu stellen, die Justiz und die Polizei gegen die protestierenden Jugendlichen mobilisieren&#8230; Hausbesetzer w\u00fcrden kriminalisiert, w\u00e4hrend Spekulanten unter dem Schutz des Rechtsstaates ihr Unwesen treiben k\u00f6nnten&#8230; Gerade Vorg\u00e4nge um die sogenannte Spendenaff\u00e4re d\u00fcrften die Glaubw\u00fcrdigkeit der Politik weiter ersch\u00fcttert haben\u00ab (Deutscher Bundestag 1983, S. 61 f).<\/p>\n<p>Gegen all diese (n) \u00bbUnehrlichkeit und Opportunismus\u00ab sind die neuen sozialen Bewegungen angetreten. W\u00e4hrend die Friedens- und \u00d6kologiebewegung den Widerstand gegen die globalen Vernichtungsstrategien probt, versuchen Selbsthilfeinitiativen und Alternativprojekte alternative Probleml\u00f6sungen zu entwickeln &#151; von der biologischen Landwirtschaft bis zu alternativen Technologien, von freien Schulen bis zu selbstorganisierten Ausbildungsinitiativen, von neuen Lebensgemeinschaften bis zu selbstverwalteten Betrieben. Bei zahlreichen durchaus unterschiedlichen Motiven, Inhalten und Formen werden nahezu alle diese Bestrebungen geeint durch eine Orientierung am \u00bbSein\u00ab statt am \u00bbHaben\u00ab, sozialen und \u00f6kologisch angepa\u00dften Gebrauchswerten, an ganzheitlichen, \u00fcberschaubaren, selbstbestimmten, dezentralen statt segmentierten, fremdbestimmten und zentralistischen L\u00f6sungen.<br \/>Ausgehend von der Analyse und\/oder der Empfindung, da\u00df viele traditionelle L\u00f6sungen zu Ausbeutung, Arbeitslosigkeit, Umweltzerst\u00f6rung, Krieg etc. gef\u00fchrt und da\u00df viele klassische Institutionen diesen Proze\u00df unterst\u00fctzt, zumindest nicht aufgehalten haben, hat eine Suchbewegung begonnen sowohl nach anderen Inhalten, als auch nach anderen Strukturen, zum einen in Richtung selbstbestimmter, dezentraler kleiner Einheiten, zum anderen aber auch in Richtung von Gegenmacht und alternativen Gro\u00dfstrukturen, wie die Partei der Gr\u00fcnen und Alternativen; der \u00d6ko-Bank, der \u00bbtageszeitung\u00ab oder m\u00f6glicherweise auch einem alternativen Wohlfahrtsverband&#8230;<\/p>\n<p>Es treffen also zur Zeit mehrere Entwicklungen zusammen: eine objektive Versch\u00e4rfung politischer, \u00f6konomischer, \u00f6kologischer, soziokultureller und anderer Krisen, das faktische Scheitern zahlreicher traditioneller Krisenbew\u00e4ltigungsstrategien, das strake Anwachsen neuer sozialer Bewegungen, die sich von den genannten Krisen bedroht f\u00fchlen und tradierten Institutionen und L\u00f6sungsmustern nicht mehr trauen und Versuche, alternative Antworten auf diese neue Lage zu finden.<br \/>Soll deshalb \u00fcber Folgerungen aus dem verst\u00e4rkten Auftreten alternativer Selbsthilfeinitiativen f\u00fcr traditionelle Jugendhilfetr\u00e4ger diskutiert werden, sollte dieser Hintergrund nicht aus dem Blick geraten. Es geht nicht allein um die Frage, ob z.B. Jugend- und Wohlfahrtsverb\u00e4nde, Jugend\u00e4mter und Heime nun in verst\u00e4rktem Ma\u00dfe Ausbildungs- und Arbeitsinitiativen in die Wege leiten oder unterst\u00fctzen &#151; additiv zu ihren klassischen Interventionsstrategien und vor allem unter der Fragestellung, wie \u00bbneue Problemgruppen\u00ab versorgt werden k\u00f6nnen. Vielmehr geht es auch darum, zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob die \u00fcberkommenen Inhalte, Methoden und Strukturen angesichts eines erstaunlich breiten Einstellungs- und Wertewandels insbesondere in \u00f6kologischen Fragen den neuen Erfordernissen und Problemen noch gerecht werden.<\/p>\n<p>Denn warum sind denn die Initiativgruppen pl\u00f6tzlich so interessant geworden, da\u00df das Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Wirtschaft und Bundesministerium f\u00fcr Jugend, Familie und Gesundheit, der Deutsche Parit\u00e4tische Wohlfahrtsverband und das Sozialp\u00e4dagogische Institut sowie fast jeder Verlag dar\u00fcber Studien publizieren &#151; doch nicht, weil sie die Alternative zu Arbeitslosigkeit oder Ausbildungsplatzmangel darstellten, sondern weil sie zum Teil alte, zum Teil neue Bed\u00fcrfnisse vieler Menschen in praktischem Handeln umzusetzen suchen: Bed\u00fcrfnisse nach Vollwertern\u00e4hrung und einer ungiftigen Umwelt, nach solidarischen Lebenszusammenh\u00e4ngen, nach selbstbestimmten Arbeits-, Lern- und Wohnformen, nach einer menschlichen Gesundheits-, Kinder- und Altenversorgung, nach glaubw\u00fcrdiger Politik etc. Was z.B. einige der in den letzten Jahren entstandenen selbstorganisierten Ausbildungsinitiativen anstreben, sind keine spinnerten Weltverbesserungsideen, sondern ist die f\u00fcr die jeweils betroffenen Jugendlichen m\u00f6glicherweise letzte ernsthafte Chance, eine eigenst\u00e4ndige Lebensperspektive zu entwickeln, und zwar &#151; Beispiel BDP-M\u00e4dchenlehrwerkstatt Nordhessen &#151;, weil sie eine qualifizierte Ausbildung in der Region vermittelt mit anschlie\u00dfender Arbeitsperspektive in einem sinnvollen, \u00f6kologisch wichtigen Bereich und dabei nicht nur auf handwerkliches &#8222;know how achtet, sondern auch die umfassende Kompetenz zu vermitteln sucht, das eigene Leben aufrechten Gangs selbst in die Hand zu nehmen. Dazu war es in der Planung dieses Projektes n\u00f6tig, sowohl die Bed\u00fcrfnisse von M\u00e4dchen im l\u00e4ndlichen Raum zu erkunden, als auch im Kontext einer \u00bbalternativen\u00ab Regionalplanung festzustellen, welche gesellschaftlich n\u00fctzlichen und \u00f6kologisch angepa\u00dften Produkte bzw. Dienstleistungen vor Ort chancenreich erschienen, die unterschiedlichsten Finanzierungsinstrumente zusammenzuf\u00fchren, die traditionellen Handlungsgrenzen &#151; Freizeit, P\u00e4dagogik und Politik &#151; eines Jugendverbandes in Richtung Ausbildung und Arbeit zu \u00fcberschreiten und die in Nordhessen bis dahin v\u00f6llig unbekannte Idee der au\u00dferbetrieblichen Lehrwerkstatt eines Jugendverbandes gegen den Widerstand von Handwerkskammer und Arbeitsamt politisch durchzusetzen. Bei den \u00bbZielgruppen\u00ab der Ausbildungswerkstatt ging es dabei nicht nur um die quantitativ Unversorgten, die keine traditionelle Lehrstelle bekommen hatten, sondern auch um die qualitativ Unversorgten, denen eine traditionelle Lehrstelle nicht bekommen w\u00e4re, weil sie nach selbstbestimmteren, sinnvolleren und perspektivenreicheren Ausbildungsverh\u00e4ltnissen suchten, als sie viele klassische Lehrstellen bieten.<\/p>\n<p>Dieses Beispiel deutet die Richtung an, in der klassische Jugendhilfetr\u00e4ger Konsequenzen aus der Selbsthilfebewegung ziehen sollten: Es gilt, das klassische Ressort-, Schubladen- und Zust\u00e4ndigkeitsdenken zu \u00fcberwinden in Richtung einer Orientierung an Problem- und Lebenslagen. Es gilt, die traditionellen Handlungsgrenzen der Jugendhilfe in ihrer einseitigen Fixierung auf gesellschaftliche Randgruppen und Randbereiche zugunsten einer Einbeziehung gerade auch der an gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen interessierten Gruppen und Initiativen und einer Einmischung in die gesellschaftlichen Ernstbereiche, wie Ausbildung, Arbeit, Regionalplanung und Politik, zu sprengen, in der das Wissen der Jugendhilfe um die gesellschaftlichen Gr\u00fcnde von sozialer Benachteiligung, Ausgrenzung und Unterprivilegierung als Ver\u00e4nderungswissen eingebracht und politisch fruchtbar gemacht wird. Es gilt, die Fixierung auf staatliche F\u00f6rdervorgaben aufzugeben, die teilweise &#151; wie etwa die zahlreichen, oft v\u00f6llig perspektivlosen \u00bbParkma\u00dfnahmen\u00ab f\u00fcr arbeitslose Jugendliche zeigen &#151; in die verkehrte Richtung weisen und problemad\u00e4quatere eigene Konzepte zu entwickeln und auf deren Grundlage staatliche F\u00f6rderpolitik zu beeinflussen.<br \/>Dabei wird von den oben genannten Zielen und Strukturmerkmalen alternativer Projekte viel zu lernen sein &#151; u.a. da\u00df manche Aufgaben von problemnahen, selbstorganisierten Gruppen besser zu l\u00f6sen sind, als von staatlichen oder parastaatlichen Lohnerziehern. Schon deshalb verbietet sich auch eine Strategie der Vereinnahmung alternativer Projekte. Vielmehr sollte eine Kooperations-, Anregungs- und Unterst\u00fctzungsstruktur entwickelt werden, in der sich die jeweiligen St\u00e4rken &#151; wie etwa die besondere Lebensweltn\u00e4he, Kreativit\u00e4ts- und Innovationspotentiale von Selbsthilfeinitiativen und die Planungskompetenz, das institutionelle Wissen und die Ressourcen klassischer Jugendhilfetr\u00e4ger im Interesse der Unterprivilegierten und nach Alternativen zu den bekannten Holzwegen Suchenden verbinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Verweise<\/b><\/p>\n<p>Balon\/Dehler\/Hafeneger: Arbeitslosigkeit, Wider die Gew\u00f6hnung ans Elend, Frankfurt 1985<br \/>Bischoff\/Damm:\u00a0 Arbeitsplatze selber schaffen, finanzieren und behalten, M\u00fcnchen 1985<br \/>Damm\/M\u00fcller\/Rottmann:\u00a0 Berufsausbildung selber organisieren, Handbuch f\u00fcr Ausbildungsinitiativen, Reinheim 1985<br \/>Deutscher Bundestag:\u00a0 Jugendprotest im demokratischen Staat, Schlu\u00dfbericht 1983 der Enquetekommission des 9. Deutschen Bundestages, Speyer 1983<br \/>Jugendwerk der Deutschen Shell (Hg.):\u00a0 Jugend vom Umtausch ausgeschlossen. Eine Generation stellt sich vor, Reinbek 1984<br \/>Schultz-Wild, L.:\u00a0 Arbeitslos leben, Ravensburg 1984 Verband der selbstverwalteten Betriebe in Hessen: \u00d6kologisch leben, friedlich arbeiten in einer selbstbestimmten Gesellschaft, Frankfurt 1984<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[820,821,667],"autoren":[435],"publikationen":[1275],"class_list":["post-12541","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-arbeitslosigkeit","tag-generationen","tag-vorgaenge-artikel","autoren-diethelm-damm","publikationen-75-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wirtschaftskrise, Jugendhilfe und -selbsthilfe - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/75-vorgaenge\/publikation\/wirtschaftskrise-jugendhilfe-und-selbsthilfe\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wirtschaftskrise, Jugendhilfe und -selbsthilfe - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Kommentar aus vorg\u00e4nge Nr. 75 (Heft 3\/1985), S. 1-5 Um den Entstehungszusammenhang alternativer Projekte in der BRD zu begreifen, gen\u00fcgt der Verweis auf die \u00f6konomische Krise, die viele Arbeitslose f\u00f6rmlich zur Selbsthilfe zwingt, allein nicht. 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