{"id":12542,"date":"1985-02-25T11:00:00","date_gmt":"1985-02-25T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-verwaltete-armut-neue-armut\/"},"modified":"1985-02-25T12:00:00","modified_gmt":"1985-02-25T11:00:00","slug":"editorial-verwaltete-armut-neue-armut","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/editorial-verwaltete-armut-neue-armut\/","title":{"rendered":"Verwaltete Armut &#8211; Neue Armut"},"content":{"rendered":"<p>Editorial<\/p>\n<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 20-22<\/p>\n<p>Vor genau einem Jahr besch\u00e4ftigten sich die \u00bbVorg\u00e4nge\u00ab mit der Sozialpolitik nach der\u00a0 \u00bbWende\u00ab (Heft 67). Da\u00df dieses Thema am Beispiel der Armut erneut aufgegriffen wird, ist nicht nur der Aktualit\u00e4t geschuldet. Es ist begr\u00fcndet im Anspruch der Zeitschrift, Menschen und Gruppen unserer Gesellschaft, denen ein \u00bbLeben in W\u00fcrde\u00ab und Chancengleichheit vorenthalten wird, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen; deutlich zu machen, da\u00df sich in einem der reichsten L\u00e4nder der Welt soziale Not in einem bisher nicht bekannten Ausma\u00df ausbreitet und Armut Menschenrecht verletzt.<\/p>\n<p>In der BRD leben etwa 200 000 Obdachlose sowie 500 000 andere Menschen in gemein deeigenen Schlicht- und Einfachstwohnungen. Durch Armut besonders gef\u00e4hrdet sind alte Menschen, alleinstehende Frauen mit Kindern sowie kinderreiche Familien. Zu diesen Ergebnissen kommt eine im Sommer 1984 ver\u00f6ffentlichte Studie, die vom Bundesministerium f\u00fcr Jugend, Familie und Gesundheit gef\u00f6rdert wurde.<br \/>Damit hat sich Familienminister Gei\u00dfler noch einmal best\u00e4tigen lassen, was er schon\u00a0 1975\/76 schrieb, als er in einer Studie die angeblich \u00bbNeue Soziale Frage\u00ab zum eigentlichen Problem der Sozialpolitik erkl\u00e4rte: Ursache der Armut sei nicht mehr im Verh\u00e4ltnis von Kapital und Arbeit zu suchen, sondern auf die fehlende Organisationsmacht von alten Menschen, M\u00fcttern mit Kindern, nicht mehr arbeitsf\u00e4higen und anderen benachteiligten Gruppen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Interessen dieser Gruppen w\u00fcrden aus dem vorherrschen-den System sozialer Sicherheit ausgeklammert. Zufall oder nicht, die Ver\u00f6ffentlichung der neuen Studie erfolgte kurze Zeit nach der Pressekonferenz des DGB-Vorsitzenden Gerd Muhr, der der \u00d6ffentlichkeit eine aktualisierte Untersuchung zur Ausgrenzung von Arbeitslosen vorstellte. (Siehe dazu den Beitrag von Rolf Winkel, Seite 63).<br \/>Die DGB-Studie zeigt, da\u00df Arbeitslose zu den am meisten von Armut bedrohten Gesell schaftsgruppen z\u00e4hlen. Die \u00bbneue Armut\u00ab unter Arbeitslosen ist eine kalkulierte Folge des Sozialabbaus, begonnen unter sozial-liberaler Herrschaft, konsequent fortgesetzt und versch\u00e4rft durch die CDU\/CSU\/FDP-Regierung.<\/p>\n<p>Diesmal ist es dem Minister allerdings nicht gelungen, sich die Not der Armen zynisch f\u00fcr seine Politik zu Nutze zu machen. Der Hinweis, da\u00df von Armut vorwiegend Alte und alleinstehende Frauen betroffen sind, wird durch die soziale Realit\u00e4t widerlegt. Wesentlich mehr Menschen als die Gei\u00dfler-Studie suggeriert, sind heute von Armut bedroht oder leben unter dem Existenzminimum mit all seinen sozialen Folgen. Die Gei\u00dflersche Studie gibt nur einen Teil der bundesrepublikanischen Wirklichkeit wieder. Armut hat es in der BRD schon immer gegeben: die Armut von Rentnern, Obdachlosen, Behinderten, Ausl\u00e4ndern und Sozialhilfeempf\u00e4ngern. Immer schon hat ein Teil unserer Gesellschaft unterhalb des Existenzminimums gelebt, ausgegrenzt, kontrolliert und abgeschoben in Obdachlosenghettos, Heime und auf der Stra\u00dfe. Und Armut ist nicht nur an der Zahl der Sozialhilfeempf\u00e4nger abzulesen, meint mehr als nur Sozialhilfebed\u00fcrftigkeit. Armut, dahinter verbirgt sich eine sozialstrukturelle Benachteiligung bei Einkommen, Arbeit, Wohnen, Bildung, Gesundheit, politischer und kultureller Teilhabe und den Zwang unter Kontrolle und Disziplinierung sein Leben gestalten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die anhaltende Dauerarbeitslosigkeit versch\u00e4rft die vorhandenen Tendenzen. Arbeitskr\u00e4fte, die in ihrer Wettbewerbsf\u00e4higkeit ohnehin schon beeintr\u00e4chtigt sind, werden verst\u00e4rkt vom Erwerbsleben \u00bbbefreit\u00ab: Frauen in ihre angestammte Rolle als Hausfrau zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, Behinderte und Gesundheitsgesch\u00e4digte, \u00e4ltere Arbeitnehmer, aber auch qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte.\u00a0\u00a0Diese Menschen haben bei langfristiger Arbeitslosigkeit keine M\u00f6glichkeiten, sich der\u00a0 sozialen Rutschbahn in die Armut entgegenzustemmen.<\/p>\n<p>Das beginnt mit drastischen Einkommensverlusten beim Arbeitslosengeld, setzt sich\u00a0 \u00fcber die Verringerung der Arbeitslosenhilfe fort. Die Verschuldung unter Arbeitslosen hat horrende Formen angenommen. Und es geh\u00f6rt wenig soziale Phantasie dazu, zu erahnen, was es dann f\u00fcr den Einzelnen, die Frau, den Mann, die Familie hei\u00dft, den Gang zum Sozialamt anzutreten. Hatte man bisher noch von der Hand in den Mund leben k\u00f6nnen, wird dies nun auch zum Problem; ein Zimmer, die Wohnung oder das verschuldete kleine Eigenheim zum Luxus. Hinzu kommen die subjektiven Beeintr\u00e4chtigungen, die soziale Isolierung.<\/p>\n<p>Damit wird offensichtlich, da\u00df das Bild vom Netz der sozialen Sicherheit immer schon\u00a0 mehr Ideologie war, als soziale Realit\u00e4t. Der Realit\u00e4t n\u00e4her kommt das Bild, das Wolf Wagner in seinem Buch \u00bbDie n\u00fctzliche Armut\u00ab gebraucht.<br \/>Das Netz ist nicht die soziale H\u00e4ngematte, die mi\u00dfbraucht wird; anstatt nach unten durchzuh\u00e4ngen, w\u00f6lbt es sich nach oben. \u00dcber dem Netz das Drahtseil. Das, was die Menschen auf dem Drahtseil h\u00e4lt, ist bezahlte Arbeit. Das Netz steht f\u00fcr Sozialleistungen. Sie sind gut und liegen nahe am Seil f\u00fcr die allt\u00e4glichen Normalf\u00e4lle wie kurze Krankheit, vor\u00fcbergehende Arbeitslosigkeit usw. Die davon betroffenen Menschen st\u00fcrzen nicht tief und k\u00f6nnen sich wieder schnell Kochseilen, indem sie wieder arbeiten. Sobald aber der Normalfall zum Notfall wird, wenn die Krankheit chronisch, die Arbeitslosigkeit dauerhaft oder die Leistungsminderung betr\u00e4chtlich wird, dann werden die Sozialleistungen immer geringer und unzuverl\u00e4ssiger.<br \/>Je mehr Hilfe wirklich n\u00f6tig wird, desto sp\u00e4rlicher und z\u00f6gernder wird gew\u00e4hrt, bis sie schlie\u00dflich auf ihr Minimum f\u00e4llt: die Hilfe zum Lebensunterhalt aus der Sozialhilfe. Hinzu kommt, je schwieriger die soziale Situation, umso gr\u00f6\u00dfer ist die mit der Hilfe verbundene Kontrolle. Das ganze ist zudem kein statischer Zustand, seit einiger Zeit wird kr\u00e4ftig von der Mitte aus daran gezogen, f\u00fcr viele wird es immer schwieriger, sich daran festzuhalten, sie rutschen schneller und tiefer ab und landen in der Armut.<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\" class=\"bodytext\">\u00bbWir glauben, da\u00df das Ausma\u00df an Ungleichheit bei Einkommen und Wohlstand in unserer Gesellschaft, mehr noch, die Ungleichheit auf Weltebene, heute als unmoralisch unakzeptabel beurteilt werden mu\u00df. Die Erf\u00fcllung der Grundbed\u00fcrfnisse der Armen ist von h\u00f6chster Wichtigkeit. Pers\u00f6nliche Entscheidungen, Sozialpolitik und Machtverh\u00e4ltnisse m\u00fcssen alle an ihren Auswirkungen auf jene gemessen werden, denen das Mindestma\u00df an Nahrung, Wohnung, Bildung und Gesundheitsvorsorge fehlt&#8230;<br \/>Armut ist nicht nur Mangel an angemessenen Finanzmitteln. Arm zu sein bedeutet auch, auf tiefgreifendere Art beraubt zu werden, denn es bedeutet, von der vollen Beteiligung am wirtschaftlichen, sozialen und politischen Leben der Gesellschaft abgeschlossen zu sein.<br \/>Das hei\u00dft, ohne hinreichende Kontrolle \u00fcber und Zugang zu den Entscheidungen zu haben, die das eigene Leben betrifft.<br \/>Das hei\u00dft, an den Rand der Gesellschaft gedr\u00e4ngt und auf eine Weise machtlos zu sein, die nicht nur ein Angriff auf das eigene Portemonnaie, sondern auch auf die eigene grundlegende Menschenw\u00fcrde darstellt.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Diese S\u00e4tze stammen nicht aus der Feder bundesrepublikanischer kirchlicher Institutionen; ihre Verlautbarungen zu Arbeitslosigkeit und Armut kennzeichnet eher eine unverst\u00e4ndliche politische Zur\u00fcckhaltung. Im Gegensatz dazu, der 136seitige Hirtenbrief der katholischen Bischofskonferenz der USA (auszugsweise ver\u00f6ffentlicht in Frankfurter Rundschau vom 14. und 15. Dezember 1984), dem die oben zitierten S\u00e4tze entnommen wurden und den der FR-Washington-Korrespondent Lutz Krusche als \u00bbein bemerkenswert mutiges, weitsichtiges, von seelsorgerisch-sozialem Verantwortungsbewu\u00dftsein getragenes Dokument\u00ab einstuft. \u00bbEs prangert nicht nur den skandal\u00f6sen Zustand an, da\u00df im reichsten Land der Erde 35 Millionen Arme leben, die von einem Pr\u00e4sidenden, Vizepr\u00e4sidenten und einer Ministermehrheit regiert werden, die alle Million\u00e4re sind, sondern es ist eine umfassende Attacke auf das System.\u00ab<br \/>Von einem kirchliche, gewerkschaftliche und politische Gruppen umfassenden Widerstand gegen die Politik des sozialen Kahlschlags, der Ausgrenzung und Spaltung kann bisher bei uns noch nicht die Rede sein. Politik gegen die Armut, das sind vorerst<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"justify\">zaghafte Ans\u00e4tze in Selbsthilfegruppen, in Arbeitslosenzentren, in Sozialhilfegruppen;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">wissenschaftliche und journalistische Arbeiten;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">politische Diskussionen der Armutsbek\u00e4mpfung durch ein \u00bbgarantiertes Mindesteinkommen f\u00fcr Alle\u00ab.<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Breiter gesellschaftlicher Widerstand l\u00e4\u00dft sich aber nur entwickeln, wenn<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"justify\">die Bornierungen und die kulturellen Schranken zwischen den verschiedenen Betroffenengruppen \u00fcberwunden werden;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">die Gewerkschaften nicht nur Lohnpolitik betreiben, sondern ihre Arbeitszeitpolitik konsequenter fortsetzen, Sozialpolitik zu einem gleichgewichtigen Schwerpunkt gewerkschaftlicher Interessen-vertretung machen und Solidarit\u00e4t zwischen Besch\u00e4ftigungslosen und noch Besch\u00e4ftigten praktisch einl\u00f6sen;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">Armut und Arbeitslosigkeit ebenso als gesellschaftsbedrohend und menschenverachtend angesehen wird, wie die Stationierung von Pershings und Cruise Missiles, und somit politisches Engagement herausfordert.<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2508],"publikationen":[1277],"class_list":["post-12542","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-guenter-pabst","publikationen-73-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Verwaltete Armut - Neue Armut - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/editorial-verwaltete-armut-neue-armut\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Verwaltete Armut - Neue Armut - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Editorial aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 20-22 Vor genau einem Jahr besch\u00e4ftigten sich die \u00bbVorg\u00e4nge\u00ab mit der Sozialpolitik nach der\u00a0 \u00bbWende\u00ab (Heft 67). 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