{"id":19350,"date":"2024-05-24T13:20:30","date_gmt":"2024-05-24T11:20:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19350"},"modified":"2026-03-20T15:06:32","modified_gmt":"2026-03-20T14:06:32","slug":"was-war-eigentlich-mit-dem-sozialismus-gedanken-dazu-von-vor-und-nach-der-wende","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-244\/publikation\/was-war-eigentlich-mit-dem-sozialismus-gedanken-dazu-von-vor-und-nach-der-wende\/","title":{"rendered":"Was war eigentlich mit dem Sozialismus? \u2013 Gedanken dazu von vor und nach der Wende"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-teaser-western\"><em>Der folgende Beitrag ist nach Ansicht der Redaktion eine ungew\u00f6hnliche, authentische und konkrete Auskunft zum umstrittenen Thema von Ostidentit\u00e4t. Die Frage, die Daniel Stosiek nach dem Sozialismus in der DDR stellt, ist f\u00fcr ihn offensichtlich auch eine wichtige Frage nach der eigenen, ostdeutschen Identit\u00e4t, wie sie in der DDR entstanden ist und in seinem Leben fortwirkt. Der Systemgegensatz zwischen der DDR und der BRD, der politisch und medial als Gegensatz zwischen dem diktatorischen Unrechtsstaat DDR und der Demokratie der Bundesrepublik mehrheitlich abgehandelt wird, tabuisiert seines Erachtens die f\u00fcr Menschen mit DDR-Herkunft pr\u00e4gende Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus in der Gegenwart. Dass Stosiek seine DDR Pr\u00e4gungen aus diesem Gegensatz erkl\u00e4rt, ist ungew\u00f6hnlich, \u00fcberzeugt aber durch seine konkreten Beschreibungen. Anders als die fortw\u00e4hrende Abwertung ostdeutscher Identit\u00e4t, die mit den Erfolgen der AfD stetig zunimmt, f\u00fchrt sein Ansatz in der Diskussion weiter.<\/em><\/p>\n<p class=\"v-teaser-western\"><em>Wichtig f\u00fcr die Leser*innen ist es, die Biographie Stosieks historisch einzuordnen. Stosieks Kindheit und Jugend in der DDR endet mit dem Untergang der DDR. Nach seinem Abitur wird er noch am 1. November 1989 zur NVA eingezogen. Danach setzt er sein Leben im Westen fort.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Bei heutigen Diskussionen zu Ost-West-Themen, auch kritischen, wie dem spannenden Text von Dirk Oschmann (<i>Der Osten: eine westdeutsche Erfindung<\/i>), vermisse ich schmerzlich eine Auseinandersetzung mit den Fragen des Sozialismus der ostdeutschen und osteurop\u00e4ischen Gesellschaften vor der Wende, sowie eine Kritik an der kapitalistischen Wirtschaft. Die DDR wird auf Diktatur und Unrechtsstaat reduziert, die westliche Welt dagegen ist eine Demokratie. Weder war in der Beschreibung die DDR sozialistisch, noch Westeuropa und die USA kapitalistisch. Diese beiden Aspekte der Wirklichkeit sind gleichsam tabu.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In meiner Jugend habe ich in widerspr\u00fcchlichen Diskurswelten gelebt. Das Elternhaus war christlich und kritisch gegen\u00fcber dem Staat, es gab aber aktive Auseinandersetzungen und Wohlwollen gegen\u00fcber vielen akzeptierten und als gut erkannten Seiten der teils verwirklichten und teils ausstehenden gesellschaftlichen Formen. Die katholische Kirche, zu der wir geh\u00f6rten, verhielt sich sehr ablehnend. In der Schule war ich in der Regel mit einer kritiklosen Affirmation der DDR konfrontiert; die Sch\u00fcler*innen wiederum waren oftmals, nicht durchg\u00e4ngig, in einem hohen Grade negativ gegen\u00fcber Staat und Ideologie eingestellt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">F\u00fcr mich war bis zum Ende der DDR der Autoritarismus, am st\u00e4rksten im Ph\u00e4nomen der <i>Mauer<\/i> symbolisiert, verhasst, wie auch die Gewalt, welche durch die Armee (NVA) in Bereitschaft gestellt und immer wieder ausge\u00fcbt wurde; bis ins letzte Jahr der DDR wurden Menschen, welche das Land illegal verlassen wollten, erschossen. Aber der Anspruch einer sozialistischen Gesellschaft, der \u00dcberwindung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, der internationale Geist leuchteten mir sehr ein.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wir diskutierten \u00fcber viele Widerspr\u00fcche. Dazu geh\u00f6rte die Frage nach dem sogenannten Volkseigentum. Warum k\u00fcmmerten sich die Menschen nicht um H\u00e4user, L\u00e4ndereien oder Betriebe, wenn sie doch dem Volke, den Menschen, ihnen selber, geh\u00f6rten? Funktionierte nur, was die Leute privat besa\u00dfen? Auf der anderen Seite hatte die Bev\u00f6lkerung, n\u00e4mlich die Menschen selber, gar nicht die Macht \u00fcber das Volkseigentum, sondern die Prozesse wurden von b\u00fcrokratisch organisierten Eliten bestimmt. Heute kann ich (auch mit Lekt\u00fcre von Pierre Bourdieu) besser erkennen, warum real erlebte Ohnmacht zu Gleichg\u00fcltigkeit und Desinteresse f\u00fchren. Ein anderer Widerspruch betraf die Frage, warum sich die medial so hoch gelobte Klasse der Arbeiterschaft und Werkt\u00e4tigen so unmotiviert zum Arbeiten zeigte, nachdem doch die kapitalistische Ausbeutung beendet worden war. Auch hier l\u00e4sst sich heute antworten, dass die Arbeiter*innen gar keine Macht hatten, sondern auch in der DDR unterdr\u00fcckt und ausgebeutet wurden. Aber Widerspr\u00fcche sind treibende Kr\u00e4fte. H\u00e4tte es jemals 1989 die Kraft zum Umbruch gegeben, wenn es nicht den Anspruch oder die Vision des Volkseigentums gegeben h\u00e4tte und somit einer direkten und aktiven Mitbestimmung \u00fcber die Belange der Gesellschaft, \u00fcber Wirtschaft und Politik, von den Menschen selber her? War nicht die implizite oder explizite Erwartung da, dass das Eigentum, das Eigene der Gesellschaft \u2013 einschlie\u00dflich politischer, kultureller, wirtschaftlicher Zusammenh\u00e4nge, dem Land, der Betriebe, der sozialen Wirklichkeit \u2013 nun wirklich den Menschen geh\u00f6ren und von diesen bestimmt werden sollte? Und wollten die arbeitenden Menschen nicht tats\u00e4chlich die herbeigeredete, aber noch nicht verwirklichte Befreiung von Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung wahr machen? Ein Umbruch in solchem Sinne, eine gesellschaftliche befreiende Umw\u00e4lzung ohne Wiedervereinigung w\u00e4re eine Revolution gewesen, die diesen Namen verdiente; aber das, was tats\u00e4chlich geschehen ist, war keine Revolution, sondern vielleicht eine Implosion, die bekannte \u00dcbernahme des Schw\u00e4cheren durch den St\u00e4rkeren.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In meiner Schulzeit habe ich zweimal aktive Erfahrungen mit Kritik gemacht. Es wurde viel dar\u00fcber diskutiert, dass man in der DDR nicht seine Meinung sagen durfte. Aber die Wirklichkeit war oft subtiler und komplexer. Es gab seit der siebenten Klasse alle zwei Wochen einen Schultag mit der Bezeichnung \u201eProduktionsarbeit\u201c (PA): Das war praktische Arbeit, die teilweise mit Betrieben der Industrie oder von Baustellen verkn\u00fcpft wurde. Dort erlernten wir technische Fertigkeiten, wie mit Metall oder Beton zu arbeiten. In der zehnten Klasse wurden wir auf verschiedene Betriebe der Stadt G\u00f6rlitz verteilt, wo wir nun alle zwei Wochen je einen Vormittag zubrachten. W\u00e4hrend der zehnten Klasse wurde ich einmal aufgefordert, einen Aufsatz zu schreiben \u2013 zu Fragen, die etwa beinhalteten, wie ich die sozialistische Arbeit erlebt, was ich gelernt, wie ich die Arbeiterschaft erlebt hatte. Im ersten Moment war mir danach zumute zu fluchen \u00fcber eine so bl\u00f6de Arbeit, in der von mir erwartet wurde, den Lehrenden und Vorgesetzten nach dem Munde zu reden und mir etwas aus den Fingern zu saugen, was mir sehr schwer fiel. Ich konnte bei Hausaufgaben der \u201eStaatsb\u00fcrgerkunde\u201d, sprich des ideologischen Unterrichts, stundenlang vor einem Blatt Papier sitzen, ohne dass mir ein Wort zu schreiben einfiel, weil ich manchmal kaum verstand, wovon die Rede war. Aber pl\u00f6tzlich kam mir eine Idee: Ich k\u00f6nnte doch das schreiben, was ich wirklich dachte und erlebte! Dieser Gedanke war ungew\u00f6hnlich und befl\u00fcgelte mich. Mein famili\u00e4rer Hintergrund war zudem der, dass mein Vater immer wieder kritische Briefe an die DDR-Regierung schrieb. Mit einer solchen Motivation machte es mir auf einmal Spa\u00df zu schreiben; ich fand es aufregend. So schrieb ich in diesem Schulaufsatz beispielsweise, dass mir die sozialistischen Arbeiter nicht sehr motiviert zum Arbeiten schienen, sie lange Pausen machten und rauchten, oder auch dass ich zwar ab der siebenten Klasse in PA einige praktische Fertigkeiten erworben und einge\u00fcbt, in der zehnten Klasse aber so gut wie nichts gelernt h\u00e4tte, da ich Aufgaben, wie Sand mit einer Schubkarre zu transportieren, erhielt oder manchmal \u00fcber l\u00e4ngere Zeit gar nichts zu tun war. Ich erinnere mich, wie ein Klassenkamerad und ich zusammen die Benotung erhielten. Er hatte das genaue Gegenteil von mir geschrieben, eine reine Lobeshymne. Der Lehrer gab uns beiden eine Eins und sagte, dass er meinen kritischen Text gut fand. \u00dcber diese Entscheidung beiden gegen\u00fcber bin ich ihm heute noch dankbar.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die zweite Erfahrung mit Kritik war mein Abituraufsatz im Deutschunterricht. Ich w\u00e4hlte unter mehreren M\u00f6glichkeiten ein offenes Thema, bei dem ich mir selber einen Roman aussuchen konnte. Dabei entschied ich mich f\u00fcr die <i>Richtstatt<\/i> von Tschingis Aitmatow. Ich schrieb \u00fcber die Figur eines tief \u00fcberzeugten Kommunisten in diesem Roman, der an der gesellschaftlichen Wirklichkeit in seinem Dorf zugrunde geht. Diese Geschichte verkn\u00fcpfte ich mit den damals aktuellen Bewegungen der Perestroika in der Sowjetunion, mit dort ge\u00fcbter Kritik und Ver\u00e4nderungen, die, wie ich weiter ausf\u00fchrte, auch in vergleichbarer Weise in der DDR verwirklicht werden sollten. (Die DDR hatte sich seit dem Beginn der Perestroika konsequent geweigert, auch nur ein Minimum an \u00d6ffnung und Kritik, der Sowjetunion vergleichbar, zuzulassen.) Unsere Deutschlehrerin sagte uns ein paar Tage sp\u00e4ter, dass zwei der Abituraufs\u00e4tze, darunter auch meiner, dem Direktor der Schule vorgelegt worden waren. Dieser Direktor war ein unkritischer Mitmacher im Staat, und wie sich nach der Wende herausstellte, bei der Stasi. Ich erhielt eine Drei f\u00fcr den Aufsatz mit der Begr\u00fcndung, dass ich das gestellte Thema nicht ganz erfasst h\u00e4tte. F\u00fcr mich gab es nat\u00fcrlich keinen Zweifel daran, dass die relativ schlechte Bewertung am politischen Thema lag. Das verschlechterte meine Abiturnote von Eins auf Zwei, aber ich bin heute noch froh dar\u00fcber, dass ich geschrieben habe, was ich wirklich dachte, und was mir tats\u00e4chlich am Herzen lag.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Und sollte das, was mir damals am Herzen lag, nach der Grenz\u00f6ffnung 1989 und bis heute, nicht mehr ein Herzensthema sein?<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">W\u00e4hrend der Mauer\u00f6ffnung war ich mehrere Monate bei der Armee der DDR, der NVA; mein Dienst begann dort am 1. November 1989, und der Mauerdurchbruch geschah am 9. November. In diesen Herbstmonaten wurde viel \u00fcber Wiedervereinigung gesprochen. Mich irritierte das, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie zwei so unterschiedliche Gesellschaften und politischen Systeme zu einem Land werden sollten. W\u00fcrde es sozialistisch oder kapitalistisch sein? Als ich diese Frage einem Kommilitonen stellte, sagte er: nat\u00fcrlich kapitalistisch. Mir war augenblicklich klar, dass er Recht hatte. Aber mir war eiskalt dabei zumute.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wenige Monate zuvor, im September und Oktober 1989, als die Demonstrationen und Runden Tische bereits sehr aktiv waren, hatte ich ein Praktikum im Physiologischen Institut der Charit\u00e9 in Berlin gemacht. W\u00e4hrend dieses Praktikums durfte ich immer wieder an den dortigen Vorlesungen teilnehmen. Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich irgendetwas davon verstand. Aber ich wei\u00df noch, dass die Studierenden gemeinsam Stellungnahmen verfassten, in denen sie Dialog und Toleranz forderten. Am Ende dieser Stellungnahmen wurde immer betont, dass sie selbstverst\u00e4ndlich keinen Zweifel daran lassen, dass sie am Sozialismus festhalten. \u2013 Wenige Monate sp\u00e4ter schien sich kein Mensch mehr daran zu erinnern. Dieser Teil der ostdeutschen Identit\u00e4t und Erinnerung ist verschwunden.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">War an dieser letzten Versicherung \u00fcberhaupt nichts Wahres dran, war diese nur L\u00fcge, nur eine Phrase im Sinne einer Pflichterf\u00fcllung gewesen?<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das entscheidende Totschlagargument gegen solche Ver\u00e4nderungen lautete wenige Wochen sp\u00e4ter, man brauche das Fahrrad doch nicht ein zweites Mal zu erfinden.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Damals nahm ich weder an den Montagsdemonstrationen noch den Runden Tischen teil. Erst Jahre sp\u00e4ter erkannt ich klarer, dass in diesen letzten Wochen vor der Mauer\u00f6ffnung eine fast messianische Erwartung wuchs, in der, zumindest bei einigen Kreisen der Bev\u00f6lkerung, eine Umw\u00e4lzung hin zu einem Sozialismus von der Basis her zum Greifen nahe schien: Christa Wolf redete am 4. November bei einer Demonstration auf dem Alexanderplatz in Berlin von einem Sozialismus, \u201eder den Namen auch wirklich verdient\u201d; die Runden Tische, die eine hohe gesellschaftliche Repr\u00e4sentanz verk\u00f6rperten, \u201eerfanden\u201d die Demokratie neu, indem sie politische Entscheidungen trafen; die Regierung der DDR n\u00e4herte sich der Zivilgesellschaft an, wie dies noch nie vorgekommen war, und arbeitete direkt mit dem Zentralen Runden Tisch in Berlin zusammen; das Team der Wirtschaftsministerin Christa Luft innerhalb der Regierung von Hans Modrow erarbeitete einen Reformvorschlag f\u00fcr die Wirtschaft der DDR, die sich sowohl marktwirtschaftlich \u00f6ffnen sollte, als auch \u00f6ffentliches Eigentum des Landes und der gro\u00dfen Betriebe beibehielt, und der Zentrale Runde Tisch akzeptierte diesen Reformvorschlag.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In den darauffolgenden Jahren lernte ich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit England kennen, begann in G\u00f6ttingen zu studieren, wo ich jeweils die Atmosph\u00e4re genoss, dass Menschen aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt beziehungsweise dann Deutschlands kamen. Es faszinierte mich, mit diesen unterschiedlichsten Menschen in lebendigen, erfrischenden Kontakt zu kommen. Die Ferne verwandelte sich in N\u00e4he. Als ich 1992 in M\u00fcnster begann, Theologie zu studieren, vermisste ich zu meiner \u00dcberraschung die vielgestaltige, internationale lebendige, aufbruchsfreudige Stimmung; es war mir, als sei ich erneut in eine provinzielle Gesellschaft hineingeraten, wo die meisten Menschen, die ich nun im Studium kennenlernte, aus der n\u00e4heren Umgebung stammten; der Geist der Wanderschaft, der Internationalit\u00e4t, aber auch des Neuanfangs war mir \u00fcberhaupt nicht mehr zu sp\u00fcren, und ich f\u00fchlte mich eher wie ein seltener Fremdling unter Menschen, die keine geschichtlichen Br\u00fcche erlebt hatten. Der Osten war weit weg, die \u201eZone\u201d, wie manche Leute, es witzig findend, immer noch sagten. Vor allem erlebte ich nun nicht mehr die \u201eN\u00e4he in der Ferne\u201d, die lebendigen Begegnungen der Menschen auf Reisen, auf Wanderung, die mich in England und G\u00f6ttingen, aber auch in Taiz\u00e9 und in Schottland begleitet hatten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Jetzt f\u00fchlte ich mich oft depressiv und verlassen. Dieses Gef\u00fchl hatte sicher verschiedene Ursachen, pers\u00f6nliche, solche, die mit der neuen Umgebung zusammenhingen, aber es lag auch (da ich in der relativen Einsamkeit jetzt weniger abgelenkt war) an der abgekoppelten, abgefertigten, dem Vergessen ausgelieferten Geschichte. Es gab keine DDR-Geschichte mehr, sondern nur noch Neue Bundesl\u00e4nder, als ob diese auf ein leeres Blatt gezeichnet worden w\u00e4ren. So haben auch die Eroberer Amerikas den Doppelkontinent \u201eNeue Welt\u201d genannt, als ob es dort keine Jahrtausende lange menschliche Geschichte gegeben h\u00e4tte. Die politische ist von der seelischen Wirklichkeit nicht zu trennen. Mit der politisch ausgel\u00f6schten Erinnerung war ich auch mit meiner eigenen lebendigen Vergangenheit vereinsamt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">\u201eDoch wo Gefahr ist, w\u00e4chst ein Rettendes auch.\u201d Langsam lernte ich durch Theologie und j\u00fcdische Philosophie (wie Walter Benjamin, Franz Rosenzweig, Eveline Goodman-Thau), dass wir aus j\u00fcdischer, semitischer Tradition heraus die Zeit auch ganz anders betrachten k\u00f6nnen, als es in unserer indoeurop\u00e4ischen Kultur \u00fcblich ist: <i>D<\/i><i>ie Geschichte ist nicht zu Ende<\/i>; die Hoffnungen und Tr\u00e4ume der Vergangenheit leben weiter und wirken in die Zukunft hinein; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nicht radikal voneinander getrennt, sondern ineinander verwoben; der Gedanke der Erl\u00f6sung bedeutet, dass sich der Gesamtzusammenhang der Geschichte verwandelt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Und was mich immer mehr von der depressiven Stimmung befreite, war, dass ich die Befreiungstheologie Lateinamerikas sowie die westeurop\u00e4ische Linke kennenlernte: Es waren studentische Protestbewegungen seit 1997, dar\u00fcber hinausgehende Proteste gegen den neoliberalen Kapitalismus seit 1998. Bei den studentischen Protesten erlebte ich f\u00fcr einen kurzen Moment, was es bedeuten kann, wenn sich auf einmal die Studierenden einer Fakult\u00e4t selber organisieren und in kleinen Gruppen anfangen, Politik zu gestalten. Das war ein wenig wie die Runden Tische am Ende der DDR. Ein Augenblick der Basisdemokratie.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Nach Abschluss meines Theologiestudiums im Jahre 2000 begab ich mich als Menschenrechtsbeobachter nach Chiapas im s\u00fcdlichen Mexiko. Hier hatte etwas Unglaubliches stattgefunden. Mit der \u201eRevolution der Frauen\u201d 1992 und einem Aufstand 1994 hatten Menschen indigener Bev\u00f6lkerung es unternommen, \u201edas Fahrrad neu zu erfinden\u201d, was in Ostdeutschland vers\u00e4umt worden war, n\u00e4mlich das soziale, mitmenschliche, politische Zusammenleben neu zu gestalten. Die Zapatist*innen benennen sich nach dem Namen <i>Emiliano Zapata<\/i>, der w\u00e4hrend der Mexikanischen Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts f\u00fcr Gerechtigkeit k\u00e4mpfte. Diese Namenswahl zeigt, dass auch hier die Geschichte nicht zu Ende ist, dass die Gegenwart \u201eeine schwache messianische Kraft\u201d besitzt, an welche die Vergangenheit einen Anspruch hat, wie Walter Benjamin formulierte. Giorgio Agamben zufolge sollen diese Worte auf den Apostel Paulus zur\u00fcckgehen, der sagte, dass die messianische Kraft in der Schw\u00e4che liege. Das, was diese Menschen, die materiell arm sind, \u201eschwach\u201d gegen\u00fcber Milit\u00e4r und kapitalistischer Wirtschaft, verwirklichen, verdient meines Erachtens den Namen der Revolution. Durch ihre basisdemokratische Praxis und, indem f\u00fcr sie die Ver\u00e4nderung der Welt mit Selbstver\u00e4nderung beginnt, kommen sie nicht nur der \u201eumw\u00e4lzenden Praxis\u201d, von der Karl Marx sprach, nahe, sondern sie haben entscheidend zu einer Erneuerung der weltweiten politisch linken, kapitalismuskritischen Bewegung beigetragen, die nun viel weniger dogmatisch ist als fr\u00fcher, bei geteilten <i>Fragen<\/i> verschiedene <i>Antworten<\/i> zul\u00e4sst, und die statt auf Hierarchien nun auf Entscheidungen durch Konsens setzt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Diese verschiedenen Protestbewegungen, auch die Gr\u00fcndung von <i>Attac<\/i>, der Weltsozialforen, der globalisierungskritischen Kundgebungen waren auf einmal eine internationale Welle, in der ich wieder etwas von der vermissten <i>N\u00e4he in der Ferne<\/i> erlebte, eine \u00fcbergreifende N\u00e4he von Mensch zu Mensch, \u00fcber alle kulturellen Abgr\u00fcnde hinweg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><em><strong class=\"western\">Dr. <\/strong><strong class=\"western\">D<\/strong><strong class=\"western\">aniel Stosiek<\/strong> geboren 1970, wuchs in G\u00f6rlitz, in der ehemaligen DDR, auf, studierte in M\u00fcnster und Bremen Theologie und Entwicklungspolitik und war seit 2000 mehrfach in Lateinamerika t\u00e4tig. Dort forschte er \u00fcber Fragen indigener V\u00f6lker und arbeitete im Bereich der Menschenrechte.<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[47],"tags":[3585,3587,3584,3249,3023,3588,3540,3528,3077,3583,3555,3589,667,3586,3251],"autoren":[3581],"publikationen":[3527],"class_list":["post-19350","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-lebensweisen-pluralismus","tag-3585","tag-autoritarismus","tag-brd","tag-ddr","tag-demokratie","tag-diktatur","tag-identitaet","tag-identitaetspolitik","tag-kapitalismus","tag-ostdeutschland","tag-sozialismus","tag-unrechtsstaat","tag-vorgaenge-artikel","tag-wende","tag-wiedervereinigung","autoren-daniel-stosiek","publikationen-vorg-244"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Was war eigentlich mit dem Sozialismus? \u2013 Gedanken dazu von vor und nach der Wende - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-244\/publikation\/was-war-eigentlich-mit-dem-sozialismus-gedanken-dazu-von-vor-und-nach-der-wende\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Was war eigentlich mit dem Sozialismus? \u2013 Gedanken dazu von vor und nach der Wende - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Der folgende Beitrag ist nach Ansicht der Redaktion eine ungew\u00f6hnliche, authentische und konkrete Auskunft zum umstrittenen Thema von Ostidentit\u00e4t. 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