{"id":19064,"date":"2002-09-15T12:23:07","date_gmt":"2002-09-15T10:23:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19064"},"modified":"2024-01-15T16:08:27","modified_gmt":"2024-01-15T15:08:27","slug":"was-sie-wollten-was-sie-wurden-zwei-buecher-ueber-weibliche-perspektiven-auf-1968-und-die-folgen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-159\/publikation\/was-sie-wollten-was-sie-wurden-zwei-buecher-ueber-weibliche-perspektiven-auf-1968-und-die-folgen\/","title":{"rendered":"Was sie wollten, was sie wurden: Zwei B\u00fccher \u00fcber weibliche Perspektiven auf 1968 und die Folgen"},"content":{"rendered":"<p>Die 68er-Protestbewegung ist im \u00f6ffentlichen Bewusstsein auch heute noch vorwiegend m\u00e4nnlich konnotiert. Sie wird mit Namen wie Rudi Dutschke, Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans oder Fritz Teufel verbunden. Wer kennt heute noch Sigrid Fronius, erste weibliche Asta-Vorsitzende der FU, oder Dagmar Przytulla, Mitbegr\u00fcnderin der legend\u00e4ren<em> Kommune 1<\/em>? Eine Portr\u00e4tsammlung von 14 Aktivistinnen der APO beansprucht nunmehr, den Anteil der Frauen an \u201e1968&#8243; deutlich zu machen:<\/p>\n<p><em>Ute K\u00e4tzel<\/em>: Die 68erinnen. Portr\u00e4t einer rebellischen Frauengeneration. Rowohlt Berlin: Berlin 2002, 319 S., ISBN-Nr. 3-87134-447-8; 22,90 Euro<\/p>\n<p>Neben weniger bekannten Frauen finden sich in dem Band Portr\u00e4ts der Filmemacherin Helke Sander, der Malerin Sarah Haffner und der Theologin Gretchen Dutschke-Klotz. Obwohl in diesem Buch viel erz\u00e4hlt wird, erf\u00e4hrt der Leser au\u00dfer einer Vielzahl von anekdotischen Geschichten wenig \u00fcber die Verquickung von pers\u00f6nlichen Befreiungsversuchen und gesamtpolitischen Entwicklungen. Woran liegt das? Es mag dem nur schwer auszumachenden Erkenntnisinteresse der Autorin geschuldet sein. Im Vorwort des Buches erkl\u00e4rt Ute K\u00e4tzel ihre pers\u00f6nliche Lesart des weiblichen Anteils an der Revolte: \u201eTats\u00e4chlich wollten die Frauen nicht nur die Gesellschaft ver\u00e4ndern, sondern in erster Linie sich selbst und ihre eigene Rolle, im Gegensatz zu den meisten M\u00e4nnern.&#8220; Bei K\u00e4tzel wird die These, dass es den Frauen in erster Linie um ihre eigene Befreiung gegangen sei, zum Programm. In einem Interview (<em>taz<\/em> vom 16. April 2002) wurde sie noch deutlicher: Jedes Portr\u00e4t in ihrem Buch beginne mit dem Wort \u201eIch&#8220;. Sie wolle zwar insgesamt das Bild einer Frauengeneration zeichnen, \u201eaber dennoch sind es die Geschichten von Einzelnen, deshalb das ganz bewusst gew\u00e4hlte ,Ich&#8216; an jedem Anfang&#8220;.<\/p>\n<p>Im Ergebnis verschwindet dabei das Politische der 68er-Bewegung hinter der Selbsterfahrung. Im Portr\u00e4t von Sigrid Fronius liest sich das folgenderma\u00dfen: \u201eWir haben 1968 einen Sprung gemacht, das Lebensfeindliche am Kapitalismus entdeckt und eine Reihe von Ketten gesprengt. Die Frauenbewegung mobilisierte gegen das Patriarchat und schuf weitere Freiheitsr\u00e4ume. Die spirituelle Bewegung reicht noch tiefer. Sie hilft Sch\u00e4tze heben und gibt Klarheit und Kraft, um sich zu wehren und das Leben kreativ zu gestalten. Wir k\u00f6nnen andere nur mit dem gewinnen, was wir selber leben.&#8220;Wie so h\u00e4ufig m\u00fcndet blo\u00dfe Selbsterfahrung in politikferne Esoterikwelten.<\/p>\n<p>Ein Blick in das Nachwort der Autorin erkl\u00e4rt, warum diese Portr\u00e4tsammlung oft seltsam naiv wirkt. Darin l\u00e4sst sich K\u00e4tzel, Jahrgang 1955 und damit um einiges j\u00fcnger als die portr\u00e4tierten Frauen, durch die Lebensgeschichten der Frauen \u201ezu einer pers\u00f6nlichen Bemerkung anregen&#8220;: \u201eIch lebte damals in der fr\u00e4nkischen Provinzstadt Hof. Auf den dortigen \u201eHofer Filmtagen&#8220; wurden wichtige politische Dokumentarfilme gezeigt, und ich sehe mich noch in diesem Kinosaal sitzen, fassungslos, w\u00e4hrend auf der Leinwand amerikanische Soldaten aus Hubschraubern heraus vietnamesische Frauen in den Reisfeldern einfach abknallten. Mein einschneidendstes Erlebnis jedoch war die erste Hofer Vietnam-Demo. Damals war ich sechzehn. Mein Vater hatte es zwar ausdr\u00fccklich verboten, aber ich ging trotzdem hin. Als er es herausfand, wurde er so w\u00fctend, dass er regelrecht ausrastete. Doch Politik war damals schon so wichtig f\u00fcr mich, dass ich bereit war, mich gegen ihn als Autorit\u00e4t aufzulehnen.&#8220; Hier zeigt sich das schematische Weltbild der Autorin, das sich u.a. aus den Kategorien von T\u00e4ter und Opfer speist. Wenn auch unbeabsichtigt, ist diese Sichtweise als Subtext in die Darstellungen der befragten Frauen eingeflossen. Somit werden die Portr\u00e4ts zur Projektionsfl\u00e4che ihrer Autorin. Durch die Verwandlung der Interviews in geschlossene Texte entsteht zudem ein vereinheitlichender Sprachduktus, aus dem vor allem die Autorin selbst herauszuh\u00f6ren ist. Kurioserweise haben die portr\u00e4tierten Frauen, die die Texte autorisiert haben, das offenbar nicht als Eingriff in ihre eigene Geschichte wahrgenommen. In der Konsequenz wird die Heterogenit\u00e4t der damaligen politischen Bewegung durch die redaktionelle Bearbeitung der Interviews verdeckt.<\/p>\n<p>Der Wahlspruch der 68er-Bewegung, auch das Private sei politisch, wird K\u00e4tzels Portr\u00e4ts zum entdifferenzierenden Verh\u00e4ngnis. Hinge gen spielt diese Weltsicht in dem wenig \u00fcberzeugenden Band<\/p>\n<p><em>Eva R\u00fchmkorf\/Ute Vogt<\/em>: Wir sind die Besseren. Starke Frauen und Politik. Deutsche Verlags-Anstalt: Stuttgart 2002, 244 S., ISBN 3421-5606-4; 18,90 Euro<\/p>\n<p>keine Rolle mehr. In diesem Gespr\u00e4ch zwischen einer jungen und einer \u00e4lteren SPD-Politikerin (Ute Vogt, baden-w\u00fcrttembergische SPD-Vorsitzende, und Eva R\u00fchmkorf, von 1978 bis 1987 erste Gleichstellungsbeauftragte in Deutschland) findet sich ein Kapitel mit dem Titel <em>Das Politische im Privaten<\/em>, worin es ironischerweise ausschlie\u00dflich um das Privatleben der Politikerinnen geht. Auch das in K\u00e4tzels Portr\u00e4ts vielbeschworene \u201eWir-Gef\u00fchl&#8220; der 68er-Bewegung hat hier keinen Platz mehr. Das politische Bewusstsein von Vogt und R\u00fchmkorf identifiziert sich nicht \u00fcber diese Erfahrung. Auch der Buchtitel bezieht sich keineswegs auf die Vorstellung, dass Frauen die besseren Politikerinnen seien: Bei Vogt\/ R\u00fchmkorf sind mit den Besseren und Anst\u00e4ndigeren immer die Sozialdemokraten gemeint. Das ist der Grundkonsens, von dem aus die beiden argumentieren. Das an zwei Tagen im Sommer und Herbst 2001 gef\u00fchrte Gespr\u00e4ch, moderiert von den <em>Spiegel<\/em>-Redakteuren J\u00fcrgen Leinemann und Horand Knaup, streift Themen wie Krieg und Frieden, Karriere und Medien, Macht und Ohnmacht in der Politik. F\u00fcr Vogt ist Politik im Gegensatz zu R\u00fchmkorf in erster Linie eine pragmatische Angelegenheit jenseits von ideologischen Fragen: \u201eWir wollen Schluss machen mit der Klageweibergeschichte. Politik ist kein Feld, auf dem Frauen m\u00f6glichst was f\u00fcr Frauen machen sollten, sondern jeder, egal wo er Politik macht, das Thema im Kopf hat.&#8220; Somit illustriert dieses Gespr\u00e4ch vor allem den Generationen-Konflikt zwischen politisch aktiven Frauen. Das Buch bleibt dar\u00fcber hinaus wenig instruktiv, da unklar bleibt, f\u00fcr welche Leser dieses Buch konzipiert wurde. Allenfalls kann es partiell als Rezeptbuch f\u00fcr weibliche Politikkarrieren betrachtet werden.<\/p>\n<p>Unter der Rubrik <em>Falsche Vorbilder<\/em> eint die beiden SPD-Politikerinnen eine tiefe Skepsis gegen\u00fcber den Idealen von 1968. Vogt sch\u00e4tzt deren politische Nachhaltigkeit eher gering ein: \u201eUnd jetzt sitzen sie in ihrem Reihenhaus und k\u00fcmmern sich um die Tempo-30-Zone davor.&#8220; R\u00fchmkorf betont ihrerseits die Widerspr\u00fcchlichkeit der Studentenbewegung: \u201eIch habe mich lange, schon bevor es ins Anarchi stische und Terroristische abglitt, \u00fcber diese Ho-Chi-Minh-Rufe mokiert. Das war doch verr\u00fcckt. Hier kommen sie mit der Eltern-Generation nicht klar, und in \u00dcbersee beten sie alte M\u00e4nner an. Ich hab&#8216; mich immer \u00fcber Berichte gefreut, wenn diese Pilger nach Kuba oder sonstwohin fuhren und dachten, sie w\u00fcrden wie die gro\u00dfen Revoluzzer empfangen, stattdessen dann aber Zuckerrohr hacken mu\u00dften. Die waren schwer beleidigt, aber ich fand es v\u00f6llig in Ordnung.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[3339],"publikationen":[854,1211],"class_list":["post-19064","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-kerstin-ahrens","publikationen-vorgaenge","publikationen-vorg-159"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Was sie wollten, was sie wurden: Zwei B\u00fccher \u00fcber weibliche Perspektiven auf 1968 und die Folgen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-159\/publikation\/was-sie-wollten-was-sie-wurden-zwei-buecher-ueber-weibliche-perspektiven-auf-1968-und-die-folgen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Was sie wollten, was sie wurden: Zwei B\u00fccher \u00fcber weibliche Perspektiven auf 1968 und die Folgen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die 68er-Protestbewegung ist im \u00f6ffentlichen Bewusstsein auch heute noch vorwiegend m\u00e4nnlich konnotiert. 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