{"id":19056,"date":"2002-09-11T14:47:28","date_gmt":"2002-09-11T12:47:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19056"},"modified":"2024-01-15T09:43:09","modified_gmt":"2024-01-15T08:43:09","slug":"zwischen-ignoranz-und-alarmismus-zur-novellierung-des-hochschulrahmengesetzes-2","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-159\/publikation\/zwischen-ignoranz-und-alarmismus-zur-novellierung-des-hochschulrahmengesetzes-2\/","title":{"rendered":"Zwischen Ignoranz und Alarmismus: Zur Novellierung des Hochschulrahmengesetzes"},"content":{"rendered":"<h5 class=\"\" style=\"text-align: right\"><span id=\"denn-es-ist-ausserordentlich-gewagt-fuer-einen-jungen-gelehrten-der-keinerlei-vermoegen-hat-ueberhaupt-den-bedingungen-der-akademischen-laufbahn-sich-auszusetzen-er-muss-es-mindestens-eine-anzahl-jahre-aushalten-koennen-ohne-irgendwie-zu-wissen-ob-er-nachher-die-chancen-hat-einzuruecken-in-eine-stellung-die-fuer-den-unterhalt-ausreicht\">Denn es ist au&szlig;er&shy;or&shy;dent&shy;lich gewagt f&uuml;r einen jungen Gelehrten, der keinerlei Verm&ouml;gen hat, &uuml;berhaupt den Bedingungen der akade&shy;mi&shy;schen Laufbahn sich auszu&shy;set&shy;zen. Er muss es mindestens eine Anzahl Jahre aushalten k&ouml;nnen, ohne irgendwie zu wissen, ob er nachher die Chancen hat, einzur&uuml;cken in eine Stellung, die f&uuml;r den Unterhalt ausreicht.<\/span><\/h5>\n<h5 class=\"\" style=\"text-align: right\"><span id=\"max-weber-wissenschaft-als-beruf-1919\"><em>Max Weber<\/em>: Wissen&shy;schaft als Beruf, 1919<\/span><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die deutsche Universit\u00e4t ist reformbed\u00fcrftig \u2014 so lautet die Parole, die seit einigen Jahren immer wieder in der \u00f6ffentlichen Debatte ert\u00f6nt. Als unerm\u00fcdlicher Kritiker der deutschen Hochschule hat Peter Glotz erst k\u00fcrzlich wieder die offensichtlichsten Schw\u00e4chen zusammengefasst: Im Verh\u00e4ltnis zu den als vorbildlich angesehenen gro\u00dfen und zumeist privaten US-amerikanischen Forschungsuniversit\u00e4ten sind deutsche Einrichtungen katastrophal unterfinanziert, stellen im internationalen Vergleich mit anderen europ\u00e4ischen Regionaluniversit\u00e4ten und Bildungskonzernen keine Konkurrenz dar und werden inhaltlich, strukturell sowie in der personellen Ausstattung den Anforderungen der Wissensgesellschaft nicht gerecht. Die Folgen: gute Studierende und Nachwuchswissenschaftler wandern aus Deutschland ab, die schlechteren sitzen in \u00fcberf\u00fcllten Seminarr\u00e4umen, und eine \u00fcberalterte Professorenschaft bleibt \u2014 mehr <em>volens<\/em> denn <em>nolens<\/em> \u2014 am \u201eProkrustesbett des \u00f6ffentlichen Dienstrechts&#8220; (Glotz 2002: 32) und des kultusministerialen B\u00fcrokratismus gefesselt. Die L\u00f6sung: Zulassung eines echten \u00fcberregionalen Wettbewerbs zwischen den Universit\u00e4ten, Mut zur Privatisierung, Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren usw.<\/p>\n<p>Die seit dem 23. Februar 2002 wirksame Novellierung des Hochschulrahmengesetzes (HRG) hat die hohen (und nicht unproblematischen) Erwartungen von Peter Glotz sicherlich kaum erf\u00fcllt. Sie regte jedoch zu einer \u00f6ffentlichen Debatte \u00fcber den aktuellen universit\u00e4ren Modernisierungspfad an und lenkte den Blick auf die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"neuregelungen-des-hrg\">Neure&shy;ge&shy;lungen des HRG<\/span><\/h3>\n<p>Das HRG sieht einschneidende Neuregelungen f\u00fcr die Qualifikationsphase von jungen Akademilcer\/innen vor. Die Qualifizierungsphasen werden in Paragraph 57 HRG auf jeweils sechs Jahre f\u00fcr die Promotions- bzw. Habilitationsphase \u2014 im Bereich der Medizin sechs + neun Jahre \u2014 befristet. Dieser personenbezogene Sonderbefristungstatbestand erstreckt sich als unmittelbares Bundesrecht mit dem Inkrafttreten des Gesetzes auf das gesamte wissenschaftliche Personal an staatlichen bzw. \u00fcberwiegend staatlich finanzierten Forschungseinrichtungen.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> Durch den Wechsel der Forschungseinrichtung soll im Gegensatz zur vorherigen Regelung keine mehrfache Aussch\u00f6pfung der Befristungsh\u00f6chstgrenzen mehr m\u00f6glich sein. Die zul\u00e4ssige Qualifikationsphase nach Abschluss einer Promotion verl\u00e4ngert sich in dem Umfang, in dem Zeiten einer befristeten Besch\u00e4ftigung bzw. andere Promotionszeiten zusammen weniger als sechs Jahre betragen haben. Nach Ablauf der zw\u00f6lf bzw. f\u00fcnfzehn Jahre ist eine begrenzte Anstellung auf der Basis des HRG nicht mehr m\u00f6glich. Wissenschaftliche Mitarbeiter\/innen k\u00f6nnen nur noch nach dem allgemeinen Arbeitsrecht des Teilzeit- und Befristungsgesetzes weiter besch\u00e4ftigt werden. Wie diese M\u00f6glichkeit verwirklicht wird, h\u00e4ngt jedoch von der Personalpolitik der jeweiligen Hochschulen ab.<\/p>\n<p>Die Einstellungsvoraussetzungen und dienstrechtliche Stellung der Juniorprofessor\/innen sind in den Paragraphen 47f. HRG geregelt. Die Einf\u00fchrung einer auf zwei mal drei Jahre befristeten Juniorprofessur soll aus Sicht des derzeitigen Bundeswissenschaftsministeriums zum Regelfall bei der Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses werden. In einem Beamtenverh\u00e4ltnis auf Zeit oder befristeten Angestelltenverh\u00e4ltnis sollen Nicht-Habilitierte mit einem eigenen Budget und einer drittmittelf\u00e4higen Grundausstattung, zeitlich gestaffelten Lehrverpflichtungen (vier \u2014 acht SWS), dem Recht zur Betreuung von Promotionen und der korporationsrechtlichen Zuordnung zur Hochschullehrergruppe unabh\u00e4ngig von einem \u00fcbergeordneten Professor lehren und forschen k\u00f6nnen. Die Einf\u00fchrung, die Ausstattung und der Stellenwert der Juniorprofessuren wird in den jeweiligen Landesgesetzen geregelt. Hier zeichnet sich derzeit eine sehr uneinheitliche Politik ab, die nunmehr auch von Bef\u00fcrwortern des Buhlmanschen Reformmodells durchaus kritisch beurteilt wird.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a><\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"der-paragraph-57-hrg-in-der-oeffentlichen-diskussion\">Der Paragraph 57 HRG in der &ouml;ffent&shy;li&shy;chen Diskussion<\/span><\/h3>\n<p>Die Hauptkritik gegen die HRG-Novelle, die \u00fcbrigens nahezu problemlos den Bundestag (9. November 2001) und den Bundesrat (20. Dezember 2001) passiert hatte, entz\u00fcndete sich jedoch an der Befristung der Qualifikationsphase. In \u00fcberraschend heftiger Form reagierten renommierte Wissenschaftler und Feuilletonisten auf den Paragraph 57 HRG: Es handele sich hier um eine \u201ePosse&#8220; (Herbert 2002), die man als Zeugnis f\u00fcr \u201eeine eklatante Intellektuellenfeindschaft&#8220; (Wehler 2002: 38) des BMBF ansehen k\u00f6nne, und die auf Edelgard Bulmahn als phantasielose \u201eBildungsmaschinistin&#8220; (Kaube 2002: 47) zur\u00fcckzuf\u00fchren sei.<\/p>\n<p>Dass es Anlass zur Sorge gibt, belegt ein erster Alarmruf von Ulrich Herbert vom 9. Januar 2002. Der Historiker berichtete in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> von einem jungen habilitierten Kollegen, dem trotz der erfolgreichen Einwerbung von Drittmitteln f\u00fcr seine forschungsbezogene Weiterbesch\u00e4ftigung an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t eine Einstellung verweigert wurde. Da der Privatdozent bereits zw\u00f6lf Jahre auf der Grundlage befristeter Vertr\u00e4ge in wissenschaftlichen Einrichtungen gearbeitet habe, k\u00f6nne die Humboldt-Universit\u00e4t gem\u00e4\u00df Neuregelung des Paragraph 57 HRG einer erneuten Anstellung nicht zustimmen. Herberts Hinweis, dass hier offenbar eine Regelung vorliegt, die hochqualifizierte und -motivierte deutsche Nachwuchswissenschaftler in die Arbeitslosigkeit zwingt, blieb nicht ohne Widerhall. In f\u00fchrenden Tageszeitungen und Wochenzeitschriften meldeten sich im Januar und Februar eine Vielzahl von Pers\u00f6nlichkeiten zu Wort, die sich zu Gefahren und St\u00e4rken der Novelle \u00e4u\u00dferten. Dabei kristallisierten sich im Wesentlichen zwei Positionen heraus, die ein bezeichnendes Licht auf den Stand der Diskussion \u00fcber Situation und Zukunft des wissenschaftlichen Nachwuchses an deutschen Universit\u00e4ten werfen.<\/p>\n<p>Neben Ulrich Herbert meldeten sich weitere Kultur- und Sozialwissenschaftler wie Friedrich Wilhelm Graf, Wolfgang J. Mommsen und Hans-Ulrich Wehler zu Wort, die in scharfer Form nicht nur den Paragraph 57 des HRG, sondern die gesamte Reforminitiative von Edelgard Bulmahn als ein Produkt fehlgeleiteten Modernisierungseifers stigmatisierten. Zwei Argumente tauchen in diesem Diskursstrang regelm\u00e4\u00dfig auf. Zun\u00e4chst wird die rabiate Durchsetzungsstrategie des BMBF beklagt, das ohne R\u00fccksicht auf Verluste das Modell der Juniorprofessur durchsetzen m\u00f6chte. Diese als \u201eBrachialma\u00dfnahme zur Verj\u00fcngung des Lehrk\u00f6rpers&#8220; (Mommsen 2002: 52) bezeichnete Sto\u00dfrichtung des HRG sei sozial ungerecht, da sie wissenschaftserfahrene Promovierte und Habilitierte (hier vor allem Sozial- und Geisteswissenschaftler) unvorbereitet auf die \u201efreie Wildbahn&#8220; (Wehler 2002: 38) des au\u00dferuniversit\u00e4ren Arbeitsmarktes schicke. Dies sei auch aus wissenschaftspolitischer Perspektive sch\u00e4dlich, da mit der Gesetzesnovelle somit eine \u201eExklusionspraxis&#8220; (Wehler 2002: 38) eingef\u00fchrt werde, die vor allem unerfahrene Doktoranden in laufende oder noch entstehende Forschungsprojekte hineindr\u00e4ngt. Gepaart mit den Zw\u00e4ngen der Juniorprofessur, die Promovierten zudem mehr Lehr- als Forschungsaufgaben auferlegt, w\u00fcrde der \u201enoch hohe Wissenschaftsstandard der deutschen Wissenschaft&#8220; (Mommsen 2002: 52) unterminiert \u2014eine Entwicklung, die der Intention der Hochschulreform also gerade zuwiderlaufe.<\/p>\n<p>Diesem zwischen sozialen Katastrophismus und Sorge um wissenschaftliche Leistungsstandards angesiedelten Diskurs steht eine Position gegen\u00fcber, die weitgehend die Hochschulreform-Initiative des BMBF unterst\u00fctzt. In deren Kern stehen drei zentrale Prinzipien: Durch das sogenannte Rotationsprinzip und die bundeseinheitliche Befristungsregelung sollen die Qualit\u00e4t der Forschung, aber auch der Grundsatz unbefristeter Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse <em>nach<\/em> der Qualifikationsphase verwirklicht werden. In beispielhafter Weise hat der Naturwissenschaftler Gerhard Neuweiler die Verteidigung der HRG-Novelle \u00fcbernommen. Den \u201eSchimpfkanonaden&#8220; und dem \u201eFeldgeschrei aus den Gelehrtenstuben&#8220; (Neuweiler 2002: 7) stellt er das vorbildliche US-amerikanische Prinzip der Leistungsorientierung und Eliterekrutierung entgegen. Mit der Juniorprofessur und vor allem mit der \u201eBegrenzung der Qualifizierungsphase f\u00fcr eine Lebenszeitprofessur auf maximal 12 Jahre&#8220; (ebd.) k\u00f6nne man der \u00dcberalterung des wissenschaftlichen Nachwuchses, dem Fachegoismus und dem professoralen Besitzstandswahrungsdenken in Rekrutierungsfragen Herr werden. Den Besten des wissenschaftlichen Nachwuchses w\u00fcrde jetzt die M\u00f6glichkeit gegeben, sich fr\u00fchzeitig in die wissenschaftliche Selbstst\u00e4ndigkeit zu begeben, und Doktoranden, die aus Mitteln f\u00fcr Forschungsprojekte z.T. promotionsfremde Aufgaben zu erf\u00fcllen h\u00e4tten, k\u00f6nnten sich nun mit Hinweis auf das HRG vor \u201eausbeuterischen&#8220; Arbeitsverh\u00e4ltnissen sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die \u00f6ffentliche Debatte der Hochschulprofessoren hat also die Aufmerksamkeit nicht allein auf die Sicherung von Bildungs- und Forschungsstandards im Rahmen der Modernisierung des bundesdeutschen Hochschulsystems gerichtet. Sie zielt auf einen f\u00f6rdernden sowie sozial gerechten Umgang mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs. W\u00e4hrend an bundesdeutschen Universit\u00e4ten nun Umsetzungsmodelle des Paragraph 57 HRG diskutiert werden, hat die Hochschulrektorenkonferenz bereits weitere Eingriffe angemahnt. Aufgaben, Status und Verg\u00fctungen der jeweiligen Mitarbeiter sollen nach den individuellen Bed\u00fcrfnissen der F\u00e4cher festgelegt und Einkommen der Nachwuchswissenschaftler\/innen st\u00e4rker wettbewerbs- und leistungsorientiert gestaltet werden.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"die-situation-des-wissenschaftlichen-nachwuchses\">Die Situation des wissen&shy;schaft&shy;li&shy;chen Nachwuchses<\/span><\/h3>\n<p>Von \u201eoben&#8220; wird also Befristung, Anwendungsorientierung und Flexibilisierung gefordert. Wie aber ist es um den Gestaltungsgegenstand der Regulierungen, konkret die Situation von bundesdeutschen Jungakademiker\/innen bestellt?<\/p>\n<p>Ein impressionistischer Blick legt eine bunte Mixtur frei. Diese besteht aus gut ausgestatteten Graduiertenkollegs, Halbtagsstellen mit hohem Dienstleistungsanteil, Stipendiat\/innen im \u201estillen K\u00e4mmerchen&#8220; und drittmittel-finanzierten Ganztagsstellen. Die unterschiedliche Einbindung der Promovierenden scheint zudem mit andersartigen Fachkulturen zusammen zu h\u00e4ngen: Der am Lehrstuhl besch\u00e4ftigte Ingenieur begegnet wohl kaum jener Sprachwissenschaftlerin, die weitgehend am heimischen Schreibtisch forscht. Den meisten Arbeitsverh\u00e4ltnissen in der Forschung ist eigen, dass sich die finanzielle Situation als ausgesprochen knapp und prek\u00e4r darstellt. Schlie\u00dflich weist der jeweilige Forschungsprozess ungleichzeitige Zyklen aus intensiven Diskussionsphasen, individuellen Datenerhebungsabl\u00e4ufen und einsamen Perioden des Schreibens auf.<\/p>\n<p>Soweit die Impression. Aktuelles, jedoch nur ansatzweise aussagekr\u00e4ftiges Datenmaterial kann man den<em> Eckpunkten<\/em> und <em>Kennzahlen zur Lage der Hochschule von 1980 bis 2000<\/em> des Wissenschaftsrates vom 31. Januar 2002 entnehmen. Tats\u00e4chlich hat sich zwischen 1980 und 1999 (im erweiterten Bundesgebiet) die Anzahl der Dissertationen und der Habilitationen verdoppelt. Die Ressourcenausstattung der Hochschulen (Personal, Finanzen) ist auf das Eineinhalbfache gestiegen. Sie hat mit dem Anstieg postgradualer Qualifikationsarbeiten nicht Schritt gehalten. Der Schluss liegt nahe, dass sich die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses verschlechtert hat. F\u00fcr eine g\u00fcltige Beantwortung stehen aber erheblich detailliertere Datenanalysen zur Ressourcenausstattung und Betreuungssituation des akademischen Nachwuchses noch aus.<\/p>\n<p>Die L\u00fccke zwischen Impression und allgemeinen Daten kann eine Studie verringern, die 2.200 Promovierte zu ihren Ausbildungserfahrungen befragte. Diese best\u00e4tigt den Eindruck unterschiedlicher Finanzierungsarten w\u00e4hrend der Promotion, die durchaus mit unterschiedlichen \u201ePromotionskulturen&#8220; (Enders\/Bornmann) einher gehen. So haben sich insbesondere die Promovierenden der Elektrotechnik, Mathematik und Biologie \u00fcber Stellen in Hochschuleinrichtungen finanziert, w\u00e4hrend diejenigen der Sozialwissenschaften und Germanistik zu jeweils ca. einem Viertel Stipendien nutzten. In beiden Bereichen wurde diese Qualifikationsphase jedoch zu \u00fcber 40% extern finanziert, d.h. durch au\u00dferuniversit\u00e4re Erwerbsarbeit bzw. famili\u00e4re Unterst\u00fctzung. Mit der unterschiedlichen Finanzierung geht die jeweilige institutionelle Einbettung und Betreuung der Qualifikationsarbeiten einher: W\u00e4hrend sich zwei Drittel aller Befragten in einen Hochschulkontext eingebunden sahen, promovierten Sozialwissenschaftler\/innen (42%) und Germanist\/innen (36%) in deutlich geringerem Ma\u00dfe mit institutioneller Anbindung.<\/p>\n<p>In der aufgeregten Debatte um die Reform der Hochschulen ger\u00e4t mitunter aus dem Blick, dass sich die Promovierenden aus Fachinteresse zu diesem Qualifikationsschritt entschieden haben. H\u00e4tten sie das auch in Kenntnis der Anforderungen und M\u00fchen wissenschaftlicher Arbeit getan? Lohnt es sich \u00fcberhaupt, eine Doktorarbeit zu schreiben? Werden die Kriterien der Besch\u00e4ftigung und des Einkommens zu Grunde gelegt, so wird die zweite Frage zum Teil positiv beantwortet: Generell finden ca. 80% der Befragten im ersten halben Jahr nach der Promotion eine universit\u00e4re oder au\u00dferuniversit\u00e4re Erwerbsarbeit. Auch hinsichtlich der Einkommenssituation und der Karrierechancen \u201elohnt&#8220; sich eine Promotion durchaus. Zu beobachten ist jedoch eine geschlechtsspezifische Segregation der Berufs- und Karrierechancen: Der Erwerbsweg promovierter Frauen ist von Diskontinuit\u00e4ten, Teilzeitbesch\u00e4ftigungen, Honorarvertr\u00e4gen und geringeren Einkommenschancen gepr\u00e4gt. Was nun die individuellen Bewertungen der Promotionsphase betrifft, so \u00e4u\u00dferten sich im R\u00fcckblick zwei Drittel der Befragten (sehr) zufrieden \u00fcber den Ablauf der Promotion, und drei Viertel der Befragten w\u00fcrden wieder im gleichen Fachgebiet arbeiten wollen.<\/p>\n<p>Fassen wir also zusammen: Die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses stellt sich \u2014 finanziell, fachlich, zyklisch \u2014 als ausgesprochen heterogen dar. Sie wird von klaren sozialen Ungleichheiten durchzogen. In der Zusammenschau der Daten zum nicht proportionalen Anstieg der Promovierenden und der Ressourcenausstattung von Hochschulen mit dem qualitativen Befund, dass \u201eselbstverwaltete&#8220; Re-Strukturierungsma\u00dfnahmen Arbeitskapazit\u00e4ten einschr\u00e4nken, l\u00e4sst sich plausibel vermuten, dass die Forschungsbedingungen des wissenschaftlichen Nachwuchses nicht besser geworden sind. W\u00e4hrend sich in der R\u00fcckschau die Promotion in der Regel als positive Erfahrung darstellt, erzeugen die aktuellen hochschulpolitischen \u00c4nderungen eine erhebliche Unruhe unter dem wissenschaftlichen Nachwuchs, der sich im unsicheren \u00dcbergang zu weiteren Schritten der Berufsbiografie befindet. Eine eigene Formulierung hochschulpolitischer Interessen \u201evon unten&#8220; wird durch die beschriebene Heterogenit\u00e4t erschwert. Braucht wissenschaftlicher Nachwuchs deshalb den sch\u00fctzenden Paternalismus von Hochschulprofessoren?<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"die-kritik-des-netzwerkes-thesis\">Die Kritik des Netzwerkes Thesis<\/span><\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich droht in der aktuellen Debatte ein dritter Diskursstrang unbeachtet zu bleiben, so etwa die Kritik des interdisziplin\u00e4ren Netzwerk Thesis<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a>: \u201eSp\u00fcrbare Verschlechterungen&#8220; in der akademischen Praxis w\u00fcrden die gesetzlichen Neuregelungen nach sich ziehen. Die grunds\u00e4tzlichen Ziele der HRG-Reform, z.B. die langfristige Abschaffung der Habilitationsschrift, Verbesserung der Qualifikationsbedingungen und Verk\u00fcrzung akademischer Berufswege werden jedoch geteilt. Thesis regt an, in der Promotionsphase auch akademische Schl\u00fcsselqualifikationen (Hochschuldidaktik, Projektmanagement) zu ber\u00fccksichtigen, Sanktionsm\u00f6glichkeiten gegen Personen und Institutionen einzuf\u00fchren, die Promovierende mit Projekt- und Lehrstuhlaufgaben \u00fcberlasten, und die Vergabe des Doktortitel bundeseinheitlich zu regeln. Hinsichtlich der Juniorprofessur werden Zeitbegrenzungen f\u00fcr kontraproduktiv erachtet, die Lehrverpflichtung bis zu acht SWS als \u201eindiskutabel&#8220; bezeichnet, unterst\u00fctzende Infrastrukturma\u00dfnahmen (z.B.<\/p>\n<p>Betreuungsstellen f\u00fcr Drittmittelbeschaffung) sowie Freiraum f\u00fcr die Forschung gefordert und eine transparente Konkretisierung der Beurteilungskriterien der Evaluationen angemahnt. Schlie\u00dflich seien umfangreiche \u00dcbergangsregelungen f\u00fcr die Generation derjenigen zu schaffen, die unter den alten Bedingungen ihren Qualifikationsweg begonnen haben. Bezeichnend an dieser Stellungnahme sind nicht nur die konkreten Forderungen, sondern auch die atmosph\u00e4rischen Eindr\u00fccke: Verunsicherung, Abwanderungsgedanken und De-Motivation \u201eeiner ganzen Wissenschaftlergeneration&#8220; (Thesis 2002: 8) wird ebenso beklagt wie die \u201ebislang ern\u00fcchternden Erfahrungen mit dem Dialogangebot der politische Verantwortlichen&#8220; (ebd.: 2).<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"fazit\">Fazit<\/span><\/h3>\n<p>Deutlich wird an dieser dritten Position, die zwischen den \u00f6ffentlich debattierten Pro-Kontra-Argumentationen angesiedelt ist, dass die Formulierung eigener Interessen durch den wissenschaftlichen Nachwuchs trotz der heterogenen Situation m\u00f6glich ist. Es soll nicht bezweifelt werden, dass es sowohl den Gegnern als auch den Bef\u00fcrwortern des HRG z.T. sowohl um die Sicherung nationaler Bildungsund Forschungsstandards als auch um die sozial gerechte Behandlung des wissenschaftlichen Nachwuchses geht. Es wird jedoch offenbar, dass eine mitunter \u201ealarmistische&#8220; Grundhaltung von Jungakademiker\/innen nicht allein einer Phase der berufsbiografischen Unsicherheit geschuldet ist, sondern sich auch aus politisch gewollten Kommunikationsblockaden und ausschlie\u00dfenden Diskursen herleitet. Sofern sich politische Parteien, Wissenschaftsministerien und Hochschulverwaltungen nicht auf einen notwendig differenzierten Dialog mit den Betroffenen einlassen, sondern schlichte <em>topdown<\/em>-Regierungsmentalit\u00e4t walten lassen, laufen sie Gefahr, die bisherige \u201eOchsentour&#8220; \u2014 an deren Ende keinesfalls eine gesicherte Professorenlaufbahn stand \u2014 blo\u00df in einen \u201eLastesel Parcours &#8220; umzuwidmen. Die bisherigen formalen wie informellen Regelungen zur Juniorprofessur f\u00fchren de facto zur Mehrbelastung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Hinzu kommt, dass sie in einem ressourcenaufwendigen Modernisierungspfad der Re-Strukturierung bundesdeutscher Hochschulen eingebettet sind, wie er sich z.B. bei der Einf\u00fchrung neuer B.A. und M.A.-Studieng\u00e4nge, der St\u00e4rkung der Autonomiebestrebungen bundesdeutscher Hochschulen durch Vereinbarungen mit den jeweiligen Bundesl\u00e4ndern und der \u201eProfilierung&#8220; von Universit\u00e4ten und Fachrichtungen abzeichnet. Die Auseinandersetzungen um diesen Pfad verlaufen h\u00e4ufig \u2014 insofern erz\u00e4hlt der Konflikt um das HRG eine Parabel \u2014 zwischen professoralen Standesd\u00fcnkeln, inkoh\u00e4renten politischen Strategien und elit\u00e4ren \u00d6konomisierungsphantasien, welche Wissen mit standortbezogenem Utilitarismus verwechseln. Welcher Stellenwert kommt in diesem Modernisierungspfad nicht-nutzenorientierter Wissenschaft und humanistischen Bildungszielen zu? Wie immer man zu dieser Frage stehen mag \u2014f\u00fcr deren ad\u00e4quate Beantwortung ist es unerl\u00e4sslich, durch entsprechende Regulierungen die demokratische Mitsprache aller Betroffenen zuzulassen.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h3>\n<p><em>Enders, J\u00fcrgen\/Bornmann, Lutz<\/em> 2001: Karriere mit Doktortitel? Ausbildung, Berufsverlauf und Berufserfolg von Promovierten, Frankfurt\/Main<\/p>\n<p><em>Glotz, Peter<\/em> 2002: Raus aus der Zwangsjacke, in: Die Zeit Nr. 15 vom 4. April 2002, S. 32<\/p>\n<p><em>Herbert, Ulrich<\/em> 2002: Die Posse. An den Unis werden Massenentlassungen als Reform verkauft, in: S\u00fcddeutsche Zeitung vom 9. Januar 2002<\/p>\n<p><em>Kaube, J\u00fcrgen<\/em> 2002: Die Bildungsmaschinistin. Welt als Wille ohne Vorstellung: Edelgard Bulmahns Politik, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Februar 2002<\/p>\n<p><em>Kaube, J\u00fcrgen<\/em> 2002: Die Zeit ist um, schade! Ministerin Bulmahn treibt die Privatdozenten aus der Forschung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Januar 2002<\/p>\n<p><em>Mommsen, Wolfgang J.<\/em> 2002: Kein Plan, nirgends. Hochschulpolitik nach Art der DDR, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Februar 2002<\/p>\n<p><em>Thesis<\/em> 2002: Stellungnahme zur Novellierung des Hochschulrahmengesetzes (5. HRG\u00c4ndG und 6. HRG\u00c4ndG) und zur Novellierung der Hochschulgesetze der Bundesl\u00e4nder. Verabschiedet vom Bundesvorstand am 2. M\u00e4rz 2002<\/p>\n<p><em>Wehler, Hans-Ulrich<\/em> 2002: Auf die freie Wildbahn geschickt, in: Die Zeit Nr. 6 vom 31. Januar 2002, S. 38<\/p>\n<p><em>Wissenschaftsrat<\/em> 2002: Eckdaten und Kennzahlen zur Lage der Hochschulen von 1980 bis 2000, K\u00f6ln<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen<\/span><\/h3>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Nach den \u00f6ffentlichen Protesten plant Bundesministerin Bulmahn eine Klarstellung des Gesetzes: Es sollen wissenschaftliche und k\u00fcnstlerische Mitarbeiter\/innen, die ihre T\u00e4tigkeit bereits unter Geltung der alten Befristungsregelungen aufgenommen hatten, mindestens bis zum 28. Februar 2005 befristet besch\u00e4ftigt werden k\u00f6nnen, wenn dies erforderlich ist, um eine begonnene Promotion oder Habilitation zu beenden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Exemplarisch hierf\u00fcr die ansonsten apologetischen \u00c4u\u00dferungen von Gerhard Neuweiler (2002: 7), ehemaliger Vorsitzender des Wissenschaftsrats und Mitglied der Expertenkommission, die die Grundlagen f\u00fcr die Gesetzesnovelle erarbeitet hat.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Das im Januar 1992 in Frankfurt gegr\u00fcndete interdisziplin\u00e4re Netzwerk f\u00fcr Promovierende und Promovierte Thesis hat zur Zeit ca. 350 Mitglieder und versteht sich als Kontaktb\u00f6rse und Interessenvertretung von Doktorand\/innen (www.thesis.de).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[3338],"publikationen":[854,1211],"class_list":["post-19056","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-francois-beilecke-detlef-sack-2","publikationen-vorgaenge","publikationen-vorg-159"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zwischen Ignoranz und Alarmismus: Zur Novellierung des Hochschulrahmengesetzes - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-159\/publikation\/zwischen-ignoranz-und-alarmismus-zur-novellierung-des-hochschulrahmengesetzes-2\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zwischen Ignoranz und Alarmismus: Zur Novellierung des Hochschulrahmengesetzes - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Denn es ist au&szlig;er&shy;or&shy;dent&shy;lich gewagt f&uuml;r einen jungen Gelehrten, der keinerlei Verm&ouml;gen hat, &uuml;berhaupt den Bedingungen der akade&shy;mi&shy;schen Laufbahn sich auszu&shy;set&shy;zen. 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