{"id":18807,"date":"2023-07-24T16:10:27","date_gmt":"2023-07-24T14:10:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=18807"},"modified":"2023-07-24T16:10:27","modified_gmt":"2023-07-24T14:10:27","slug":"russische-kollektivschuld-warum-voelkerhass-niemals-nuetzlich-sein-kann","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/239-240-vorgaenge\/publikation\/russische-kollektivschuld-warum-voelkerhass-niemals-nuetzlich-sein-kann\/","title":{"rendered":"Russische Kollektivschuld? Warum V\u00f6lkerhass niemals n\u00fctzlich sein kann"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-teaser-western\"><em>Nicht erst seit dem \u00dcberfall auf die Ukraine, aber seitdem noch vehementer, werden \u201edie Russen\u201c als Quelle allen \u00dcbels angesehen. Was bedeutet das f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, den Krieg zu beenden? Im folgenden Gastbeitrag setzt sich Eugen Ruge mit dieser Frage auseinander.<\/em><\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Vor drei Jahren ver\u00f6ffentlichte ich einen Roman, dem die deutsche und internationale Presse, soviel Unbescheidenheit sei erlaubt, bescheinigt hat, dass er den stalinistischen Terror auf eindr\u00fcckliche Weise erlebbar mache. Die erste \u00dcbersetzung von \u201e<i>Metropol<\/i>\u201c kam in Russland heraus &#8211; was nicht hei\u00dfen soll, dass diese Art von Literatur in Russland besonders beliebt w\u00e4re. Sogar in Vietnam erschien das Buch. Und nat\u00fcrlich in mehreren westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern. Jedoch in keinem osteurop\u00e4ischen Land, in keiner ehemaligen Sowjetrepublik, obgleich ich eigentlich gedacht hatte, dass der Stalinismus dort Thema w\u00e4re. Mein Roman spielt zur Zeit der gro\u00dfen Terrors. Eine der Hauptfiguren ist Wassili Wassiljewitsch Ulrich, Vorsitzender Richter der Schauprozesse, der tats\u00e4chlich innerhalb von drei Jahren 31.456 Todesurteile unterschrieben hat. Allerdings war er, wie sein Name verr\u00e4t, Lette. Nicht Russe.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Bevor ich fortfahre, f\u00fchle ich mich zu einem Bekenntnis verpflichtet: Ich bin Halbrusse. Nicht freiwillig, versteht sich. Sondern weil mein Vater 1933 aus Hitlerdeutschland in die Sowjetunion floh, wo er sich nach dem \u00dcberfall Deutschlands pl\u00f6tzlich im Ural, in der sogenannten Arbeitsarmee wiederfand; faktisch unter GULag-Bedingungen \u00fcberlebte er mit knapper Not, heiratete in der anschlie\u00dfenden Verbannung eine Russin. Ich kam mit zwei Jahren nach Deutschland. Ich hatte nie einen russischen Pass. Vermutlich h\u00e4tte ich das Recht zu behaupten, dass ich Deutscher bin. Trotzdem habe ich, wenn ich mich hier zu Wort melde, das Gef\u00fchl, ich d\u00fcrfe die \u201eSchande\u201c meiner Geburt nicht unterschlagen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das Gef\u00fchl der Unterschlagung hatte ich fr\u00fcher schon, wenn ich mit Osteurop\u00e4ern zusammentraf, die mich als \u201ereinen\u201c Deutschen wahrnahmen. Das war kein Nachteil, denn alles Deutsche stand hoch im Kurs. Von den Verbrechen der Deutschen war erstaunlicherweise kaum die Rede. Stattdessen \u2013 und ich wei\u00df, dass mancher Ostdeutsche \u00e4hnliche Erfahrungen gemacht hat \u2013 sp\u00fclte die Schnapsseligkeit gelegentlich Spr\u00fcche hoch, die man vor Schreck lieber gleich verga\u00df, um nicht in Konflikt mit seiner antifaschistischen Erziehung zu geraten. Die Russen dagegen wurden in vielen Teilen Osteuropas gehasst. Aber ist das nicht verst\u00e4ndlich \u2013 nach jahrzehntelanger Besatzung, nach Schauprozessen und Deportationen?<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"lauter-nichtrussische-akteure-im-stalinistischen-apparat\">Lauter nicht&shy;rus&shy;si&shy;sche Akteure im stali&shy;nis&shy;ti&shy;schen Apparat<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Es ist keine Erfindung des Autors, dass der Vorsitzende Richter der gro\u00dfen Moskauer Schauprozesse ein Lette war. Auch Andrej Wyschinski, der Staatsanwalt, der die Prozesse in Wirklichkeit leitete, war nicht eigentlich Russe, sondern der in Odessa geborene Sohn eines polnischen Katholiken. Stalin war bekanntlich Georgier. Und \u00fcberhaupt wimmelte es im Apparat von nichtrussischen Akteuren.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es war ja vor allem das NKWD, das Stalins Terror verwirklichte. Es verhaftete, folterte, erschoss, organisierte die Deportation von Millionen Menschen. In dem von der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial herausgegebenen Handbuch \u201e<i>Wer leitete das NKWD\u201c<\/i> findet man, nach Jahren aufgelistet, die nationale Zusammensetzung der Leitung dieser ber\u00fcchtigten Geheimpolizei. Aber was schlie\u00dft man daraus, dass 1936, zum Auftakt des gro\u00dfen Terrors, fast 39 Prozent davon Juden sind (die in der Sowjetunion als Nationalit\u00e4t gef\u00fchrt wurden)? Der Terror: eine j\u00fcdische Verschw\u00f6rung? Nur, was bedeutet es, dass ihre Anzahl bis 1941 auf 5,5 Prozent schrumpft? W\u00e4hrend umgekehrt die Zahl der Ukrainer von f\u00fcnf auf f\u00fcnfzehn Prozent ansteigt?<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">1941 sind die Russen mit 64 Prozent in der \u00dcberzahl, proportional etwas \u00fcber ihrem Bev\u00f6lkerungsanteil in der Sowjetunion; allerdings sind im Zentrum der Macht, in Stalins neunk\u00f6pfigem Politb\u00fcro, zu dieser Zeit nur drei Russen vertreten. Ein Mitglied ist Armenier, und vier, n\u00e4mlich Schdanow, Woroschilow, Kaganowitsch und Chruschtschow, stammen aus der Ukraine. Und nie ist, nebenbei gesagt, die Sowjetunion l\u00e4nger von einer \u201eNationalit\u00e4t\u201c regiert worden als von den Ukrainern Chruschtschow und Breschnew.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es ist unbestreitbar, dass das Zarenreich ein russisches Imperium war, ein Kolonialreich, auch wenn Migration und Expansion der Rus von Kiew aus verschiedene Gesichter und Phasen hatten. Nach Osten hin: der Kampf gegen Tataren und Osmanen. Ein Gebiet wie das Estlands wurde im Nordischen Krieg dem schwedischen Imperium abgerungen. Das erste unabh\u00e4ngige kosakische Hetmanat in dem Territorium, das man Ukraina (altrussisch f\u00fcr \u201eGrenzland\u201c) nannte, unterstellte sich 1648, nachdem es sich von Polen befreit hatte, der Oberherrschaft und dem Schutz des russischen Zaren. Der Rest k\u00f6nnte komplizierter nicht sein. Am Ende stand zweifellos ein V\u00f6lkergef\u00e4ngnis, ein zentralistischer Einheitsstaat, in dem das russische Element alles dominierte.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"resultat-des-scheiterns-der-weltrevolution\">Resultat des Scheiterns der Weltre&shy;vo&shy;lu&shy;tion<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Es geh\u00f6rt zu den Merkw\u00fcrdigkeiten der Geschichte, dass ausgerechnet die Bolschewiki eine f\u00f6deralistische Struktur schufen, die \u2013 formal \u2013 der Selbstbestimmung der V\u00f6lker Ausdruck gab. Davon darf man sich nicht irritieren lassen. In Wirklichkeit war ihre Nationalit\u00e4tenpolitik, schlicht gesagt, verlogen. Denn nat\u00fcrlich sahen die Revolution\u00e4re die L\u00f6sung aller Probleme nicht in der nationalen Befreiung, sondern in der Befreiung der Arbeit vom Kapital; wer das nicht versteht, hat vom Bolschewismus nichts verstanden.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Der Kommunismus war, wie Hannah Arendt in \u201e<i>Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft<\/i>\u201c schreibt, eine Bewegung, die sich internationale Ausma\u00dfe und Bedeutung zuschrieb. Lenin und seine Leute glaubten fest an die unmittelbar bevorstehende Weltrevolution, die alle Proletarier der Welt befreien und vereinen w\u00fcrde. Selbstverst\u00e4ndlich dachten sie nicht daran, die bereits vom Joch des Kapitalismus befreiten Gebiete des Reichs wieder dem Kapital preiszugeben, sondern versuchten, in Europa und der Welt den gro\u00dfen revolution\u00e4ren Brand zu entfachen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Bekanntlich hat der Brand nicht stattgefunden. Es war Stalin, der die angebissene Weltrevolution auf den Kurs \u201e<i>Sozialismus in einem Land<\/i>\u201c brachte. Tats\u00e4chlich war er daf\u00fcr auf fatale Weise der richtige Mann. Ein ehemaliger Priestersch\u00fcler, orthodox, halbgebildet, gerissen, geplagt von Minderwertigkeitsgef\u00fchlen gegen\u00fcber den eloquenten kosmopolitischen Genossen. Ausl\u00e4nder verd\u00e4chtigte er, war \u00fcberdies Antisemit; er schlug gro\u00dfrussische T\u00f6ne an, mobilisierte Gr\u00fcndungsmythen, um den Zusammenhalt des nunmehr entstandenen bolschewistischen Imperiums zu st\u00e4rken \u2013 und damit seine pers\u00f6nliche Macht.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Stalins Verbrechen sind kaum zu z\u00e4hlen. Er lie\u00df die alte Garde der Kommunisten vernichten (die ihrerseits nicht zimperlich gewesen war). Er r\u00e4chte sich an den abgefallenen baltischen V\u00f6lkern. Er versuchte Finnland wiederzuerobern. Er lie\u00df die deutsche Minderheit unterdr\u00fccken, die Krim-Tataren deportieren und vieles mehr. Aber er lie\u00df genauso auch Russen foltern, erschie\u00dfen, deportieren, wie sich mit Zahlen belegen l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">So befanden sich 1939, nach der gro\u00dfen Verhaftungswelle, 810.000 Russen im GULag &#8211; naturgem\u00e4\u00df mehr als H\u00e4ftlinge aller anderen Ethnien, aber auch, wenn man die Zahl ins Verh\u00e4ltnis zum Bev\u00f6lkerungsanteil setzt, mehr als zum Beispiel Ukrainer, n\u00e4mlich 0,81 gegen\u00fcber 0,64 Prozent der jeweiligen Bev\u00f6lkerungsst\u00e4rke &#8211; man verzeihe mir diese kalte Rechnung. Weder das russische Volk noch irgendein anderes hat Stalin gew\u00e4hlt oder eingesetzt oder sonstwie befugt zu tun, was er getan hat. Und nichts von dem, was Stalin tat, tat er als Russe, nicht im Auftrag des russischen Volkes, nicht zu dessen Vorteil.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"ein-nationaler-blick-geht-an-der-sache-vorbei\">Ein nationaler Blick geht an der Sache vorbei<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Der nationale Blick geht einfach am Wesen der Sache vorbei. Das Beispiel Holodomor ist inzwischen so aufgeladen, dass man sich kaum getraut, an Tatsachen zu erinnern. Selbstverst\u00e4ndlich war der langj\u00e4hrige Krieg der Bolschewiki gegen die Bauern (der schon unter Lenin begann!) eines der widerw\u00e4rtigsten Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts. Es fand seinen H\u00f6hepunkt in Stalins Versuch, eine entmenschlichte Politik der Industrialisierung auf Kosten der vermeintlich reaktion\u00e4ren Bauernklasse durchzupr\u00fcgeln. Die Getreideabgaben, mit Waffen erzwungen, f\u00fchrten zum Erliegen der Produktion.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Zwangskollektivierung wuchs sich, statt die Lage zu verbessern, zu einer Mord- und Totschlagaktion gegen sogenannte Kulaken aus (mithin gegen jeden, der noch irgendetwas erwirtschaftete). Die Katastrophe nahm ihren Lauf. Von Kiew bis Orenburg, von Tbilissi bis Samarkand hungerten die Menschen, am schwersten gerade in den landwirtschaftlich-b\u00e4uerlichen Gebieten. Die meisten der wom\u00f6glich bis zu sieben Millionen Opfer des Holodomor &#8211; n\u00e4mlich an die drei Millionen &#8211; waren Ukrainer! Aber auch im weit weniger bev\u00f6lkerten Kasachstan starben eineinhalb Millionen Menschen, es starben Russen im fruchtbaren Kuban, sogar in Georgien wurde gestorben. Wie gelingt es einem Historiker, aus dieser Trag\u00f6die ein exklusives nationales Opferanrecht zu schlie\u00dfen?<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Der Stalinismus war keine Diktatur der Russen \u00fcber Ukrainer oder Balten. Er war die Diktatur eines Psychopathen, gegr\u00fcndet auf das verheerende bolschewistische Konzept einer Parteidiktatur, die beanspruchte, eine Diktatur des Proletariats zu sein: Das ist, ohne hier eine weitere Analyse anzustrengen, der Kern des Stalinismus. Und auch wenn ich die nachstalinistische Sowjetunion deutlich von den Terrorjahren unterscheiden will: Der Gedanke ist nicht leicht zu ertragen, dass der verkr\u00fcppelte Sowjetkommunismus die halbe Welt in seinen Bann schlug, dass er Anh\u00e4nger, Freunde fand; dass er Osteuropa und Ostdeutschland nicht nur unterwarf, sondern sich dort auf Mitl\u00e4ufer, Karrieristen und sogar ehrliche Gl\u00e4ubige st\u00fctzen konnte \u2013 wie auch in allen ehemaligen Sowjetrepubliken.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das h\u00f6rt man nicht gern. Leichter ist es, alles auf den Russen zu schieben. Der ist b\u00f6se, gef\u00e4hrlich, primitiv. Drei\u00dfig Jahre lang haben die Osteurop\u00e4er uns vor ihm gewarnt: Seine Reden sind L\u00fcgen, seine Angebote vergiftet. Mit ihm k\u00f6nnte es keine Kooperation geben, denn in Wirklichkeit h\u00e4tte er nichts anderes vor, als die Nachbarv\u00f6lker zu \u00fcberfallen und zu unterjochen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Aber hatten sie nicht recht? Denn der \u00dcberfall auf die Ukraine ist, wer wollte das bezweifeln, kein sowjetischer, sondern ein russischer \u00dcberfall. Hei\u00dft das, dass die jahrzehntelangen Ressentiments gegen die Russen berechtigt gewesen sind? Wird die ethnisch zugespitzte Geschichtsdarstellung nachtr\u00e4glich wahr? Waren Hass und Abweisungen vorausf\u00fchlend und angemessen, weil Russland sowieso von Anbeginn den Krieg geplant h\u00e4tte? Und jetzt, wo Krieg ist: Helfen wir den Ukrainern nicht wenigstens, ihn zu gewinnen, indem wir sie in den \u00fcberkommenen Projektionen best\u00e4rken? Gibt es einen berechtigten Nationalismus? Einen n\u00fctzlichen V\u00f6lkerhass?<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"die-deutsche-erleichterung-ueber-den-russischen-buhmann\">Die deutsche Erleich&shy;te&shy;rung &uuml;ber den russischen Buhmann<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Ich h\u00e4tte niemals geglaubt, dass in Deutschland, wo inzwischen schon die Frage nach der Herkunft eines Menschen als rassistisch gilt, russische Speisekarten attackiert werden k\u00f6nnten. Dass deutsche Moderatoren die Sympathie eines Botschafters f\u00fcr einen profaschistischen Judenm\u00f6rder verzeihlich finden k\u00f6nnten. Dass in deutschsprachigen Zeitungen die Werke von Tolstoi bis Brodsky in toto als Literatur der M\u00f6rder und Vergewaltiger angeklagt werden k\u00f6nnte, wie es die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko in der \u201e<i>Neuen Z\u00fcrcher Zeitung<\/i>\u201c tut, weil diese Literatur den Boden f\u00fcr die Morde von Butscha bereitet habe, und die russischen Verlage von einer deutschen Buchmesse ausgeschlossen werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Nicht einmal die deutsche Literatur ist, w\u00e4hrend die Nazis in Europa und der Welt w\u00fcteten, auf solche Weise generalverd\u00e4chtigt worden. Ja, fast glaubt man in Deutschland so etwas wie Erleichterung dar\u00fcber zu sp\u00fcren, dass sich der wahre Charakter des Russen nun endlich offenbart hat und dass, endlich, 77 Jahre danach, die Zeichen historischer Schuld an der Stirn eines anderen erscheinen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ich \u00fcbertreibe? Man sehe sich die Tagesschau vom 28. April 2022 an. Sie berichtete ausf\u00fchrlich vom \u201e<i>Marsch der Lebenden<\/i>\u201c in Auschwitz. Nur wenige \u00dcberlebende marschierten noch mit, daf\u00fcr ukrainische Fl\u00fcchtlinge. Ein vierzehnj\u00e4hriges j\u00fcdisches M\u00e4dchen, die eine gro\u00dfe ukrainische Fahne vor dem \u201e<i>Arbeit macht frei\u201c<\/i>-Tor in Auschwitz-Birkenau schwenkt, wird effektvoll in Szene gesetzt und darf anschlie\u00dfend vor der Kamera sagen, dass sie sich mit dem Holocaust besch\u00e4ftigt habe und der Genozid, der damals passierte, im Prinzip das Gleiche w\u00e4re wie das, was die Russen jetzt in der Ukraine machten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Vier deutsche Schriftsteller, darunter ich, haben gegen diesen gro\u00df ausgestellten Auschwitzvergleich eine Programmbeschwerde angestrengt. Unsere Bedenken wurden vom ARD-aktuell-Chefredakteur in sieben Zeilen weggewischt: Der Beitrag spiegele \u201e<i>eine dort ge\u00e4u\u00dferte Meinung wider<\/i>\u201c und sei zumutbar, weil ein Holocaust-\u00dcberlebender die Sache sp\u00e4ter richtigstelle. Tats\u00e4chlich bekommt kurz vor dem Ende des insgesamt anderthalbmin\u00fctigen Beitrags ein sechsundneunzigj\u00e4hriger KZ-\u00dcberlebender noch sechs Sekunden Zeit, um mit bebender Stimme auf Englisch zu sagen, dass diese Dinge nichts miteinander zu tun h\u00e4tten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Nicht nur f\u00fcr ihn, liebe Tagesschau. Die Nazis haben sechs Millionen Juden ermordet. Und vierzehn Millionen sowjetische Zivilisten, um nur zwei Zahlen zu nennen. Hier geht es \u2013 und nicht nur wegen dieser Zahlen \u2013 um ein singul\u00e4res Verbrechen von unvorstellbarem Ausma\u00df, dessen Relativierung in Deutschland zu Recht verp\u00f6nt und verboten ist. Aber abgesehen davon, dass man sich mit solchen Vergleichen auf eine Stufe mit den Unbelehrbaren und F\u00fchllosen stellt, sind sie \u2013 gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"koste-es-was-es-wolle\">Koste es, was es wolle<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Ob gewollt oder nicht: Das Narrativ des Gro\u00dfen B\u00f6sen blockiert jeden Diskurs. Es verstellt der europ\u00e4ischen Politik jeden Handlungsspielraum. Unm\u00f6glich, etwa Interessen zu analysieren oder Widerspr\u00fcche aufzuzeigen. \u00dcber Auschwitz l\u00e4sst sich nicht verhandeln. Mit einem neuen Hitler gibt es keinen Vertrag. Mit einem Volk, das bis in seine Nationalliteratur verrottet ist, gibt es keine M\u00f6glichkeit der Verst\u00e4ndigung. In diesem Narrativ gibt es nur Kampf bis zum Sieg, koste es, was es wolle. Und je l\u00e4nger diese Form von Gruppenzwang anh\u00e4lt, desto schwieriger wird es, da wieder herauszukommen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es gibt einen europ\u00e4ischen Politiker, der es gleich zu Beginn des Kriegs versucht hat. Und das war erstaunlicherweise Wolodymyr Selenskyj! N\u00e4mlich als er Russland unmittelbar nach dem \u00dcberfall Verhandlungen \u00fcber dessen Forderungen anbot: ukrainische Neutralit\u00e4t, Abtretung der Krim, Autonomie f\u00fcr den Donbass. Es war vielleicht der gef\u00e4hrlichste Moment seines Lebens. Aber allein diese unglaubliche, diese heldenhafte Geste zeigt, dass eine Erweiterung der Perspektive denkbar ist, denkbar war. Unterst\u00fctzt hat ihn damals niemand, im Gegenteil. Unterst\u00fctzt wurde und wird die Fortsetzung des Kriegs, und zwar bis zum ukrainischen Sieg. Erst dann soll verhandelt werden. Wor\u00fcber?<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ja, vielleicht ist es m\u00f6glich, Russland in einem mehrj\u00e4hrigen Krieg zu zerm\u00fcrben. Vielleicht ist es m\u00f6glich, diesen zweifellos v\u00f6lkerrechtswidrigen, brutalen Krieg mit milit\u00e4rischen Mitteln zu beenden. Vielleicht wird Putin gest\u00fcrzt. Obgleich man sich fragen muss, von wem: von der russischen Bev\u00f6lkerung? Von jenen Menschen, deren Literatur wir als menschenfeindlich beschimpfen? Die f\u00fcr Holodomor und Roten Terror kollektiv verantwortlich sind? Die wir seit Jahren sanktionieren? Oder doch eher von seinen Gener\u00e4len? Ich wei\u00df es nicht. Ich irre mich gern. Ja, vielleicht ist ein Sieg m\u00f6glich. Hoffentlich wird es kein Pyrrhus-Sieg. Danach sieht es allerdings jetzt schon aus, sowohl f\u00fcr Europa als auch f\u00fcr die Ukraine.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><strong class=\"western\">Eugen Ruge<\/strong> geboren 1954 im russischen Soswa, ist Schriftsteller. 2011 gewann er f\u00fcr \u201e<i>In Zeiten des abnehmenden Lichts<\/i>\u201c den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschienen von ihm die Romane \u201e<i>Metropol<\/i>\u201c (2019, bei Rowohlt) und \u201e<i>Pompeji oder Die f\u00fcnf Reden des Jowna<\/i>\u201c (2023, bei dtv).<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[6],"tags":[],"autoren":[3237],"publikationen":[3228],"class_list":["post-18807","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-frieden","autoren-eugen-ruge","publikationen-239-240-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Russische Kollektivschuld? 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