{"id":12591,"date":"1977-10-01T21:10:00","date_gmt":"1977-10-01T20:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-3\/"},"modified":"1977-10-01T12:00:00","modified_gmt":"1977-10-01T11:00:00","slug":"editorial-3","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/editorial-3\/","title":{"rendered":"Zeitfragen, Kommentare"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 29 (Heft 5\/1977), S. 1-2<\/p>\n<p>Liebe Vorg\u00e4nge-Leser,<br \/>das aktuelle Editorial des letzten Heftes war unter dem ganz frischen Eindruck der Ermordung <i>J\u00fcrgen Pontos<\/i> geschrieben worden. Dieses nun steht im Zeichen der Entf\u00fchrung <i>Hanns-Martin Schleyers<\/i>, deren Ausgang vier Wochen nach der Bluttat von K\u00f6ln immer noch ungewi\u00df ist. Der Verfasser des aktuellen Editorials wird, eine traurige Pflicht, zum Chronisten des eskalierenden Terrors, aber auch der gleichfalls eskalierenden Reaktionen auf den Terror.<br \/>Die permanente Bedrohung durch den Terrorismus lie\u00dfe sich eher bestehen, w\u00fcrde auf sie mit mehr Besonnenheit reagiert; einer Besonnenheit, die angesichts der schon geschehenen und der noch m\u00f6glichen Untaten wohl jedermann schwer f\u00e4llt, ohne die aber auch eine effektive Bek\u00e4mpfung der Terroristen nicht m\u00f6glich ist. Gewi\u00df mu\u00df der Schutz vor neuen Anschl\u00e4gen und die Fahndung nach T\u00e4tern weiter intensiviert werden. Eilfertige Gesetzesmacherei-um-jeden-Preis aber wird leicht zum Selbstbetrug.<br \/>Wie immer der Fall <i>Schleyer<\/i> ausgehen mag, betroffen mu\u00df man feststellen: Wieviel haben die Terroristen nicht schon erreicht! Ist es ihnen doch gelungen, durch diesen dritten Terrorakt binnen weniger Monate &#8211; nach der Ermordung des Generalbundesanwalts <i>Buback<\/i> und des Bankiers <i>Ponto <\/i>&#8211; die Bundesrepublik in einen Zustand bislang beispielloser innerer Unsicherheit, ja Hysterie zu versetzen. Mit dem nur allzu begreiflichen allgemeinen Entsetzen \u00fcber den Terrorismus und dem notwendigen Kampf gegen ihn verbindet sich eine perfide Scharfmacherei gegen angebliche &#132;Sympathisanten&#148; (siehe dazu den Kommentar von <i>Joachim Perels <\/i>und auch den hinten im Heft abgedruckten Brief der <i>Humanistischen Union <\/i>an den Bundespr\u00e4sidenten). Der Antiterrorismus wird zum willkommenen Vorwand f\u00fcr eine Generalabrechnung mit liberalem, linkem, kritisch-demokratischem Denken. Argwohn, Verdacht und blinder Ha\u00df gegen alles Liberale und Linke, alles Reformerische und Nonkonformistische sind (insbesondere von der <i>Springer<\/i>-Presse, doch keineswegs nur von ihr allein!) lange genug ges\u00e4t worden: die Saat geht nun auf. Das &#132;gesunde Volksempfinden&#148; offenbart sich, und man ahnt, was diesbez\u00fcglich bei neuen Terroranschl\u00e4gen zu erwarten ist. Die Kontinuit\u00e4t deutschnationalen und faschistoiden Ungeistes in diesem Lande war nie so offensichtlich wie in diesen Wochen. Und nie war die vielstrapazierte Forderung nach der &#132;Solidarit\u00e4t der Demokraten&#148; eine frechere T\u00e4uschung als heute, wo die, denen sie am leichtesten \u00fcber die Lippen geht, zur gro\u00dfen Jagd auf andersdenkende Demokraten blasen! Jede auch nur indirekte Verharmlosung des Terrorismus ist unangebracht. Die Zeit eines gewissen leichtfertigen intellektuellen Kokettierens mit bestimmten Formen von (&#132;Gegen&#8220;-)Gewalt sollte einf\u00fcrallemal vorbei sein. Und die Welle ruchloser &#132;Sympathisanten&#8220;- Hetze, die \u00fcber die Bundesrepublik hinweggeht, sollte Niemanden von kritischer Selbstbefragung abhalten. Wenn denn freilich von &#132;Sympathisanten&#148; gesprochen werden soll &#151; dann rede man endlich auch mit dem notwendigen Nachdruck von den notorischen deutschen Sympathisanten der <i>Salazar <\/i>und<i> Franco<\/i>, der <i>Papadopoulos <\/i>und <i>Pinochet<\/i>, der <i>Vorster<\/i> und <i>Jan Smith<\/i>, beziehungsweise ihrer (und anderer) menschenfeindlichen, antidemokratischen Gewaltregime!<br \/>Soviel kann, ja mu\u00df man heute, vier Wochen nach der Entf\u00fchrung von <i>Hanns-Martin Schleyer<\/i>, bereits sagen: Jeder weitere Terroranschlag wird die antiliberale Hysterie in der Bundesrepublik weiter steigern. Diese brutale und selbstgerechte Antiliberalit\u00e4t aber wird der N\u00e4hrboden neuer, noch schlimmerer Gewalt sein. Wer jetzt das Feuer sch\u00fcrt, ist kein demokratischer Biedermann, sondern ein antidemokratischer Brandstifter. &#151;<br \/>Da\u00df das westliche Ausland \u00fcber die Entwicklung in der Bundesrepublik beunruhigt ist, kann nicht verwundern und sollte von uns nicht einfach als &#132;Mi\u00dfdeutung&#148; oder gar &#132;Deutschenhetze&#148; abgetan werden. <i>Hans Robinsohn <\/i>nimmt den Fall <i>Kappler<\/i> und die ausl\u00e4ndischen Reaktionen auf ihn zum Anla\u00df, nach der Glaubw\u00fcrdigkeit unserer sogenannten &#132;Vergangenheitsbew\u00e4ltigung&#148; zu fragen. Ein Kommentar der beiden Frankfurter Friedens- und Konfliktforscher <i>Gert Krell <\/i>und <i>Dieter Senghaas <\/i>besch\u00e4ftigt sich mit dem amerikanischen Projekt einer Neutronenbombe. Es hat in der Bundesrepublik heftige Proteste hervorgerufen und ist von anderer Seite unangemessen verharmlost worden. Der Aufsatz von Krell und Senghaas dient zur Versachlichung der Diskussion \u00fcber diese neueste Vernichtungswaffe. <i>Helga Schuchardt <\/i>hat den &#132;Vorg\u00e4ngen&#148; einen Beitrag zum Selbstverst\u00e4ndnis der FDP als Reformpartei zur Verf\u00fcgung gestellt, der uns im Hinblick auf die bevorstehenden Entscheidungen \u00fcber die k\u00fcnftige Politik dieser Partei &#151; und der sozialliberalen Koalition &#151; besonders aktuell erscheint.<br \/>Heft 30, das letzte Heft des Jahrgangs 1977, wird das Schwerpunktthema &#132;Wachstum im Widerstreit&#148; haben.<br \/>(Anfang\u00a0Oktober 1977)<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"right\" class=\"bodytext\">Ihr <i>Achim v. Borries<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[651],"publikationen":[1308],"class_list":["post-12591","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-achim-v-borries","publikationen-29-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zeitfragen, Kommentare - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/29-vorgaenge\/publikation\/editorial-3\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zeitfragen, Kommentare - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 29 (Heft 5\/1977), S. 1-2 Liebe Vorg\u00e4nge-Leser,das aktuelle Editorial des letzten Heftes war unter dem ganz frischen Eindruck der Ermordung J\u00fcrgen Pontos geschrieben worden. 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