{"id":18808,"date":"2023-07-24T16:15:33","date_gmt":"2023-07-24T14:15:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=18808"},"modified":"2025-02-26T11:46:03","modified_gmt":"2025-02-26T10:46:03","slug":"ausgemustert-aber-unverzichtbar-pazifismus-in-zeiten-des-krieges","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/239-240-vorgaenge\/publikation\/ausgemustert-aber-unverzichtbar-pazifismus-in-zeiten-des-krieges\/","title":{"rendered":"Ausgemustert, aber unverzichtbar: Pazifismus in Zeiten des Krieges"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-teaser-western\"><em>Die seit dem \u00dcberfall Russlands auf die Ukraine medial gest\u00fctzte Diskreditierung des Pazifismus und der Entspannungspolitik vergangener Jahrzehnte n\u00e4hrt die Sorge, dass unter Berufung auf die \u201eZeitenwende\u201c Lehren aus der Konfliktgeschichte ignoriert und Weichen in Richtung milit\u00e4risches Handeln gestellt werden, ohne strategischen Kompass f\u00fcr eine friedlichere Zukunft. Die Autorin analysiert das historisch gewachsene Selbstverst\u00e4ndnis des Pazifismus in Deutschland und zeigt u.a. seine \u201eDoppelveranlagung\u201c aus Ethos und Wissenschaftlichkeit. Staatsr\u00e4son sei der Pazifismus in Deutschland nie geworden. Die Forderung nach \u201emehr Verantwortung in der Au\u00dfenpolitik\u201c sei wesentlich milit\u00e4risch und weniger im Sinne von Konfliktdiplomatie und -mediation gedeutet worden. Milit\u00e4risches Eingreifen habe allzu oft zivile Konfliktbearbeitung konterkariert. Die Gefahr einer weiteren, auch atomaren Eskalation des Ukrainekrieges erfordert dringlich neue Kommunikation \u00fcber Verhandlungen. \u201eRealpolitik\u201c habe heute zu verstehen, dass Sicherheit auf unserem Planeten nur gemeinsam zu haben ist. Das bedeute, auch Russland eines Tages wieder als \u201ekonstruktiven Akteur auf der Weltb\u00fchne\u201c zur\u00fcckzugewinnen.<\/em><\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Seit Wladimir Putin vor fast einem Jahr mit dem Angriff auf die Ukraine ein neues Kapitel der Kriegsf\u00fchrung in Europa er\u00f6ffnet hat, erleben wir gleichzeitig mit der Welle der Hilfe und Solidarit\u00e4t f\u00fcr die k\u00e4mpfenden und fliehenden Ukrainerinnen und Ukrainer eine medial gest\u00fctzte Diskreditierung des Pazifismus, dem von Naivit\u00e4t gegen\u00fcber der Kriegsrealit\u00e4t bis zur Unterwerfung gegen\u00fcber Putin ziemlich viel vorgeworfen wird. Im Zuge dessen wird auch die Ost-West-Entspannungspolitik der 1970er Jahre, also die auf Deeskalation und Friedenssicherung gerichtete deutsche Au\u00dfenpolitik, in Zweifel gezogen. Das aber n\u00e4hrt die Sorge, dass im Sog des Krieges wichtige Lehren aus Konfliktgeschichte und -analyse \u00fcber Bord geworfen, dass unter Berufung auf eine \u201eZeitenwende\u201c neue, vor allem auf milit\u00e4risches Handeln ausgerichtete Weichen ohne ausreichenden strategischen Kompass f\u00fcr eine friedlichere Zukunft gestellt werden.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote1sym\" name=\"sdendnote1anc\"><sup>i<\/sup><\/a> Allzu umstandslos wurden umgehend kooperative au\u00dfenpolitische Paradigmen der vergangenen Jahrzehnte \u2013 zumindest im Hinblick auf die Russlandpolitik \u2013 als \u201eillusion\u00e4r\u201c oder gar \u201everlogen\u201c verabschiedet. Das aber ist nicht nur geschichtsvergessen, sondern diskreditiert wissenschaftlich begr\u00fcndete Friedens- und Sicherheitspolitik, wie sie aus den bitteren Lehren der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde. Und zugleich erkennt man negative Konnotationen f\u00fcr den Pazifismus wieder, die unter anderen Vorzeichen auch schon in anderen Epochen, etwa in den 1930er, aber auch in den 1980er Jahren eine toxische Rolle im \u00f6ffentlichen Diskurs gespielt haben.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es steht au\u00dfer Frage: Auch viele Pazifistinnen und Pazifisten tun sich schwer mit diesem vielleicht sogar neuen Typus von Krieg, in dem Putin national-revisionistische Ziele mit geopolitischen Ambitionen vermischt und sogar vor der atomaren Drohung nicht zur\u00fcckschreckt. Wie w\u00e4re unter diesen Vorzeichen das (staatliche) Recht auf Selbstverteidigung zu vereinen mit pazifistischen Grunds\u00e4tzen? Auch in der Geschichtswissenschaft findet zurzeit eine Renovierung der deutschen Erinnerungskultur gegen\u00fcber Ostmitteleuropa statt. Was bedeutete der \u201eSieg des Westens\u201c nach dem Kalten Krieg f\u00fcr einen Interessenausgleich zwischen \u201ealten\u201c und \u201eneuen\u201c Europ\u00e4ern? Und sollte dieser ein- oder ausschlie\u00dflich Russlands gedacht werden? In den gegenw\u00e4rtigen akademischen und politischen Diskursen stellen sich viele Fragen neu, nicht erst seit Beginn von Putins Krieg.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Aber dieser historisch-geografische Hintergrund \u2013 deutsche Kriegsschuld und \u201eKampfplatz Europa\u201c \u2013 erkl\u00e4rt nur zum Teil, warum angesichts des Ukrainekrieges, mehr als bei anderen Kriegen, der Pazifismus ins Visier geraten ist. Woher r\u00fchrt die besondere \u2013 moralische und politische \u2013 Sch\u00e4rfe in der Auseinandersetzung im Vergleich zu anderen aktuellen Gewaltkonflikten? Zum Beispiel gegen\u00fcber dem Krieg in Syrien, aus dem fast ebenso viele Menschen in die EU flohen wie bisher aus der Ukraine, oder dem fast zwanzigj\u00e4hrigen Kampfeinsatz in Afghanistan, der bei uns offiziell lange Zeit nicht \u201eKrieg\u201c hei\u00dfen durfte und der jetzt von einer Enquetekommission im Bundestag aufgearbeitet wird. In diesen F\u00e4llen waren Klagen \u00fcber einen \u201efalschen Pazifismus\u201c<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote2sym\" name=\"sdendnote2anc\"><sup>ii<\/sup><\/a> in Deutschland kaum zu h\u00f6ren. Die Friedens- und Konfliktforschung etwa, die sich in ihrer Mehrheit gar nicht explizit pazifistisch versteht, begleitete diese Kriege im Mittleren Osten, etwa in den j\u00e4hrlichen Friedensgutachten, mit einer kritischen Analyse, die meist auch die deutsche Milit\u00e4rbeteiligung in diesen Konflikten einschloss.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Frage nach der Bedeutung des deutschen Pazifismus und seiner Kernanliegen f\u00fcr die (kriegerische) Gegenwart scheint grunds\u00e4tzlicher aufgeworfen zu sein. Da kann ein Blick auf das historisch gewachsene Selbstverst\u00e4ndnis des Pazifismus in Deutschland nicht schaden.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"doppelveranlagung-aus-ethos-und-wissenschaft\">Doppel&shy;ver&shy;an&shy;la&shy;gung aus Ethos und Wissen&shy;schaft<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Der Pazifismus spielt(e) in der deutschen Geschichte zweifellos eine erheblich gr\u00f6\u00dfere Rolle als in der so manches anderen Landes, was ma\u00dfgeblich mit Deutschlands Verantwortung f\u00fcr beide Weltkriege zusammenh\u00e4ngt. Niedergeschlagen hat sich dies seit 1945 allerdings vor allem in einem wachsenden zivilgesellschaftlichen und wissenschaftlichen Engagement und weniger in Gestalt einer neuen staatlichen Identit\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Der deutsche Pazifismus speiste sich, seit er vor rund 120 Jahren als Gegenentwurf zum nationalistisch gepr\u00e4gten Militarismus in Europa Gestalt gewann, vor allem aus zwei Quellen: Erstens aus der moralischen Emp\u00f6rung und ethischen \u00dcberzeugung, dass staatliche Kriegf\u00fchrung das Schlimmste sei, was Menschen Menschen antun k\u00f6nnen. Und zweitens aus den wachsenden wissenschaftlichen Erkenntnissen \u00fcber die zwischenstaatlichen und innergesellschaftlichen Ursachen von Gewaltkonflikten einerseits und \u00fcber die verheerenden Wirkungen und Dynamiken fast aller Waffen (technologien), insbesondere der Atomwaffen, andererseits.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Diese \u201eDoppelveranlagung\u201c des Pazifismus aus Ethos und Wissenschaftlichkeit war mit unterschiedlichen Akzenten schon in den b\u00fcrgerlichen Diskursen des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts pr\u00e4sent \u2013 und von Beginn an nicht ohne Dilemmata und Kontroversen. Man denke an Bertha von Suttner, Alfred Hermann Fried oder Ludwig Quidde, die b\u00fcrgerlichen M\u00fctter und V\u00e4ter des Pazifismus. Interessant im deutschen Kontext ist dar\u00fcber hinaus das Hineinwachsen des Pazifismus in die Arbeiterbewegung, also die Tatsache, dass die Sozialdemokratie bis kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges mehrheitlich antimilitaristische, also im Kern pazifistische Antikriegspositionen vertrat. Das Einschw\u00f6ren auf einen nationalistisch-imperialen \u201eBurgfrieden\u201c durch den Kaiser f\u00fchrte dann zu der bekannten fast einhelligen Kehrtwende und Unterst\u00fctzung der SPD f\u00fcr die Bewilligung der Kriegskredite.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Konnte sich der Pazifismus also ironischerweise immer erst <i>ex post<\/i> vor der Geschichte beweisen? Was w\u00e4re \u2013 kontrafaktisch gefragt \u2013 gewesen, wenn der Erste Weltkrieg nicht mit der Zustimmung der Sozialdemokratie zu den Kriegskrediten begonnen h\u00e4tte? F\u00fcr einige Historiker bedeutete 1914 den \u201eZusammenbruch der pazifistischen Utopie\u201c (Karl Holl), andere sahen im Weltkrieg geradezu einen Geburtshelfer f\u00fcr den Pazifismus: \u201e<i>Die Geschichtsauffassung des Pazifismus ist im Kriege zur \u00f6ffentlichen Meinung der Welt geworden und in der deutschen Revolution auch zum offenen Bekenntnis breiter Schichten des deutschen Volkes.<\/i>\u201c (Paul Herre)<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In den 1920er Jahren radikalisierte sich der Pazifismus, zerfiel in \u201egesinnungsethische\u201c bzw. \u201erevolution\u00e4re\u201c Str\u00f6mungen: An der Kriegsschulddebatte oder der Frage, ob Sozialismus die letztliche Voraussetzung f\u00fcr eine internationale Friedensordnung w\u00e4re, vor allem aber schlie\u00dflich daran, wie dem aufkommenden Nationalsozialismus von innen und au\u00dfen zu begegnen sei, schieden sich die Geister auch der deutschen Pazifist:innen wie Kurt Hiller, Kurt Tucholsky oder Carl von Ossietzky.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"pazifismus-in-der-bundesrepublik-impulsgeber-aber-keine-staatsraeson\">Pazifismus in der Bundes&shy;re&shy;pu&shy;blik: Impulsgeber, aber keine Staatsr&auml;son<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Nach 1945 wurde der Nuklearpazifismus, verbunden mit Namen wie Albert Einstein, Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker und Werner Heisenberg, als radikale, aber zugleich wissenschaftlich rationale Begr\u00fcndung f\u00fcr den deutschen Pazifismus pr\u00e4gend. Ohne die fundierten Warnungen in der Erkl\u00e4rung der \u201eG\u00f6ttinger Achtzehn\u201c von 1957 und die scharfen Proteste auf der Stra\u00dfe w\u00e4re die Bundeswehr vermutlich heute mit Atomraketen ausgestattet. Zu Beginn der 1980er Jahre war es wieder das Zusammenspiel von wissenschaftlicher \u201eGegenexpertise\u201c \u00fcber Atomkriegsfolgen und einer bis dato ungekannten \u00f6ffentlichen Mobilisierung, das der bis dato gr\u00f6\u00dften au\u00dferparlamentarischen Bewegung der Bundesrepublik \u2013 gegen die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen in Europa \u2013 auf die Beine half und zu einer messbaren Politikrelevanz des Pazifismus f\u00fchrte.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In der Folge kam der sozialdemokratische Kanzler Helmut Schmidt, der den Nato-Doppelbeschluss ma\u00dfgeblich mitverantwortet hatte, zu Fall, und sein Vorg\u00e4nger Willy Brandt avancierte zum Hauptredner auf der Gro\u00dfdemonstration der Friedensbewegung im Bonner Hofgarten 1983. Mit den Gr\u00fcnen zog eine Partei in den Bundestag ein, die dies wesentlich ihren pazifistischen Wurzeln verdankte. So erlangte dieser \u201erationale Pazifismus\u201c zeitweise in Deutschland eine gewisse Deutungshoheit und bef\u00f6rderte zwischen den internationalen Hauptkontrahenten des Ost-West-Konfliktes ein Klima, in dem 1987 Ronald Reagan und Michail Gorbatschow mit dem INF-Vertrag das erste Abkommen \u00fcber atomare Abr\u00fcstung unterzeichneten. Pazifistische Kernanliegen wie die Beilegung von Gewaltkonflikten durch Vermittlung, Verhandlungen und Vereinbarungen sowie die Absage an milit\u00e4rische Drohung und Waffeneinsatz kamen am Ende des Kalten Krieges in einem bestimmten Zeitfenster der Geschichte paradigmatisch zum Vorschein \u2013 sie blieben jedoch ein uneingel\u00f6ster Gutschein auf die Schaffung einer europ\u00e4ischen Friedens- und Sicherheitsordnung.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Gegen\u00fcber diesen bemerkenswerten zivilgesellschaftlichen und wissenschaftlichen Impulsen \u2013 das mag paradox klingen \u2013 blieb der Pazifismus als Teil staatlicher Identit\u00e4t der Bundesrepublik eher blass und unbestimmt und nach 1989\/90 zunehmend ambivalent. \u201eFriedensmacht\u201c zu sein, war zwar Anspruch und staatliche Selbstdeutung Bonner Au\u00dfenpolitik im Rahmen der wachsenden Europ\u00e4ischen Union. Und \u201emilit\u00e4rische Zur\u00fcckhaltung\u201c war aus Weltkriegsschuld und neuer Westbindung jahrzehntelang g\u00fcltiges Mantra westdeutscher Friedens- und Sicherheitspolitik. Das war aber eine Au\u00dfenpolitik, die sich selbst explizit nicht als pazifistisch verstand. Konrad Adenauer war sicher kein Pazifist, aber auch Willy Brandt h\u00e4tte sich selbst nicht als solchen bezeichnet \u2013 und auch keine:r seiner Nachfolger:innen von Helmut Schmidt bis Angela Merkel. Die Gr\u00fcndung der Friedens- und Konfliktforschung unter Bundespr\u00e4sident Gustav Heinemann war schon 1969\/70 als wissenschaftliche Begleitung der Politik, insbesondere der neuen Ostpolitik der sozialliberalen Koalition, gedacht. Und eben auch kein Akt des Pazifismus.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Kurz gesagt: Staatsr\u00e4son ist der Pazifismus in Deutschland nie geworden.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote3sym\" name=\"sdendnote3anc\"><sup>iii<\/sup><\/a> Es hat zwar immer wieder Wellen verst\u00e4rkten pazifistischen Einflusses auf Parteien- und Regierungspolitik gegeben und pazifistische Kernanliegen haben auch Eingang gefunden in staatliche Politik, in Deutschland im Rahmen der Wiedervereinigung und danach. International wurde das vielleicht am sichtbarsten in den Formulierungen der Charta von Paris 1990 f\u00fcr friedliche Streitbeilegung und R\u00fcstungskontrolle und der Transformation der KSZE in die OSZE.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"verpasste-chancen\">Verpasste Chancen<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Aber die neuen, auch pazifistischen Hoffnungen auf eine Friedensdividende und kooperative Sicherheit in Europa erwiesen sich aus vielen Gr\u00fcnden als tr\u00fcgerisch.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote4sym\" name=\"sdendnote4anc\"><sup>iv<\/sup><\/a> Zu ungleich oder \u201eungerecht\u201c erschien das Ergebnis des Kalten Krieges in der Wahrnehmung der ehemaligen Hauptkontrahenten. Der wachsende Einfluss des Westens, auch der Nato, n\u00e4hrte Misstrauen auf Seiten Russlands, das sich gerade erst auf einen holperigen Pfad in die Marktwirtschaft begeben hatte. Die R\u00fcckkehr der Krieges in Europa beim Zerfall Jugoslawiens forderte auch Deutschland zur Parteinahme, politisch wie milit\u00e4risch.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Z\u00e4sur kam 1998\/99, als mit rot-gr\u00fcner Parlamentsmehrheit eine deutsche Beteiligung auf Seiten der Nato am v\u00f6lkerrechtlich h\u00f6chst umstrittenen Kosovokrieg beschlossen wurde. Bereits 1994 hatte das Bundesverfassungsgerichtsurteil \u00fcber m\u00f6gliche Auslandseins\u00e4tze der Bundeswehr (\u201e<i>out of area<\/i>\u201c) hierf\u00fcr die Voraussetzung geschaffen \u2013 vielen Pazifist:innen galten dieses Urteil und der Bundeswehreinsatz im Kosovo als schwerster Tabubruch der deutschen Nachkriegsgeschichte.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Nach dem Angriff auf die Twin Towers am 11. September 2001 und mit Beginn des folgenden <i>War on Terror<\/i> entstanden neue Legitimationsfiguren f\u00fcr milit\u00e4rische Interventionen, in deren Zuge die Vereinten Nationen als Friedensstifterin noch mehr marginalisiert wurde, die Nato sich dagegen als Interventionskraft zunehmend selbst autorisierte. Die auf der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz 2014 angesto\u00dfene Debatte \u00fcber \u201emehr Verantwortung in der deutschen Au\u00dfenpolitik\u201c offenbarte das, auch aus der pazifistischen Tradition begr\u00fcndete, deutsche Dilemma, diese Verantwortung k\u00fcnftig vor allem milit\u00e4risch definieren zu sollen (und zu wollen). Die dann einsetzende Erh\u00f6hung des Verteidigungshaushaltes und der Nato-Beitr\u00e4ge stellten entsprechende Weichen. R\u00fcckblickend waren dagegen die Initiativen des Ausw\u00e4rtigen Amtes wie das <i>PeaceLab<\/i>-Projekt von 2016 ein eher bescheidener Reflex auf die zivilgesellschaftlichen, auch pazifistischen Impulse der vergangenen Jahre: Die in der Zivilen Krisenpr\u00e4vention und im Zivilen Friedensdienst t\u00e4tigen deutschen NGOs wollten \u201emehr deutsche Verantwortung\u201c vor allem auf den Gebieten von verbesserter Konfliktdiplomatie und -mediation verstanden wissen. Lie\u00df sich Deutschland gleichzeitig als gr\u00f6\u00dferer Truppensteller und als Vermittler in Gewaltkonflikten profilieren? Friedenswissenschaft und Kirchen kritisierten den unvermindert hohen Rang, den Deutschland im internationalen R\u00fcstungsexport einnahm (und bis heute einnimmt).<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"eskalationsgefahr-ernst-nehmen\">Eskala&shy;ti&shy;ons&shy;ge&shy;fahr ernst nehmen<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Denn zu den wissenschaftlichen Ertr\u00e4gen der pazifistisch inspirierten Konfliktforschung geh\u00f6rt: Milit\u00e4risches Eingreifen, sei es durch Truppenentsendung oder durch Waffenlieferungen, auch wenn dies in \u201estabilisierender\u201c oder \u201eabschreckender\u201c Absicht geschah, hat in fast allen F\u00e4llen eher eskalierend und eben nicht sicherheitsbildend gewirkt (siehe Afghanistan oder Mali). H\u00e4ufig wurden dagegen die parallel und mit dem Ziel einer politischen, \u00f6konomischen oder humanit\u00e4ren Stabilisierung laufenden zivilen Missionen durch milit\u00e4risches Handeln konterkariert. Zivil-milit\u00e4rische Eins\u00e4tze der vielgepriesenen \u201evernetzten Sicherheit\u201c k\u00f6nnen heute vielerorts als gescheitert gelten; Helfer:innen wurden unversehens Kriegspartei. Denn milit\u00e4rische Gewaltanwendung entwickelt fast immer eine gef\u00e4hrliche Eigendynamik, der Drang zur Eskalation h\u00e4ngt auch mit der martialischen Natur der Waffen und den Irrationalismen derer zusammen, die sie einsetzen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Angst vor einer drohenden Eskalation des Ukrainekrieges, bis hin zum Einsatz atomarer Waffen, ist also durchaus berechtigt und aus friedenspolitischer, aber auch wissenschaftlicher Erfahrung begr\u00fcndet. Festzuhalten ist an diesem einflussreichen pazifistischen Grundgedanken also, dass die milit\u00e4rische Anwendung von Waffen aller Art nicht nur moralisch verwerflich oder zumindest problematisch ist, sondern eben auch in ihrer Natur eskalatorische und eben nicht friedensf\u00f6rdernde Mechanismen in Gang setzen kann \u2013 und zwar auch und gerade mit Blick auf die Ukraine und eine nach wie vor m\u00f6gliche atomare Eskalation. Das ist eine Kernerkenntnis aus \u00fcber 50 Jahren Friedens- und Konfliktforschung, die man auch haben kann, wenn man nicht gesinnungsethischer Pazifist ist.<\/p>\n<h4 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"friedensstrategisch-denken\">(Friedens)strategisch denken<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Eine neue Realpolitik, wie sie in Berlin jetzt erkennbar wird, w\u00e4re daher in jedem Fall gut beraten, die langen Linien im Blick zu haben \u2013 das hie\u00dfe, friedensstrategisch zu denken und nicht mit zweierlei Ma\u00df zu messen, wenn es um die friedliche Bearbeitung der Zukunftsaufgaben geht, vor denen wir alle stehen. Gerade wenn wir an die Klimapolitik denken, ist die Frage der \u201eSchuld\u201c keineswegs so eindeutig wie im aktuellen Ukrainekonflikt. Die Aufteilung der Welt in Gut und B\u00f6se, die der Putin-Krieg erneut nahezulegen scheint, ist daher ausgesprochen kontraproduktiv. Das haben wir zuletzt in den 1980er Jahren, der Schlussphase des Kalten Krieges, und dann wieder mit dem <i>War on Terror<\/i> erlebt: mit den bekannten Folgen internationaler Verfeindung, die den Gedanken zu vernebeln drohte, dass Sicherheit auf unserem Planeten nur gemeinsam und nicht gegeneinander zu haben sein wird. Eine solche umfassende Verfeindung, wie sie sich gegenw\u00e4rtig angesichts neuer Geopolitik wieder anbahnt, die auch China mehr als Gegner denn als wichtigen Akteur f\u00fcr Kooperation ansieht, ist eine fatale Entwicklung. Sie ist destruktiv und leugnet die Existenz objektiver Interdependenzen und gleichlaufender Interessen zwischen vielen Staaten und Gesellschaften.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ohne schlie\u00dflich auch Russland eines Tages wieder als konstruktiven Akteur auf der Weltb\u00fchne zur\u00fcckzugewinnen, wird es am Ende nicht gehen \u2013 sowohl mit Blick auf die Folgen des Ukrainekrieges als auch auf die weiterreichenden Probleme. Denn den allerwenigsten Bedrohungen, allen voran Klimawandel und Ressourcenknappheit, Pandemien, selbst Cyberkonflikten oder Terrorismus, l\u00e4sst sich mit milit\u00e4rischen Mitteln wirksam beikommen. Wie wichtig zuk\u00fcnftig wieder eine Zusammenarbeit mit Russland in \u00f6kologischer Hinsicht sein wird, zeigt schon ein Blick nach Sibirien, wo eine ungehemmte Erderw\u00e4rmung das Auftauen der Permafrostb\u00f6den und die Freisetzung ungeahnter Mengen an Treibhausgasen beg\u00fcnstigen und damit den ganzen Planeten noch mehr bedrohen wird.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Gleichzeitig mit der Verteidigung der Ukraine wird es daher, so schwierig das gegenw\u00e4rtig auch erscheint, darum gehen m\u00fcssen, auf eine Deeskalation der akuten Kriegssituation hinzuwirken, Gespr\u00e4chskan\u00e4le offenzuhalten, um neue Voraussetzungen f\u00fcr eine langfristig zu denkende europ\u00e4ische Friedensordnung ins Auge fassen zu k\u00f6nnen. Diese wird nur als Teil einer (klima)gerechten internationalen Ordnung vorstellbar werden. Das sind Aspekte einer \u201eZeitenwende\u201c, die sich jenseits der Aufr\u00fcstung der Bundeswehr bewegen, weil sie Sicherheit in einem umfassenden zivilen Sinne des Zusammenlebens von Staaten und Gesellschaften betreffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><strong class=\"western\">Corinna Hauswedell<\/strong> geb. 1953 in Hamburg, ist promovierte Historikerin und Friedens- und Konfliktforscherin. Zu ihren Schwerpunkten geh\u00f6ren au\u00dfenpolitische Strategien und Konzepte der Sicherheitspolitik und Gewalteinhegung, sowie Geschichte und Wirkungen des Nordirlandkonfliktes bis hin zum Brexit. Ausgehend von ihrer T\u00e4tigkeit am <i>Bonn International Center for Conflict Studies<\/i> (BICC) von 1994 bis 2006, war sie zwischen 2001 und 2017 Mitherausgeberin des Friedensgutachtens. Heute leitet sie <i>Conflict Analysis and Dialogue<\/i> (CoAD) in Bonn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-zwischen\u00fcberschrift-2-western\">Anmerkungen:<\/p>\n<div id=\"sdendnote1\">\n<p><a href=\"#sdendnote1anc\" name=\"sdendnote1sym\">i <\/a>Vgl. auch Corinna Hauswedell, Zeitenwende!?, www.wissenschaft-und-frieden.de, 8.3.2022.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote2\">\n<p><a href=\"#sdendnote2anc\" name=\"sdendnote2sym\">ii <\/a>Serhij Zhadan, \u201eFreiheit ist Freiheit. Niedertracht ist Niedertracht\u201c, in: \u201eBl\u00e4tter\u201c, 12\/2022, S. 55-62, hier: S. 58.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote3\">\n<p><a href=\"#sdendnote3anc\" name=\"sdendnote3sym\">iii <\/a>Diese Differenz zwischen einem traditionell pazifistisch gepr\u00e4gten Grundkonsens in der Gesellschaft und einem oft ambivalenten Umgang mit pazifistischen Impulsen in der staatlichen Politik muss nicht negativ sein; sie verweist auf die Spielr\u00e4ume einer diskursiven demokratischen Realit\u00e4t. Besorgniserregend wird es aber, wenn wie seit Beginn des Ukrainekrieges die Dominanz milit\u00e4rischen Handelns friedensstrategische Alternativen minimiert, ausblendet oder sogar diskreditiert. Der DeutschlandTrend vom 19.1.2023 ergab trotz Panzerdebatte keine Eindeutigkeit f\u00fcr weitere Waffenlieferungen (52 Prozent der Unter-35-j\u00e4hrigen dagegen); Berlin sollte das ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote4\">\n<p><a href=\"#sdendnote4anc\" name=\"sdendnote4sym\">iv <\/a>Nicole Deitelhoff, Zur\u00fcck auf Null. Putins Krieg und die Europ\u00e4ische Sicherheitsordnung, in: \u201eBl\u00e4tter\u201c, 6\/2022, S. 69-76.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[6],"tags":[],"autoren":[3238],"publikationen":[3228],"class_list":["post-18808","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-frieden","autoren-corinna-hauswedell","publikationen-239-240-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ausgemustert, aber unverzichtbar: Pazifismus in Zeiten des Krieges - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/239-240-vorgaenge\/publikation\/ausgemustert-aber-unverzichtbar-pazifismus-in-zeiten-des-krieges\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ausgemustert, aber unverzichtbar: Pazifismus in Zeiten des Krieges - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die seit dem \u00dcberfall Russlands auf die Ukraine medial gest\u00fctzte Diskreditierung des Pazifismus und der Entspannungspolitik vergangener Jahrzehnte n\u00e4hrt die Sorge, dass unter Berufung auf die \u201eZeitenwende\u201c Lehren aus der Konfliktgeschichte ignoriert und Weichen in Richtung milit\u00e4risches Handeln gestellt werden, ohne strategischen Kompass f\u00fcr eine friedlichere Zukunft. 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