{"id":12604,"date":"1977-01-28T13:57:00","date_gmt":"1977-01-28T12:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zukunftspolitik\/"},"modified":"1977-01-28T12:00:00","modified_gmt":"1977-01-28T11:00:00","slug":"zukunftspolitik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/zukunftspolitik\/","title":{"rendered":"Zukunftspolitik"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft 2\/1977), S. 105-107<\/p>\n<p><i>Carl Amery, Natur als Politik. Die \u00f6kologische Chance des Menschen, Rowohlt Verlag Reinbek 1976, 222 Seiten, l9, 19,80 DM.<br \/>Erhard Eppler, Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen; 2. \u00fcberarbeitete Auflage, Deutscher Taschenbuchverlag M\u00fcnchen 1976, 165 Seiten, 4, 80 DM.<\/i><\/p>\n<p>Amery macht einen &#132;konsequenten&#148; Materialismus zur Grundlage seiner Schrift. Dieser Materialismus unterscheidet sich vom bisherigen dadurch, da\u00df er die Materie nicht als tot, sondern als lebendig nimmt. Konsequenter Materialismus offenbart die Abh\u00e4ngigkeit des Menschen von der irdischen Materie, er wird \u00f6kologisch. Die \u00d6kologie ist die Wissenschaft von den Lebensformen und -m\u00f6glichkeiten auf der Erde. Ihre Grunderkenntnis ist, da\u00df die Erde nicht den Menschen allein geh\u00f6rt. Die Erde ist eine Gemeinschaft vieler in Kreisl\u00e4ufe eingebundener Arten von Lebewesen auf gro\u00dfem, aber begrenztem Raum. In dieser Gemeinschaft sind alle aufeinander an-gewiesen. Tritt eine Art die andere unter die F\u00fc\u00dfe, so brechen die Kreisl\u00e4ufe zusammen, sie erzeugen keine Aufbaustoffe mehr und gehen an ihren Abf\u00e4llen zugrunde: Leben insgesamt wird unm\u00f6glich.<br \/>Diese Einsicht erledigt die bisherige menschbezogene (,&#130;humanchauvinistische&#8220;) Weltbetrachtung und -behandlung. Amery deckt die \u00f6kologischen Schandtaten der Menschen auf, angefangen von der Bodenversalzung durch k\u00fcnstliche Bew\u00e4sserung in den Zweistroml\u00e4ndern \u00fcber die Abholzung von W\u00e4ldern, mit der nicht erst Rom, sondern schon Athen begonnen hatte, bis zur systematischen Auspl\u00fcnderung der Erde durch das Industriesystem; wozu nicht zuletzt eine industrialisierte, die B\u00f6den verderbende Landwirtschaft zu z\u00e4hlen ist, die schon im 19. Jahrhundert mit dem Baumwollanbau begann. Industrielle Heldentaten &#8211; Rodung von Urw\u00e4ldern, Weltraumfahrten und Atomkraftwerke &#8211; erweisen sich als \u00f6kologischer Schwachsinn; umgekehrt wirft der \u00f6kologische Ansatz ein neues Licht auf bisher verkannte Kulturen, die ihren Frieden mit der Erde hatten: die J\u00e4ger und Sammler, die Jahr-zehntausende in nat\u00fcrlichem Gleichgewicht lebten, und die Dorfkulturen, die ein best\u00e4ndiges auf Austausch begr\u00fcndetes Verh\u00e4ltnis zur Erde gewannen, von dessen Ertr\u00e4gen alle anderen Menschen lebten, auch die, die \u00fcber die Misthaufen &#8211; diese Zeugen eines gegl\u00fcckten Kreislaufs &#8211; die Nase r\u00fcmpfen. In dieser Sicht erscheinen die Bauernkriege als Verteidigung der Erde gegen die zerst\u00f6rerische Ausbeutung durch die verst\u00e4dterte Zentralmacht &#8211; die Frontstellungen von Wyhl und Brokdorf sind nicht neu. Die Sieger sind dieselben geblieben, zum Schaden von uns allen.<br \/>Ohne Kreislauf nimmt der Abfall zu, die Regierungen werden zu M\u00fcllbeseitigungsunternehmen. Das Industriesystem erzeugt auch menschlichen Abfall, seit dem Beginn struktureller Arbeitslosigkeit mehr als bisher, wo nur die ausgeflippten Au\u00dfenseiter waren. Selbst Landschaft wird durch Zerst\u00f6rung unbrauchbar und zum Abfall, die W\u00fcste w\u00e4chst. Die sogenannte Entwicklungshilfe tr\u00e4gt die technische W\u00fcste in heile L\u00e4nder; die Folgen einer Vernichtung des Amazonasurwaldes sind noch nicht abzusehen.<br \/>Die \u00d6kologie ersetzt das idiotische Bestreben, um jeden Preis &#8211; auch um den der \u00dcberv\u00f6lkerung und Umweltzerst\u00f6rung &#8211; zu wachsen, durch die n\u00fcchterne Frage nach den M\u00f6glichkeiten von Raum und Zeit. Wieviel Menschen k\u00f6nnen in einem Gebiet wohnen? Welche Lebensbedingungen sind auf Dauer m\u00f6glich? So viel steht fest, da\u00df in der Bundesrepublik keine 60 Millionen Menschen unter den heutigen Bedingungen weiterleben k\u00f6nnen. Vorsichtige Sch\u00e4tzungen bewegen sich um 40 Mio mit dem Lebensstandard von 1937. Ein Abbau zentralisierter Erzeugungsst\u00e4tten und der \u00dcbergang zu kleineren selbstgen\u00fcgsamen Versorgungseinheiten, geringerer Wohndichte und kleineren Betrieben sind nicht zu umgehen. Auch mu\u00df in l\u00e4ngeren Zeitr\u00e4umen gedacht werden als in Wahlperioden. Wir m\u00fcssen lernen, in Generationen zu denken, denn wir sind nicht berechtigt, \u00fcber die Lebensgrundlagen unserer Nachkommen zu verf\u00fcgen. Mit dem Weiterflie\u00dfen der Rohstoffe kann in solchen Zeitr\u00e4umen ebenso wenig gerechnet werden wie mit dem des amerikanischen Weizens.<br \/>Wehe dem, der sich darauf nicht einrichtet. Es kennzeichnet den Widersinn und den bereits vollzogenen Bankrott unserer B\u00fcrodemokratie, da\u00df sie diese Seinfragen tabuiert. Aus der Lebensqualit\u00e4t machte sie einen Superkonsumbonbon. So wartet der diktatorische \u00dcberstaat auf die Krisen, die seine Stunde bringen werden.<br \/>Nur die Vers\u00f6hnung mit der Natur, die Wiedereinsetzung der Materie in ihre Rechte kann noch einen Ausweg bieten. Der Mensch mu\u00df seine nat\u00fcrliche Kreativit\u00e4t wiederentdecken und im Austausch und Frieden mit der Natur leben. Wie das praktisch vorsichgehen soll, l\u00e4\u00dft Amery letztenendes offen. Seine als Beispiel genannten Vorschl\u00e4ge ergeben kein Handlungsrezept, der Rat zu einem B\u00fcndnis zwischen Kirchen, Gewerkschaften und nationalen Minderheiten hat wenig Aussicht auf Verwirklichung &#8211; auch sind diese B\u00fcndnispartner noch nicht stark genug, solange sie keinen Zugang zu den Schaltstellen der Macht haben.<br \/>Den Wert seines Buchs mindert das nicht. Die Analyse ist eindringlich genug. Sie zwingt zum Nachdenken, und das ist besser, als wenn Amery einen fertigen Plan h\u00e4tte, der das Nachdenken er\u00fcbrigte. Sein Buch ist mit hinrei\u00dfendem Schwung, der schon sein voriges Buch &#132;Das Ende der Vorsehung &#8211; die gnadenlosen Folgen des Christentums&#148; auszeichnete, geschrieben: was Wunder bei dem ehemaligen (?) Romancier. Es ist wichtig, da\u00df wichtige B\u00fccher gut geschrieben und lesbar sind. Viele inhaltlich gute Arbeiten k\u00f6nnen sich nicht durchsetzen, weil sie schlecht geschrieben sind. Bei Amery ist auch stilistisch alles gut bis auf &#8211; f\u00fcr mein Gef\u00fchl &#8211; vermeidbare Fremdw\u00f6rter. Warum sagt er statt R\u00fcckblick Retrospektive, statt Menschenfeindlichkeit Antihumanismus, statt Durchdringung Perpetration? Das erschwert vielen Lesern unn\u00f6tig den Zugang. F\u00fcr die Taschenbuchausgabe sollte Amery das \u00e4ndern. Wir sollten \u00fcberhaupt \u00fcberlegen, ob wir die \u00d6kologie nicht umtaufen in Erdwissenschaft, denn wir brauchen einen Begriff, der sich selbst erl\u00e4utert.<\/p>\n<p>Wer fa\u00dfbarere Vorschl\u00e4ge sucht, greift zu Epplers Buch. Eppier entwirft ein Programm f\u00fcr 1980, dem er einen ersten Teil mit grunds\u00e4tzlichen Betrachtungen voranstellt. Er geht nicht soweit zur\u00fcck wie Amery, aber daf\u00fcr mehr in Einzelheiten, was ebenso zwingend ist. &#132;Zehn Tage Verzug&#148; (beim Beginn einer neuen Bev\u00f6lkerungspolitik) &#132;w\u00fcrden den Tod von einer Million Kindern verursachen &#8230; hier beginnt die Apokalypse&#148; (S 13). Eppier nennt als kritische Punkte der Gegenwart: Ersch\u00f6pfung und Vernichtung der Rohstoff- und Nahrungsmittelquellen, Verlust der Rohstoff- und freiheit f\u00fcr Regierungen und wachsende Kurzsichtigkeit, strukturelle und Jugendarbeitslosigkeit und Inflation, wachsende Staatsverschuldung und Unzutr\u00e4glichkeiten bei der Verteilung der G\u00fcter der Welt. Politik steht vor ihrem Tod, wenn sie Krisenmanagement zur\u00fcck statt Krisenbew\u00e4ltigung voran betreibt.<br \/>Eppier meint, wenn die Hoffnung \u00fcber die Angst siegen sollte, m\u00fc\u00dften mehr Wahrheiten gesagt werden. Im Fall der Ostpolitik habe das Volk diese Wahrheiten vertragen und hinzugelernt: Warum nicht auch bei der Wirtschaftspolitik? Der Fall ist in der Tat vergleichbar.<br \/>Eine Sache des Herzens ist f\u00fcr Eppier der Konservatismus. Er unterscheidet zwischen einem Konservatismus der Strukturen und einem der Werte: der erste will Machtverh\u00e4ltnisse, der zweite die Grundwerte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie bewahren. Eppler bekennt sich zu den Wertkonservativen und kann sich so, ohne \u00fcberlebte Verh\u00e4ltnisse verteidigen zu m\u00fcssen, zu den Konservativen z\u00e4hlen, woran ihm gelegen zu sein scheint. Man sp\u00fcrt den Parteipolitiker und Kirchenmann -bei solchen Aussagen. Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust, n\u00e4mlich auch noch die des scharfsichtigen Intellektuellen. Dieser Zwiespalt zieht sich durch das ganze Buch.<br \/>So h\u00e4lt Eppier der Gesellschaft, die ihr &#132;soziales Netz&#148; r\u00fchmt, mit Recht vor, da\u00df Solidarit\u00e4t nicht der Unfallwagen nach sozialem Ungl\u00fcck sei, sondern die Gemeinsamkeit, die solche Unf\u00e4lle vermeide und jeden seinen Beitrag leisten lasse &#8211; aber mit Aussagen wie &#132;die Bundesrepublik Deutschland kann sich in Bezug auf Freiheit und soziale Gerechtigkeit mit jedem Land der Erde messen&#148; (S 63), sinkt Eppler unter sein eigenes Niveau herab auf das seiner Parteifreunde in ihren Sonntagsreden. Hat er wirklich noch nichts von Berufsverboten geh\u00f6rt?<br \/>So gut seine Formel ist, man d\u00fcrfe nicht bei der Machbarkeit des Machbaren stehen bleiben, sondern m\u00fcsse das Notwendige machbar machen, so schief sieht er dabei die realen Verh\u00e4ltnisse. Ihm stellt sich die Frage, wie weit zu diesem Zweck der Politiker den W\u00e4hler aufkl\u00e4ren k\u00f6nne und m\u00fcsse. F\u00fcr Eppier ist also der Politiker aufgekl\u00e4rt und der W\u00e4hler dumm. Dies Verh\u00e4ltnis hat sich doch nach dem Ausscheiden Epplers aus der Regierung umgekehrt. Heute sind es die aufgekl\u00e4rten W\u00e4hler, die vor der Dummheit der Politiker verzweifeln und sich von ihren Parteien lossagen und keine Partei finden, die ihre intellektuellen und politischen Anspr\u00fcche befriedigen kann.<br \/>Eppier konkretes Programm ist beherzigenswert. Es l\u00e4\u00dft das Augenma\u00df eines erfahrenen politischen Realisten erkennen. Jeder sollte es lesen und sich f\u00fcr seine Verwirklichung einsetzen. Es besticht trotz zugegebener Unvollst\u00e4ndigkeit durch seine<br \/>Konkretheit und das sichere Gef\u00fchl f\u00fcr die Gefahrenpunkte unserer Gesellschaft und f\u00fcr deren wirksame Inangriffnahme.<br \/>Eppier h\u00e4lt sein Programm f\u00fcr machbar. &#132;Es l\u00e4\u00dft sich, wenn man will, innerhalb dessen verwirklichen, was man unser System zu nennen pflegt&#148; (5150). M\u00f6ge Eppier damit Recht behalten. Ich glaube es nicht. Die Parteien und das Parlament haben sich als unf\u00e4hig erwiesen, gegen die kurzsichtigen und falsch verstandenen Interessen der Industrielobby und der BILD-\u00d6ffentlichkeit zu handeln. Letzte Beispiele sind das Abw\u00e4sserabgabengesetz und das Arzneimittelgesetz. Die Regierung regiert nicht mehr, sie reagiert nur noch.<br \/>In Epplers Begriffen ausgedr\u00fcckt fragt es sich, ob das Vierparteiensystern ein zu bewahrender Wert oder eine \u00fcberalterte Struktur ist. Sollte nicht wenigstens die 5% Klausel abgeschafft werden? Dazu \u00e4u\u00dfert Eppier sich nicht. Stattdessen fordert er die B\u00fcrger auf, ihren \u00c4rger kreativ zu verarbeiten und in Anst\u00f6\u00dfe an die lahmgewordenen Mammutorganisationen &#8211; Gewerkschaften, Kirchen, Parteien &#8211; umzusetzen. Aber wird damit nicht das Konzept der Parteiendemokratie auf den Kopf gestellt? Sollen sich nicht gerade die politisch regen und nicht die politisch tr\u00e4gen B\u00fcrger in den Parteien zusammentun? Gewi\u00df sind wir alle f\u00fcr die Demokratie verantwortlich. Solange aber die vier Parteien ein Machtmonopol beanspruchen, k\u00f6nnen sie nicht den Schwarzen Peter der Verantwortung auf den B\u00fcrger zur\u00fcck-schieben. Der k\u00f6nnte es n\u00e4mlich eines Tages leid sein, an einem stecken gebliebenen Karren herum zu zerren, und lieber umsteigen. Wo notwendige Reformen ausbleiben, bleiben nur Umw\u00e4lzung oder Abstieg.<br \/>Diejenigen, die die Notwendigkeit sehen, aber dem handlungsunwilligen System den R\u00fccken st\u00e4rken, indem sie ihm bescheinigen, da\u00df &#132;eine Revolution in dieser Gesellschaft unm\u00f6glich&#148; (S 151) sei, m\u00fcssen sich fragen lassen, ob sie damit nicht dieselben Reformen torpedieren, f\u00fcr die sie sich so \u00fcberzeugend einsetzen. Ich empfehle Eppler, den ersten Teil seines Buches \u00fcber die N\u00e4he der Apokalypse zu lesen. Da\u00df das Notwendige machbar zu machen ist, gilt auch f\u00fcr die Revolution.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2361],"publikationen":[1311],"class_list":["post-12604","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-helmut-ostermeyer","publikationen-26-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zukunftspolitik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/26-vorgaenge\/publikation\/zukunftspolitik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zukunftspolitik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr.26 (Heft 2\/1977), S. 105-107 Carl Amery, Natur als Politik. 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