{"id":12552,"date":"1976-12-31T20:30:00","date_gmt":"1976-12-31T19:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/thema-die-rolle-der-kultur-23\/"},"modified":"1976-12-31T12:00:00","modified_gmt":"1976-12-31T11:00:00","slug":"thema-die-rolle-der-kultur-23","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/24-vorgaenge\/publikation\/thema-die-rolle-der-kultur-23\/","title":{"rendered":"Thema: Die Rolle der Kultur 23"},"content":{"rendered":"<p>Editorial, Aus: vorg\u00e4nge Nr.24 (Heft 6\/1976), S.23-24<\/p>\n<p><b>Editorial<\/b><\/p>\n<p>Was die Rolle der Kultur angeht, so reicht sie hierzulande seit einigen Jahrzehnten vom Skeptizismus eines Erich K\u00e4stner (,&#130;Die Zunge der Kultur reicht weit! Sie kann uns am-\u00a0 &#8230; Sie ist imstand und tut&#8217;s&#8220;) \u00fcber A. Paul Webers &#132;Hoppla Kultur!&#148; bis zu dem b\u00f6sen, die &#132;Kultur&#148; aber wenigstens ernstnehmenden Ausspruch eines sp\u00e4teren NS-Pr\u00e4sidenten einer &#132;Reichsschrifttumskammer&#148; (Hanns Johst) :&#132;Wenn ich das Wort Kultur h\u00f6re, entsichere ich meinen Revolver.&#8220;<br \/>Was aber die &#132;Rolle der Kultur&#148; trotzdem seit Jahrzehnten in unserer sp\u00e4tkleinb\u00fcrgerlichen Gesellschaft ausmacht, das zeigt schlagend (,&#130;schlagend&#8220; !) einer der unfrisierten Gedanken des polnischen Autors Stanislaw Jerzy Lec, Er notierte: &#132;,Warum`, fragte ich einen Kritiker, ,haben Sie das St\u00fcck das epochemachende Ereignis von umw\u00e4lzender Bedeutung genannt?&#8216; &#8211; &#130;Was f\u00fcr ein St\u00fcck? ` fragte er zur\u00fcck.&#148;<br \/>Bei aller Hilflosigkeit der Kulturkonsumenten- der Aphorismus belegt zumindest die magische Rolle der Feuilleton-P\u00e4pste. Ob etwa Arturo Benedetti Michelangeli oder Maurizio Pollini die Sonate X des Komponisten Y so oder auch so gespielt haben, wie vielleicht die Regisseure Q oder Z, die, sagen wir, &#132;Figaros Hochzeit&#148; auf die Bretter, die deren Welt bedeuten, gelegt haben, soll laut Feuilletons, notabene: kritischen Feuilletons, immer noch der Inbegriff von Kultur sein. Das stimmt vielleicht. Ich selbst gestehe gern ein, da\u00df es mich nachwievor packt, wie verschieden und je \u00fcberzeugend Svjatoslaw Richter oder Geza Anda die Gro\u00dfe Sonate Schuberts spielen oder gespielt haben; und: da\u00df es mich freut, wenn die mit einer Badehose gro\u00dfgewordene Cornelia Froboess in einer M\u00fcnchner Inszenierung der &#132;Minna von Barnhelm&#148; dem Major Tellheim zeigt, da\u00df &#132;weibliche Klugheit&#148; mehr vermag als m\u00e4nnlich(-preu\u00dfische) Raison. Es gibt bei mir und vielleicht auch kaum einem Leser der Vg. einen Zweifel, da\u00df aus dem alten Schubert und dem fast schon uralten Lessing auch heute noch mindestens so viel Funken zu schlagen sind wie etwa aus dem allerneuesten Fa\u00dfbinder. <br \/>Was aber &#132;die Rolle der Kultur&#148; betrifft: Man mag seinen Bach bis Luigi Nono, seinen Shakespeare bis Franz Xaver Kroetz oder seinen Mathis Gr\u00fcnewald bis Kienholz (um nicht bei Kandinsky stehenzubleiben, dessen Retrospektive im M\u00fcnchener &#132;Haus voll Kunst&#148;, als &#132;Haus der Deutschen Kunst&#148; in kulturpolitisch g r o \u00df e r Zeit erbaut, aber leider nicht gesprengt, ich vor einigen Tagen genossen habe &#8230;), man mag diese Leute alle lieben und verehren, mag sich au\u00dferdem f\u00fcr gefeit halten vor dem \u00dcberdru\u00df monatlich wechselnder Kunstmoden-: Was sollen oder k\u00f6nnen alle diese Kulturveranstaltungen eigentlich wirklich f\u00fcr uns bedeuten; was sagen sie uns \u00fcber unsere Lage in dieser Gesellschaft; was verschleiern sie (selbst wenn sie es ganzundgarnicht beabsichtigen); wie helfen sie uns und denen, die von Schubert und Lessing garkeine oder nur eine solche Ahnung haben, die sie einem Rattenf\u00e4nger, der wiedermal Revolver entsichert, neuerdings in die Arme treibt? Also: Wie hilft diese Kultur, diese Unsumme von Kulturgut uns weiter?<br \/>Heute kann ich meinen abstrakten Monolog \u00fcber die &#132;Rolle der Kultur&#148; unterbrechen. Er wurde- von au\u00dferhalb- unterbrochen durch ein schlimmes, b\u00f6ses, nein, verdammtnochmal, dummes Ereignis, das die DDR &#132;uns&#148; bereitet hat: der Liedermacher Wolf Biermann wurde vorgestern ausgeb\u00fcrgert aus dem von ihm gew\u00e4hlten &#132;deutschen&#148; Vaterland. Jetzt also singt und redet und diskutiert er im Nirgendwo. Aus der Welt eines (f\u00fcr ihn) sehr konkreten Berufsverbots wurde er ausgesto\u00dfen in die Welt &#132;demokratisch kontrollierter&#148; anonymer Berufsverbote, in der er zwar kein Lokomotivf\u00fchrer werden, aber ungehindert &#132;k\u00fcnstlerisch&#148; auftreten darf. Seit drei Tagen gibt es bei uns urpl\u00f6tzlich Tausende von kleinb\u00fcrgerlichen Kultur- oder Salon-Kommunisten, die den Biermann \u00fcberaus chic finden und seine Veranstaltungen goutieren; die aber kaum zu begreifen in der Lage sind, was denn dieser Biermann eigentlich sagt oder singt. Er selbst tut dagegen, was er nur kann. Was aber wird er im Ernst dagegen tun k\u00f6nnen, da\u00df er heute zwar als ein Kulturkitzel f\u00fcr &#132;Kulturb\u00fcrger&#148; erscheint, denen er gerade eben noch den &#132;Atem der Geschichte&#148;, sp\u00e4testens \u00fcbermorgen aber nur noch \u00dcberdru\u00df vermittelt? &#8211; <br \/>Hoppla, Kultur! &#8230;<br \/>Da\u00df . dieses Heft der Vorg\u00e4nge die &#132;Rolle der Kultur&#148; behandelt, das hat mit dem Fall Biermann eigentlich garnichts zu tun; der kam uns lediglich in einer sehr abstrakten Reflexions-Situation zugute. Das Thema (nicht die Sache) &#132;Die Rolle der Kultur&#148; war unter uns Redakteuren der Vg lange umstritten und nie genau beschreibbar. Der Fall Biermann und jetzt Havemann in der DDR hat daf\u00fcr gesorgt, da\u00df wir das Thema genauer begreifen. Mir liegt nicht daran, da\u00df es sich um DDR-F\u00e4lle handelt. In Wirklichkeit kann Wolf Biermann zwar bei uns singen, aber gewi\u00df nicht Lehrer werden . . . Jedermann jubelt, aber kaum jemand differenziert. Duliebergott!<br \/>Wolf Biermann, sein &#132;Fall&#148;, hat mir f\u00fcr dieses Editorial das Konzept verdorben und zugleich gerettet. Was in dieser diffusen, kaum noch bestimmbaren &#132;Leistungsgesellschaft&#148; die Rolle der Kultur sei, ist &#8211; obwohl das zu bestimmen Aufgabe dieses Heftes ist &#8211; schwer auszumachen. Die Autoren m\u00f6gen f\u00fcr sich sprechen. Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik, sagt &#8211; richtig &#8211; Alfons Spielhoff. Wie Kultur in einer kultursatten Stadt vermittelt werden kann, dar\u00fcber macht sich der neue M\u00fcnchner Kulturreferent J\u00fcrgen Kolbe Gedanken. Von Olaf Schwencke, der die notwendige Initiative f\u00fcr eine &#132;Kulturpolitische Gesellschaft&#148; ergriff, ist ein Beitrag \u00fcber die Rolle der Kultur in der BRD heute verfa\u00dft.<br \/>Das Problem dieser Initiativen scheint mir zu sein, da\u00df, obwohl Kultur als &#132;Sozio-Kultur&#148; f\u00fcr die Massen vermittelt werden soll, immer noch mit so vielen Fremdw\u00f6rtern gearbeitet werden mu\u00df, da\u00df man nur schwer das Gesagte versteht. Gewi\u00df: auch das Wort &#132;Kultur&#148; ist ein Fremdwort (wie etwa auch die W\u00f6rter Demokratie, Republik, Parlament). Es gibt, mit Th. W. Adorno zu reden, Fremdw\u00f6rter, &#132;Juden&#148; der deutschen Sprache, die nicht \u00fcbersetzbar sind, weil die Deutschen sie nur mit M\u00fche erlernen, W\u00f6rter aus der Fremde (1959). Es gibt aber auch Fremdw\u00f6rter, die nur modisch, aber eigentlich, wenn man nachdenkt, \u00fcberfl\u00fcssig sind. Durch solche mu\u00df man sich in diesem Heft &#8211; hoffentlich nicht allzusehr &#8211; hindurchkauen.<br \/>Auf zwei Beitr\u00e4ge m\u00f6chte ich besonders hinweisen: Manfred Bosch schreibt \u00fcber &#132;Arbeiterklasse und Kultur&#148;, ein Aufsatz, der &#8211; obwohl der Autor selbst nicht DKPist ist &#8211; dem kommunistischen Standpunkt teilweise nahekommt; aber er regt dazu an, nach- zudenken, warum es diesen Standpunkt eigentlich gibt, wo er sein Fundament in der Realit\u00e4t hat. Von Rolf Schwendter stammt ein Beitrag \u00fcber die sogenannte Jugend-Subkultur, nachdenklich machend, ob jenseits von Schubert und Lessing, aber nicht (hoffentlich nicht) ohne sie, eine neue Kultur entsteht.<br \/>Das Heft ist chaotisch, so chaotisch wie die Kultur-Szene selbst, auf der es viel Spreu gibt, aber vielleicht auch ein bi\u00dfchen Weizen. Voila, lieber Leser, oder: das w\u00e4r&#8217;s!<br \/>GH<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2077],"publikationen":[1313],"class_list":["post-12552","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-editorial","publikationen-24-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Thema: Die Rolle der Kultur 23 - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/24-vorgaenge\/publikation\/thema-die-rolle-der-kultur-23\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Thema: Die Rolle der Kultur 23 - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Editorial, Aus: vorg\u00e4nge Nr.24 (Heft 6\/1976), S.23-24 Editorial Was die Rolle der Kultur angeht, so reicht sie hierzulande seit einigen Jahrzehnten vom Skeptizismus eines Erich K\u00e4stner (,&#130;Die Zunge der Kultur reicht weit! 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