{"id":12579,"date":"1975-11-16T13:30:00","date_gmt":"1975-11-16T12:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/viel-trost-und-wenig-taten\/"},"modified":"2021-08-24T21:46:34","modified_gmt":"2021-08-24T19:46:34","slug":"viel-trost-und-wenig-taten","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/16\/publikation\/viel-trost-und-wenig-taten\/","title":{"rendered":"Viel Trost und wenig Taten"},"content":{"rendered":"<p>Die Frauenpolitik der Gewerkschaften<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 16 (Heft 4\/1975), S. 15-25<\/p>\n<p>3,3 Millionen Arbeiterinnen gibt es in der Bundesrepublik: Spulerinnen in der Textilindustrie, Montiererinnen in der Metallindustrie, Stepperinnen in Schuhfabriken. Sie sitzen an Flie\u00dfb\u00e4ndern und Halbautomaten und verrichten Stunde um Stunde die immer gleichen Handgriffe in extrem kleinen Zeitabst\u00e4nden. Die meisten arbeiten im Akkord. Ausgekl\u00fcgelte Arbeitsme\u00dfverfahren steigern das Tempo bis an die Grenze des Ertr\u00e4glichen. Typische Frauenarbeiten &#8212; das hei\u00dft in der Industrie: simpelste Verrichtungen mit kurzer Anlernzeit, Reduktion der geistigen T\u00e4tigkeit auf ein Minimum, daf\u00fcr st\u00e4ndige Anspannung der Nerven und der Sehkraft.<br \/>Kaum von der Industriearbeit zu unterscheiden sind die T\u00e4tigkeiten vieler weiblicher Angestellter. Die Stenotypistinnen in den Schreibs\u00e4len sind zu Anh\u00e4ngseln ihrer Maschinen und Diktaphonegeworden. F\u00fcr Verk\u00e4uferinnen an Registrierkassen, f\u00fcr B\u00fcrokr\u00e4fte an Buchungsautomaten ist die Arbeit auf wenige Handgriffe geschrumpft. &#8212; Die vier Millionen weiblichen Angestellten arbeiten entweder in den typischen &#8222;Frauenberufen&#8221; des &#8222;Lehrens, Helfens, Pflegens&#8221; und der Dienstleistungen; sie sind Friseusen oder Krankenschwestern, Zimmerm\u00e4dchen, Kellnerinnen oder Verk\u00e4uferinnen. Oder sie gehen in den B\u00fcros ihren m\u00e4nnlichen Vorgesetzten zur Hand.<br \/>Wenn sie nach Hause kommen, beginnt f\u00fcr die berufst\u00e4tigen Frauen die zweite Schicht: Mann und Kinder versorgen, kochen, putzen, waschen. Die Verantwortung f\u00fcr Kindererziehung und Hausarbeit wird immer noch wie selbstverst\u00e4ndlich den Frauen zugewiesen &#8212; auch wenn sie berufst\u00e4tig sind.<br \/>Weibliche Angestellte und Arbeiterinnen haben gemeinsam, da\u00df sie unterbezahlt sind. <b>Die Frauenl\u00f6hne in der Industrie liegen unver\u00e4ndert seit 1882 um ein Drittel niedriger als die L\u00f6hne der M\u00e4nner. Selbst Facharbeiterinnen werden im Durchschnitt schlechter bezahlt als m\u00e4nnliche Hilfskr\u00e4fte. Bei den Angestellten ist der Abstand zwischen dem, was M\u00e4nner verdienen und dem, was Frauen nach Hause bringen, noch gr\u00f6\u00dfer. <\/b>Die Hausarbeit wird ohnehin gratis geleistet. Frauen erhalten die schlechtesten Arbeitspl\u00e4tze zugewiesen und sie werden schlecht entlohnt. In wirtschaftlichen Krisen sind sie als erste von Entlassungen bedroht. Zusammen mit den Ausl\u00e4ndern bilden die Frauen den Bodensatz der Besch\u00e4ftigungshierarchie in der Bundesrepublik.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"frauen-gewerkschaftlich-unterorganisiert\">Frauen gewerk&shy;schaft&shy;lich unter&shy;or&shy;ga&shy;ni&shy;siert<\/span><\/h2>\n<p>Gewerkschaftliche Organisationen, der Zusammenschlu\u00df mit anderen Abh\u00e4ngigen, um solche Arbeitsverh\u00e4ltnisse gemeinsam zu ver\u00e4ndern, das tut hier besonders not &#8212; k\u00f6nnte man meinen. Aber nur rund ein Viertel der abh\u00e4ngigbesch\u00e4ftigten Frauen ist gewerkschaftlich organisiert. Bei den m\u00e4nnlichen Arbeitern, Angestellten und Beamten ist es etwa die H\u00e4lfte. Knapp 1,3 Millionen Frauen sind Mitglieder in den 16 Einzelgewerkschaften des DGB &#8212; in der Mehrzahl Arbeiterinnen. Rund 155 000 Frauen hat die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft organisiert. Da, wo viele Frauen arbeiten, gibt es vergleichsweise auch viele Gewerkschafterinnen. In der Gewerkschaft Textil-Bekleidung sind die Frauen sogar in der Mehrheit. Die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen besteht fast zur H\u00e4lfte aus weiblichen Mitgliedern. In allen anderen DGB-Gewerkschaften sind die Frauen aber in der Minderheit, auch in der IG Metall, obwohl diese Organisation mit 300 000 weiblichen Mitgliedern die gr\u00f6\u00dfte Gewerkschafterinnengruppe im DGB stellt.<br \/>Wie den Jugendlichen, den Angestellten und Beamten, so sind auch den Frauen besondere Referate in den Vorst\u00e4nden des DGB und seiner Einzelgewerkschaften gewidmet. Programmatik und Inhalte gewerkschaftlicher Frauenarbeit diskutiert die weibliche Mitgliederbasis in Frauenaussch\u00fcssen und auf Frauenkonferenzen.<br \/>Bei der Gr\u00fcndung des Deutschen Gewerkschaftsbundes im Jahre 1949, ging man davon aus, da\u00df die Frauenaussch\u00fcsse, ja die gesamte Frauenarbeit, nur etwas Vor\u00fcbergehendes sein w\u00fcrde &#8212; n\u00f6tig nur solange, bis die Kolleginnen voll in die Gesamtorganisation integriert w\u00e4ren. Und bis das Gleichberechtigungspostulat des Grundgesetzes verwirklicht w\u00e4re. Elfriede Hoffmann von der Abteilung Frauen beim DGB-Bundesvorstand meint:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Wir haben uns aber im Lauf der Jahre eines anderen belehren lassen m\u00fcssen und k\u00f6nnen noch leider immer wieder feststellen, da\u00df es eine ganze Menge Benachteiligungen gibt, wenn auch formaljuristisch die Gleichberechtigung bis auf ganz wenige Ausnahmen erf\u00fcllt ist.&#8221;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Frauen in die Gewerkschaft zu integrieren und die gesamtgesellschaftliche Benachteiligung abzubauen &#8212; das sind, kurzgefa\u00dft, die Anliegen gewerkschaftlicher Frauenarbeit:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Gewerkschaftliche Frauenarbeit ist gesellschaftspolitische Arbeit. Ausgehend von Einzelfragen zur Situation der berufst\u00e4tigen Frauen wird sie zum Motor, um die Situation der Arbeitnehmer und ihrer Familien insgesamt zu verbessern. Sie zielt darauf ab, die Probleme zu analysieren und zu l\u00f6sen, die sich aus der Erwerbst\u00e4tigkeit der Frau, aus ihrer Rolle im Beruf, in Familie und Gesellschaft ergeben. Wir wollen mit der gewerkschaftlichen Frauenarbeit Einflu\u00df nehmen auf die Gestaltung der Lebensverh\u00e4ltnisse, auf die Arbeitsbedingungen, und das ist heute noch immer der richtige Weg, um die Politik der Gewerkschaften mitzugestalten; das hei\u00dft, gemeinsam und nicht getrennt. In einer Gesellschaft, in der die gleichen Rechte der Frauen und die Beteiligung an allen Lebensbereichen und an allen Positionen noch nicht herbeigef\u00fchrt sind, kann auf eine gruppenspezifische Interessenvertretung der Frauen einfach nicht verzichtet werden, auch nicht in den Gewerkschaften.&#8221; [1]<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>lm einzelnen besteht die gewerkschaftliche Programmatsoweit sie die Frauen betrifft, aus einer Vielzahl von tarifpolitischen, sozialpolitischen und bildungspolitischen Forderungen. Ein buntgew\u00fcrfelter Katalog solcher Forderungen ist das DGB-&#8222;Programm f\u00fcr Arbeitnehmerinnen&#8221;:<br \/>&#8222;Gleiche Bildungsm\u00f6glichkeiten und Begabungsf\u00f6rderung&#8221;; &#8222;gleiche berufliche Aufstiegs-Chancen f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner&#8221;; &#8222;Schutz, Sicherheit und Hygiene am Arbeitsplatz&#8221;; &#8222;bessere soziale Sicherung f\u00fcr Frauen &#8212; Ausbau des eigenen Rentenanspruchs&#8221;; &#8222;mehr Hilfen f\u00fcr die Familie&#8221;.<br \/>Diese Forderungen sind sehr allgemein an den Staat und an die Unternehmer gerichtet. Vorstellungen, wie sie im einzelnen durchgesetzt werden sollen, enth\u00e4lt das &#8222;Programm f\u00fcr Arbeitnehmerinnen&#8221; nicht. Was fehlt, ist vor allem eine Analyse der gesellschaftlichen Ursachen f\u00fcr die fundamentale Benachteiligung der Frauen.<br \/>Antiquierte, altv\u00e4terliche Einstellungen zur Rolle der Frau und schlichte Vorurteile in den K\u00f6pfen von Unternehmern, Politikern und der Bev\u00f6lkerung insgesamt werden f\u00fcr die Diskriminierung haupts\u00e4chlich verantwortlich gemacht. Diese Vorurteile gilt es durch beharrliche \u00dcberzeugungsarbeit, auch an den eigenen Kollegen, auszur\u00e4umen, damit Reformen im Sinne der Frauen initiiert werden k\u00f6nnen. Dann, so meinen die Verantwortlichen f\u00fcr die gewerkschaftliche Frauenpolitik, werde sich die Gleichberechtigung nach und nach schon einstellen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"privilegierung-der-maenner\">Privi&shy;le&shy;gie&shy;rung der M&auml;nner<\/span><\/h2>\n<p>Dabei \u00fcbersehen sie, da\u00df die Frauendiskriminierung tief verwoben ist mit dem auf Profitstreben, Konkurrenz und Unterordnung basierenden Wirtschaftssystem. <b>Die patriarchalischen Ideen in den K\u00f6pfen sind dabei nur Abbild der hierarchischen Strukturen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. <\/b>Ohne den Willen, diese Strukturen aufzuheben, das &#8222;Oben&#8221; und &#8222;Unten&#8221; als solches in Frage zu stellen, bedeutet die Forderung nach Gleichberechtigung nicht mehr als: Die Situation der Frauen soll der Situation der M\u00e4nner angeglichen werden. Eine solche Programmatik der formalen Angleichung st\u00f6\u00dft jedoch schon bald an Grenzen. Denn die Arbeitsteilung nach Geschlecht sichert den M\u00e4nnern in der Familie und in der Arbeit bestimmte Privilegien &#8212; bessere Bezahlung, mehr Aufstiegs-Chancen, weitgehende Freistellung von der Hausarbeit. Beim Umsetzen der Gleichberechtigungsforderung in gewerkschaftliche Praxis scheitert daher so manche Initiative am Interesse der M\u00e4nner, auch der gewerkschaftlich aktiven, ihre Vorrechte nicht aufzugeben.<br \/>Das wird deutlich vor allem an der zentralen, von den Gewerkschaften erhobenen Forderung: Gleicher Lohn f\u00fcr gleichwertige Arbeit. Aus dem DGB-&#8222;Programm f\u00fcr Arbeitnehmerinnen&#8221;:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Die Arbeit und Leistung der Frauen ist endlich angemessen zu bewerten. Dazu wird gefordert: die umgehende Verwirklichung des Grundsatzes ,Gleicher Lohn f\u00fcr gleichwertige Arbeit`, und zwar durch die Beseitigung der sogenannten Leichtlohngruppen und der noch vorhandenen, mit ,Frauen` bezeichneten Lohngruppen; die Verbesserung der Lohn- und Gehaltsgruppenbeschreibungen; eine gerechte Festlegung des Arbeitswerts (Aufwertung der Geschicklichkeitsleistungen, der nervlichen Belastungen und \u00e4hnlicher Momente); berufliche Aufstiegsm\u00f6glichkeiten entsprechend den F\u00e4higkeiten und Leistungen der Frauen; das Mitbestimmungsrecht der Betriebs- und Personalr\u00e4te bei der Arbeitsorganisation, um die Leistung der einzelnen Arbeitnehmerin objektiv zu bestimmen.&#8221;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Es ist bezeichnend, da\u00df diese f\u00fcr die Frauen so wichtige Frage nicht eigentlich in den Kompetenzbereich gewerkschaftlicher Frauenarbeit f\u00e4llt. Frauenabteilungen, Frauenaussch\u00fcsse und -konferenzen nehmen dazu zwar immer wieder Stellung, sie k\u00f6nnen aber selbst nichts gegen die Lohnungerechtigkeit unternehmen. Das ist Aufgabe der gewerkschaftlichen Tarifpolitik.<br \/>Die 7. Frauenkonferenz der IG Metall fiel zeitlich mitten in die Tarifbewegung vom Herbst 1970. Lohn- und Gehaltserh\u00f6hungen zwischen 12 1\/2 und 18 Prozent hatte die IG Metall gefordert. Die Verhandlungen zogen sich hin, Warnstreiks in Hessen und im Ruhrgebiet zeigten die gewerkschaftliche Kampfbereitschaft an.<br \/>Trotz der seit Jahren h\u00f6chsten Lohnforderungen, die die IG Metall erhob, waren viele Delegierte der damaligen Frauenkonferenz unzufrieden. Denn diejenigen, die sie vertraten, die Arbeiterinnen und weiblichen Angestellten der Metallindustrie, waren und sind fast ausschlie\u00dflich in den unteren Lohn- und Gehaltsgruppen. Da die Ausgangsbasis, der Tariflohn, so niedrig ist, schlagen selbst kr\u00e4ftige prozentuale Erh\u00f6hungen nur unzureichend bis in die Lohnt\u00fcten der Frauen durch. Am zweiten Tag der Konferenz beschwerte sich die Delegierte Monika Dose aus Kiel:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Ich m\u00f6chte an dieser Stelle mal etwas an die Adresse der Tarifkommissionen sagen. Bitte, mi\u00dfversteht das nicht. Ich kann nur sagen, da\u00df die Frauen sehr gespannt sind auf den Abschlu\u00df dieser Tarifverhandlungen, und wir werden sehr neugierig sein, wieweit man uns dabei vertritt. Wir sind nicht mehr bereit, uns nur mit Versprechungen, da\u00df man sich f\u00fcr unsere Interessen einsetzen wird &#8212; das hei\u00dft in diesem Fall Abschaffung der unteren Lohngruppen oder zumindest Anhebung der Relationen &#8212; zufrieden zu geben. Wir werden Ma\u00dfnahmen ergreifen, wir werden Konsequenzen erwarten. Und wenn diese nicht erfolgen, werden wir energisch zur Selbsthilfe greifen m\u00fcssen.&#8221; [2]<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Tr\u00f6stende Worte sprach dagegen der oberste Tarifpolitiker der IG Metall, Hans Mayr:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Die Anhebung der unteren Lohngruppen und Gehaltsgruppen ist ein Ziel, das wir seit langem verfolgen und das in dieser Tarifbewegung nur dort angefa\u00dft worden ist, wo das auch rechtlich m\u00f6glich ist. Aber wir k\u00f6nnen heute schon den Arbeitgebern sagen, da\u00df das Problem der Anhebung der unteren Lohn- und Gehaltsgruppen nicht etwa mit dieser Tarifbewegung, allein in den Bezirken, in denen es m\u00f6glich ist, erledigt ist, sondern wir lassen dieses Problem nicht mehr ruhen, bis wir es auch erledigt haben&#8221; [3].<\/p>\n<\/blockquote>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"statt-frauenlohngruppen-leichtlohngruppen\">Statt Frauen&shy;lohn&shy;grup&shy;pen: Leicht&shy;lohn&shy;gruppen<\/span><\/h2>\n<p>Nicht der erfolgreichen Tarifpolitik der Gewerkschaften war es zu verdanken, da\u00df Mitte der f\u00fcnfziger Jahre die besonderen Frauenlohngruppen abgeschafft wurden. 1955 entschied vielmehr das Bundesarbeitsgericht &#8212; allerdings aufgrund einer von den Gewerkschaften initiierten Klage &#8212;, da\u00df der Gleichberechtigungsgrundsatz auch die Tarifvertragsparteien als unmittelbar geltendes Recht binde. Frauenlohngruppen oder Abschlagsklauseln, die eine Lohnminderung bis zu 25 Prozent gegen\u00fcber den M\u00e4nnern vorsahen, mu\u00dften aus den Tarifvertr\u00e4gen verschwinden.<br \/>Damit w\u00e4re eigentlich die Frage der Unterbezahlung weiblicher Arbeitskraft gel\u00f6st gewesen. Aber die Frauenlohngruppen und die Abschlagsklauseln wurden &#8212; ohne besonderen Widerstand der Gewerkschaften [4] &#8212; nicht ersatzlos gestrichen. An ihrer Stelle tauchten vielmehr als &#8222;\u00dcbergangsl\u00f6sung&#8221; in den Tarifvertr\u00e4gen die bekannten Leichtlohngruppen auf.<br \/>Die T\u00e4tigkeitsbeschreibungen f\u00fcr diese untersten. Lohngruppen sind unterschiedlich. Fast immer ist jedoch die Rede von &#8222;leichter&#8221; Arbeit oder von &#8222;einfachen&#8221; T\u00e4tigkeiten, die nach &#8222;kurzer Anlernzeit&#8221; ausgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen und mit &#8222;geringen k\u00f6rperlichen Belastungen&#8221; verbunden sind. <b>Es sind die alten Frauenl\u00f6hne in scheinbar geschlechtsneutralem Gewand. <\/b>Die m\u00e4nnlichen Hilfsarbeiter fangen zwei oder drei Stufen h\u00f6her an. Der Gegensatz zwischen den harmlos klingenden Formulierungen im Tarifvertrag und der Wirklichkeit an Frauenarbeitspl\u00e4tzen k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein. &#8222;Einfach&#8221; und &#8222;leicht&#8221; bedeutet in Wahrheit &#8222;einseitig belastend&#8221;, &#8222;monoton&#8221; und &#8222;stupide&#8221;, bedeutet Arbeit, die die meisten infolge des extrem hohen Akkordtempos nur wenige Jahre durchhalten k\u00f6nnen.<br \/>Fragt man die Gewerkschaften, was die Tarifpolitik der letzten Jahre geleistet habe, um die Lohngleichheit herzustellen, so wird darauf verwiesen, da\u00df die unteren Gruppen bei fast jedem Tarifabschlu\u00df \u00fcberproportional stark angehoben wurden. Der Abstand der unteren Gruppen zum sogenannten Ecklohn, dem einfachen Facharbeiterlohn, hat sich in der Tat st\u00e4ndig verringert. 1950 betrug er in der Metallindustrie rund 35 Prozent, heute nur noch 20 bis 18 Prozent.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"tarifpolitik-vergroessert-abstand-zwischen-lohngruppen\">Tarif&shy;po&shy;litik vergr&ouml;&szlig;ert Abstand zwischen Lohngruppen<\/span><\/h2>\n<p>Wenn die Gewerkschaften auf die Erfolge dieser Taktik hinweisen, verschweigen sie jedoch meist, da\u00df die Relation der untersten Gruppen zum Ecklohn keinen wirklichen Vergleich mehr zu-l\u00e4\u00dft. 1950 war der Ecklohn die h\u00f6chste Lohngruppe in der Metallindustrie &#8212; heute ist er die 7. von insgesamt zehn oder mehr. Seit 1950 ist eine Vielzahl neuer Gruppen f\u00fcr gehobene Fach-arbeiten hinzugekommen.<b> In Mark und Pfennig hat sich der Abstand zwischen unten und oben sogar erheblich vergr\u00f6\u00dfert. <\/b>Betrug die Differenz zwischen dem unteren und dem oberen Ende der Tarifskala in den wichtigsten Metalltarifgebieten 1950 durchschnittlich 66 Pfennig, so ist sie heute auf rund DM 3,50 angewachsen.<br \/>Durch prozentuale Lohnerh\u00f6hungen w\u00e4chst diese Kluft st\u00e4ndig weiter. Denn 10 oder 12 Prozent, bezogen auf die niedrigen L\u00f6hne der unteren Gruppen, ergibt sehr viel weniger Geld als 10 oder 12 Prozent, bezogen auf die oberen Lohngruppen, die den Frauen so gut wie verschlossen sind.<br \/>Gertrud Mahnke, damals im Vorstand der IG Metall, pl\u00e4dierte daher auf der Frauenkonferenz 1970 f\u00fcr lineare Erh\u00f6hungen, bei denen jedei Besch\u00e4ftigte, unabh\u00e4ngig von seiner tariflicher.<br \/>Eingruppierung, den gleichen Geldbetrag als Zuschlag erh\u00e4lt:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Selbstverst\u00e4ndlich will niemand von denen, die eine lineare Anhebung fordern, den Leistungslohn abschaffen. F\u00fcr unsere bezirklichen Tarifkommissionen, f\u00fcr unsere Tarifschneider, erhebt sich aber die Frage, ob bei immerw\u00e4hrenden prozentualen Anhebungen, unter Beibehaltung der Relationen der einzelnen Lohngruppen, das Auseinanderklaffen &#8212; ausgedr\u00fcckt in barem Geld &#8212; nicht \u00fcbergro\u00df wird. Dieser Frage sollten meines Erachtens die Tarifexperten gro\u00dfe Aufmerksamkeit widmen&#8221;. [5]<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Manche Gewerkschaften gehen diesen Weg zumindest ein kurzes St\u00fcck, indem sie neben der prozentualen Erh\u00f6hung einen f\u00fcr alle gleichen Sockelbetrag fordern. In der IG Metall hat man sich damit noch nicht recht anfreunden m\u00f6gen. Die Tarifpolitiker dieser Gewerkschaft verteidigen die Prozentforderungen mit dem Argument, nur so k\u00f6nnten die qualifizierteren Arbeiten leistungsgerecht entlohnt werden. Da\u00df die Leistungen der Frauen dabei relativ immer weniger angemessen bezahlt werden, wird von den Tarifexperten \u00fcbersehen. Dazu Karlheinz Br\u00e4uer, Bezirksleiter der IG Metall in K\u00f6ln und als solcher mitverantwortlich f\u00fcr die Tarifpolitik in Nordrhein-Westfalen:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Eine Erh\u00f6hung mit gleichbleibenden Geldbetr\u00e4gen bewirkt in den unteren Lohngruppen eine st\u00e4rkere Heranf\u00fchrung an den Ecklohn. Aber im oberen Bereich w\u00fcrde, gleicherma\u00dfen wie unten eine Heranf\u00fchrung erfolgt, oben auch eine Einengung erfolgen. Und es k\u00f6nnte hier sehr, sehr schnell aus einem Problem der unteren Lohngruppen ein Problem der Facharbeiter und der qualifizierten Facharbeiter werden. Wir vertreten daher in Nordrhein-Westfalen &#8212; und haben es tarifpolitisch praktiziert &#8212; die Meinung, da\u00df neben den prozentualen Erh\u00f6hungen der Versuch unternommen werden mu\u00df, die unteren Lohngruppen durch Ver\u00e4nderung des Lohnschl\u00fcssels heranzuf\u00fchren. &#8212; Eine Verringerung oder eine Einengung des oberen Bereiches w\u00fcrde die Bezugsbasis, die Ausgangsbasis f\u00fcr die Berechnung der Leislungszulage, f\u00fcr die Berechnung des Akkordverdienstes und f\u00fcr die Berechnung der Pr\u00e4mie mindern.&#8221; [6]<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Einen weiteren Ansatzpunkt f\u00fcr die Herstellung der Lohngleichheit sehen die Gewerkschaften in der &#8222;Verbesserung&#8221; der Lohngruppentexte:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Wir alle wissen, da\u00df es immer untere Lohngruppen geben wird. Die Frage, die sich stellt, ist aber doch, wie die Anforderungen, die den Frauen abverlangt werden, zum Beispiel Geschicklichkeit, Fingerfertigkeit, einseitige K\u00f6rperhaltung, hohe Sichtleistung<br \/>und \u00e4hnliches, beurteilt und bewertet werden. Landl\u00e4ufig werden diese Anforderungen von vornherein als geringwertig angesehen und als k\u00f6rperlich leicht bezeichnet. Hier ist eine Diskriminierung gegeben. Denn ich bestreite, da\u00df es bei den heutigen Arbeitsanforderungen innerhalb des Betriebes \u00fcberhaupt k\u00f6rperlich leichte Arbeit gibt. Ein Achtstundentag, der die Sinne und Nerven der Arbeitnehmer, verbunden mit hohen Intensit\u00e4ten, in einem so ungeheuren Ausma\u00df beansprucht, kann beim besten Willen nicht k\u00f6rperlich leicht sein&#8221;. [7]<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Muskelkraft und Ausbildung werden in den Tarifvertr\u00e4gen durchg\u00e4ngig h\u00f6her bewertet als alle anderen Anforderungsarten. Damit sind aber die Frauen von vornherein in der schlechteren Position, denn die Facharbeiterinnen sind d\u00fcnn ges\u00e4t. Rund 90 Prozent aller Arbeiterinnen sind Hilfs- oder angelernte Kr\u00e4fte. Das Kriterium ,Muskelkraft` ist dagegen meist nur ein Vorwand, um Frauen von qualifizierteren oder angenehmeren Arbeiten auszuschlie\u00dfen. Denn B\u00e4renkr\u00e4fte sind in der Industrie von heute kaum noch gefragt, und auch die M\u00e4nner setzen selten mehr als drei\u00dfig Prozent ihrer K\u00f6rperkraft im Arbeitsproze\u00df ein.<br \/>Seit 1972 legen die Tarifvertr\u00e4ge der chemischen Industrie f\u00fcr Nordrhein- Westfalen fest, da\u00df unter &#8222;leichter Arbeit&#8221; keine T\u00e4tigkeiten mehr eingruppiert werden d\u00fcrfen, die ein erh\u00f6htes Ma\u00df an Aufmerksamkeit, Konzentration und nervlicher Belastung erfordern. Der Metalltarif von Nordw\u00fcrttemberg\/Nordbaden schreibt vor, da\u00df unter &#8222;belastende Arbeiten&#8221; auch solche einzugruppieren sind, bei denen nicht nur Muskeln, sondern auch Nerven und Sinnesorgane strapaziert werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"noch-immer-unterbezahlung-der-frauen\">Noch immer Unter&shy;be&shy;zah&shy;lung der Frauen<\/span><\/h2>\n<p>Aber in fast allen g\u00fcltigen Metalltarifvertr\u00e4gen und in vielen anderen Branchen, wie etwa der S\u00fc\u00dfwaren- oder der Holzindustrie, finden sich weiterhin die frauendiskriminierenden Kategorien der &#8222;leichten&#8221; und &#8222;einfachen&#8221; Arbeiten, Und alle Jahre wieder, wenn die Erneuerung des Manteltarifvertrages f\u00fcr die metallverarbeitende Industrie Hessens anstand, hat die IG Metall mit ihrer Unterschrift die untersten Lohngruppen abgesegnet, in denen die Rede war von &#8222;einfachen Arbeiten, die in dem betreffenden Betrieb \u00fcblicherweise von Frauen ausgef\u00fchrt werden&#8221;. Erst im Februar 1974 wurde dieser ganz offen die Frauen diskriminierende Hinweis gestrichen.<br \/>Auch die sogenannte analytische Arbeitsbewertung \u00e4ndert wenig an der Unterbezahlung der Frauen. Das analytische Lohnfindungsverfahren ber\u00fccksichtigt zwar die Anforderungen f\u00fcr jede T\u00e4tigkeit sehr viel differenzierter als die \u00fcbliche schematische Einteilung in zehn oder zw\u00f6lf Lohngruppen. Aber wie die einzelnen Anforderungen dann bewertet werden, das h\u00e4ngt von den Macht- und Interessenstrukturen in den Industriebereichen, beziehungsweise in den Betrieben ab. Die unterlegene Position der Frauen &#8212; gegen\u00fcber den Unternehmern und innerhalb der Gewerkschaften &#8212; f\u00fchrt dann wiederum dazu, da\u00df die Anforderungen an Frauenarbeitspl\u00e4tzen geringer bewertet werden.<br \/>Konsequenter als die Verbesserung der T\u00e4tigkeitsbeschreibungen oder die Anhebung der Leichtlohngruppen w\u00e4re ihre ersatzlose Entfernung aus den Tarifvertr\u00e4gen &#8212; wodurch die Tarifvertragsparteien endlich dem Bundesarbeitsgerichts-Urteil von 1955 entsprechen w\u00fcrden. Auch diesen Weg versuchen die Gewerkschaften zu gehen. In sieben Tarifgebieten der metallverarbeitenden Industrie ist die jeweils unterste Lohngruppe inzwischen weggefallen. Im kleinen Tarifgebiet Lippe ist es der IG Metall 1973 sogar gelungen, die Gruppen 1 und 2 zu streichen. In Nordrhein- Westfalen k\u00fcndigte die IG Metall die Lohngruppen 1 und 2 bereits zum Ende des Jahres 1971. Die Verhandlungen schleppten sich \u00fcber ein Jahr hin. Schlie\u00dflich unterbreiteten die Unternehmer ein Angebot: Streichung der Lohngruppe 1 ab Juli 1973, Beibehaltung der Lohngruppe 2 bis 1975. Was dann geschah, schilderte der IG Metall-Funktion\u00e4r Dieter Braeg:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Am 3.1.1973 tagte in Bochum die zust\u00e4ndige Tarifkommission der IG Metall. W\u00e4hrend der Sitzung kamen Telegramme aus Frauenbetrieben in Nordrhein-Westfalen in Bochum an. Inhalt war die Bitte und Forderung der Frauen dieser Firmen, die Lohngruppen 1 und 2 ersatzlos ab sofort, wie bereits einmal einstimmig beschlossen, zu streichen. Der Vor-sitzende der Tarifkommission hat w\u00e4hrend der fast zweist\u00fcndigen Sitzung mindestens 4 Telegramme ganz bestimmt erhalten. Sie wurden dem Gremium nicht bekanntgegeben, sondern verschwanden in einer Mappe&#8221;. [8]<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der K\u00f6lner Bezirksleiter Karlheinz Br\u00e4uer beurteilt die damalige Tarifbewegung so:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Es hat hier einiger &#8211; sehr schwieriger und intensiver Verhandlungen bedurft, um \u00fcberhaupt die Arbeitgeberseite dazu zu bewegen, die Lohngruppe 1 wenigstens zu streichen. Wir waren ja in Nordrhein-Westfalen das erste Tarifgebiet, dem es \u00fcberhaupt<br \/>gelungen ist, die unterste Lohngruppe ersatzlos zu streichen, oder &#8212; genauer ausgedr\u00fcckt &#8212; die Lohngruppe 1 in der Lohngruppe 2 aufgehen zu lassen. &#8212; Die Reaktionen in den einzelnen Bereichen sind recht unterschiedlich gewesen. Aber man kann sagen, da\u00df Tarifergebnisse ja nicht in einzelne Bestandteile zerlegt werden k\u00f6nnen, sondern da\u00df Tarifergebnisse in ihrer Gesamtheit gesehen werden m\u00fcssen. Wir haben damals, zu Beginn des Jahres 1973, mit aller Deutlichkeit klar gemacht, da\u00df die Streichung der Lohngruppe 1 und die Festlegung der Lohngruppe 2 auf 80 Prozent nur eine Zwischenl\u00f6sung ist. Und die Tarifkommission, die ja am 22. November 1974 tagte, hat hier mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht, da\u00df sie sich gegen\u00fcber den Arbeitnehmern in der unteren Lohngruppe im Wort f\u00fchlt und trotz schwieriger wirtschaftlicher Situation sich entschlossen, die ersatzlose Streichung der Lohngruppe 2 zu fordern&#8221;. [9]<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Es blieb bei der Forderung. Denn die diesj\u00e4hrige Lohnrunde in der nordrheinwestf\u00e4lischen Metallindustrie brachte nicht nur n i c h t die Abschaffung der Lohngruppe 2&#8212; diese wurde sogar f\u00fcr die n\u00e4chsten dreieinhalb Jahre festgeschrieben, denn der die Gruppe 2 betreffende Teil des Lohnrahmentarifvertrags ist erstmals zum 30. Juni 1978 k\u00fcndbar! Die einzige Konzession der Unternehmer: Ab 1. Januar 1976 wird die unterste Lohngruppe von jetzt 80 Prozent auf 82 Prozent vom Facharbeiter-Ecklohn angehoben.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"tarifpolitik-vor-allem-maennersache\">Tarif&shy;po&shy;litik &mdash; vor allem M&auml;nnersache<\/span><\/h2>\n<p>Auf einer DGB-Veranstaltung klagte eine Funktion\u00e4rin der IG Chemie: &#8222;Tarifergebnisse m\u00fcssen in ihrer Gesamtheit gesehen werden.&#8221; Aber manche Gewerkschafterinnen meinen, da\u00df beim gro\u00dfen \u00dcberblick die Interessen der Frauen zu oft unter den Verhandlungstisch fallen:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Die Unternehmer sitzen ja immer mit dem Rechenstift dabei. Sie rechnen uns vor, um wieviel Prozent die Gesamterh\u00f6hung niedriger w\u00e4re, wenn die untersten Lohngruppen wegfielen. Die Kollegen sind selten bereit, f\u00fcr die Abschaffung der unteren Gruppen zu k\u00e4mpfen; wenn das zu Lasten der Facharbeiterl\u00f6hne geht. Wenn die Spitzengruppen um ein bis zwei Prozent zur\u00fcckstecken m\u00fcssen, ist der Ofen schon aus.&#8221; [10]<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><b>Die Tarifpolitik der Gewerkschaften wird von M\u00e4nnern gemacht, von M\u00e4nnern, die nie selbst erfahren haben, was es hei\u00dft, die stupide und schlecht bezahlte Frauenarbeit machen zu m\u00fcssen.<br \/><\/b>Neben den hauptamtlichen Funktion\u00e4ren der Gewerkschaften geben die Betriebsr\u00e4te der Gro\u00dfunternehmen in den Tarif kommissionen den Ton an. Sie selbst werden nach den oberen Lohfl- und Gehaltsgruppen bezahlt. Ihre Probleme sind nicht die der Hilfsarbeiterinnen. Und ihr Interesse als Tarifpolitiker ist es in erster Linie, das organisatorische R\u00fcckgrat der Industriegewerkschaften, die m\u00e4nnlichen Facharbeiter,<br \/>zufriedenzustellen. <br \/>Frauen sind in en Tarifkommissionen seltene Erscheinungen: In Hamburg sitzen zwei Kolleginnen unter 92 Mitgliedern der Gro\u00dfen Tarifkommission f\u00fcr die metallverarbeitende Industrie; in Schleswig-Holstein ist das Verh\u00e4ltnis Frauen zu M\u00e4nnern 5 zu 92, in Nordrhein-Westfalen 5 zu 181.<br \/>Und schon gar nicht werden die Belange der Frauen so wichtig genommen, da\u00df um ihretwillen die st\u00e4rkste Waffe im gewerkschaftlichen Kampf, der Str e i k, eingesetzt w\u00fcrde. Entsprechende Appelle blieben bislang ohne Echo:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Ich w\u00fcrde meinen, das ganze Problem der unteren Lohngruppen ist &#8212; gerade f\u00fcr unsere Gewerkschaft und in unserem Industriebereich &#8212; schlechthin ein gesellschaftspolitischer Skandal. Wir haben heute zu verzeichnen, da\u00df wir die Unterst\u00fctzung der \u00d6ffentlichkeit in dieser Frage haben. Das war nicht immer so. Aber ich meine, da\u00df f\u00fcr uns als Metaller die Solidarit\u00e4t unserer Kollegen auch einmal zutage treten mu\u00df. Denn es m\u00fc\u00dfte mit dem Teufel zugehen, wenn 90 Prozent ausgewachsene Metaller es nicht fertig-br\u00e4chten, f\u00fcr 10 Prozent aktive Kolleginnen unserer Organisation dieses Problem endlich vom Tisch zu bringen&#8221;. [11]<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Benachteiligung der Frauen ist in den Tarifvertr\u00e4gen vorgezeichnet; praktiziert wird sie je-doch erst in den Betrieben. Dort werden die Besch\u00e4ftigten auf die Lohngruppen aufgeteilt, dort wird durch Pr\u00e4mien, Zuschl\u00e4ge und au\u00dfertarifliche Bezahlung entschieden, was jeder am Wochen- oder Monatsende auf dem Konto oder in der Lohnt\u00fcte hat. Der Arbeitgeber kann dabei nicht nach Belieben verfahren. Die Betriebsr\u00e4te haben bei der Auslegung des Tarifvertrages, vor allem bei der Eingruppierung, ein Mitbestimmungsrecht. Ausschlaggebend f\u00fcr den Effektivverdienst der Frauen ist daher nicht zuletzt das Verhalten der Betriebsr\u00e4te.<br \/>Die Betriebsr\u00e4te sind zwar keine Organe der Gewerkschaft, sondern innerbetriebliche Interessenvertreter der Besch\u00e4ftigten. Andererseits sind sie meist auch aktive Gewerkschafter. In der Metallverarbeitung, in der Eisen- und Stahlindustrie sind die Betriebsr\u00e4te fest in der Hand der IG Metall. Umgekehrt haben vor allem die Betriebsratsvorsitzenden der Gro\u00dfbetriebe in Gewerkschaftsangelegenheiten ein gewichtiges Wort mitzureden; in den Vorst\u00e4nden auf Orts- und Bezirksebene, als Delegierte auf Konferenzen oder als Mitglieder der Tarifkommissionen. Man k\u00f6nnte also davon ausgehen, da\u00df sie sich bei ihrer Betriebsratsarbeit allen Grunds\u00e4tzen gewerkschaftlicher Politik verpflichtet f\u00fchlen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"beispiel-prym-werke\">Beispiel Prym-Werke<\/span><\/h2>\n<p>Die William-Prym-Werke KG in Stolberg bei Aachen produzieren Kurzwaren aus Metall und Kunststoff. Frauen arbeiten vor allem im Zweigwerk Alsdorf in der Rei\u00dfverschlu\u00df-Konfektion. Sie spulen Garn f\u00fcr die Weberei, wickeln Rei\u00dfverschlu\u00df-B\u00e4nder um F\u00e4rbertrommeln, montieren Schieber und Stoppteile auf die Verschl\u00fcsse, pr\u00fcfen die fertigen Rei\u00dfverschl\u00fcsse auf Funktionsf\u00e4higkeit. Die simplen Handgriffe wiederholen sich st\u00e4ndig. Die meisten Frauen sind an ihren Platz gebunden, haben kaum Bewegungsfreiheit. Die Arbeit ist inhaltsleer und stumpfsinnig; vieles k\u00f6nnte ebenso gut von Maschinen ausgef\u00fchrt werden.<br \/>Aber Frauen sind billiger. 5,31 DM Tariflohn in der Stunde erhalten die Arbeiterinnen bei Prym in der Rei\u00dfverschlu\u00df-Konfektion &#8212; sofern sie 21 oder \u00e4lter sind. F\u00fcr Jugendliche beginnt der Tarif bei DM 3,19. Hinzu kommen Akkordpr\u00e4mien zwischen 40 Pfennig und maximal einer D-Mark pro Stunde. DM 5,31 &#8212; das entspricht der Lohngruppe 2 im Tarifvertrag. [12]<br \/>Aus einem Interview mit dem Funktion\u00e4r der IG Metall und Betriebsratsvorsitzenden der Prym-Werke, Matthias Brauer [13]:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;W\u00fcrden Sie sagen, da\u00df diese Definition zutrifft auf die Arbeit, die von Frauen hier \u00fcberwiegend verrichtet wird?&#8221;<br \/>&#8222;Ich w\u00fcrde sagen, ja. Es ist keine k\u00f6rperlich schwere Arbeit, aber durch die monotone Arbeitsweise eine stark physisch belastende T\u00e4tigkeit.&#8221;<br \/>&#8222;Psychisch belastend?&#8221;<br \/>&#8222;Ja, psychisch belastende T\u00e4tigkeit.&#8221;<br \/>&#8222;W\u00fcrde das nicht eine H\u00f6hergruppierung rechtfertigen?&#8221;<br \/>&#8222;Das ist eine Frage, die nicht so ohne weiteres zu beantworten ist. Man kann auch die Macht der Betriebsr\u00e4te nicht \u00fcbersch\u00e4tzen. Das ist eine Frage, die im Gesamten gesehen werden mu\u00df, nicht nur f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten hier in unserem Werk, sondern f\u00fcr alle weiblichen Besch\u00e4ftigten. Es mu\u00df Aufgabe der Gewerkschaften sein, insgesamt f\u00fcr die Frauen noch mehr zu tun, als sie bisher zu tun vermochten. Hier hat auch die Bundesregierung nach meinem Daf\u00fcrhalten eine verpflichtende Aufgabe, f\u00fcr die berufst\u00e4tige Frau mehr zu tun, dh, auch die Gewerkschaften dahingehend zu unterst\u00fctzen, da\u00df sie gesetzliche Regelungen findet, derart, da\u00df f\u00fcr Besch\u00e4ftigte \u00fcberhaupt ein h\u00f6herer Mindestlohn vom Gesetzgeber her angelegt wird, worauf dann die Gewerkschaften ihre Vorstellungen aufbauen k\u00f6nnten.&#8220;<br \/>&#8222;Warum werden nicht auch M\u00e4nner f\u00fcr die Rei\u00dfverschlu\u00df-Montage eingestellt?&#8221;<br \/>&#8222;Tja, weil&#8217;s nach meinem Daf\u00fcrhalten eine typische Frauenarbeit ist und M\u00e4nner eigentlich ungeeignet sind, solche Arbeiten durchzuf\u00fchren . . .&#8221;<br \/>&#8222;Und in welcher Beziehung sind M\u00e4nner ungeeignet daf\u00fcr?&#8221;<br \/>&#8222;Sie sind mit ihren H\u00e4nden nicht so geschickt wie eine Frau.&#8221;<br \/>Aber ausschlaggebend daf\u00fcr, da\u00df nicht auch M\u00e4nner sogenannte einfache Arbeit verrichten, ist wohl etwas anderes:<br \/>&#8222;Ja, da tritt nat\u00fcrlich die Frage der Bezahlung wieder in den Vordergrund. In aller Regel ist es so, da\u00df nun der Mann eine Familie zu versorgen hat und darauf angewiesen ist, T\u00e4tigkeiten auszu\u00fcben, wo ein entsprechendes Einkommen zu erwarten ist. Bei vielen Frauen ist es so, da\u00df diese T\u00e4tigkeit, die sie aus\u00fcben, als Nebenverdienst f\u00fcr die Familie angesehen wird. Und da liegt wahrscheinlich der Grund, warum M\u00e4nner mit solchen Arbeiten nicht besch\u00e4ftigt werden wollen. Im \u00fcbrigen ist das Angebot am Arbeitsmarkt an Frauen f\u00fcr solche Arbeiten hier in unserem Bereich gegeben.&#8221;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Nach Paragraph 75 des Betriebsverfassungsgesetzes haben Arbeitgeber und Betriebsrat dar\u00fcber zu wachen, da\u00df kein Besch\u00e4ftigter, unter anderem aufgrund seines Geschlechts, benachteiligt oder bevorzugt wird. Unternehmensleitung und Belegschaftsvertreter versto\u00dfen wohl kaum so h\u00e4ufig gegen eine Bestimmung des Gesetzes wie gerade gegen diese. Bei den Prym-Werken haben sich Gesch\u00e4ftsleitung und Betriebsrat geeinigt, da\u00df M\u00e4nner mindestens in die Lohngruppe 4 einzustufen sind, Frauen jedoch grunds\u00e4tzlich nur in die Gruppe 2 &#8212; auch wenn einzelne h\u00f6her bezahlt werden. Nur so, sagt der Betriebsratsvorsitzende, sei es gelungen, die L\u00f6hne der Prym-Belegschaf t dem nordrhein-westf\u00e4lischen Metalltarif anzugleichen (denn die Firma Prym ist nicht Mitglied im Arbeitgeberverband).<br \/>Lohnrahmentarif f\u00fcr die metallverarbeitende Industrie Nordrhein-Westfalen, Lohngruppe 4; &#8222;Arbeiten, die ein Anlernen von vier Wochen erfordern.&#8221;<br \/>Wer kommt bei Prym in die Lohngruppe 4?<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;M\u00e4nnerarbeiten, die in Gruppe 4 eingruppiert sind, das w\u00e4re bei uns hier der Mann, der reine Hilfst\u00e4tigkeiten macht, das hei\u00dft, der Reinigungsdienste auf dem Hof hat, Kehren und solche Dinge; oder aber Leute, die jetzt zum Beispiel in der Weberei in Alsdorf mit Maschinenpflege besch\u00e4ftigt sind, das hei\u00dft, die mit schweren Staubsaugern die Woliflusen vom Boden aufsaugen und zwischen den St\u00fchlen die Abschmierarbeiten machen, das hei\u00dft, ganz einfache Hilfst\u00e4tigkeiten.&#8221;<br \/>&#8222;Aber solche Arbeiten k\u00f6nnten doch prinzipiell auch von Frauen gemacht werden?&#8221;<br \/>&#8222;Ja, ich glaube, es ist aber einer Frau nicht zuzumuten, aus Piet\u00e4tsgr\u00fcnden, mit einem Besen \u00fcber den Hof zu laufen. Das gibt&#8217;s in Polen und in Ungarn, in den sogenannten sozialistischen Staaten; dort werden die Frauen als Stra\u00dfenfeger besch\u00e4ftigt. Ich meine, das sollte man einer Frau nicht zumuten. Im \u00fcbrigen, Putzarbeiten, wie ich sie eben erw\u00e4hnte, sind zum Teil k\u00f6rperlich schwere Arbeiten, die man auch einer Frau nicht zumuten soll.&#8221;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>In der Bandweberei der Prym-Werke arbeiten ausschlie\u00dflich M\u00e4nner. Ihre Anlernzeit betr\u00e4gt etwa ein Jahr. Sie kommen dann in die Lohngruppe 7&#8212; Lohn f\u00fcr einfache Facharbeiten &#8212; und verdienen einschlie\u00dflich Pr\u00e4mien bis zu 10 Mark in der Stunde. Vor einiger Zeit versuchte die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung &#8212; weil m\u00e4nnliche Arbeitskr\u00e4fte gerade knapp waren, wie der Personalleiter zu-gibt &#8212; auch Frauen in der Weberei einzustellen. Es kam aber zu Schwierigkeiten mit den dort besch\u00e4ftigten M\u00e4nnern, die offenbar eine Konkurrenz f\u00fcrchteten. Ich befragte dazu den Betriebsratsvorsitzenden Breuer:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Wie hat sich der Betriebsrat da verhalten? Haben Sie zum Beispiel die Kollegen darauf aufmerksam gemacht, da\u00df auch die Frauen auf diese qualifiziertere und besser bezahlte T\u00e4tigkeit ein Anrecht h\u00e4tten?&#8221;<br \/>&#8222;Sicher haben wir das angesprochen, aber es bestand keine Veranlassung, Besonderes zu unternehmen, weil die Frauen von sich aus gekommen sind und gesagt haben, da\u00df sie in diesem Betrieb nicht mehr besch\u00e4ftigt werden wollten &#8212; und zwar aus &#8230; \u00e4h &#8230; besonderen Gr\u00fcnden. Die Kollegen waren so clever, den Frauen darzulegen, da\u00df sie die Zierde der &#8230; mh, der Frau &#8230; \u00e4h, mh, also diese Besch\u00e4ftigung abtr\u00e4glich w\u00e4re. Man mu\u00df ja an einem Webstuhl sich manchmal \u00fcber die Weblade mit dem Oberk\u00f6rper \u00fcberlegen dann werden bestimmte K\u00f6rperteile der Frau in Mitleidenschaft gezogen. Um nun diese Zierde nicht zu verunstalten, haben die Frauen dann auf Anraten ihrer Kollegen darauf verzichtet, dort besch\u00e4ftigt zu sein.&#8221;<br \/>&#8222;Andererseits gibt&#8217;s doch in der Textilindustrie ziemlich viele Frauen, die als Weberinnen arbeiten. Haben Sie nicht die Kollegen darauf aufmerksam gemacht, da\u00df das wohl vorgeschobene Gr\u00fcnde nur sind?&#8221;<br \/>&#8222;Ja, sicher haben wir das; weil aber von den Frauen her der Wunsch nicht vorgetragen wurde, dort weiter besch\u00e4ftigt zu sein, haben wir darauf verzichtet, da n\u00e4her d&#8217;rauf einzugehen.&#8221;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Werden die Frauen schon durch die Eingruppierungspraxis benachteiligt und dadurch, da\u00df sie von den qualifizierteren Arbeiten ausgeschlossen werden, so kommt noch eine weitere Diskriminierung hinzu: bei den au\u00dfertariflichen Zulagen. <b>Nicht nur werden mehr M\u00e4nner als Frauen \u00fcbertariflich entlohnt &#8211; die Zuschl\u00e4ge fallen bei den M\u00e4nnern auch entschieden h\u00f6her aus als bei ihren Kolleginnen.<br \/><\/b>Auch das brauchten Belegschaftsvertreter, zumal gewerkschaftlich engagierte, nicht zu dulden. Durch ihr Recht auf Einsichtnahme in die Bruttolohn- und Gehaltslisten k\u00f6nnen sie gegen solche Ungerechtigkeiten angehen; sie sind nach dem Gesetz sogar dazu verpflichtet.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"frauen-das-schwaechste-glied-im-betrieb\">Frauen &ndash; das schw&auml;chste Glied im Betrieb<\/span><\/h2>\n<p>Andererseits stehen die Betriebsr\u00e4te im Spannungsfeld zwischen der konsequenten Vertretung der Belegschaftsinteressen und der Pflicht zur Friedenswahrung und zur &#8222;vertrauensvollen Zusammenarbeit&#8221; mit dem Arbeitgeber, die ihnen das Betriebsverfassungsgesetz auferlegt. In den t\u00e4glichen Auseinandersetzungen in den Betrieben geraten da programmatische Grunds\u00e4tze der Gewerkschaften oft in Vergessenheit. <b>Frauen sind die schw\u00e4chste Gruppe innerhalb der betrieblichen Machtstrukturen. Einigungen und Kompromisse zwischen Unternehmern und Betriebsr\u00e4ten gehen daher oft genug auf ihre Kosten &#8211; zumal dann, wenn die Belegschaftsvertreter davon ausgehen, da\u00df die Kolleginnen ohnehin alles passiv hinnehmen.<\/b> So kommen viele Betriebsr\u00e4te &#8211; selbst befangen in patriarchalischen Vorstellungen &#8211; objektiv dem Interesse der Unternehmer an billiger weiblicher Arbeitskraft entgegen.\u00a0<br \/>Diesen Schlu\u00df mu\u00df man jedenfalls aus einer Untersuchung ziehen, die die IG Druck und Papier in Nordrhein-Westfalen durchgef\u00fchrt hat. Dort sind die m\u00e4nnlichen Hilfskr\u00e4fte in der Papierverarbeitung fast ausschlie\u00dflich in den oberen Lohngruppen, die Hilfsarbeiterinnen fast ebenso vollst\u00e4ndig in den untersten Gruppen angesiedelt. Mit einer &#8222;Aktion gerechte Eingruppierung&#8221; will die IG Druck jetzt ihre Mitglieder in dieser Frage aufr\u00fctteln. Vor allem die Betriebsr\u00e4te sollen auf Trab gebracht werden, damit sie endlich in der Frauenlohnfrage diejenigen M\u00f6glichkeiten nutzen, die ihnen das Betriebsverfassungsgesetz bietet.<br \/>Der Frankfurter Sozialwissenschaftler Christoph Helberger schreibt: &#8222;Die Schlechterstellung der Frauen ist heute weitgehend kein Problem mehr, dem man mit der Forderung &#8218;gleicher Lohn f\u00fcr gleiche oder gleichwertige Arbeit&#8216; begegnen k\u00f6nnte. Viel wichtiger ist heute die Frage, ob die Frauen an die besser bezahlten Arbeitspl\u00e4tze herankommen.&#8221; [14] Wie ernst es den Gewerkschaften mit der Gleichstellung der Frauen ist, wird sich daran zeigen, ob den Frauen mit gewerkschaftlicher Hilfe die qualifizierteren Arbeiten zug\u00e4nglich gemacht werden. Aber:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Kolleginnen, ihr wi\u00dft alle, da\u00df unsere Kollegen nicht so sehr begeistert sind, wenn eine Frau an Intelligenz ihnen gleichgestellt werden soll. Dadurch f\u00fchlen sie sich in ihrem Ansehen geschm\u00e4lert. Ihre Kollegialit\u00e4t wird reservierter, und bei dem Vorschlag, eine solche Kollegin zu f\u00f6rdern, ist die Begeisterung nicht sehr gro\u00df. Denn die Kollegen haben sich leider noch nicht in allen F\u00e4llen zur Gleichberechtigung durchgerungen.&#8221; [15]<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Arbeitsteilung wird in Zukunft weiter versch\u00e4rft werden. Viele bisher komplexe T\u00e4tigkeiten sind &#8211; unter dem Einflu\u00df neuer Maschinen und Techniken &#8211; von der Dequalifizierung bedroht. Ein Beispiel ist der Wandel der Verk\u00e4uferin im Einzelhandel zur Kassiererin im Supermarkt. Die monotonen und stumpfsinnigen Verrichtungen nehmen zu. Zugleich w\u00e4chst aber auch die Zahl der leitenden, kontrollierenden und \u00fcberwachenden Aufgaben.<br \/>Es ist bereits abzusehen, da\u00df auch die neu entstehenden h\u00f6herqualifizierten T\u00e4tigkeiten, die ein Minimum an Selbstentfaltung in der Arbeit erlauben, f\u00fcr M\u00e4nner reserviert bleiben. In der versch\u00e4rften Arbeitsteilung kommt nicht nur das Rentabilit\u00e4tsinteresse der Unternehmen zum Ausdruck. Sie entspricht auch dem Interesse der M\u00e4nner am Ausbau und an der Sicherung ihrer Privilegien am Arbeitsplatz, die sie gegen\u00fcber<br \/>Frauen und Ausl\u00e4ndern haben. Vor . allem den Industriegewerkschaften, die in erster Linie die m\u00e4nnlichen Facharbeiter vertreten, f\u00e4llt es schwer, hier einen Gegenkurs zu steuern.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"patriarchalische-struktur-der-gewerkschaften\">Patri&shy;a&shy;r&shy;cha&shy;li&shy;sche Struktur der Gewerk&shy;schaften<\/span><\/h2>\n<p>Aber schwer f\u00e4llt es den Gewerkschaften nicht nur nach au\u00dfen, die eigenen Programme in Taten umzusetzen. <b>Auch im innergewerkschaftlichen Bereich kann von Gleichberechtigung keine Rede sein. Das Innenleben der Gewerkschaften ist patriarchalisch wie nur irgendein Winkel unserer Gesellschaft.<\/b> Der Anteil der Frauen an den haupt- und ehrenamtlichen Funktion\u00e4ren liegt weit unter ihrem Anteil an der Mitgliedschaft. Maria Weber, die stellvertretende DGB-Vorsitzende, ist die einzige Frau neben 28 M\u00e4nnern im DGB-Bundesvorstand. Keine einzige Frau ist Vorsitzende einer Einzelgewerkschaft. Die meisten Vorst\u00e4nde begn\u00fcgen sich mit einer Konzessionskollegin als Leiterin des Frauenreferats. Zum diesj\u00e4hrigen DGB-Kongre\u00df wurden 478 M\u00e4nner und ganze 33 Frauen delegiert. [16]<br \/>Die Frauen sind dort, wo die Gewerkschaftspolitik gemacht wird, in den Sachreferaten und Entscheidungsgremien der Vorst\u00e4nde, in den Aussch\u00fcssen und Tarifkommissionen, allenfalls symbolisch vertreten. Das Reich der Frau beginnt in den Gremien der Frauenarbeit, die nur Antr\u00e4ge stellen und anregen k\u00f6nnen, aber keine eigenst\u00e4ndigen Entscheidungskompetenzen haben. In dem Ma\u00dfe, in dem es nicht gelingt, die spezifischen Anliegen der Frauen zu Kampfzielen der gesamten Organisation zu machen, ziehen sich die Funktion\u00e4rinnen auf die Position der Bittenden und Mahnenden zur\u00fcck. St\u00e4ndige Appelle an die Solidarit\u00e4t der M\u00e4nner beantworten diese mit Absichtserkl\u00e4rungen und tr\u00f6stenden Worten. Und mit Appellen ihrerseits an die Frauen, sich verst\u00e4rkt in den Gewerkschaften zu engagieren.<br \/>Der DGB-Vorsitzende Vetter ermahnte die 7. Bundesfrauenkonferenz des DGB (1971):<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Ich habe den aufrichtigen Wunsch, da\u00df unsere Kolleginnen noch mehr Selbstvertrauen gewinnen und trotz ihrer oft doppelten Belastung noch aktiver mitwirken und mitbestimmen, von den Organen auf Orts- und Kreisebene angefangen, bis in die Spitzengremien der Gewerkschaftsbewegung hinein. Was ich an solidarischem Handeln zur Verwirklichung dieser Vorstellung beitragen kann, das will ich tun, und das soll kein leeres Versprechen sein.&#8221;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Umfragen haben ergeben, da\u00df Frauen im selben Ma\u00df wie M\u00e4nner den Gewerkschaften auf geschlossen gegen\u00fcberstehen. Sie anerkennen die Gewerkschaften als Interessenvertretungen der abh\u00e4ngig Arbeitenden. Aber auch die erwerbst\u00e4tigen Frauen verstehen sich zun\u00e4chst als Hausfrauen, Ehegattinnen und M\u00fctter. Dazu sind sie von Kind an erzogen worden. Dieses Selbstverst\u00e4ndnis entspricht auch der faktischen Machtverteilung in den Familien, wo die Frauen f\u00fcr diese ihre prim\u00e4ren Rollen stets verf\u00fcgbar sein m\u00fcssen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"haushalt-und-familie-bleiben-tabu\">Haushalt und Familie bleiben tabu<\/span><\/h2>\n<p>Die Situation der erwerbst\u00e4tigen Frauen ist immer mitbestimmt von ihrer Situation als Gratisarbeiterinnen in Haushalt und Familie. Deshalb k\u00f6nnen sie in Fabrik und B\u00fcro ihre Interessen nicht in gleicher Weise wahrnehmen wie ihre Kollegen, zumindest nicht im Rahmen von Organisationen, die auf die Bed\u00fcrfnisse von M\u00e4nern zugeschnitten sind. Es liegt also nur scheinbar an den Frauen selbst, wenn sie den Gewerkschaften relativ apathisch gegen\u00fcberstehen.<br \/>In der gewerkschaftlichen Frauenarbeit hat es sich durchaus herumgesprochen, da\u00df im Bereich der privaten Reproduktion die wesentlichen Ursachen f\u00fcr die fundamentale Benachteiligung der Frauen zu suchen sind. So distanzieren sich inzwischen viele Funktion\u00e4rinnen von bestimmten Teilen des sechs Jahre alten &#8222;Programms f\u00fcr Arbeitnehmerinnen&#8221;. Dort wird zum Beispiel die Teilzeitarbeit gepriesen, weil sie angeblich der &#8222;Doppelrolle der Frau&#8221; entgegenkommt, und es ist mehrfach die Rede von weiblichen &#8222;Familienpflichten&#8221;. Heute wird dagegen in der gewerkschaftlichen Frauenarbeit betont, da\u00df auch der Mann eine Doppelrolle zu erf\u00fcllen habe, da\u00df die Integration von privater und beruflicher Sph\u00e4re f\u00fcr\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 b e i d e Geschlechter wichtig sei und da\u00df deshalb die t\u00e4gliche Arbeitszeit f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner herabgesetzt werden m\u00fcsse. Partnerschaft m\u00fcsse sich auch bei der Teilung der Hausarbeit auswirken.<br \/>Aber eine grunds\u00e4tzlich andere Organisation des Lebenszusammenhangs wird nicht sichtbar. Der private Dienstleistungsbetrieb Haushalt wird als solcher nicht in die Kritik einbezogen &#8212; obwohl sich die Vergesellschaftung der dort geleisteten Arbeit als Alternative anbietet. <b>Die herk\u00f6mmliche Familie ist tabu, obwohl sie &#8212; oder vielleicht gerade weil sie &#8212; es den M\u00e4nnern erlaubt, sich von Unterordnungs- und Leistungszw\u00e4ngen in B\u00fcro und Betrieb zu erholen &#8212; auf Kosten der Frauen<\/b>. Schon gar nicht wird das Wirtschaftssystem angezweifelt, das sich diese formen des &#8222;Privatlebens&#8221; und die damit einhergehende Unterdr\u00fcckung der Frauen geschaffen hat. <br \/>Stattdessen vertrauen die f\u00fcr die gewerkschaftliche Frauenarbeit Verantwortlichen darauf, da alles so bleiben kann wie&#8217;s ist, wenn nur die M\u00e4nner auf ihre Vorrechte in Beruf und Familie freiwillig verzichten. Und wenn bisweilen in den Appellen der Funktion\u00e4rinnen an die Kollegen ein bi\u00dfchen Unmut durchklingt, weil die Forderungen der Frauen noch immer nicht erf\u00fcllt sind, dann doch immer gleichsam mit schlechtem Gewissen: &#8222;Ich bitte euch, das nicht mi\u00dfzuverstehen.&#8221;<br \/>Trotz aller Aufrufe, sich zu engagieren, sind die Gewerkschaften mehr auf blo\u00dfe Eingliederung der Frauen aus, denn darauf, sie wirklich zu mobilisieren. Die Arbeiterinnen und Angestellten sollen sich damit zufrieden geben, da\u00df ihre Belange mehr schlecht als recht vom gewerkschaftlichen Apparat vertreten werden. Aber kein Funktion\u00e4r m\u00fc\u00dfte sich mehr \u00fcber Apathie und Resignation bei den Kolleginnen beklagen, wenn gewerkschaftliche Politik die Frauen ermuntern w\u00fcrde, selbst aktiv f\u00fcr ihre Interessen zu k\u00e4mpfen. Dabei m\u00fc\u00dfte die Mobilisierung auf sehr viel breiterer Basis ansetzen als nur beim Lohnproblem.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"das-weibliche-mobilisierungspotential\">Das weibliche Mobili&shy;sie&shy;rungs&shy;po&shy;ten&shy;tial<\/span><\/h2>\n<p>Die Lebensform der Familie: isolierte Hausarbeit, Kochen, Putzen, Waschen, Sich-um-die-Kinderk\u00fcmmern, medizinische Versorgung, Wohnen, Miete &#8212; das sind Probleme, mit denen Frauen viel unmittelbarer konfrontiert sind als M\u00e4nner. Die Gewerkschaften haben in einigen F\u00e4llen zaghaft versucht, an diesen Interessen der Frauen anzukn\u00fcpfen, etwa durch die Unterst\u00fctzung von Protestaktionen gegen Preissteigerungen und bei der Reform des Abtreibungs-Paragraphen.<br \/>Mobilisierung der Betroffenen durch Ankn\u00fcpfen an ihre unmittelbaren Bed\u00fcrfnisse &#8212; einer solchen Strategie stehen jedoch die Verkrustungen des gewerkschaftlichen Apparates bislang noch entgegen. <b>Denn der Kampf der Frauen gegen die sie bedr\u00fcckenden Lebensumst\u00e4nde br\u00e4chte nicht nur die Vorrechte der M\u00e4nner in Gefahr. Das hierarchische Prinzip, das gesamtgesellschaftliche Oben und Unten, w\u00e4re als solches in Frage gestellt.<br \/><\/b>M\u00f6glicherweise untersch\u00e4tzen die Gewerkschaften das schon heute unter den Frauen vorhandene Aktivit\u00e4tspotential. Arbeiterinnen hatten 1973 wesentlichen Anteil an der spontanen Streikbewegung. In der Vergaser-Fabrik Pierburg KG in Neu\u00df fegten die streikenden Frauen die beiden untersten Gruppen aus dem betrieblichen Lohn-gef\u00fcge und erreichten damit mehr als die jahrelangen Diskussionen um die Lohngleichheit bisher zustande brachten.<\/p>\n<p>Verweise:<\/p>\n<p>1 Elfriede Hoffmann vor Gewerkschafterinnen des DGB-Kreis K\u00f6ln am 5.11.1974.<br \/>2 7. Frauenkonferenz der IG Metall, Dortmund, 24.&#8211;25. September 1970, Protokoll S 187.<br \/>3 Ebda S 127. .<br \/>4 Im Gegenteil. Das Protokoll der 2. Bundesfrauenkonferenz des DGB vom 12. bis 14. Mai 1955 verzeichnet zum entscheidenden BAG-Urteil vom 15. Januar 1955 folgenden Diskussionsbeitrag der Delegierten Liesel, Winkelstr\u00e4ter: &#8222;Wir m\u00fcssen leider feststellen, da\u00df viele Tarifkommissionen aus dem Urteil vom 15. Januar die Folgerung ziehen, da\u00df eine Unterscheidung in leichte und schwere Arbeit gerechtfertigt sei. Da nun in der Regel die Frauen in der Mehrzahl automatisch die sogenannte leichtere Arbeit ausf\u00fchren &#8211; damit ist immer die k\u00f6rperlich leichtere Arbeit gemeint &#8211;, glaubt man, da\u00df f\u00fcr die Frauen automatisch auch ein geringerer Lohn angemessen sei.&#8221; (Protokoll 2. Bundesfrauenkonferenz, S 72).<br \/>5 7. Frauenkonferenz der IG Metall, Protokoll, a a 0 S 169.<br \/>6 Gespr\u00e4ch mit der Verf am 27.11.1974.<br \/>7 7. Frauenkonferenz der IG Metall, Protokoll S 190. 8&#8222;express international&#8220;, 22. Januar 1973.<br \/>9 Vgl Fu\u00dfnote 6.<br \/>10 Auf einer DGB-Veranstaltung am 5.12.1972 in K\u00f6ln.<br \/>11 8. Frauenkonferenz der IG Metall, 28.&#8211;29. Juni 1973, Berlin, Protokoll S 162.<br \/>12 Stand: Dezember 1974.<br \/>13 im November 1974.<br \/>14 Chr. Helberger, Diskriminierung von Frauen in Tarifvertr\u00e4&#8211;<br \/>gen, in: Gewerkschaften und Klassenkampf, Kritisches<br \/>Jahrbuch 1973, Frankfurt 1973 (Fischer TB), S 213.<br \/>15 7. Frauenkonferenz der IG Metall, Protokoll S 189.<br \/>16 Vorl\u00e4ufige Zahlen von Anfang April 1975.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2423],"publikationen":[856],"class_list":["post-12579","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-claudia-pinl","publikationen-856"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Viel Trost und wenig Taten - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/16\/publikation\/viel-trost-und-wenig-taten\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Viel Trost und wenig Taten - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Frauenpolitik der Gewerkschaften aus: vorg\u00e4nge Nr. 16 (Heft 4\/1975), S. 15-25 3,3 Millionen Arbeiterinnen gibt es in der Bundesrepublik: Spulerinnen in der Textilindustrie, Montiererinnen in der Metallindustrie, Stepperinnen in Schuhfabriken. 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