{"id":19062,"date":"2002-01-15T10:25:15","date_gmt":"2002-01-15T09:25:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19062"},"modified":"2024-01-15T12:17:04","modified_gmt":"2024-01-15T11:17:04","slug":"sturm-im-wasserglas-michael-hardt-und-antonio-negri-errichten-ein-neues-empire","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-159\/publikation\/sturm-im-wasserglas-michael-hardt-und-antonio-negri-errichten-ein-neues-empire\/","title":{"rendered":"Sturm im Wasserglas: Michael Hardt und Antonio Negri errichten ein neues Empire"},"content":{"rendered":"<p>Wenn der Sturm sich gelegt hat, wird es m\u00f6glich, die Dinge genauer in Augenschein zu nehmen. In diesem Fall gab es keinen Sturm der Entr\u00fcstung, sondern des Enthusiasmus. Auf <em>Empire<\/em> hatte die Welt augenscheinlich tats\u00e4chlich gewartet, weshalb das Buch ganz einvernehmlich st\u00fcrmisch begr\u00fc\u00dft wurde \u2014 sogar von eher konservativen Rezensenten, mit denen sich jetzt auf dem Buchr\u00fccken werben l\u00e4sst. Das ist verwunderlich und es dr\u00e4ngt sich die Frage auf: ist Empire eine Theorie oder ist es ein Symptom? Empire ist eine radikal linke Erz\u00e4hlung, die am Anfang der Moderne beginnt und zu den Verwerfungen der Gegenwart fortschreitet. Dabei bietet das Buch bei Lichte betrachtet erstaunlich wenig Neues, und man fragt sich ernstlich, was f\u00fcr B\u00fccher zum Beispiel der poststrukturalistische Psychoanalytiker Slavoj \u017di\u017eek zuvor gelesen hat, da er, wie zu erfahren ist, jetzt eine solche Offenbarung an Erkenntnis erfahren haben will.<\/p>\n<p>Michael <em>Hardt\/Antonio<\/em> <em>Negri<\/em>: Empire. Die neue Weltordnung, Campus Verlag: Frankfurt\/Main und New York 2002, 461 S., geb., 3593-36994-X; 35,90 Euro<\/p>\n<p><em>Empire<\/em> referiert wenig originell, die politische Geschichte Europas, um zielstrebig darauf zuzulaufen, weshalb der Lauf der Geschichte nicht anders kommen konnte als er kam und weshalb das gar nicht schlimm ist. Denn: Das <em>Empire<\/em> ist nur die letzte, qualitativ nat\u00fcrlich ganz neuartige Entwicklungsstufe des globalen Kapitalismus vor dessen definitiven Ende. Nun muss nur die \u201eMenge&#8220; noch eine Menge Revolution machen. Im wesentlichen repetiert Empire dabei materialistische Theorien der Geschichte, des Kapitals und der Politik, die so auch vor 30 Jahren nicht grunds\u00e4tzlich anders abgefasst worden w\u00e4ren. Und im Gegensatz zu seiner vielger\u00fchmten Sprache bedient es viel zu oft den Jargon des Konkreten \u2014 und ist auch ansonsten eher schlecht geschrieben. Aber nat\u00fcrlich versuchen die Autoren auch etwas Neues. Sie schaffen z.B. eine Verbindung von marxistischer Theorie zum Poststrukturalismus, die nicht durchweg k\u00fcnstlich wirkt. Aber hat das f\u00fcr die politische Theorie Ernesto Laclau nicht auch schon getan? Und besser? Sie versuchen neue Begriffe in die marxistische Theoriebildung einzuschleusen, wie Souver\u00e4nit\u00e4t und Biopolitik, und greifen dazu auf einen enormen Disziplinenreichtum zur\u00fcck. \u00dcberhaupt liegt den Autoren daran, durch ihren Versuch einer Megatheorie Spielraum f\u00fcr eine l\u00e4ngst untergegangen geglaubte revolution\u00e4re Theorie der Gegenwart zur\u00fcckzugewinnen. Immerhin ist das Buch mit dem <em>Kommunistischen Manifest<\/em> verglichen worden. Das ist ein Sieg der Methode, denn das Manifest gilt den Autoren ohnehin als Vorbild. Aber wenn <em>Empire<\/em> diese revolution\u00e4ren Absichten artikuliert, wenn es sich um nichts geringeres handelt, als um die Wiederbelebung des westlichen Marxismus nach seinem Verscheiden, warum wird das Buch dann weit \u00fcber die linke Zielgruppe hinaus \u00fcber den gr\u00fcnen Klee gelobt? Und ist das Lob berechtigt?<\/p>\n<p>Zuerst die Antwort auf die erste Frage, die eine Mutma\u00dfung bleiben muss. Es mag schon sein, dass der Enthusiasmus zu einem guten Teil auch Ausdruck eines Ennui ist. Die Langeweile macht sich breit, wenn es nur noch Liberale und die Rechte gibt. Und das schlechte Gewissen lugt hervor: Jemand muss die traditionellen sozialen Belange auf den Tisch legen, schon damit sie niemand vergisst. Nun, die radikale Linke ist wieder da, ziemlich dickleibig sogar; das \u201eManifest&#8220; war schlanker. Da freuen sich alle. Weniger als das Erscheinen des Buches selbst w\u00e4re es dann das Wiederauftauchen des Gegenspielers, das einmal mehr interessante Betriebsamkeit im akademischen Alltag verspricht. Wenn allerorten die Globalisierung einstimmig als Demokratisierung abgefeiert wird, dann langweilt das. Die bisher auf den Markt gebrachten Kritiken waren entweder schlecht oder langweilig; wenn sie einmal ganz gut waren, dann waren ihre Autoren selbst Kapitalisten, George Soros etwa. Hardt und Negri dagegen gelten als integer. Sie setzen der demokratischen Einvernehmlichkeit ihr sozialistisches Unbehagen entgegen.<\/p>\n<p>Wie sie ihr Unbehagen demonstrieren, f\u00fchrt zu Frage zwei, ob das allseits erteilte Lob berechtigt ist. Dazu bedarf es eines intimeren Blicks auf das Buch. Da gibt es zun\u00e4chst den Begriff der \u201eMenge&#8220;, der dieses Buch von Beginn an durchzieht. Man fragt sich vielleicht zurecht: was soll er bedeuten? Dass das klassische Industrieproletariat zumindest in eine Krise geraten ist, dass es vielleicht sogar als solches nicht mehr existent ist, steht auch f\u00fcr Hardt und Negri au\u00dfer Frage. Daher tun sie, was linke Revolutionstheorie schon immer am liebsten getan hat: sie erfinden ein neues revolution\u00e4res Subjekt. Was gab es da nicht schon alles: die kolonisierten V\u00f6lker und ihre Befreiungsbewegungen, das Lumpenproletariat, die Studenten, die Frauen. Soviele Subjekte hat es bereits gegeben \u2014 und alle erfolglos, man muss es schonungslos sagen \u2014, dass Hardt\/Negri jetzt zum ganz gro\u00dfen Wurf ausholen: \u201edie Menge&#8220;. Und das sch\u00f6nste ist: was die Menge sein soll, wird im ganzen Buch nicht gekl\u00e4rt. Wir alle sind es. Der Menge kann sich niemand entziehen. Weil alle Menschen dieser Welt bald im Empire leben werden, werden wir es auch alle st\u00fcrzen m\u00fcssen. Das ist Hardts und Negris ureigenes Empire: dass alle Menschen die Menge sind, eine hybride, fassungslose Gemeinschaft potentiell revolution\u00e4rer Subjekte, die in Richtung widerst\u00e4ndiger Politik diszipliniert werden sollen. Es geh\u00f6rt eine Menge Verzweiflung und Resignation dazu, um derart nebul\u00f6se Kategorien zum Zentrum eines Buches zu machen, das ansonsten keinen Nachweis schuldig bleibt, um die Belesenheit der Autoren zu demonstrieren. \u201eDie Menge&#8220; erinnert auf das Fatalste an Hannah Arendts Beschreibung des \u201eMobs&#8220; in ihren<em> Elementen und Urspr\u00fcngen totaler Herrschaft<\/em>. Dieser \u201eMob&#8220; kommt ohne die Gewalt und die Liebe zum Terror niemals aus. Wie sehen die Spezialit\u00e4ten der \u201eMenge&#8220; aus?<\/p>\n<p>Beispiel zwei: die Biopolitik. Hier langen unsere beiden Helden ordentlich bei Foucault zu und auch ordentlich daneben. Bekanntlich geht es bei der Biopolitik nach Foucault in erster Linie um eine optimale Aussch\u00f6pfung des Lebens als sozialer Ressource, d.h. als Bev\u00f6lkerungspolitik. Sie richtet sich auf die einzelnen K\u00f6rper, um so den Metak\u00f6rper Bev\u00f6lkerung und Gesellschaft zu beherrschen. Das bedeutet eine ganz neue Qualit\u00e4t von politischer und sozialer Herrschaft, die nicht gut in den Kategorien herk\u00f6mmlicher politischer \u00d6konomie zu fassen ist. Bei Hardt und Negri wird daraus schlicht eine Macht, die jedes Moment gesellschaftlichen Lebens vereinnahmt und an den daraus resultierenden Widerspr\u00fcchen kollabieren k\u00f6nnte \u2014 vorausgesetzt, die Menge bricht die Ketten der Biopolitik und entert die Wacht\u00fcrme der Macht. In der Perspektive von Hardt\/Negri verschwinden all die Subtilit\u00e4ten Foucaults, die Differenzen des Poststrukturalismus, die Widerspr\u00fcche des herbeizitierten \u201eEmpire&#8220; l\u00f6sen sich in bin\u00e4ren Codes auf, die schon immer gem\u00e4chlich handhabbar waren. Wo alles sehr \u00fcberschaubar ist, braucht niemand mehr skeptisch zu sein, was falsch oder richtig ist. Mag sein, dass darin ein Gutteil des Erfolgs dieses Buches liegt.<\/p>\n<p><em>Empire<\/em> ist kein neues, modernes <em>Kommunistisches Manifest; Empire<\/em> ist eine Fibel, eine Klippschule der Revolution f\u00fcr Globalisierungsgegner; eine Einstiegslekt\u00fcre f\u00fcr alle Sp\u00e4tpubertierenden, die wissen wollen, wie es mit dem Denken weitergeht. <em>Empire<\/em> ist dann am besten, wenn man es als den ersten Teil einer im Niveau noch ansteigenden Fortsetzungsgeschichte der Gesellschaftstheorie begreift.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":19063,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[2279],"publikationen":[854,1211],"class_list":["post-19062","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","autoren-joern-ahrens","publikationen-vorgaenge","publikationen-vorg-159"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Sturm im Wasserglas: Michael Hardt und Antonio Negri errichten ein neues Empire - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-159\/publikation\/sturm-im-wasserglas-michael-hardt-und-antonio-negri-errichten-ein-neues-empire\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Sturm im Wasserglas: Michael Hardt und Antonio Negri errichten ein neues Empire - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Wenn der Sturm sich gelegt hat, wird es m\u00f6glich, die Dinge genauer in Augenschein zu nehmen. 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