{"id":19237,"date":"2024-03-25T16:54:23","date_gmt":"2024-03-25T15:54:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19237"},"modified":"2024-03-25T16:54:23","modified_gmt":"2024-03-25T15:54:23","slug":"ein-blick-auf-zehn-jahre-sicherungsverwahrung-aus-der-innenperspektive","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-243\/publikation\/ein-blick-auf-zehn-jahre-sicherungsverwahrung-aus-der-innenperspektive\/","title":{"rendered":"Ein Blick auf zehn Jahre Sicherungsverwahrung \u2013 aus der Innenperspektive"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-teaser-western\"><em>Auch wenn ein Aufenthalt von zehn Jahren in der Sicherungsverwahrung den Gerichten zufolge nur die Ausnahme sein sollte, ist es doch die Regel. Thomas Meyer-Falk berichtet in seinem Beitrag \u00fcber zehn Jahre eigener Erfahrung mit der Sicherungsverwahrung, einer Institution, die er f\u00fcr nicht zeitgem\u00e4\u00df h\u00e4lt. Meyer-Falk schreibt \u00fcber den prek\u00e4ren Alltag in der Sicherungsverwahrung, die Verzweiflung der Inhaftierten ob ihrer Ohnmacht, die unmenschlichen Bedingungen und auch den Tod von Inhaftierten.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote1sym\" name=\"sdendnote1anc\"><sup>i<\/sup><\/a><\/em><\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">\u201eBitte l\u00e4chele nicht dar\u00fcber, aber f\u00fcr mich ist die Entlassung wie eine Geburt!\u201c Das schrieb mir W., als er nach 48 Jahren Freiheitsentzug freigelassen wurde. In seiner Jugend hatte er erst in Psychiatrien, danach im Jugend-, hernach im Erwachsenenvollzug und zuletzt fast elf Jahre in der Sicherungsverwahrung (SV) zugebracht. Die wenigen Tage, die er sich in diesen fast f\u00fcnf Jahrzehnten au\u00dferhalb von Anstaltsmauern befand, waren jeweils Folgen von Geiselnahmen. Nach seiner letzten, im Jahre 1995 wurde er \u00fcber 15 Jahre lang in strenger Einzelhaft gehalten, solange, bis die <i>taz<\/i> ihm und seinem Mitt\u00e4ter F. eine Doppelseite widmete. Das brachte Bewegung in die Sache.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ich habe selbst zehn Jahre in der Sicherungsverwahrung zugebracht. Als ich 2013 in Freiburg auf Station 2 der Abteilung Sicherungsverwahrung ankam, begr\u00fc\u00dfte mich H. und noch bevor ich in meiner Zelle anlangen sollte, wusste ich, dass in genau jenem Bett, in welchem ich heute Nacht schlafen w\u00fcrde, vor wenigen Monaten ein Insasse tot aufgefunden worden war. Er selbst, f\u00fcgte er noch hinzu, sei \u00fcbrigens nicht wirklich ein Sexualt\u00e4ter, denn er habe \u201eihn nicht hineingesteckt\u201c und spende seit Jahren sein Anstaltstaschengeld dem Wei\u00dfen Ring! Einige Monate sp\u00e4ter sollte H. tot an meiner Seite im Freizeitraum der Station sitzen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">\u201eLasset alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet\u201c, so schrieb es in der G\u00f6ttlichen Kom\u00f6die vor rund 700 Jahren Dante \u00fcber den Eingang zur H\u00f6lle \u2013 es k\u00f6nnte auch der Wahlspruch der Sicherungsverwahrten sein, denn an Hoffnung mangelt es allerorten. Auch wenn der Leiter der Freiburger Sicherungsverwahrung, Herr G., versichert, er hege bei allen, die hier ankommen, eben jene Hoffnung, die Zuversicht n\u00e4mlich, sie eines Tages in die Freiheit begleiten zu k\u00f6nnen, so wie er dann auch mich in den zur\u00fcckliegenden circa zehn Monaten begleitete.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es wurden lange zehn Jahre f\u00fcr mich! Anfang 2014: H. sa\u00df still auf der Couch vor dem Fernseher im Freizeitraum, ich setzte mich neben ihn und zappte ein bisschen durch die Fernsehkan\u00e4le. Wenn H. mal schwieg, lie\u00df ich ihn lieber still sein, denn sonst w\u00fcrde er mir wieder ungefragt und sehr detailfreudig berichten. Vielleicht zwanzig Minuten sp\u00e4ter fielen einem Mitverwahrten und mir auf, dass H. sich jetzt schon eine Weile gar nicht mehr bewegt hatte. Wir tippten ihn an, suchten nach Atemanzeichen. Als wir diese nicht fanden, informierten wir den Stationsbeamten. Sofort wurde \u201eAlarm\u201c ausgel\u00f6st, alle Stationsbewohner sofort in den Zellen weggeschlossen, und sp\u00e4ter stellte sich heraus: H. war gestorben \u2013 wie die Obduktion ergab, an einem Hinterkammerinfarkt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Immer wieder w\u00fcrden in den folgenden Jahren Mitverwahrte sterben, meist auf der Station, auf der ich selbst lebte, weshalb diese bald sarkastisch die \u201eTodesstation\u201c genannt wurde. Insassen siechten vor sich hin: K. lief brabbelnd, mit entbl\u00f6\u00dftem Unterk\u00f6rper und abnorm vergr\u00f6\u00dfertem Hoden dem Flur auf und ab. P. wiederum n\u00e4sste und kotete sich regelm\u00e4\u00dfig ein, so dass phasenweise A., ein als Stations- und Desinfektionsreiniger t\u00e4tiger Mitinsasse, t\u00e4glich dessen Bettw\u00e4sche wechselte.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die personelle Situation in der Sicherungsverwahrung ist dabei immer noch wesentlich besser als im sonstigen Bereich des Justizvollzugs. Nachdem der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte 2009 und \u2013 diesem zumindest in Teilen folgend \u2013 das Bundesverfassungsgericht die Haftbedingungen in den SV-Anstalten beanstandeten, wurden zum Sommer 2013 die gesetzgeberisch auf Bundes- wie auf L\u00e4nderebene verabschiedeten Reformen, in die Tat umgesetzt. So habe ich mit meinem eigenen Antritt der SV den reformierten Vollzug der Sicherungsverwahrung kennengelernt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Personell stockte der Staat erheblich auf. Berichtete der heutige Leiter der Freiburger Sicherungsverwahrung noch vor der Reform in einer Zeitschrift davon, dass ihm seinerzeit eine halbe Stelle f\u00fcr den Bereich der Sicherungsverwahrung im Bereich Sozialer Arbeit zur Verf\u00fcgung gestanden habe, so sind heute vier Mitarbeitende des Sozialdienstes t\u00e4tig. Im Bereich des Strafvollzugs sprechen wir von einem Personalschl\u00fcssel von etwa 90 bis 100 Insass*innen auf eine Fachkraft, im Bereich der Sicherungsverwahrung von circa eins zu 16.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Trotzdem vermag dies aus meiner Sicht an dem Vor-sich-hinsiechen \u2013 k\u00f6rperlich und vor allem seelisch \u2013 nichts zu \u00e4ndern. Postulierte das BVerfG in seinem Urteil vom 04. Mai 2011 zur SV, dass die Verwahrung \u00fcber zehn Jahre hinaus die Ausnahme bleiben m\u00fcsse, ist sie de facto zur Regel geworden. Zumindest in Freiburg. Wie eine <i>taz<\/i>-Journalistin recherchierte, s\u00e4\u00dfen in Freiburg mittlerweile mehr als 50 Prozent der Untergebrachten schon l\u00e4nger als zehn Jahre in der SV.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wie viele Neuank\u00f6mmlinge habe ich im Laufe der Jahre dort gesehen, die, wie dereinst ich selbst, mit Energie und Elan, den Vollzugsalltag nicht f\u00fcr wahr haltend k\u00f6nnend, meinten, sie w\u00fcrden etwas ver\u00e4ndern k\u00f6nnen und dann nach einigen Monaten zu resignieren begannen. Meine ersten SV-Jahre waren gepr\u00e4gt von vielen Antr\u00e4gen an die Gerichte und sonstige Institutionen. Die Telefone wanderten von den Fluren, wo jeder mith\u00f6ren konnte, in die Zellen. Die Zugangsm\u00f6glichkeit zum Hofareal wurde erheblich ausgeweitet, die Stromkostenbeteiligungen mussten gesenkt werden, und anderes mehr. Zudem hatte ich stets das Gl\u00fcck, von freundlichen Menschen vor den Mauern begleitet, besucht, unterst\u00fctzt zu werden. Die Besuche, Telefonate, Briefe waren f\u00fcr mein \u00dcberleben essenziell.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Im Laufe der Jahre weitete sich mein Blick. In der Tat ist die jeweilige Anstaltsleitung nicht f\u00fcr jeden Missstand pers\u00f6nlich verantwortlich, denn sie ist eingebunden in die hierarchische Struktur einer Beh\u00f6rde. Es sprechen viele Beteiligte mit \u2013 gerade und besonders im Bereich der SV \u2013 Justizministerium, Sicherheitsbeauftragten etc. Aber viel Lebenszeit wird investiert in das Verfassen von Beschwerden und geht einerseits damit verloren. Andererseits gibt die M\u00f6glichkeit sich zu beschweren auch Halt und Struktur. Zudem ist es die einzige legale M\u00f6glichkeit, doch punktuell etwas zu verbessern.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Mit den Jahren schien ich immer deutlicher den unartikulierten Schmerz von Mitbewohnern zu sp\u00fcren, wenn ich nur genau genug hinh\u00f6rte und hinsah. Wie sie sich innerlich verzehrten und durch offiziell in reichlichem Ma\u00dfe verordnete Psychopharmaka zu d\u00e4mpfen versuchten oder aber gleich zu Drogen griffen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Zu Ostern 2023 ereignete sich der erste offizielle Suizid der vergangenen Jahre. Ein Insasse, Anfang 40, erh\u00e4ngte sich! Ich kannte ihn schon aus der vorangegangenen Zeit in der Strafhaft \u2013 und mich machte es traurig, dass er keinen anderen Weg f\u00fcr sich gefunden hat. Aber ich konnte seine Entscheidung nachf\u00fchlen. Das Leben dort zerm\u00fcrbt. F\u00fcr ihn war seine Selbstt\u00f6tung sogar eine Art von Fortschritt: zuvor hochaggressiv, als Psychopath klassifiziert, pr\u00fcgelnd durch sein und das Leben anderer gewalzt, richtete sich seine finale Gewalthandlung nicht mehr gegen andere. Aber seinen Schmerz, seine Ohnmacht so zu verarbeiten, dass er sich, aber auch seiner Familie \u2013 er hinterl\u00e4sst Ehefrau, Adoptivmutter und Kinder \u2013 eine Chance auf eine Zukunft in Freiheit h\u00e4tte geben k\u00f6nnen, dies gelang ihm nicht.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">F\u00fcr mich selbst \u00f6ffneten sich am 29. August 2023 letztmalig die Stahltore der Haftanstalt; ich wurde entlassen. Nach zehn Jahren und knapp zwei Monaten in der Sicherungsverwahrung, nach insgesamt ununterbrochener Freiheitsentziehung von 26 Jahren und 10 Monaten. Ich lie\u00df eine ganz eigene Welt hinter mir: etwa 600 M\u00e4nner und mittlerweile drei Frauen leben in Deutschland im dunkelsten, hintersten Winkel des Blinddarms der Justiz und Gesellschaft. Fast vergessen, vielfach sich selbst \u00fcberlassen!<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><em><strong class=\"western\">Thomas Meyer-Falk<\/strong> geb. 1971, wohnt in S\u00fcddeutschland, wurde im Oktober 1996 verhaftet und war von Juli 2013 bis 29. August 2023 in der Sicherungsverwahrung. Er schreibt seit vielen Jahren Artikel und Berichte aus dem Strafvollzug, \u00fcber den Strafvollzug und auch zur Innenpolitik. Mittlerweile ist eine Auswahl seiner Artikel und Gedichte in zwei kleinen B\u00fcchern erschienen. <a href=\"https:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\/\">https:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\/<\/a><\/em><\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \">Anmerkungen:<\/h3>\n<div id=\"sdendnote1\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote1anc\" name=\"sdendnote1sym\">i <\/a>In einem etwa einst\u00fcndigen Radiointerview mit Professorin Dr. Graebsch, sprach der Autor mit ihr \u00fcber verschiedenste Facetten des Themas Sicherungsverwahrung. Es wurde deutlich, wie prek\u00e4r die rechtliche und soziale Lage der Betroffenen ist, und auch wie ohnm\u00e4chtig sich oftmals deren anwaltliche Vertreter*innen f\u00fchlen. <a href=\"https:\/\/www.freie-radios.net\/123707\">https:\/\/www.freie-radios.net\/123707<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":19227,"template":"","categories":[24,2977,2957],"tags":[3213,3444,667],"autoren":[3443],"publikationen":[3419],"class_list":["post-19237","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-innere-sicherheit","category-strafrecht-2","category-strafvollzug","tag-gefaengnis","tag-sicherungsverwahrung","tag-vorgaenge-artikel","autoren-thomas-meyer-falk","publikationen-vorg-243"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein Blick auf zehn Jahre Sicherungsverwahrung \u2013 aus der Innenperspektive - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-243\/publikation\/ein-blick-auf-zehn-jahre-sicherungsverwahrung-aus-der-innenperspektive\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein Blick auf zehn Jahre Sicherungsverwahrung \u2013 aus der Innenperspektive - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Auch wenn ein Aufenthalt von zehn Jahren in der Sicherungsverwahrung den Gerichten zufolge nur die Ausnahme sein sollte, ist es doch die Regel. 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