{"id":12599,"date":"1970-04-01T12:15:00","date_gmt":"1970-04-01T11:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/was-ist-unzuechtig\/"},"modified":"1970-04-01T12:00:00","modified_gmt":"1970-04-01T11:00:00","slug":"was-ist-unzuechtig","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/4-5-1962\/publikation\/was-ist-unzuechtig\/","title":{"rendered":"Was ist \u201cunz\u00fcchtig\u0094?"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Heft 4-5\/1962, S. 8- 11<\/p>\n<p>Der deutsche Jurist kennt nicht wie sein angels\u00e4chsischer Kollege den Begriff des &#8222;Obsz\u00f6nen&#8220;. In unser geliebtes Deutsch \u00fcbertragen hei\u00dft der omin\u00f6se Begriff &#8222;unz\u00fcchtig&#8220;. Nach dem bestehenden Recht k\u00f6nnen Schriften und Abbildungen unz\u00fcchtig sein, Nach dem j\u00fcngsten Entwurf eines Strafgesetzbuches sollen zwecks L\u00fcckenf\u00fcllung noch &#8222;Schausteilungen von Menschen&#8220; hinzutreten, wozu &#8222;Tanzvorf\u00fchrungen, namentlich Entkleidungst\u00e4nze, Laufstegdarbietungen und \u00e4hnliche &#8211; als Verfallserscheinungen bezeichnete &#8211; Vorf\u00fchrungen&#8220; gerechnet werden. Es wird auch &#8222;von einem gewissen kriminalpolitischen Bed\u00fcrfnis&#8220; gesprochen, &#8222;Vermittlungen eines geistigen Inhalts, insbesondere die Darstellung einer Handlung oder von Kunstfertigkeiten&#8220; einzubeziehen. Die Bundesregierung versagt sich jedoch vorl\u00e4ufig, das &#8222;gewisse kriminalpolitische Bed\u00fcrfnis&#8220; zu befriedigen; immerhin, die T\u00fcr ist angelehnt.<\/p>\n<p>Nach feststehender Rechtsprechung liegt Unz\u00fcchtigkeit vor, &#8222;wenn Schriften geeignet sind, das Scham- und Sittlichkeitsgef\u00fchl eines normalen Menschen in geschlechtlicher Beziehung zu verletzen&#8220;(Bundesgerichtshof Strafsachen 5,346).<\/p>\n<p>Hier ist fast jedes Wort problematisch &#8222;Gef\u00fchl&#8220; ist alle Name ist Schall und Rauch, Man sch\u00e4mt sich, und im schlimmsten Fall steigt einem die Schamr\u00f6te ins Gesicht, wenn man etwas Unanst\u00e4ndiges tut. Nichts ist leichter als dem zu entgehen. Niemand ist verpflichtet, das Theater mit einer &#8222;Reigen&#8220;-Auff\u00fchrung zu besuchen oder den &#8222;Ulyssee&#8220; zu lesen, Man braucht auch keine &#8222;Magazine&#8220; zu kaufen. Notfalls kann man wegsehen, was auch sonst im Leben h\u00e4ufig genug geschieht, z. B. bei blutigen Unf\u00e4llen oder menschlicher Not. Da die Neugierigen kein Schamgef\u00fchl haben, interessieren sie den Staat nicht. Deswegen wird auf &#8222;den normalen Menschen&#8220; zur\u00fcckgegriffen.<\/p>\n<p>&#8222;Normal&#8220; ist ein verf\u00e4ngliches Wort. Norm kann der statistische Durchschnitt sein, der heutzutage bequem demoskopisch festgestellt werden k\u00f6nnte. Die sexuelle &#8222;Kollektivscham&#8220; ist aber noch nie und nirgends zu ermitteln versucht worden. Norm bedeutet aber auch &#8211; ganz im Gegensatz zu dem, was statistisch feststellbar ist &#8211; ein &#8222;Sollen&#8220;. Die Eierschalen dieser fundamentalen Unklarheit schleppt die Rechtspraxis begreiflicherweise. gerne mit sich herum. Es ist v\u00f6llig unklar, welche Eigenschaften &#8222;der normale Mensch&#8220; besitzt.<\/p>\n<p>Mit dem Wortschwall &#8222;geeignet, das Scham- und Sittlichkeitsgef\u00fchl eines normalen Menschen in geschlechtlicher Beziehung zu verletzen&#8220; ist die Gef\u00e4hrdung eines sexuellen Tabus gemeint. Die sexuellen Tabus sind uralt, sie verlieren sich in die Fr\u00fchzeit der Menschheit. Sie waren schon damals von Clan zu Clan oft radikal verschieden, haben sich aber bei der strengen Traditionshaltung des primitiven Menschen unangefochten erhalten. Ihre Entstehung und ihr Sinn gibt uns unl\u00f6sbare R\u00e4tsel auf. Die tradierten Sexualtabus variieren heute mehr denn je. Mit der wachsenden Entzauberung und S\u00e4kularisierung der Welt sind ihre Konturen verschwommen; sie sind dem rationalen Menschen von heute nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich; sie sind fragw\u00fcrdig geworden.<\/p>\n<p>In der gerichtlichen Praxis des Alltags ist der Richter auf sich selber angewiesen. Er wird sein &#147;Schamgef\u00fchl&#8220; mit dem des &#8222;normalen Menschen&#8220; identifizieren. &#8222;Du gleichst dem Geist, den du begreifst.&#8220; Da aber auch der unabh\u00e4ngige Richter h\u00e4ufig von vielen Imponderabilien abh\u00e4ngig und au\u00dfengeleitet ist, pa\u00dft, er sich zudem den wirklichen oder vermeintlichen Vorstellungen von einem idealen Richter an.<\/p>\n<p>Das Verbot unz\u00fcchtiger Schriften entstammt dem Strafgesetzbuch von 1870. Die Weimarer Verfassung war um eine Einschr\u00e4nkung vergeblich bem\u00fcht. In ihrem Kielwasser bestimmt heute unser Grundgesetz: &#8222;Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei&#8220;. Im Gegensatz zur Meinungs- und Pressefreiheit findet die Freiheit von Kunst und Wissenschaft nicht ihre Schranke in den allgemeinen Gesetzen, dem Jugendschutz und dem Recht der pers\u00f6nlichen Ehre. Der weltanschauliche Kampf wird jetzt um den Begriff &#8222;Kunst&#8220; gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Es gibt wohl kaum eine positive Bestimmung dessen, was Kunst schlechthin ist. Weder der Kunsttheorie noch dem Recht ist es bisher gelungen, Kunst zu definieren. Wir k\u00f6nnen nur sagen, worauf es nicht ankommt. Kunst kann naturalistisch sein, realistisch, surrealistisch, symbolisch, idealistisch; sie ist Form oder Deformation. Die Geschichte der Kunst l\u00e4\u00dft einen st\u00e4ndigen Wechsel der Formensprache erkennen. Inhaltlich ist ihr nichts Menschliches und damit Unmenschliches fremd; sie dient nicht &#8222;dem Sch\u00f6nen&#8220;, sondern wie die Wissenschaft und die Lehre dem Wahren, was im Sch\u00f6nen und im H\u00e4\u00dflichen, im Gesunden und im Kranken usw. gesehen werden kann. Was Gegenstand von Wissenschaft und Lehre ist, ist auch ein Thema der Kunst. Sie ist rational und irrational; sie kennt Seele und Leib, sie wei\u00df um das Tag- und Nachttr\u00e4umen der Menschen, vielleicht ist sie selbst als ein formulierter Traum zu definieren, der auch sex und crime, Schmutz und Schund, kitschige Sehnsucht und d\u00e4monische Erf\u00fcllung zum Inhalt haben mag.<\/p>\n<p>Freiheit der Kunst meint Pluralismus von Gehalt und Gestalt. Das Oberverwaltungsgericht M\u00fcnster(Juristenzeitung 1959, 716)hat anl\u00e4\u00dflich der Indizierung des Buches &#8222;Meine 99 Br\u00e4ute&#8220; sich gegen den Verfasser Sommer gewandt, weil er leugne, da\u00df &#8218;Schuld und Unrecht dem Inneren der Pers\u00f6nlichkeit entspringe, vielmehr, die. Auffassung vertrete, es seien Vorg\u00e4nge, die von au\u00dfen an den handelnden Menschen herantr\u00e4ten. Diese Tendenz sei in hohem Ma\u00dfe jugendgef\u00e4hrdend, weil sie dem Bestreben des modernen Menschen entgegenkomme, eigene Verantwortung f\u00fcr seine Handlungen zu leugnen. Der Gehalt sei deswegen objektiv wahrheitswidrig usw. Dieses f\u00fcr die Bundesrepublik symptomatische, ja tonangebende Urteil ist in allen Richtungen falsch und grundgesetzwidrig. Konsequenterweise m\u00fc\u00dfte das Gericht die antiken Trag\u00f6dien, die sp\u00e4teren Schicksalstrag\u00f6dien Schillers, psychoanalytische Literatur usw. usw. verbieten; \u00fcbrig blieben nur Thomas von Aquino und diejenigen, die ihn s\u00e4kularisiert haben. Nach dem Grundgesetz hat aber keine Weltanschauung ein Monopol; Grenzen m\u00f6gen durch die Treue gegen\u00fcber der Verfassung gesetzt werden, die aber das Gericht selbst gr\u00fcndlichst vernachl\u00e4ssigt haben d\u00fcrfte. Die grunds\u00e4tzliche Frage eines weltlichen Staates, wie ihn die Bundesrepublik darstellt, kann einzig und allein lauten: Ist sexuelle Askese, wie sie dem Bem\u00fchen zugrunde liegt, den Bezug sexueller Literatur durch die an ihr Interessierten zu verhindern,sozialfordernd und sozialnotwendig?<\/p>\n<p>Der Stellenwert der pornographischen Literatur in der Rangfolge kriminellen Sexualverhaltens wird gerne verkannt. Sexus und Eros meinen ein Ich und Du, ein Wir. Aus tausenderlei Gr\u00fcnden biologischer, psychologischer und soziologischer Art kann dieses Wir verfehlt werden. Es gibt Ersatzformen, z. B. die Prostitution, den Bezug pornographischer Literatur, den fetischistischen Mi\u00dfbrauch von Objekten, die Symbolsexualit\u00e4t, den Exhibitionismus, den Mi\u00dfbrauch von Kindern, die Notzucht, ja letztlich den Sexualmord. In so gut wie allen F\u00e4llen geht es hier nicht um Sexualverhalten, die zu einem normalen hinzutreten, etwa um Erscheinungsformen einer Hypersexualit\u00e4t; in Wirklichkeit sind es Surrogate aus Not. Pornographische Literatur stellt gewi\u00df noch einen der ungef\u00e4hrlichsten Blitzableiter dar, und eine Diskussion mu\u00df sich auch gerade dieses F\u00fcr und Wider deutlich bewu\u00dft bleiben.<\/p>\n<p>Der Jurist hat zu fragen: was wissen wir von dem Einflu\u00df pornographischer Literatur auf menschliches Verhalten? Die Antwort kann nur lauten: nicht viel. Gr\u00fcndliche Untersuchungen im Stile des Kinsey-Reports sind Voraussetzung f\u00fcr eine intelligente Debatte.<\/p>\n<p>Untersuchungen in bescheidenem Rahmen gibt es. Davis fragte 1929 in den USA 1200 M\u00e4dchen im Alter von 17 &#8211; 20 Jhr. nach ihren sexuellen Stimuli. 800 nannten eine Kombination vielf\u00e4ltiger Ursachen, 400 wu\u00dften von einem einzigen Reiz, \u00fcber die H\u00e4lfte von ihnen schrieb: &#8222;ein Mann&#8220;. 95 sprachen von B\u00fcchern als dem einzigen Anreiz. Unter den 800, die verschiedene Reize addierten, nannten 300 u. a. auch ihre Lekt\u00fcre. Das verwegenste Buch d\u00fcrfte Lawrences &#8222;S\u00f6hne und Liebhaber&#8220; gewesen sein; gleich daneben aber steht &#8222;Das Hohe Lied&#8220;. Als erogen wurde der Hinweis auf K\u00fcsse, die Darstellung gl\u00fccklicher Ehen, auch gut gebauter M\u00e4nner in Romanen und vor allem auch Zeitungen vermerkt. Den ersten &#8222;Sexualunterricht&#8220; bezogen 72 der M\u00e4dchen aus B\u00fcchern; an der Spitze steht die Bibel, dann folgt das Lexikon. \u00c4hnlich ist es uns allen ergangen.<\/p>\n<p>Jahoda (New York University&#8217;s Research Center for Human Pelatians) fa\u00dfte eine Untersuchung wie folgt zusammen: &#8222;Personen, die f\u00fcr eine ausgedehnte Zensur von Druckschriften eintreten, argumentieren mit der Annahme, da\u00df Literatur mit Sex, mit Gewalt und Brutalit\u00e4t als Inhalt zu antisozialen Aktionen, speziell zur Jugendkriminalit\u00e4t f\u00fchre &#8230; Es gibt keinen Untersuchungsbefund, der diese Annahme best\u00e4tigte oder widerlegte. Jugendliche Delinquenten lesen als Gruppe weniger und mit gr\u00f6\u00dferer M\u00fche als Nichtdelinquenten. Die Tagespresse, Fernsehen., Radio, Film, B\u00fccher, comics sind Teile des sog. &#8222;schlechten&#8220; Stoffs. Es ist unm\u00f6glich, den Einflu\u00df der einzelnen Faktoren, die alle auf eine Bev\u00f6lkerung einwirken, zu isolieren. In der Regel interessieren sich die Leute nicht f\u00fcr alles, was ihnen geboten wird, sondern nur f\u00fcr das, was mit ihren bereits vorhandenen Neigungen \u00fcbereinstimmt&#8220;.<\/p>\n<p>In USA verweist man gerne etwa auf New Mexico, das keinerlei Gesetzesbestimmungen gegen obsz\u00f6ne Literatur besitzt. Sind dort die Verh\u00e4ltnisse besser oder schlechter? Besteht \u00fcberhaupt kein Unterschied, weil wir allzumal Adams und Evas sind, sei es mit bedrucktem Papier., sei es ohne? Apfel wird es immer geben, und es bedarf wohl keines Schlangenrats, um sie k\u00f6stlich zu finden.<\/p>\n<p>(Wir verweisen auf die Beitr\u00e4ge \u00fcber die Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugend.-gef\u00e4hrdende Schriften und den Volkswartbund)<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[745,667],"autoren":[633],"publikationen":[1427],"class_list":["post-12599","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-moral-gesinnung","tag-vorgaenge-artikel","autoren-fritz-bauer","publikationen-4-5-1962"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Was ist \u201cunz\u00fcchtig\u0094? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/4-5-1962\/publikation\/was-ist-unzuechtig\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Was ist \u201cunz\u00fcchtig\u0094? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Heft 4-5\/1962, S. 8- 11 Der deutsche Jurist kennt nicht wie sein angels\u00e4chsischer Kollege den Begriff des &#8222;Obsz\u00f6nen&#8220;. 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