{"id":12569,"date":"1983-06-01T18:20:00","date_gmt":"1983-06-01T16:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/widerstehen-zur-rechten-zeit\/"},"modified":"1983-06-01T12:00:00","modified_gmt":"1983-06-01T10:00:00","slug":"widerstehen-zur-rechten-zeit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/62-63\/publikation\/widerstehen-zur-rechten-zeit\/","title":{"rendered":"Widerstehen zur rechten Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Aus der Rede zur Verleihung des Gustav Heinemann-B\u00fcrgerpreises 1983 an die Aktion S\u00fchnezeichen in Rastatt. Aus: vorg\u00e4nge Nr. 62\/63 (Heft 2-3\/1983), S. 160-165<\/p>\n<h4><span id=\"1\">1.<\/span><\/h4>\n<p>Das Erste, was ich sagen will, ist: Dankesch\u00f6n daf\u00fcr, da\u00df die nun 25j\u00e4hrige Geschichte der Aktion S\u00fchnezeichen\/Friedensdienste mit der Person und dem Werk Gustav Heinemanns durch diesen B\u00fcrgerpreis eine feste Verbindung eingegangen ist. Wir f\u00fchlen uns gerade da\u00df durch richtig verstanden&#8230;<\/p>\n<p>Das Dankesch\u00f6n f\u00fcr die Verleihung des Gustav Heinemann-B\u00fcrgerpreises sage ich hier aber vor allem f\u00fcr die tausende junger Menschen, die mit uns im Ausland gearbeitet haben, die zu denen gingen, \u00bbdenen wir wohl am meisten wehgetan haben\u00ab. Sie haben durch ihre Arbeit die Bitte um Vers\u00f6hnung ausgedr\u00fcckt, wo kaum noch gemeinsame Sprache m\u00f6glich war. Die Freiwilligen der Aktion S\u00fchnezeichen tun dieses heute noch: in Israel, in Polen, in den USA, in Norwegen, in Gro\u00dfbritannien, Frankreich, in Belgien, in den Niederlanden und jetzt auch in der Sowjetunion&#8230;<\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span id=\"2-aktion-suehnezeichen\">2. Aktion S&uuml;hne&shy;zei&shy;chen:<\/span><\/h5>\n<p>Ein Versuch, Schuld in Zukunft zu verwandeln. In der Arbeit der Freiwilligen wird das Friedensverst\u00e4ndnis unserer Aktion deutlich. Frieden soll aus Vers\u00f6hnung wachsen, Vers\u00f6hnung ist m\u00f6glich, wo S\u00fchnezeichen errichtet werden. S\u00fchnezeichen an den Orten menschlicher Schuld. So kann Schuld in Zukunft verwandelt werden. Hoffnung auf die Ver\u00e4nderbarkeit und die Bereitschaft, sich selbst zu engagieren, geh\u00f6ren dazu. Der Proze\u00df der Heilung menschlicher Verwundungen durch Krieg und Verfolgung braucht den freiwilligen Dienst der Menschen. \u00bbMan kann es einfach tun\u00ab, hat Lothar Kreyssig gesagt und damit eine Antwort auf die Frage gegeben, die einst Carl-Friedrich von Weizs\u00e4cker Martin Buber gestellt hat. Weizs\u00e4ckers Frage war: \u00bbWarum sind alle unsere Appelle so fruchtlos? Antwort Buber: \u00bbWeil die Selbstverpflichtung dessen fehlt, der appelliert.\u00ab Vielleicht kann die freiwillige Selbstverpflichtung helfen, die Blockierung mancher grunds\u00e4tzlicher Probleme, 3. Welt\/ Frieden\/\u00d6kologie, bei uns zu l\u00f6sen. Es ist jedenfalls erfreulich zu wissen, da\u00df dieses \u00bbfreiwillig etwas f\u00fcr den Frieden tun wollen\u00ab stark ist und da\u00df die Friedensdienste der Aktion S\u00fchnezeichen u.a. Organisationen deshalb meist \u00fcberlaufen sind.<\/p>\n<p>Die programmatische Aussage Friedensdienst im \u00bbS\u00fchnezeichen\u00ab ist uns dabei kein Ballast. Nicht nur, weil viele Opfer und T\u00e4ter von gestern noch mitten unter uns sind und lebensgeschichtliche Pr\u00e4gungen an Nachwachsende weitergeben, sondern auch, weil \u00bbS\u00fchnezeichen\u00ab auf viele Konflikte pa\u00dft wie ein Schl\u00fcssel zum Verstehen. Christen in den nordamerikanischen Kirchen haben sofort verstanden, was S\u00fchnezeichen meint, als sie \u00fcber den Krieg in Vietnam und seine Opfer nachdachten und \u00fcber das, was nach diesem Unrechtskrieg von ihnen zu tun sei. S\u00fchnezeichen sind auch not-wendig von den Wei\u00dfen, die in S\u00fcdafrika, dem Lande des Rassismus, den Schwarzen die Gleichberechtigung vorenthalten. S\u00fchnezeichen sollte die Richtung der Politik sein, die die L\u00e4nder der n\u00f6rdlichen Erdhalbkugel gegen\u00fcber der 3. und 4. Welt machen, denn auf ihre Kosten leben wir doch weitgehend.<\/p>\n<h5 align=\"left\"><span id=\"3-erinnern-151-nicht-vergessen-damit-kein-gras-drueberwaechst\">3. Erinnern &#151; nicht vergessen: Damit kein Gras dr&uuml;ber&shy;w&auml;chst!<\/span><\/h5>\n<p>Was Umkehr im S\u00fchnezeichen hei\u00dft &#151; pers\u00f6nlich und gesellschaftlich &#151; ist uns in der Begegnung mit unserer eigenen Geschichte deutlich geworden. Wir &#151; die Aktiven &#151; sind zwar heute zum gr\u00f6\u00dften Teil Nachgeborene. Aber nur der, der die Legende vom angeblichen Nullpunkt 1945 wirklich glaubt, kann annehmen, die Geschichte davor habe nichts mehr mit uns danach Geborenen zu tun. Legende deshalb, weil 1945 ja nicht pl\u00f6tzlich lauter neue Menschen dagewesen sind; es waren dieselben Menschen, die unter anderen Verh\u00e4ltnissen weiterlebten. Denen, denen man Vergessen g\u00f6nnen w\u00fcrde, den Opfern, sie k\u00f6nnen nicht vergessen. Wir, die die Erinnerung und Trauerarbeit notwendig haben, wir wollten vergessen und haben weitgehend verdr\u00e4ngt. Deshalb brauchen wir die Stimmen der \u00dcberlebenden. Schon allein daran wird deutIich: Geschichte ist Gegenwart. Erinnerung ist das Geheimnis der Erl\u00f6sung. Trauerarbeit ist Gegenwartsbew\u00e4ltigung.<\/p>\n<p>Ein polnischer Journalist, der Gruppen von uns in Auschwitz gesehen und gesprochen hat, schreibt: \u00bbDen Freiwilligen der Aktion S\u00fchnezeichen hat Auschwitz den Mund ge\u00f6ffnet. Sie wissen, da\u00df Geschichte und Gegenwart eins sind. F\u00fcr diese jungen Christen ist Auschwitz weder ein Phantom noch ein Gespenst. Auschwitz ist f\u00fcr sie weder Schweigen noch Ende einer Fahrt. Auschwitz ist der Beginn eines Weges und eine Stimme, die in die Zukunft f\u00fchrt.\u00ab So schwierig das f\u00fcr manchen zu verstehen sein mag, Auschwitz ist f\u00fcr uns der Ort, wo bei aller Belastung, der man sich dort stellen mu\u00df, der Deutsche seinen aufrechten Gang wieder erlernen kann. Ich denke, da\u00df wir eines mit Recht von uns sagen k\u00f6nnen: Durch die Arbeit in den KZ-Gedenkst\u00e4tten und das, was aus dieser Arbeit gewachsen ist, haben wir den Proze\u00df einer \u00bbAneignung der deutschen Geschichte von unten\u00ab gef\u00f6rdert&#8230;<\/p>\n<p>Begegnung mit der eigenen Geschichte, Betroffensein hilft dem Vergessen und Verdr\u00e4ngen zu entkommen. Denn: Wer Vergangenheit nicht aufarbeitet, versteht die Gegenwart nicht. Und wer die Gegenwart nicht versteht, wird anf\u00e4llig f\u00fcr die braunen Versuchungen der Vergangenheit. Diese Art der Aneignung der Geschichte von unten w\u00e4chst. Sie hilft uns, die oftmals ritualisierten Gedenkfeiern zu \u00fcberwinden, die die richtige menschliche Trauer und damit auch die wirkliche Umkehr nicht zulassen, weil sie die Analyse der Ursachen und des wirklichen Beteiligtseins gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung verschweigt&#8230;<\/p>\n<p>Ein besonderes Beispiel f\u00fcr diese Gef\u00fchllosigkeit ist die ausgebliebene W\u00fcrdigung des kommunistischen Widerstandes w\u00e4hrend der NS-Zeit. Diese W\u00fcrdigung w\u00fcrde doch die Fehler der Kommunisten vor der Nazizeit oder nach 1945 nicht wegwischen. Es ist schon wahr: Der Antikommunismus &#151; ebenso wie der Antisemitismus &#151; sagt nichts \u00fcber den Vorverurteilten. Aber Vorurteile sagen alles \u00fcber den Vorverurteiler. Wer dies feststellt, hat m\u00e4chtige Gegner. Das ging schon Gustav Heinemann so. Ein \u00bbInformationsdienst der CDU-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz\u00ab schrieb 1955 im Zusammenhang mit einer Wahl: \u00bbAus einer kommunistischen Quelle erhielt Dr. Heinemann Woche f\u00fcr Woche einige 10000 DM. Alle Ableugnungsversuche \u00e4ndern an dieser Tatsache nichts.\u00ab<\/p>\n<p>Wir sind also in guter Gesellschaft, wenn wir wie vor kurzem an den S-Pranger gestellt werden. \u00bbGeistig politische Entwicklungshelfer f\u00fcr Kommunisten\u00ab zu sein, warf uns der Staatssekret\u00e4r im Bundesinnenministerium Spranger vor. Wir bekennen uns ganz offen hierzu. Und sch\u00e4men uns \u00bbgeistlich politischer Entwicklungshilfe\u00ab f\u00fcr jedermann \u00fcberhaupt nicht. Wir hoffen, da\u00df auch uns solche Helfer wachsen, denn die hat jeder n\u00f6tig. Auch wenn er Staatssekret\u00e4r im Bundesinnenministerium ist.<\/p>\n<p>Geschichtsbewu\u00dftsein lehrt vieles deutlicher zu sehen &#151; heute: So, wenn gegen\u00fcber den unter uns lebenden Ausl\u00e4ndern von \u00bb\u00fcberfremden-der Einwanderungspolitik\u00ab (Richard St\u00fccklen) gesprochen wird. So, wenn die Sinti in unserem Land laut Beschlu\u00df der Innenministerkonferenz der Bundesl\u00e4nder unter \u00bbHinweis auf Zigeunernamen und der Verwendung des Begriffes Landfahrer in der polizeilichen Informationverarbeitung\u00ab (Brief vom 3. 1. 1983) gespeichert werden. So, wenn wir h\u00f6ren, da\u00df alle j\u00fcdischen Gottesdienste bei uns nur noch unter Polizeischutz stattfinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span id=\"4-die-ostpolitik-muss-weitergehen\">4. Die Ostpolitik mu&szlig; weitergehen<\/span><\/h5>\n<p>Die Gr\u00fcnder der Aktion S\u00fchnezeichen\/Friedensdienste wollten, da\u00df wir vorallem nach Polen, in die Sowjetunion und nach Israel gehen. Gerade der Weg zu den am meisten Betroffenen ist nicht leicht gewesen. 1961 ging die erste Gruppe der Aktion S\u00fchnezeichen\/Friedensdienst nach Israel. 1967 begannen Gruppen der Aktion S\u00fchnezeichen in den polnischen Gedenkst\u00e4tten zu arbeiten. Die lange Erfahrung bis heute hat uns gelehrt, da\u00df f\u00fcr viele Polen der Weg eines Deutschen zu ihnen \u00fcber Auschwitz f\u00fchren mu\u00df. Diesen Weg gehend ist es uns m\u00f6glich gewesen, zur Entwicklung der deutsch-polnischen Auss\u00f6hnung und der Entspannungspolitik beizutragen. Deshalb tut es uns weh, da\u00df neben jener spontanen und gro\u00dfartigen Hilfsbereitschaft gegen\u00fcber der polnischen Bev\u00f6lkerung im letzten Jahr auch andere T\u00f6ne angeschlagen worden sind. Ein vollmungiger Spendenaufruf, eingelegt in unser Kirchenblatt, sprach pl\u00f6tzlich wieder von den \u00bbdeutschen Ostgebieten\u00ab. Welches Ergebnis soll eigentlich eine Hilfe haben, die sich zwar \u00bbportofrei\u00ab an den Menschen wendet, und das ist gut, aber so tut, als ob es den polnischen Staat, westliche Kredite und Bankenpolitik nicht gibt? Die Fortf\u00fchrung der deutsch-polnischen Auss\u00f6hnung gebietet den Widerstand gegen jede weitere Vereisung zwischen Ost und West. Vereisung f\u00f6rdert, wer vom Fortbestand Deutschlands in den Grenzen von 1937 spricht, trotz aller Vertr\u00e4ge&#8230;<\/p>\n<p>Unser Eindruck vom augenblicklichen Stand der Ost-West-Beziehungen ist, da\u00df wir uns in gro\u00dfer Geschwindigkeit zur\u00fcckbewegen auf die Zeit, die vor 15 Jahren begann. Die humanit\u00e4ren und politischen Bem\u00fchungen der Ostpolitik m\u00fcssen weitergehen.<\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span id=\"5-wo-schuld-fuer-auschwitz-und-die-moegliche-nukleare-menschheitsvernichtung-sich-kreuzen\">5. Wo Schuld f&uuml;r Auschwitz und die m&ouml;gliche nukleare Mensch&shy;heits&shy;ver&shy;nich&shy;tung sich kreuzen<\/span><\/h5>\n<p>Unsere Arbeit war auch immer der Versuch, Feindbilder, Kriegsgeneigtheiten und Drohungen zu \u00fcberwinden. Feindbilder und \u00c4ngste sind es, die gef\u00e4hrliche Waffen wirklich explosiv machen. Die Politik rennt zur Zeit den Waffen hinterher. Eine dauernde Erh\u00f6hung der Bedrohung anderer mit immer neuen Waffen findet statt. Dagegen hat sich weltweit die Friedensbewegung gebildet. Sie hat Menschen und Gruppen erfa\u00dft, die bis vor kurzem noch die \u00bbTheorie vom gerechten Krieg\u00ab vertreten haben. Die Lektion von Hiroshima wird gelernt. Das ist eine gro\u00dfe Hoffnung. Wir selbst rechnen uns zu dieser Friedensbewegung. Wir haben unser Mittun in ihr unter das Motto \u00bbFrieden schaffen ohne Waffen\u00ab gestellt, weil wir das mit unserer Arbeit schon immer gemacht haben: zu einer politischen Entwicklung des Friedens beizutragen.<\/p>\n<p>Noch nie in der Menschheitsgeschichte sind wir der M\u00f6gIichkeit so nahe gewesen wie heute, den R\u00fcstungswettlauf tats\u00e4chlich aufzuhalten und Abr\u00fcstung zu erm\u00f6glichen. Noch nie ist dieses gleichzeitig so notwendig gewesen. Die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr sind bekannt. Welthunger und die \u00f6kologischen und menschlichen Folgen des R\u00fcstungswettlaufes zeigen, da\u00df die immanente Logik von Drohung und Gegendrohung jede Ethik, die diesen Namen verdient, besiegt hat. Aus den politischen Waffen der Kriegsverh\u00fctung werden heute wieder milit\u00e4rische Waffen der Kriegsf\u00fchrung. Die entsprechenden Milit\u00e4rstrategien entstehen. Die Pershing II-Raketen sind nur der Anfang eines ganzen Paketes solcher Waffen in West und Ost. Gegen diese Waffen ist die Friedensbewegung eine politische Kraft geworden. Sie ist mehr als eine Antiwaffenbewegung. Sie tr\u00e4gt auch die M\u00f6glichkeit zu einer neuen Friedenspolitik in sich, ist Hoffnung auf anderes: auf eine Sicherheitspolitik; die den Sicherheitsegoismus \u00fcberwindet und Sicherheitspartnerschaft im Nord-S\u00fcd-Verh\u00e4ltnis und Ost-West-Verh\u00e4ltnis erm\u00f6glicht. Mit Sicherheitspartnerschaft vertr\u00e4gt sich die Erh\u00f6hung der Bedrohung durch immer neue Waffen nicht. Die Friedensbewegung hat unserer Demokratie einen Dienst getan. Sie hat die Sicherheitspolitik einem Demokratisierungsproze\u00df unterworfen, der unserer Gesellschaft gut tut.<\/p>\n<p>Dennoch: Wir haben in diesem Jahr 1983 folgenden Konflikt: Eine &#151; man kann begr\u00fcndet vermuten &#151; Mehrheit der Bev\u00f6lkerung lehnt die Stationierung neuer Waffen ab. Gleichzeitig ist eine gro\u00dfe Mehrheit unseres Parlamentes f\u00fcr den Fall, da\u00df Verhandlungen erfolglos bleiben, f\u00fcr die Stationierung. Wir steuern also auf einen innenpolitschen Konflikt zu. Manche verleitet die vermutete Heftigkeit des Konfliktes dazu, leichtsinnig und gef\u00e4hrlich mit Toten zu rechnen. Wenn die Planungen der beteiligten Parteien dieses Konfliktes von dieser Annahme ausgehen, dann bef\u00fcrchte ich eine sich selbst erf\u00fcllende Prophetie, eine selffulfilling prophecy. Was ist die Situation.<\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span id=\"6-widerstehen-zur-rechten-zeit\">6. Widerstehen zur rechten Zeit<\/span><\/h5>\n<p>Die Friedensbewegung hat das Problem, die ganze Breite des Widerstandes zu zeigen und eine gr\u00f6\u00dfere Entschiedenheit. Die Form des ersten Anliegens werden Demonstrationen und \u00e4hnliches sein, das zweite Anliegen wird sich in Form gewaltfreier Aktionen zivilen Ungehorsams \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>Beide Formen des Widerstehens m\u00fcssen sich komplement\u00e4r erg\u00e4nzen und d\u00fcrfen sich nicht ausschlie\u00dfen. Deshalb m\u00fcssen alle Aktionen gewaltfrei sein und bleiben. Wenn wir f\u00fcr die Aktionen dieses Herbstes das Wort \u00bbWiderstand\u00ab gebrauchen, so meinen wir die urdemokratische Tugend des \u00bbWiderstehens zur rechten Zeit\u00ab. Widerstehen nimmt nicht den Artikel 20 Abs. 4 GG f\u00fcr sich in Anspruch, der Widerstand legitimiert \u00bbgegen jeden, der es unter-nimmt, die Ordnung der Bundesrepublik Deutschland zu beseitigen\u00ab. Das Widerstehen beruft sich aber sehr wohl darauf, da\u00df die Stationierung dem Gebot der Friedensstaatlichkeit des Grundgesetzes nicht entspricht. Die gewaltfreien Aktionen dieses Herbstes werden vielf\u00e4ltig sein. Einige haben den Zweck, mit einer von vornherein begrenzten und in seiner Planung offenen gewaltfreien Regel\u00fcberschreitung politischen Druck auszu\u00fcben. Die Sitzblockaden sind nicht der Beginn des Kampfes an den Stationierungsorten der neuen Waffen. Eine selbstlaufende Eskalation mu\u00df durch gewaltfreie Bewu\u00dftheit verhindert werden. Je deutlicher die Aktionen gewaltfreien zivilen Ungehorsams einen solchen politischen Zweck haben und deshalb symbolische Handlungen sind, desto gr\u00f6\u00dfer ist auch die N\u00e4he zum Grundrechtsschutz der Demonstrationsfreiheit. Die bisherigen Aktionen dieser Art haben dies bedacht, waren sorgf\u00e4lig vorbereitet und sind deshalb auch erfolgreich gewesen. Sie haben auch unserer Demokratie nicht geschadet. Deshalb sollten sie auch nicht als demokratiesch\u00e4digend dargestellt, mit Bu\u00dfgeldern und der Androhung der Versch\u00e4rfung des Demonstrationsrechtes beantwortet werden.<\/p>\n<p>Die lange Tradition gewaltfreien zivilen Ungehorsams hat die amerikanische Demokratie nicht \u00e4rmer, sondern reicher gemacht. F\u00fcr das Ende des Vietnamkrieges und f\u00fcr die Gleichberechtigung der Schwarzen. Man kann nicht einerseits Gandhi und Martin Luther King auf den Sockel der Menschheitshelfer stellen und das, was sie getan haben und wie sie es getan haben, kriminalisieren. Wenn es stimmt, da\u00df die Aktionen dieses Jahres das Ziel haben, politischen Druck auszu\u00fcben, so ergibt sich daraus eindeutig, da\u00df die Polizisten in garkeinem Fall die Gegner der Demonstranten sind. Die Verschiebung der notwendigen politischen Auseinandersetzung auf die Ebene Demonstranten gegen Polizisten w\u00e4re eine falsche und fatale Konfrontation. Wir werden alles tun, um uns in diese fatale Konfrontation nicht hineinreden zu lassen. Sie w\u00fcrde die Sympathie der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die Friedensbewegung schm\u00e4lern. Es kommt aber darauf an, die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung, die gegen die Stationierung ist, politisch wirksam werden zu lassen. Eine M\u00f6glichkeit, dieses zu tun, ist auch eine Initiative f\u00fcr eine konsultative Volksbefragung \u00fcber die Stationierung. Sie kann ein Modell f\u00fcr die Demokratief\u00e4higkeit unserer Gesellschaft an einem tiefgehenden Konflikt sein.<\/p>\n<p>Wenn es im Herbst zu einer Konfrontation zwischen Demonstranten und Polizisten &#151; oder gar Soldaten &#151; kommen sollte, so h\u00e4tte nicht nur die Friedensbewegung, sondern auch unsere Demokratie eine gro\u00dfe Niederlage erlitten. Ich glaube nicht, da\u00df es dazu kommt. Entgegen der g\u00e4ngigen Prophezeiung von Gewalt ist diese zur Zeit in allen Gruppen der Friedensbewegung kein Thema. Das mu\u00df nicht so bleiben: Wenn der Polizeipr\u00e4sident von Berlin die Friedensbewegung als \u00bbtrojanisches Pferd\u00ab bezeichnet, so f\u00f6rdert er genau das, was wir nicht brauchen k\u00f6nnen: Feindbilder und Abgrenzungsmentalit\u00e4ten. \u00bbDas Ziel bleibt\u00ab, schreibt der Polizeipr\u00e4sident \u00fcber die Absicht der Friedensbewegung, \u00bbeine Atmosph\u00e4re der Unvers\u00f6hnlichkeit und des Hasses zu schaffen und die Bundesrepublik unregierbar zu machen\u00ab. Das ist die eine M\u00f6glichkeit. Die andere spiegelt die Tagesschau-Meldung Ostern 1983 wider. Sie berichtet \u00fcber Blockaden und stellt fest: \u00bbAktionen verliefen gewaltfrei. Polizei und Demonstranten bezeichneten die Atmosph\u00e4re als entspannt.\u00ab<\/p>\n<p>Wir haben die Wahl. Teile der Polizei &#151; besonders in der Gewerkschaft der Polizei &#151; haben in den letzten Wochen ihre Sympathie mit der Friedensbewegung bekundet. Das ist ein gro\u00dfes Hoffnungszeichen. Wir m\u00f6chten die Innenminister, die Polizeipr\u00e4sidenten und alle Verantwortlichen bitten, ihre Planungen f\u00fcr den Herbst am Modell des 10. Oktober 1981 in Bonn auszurichten. Die freundliche, unbewaffnete, ohne Helm und Schild angetretene Polizei und die Friedlichkeit der Demonstranten haben das Anliegen dieser Demonstration in seiner Wirkung vervielfacht. Eine gewaltfreie Friedensbewegung und eine zivil auftretende Polizei k\u00f6nnen sich gegenseitig helfen, keine Angst voreinander zu haben, sich nicht mit Feindbildern gegen\u00fcber zu stehen. Auch hier ist die Hilfe vieler gefragt. Auf regionaler und lokaler Ebene wie auf \u00fcberregionaler Ebene sollten Kontakte zwischen den aktiven Gruppen der Friedensbewegung und der Polizei entstehen, die eine m\u00f6glichst gute gegenseitige Information sicherstellen. Durch eine solche Anlage der Aktionen wird es leichter, den Konflikt dorthin zu bringen, wo er hingeh\u00f6rt, n\u00e4mlich auf die politische Ebene. Dort werden wir dann erfolgreich sein, wenn klar wird, da\u00df die Stationierung innenpolitisch einfach nicht durchsetzbar ist. Das ist auch in den meisten westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern so.<\/p>\n<p>Sie, die Sie uns heute diesen Preis verleihen, das Kuratorium des Gustav Heinemann-B\u00fcrgerpreises und damit besonders die SPD, bitten wir, ein unmi\u00dfverst\u00e4ndliches und endg\u00fcltiges Nein zur Stationierung sobald wie m\u00f6glich und klar auszusprechen. Zur Zeit sagen Sie dieses notwendige Nein noch nicht wegen der Verhandlungen in Genf. Diese sind f\u00fcr uns kein ausreichender Hinderungsgrund. Verhandlungen sind so gut wie die politischen Beziehungen der Verhandelnden. Deshalb gibt es wohl kein st\u00e4rkeres Druckmittel auf die Genfer Verhandlungen als das Nein. Genf ist dann erfolg-reich, wenn \u00fcberhaupt keine Stationierung er-folgt. Die Folge einer Stationierung wird eine <br \/>tiefgreifende Krise zwischen Ost und West sein, die die Menschen auf beiden Seiten schwer betreffen wird. Die Folge einer Stationierung wird aber auch eine tiefe Krise zwischen West und West, Europa und den USA und zwischen den Regierungen und Bev\u00f6lkerungen der meisten westeurop\u00e4ischen L\u00e4nder sein. Man kann nicht von regierungsamtlicher oder kirchlicher Seite viele sch\u00f6ne Prinzipien einer anderen Friedenspolitik definieren und aussprechen und gleichzeitig sich um den konkreten Schritt des Neins zur Stationierung dr\u00fccken, wenn diese gegen alle Prinzipien der Friedenspolitik verst\u00f6\u00dft. Auch die jetzige Regierung kennt die Gefahren, die der vollzogenen Stationierung folgen werden. Auch sie sollte sich deshalb dar-\u00fcber im klaren sein, da\u00df sie die Friedensbewegung braucht. Sie sollte aufh\u00f6ren, \u00bbamerikanischer\u00ab sein zu wollen, als die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit des US-Bisch\u00f6fe; als 70% der US-Bev\u00f6lkerung, die das Einfrieren aller Nuklearwaffen unterst\u00fctzen und eine Mehrheit des US-Repr\u00e4sentantenhauses hinter sich haben&#8230;<\/p>\n<p>Was heute wieder deutlich wird, ist, da\u00df in der Bergpredigt, in der \u00bbEntfeindungsliebe\u00ab mehr zukunftsf\u00e4higer Realismus steckt als in den negativen Utopien, Feindbildern und t\u00f6dlichen Bedrohungen unserer Realpolitik. Hoffentlich entdecken wir dies nicht zu sp\u00e4t. Erinnerung an vergangene und gegenw\u00e4rtige Schuld, der Kreis schlie\u00dft sich. Hans Jochen VogeI hat bei der Grundsteinlegung f\u00fcr die Internationale Jugendbegegnungsst\u00e4tte bei Auschwitz im September 1981 diesen Zusammenhang deutlich gemacht: \u00bbSo mag es sich zusammenf\u00fcgen: Das Wissen um unerme\u00dfliche Schuld, der Versuch, die Vergangenheit zu \u00fcberwinden, das Bem\u00fchen um die Auss\u00f6hnung der Polen und der Deutschen, das Ringen um den Frieden und die Begegnung junger M\u00e4nner und Frauen aus vielen V\u00f6lkern an diesem Ort, an dem Millionen Menschen gestorben sind. Zusammen-f\u00fcgen zur Erf\u00fcllung des Verm\u00e4chtnisses dieser Millionen: N\u00e4mlich unerm\u00fcdlich neues Bewu\u00dftsein zu bilden und eine Ordnung zu schaffen, die ein neues Inferno, ja, die Apokalypse verhindert.\u00ab Dazu ist jeder von uns n\u00f6tig. An uns wird es liegen, ob unsere Zeit eine Vorkriegszeit oder Vorfriedenszeit sein wird. Seltsam, da\u00df wir dieses Wort nicht kennen. Bis wir erreicht haben, was Hans-Jochen Vogel das Zusammenf\u00fcgen der Erinnerung an vergangene Schuld und des Eintretens f\u00fcr Frieden heute nennt, wird es notwendig sein, mit der \u00bbGedold \u00fcberwindender Liebe\u00ab, wie Kurt Scharf dies 1982 vor der UNO-Abr\u00fcstungskonferenz sagte, an den Br\u00fccken der Vers\u00f6hnung, die tragf\u00e4hig sind, weiterzuarbeiten. Der \u00bbunerm\u00fctliche Geist des Protestantismus\u00ab (Siegfried Lenz) hat noch einiges zu tun&#8230;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2513],"publikationen":[1287],"class_list":["post-12569","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-volkmar-deile","publikationen-62-63"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Widerstehen zur rechten Zeit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/62-63\/publikation\/widerstehen-zur-rechten-zeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Widerstehen zur rechten Zeit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus der Rede zur Verleihung des Gustav Heinemann-B\u00fcrgerpreises 1983 an die Aktion S\u00fchnezeichen in Rastatt. 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