{"id":19017,"date":"2002-09-07T12:39:05","date_gmt":"2002-09-07T10:39:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19017"},"modified":"2025-08-18T13:38:41","modified_gmt":"2025-08-18T11:38:41","slug":"eine-welt-in-aufloesung-ein-aktueller-literaturbericht","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-159\/publikation\/eine-welt-in-aufloesung-ein-aktueller-literaturbericht\/","title":{"rendered":"Eine Welt in Aufl\u00f6sung? Ein aktueller Literaturbericht"},"content":{"rendered":"<p>Zahllose B\u00fccher erschienen im letzten Jahr, die auf die ver\u00e4nderte globale Lage seit dem 11. September reagierten. Die politische Literatur ist so un\u00fcbersichtlich und widerspr\u00fcchlich wie die gegenw\u00e4rtige internationale Politik. Stimmt die nach den Anschl\u00e4gen in New York und Washington vielfach ge\u00e4u\u00dferte Diagnose des \u201eNichts wird mehr so sein, wie es einmal war&#8220; \u00fcberhaupt? Ein Band mit Beitr\u00e4gen einer Ringvorlesung an der Freien Universit\u00e4t Berlin bietet da einen instruktiven \u00dcberblick:<\/p>\n<p><em>Felicitas von Aretin\/Bernd Wannenmacher<\/em> (Hgg.): Weltlage. Der 11. September, die Politik und die Kulturen, Leske + Budrich: Opladen 2002, 234 S., ISBN 3-8100-3418-5; 12,80 Euro<\/p>\n<p>Juristen, Religionswissenschaftler, Politologen, \u00d6konomen besch\u00e4ftigen sich mit Ursachen und Folgen des 11. Septembers. L\u00e4nderanalysen zu Pakistan, Saudi-Arabien, Deutungen des Dschihads und der fundamentalistischen Bewegungen sowie des gegenw\u00e4rtigen religi\u00f6sen Denkens im Islam finden sich hier, aber auch eine Zusammenstellung der Reaktionen von Intellektuellen auf die Anschl\u00e4ge und den Krieg in Afghanistan und der Folgen f\u00fcr die amerikanische Politik. Jenseits der Tagesaktualit\u00e4t werden die l\u00e4ngerfristigen Ursachen f\u00fcr das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Wertvorstellungen, die von handfesten \u00f6konomischen Interessen begleitet werden, herausgearbeitet. In dieser Sicht wird der 11. September eher zu einem Ereignis innerhalb eines kontinuierlichen Prozesses als zu einem Epochenbruch.<\/p>\n<p>Worin liegen die Ursachen von \u201e9-11&#8243;? Dies besch\u00e4ftigt auch das<em> enfant terrible<\/em> unter den amerikanischen Intellektuellen \u2014 und es hat dabei mal wieder kr\u00e4ftig zugeschlagen. Mit<\/p>\n<p><em>Gore Vidal:<\/em> Ewiger Krieg f\u00fcr ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es ges\u00e4t hat, Europ\u00e4ische Verlagsanstalt, Hamburg 2002, 132 S., ISBN 9-783-434-50539-6; 12,90 Euro<\/p>\n<p>provozierte der bekannte Essayist halb Amerika, vergleichbar vielleicht nur mit den Ketzereien eines Noam Chomsky. Denn die dort versammelten Aufs\u00e4tze klagen vor allem die amerikanische Supermacht selbst an. Die Vorw\u00fcrfe: Ignoranz gegen\u00fcber und Desinteresse am Rest der Welt, Wohlstandssattheit und ein beinahe unertr\u00e4glicher Paternalismus. Auf fast zwanzig Seiten z\u00e4hlt Vidal u.a. auf, was die USA anderen L\u00e4ndern so angetan haben, vom Handelskrieg bis zur milit\u00e4rischen Intervention. Die Terroranschl\u00e4ge geraten so in Vidals Interpretation zu einer Art \u201eGegenschlag&#8220; der von Amerika Erniedrigten und Beleidigten \u2014 eine These, f\u00fcr die Vidal am Ende doch nur d\u00fcrftige Argumente beibringen kann.<\/p>\n<p>Eine ganz andere Deutung des Terrors liefert der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Arno Gruen:<\/p>\n<p><em>Arno Gruen:<\/em> Der Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2002, 190 S., ISBN 3-608-94224-6; 15 Euro.<\/p>\n<p>Gruen zufolge ist Gewalt ein allen Zivilisationen inh\u00e4rentes Ph\u00e4nomen, weil Herrschaft, Besitz- und Repr\u00e4sentationsstreben die wahren Bed\u00fcrfnisse der Menschen \u00fcberlagern. Der Mensch verliert dadurch seine Bedeutung, er wird dem Staat bzw. der Gemeinschaft untergeordnet. Folgt man Gruen, so reagieren Menschen darauf mit einem Streben nach Bedeutung, das sich auch in extremem Radikalismus und der Bereitschaft zum Terror \u00e4u\u00dfern kann. Das einzige Mittel dagegen sei, die \u201ewirklichen Bed\u00fcrfnisse&#8220; der Menschen anzuerkennen und Gesellschaften an diesen auszurichten. Man muss kein Fan psychoanalytischer Deutungen sein, um Gruens Argumentation zumindest teilweise aufschlussreich zu finden.<\/p>\n<p>Gewalt gibt es in vielf\u00e4ltigen Erscheinungsformen. Eine d\u00fcster-bunte, \u00fcberaus gelungene Abmischung des<em> Kursbuches<\/em> erinnert daran:<\/p>\n<p><em>Kursbuch<\/em> 147: \u201eGewalt&#8220; (M\u00e4rz 2002), Rowohlt Berlin: Berlin 2002, 174 S., ISBN 387 9 Euro<\/p>\n<p>Schonungslos konfrontiert uns Rainer Maria Kiesow anhand von Beispielen mit der Bildhaftigkeit der Todesstrafe, mit dem Voyeurismus der Augenzeugen bei Hinrichtungen, Ina Hartwig systematisiert verschiedene Arten der Gewalt in der Literatur (u.a. die genossene, die begehrenswerte, die gute Gewalt), Wolfgang Kraushaar sp\u00fcrt einmal mehr verschiedenen Gewaltphantasien, -theorien und -praktiken der 68er nach, von Baader bis Fischer. Wolfgang Sofsky ergeht sich in allzu plastischen Darstellungen des Krieges; seine Kriegsbilder reichen von Goya \u00fcber Otto Dix bis zu den grausamen Fotos von James Nachtwey, dem umstrittenen Meister der Fotoreportage \u00fcber die Kriege dieser Welt.<\/p>\n<p>Auch der ehemals wichtigste sozialdemokratische Mentor der bundesdeutschen Friedensbewegung macht sich in einem kleinen, klugen B\u00fcchlein Gedanken zum Thema Gewalt:<\/p>\n<p><em>Erhard Eppler<\/em>: Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt? Die Privatisierung und Kommerzialisierung der Gewalt, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2002, 154 S., ISBN 3-51812288-6; 9 Euro<\/p>\n<p>Der moderne Terror ist f\u00fcr den diesj\u00e4hrigen Tr\u00e4ger des Gustav-Heinemann-B\u00fcrgerpreises die gef\u00e4hrlichste Erscheinungsform privatisierter und kommerzialisierter Gewalt. Eppler ruft in Erinnerung, dass eine Entstaatlichung in der Konsequenz der verh\u00e4ngnisvollen Politik des Neoliberalismus in den letzten Jahren lag. In vielen F\u00e4llen hat die Schw\u00e4chung des Staates einen N\u00e4hrboden f\u00fcr privatisierte Gewalt geliefert. Tats\u00e4chlich sind gerade die von Chaos und Verfall bedrohten Staaten dringender denn je auf Institutionen und staatliche Ordnung angewiesen, die allein friedliche Entwicklung erm\u00f6glichen k\u00f6nnen. Eine Weltsozialpolitik geh\u00f6rt ebenso zu diesem Prozess wie eine Weltinnenpolitik; nur so k\u00f6nnen Ursachen von privatisierter Gewalt bek\u00e4mpft werden. Eppler, der Kanzler Schr\u00f6der in den Wochen nach dem 11. September beriet, pr\u00e4sentiert eine leicht verst\u00e4ndliche und rundum gelungene Einf\u00fchrung in die gef\u00e4hrlichen Problemlagen zu Beginn dieses Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Armiert mit fast 40 Seiten Anmerkungen wirft sich der Berliner Politikwissenschaftler Herfried M\u00fcnkler ins intellektuelle Get\u00fcmmel: P\u00fcnktlich zum Jahrestag des 11. Septembers erscheint seine gro\u00dfe Analyse kriegerischer Auseinandersetzungen der Gegenwart:<\/p>\n<p><em>Herfried M\u00fcnkler:<\/em> Die neuen Kriege, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2002, 287 S., ISBN 3-498-04487-7; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Das Buch ist die Summe langj\u00e4hriger Forschungen zu Theorie und Praxis des Krieges. F\u00fcr M\u00fcnkler hat in der uralten Geschichte des Krieges ein neuer Abschnitt begonnen: Staaten sind nicht mehr Hauptakteure, sondern S\u00f6ldner, Partisanen und Terroristen. Selten kommt es zu wirklichen Schlachten, Anschl\u00e4ge sind stattdessen die neue Form des Kampfes. Inspirierend ist der historische Vergleich mit dem Deutschland des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges: M\u00fcnklers \u201eneue Kriege&#8220; \u00e4hneln den K\u00e4mpfen jener Zeit sehr viel mehr als den \u201eklassischen&#8220; Kriegen der vergangenen drei Jahrhunderte. Ebenso wie Eppler analysiert er empirisch ges\u00e4ttigt die \u00f6konomischen Grundlagen der neuen Kriegsf\u00fchrung, das Auftauchen von \u201eKriegsunternehmern&#8220; und <em>warlords<\/em>. Man sollte hoffen, dass eine \u00dcbersetzung dieser profunden Studie auf den Nachttischen von Condoleeza Rice, Dick Cheney und<\/p>\n<p>Donald Rumsfeld landet, um dort kriegerische Abenteuerlust zu d\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Das Pendant zur gegenw\u00e4rtigen \u00e4u\u00dferen Mobilmachung ist die \u201einnere Aufr\u00fcstung&#8220;, die sich in den L\u00e4ndern des Westens seit langem vollzieht. Ein lauter, aber oft recht einsamer Rufer gegen diese Tendenz hat eine mitunter bitterb\u00f6se, manchmal \u00fcberzogene, immer aber brillant geschriebene Polemik gegen den Sicherheitswahn und die daraus resultierenden Folgen vorgelegt:<\/p>\n<p><em>Heribert Prantl:<\/em> Verd\u00e4chtig. Der starke Staat und die Politik der inneren Unsicherheit. Europa Verlag, Hamburg u. Wien 2002, 154 S., ISBN 3-203-81041-7; 12,90 Euro<\/p>\n<p>Der Staat hat, so Prantls Generalthese, auf die seit dem 11. September um sich greifende Unsicherheit mit derartig \u00fcberzogenen Sicherheitsma\u00dfnahmen reagiert, dass man von einem langsamen, aber unaufhaltbaren Abschied vom Rechtsstaat sprechen muss. Als die eigentlichen \u201eGesetzgeber&#8220; fungieren in Prantls Analyse die Terroristen von RAF bis Al Qaida, welche mit jeder Drohung und jeder Aktion das R\u00e4dchen Richtung Hochsicherheitsstaat ein St\u00fcckchen weiter drehen. Und: Der Fundamentalfehler liberaler und rechtsstaatlicher Politik besteht nach Prantl darin, dass sie es zugelassen hat, dass sich Rechtspopulisten als die wahren Verteidiger des Staates geb\u00e4rden d\u00fcrfen und so erheblichen Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess erlangen. Dem alarmierenden B\u00fcchlein ist weite Verbreitung zu w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Ist das Grundgesetz des \u201edemokratischen Rechtsstaats Bundesrepublik Deutschland&#8220; eine Sch\u00f6nwetter-Veranstaltung? Dass vor allem in Krisenzeiten der Anspruch einer Verfassung und gelebte Realit\u00e4t weit auseinander liegen k\u00f6nnen, zeigt<\/p>\n<p><em>Till M\u00fcller-Heidelberg u.a.<\/em> (Hgg.): Grundrechte Report 2002. Zur Lage der B\u00fcrger und Menschenrechte in Deutschland, Rowohlt Taschenbuch Verlag: Reinbek bei Hamburg 2002, 271 S., ISBN 3-499- 23058-5; 9,90 Euro<\/p>\n<p>Die AutorInnen, meist engagierte Fachkundige aus Initiativen, NGOs und Politik, geben in 38 Aufs\u00e4tzen Einblicke in die \u201efortschreitende Erosion der Grundrechte&#8220; und mangelndes rechtsstaatliches Bewusstsein der drei Gewalten. Den thematischen Schwerpunkt bilden die staatlichen Ma\u00dfnahmen nach dem 11. September. So verweist Ulrich Finckh auf das populistische Ausnutzen von Unsicherheit und Sicherheitsbed\u00fcrfnis durch Regierungen und Milit\u00e4r nach den Anschl\u00e4gen auf das World Trade Centre, das in vielen Teilen der Welt zu \u201epolizeiartigen Ma\u00dfnahmen&#8220; f\u00fchrte. Dass von innenpolitischen Folgen der Terroranschl\u00e4ge in Deutschland vor allem Menschen ohne deutschen Pass betroffen sind, zeigen Texte \u00fcber die \u2014 gegen Verfassung und Ausl\u00e4nderrecht versto\u00dfende \u2014 informationelle Behandlung von Ausl\u00e4ndern (Thilo Weichert), Pauschalverd\u00e4chtigungen via Rasterfahndung (Fredrik Roggan), oder eine zur Willk\u00fcr einladende Versch\u00e4rfung der aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen zur angeblichen Terrorismusbek\u00e4mpfung (Marei Pelzer). Weitere Themenfelder bilden u.a. die zunehmende M\u00f6glichkeit und Durchf\u00fchrung der technischen \u00dcberwachung von Personen, die &#8222;rigorose Einschr\u00e4nkung&#8220; des Demonstrationsrechts, willk\u00fcrlicher Umgang der Justiz mit Freiheitsstrafen, \u201eheimlicher Abbau der Tarifautonomie&#8220; sowie die unw\u00fcrdige Behandlung alter Menschen. Aufsehen erregte auch der Aufsatz Burkhard Hirschs \u00fcber die Datei \u201elinks motivierter Straft\u00e4ter&#8220; (LIMO). In dieser Datei seien ca. 2500 Personen ohne deren Wissen unter massivem Versto\u00df gegen das Grundgesetz als linksextremistisch oder gewaltbereit erfasst, denen bei Kontrollen an Deutschlands Grenzen die Ausreise verweigert werden k\u00f6nne (vgl. auch Hirschs Beitrag in diesem Heft). Der <em>Grundrechte Report<\/em> dokumentiert als einziges \u00fcbergreifendes Jahrbuch allt\u00e4gliche staatliche \u00dcbergriffe und Tendenzen der Einschr\u00e4nkung von Grundrechten in Deutschland \u2014 beunruhigend, aber notwendig in einem \u201eRechtsstaat&#8220;, der seine eigenen Regeln nicht einh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Gibt es ein neues Engagement, das einen emanzipatorischen Aufbruch gegen repressive Staatlichkeit und \u00d6konomie f\u00f6rdert? Ja, wenn man den Medien glauben m\u00f6chte:<em> attac<\/em> ist \u201ehip&#8220;. Keine Protestbewegung erf\u00e4hrt derzeit so viel Zulauf wie diese NGO. Dieses Ph\u00e4nomen nutzen und beschreiben<\/p>\n<p><em>Christiane Grefe\/Matthias Greffrath\/Harald Schumann:<\/em> attac. Was wollen die Globalisierungskritiker? Rowohlt Berlin Verlag: Berlin 2002, 222 S., ISBN 3-87134-451-6; 12,90 Euro<\/p>\n<p>Was attac (<em>association pour une taxation des transactions financi&amp;es pour l&#8217;aide aux citoyens<\/em>) ist, was Ziele, Forderungen und Mittel des prominenten Protestnetzwerkes sind, das unter dem Motto: &#8222;Eine andere Welt ist m\u00f6glich&#8220; opponiert und informiert, soll hier f\u00fcr ein breites Publikum allgemeinverst\u00e4ndlich dargestellt werden.<\/p>\n<p>Ganz im Sinne der Gr\u00fcndungsformel von <em>attac<\/em> als aktionsorientierte Bildungsbewegung handelt der <em>Spiegel<\/em>-Redakteur Harald Schumann zun\u00e4chst das kleine Einmaleins der Kapitalismusgeschichte seit Bretton Woods im Schnelldurchlauf ab und zeigt, an welchen Problemen der globalisierten Wirtschaft sich der Protest von attac entz\u00fcndete. Der zweite Teil des Buches berichtet im <em>patchwork-<\/em>Stil \u00fcber die Anf\u00e4nge von <em>attac<\/em> in Frankreich, Deutschland und andernorts und erfragt die Gr\u00fcnde f\u00fcr die gro\u00dfe Popularit\u00e4t der Bewegung. Kernforderungen wie Tobin-Steuer, Austrocknen von Finanzoasen und Schuldenausgleich werden beleuchtet und die weiteren Perspektiven von <em>attac<\/em> als internationale Protestbewegung er\u00f6rtert. Besonderes Augenmerk richten die Autoren dabei auf die Organisationsstruktur des Netzwerkes, dessen loser Zusammenhang zwar die Grundlage, aber auch die gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr das Fortbestehen von <em>attac<\/em> darstelle. Abschlie\u00dfend werden vier prominente Zeitzeugen der Bewegung wie Walden Bello und Susan George interviewt. Wohlwollend, aber nicht unkritisch hat das Autorentrio ein St\u00fcck politischer Popliteratur geschaffen, das sich leider mehr mit langatmigen Schilderungen von Einzelschicksalen besch\u00e4ftigt, als sich mit den aktuellen politischen Debatten innerhalb der Organisation auseinander setzt \u2014 gleichwohl lesenswerte Einstiegslekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Viele Themen, die auch zur Agenda von<em> attac<\/em> geh\u00f6ren, werden in der aktuellen Ausgabe von<\/p>\n<p><em>Widerspruch<\/em> 42. Beitr\u00e4ge zur <em>sozialistischen<\/em> Politik: \u201eSicherheit, Freiheit, globale Gerechtigkeit&#8220; (Heft 42, 22. Jg.), Z\u00fcrich 2002, 212 S., ISSN 1420-0945; 16 Euro<\/p>\n<p>analysiert. Die Z\u00fcricher Halbjahreszeitschrift f\u00fcr linke Theoriebildung setzt sich im ersten der zwei Themenschwerpunkte mit globaler Gerechtigkeit, Freiheitsvorstellungen und dem weiten Feld der Sicherheit nach dem 11. September auseinander. So fragt Rolf G\u00f6ssner (vgl. auch seinen Beitrag in diesem Heft), ob sich \u201edie Bundesrepublik Deutschland auf dem Weg in den autorit\u00e4ren Sicherheitsstaat&#8220; befindet. Den zweiten thematischen Schwerpunkt des Heftes bildet die Weltsozialpolitik nach dem Weltsozialforum in Porto Alegre 2002. Dot Keet analysiert die grunds\u00e4tzlichen Schw\u00e4chen des globalen Handelssystems, deren Auswirkungen dringend Alternativen forderten. Hans Sch\u00e4ppi und Urs Sekinger zeigen die M\u00f6glichkeiten einer St\u00e4rkung des Gewerkschaftsinternationalismus auf und Andreas Misbach kommentiert den Fall des <em>Enron-<\/em>Imperiums als den gr\u00f6\u00dften Wirtschaftsskandal der amerikanischen Geschichte. Die durchweg anspruchsvollen Artikel sprechen ein intellektuelles Publikum an, dass mehr als die \u00fcblichen Nachrichtenh\u00e4ppchen fordert.<\/p>\n<p>Einen g\u00e4nzlich anderen Weg zur globalen Gerechtigkeit verfolgt<\/p>\n<p><em>Sybille T\u00f6nnies:<\/em> Cosmopolis Now. Auf dem Weg zum Weltstaat, Europ\u00e4ische Verlagsanstalt: Hamburg 2002, 150 S., ISBN 3-434-50530-x; 14 Euro<\/p>\n<p>Die Autorin will auf den Tr\u00fcmmern des World Trade Centers eine neue, bessere Weltordnung erbauen, den Weltstaat. Und der sei n\u00e4her als er scheint: \u201eDie alte Weltordnung, ein B\u00fcndnis souver\u00e4ner Staaten, ist im Aufl\u00f6sen begriffen.&#8220; Damit die Welt nicht in ein globales Chaos st\u00fcrzt und Weltfrieden und universale Menschenrechte durchgesetzt werden k\u00f6nnen, fordert T\u00f6nnies \u2014 nach dem Vorbild des Hobbeschen Leviathan \u2014die \u201emonopolare Ordnung&#8220;, die in der Lage w\u00e4re, ein Weltrecht durchzusetzen. Die \u201eWeltmacht&#8220; soll dabei in die H\u00e4nde der USA gelegt werden, die Menschenrechte als \u201ekultureller Kitt&#8220; sollen die Welt zu einer Kulturnation vereinen. Um dies zu erreichen ist \u201enur&#8220; noch die Kapitulation der \u00fcbrigen Welt und die Einwilligung der Amerikaner notwendig \u2014 leichter als gesagt. T\u00f6nnies wagt den konzeptionellen Entwurf \u2014 der allerdings genau so wenig realistisch oder w\u00fcnschenswert ist, wie die Erwartung, dass die Welt damit unter einem \u201eguten Gesetz&#8220; stehen w\u00fcrde und die \u201enarzistische Bed\u00fcrfnisse der amerikanischen Massenpsyche&#8220; sich in blo\u00dfes Verantwortungsgef\u00fchl umwandeln lie\u00dfen, naiv ist (vgl. auch Kurt P. Tudyka in <em>vorg\u00e4nge<\/em> 154: 33-40).<\/p>\n<p>Der amerikanische Philosoph Richard Rorty hat j\u00fcngst in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> die \u201epermanente Militarisierung&#8220; Amerikas und die \u201eabenteuerliche Arroganz&#8220; der Bush-Regierung beschrieben. Auch die Welt nach dem 11. September scheint davon mehr als zuvor betroffen. Mit dem Philosophen aus Stanford kann man nur hoffen, dass die \u201eW\u00e4hler ihre Regierungen davon abhalten, ihre L\u00e4nder auf permanente Kriegf\u00fchrung einzustellen&#8220;. Die praktische Beantwortung seiner Frage \u201eWie lassen sich die demokratischen Institutionen st\u00e4rken, so dass sie in Zeiten \u00fcberleben k\u00f6nnen, da Regierungen das nicht l\u00e4nger garantieren k\u00f6nnen&#8220;, wird zuk\u00fcnftig das wichtigste Rezept gegen eine Welt in Aufl\u00f6sung sein.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[37],"tags":[],"autoren":[3325],"publikationen":[1211],"class_list":["post-19017","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-europa-internationales","autoren-thymian-bussemer-alexander-cammann-jenny-simon","publikationen-vorg-159"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Eine Welt in Aufl\u00f6sung? 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