{"id":19471,"date":"2024-08-21T12:25:40","date_gmt":"2024-08-21T10:25:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19471"},"modified":"2026-09-28T14:43:19","modified_gmt":"2026-09-28T12:43:19","slug":"klimaschutz-postwachstumsoekonomie-und-die-transformationsfrage","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-245\/publikation\/klimaschutz-postwachstumsoekonomie-und-die-transformationsfrage\/","title":{"rendered":"Klimaschutz, Postwachstums\u00f6konomie und die Transformationsfrage"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-teaser-western\"><em>Die Postwachstums\u00f6konomie gr\u00fcndet auf der Einsicht, dass eine Entwicklung, die das Ziel der \u00f6kologischen \u00dcberlebensf\u00e4higkeit mit jenem der Resilienz und einer erstrebenswerten Lebensqualit\u00e4t koppelt, nur als \u00f6konomisches Reduktionsprogramm darstellbar ist. Der Postwachstumsexperte Niko Paech schreibt in seinem Beitrag \u00fcber die physischen Wachstumsgrenzen und konzentriert sich dabei insbesondere auf den Klimaschutz und die Frage, ob demokratische Institutionen in der Lage sind, die \u00dcberlebensf\u00e4higkeit der Menschheit wiederherzustellen. Dabei argumentiert Paech f\u00fcr einen Selbstwandel als ersten Schritt, in dessen weiterem Verlauf die \u00dcberlebensf\u00e4higkeit noch wiedererlangt werden k\u00f6nnte. Denn dies bilde die einzige Alternative zu makro\u00f6konomischen Steuerungsphantasien, deren Beschw\u00f6rung h\u00f6chstens noch Alibicharakter hat.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"1-das-spiel-ist-aus-zurueck-auf-start\">1. Das Spiel ist aus: Zur&uuml;ck auf Start<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Infolge einer besinnungslosen Ausrichtung auf Wachstum, Technisierung und Globalisierung hat sich die menschliche Spezies innerhalb nur weniger Jahrzehnte ins \u00f6kologische Abseits man\u00f6vriert. Damit ist sie zur\u00fcckgefallen auf den Boden d\u00fcsterer Schicksalsabh\u00e4ngigkeit, denn eine immer dichtere Abfolge versch\u00e4rfter oder neuer Krisen treibt sie vor sich her, allen voran der Klimawandel. Vorherrschende L\u00f6sungsans\u00e4tze orientieren sich an einer \u00f6kologischen Modernisierung. Letztere liefert die Basis f\u00fcr eine vermeintlich gel\u00e4uterte, nunmehr \u201enachhaltige\u201c Fortschrittsideologie, die zeitgen\u00f6ssischen Konsumgesellschaften als Rechtfertigung daf\u00fcr dient, einen angesichts multipler Wachstumsgrenzen naheliegenden Wandel zum Weniger auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Allerdings sind es gerade viele der zu diesem Zweck entwickelten Effizienz-, Energiewende- und Kreislaufwirtschaftsinnovationen, die den materiellen Raubbau auf ungeahnte Weise intensivieren, indem sie bislang verschont gebliebene Naturg\u00fcter und Landschaftsbestandteile einer \u201egr\u00fcnen\u201c, nichtsdestotrotz industriellen Verwertung zuf\u00fchren. Dieses Konzept eines \u201egr\u00fcnen Wachstums\u201c erweist sich als \u00e4u\u00dferst kompatibel mit marktwirtschaftlichen Prozessen, insbesondere, weil es f\u00fcr private Unternehmen neue Gesch\u00e4ftsmodelle und Verwertungsoptionen offeriert.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Gegen die gr\u00fcn \u00fcbert\u00fcnchte Ma\u00dflosigkeit formieren sich seit geraumer Zeit wachstumsskeptische Positionen unter Bezeichnungen wie <i>Bio Economy<\/i> (Geogescu-Roegen 1971), <i>Steady State Economy<\/i> (Daly 1977), <i>Degrowth<\/i> (D\u2019Alisa\/Demaria\/Kallis 2016), <i>D\u00e9croissance<\/i> (Latouche 2006), <i>Decrescita<\/i> (Pallante 2005) oder <i>Postwachstums\u00f6konomie<\/i> (Paech 2008; 2012). Sie gr\u00fcnden auf der Einsicht, dass eine Entwicklung, die das Ziel der \u00f6kologischen \u00dcberlebensf\u00e4higkeit mit jenem der Resilienz und einer erstrebenswerten Lebensqualit\u00e4t koppelt, nur als \u00f6konomisches Reduktionsprogramm darstellbar ist. Als heterodoxe Wissenschaftsdisziplin ist daraus die Postwachstums\u00f6konomik hervorgegangen. Sie st\u00fctzt sich auf die Gesetze der Thermodynamik, verortet sich innerhalb der Pluralen \u00d6konomik und bildet einen Analyserahmen, der einer simpel erscheinenden, wenngleich keineswegs trivial zu begr\u00fcndenden Erkenntnis Rechnung tr\u00e4gt: Die Resultate spezialisierter, zumal r\u00e4umlich entgrenzter und technisch aufger\u00fcsteter Produktionssysteme \u2013 ganz gleich welcher Art die erzeugten G\u00fcter sind \u2013 lassen sich nicht systematisch von \u00f6kologischen Sch\u00e4den entkoppeln. Im Fokus der Postwachstums\u00f6konomik liegen drei basale Fragestellungen:<\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\">Welche Begr\u00fcndungszusammenh\u00e4nge lassen erkennen, dass ein weiteres Wachstum des Bruttoinlandsproduktes keine Option f\u00fcr das 21. Jahrhundert sein kann (Wachstumsgrenzen)?<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\">Was sind die Ursachen daf\u00fcr, dass moderne, auf industrieller Fremdversorgung basierende Volkswirtschaften einem Wachstumszwang unterliegen?<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Was sind die Konturen einer Postwachstums\u00f6konomie?<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">\n<\/li>\n<\/ol>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"960\" height=\"720\" class=\"aligncenter size-full wp-image-19468\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-1.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-1.jpg 960w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-1-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-1-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-1-800x600.jpg 800w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-1-450x337.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\"><i>Abb. 1: Forschungsprogramm der Postwachstums\u00f6konomik.<\/i><\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Dieser Beitrag widmet sich physischen Wachstumsgrenzen mit besonderem Fokus auf Klimaschutz sowie der Frage, ob demokratische Institutionen in der Lage sind, die \u00dcberlebensf\u00e4higkeit der menschlichen Zivilisation mittels geeigneter Rahmenbedingungen wiederherzustellen.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"2-energie-und-wachstumsgrenzen\">2. Energie und Wachs&shy;tums&shy;grenzen<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Erste Ausgangspunkte dessen, was sp\u00e4ter \u201eEnergiewende\u201c hei\u00dfen sollte, lassen sich unter anderem bei Lovins (1977), Traube (1978), Mayer-Tasch (1980) oder Scheer (1989) finden. Ihnen war dreierlei gemein, n\u00e4mlich erstens dem drohenden oder bereits verwirklichten \u201eAtomstaat\u201c eine \u00f6kologische und sichere Alternative entgegenzustellen. Zweitens lag ihnen der Entwurf einer dezentralen Nutzung erneuerbarer Energietr\u00e4ger zugrunde. W\u00e4hrend Atom- und Kohleenergie nur als gro\u00dfe und zentrale Einheiten nutzbar sei, gelte f\u00fcr Sonnen- und Windenergie das genaue Gegenteil. Deren maximaler Ertrag setze voraus, Energie in kleinen Anlagen dort zu erzeugen, wo sie gebraucht w\u00fcrde. W\u00e4hrend ein eigenes Atom- oder Kohlekraftwerk im Garten absurder kaum sein k\u00f6nnte, ist die eigene Photovoltaikanlage auf dem Dach l\u00e4ngst zur Normalit\u00e4t geworden. \u00c4hnlich dezentral sei die Windkraft einsetzbar, hie\u00df es nicht erst nach dem Scheitern des gro\u00dfdimensionierten \u201eGrowian\u201c-Projektes<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote1sym\" name=\"sdendnote1anc\"><sup>i<\/sup><\/a>. Aus Hinwendung zu kleinr\u00e4umigen Systemen ergab sich das dritte Versprechen, n\u00e4mlich demokratische Einflussm\u00f6glichkeiten anstelle einer Abh\u00e4ngigkeit von marktm\u00e4chtigen Versorgern.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Inzwischen geistern diese Visionen nur noch als Zombie-Narrative umher. In der zweiten H\u00e4lfte der 1970er Jahre m\u00f6gen die Industrieversorgung, die Globalisierung, vor allem der Lebensstandard, gemessen an Konsum, Wohnraum, Mobilit\u00e4t und technologischem Komfort noch ein Niveau verzeichnet haben, das sich aus dezentraler Energieversorgung h\u00e4tte speisen lassen. Seither hat sich der Status quo und mit ihm die Energienachfrage vervielfacht. Hinzu kommt der Energiehunger einer forcierten Digitalisierung. Die materiellen Anspr\u00fcche sind weitaus schneller gewachsen als die M\u00f6glichkeiten ihrer Befriedigung mittels eines dezentral-erneuerbaren Energiesystems. Infolgedessen mussten die Erwartungen an eine Energiewende fortw\u00e4hrend expansiv angepasst werden. L\u00e4ngst ist sie zu einem technologischen Absolutismus mutiert, der auf keinem geringeren Gr\u00f6\u00dfen- und Fortschrittswahn beruht als jener Industriekomplex, den die \u00d6kobewegung der ausgehenden 1970er \u00fcberwinden wollte.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Durch eine massive \u00dcbersch\u00e4tzung von Wind und Sonne ist die Politik in eine Sackgasse geraten: Um dem Versprechen einer Energiewende treu zu bleiben, die den bisherigen Wohlstand nicht antastet, sondern auf \u00f6kologische Weise sogar ausdehnt, tritt sie eine Flucht nach vorn an. Der r\u00fccksichtslose Ausbau von Windparks und Photovoltaikfreifl\u00e4chenanlagen droht den letzten Rest an Naturg\u00fctern zu planieren. Das Zauberwort <i>erneuerbar<\/i> scheint jeden realistischen Blick auf die Limitationen der damit etikettierten Energietr\u00e4ger zu tr\u00fcben. Beispielsweise Wind \u2013 von dem als effektivste der erneuerbaren Energiequellen alle gr\u00fcnen Wachstumspl\u00e4ne auf Gedeih und Verderb abh\u00e4ngen \u2013 ist eine knappe Ressource. Wind unterliegt innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts und geographischen Raumes diversen Verwendungskonkurrenzen. Die von den Rotoren verbrauchte Windenergie ist nicht mehr f\u00fcr die Entstehung von Regenwolken verf\u00fcgbar. Durch diesen und weitere physische Effekte beeinflussen Windkraftanlagen das Klima, wie neue Studien zeigen (Miller\/Keith 2018; Akhtar et al. 2021). Dies kann zu Temperaturerh\u00f6hungen und Trockenheit f\u00fcr davon betroffene Regionen f\u00fchren. Flora, Fauna und unz\u00e4hlige \u00f6kologische Prozesse beruhen je nach geographischer Lage auf einem bestimmten Windaufkommen. Wie sich der Entzug systemstabilisierender Bewegungsenergie auswirkt, scheint weitgehend vernachl\u00e4ssigt und unerforscht zu sein. Jedenfalls ist die Gleichung \u201eerneuerbar = unbegrenzt = \u00f6kologisch\u201c schlicht unzutreffend.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wie \u00fcberbewertet die Solar- und Windpotenziale sind, zeigt schon ein Blick auf deren Prim\u00e4renergieanteil. Dieser bel\u00e4uft sich trotz jahrzehntelangen Ausbaus auf den verbl\u00fcffend geringen Wert von kaum anderthalb Prozent f\u00fcr Sonnen- und nicht einmal vier Prozent f\u00fcr Windenergie. Kein Wunder, dass angesichts dieses niederschmetternden Befundes inzwischen eine Renaissance der Kernenergie angestimmt wird \u2013 nur um eines zu vermeiden, n\u00e4mlich ein menschliches Ma\u00df an Wohlstand anzupeilen, dessen Energiebedarf aus erneuerbaren Ressourcen ohne Naturzerst\u00f6rung befriedigt werden k\u00f6nnte. Stattdessen zielen amtliche Klimaschutzkonzepte einzig darauf, den Wachstumsprozess von CO2-Emissionen zu entkoppeln, koste es was es wolle (an zus\u00e4tzlichen Umweltsch\u00e4den). Aber ist das \u00fcberhaupt eine konsistente Option?<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"3-das-entkopplungsproblem\">3. Das Entkopp&shy;lungs&shy;pro&shy;blem<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Ein Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes (BIP) setzt zus\u00e4tzliche Produktion voraus, die als Leistung von mindestens einem Anbieter und zu einem Empf\u00e4nger \u00fcbertragen werden muss und einen Geldfluss induziert. Der Wertsch\u00f6pfungszuwachs hat somit eine materielle Entstehungsseite und eine finanzielle Verwendungsseite des zus\u00e4tzlichen Einkommens. Beide Wirkungen w\u00e4ren \u00f6kologisch zu neutralisieren, um die Wirtschaft ohne Verursachung zus\u00e4tzlicher Umweltsch\u00e4den wachsen zu lassen. Denn selbst wenn sich die Entstehung einer geldwerten und damit BIP-relevanten Leistungs\u00fcbertragung technisch jemals entmaterialisieren lie\u00dfe \u2013 was mit Ausnahme singul\u00e4rer Laborversuche bislang nicht absehbar ist \u2013, bliebe das Entkopplungsproblem so lange ungel\u00f6st, wie sich mit dem zus\u00e4tzlichen Einkommen beliebige G\u00fcter finanzieren lassen, die nicht vollst\u00e4ndig entmaterialisiert sind. Beide Entkopplungsprobleme sollen im Folgenden kurz beleuchtet werden.<\/p>\n<h4 class=\"\"><span id=\"31-entstehungsseite-des-bip-materielle-rebound-effekte\">3.1 Entste&shy;hungs&shy;seite des BIP: Materielle Reboun&shy;d-&shy;Ef&shy;fekte<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Wie m\u00fcssten G\u00fcter beschaffen sein, die als geldwerte Leistungen von mindestens einem Anbieter zu einem Nachfrager \u00fcbertragen werden, deren Herstellung, physischer Transfer, Nutzung und Entsorgung jedoch aller Fl\u00e4chen-, Materie- und Energieverbr\u00e4uche enthoben sind? Keine der bislang ersonnenen Entkopplungsl\u00f6sungen erf\u00fcllt diese Voraussetzung, ganz gleich, ob es sich dabei um Passivh\u00e4user, Elektromobile, Wasserstoffantriebe, \u00d6kotextilien, Photovoltaikanlagen, Bio-Nahrungsmittel, Offshore-Anlagen, Smart Grids, W\u00e4rmepumpen, Cradle-to-cradle-Getr\u00e4nkeverpackungen, Elektromobile, digitale Services etc. handelt. Nichts von alledem kommt ohne physischen Aufwand, insbesondere neue Produktionskapazit\u00e4ten und Infrastrukturen aus. Immerhin, so eine oft artikulierte Hoffnung, k\u00f6nnten die gr\u00fcnen Effizienz- oder Konsistenzl\u00f6sungen den weniger nachhaltigen Output ersetzen, anstatt eine materielle Addition zu verursachen. Aber um eine \u00f6kologisch entlastende Substitution zu erwirken, reicht es nicht, Outputstr\u00f6me zu ersetzen, solange dies mit zus\u00e4tzlichen materiellen Bestandsgr\u00f6\u00dfen und Fl\u00e4chenverbrauch (wie bei Passivh\u00e4usern oder Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien) erkauft wird. Au\u00dferdem w\u00e4ren die bisherigen Kapazit\u00e4ten und Infrastrukturen zu beseitigen. Aber wie k\u00f6nnte die Materie ganzer Industrien und Infrastrukturen \u00f6kologisch neutral verschwinden?<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Hinzu kommt ein zweites Dilemma, an dem die Substitution scheitert, solange sie unter Wachstumsvorbehalt steht: Wie k\u00f6nnte das BIP dauerhaft wachsen, wenn jedem gr\u00fcnen Wertsch\u00f6pfungsgewinn ein Verlust infolge des R\u00fcckbaus alter Strukturen entgegenst\u00fcnde? Gerade die Ressourcenintensit\u00e4t der zu substituierenden Produktionssysteme bedingt, dass deren Verlust systematisch h\u00f6her sein kann als der gr\u00fcne Wertsch\u00f6pfungsgewinn. Hier deutet sich ein Dilemma an, n\u00e4mlich dass Ma\u00dfnahmen zur \u00f6kologischen Entlastung ebenfalls zur Senkung des BIPs f\u00fchren. Dies l\u00e4sst sich exemplarisch an der deutschen Energiewende nachzeichnen. Die anf\u00e4nglichen Wertsch\u00f6pfungsbeitr\u00e4ge der erneuerbaren Energien entpuppen sich bestenfalls als Strohfeuereffekt. Denn nach dem Aufbau der Kapazit\u00e4ten reduziert sich deren Wertsch\u00f6pfungsbeitrag auf einen Energiefluss, der vergleichsweise wenig Aufwand an wertsch\u00f6pfungstr\u00e4chtigen Inputs verursacht und auch nicht beliebig gesteigert werden kann \u2013 es sei denn, die Produktion neuer Anlagen wird begrenzungslos fortgesetzt. Aber dann n\u00e4hmen die schon jetzt immensen Landschaftszerst\u00f6rungen entsprechend zu.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Daran zeigt sich ein Grundproblem: Vermeintlich gr\u00fcne Technologien l\u00f6sen keine \u00f6kologischen Probleme, sondern transformieren diese nur in eine andere stoffliche, r\u00e4umliche, zeitliche oder systemische Dimension (vgl. K\u00fcmmel\/Lindenberger\/Paech 2018). Deshalb sind die Versuche, Entkopplungserfolge empirisch nachzuweisen nur so brauchbar, wie es gelingt, alle Verlagerungseffekte zu ber\u00fccksichtigen. Und selbst wenn dies gelingt: Wie sollen CO2-Einsparungen mit Landschaftszerst\u00f6rungen saldiert werden?<\/p>\n<h4 class=\"\"><span id=\"32-verwendungsseite-des-bip-drei-finanzielle-rebound-effekte\">3.2 Verwen&shy;dungs&shy;seite des BIP: Drei finanzielle Reboun&shy;d-&shy;Ef&shy;fekte<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Selbst wenn entmaterialisierte Produktionszuw\u00e4chse m\u00f6glich w\u00e4ren, m\u00fcssten die damit induzierten Einkommenszuw\u00e4chse ebenfalls \u00f6kologisch neutralisiert werden. Aber es erweist sich als schlicht undenkbar, den Warenkorb jener Konsumierenden, die das in den gr\u00fcnen Branchen zus\u00e4tzlich erwirtschaftete Einkommen beziehen, von G\u00fctern freizuhalten, in deren (globalisierte) Produktion fossile Energie und andere Rohstoffe einflie\u00dfen. W\u00fcrden diese Personen keine Eigenheime bauen, nicht mit dem Flugzeug reisen, kein Auto fahren und keine \u00fcblichen Konsumaktivit\u00e4ten in Anspruch nehmen \u2013 und zwar mit steigender Tendenz, wenn das verf\u00fcgbare Einkommen w\u00e4chst? Ein zweiter finanzieller Rebound-Effekt droht, wenn gr\u00fcne Investitionen den Gesamtoutput erh\u00f6hen, weil nicht zeitgleich im selben Umfang die alten Produktionskapazit\u00e4ten zur\u00fcckgebaut werden (die gesamte Wohnfl\u00e4che nimmt durch Passivh\u00e4user zu, die gesamte Strommenge steigt durch Photovoltaikanlagen), was tendenzielle Preissenkungen verursacht und folglich die Nachfrage erh\u00f6ht. Es ist nicht einmal auszuschlie\u00dfen, dass davon der fossile Sektor mitprofitiert. Ein dritter finanzieller Rebound-Effekt \u2013 der klassische \u201eJevons-Effekt\u201c \u2013 tritt ein, wenn Effizienzerh\u00f6hungen die Betriebskosten bestimmter Objekte (H\u00e4user, Autos, Beleuchtung etc.) reduzieren, was zu finanziellen Einsparungen f\u00fchrt, welche ebenfalls die Kaufkraft erh\u00f6hen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Theoretisch lie\u00dfen sich diese Rebound-Effekte vermeiden, wenn s\u00e4mtliche Einkommenszuw\u00e4chse abgesch\u00f6pft w\u00fcrden \u2013 aber was k\u00f6nnte absurder sein, als Wachstum zu erzeugen, um die damit intendierte Wirkung, n\u00e4mlich Einkommenssteigerungen, im selben Moment zu neutralisieren? Die Behauptung, durch Investitionen in gr\u00fcne Technologien k\u00f6nne Wirtschaftswachstum mit einer absoluten Senkung von Umweltbelastungen einhergehen, ist also nicht nur falsch, sondern kehrt sich ins genaue Gegenteil um: Schon aus der Perspektive finanzieller Rebound-Effekte haben gr\u00fcne Technologien allein unter der Voraussetzung eines nicht wachsenden BIPs \u00fcberhaupt eine Chance, die \u00d6kosph\u00e4re zu entlasten. Und dies ist nicht einmal eine hinreichende Bedingung, weil die unz\u00e4hligen Verlagerungsm\u00f6glichkeiten auf der Entstehungsseite ebenfalls einzukalkulieren sind.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Obendrein beschw\u00f6rt die Entkopplungsutopie ein moralisches Dilemma herauf, insoweit deren bisheriges Scheitern damit relativiert wird, dass der entscheidende, alle Rebound-Effekte vermeidende Durchbruch zwar noch nicht erfolgt, aber absehbar zu erwarten sei: Damit wird das Schicksal der Menschheit auf Gedeih und Verderb von einem technologischen Fortschritt abh\u00e4ngig, der erstens noch nicht eingetreten ist, dessen zuk\u00fcnftiges Eintreten zweitens unbeweisbar ist und dessen Nebenwirkungen drittens im Vorhinein nicht bekannt sein k\u00f6nnen (Paech 2005). Nicht auszuschlie\u00dfen ist deshalb, dass der ersehnte Fortschritt mehr zus\u00e4tzliche Probleme verursacht, als er selbst unter optimalen Bedingungen theoretisch zu l\u00f6sen imstande sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \" align=\"left\"><span id=\"4-umrisse-einer-postwachstumsoekonomie\">4. Umrisse einer Postwachs&shy;tums&shy;&ouml;ko&shy;nomie<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Der einzig verbleibende Ausweg, eine Wirtschaft ohne Wachstum, erfordert sowohl eine reduktive Anpassung der Nachfrage- als auch der Angebotsseite. F\u00fcr die Erstere w\u00e4re das Konzept der Suffizienz naheliegend, n\u00e4mlich die bewusste Reduktion, Selbstbegrenzung oder Entsagung von Anspruchsausformungen. Je weiter die Konsum- und Mobilit\u00e4tsausstattung eines Individuums ein bestimmtes S\u00e4ttigungsniveau \u00fcberschritten hat, desto weniger l\u00e4sst sich Suffizienz mit Verzicht assoziieren (vgl. Folkers\/Paech 2020). Sie wird dann eher zu einem Akt des Selbstschutzes vor Ersch\u00f6pfung und Reiz\u00fcberflutung. Parallel dazu ist eine R\u00fcck- und Umbau der Angebotsseite vonn\u00f6ten, worauf sich die folgenden Ausf\u00fchrungen konzentrieren.<\/p>\n<h4 class=\"\"><span id=\"41-idealtypische-wertschoepfungssysteme\">4.1 Ideal&shy;ty&shy;pi&shy;sche Wertsch&ouml;p&shy;fungs&shy;sys&shy;teme<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Zun\u00e4chst sollen drei Versorgungssysteme unterschieden werden, deren Kombination neu zu justieren w\u00e4re: (1) Globale industrielle Arbeitsteilung, (2) die Regional\u00f6konomie und (3) moderne Subsistenz. Die Transformation zur Postwachstums\u00f6konomie entspr\u00e4che einem Strukturwandel, der neben einer Aussch\u00f6pfung aller Reduktionspotenziale (Suffizienz) die verbliebene Produktion graduell vom ersten zum zweiten und dritten Aggregat verlagern w\u00fcrde.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"960\" height=\"720\" class=\"aligncenter size-full wp-image-19469\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-2.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-2.jpg 960w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-2-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-2-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-2-800x600.jpg 800w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-2-450x337.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\"><i>Abb. 2: Idealtypische Versorgungssysteme.<\/i><\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Diese drei Systeme lassen sich zu einer ver\u00e4nderten Wertsch\u00f6pfungsstruktur verkn\u00fcpfen, damit Endnutzer*innen, denen innerhalb konventioneller Wertsch\u00f6pfungsprozesse nur die Rolle von Verbrauchenden zukommt, als \u201eProsumenten\u201c (Toffler 1980) zur Substitution industrieller Produktion beitragen k\u00f6nnen. Im Unterschied zum traditionellen Subsistenzbegriff sind postwachstumstaugliche Selbstversorgungspraktiken eng mit industrieller Produktion verzahnt. Insbesondere entkommerzialisierte Nutzungsdauerverl\u00e4ngerung und Nutzungsintensivierung lassen sich als nicht-industrielle Verl\u00e4ngerung von Versorgungsketten auffassen. Durch Hinzuf\u00fcgung marktfreier und eigenst\u00e4ndig erbrachter Inputs (Zeit, handwerkliche T\u00e4tigkeiten und sozial eingebetteter Leistungsaustausch) werden die in materiellen G\u00fctern gebundenen Nutzenpotenziale maximiert.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Folglich ver\u00e4ndern sich Produktlebenszyklen: Produktion, Nutzung und Subsistenz \u2013 letztere verstanden als Aktivit\u00e4ten, die den Bestand an Objekten erhalten und aufwerten \u2013 erg\u00e4nzen sich zu einem mehrphasigen Wertsch\u00f6pfungsprozess. Dabei l\u00e4sst sich die Nutzungsphase insoweit nicht von der Subsistenzphase trennen, als die Letztere sowohl eine achtsame Verwendung zwecks Nutzungsdauerverl\u00e4ngerung als auch Praktiken der Gemeinschaftsnutzung umfasst. Der reduzierte Industrieoutput kann als Input f\u00fcr daran ankn\u00fcpfende Subsistenzformen aufgefasst werden.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Dies l\u00e4sst ein kaskadenartiges Wertsch\u00f6pfungsgef\u00fcge entstehen, das sich auf eine behutsame Nutzung, Pflege, Wartung, Instandhaltung, modulare Erneuerung sowie eigenst\u00e4ndige Reparaturleistung erstreckt. Danach erfolgen die Weiterverwendung demontierter Bestandteile sowie gegebenenfalls eine Anpassung an andere Verwendungszwecke. Dies umfasst \u201eUpcycling\u201c-Praktiken, das Zusammenf\u00fcgen von Einzelteilen mehrerer nicht mehr funktionsf\u00e4higer zu brauchbaren Objekten. Die Lagerung, Ver\u00e4u\u00dferung oder Abgabe demontierter Einzelteile an Sammelstellen und Reparaturwerkst\u00e4tten schlie\u00dft daran an. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen noch vollst\u00e4ndig funktionsf\u00e4higer G\u00fcter durch sogenannte \u201eVerschenkm\u00e4rkte\u201c oder \u201eUmsonstkaufh\u00e4user\u201c weitergegeben werden. Wenn diese Kaskade durch Praktiken der Gemeinschaftsnutzung erg\u00e4nzt wird, erh\u00f6hen sich die Einsparpotenziale an Ressourcen und nachfrageseitigen Finanzierungslasten abermals.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Zudem entstehen diverse Schnittstellen zu kommerziellen Nutzungs- und Produktionssystemen. Sowohl funktionsf\u00e4hige Produkte als auch demontierte Einzelteile oder Module lassen sich \u00fcber den Second-Hand-Einzelhandel oder internetgest\u00fctzte Intermedi\u00e4re ver\u00e4u\u00dfern. Instandhaltungs- und Reparaturma\u00dfnahmen, mit denen Prosument*innen \u00fcberfordert w\u00e4ren, k\u00f6nnen von regionalen Handwerksbetrieben \u00fcbernommen werden. Letztere k\u00f6nnten \u00fcberdies produktive Leistungen des Industriesektors auf Basis tendenziell arbeitsintensiverer (somit weniger kapitalintensiver) Herstellungsmethoden und k\u00fcrzerer Reichweiten der Wertsch\u00f6pfungsketten substituieren.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">W\u00e4hrend der Industriesektor durch eine relativ hohe Energie- und Kapitalintensit\u00e4t gekennzeichnet ist, speist sich die daran ankn\u00fcpfende Wertsch\u00f6pfung der Subsistenzphase fast ausschlie\u00dflich aus Zeit, handwerklichen Kompetenzen und sozialem Austausch. Mit Blick auf die gesamte Prozesskette wird damit die durchschnittliche Energie- und Kapitalintensit\u00e4t pro Nutzeneinheit eines Gutes gesenkt. In anderen Worten: Die Versorgungsleistung der Industrieproduktion wird durch arbeitsintensive Folgeprozesse \u201egestreckt\u201c.<\/p>\n<h4 class=\"\"><span id=\"42-moderne-subsistenz\">4.2 Moderne Subsistenz<\/span><\/h4>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Die neu zu justierende Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung kann unterschiedlichste Formen annehmen. Zwischen den Extremen reiner Subsistenz und globaler Verflechtung existiert ein reichhaltiges Kontinuum. Eine Reduktion der Industrieversorgung erfolgt, indem von au\u00dfen bezogene Leistungen durch eigene Produktion punktuell oder graduell ersetzt werden. \u201eUrbane Subsistenz\u201c (Dahm\/Scherhorn 2008) entfaltet ihre Wirkung im unmittelbaren sozialen Umfeld, n\u00e4mlich auf kommunaler oder regionaler Ebene. Sie basiert auf einer (Re-)Aktivierung der Kompetenz, manuell und kraft eigener T\u00e4tigkeiten Bed\u00fcrfnisse jenseits kommerzieller M\u00e4rkte zu befriedigen, vor allem mittels handwerklicher F\u00e4higkeiten. Die hierzu ben\u00f6tige Zeit k\u00f6nnte sich aus einem pr\u00e4gnanten R\u00fcckbau des industriellen Systems speisen. Durch eine Halbierung der Erwerbsarbeit lie\u00dfen sich Selbst- und Fremdversorgung so kombinieren, dass sich die G\u00fcterversorgung auf ein (bescheideneres) monet\u00e4res Einkommen, um weiterhin Konsumausgaben t\u00e4tigen zu k\u00f6nnen, und marktfreie Produktion st\u00fctzt. Moderne Subsistenz erstreckt sich auf drei Output-Kategorien.<\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\">Gemeinschaftsnutzung: Objekte wie Autos, Waschmaschinen, Gemeinschaftsr\u00e4ume, G\u00e4rten, Werkzeuge, digitale Endger\u00e4te etc. sind auf unterschiedliche Weise einer Nutzungsintensivierung zug\u00e4nglich. Sie k\u00f6nnen gemeinsam angeschafft werden oder sich im privaten Eigentum einer Person befinden, die das Objekt im Gegenzug f\u00fcr andere Subsistenzleistungen zur Verf\u00fcgung stellt. Dabei k\u00f6nnen auch sogenannte \u201eCommons\u201c (Ostrom 1999) als Institution geeignet sein.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\">Nutzungsdauerverl\u00e4ngerung: Ein besonderer Stellenwert k\u00e4me der Pflege, Instandhaltung und Reparatur von G\u00fctern jeglicher Art zu. Wer durch handwerkliche F\u00e4higkeiten oder manuelles Improvisationsgeschick die Nutzungsdauer von Konsumobjekten erh\u00f6ht \u2013 zuweilen reicht schon die achtsame Behandlung, um den fr\u00fchen Verschlei\u00df zu vermeiden \u2013, substituiert materielle Produktion durch eigene produktive Leistungen. Wenn es gel\u00e4nge, die Nutzungsdauer von Gebrauchsgegenst\u00e4nden durch Erhaltungsma\u00dfnahmen und Reparatur durchschnittlich zu verdoppeln, k\u00f6nnte die Produktion neuer Objekte entsprechend halbiert werden. Auf diese Weise w\u00fcrde ein R\u00fcckbau der Industriekapazit\u00e4t mit keinem Verlust an Konsumfunktionen der davon betroffenen G\u00fcter einhergehen, wohl aber mit einem verringerten Bedarf an Einkommen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\">Eigenproduktion: Im Nahrungsmittelbereich erweisen sich Hausg\u00e4rten, Dachg\u00e4rten, Gemeinschaftsg\u00e4rten und andere Formen der urbanen Landwirtschaft (M\u00fcller 2011) als dynamischer Trend, der zur Deindustrialisierung dieses Bereichs beitragen kann. Dar\u00fcber hinaus sind k\u00fcnstlerische und handwerkliche Leistungen m\u00f6glich, die von der kreativen Wiederverwertung ausrangierter Gegenst\u00e4nde \u00fcber Holz- oder Metallobjekte in Einzelfertigung bis zur semiprofessionellen \u201eMarke Eigenbau\u201c (Friebe\/Ramge 2008) reichen.<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Derartige Subsistenzbeitr\u00e4ge bewirken, dass eine Senkung der Industrieproduktion und folglich der monet\u00e4r entlohnten Erwerbsarbeit den materiellen Wohlstand \u2013 gemessen an den verf\u00fcgbaren Konsumfunktionen \u2013 nicht im selben Umfang verringert, zumal eigene Inputs den R\u00fcckbau kompensieren. Diese Subsistenzinputs lassen sich den folgenden drei Kategorien zuordnen:<\/p>\n<ol type=\"i\">\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\">Handwerkliche Kompetenzen und Improvisationsgeschick, um Potenziale der Eigenproduktion und Nutzungsdauerverl\u00e4ngerung auszusch\u00f6pfen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\">Eigene Zeit, die aufgewandt werden muss, um handwerkliche, substanzielle, manuelle oder k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeiten verrichten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\">Soziale Beziehungen, auf denen Gemeinschaftsnutzungen und der Austausch diverser Subsistenzbeitr\u00e4ge gr\u00fcnden.<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Urbane Subsistenz ist das Resultat einer Kombination mehrerer der genannten Input- und Outputkategorien. Angenommen, Prosument A l\u00e4sst sich ein defektes Notebook von Prosument B, der \u00fcber entsprechendes Geschick verf\u00fcgt, reparieren und \u00fcberl\u00e4sst ihm daf\u00fcr Bio-M\u00f6hren aus dem Gemeinschaftsgarten, an dem er beteiligt ist. Dann gr\u00fcndet diese Transaktion erstens auf sozialen Beziehungen, die Person A sowohl mit B als auch mit der Gartengemeinschaft eingeht, zweitens auf handwerklichen Kompetenzen (A: Gem\u00fcseanbau; B: defekte Festplatte erneuern und neues Betriebssystem installieren) und drittens auf eigener Zeit, ohne die beide manuelle T\u00e4tigkeiten nicht erbracht werden k\u00f6nnen. Die Outputs erstrecken sich auf Eigenproduktion (Gem\u00fcse), Nutzungsdauerverl\u00e4ngerung (Reparatur des Notebooks) und Gemeinschaftsnutzung (Gartengemeinschaft). Selbstredend sind auch Subsistenzhandlungen naheliegend, die keiner Aussch\u00f6pfung der vollst\u00e4ndigen Palette denkbarer Subsistenzinputs und -outputs bed\u00fcrfen. Wer seinen eigenen Garten bewirtschaftet, die Nutzungsdauer seiner Textilien durch eigene Reparaturleistungen steigert oder seine Kinder selbst betreut, statt eine Ganztagsbetreuung zu konsumieren, nutzt keine sozialen Beziehungen, wohl aber Zeit und handwerkliches K\u00f6nnen. Die Outputs erstrecken sich in diesem Beispiel auf Nutzungsdauerverl\u00e4ngerung und Eigenproduktion.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"960\" height=\"720\" class=\"aligncenter size-full wp-image-19470\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-3.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-3.jpg 960w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-3-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-3-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-3-800x600.jpg 800w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Paech-3-450x337.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\"><i>Abb. 3: Die Input- und Outputseite moderner Subsistenz.<\/i><\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Insoweit derartige Kombinationen oder Netze an selbstt\u00e4tigen Beitr\u00e4gen den Industrieoutput graduell ersetzen, senken sie zugleich den Bedarf an monet\u00e4rem Einkommen. Durch eine Synchronisation von Industrier\u00fcckbau und kompensierendem Subsistenzaufbau lie\u00dfe sich die Transformation somit sozial aufzufangen. Neben geeigneten Infrastrukturen setzt dies entsprechende Kompetenzen voraus, nicht nur, um zur kooperativen Subsistenz, sondern auch zu einer suffizienten Lebensf\u00fchrung bef\u00e4higt zu sein.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \" align=\"left\"><span id=\"5-politik-oder-autonomer-wandel\">5. Politik oder autonomer Wandel?<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Wenn keine Entkopplungsperspektive existiert, ergibt sich nicht nur die Notwendigkeit einer Postwachstums\u00f6konomie, sondern eine zweite, nicht minder einschneidende Konsequenz: Handlungsoptionen, die demokratischen Regierungen im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung \u00fcblicherweise zugedacht sind, verlieren ihre Basis. Denn wenn technologische L\u00f6sungen scheitern, verschiebt sich der Fokus auf das menschliche Handlungsrepertoire. Genauer: Eine wirksame Politik k\u00f6nnte nur noch darin bestehen, Einschr\u00e4nkungen zu oktroyieren, die von den Individuen ertragen und gemeistert werden m\u00fcssen. Aber dies widerspr\u00e4che allem, womit sich parlamentarische Instanzen seit jeher legitimiert und der W\u00e4hlermehrheit angedient haben. Es k\u00e4me politischem Suizid gleich, eine massenhaft vorherrschende Lebensrealit\u00e4t anzugreifen, die aus einem jahrzehntelang antrainierten und staatlich alimentierten Steigerungsexzess hervorgegangen ist und von jenen, die davon abh\u00e4ngig geworden sind, mit allen Mitteln verteidigt werden. Deshalb standen seit Pigous (1920) epochaler Grundlegung zur Umweltpolitik alle darauf gr\u00fcndenden Umsetzungsversuche stets unter dem Vorbehalt, den Wohlstand nicht anzutasten, sondern jede zu unterbindende Schadensaktivit\u00e4t durch Substitute zu kompensieren, die nicht nur nachhaltig, sondern aus Nutzersicht genauso attraktiv sein m\u00fcssen. Was aber, wenn sich dieses Versprechen als Quadratur des Kreises entpuppt?<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Dagegen ist auch die zumeist favorisierte CO2-Steuer nicht gefeit, denn sie b\u00f6te der Politik drei Optionen, die ins Leere laufen: (1) Sie kann einen CO2-Preis setzen, der so gering ist, dass er zwar akzeptiert wird, aber gerade deshalb keine Umweltentlastung, sondern infolge seiner \u201esymbolischen Kompensationswirkung\u201c (Paech 2017) nur zur Gewissensentlastung f\u00fchrt, was sogar eine Steigerung emissionsintensiver Handlungen bewirken kann. (2) Es wird ein CO2-Preis angepeilt, der zwar hoch genug ist, um signifikante Emissionsreduktionen auszul\u00f6sen, aber gerade deshalb eine soziale Spaltung verursacht, weil sich Einkommensstarke weiterhin die ruin\u00f6sen Praktiken leisten k\u00f6nnen, w\u00e4hrend die mehrheitlich Einkommensschwachen eine Wohlstandssenkung hinnehmen. Das k\u00f6nnte keine demokratische Entscheidungsinstanz riskieren, geschweige denn durchhalten. (3) Es wird ein wirksamer, also hoher CO2-Preis implementiert, aber die Steuereinnahmen werden an geringverdienende Haushalte r\u00fcckverteilt. In diesem Fall k\u00f6nnen sich sowohl Einkommensstarke als auch Einkommensschwache weiterhin alle bisherigen Praktiken leisten. Der dabei erhoffte Substitutionseffekt, dem gem\u00e4\u00df \u00f6konomisch rational handelnde Nachfragende dennoch auf die klimafreundlichen Alternativen ausweichen, bliebe allerdings gegenstandslos, wenn als gleichwertig empfundene Substitute schlicht fehlen. Oder er bliebe \u00f6kologisch wirkungslos, wenn als gleichwertig empfundene Alternativen den Klimaschaden nur in andere Umweltprobleme transformieren.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Zugespitzt: Was die W\u00e4hlergunst sichert, endet langfristig im \u00f6kologischen Abgrund. Und was die Lebensgrundlagen sichert, endet bereits kurzfristig im politischen Abgrund. Das schlie\u00dft indes nicht aus, dass ein fortw\u00e4hrender Nachhaltigkeitsfuror entfaltet wird, jedoch in Form technologischer, infrastruktureller oder institutioneller Additionen. Dessen Inszenierung \u2013 die Fokussierung auf Aktionen und Bem\u00fchungen (Inputmessung) unter Missachtung tats\u00e4chlicher Entlastungseffekte (Outputmessung) \u2013 l\u00e4sst sich als Angebot verstehen, die mit dem Wohlstand gewachsene kognitive Dissonanz durch (symbolische) Ersatzma\u00dfnahmen zu therapieren. Bl\u00fchdorn (2013: 252) zufolge besteht die damit korrespondierende Rolle der Politik l\u00e4ngst nicht mehr darin, \u201eindividuelle Werthaltungen oder Verhaltensweisen, gesellschaftliche Strukturen und die etablierte Logik der Moderne insgesamt so zu ver\u00e4ndern, dass sie sozial und \u00f6kologisch nachhaltig werden\u201c, sondern stattdessen Sorge daf\u00fcr zu tragen, dass \u201edie bereits eingetretenen bzw. klar vorhersehbaren Konsequenzen der fortgesetzten Nicht-Nachhaltigkeit beherrscht werden k\u00f6nnen\u201c. Dazu z\u00e4hlt, \u00f6kologisches (Ersatz-) Engagement erlebbar werden zu lassen, ohne in Konflikt mit den gestiegenen Anspr\u00fcchen an Selbstentfaltung und Individualisierung zu geraten. Diese <i>Politik der Nicht-Nachhaltigkeit<\/i> (Bl\u00fchdorn 2013) l\u00f6st die Probleme nicht, sondern will lediglich deren Unl\u00f6sbarkeit ertr\u00e4glich gestalten.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote2sym\" name=\"sdendnote2anc\"><sup>ii<\/sup><\/a><\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Je weiter sich gesellschaftliche Mehrheiten von einer postwachstumstauglichen Daseinsform entfernt haben, als umso unannehmbarer werden reduktive Anpassungen des bisherigen Komfortniveaus empfunden. Dies d\u00fcrfte weniger mangelnder Einsicht als einer Verk\u00fcmmerung jeglicher F\u00e4higkeiten geschuldet sein, eine hohe Lebensqualit\u00e4t mit gen\u00fcgsameren Anspr\u00fcchen zu vereinbaren. Folglich bedarf es sozialer Konstellationen, Reallabore und Lernorte, um zukunftsbest\u00e4ndige Lebensf\u00fchrungen und resiliente Versorgungsformen einzu\u00fcben oder zu reaktivieren. Erst wenn glaubw\u00fcrdig praktizierte Daseinsformen, die reduktiver Art sind, einen hinreichend hohen Verbreitungsgrad erreicht haben und damit politischen Entscheidungs-tr\u00e4ger*innen signalisieren, dass diese zumindest von Teilen der Gesellschaft akzeptiert und beherrscht werden, r\u00fcckt eine gesellschaftsweit eingeleitete Postwachstumsstrategie in den Bereich des Denkbaren. Geradezu auf den Kopf gestellt wird damit die seichte Nachhaltigkeitspolitik und -bildung, die sich bislang in Green-Growth-Manier anschickte, \u201edie Menschen dort abzuholen, wo sie sind\u201c, um ihnen nicht mehr als M\u00fclltrennung, Fair Trade und Photovoltaikanlagen zuzumuten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Postwachstumskompatible Bestrebungen k\u00f6nnten somit niemals \u00fcber den Umweg einer politischen Mehrheit zum n\u00f6tigen Wandel beitragen, wohl aber \u00fcber andere Ebenen der Auseinandersetzung und gesellschaftlichen Interaktion. Daran kn\u00fcpft das Prinzip der \u201esozialen Diffusion\u201c (Rogers 2003) an. Es gr\u00fcndet auf der Einsicht, dass die Bereitschaft, ein neues Handlungsmuster zu \u00fcbernehmen, davon abh\u00e4ngt, wie viele andere Individuen beobachtet werden k\u00f6nnen, die diese Praxis bereits ausf\u00fchren. Die H\u00e4ufigkeit, mit der jemand eine Neuerung beobachtet haben muss, um sie f\u00fcr sich selbst zu akzeptieren, divergiert interpersonell und gilt als normalverteilt. Somit lassen sich verschiedene Kohorten je nach durchschnittlicher \u201eAdoptionsneigung\u201c unterteilen. Unter diesen einfachen, aber empirisch immer wieder best\u00e4tigten Pr\u00e4missen beginnt eine kulturelle Transformation typischerweise als Minderheitenph\u00e4nomen, ausgehend von Pionier*innen oder Vorreiter*innen, die neue Handlungsformen sichtbar erproben, so dass potenzieller Nachahmer*innen von deren Erfahrungen profitieren. Sie ebnen den Weg daf\u00fcr, dass die Kohorte mit der n\u00e4chsth\u00f6heren \u00dcbernahmeschwelle aktiviert wird. Die damit gesteigerte Verbreitung und Beobachtbarkeit spricht wiederum die Kohorte mit der abermals n\u00e4chsth\u00f6heren Adoptionsschwelle an und so fort. Im besten Fall kann diese soziale Dynamik ein Niveau erreichen (\u201ekritische Masse\u201c), ab dem die Diffusion zum Selbstl\u00e4ufer wird, zumal jede \u00dcbernahmewelle automatisch g\u00fcnstigere Bedingungen f\u00fcr die n\u00e4chste schafft.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Als diffusionsf\u00f6rdernd erweisen sich r\u00e4umliche und soziale Kontexte, die als Brutst\u00e4tten oder Experimentierfelder f\u00fcr postwachstumstaugliche Daseinsformen fungieren, etwa \u00d6kod\u00f6rfer, Stadtteile mit einer gen\u00fcgsamen Tradition oder Konstellationen, in denen sich aufgrund materieller Knappheiten gen\u00fcgsame Praktiken und Erwartungshorizonte normalisieren konnten. Relevant k\u00f6nnen auch geografische Singularit\u00e4ten sein, die sich durch kulturelle Autonomie modernen Steigerungstendenzen widersetzen und somit gen\u00fcgsame Orientierungen bewahren konnten. Als geradezu neuralgisch erweisen sich Lernorte und -prozesse, durch welche handwerkliche und manuelle Kompetenzen aufgebaut werden. Dies setzt die praktische Ein\u00fcbung oder Reaktivierung h\u00f6herer Belastungstoleranzen voraus, nachdem diese durch eine fortw\u00e4hrende Ausweitung der Komfortzone nebst \u201eAkademisierungswahn\u201c (Nida-R\u00fcmelin 2014) auf ein neo-feudales Niveau herausgesunken sind.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ohne \u00dcberwindung realit\u00e4tsferner (Aus-)Bildungs- und Erziehungsmaximen, insbesondere eines damit korrespondierenden (Hoch-)Schulsystems, das zum Gravitationszentrum einer historisch einmaligen Verk\u00fcmmerung mutiert ist, lie\u00dfe sich das \u00fcberf\u00e4llige \u00dcberlebensprogramm niemals umsetzen. Ansatzpunkte daf\u00fcr finden sich weniger in der Politik, Wissenschaft oder Technologie, sondern in Lernumgebungen und Reallaboren. Nicht minder erforderlich w\u00e4re eine Umorientierung der Arbeitswelt, die bereits von Schumacher (1973) vorweggenommen hatte. Demnach m\u00fcsse Arbeit bezwecken, die eigenen Kompetenzen zu nutzen und zu entwickeln. Weiterhin soll sie den Menschen dazu bef\u00e4higen, aus \u201eseiner Ichbezogenheit herauszutreten, indem sie ihn mit anderen Menschen in einer gemeinsamen Aufgabe verbindet\u201c. Und erst an dritter Stelle sieht Schumacher ihre Funktion darin, G\u00fcter zu erzeugen, die f\u00fcr ein ausk\u00f6mmliches Dasein n\u00f6tig sind. W\u00fcrden Produktionsprozesse in diesem Sinne zu einem Ort des Lernens, pers\u00f6nlichen Reifens und Kooperierens, hie\u00dfe dies, sich dem Dogma bedingungsloser Produktivit\u00e4tsmaximierung und internationaler Konkurrenzf\u00e4higkeit entziehen zu k\u00f6nnen. Allein in der Kombination aus suffizienten Lebensf\u00fchrungen und einer arbeitsintensiveren G\u00fctererzeugung \u2013 vornehmlich im Handwerk und in der \u00f6kologischen Landwirtschaft, um die essentiellen Bed\u00fcrfnisse autonom befriedigen zu k\u00f6nnen \u2013 l\u00e4ge der Schl\u00fcssel f\u00fcr eine Transformation.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"6-fazit-rettungsboote-bauen-statt-die-titanic-umzusteuern\">6 Fazit: Rettungs&shy;boote bauen statt die Titanic umzusteuern<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ohne Option auf eine Green-Growth-Strategie setzen ordnungspolitische Interventionen bis zu einem gewissen Grad voraus, was sie intendieren. Latouche (2006) spricht von einer \u201eSelbsttransformation\u201c, die einem umfassenden Wandel vorausgehen m\u00fcsse. Dieser erste Schritt eines Wandels, in dessen weiterem Verlauf die \u00dcberlebensf\u00e4higkeit der menschlichen Zivilisation vielleicht noch wiedererlangt werden k\u00f6nnte, bildet die einzige Alternative zu makro\u00f6konomischen Steuerungsphantasien, deren Beschw\u00f6rung bestenfalls noch Alibicharakter hat. Diesen Sachverhalt weiter zu ignorieren, hie\u00dfe, sich zwischen magischem oder autorit\u00e4rem Denken entscheiden zu m\u00fcssen, n\u00e4mlich entweder zu erkl\u00e4ren, wie die Thermodynamik zu \u00fcberwinden ist oder mit welchem Demokratieverst\u00e4ndnis zu vereinbaren w\u00e4re, wahlberechtigte Mehrheiten gegen ihren Willen zur Anspruchsm\u00e4\u00dfigung veranlasst werden sollen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Was zwingt Wissenschaftler*innen und Nachhaltigkeitsakteur*innen \u00fcberhaupt dazu, ausschlie\u00dflich Politikberatung zu betreiben beziehungsweise Forderungen an politische Entscheidungstr\u00e4ger*innen zu richten, also das \u201egro\u00dfe Rad drehen\u201c zu wollen, statt auf eine transformationsaffine Minderheit zu fokussieren, damit diese das Erfahrungswissen f\u00fcr einen Plan B hervorbringen kann? Damit bliebe wenigstens die bescheidene Chance gewahrt, aus dezentralen \u00dcbungsr\u00e4umen heraus das vorhandene Durchdringungspotenzial zukunftsbest\u00e4ndiger Daseinsformen auszusch\u00f6pfen, bevor absehbare Zusammenbr\u00fcche derartige Praktiken erzwingen. Real existente Gegenkulturen bilden ein lebendiges Archiv, auf das notfalls auch jene zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, die jetzt noch von einer Zukunft als Optimierung des aktuellen Wohlstands tr\u00e4umen. M\u00f6glicherweise lie\u00dfe sich so der Aufprall d\u00e4mpfen. Wenn es zuweilen hie\u00df, der Wandel ereigne sich \u201eby design or by disaster\u201c, lie\u00dfe sich dem \u201eby decentralized design and desaster\u201c entgegenhalten. Zu mehr Hoffnung besteht derzeit kein Anlass.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><em><strong class=\"western\">Apl. <\/strong><strong class=\"western\">Prof. <\/strong><strong class=\"western\">Dr. <\/strong><strong class=\"western\">Niko<\/strong> <strong class=\"western\">Paech<\/strong> ist Volkswirt. Er lehrt und forscht an der Universit\u00e4t Siegen als au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor im Bereich der Pluralen \u00d6konomik. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem im Bereich der Umwelt\u00f6konomie, der \u00d6kologischen \u00d6konomie und der Nachhaltigkeitsforschung. Paech hat den Begriff der Postwachstums\u00f6konomie gepr\u00e4gt und ist ein Kritiker des Wirtschaftswachstums.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h3>\n<p align=\"justify\"><em>Akhtar, Naveed et al.<\/em> 2021: Accelerating deployment of offshore wind energy alter wind climate and reduce future power generation potentials, in: <em>Scientific Reports,<\/em> Jg. 11, H. 1, 11826.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Bl\u00fchdorn, Ingolfur <\/em>2013: Simulative Demokratie, Berlin.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Dahm, Daniel\/Scherhorn, Gerhard<\/em> 2008: Urbane Subsistenz. Die zweite Quelle des Wohlstands, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>D\u2019Alisa, Giacomo\/Demaria, Federico\/Kallis, Giorgos<\/em> 2016: DeGrowth. Handbuch f\u00fcr eine neue \u00c4ra, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Daly, Herman<\/em> 1977: Steady-State Economics, Washington D. C.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Folkers, Manfred\/Paech, Niko<\/em> 2020: All you need is less, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Friebe, Holm\/Ramge, Thomas<\/em> 2008: Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Geogescu-Roegen, Nicolas<\/em> 1971: The Entropy Law and the Economic Process, Cambridge.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>K\u00fcmmel, Reiner\/Lindenberger, Dietmar\/Paech, Niko<\/em> 2018: Energie, Entropie, Kreativit\u00e4t. Was das Wachstum treibt und bremst, Berlin.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Latouche, Serge<\/em> 2006: Le pari de la d\u00e9croissance, Paris.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Lovins, Amory<\/em> B. 1979: Sanfte Energie, Hamburg.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Mayer-Tasch, Cornelius P.<\/em> 1980: \u00d6kologie und Grundgesetz: Irrwege und Auswege, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Miller, Lee M.\/Keith, David W.<\/em> 2018: Climatic Impacts of Wind Power, in: <em>Joule<\/em>, Jg. 2, H. 12, S. 2618-2632.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>M\u00fcller, Christa<\/em> 2011: Urban Gardening. \u00dcber die R\u00fcckkehr der G\u00e4rten in die Stadt, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Nida-R\u00fcmelin, Julian<\/em> 2014: Der Akademisierungswahn, Hamburg.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Ostrom, Elenor<\/em> 1999: Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt, T\u00fcbingen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Paech, Niko<\/em> 2005: Nachhaltiges Wirtschaften jenseits von Innovationsorientierung und Wachstum, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Paech, Niko<\/em> 2008: Regionalw\u00e4hrungen als Bausteine einer Postwachstums\u00f6konomie, in: <em>Zeitschrift f\u00fcr Sozial\u00f6konomie<\/em>, Jg. 45, H. 158-159, S. 10-19.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Paech, Niko<\/em> 2010: Nach dem Wachstumsrausch: Eine zeit\u00f6konomische Theorie der Suffizienz, in: <em>Zeitschrift f\u00fcr Sozial\u00f6konomie<\/em>, Jg. 47, H. 166-167, S. 33-40.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Paech, Niko<\/em> 2012: Befreiung vom \u00dcberfluss, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Paech, Niko<\/em> 2017: Anmerkungen zur Wertfreiheit der tradierten \u00d6konomik. Ein wachstumskritischer Zwischenruf, in: Pfriem, Reinhart et al. (Hrsg.): <em>Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung<\/em>, Marburg, S. 355-371.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Pallante, Maurizio <\/em>2005: La decrescita felice. La qualit\u00e0 della vita non dipende dal PIL, Rom.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Pigou, Arthur C.<\/em> 1920: The Economics of Welfare, London.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Scheer, Hermann<\/em> 1989: Das Solarzeitalter, Freiburg.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Schumacher, Ernst F.<\/em> 2019 [1973]: Small is Beautiful, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Toffler, Alvin<\/em> 1980: The Third Wave. The Classic Study of Tomorrow, New York.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Traube, Klaus<\/em> 1978: M\u00fcssen wir umschalten? Von den politischen Grenzen der Technik, Hamburg.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen:<\/span><\/h3>\n<div id=\"sdendnote1\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote1anc\" name=\"sdendnote1sym\">i <\/a>Das Pionierprojekt \u201eGrowian\u201c (= Gro\u00dfe Windkraftanlage) war ein Anfang der 1980er Jahre unternommener Versuch, ein Windkraftwerk mit der f\u00fcr damalige Ma\u00dfst\u00e4be gigantisch erscheinenden Leistung von drei Megawatt zu testen. Das Unterfangen scheiterte nach kurzer Zeit, weil sich die Anlage als nicht funktionsf\u00e4hig erwies und recht bald abgewrackt wurde.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote2\">\n<p class=\"sdendnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote2anc\" name=\"sdendnote2sym\">ii <\/a>Vgl. zur \u201enachhaltigen Nichtnachhaltigkeit\u201c auch den Beitrag von Ingolfur Bl\u00fchdorn in diesem Heft.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2976,47],"tags":[3165,3397,3268,3385,3711,3710,3712,667],"autoren":[3709],"publikationen":[3668],"class_list":["post-19471","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-klima","category-lebensweisen-pluralismus","tag-klima","tag-klimagerechtigkeit","tag-klimaschutz","tag-nachhaltigkeit","tag-oekonomie","tag-postwachstum","tag-sozial-oekologische-transformation","tag-vorgaenge-artikel","autoren-niko-paech","publikationen-vorg-245"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Klimaschutz, Postwachstums\u00f6konomie und die Transformationsfrage - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-245\/publikation\/klimaschutz-postwachstumsoekonomie-und-die-transformationsfrage\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Klimaschutz, Postwachstums\u00f6konomie und die Transformationsfrage - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Postwachstums\u00f6konomie gr\u00fcndet auf der Einsicht, dass eine Entwicklung, die das Ziel der \u00f6kologischen \u00dcberlebensf\u00e4higkeit mit jenem der Resilienz und einer erstrebenswerten Lebensqualit\u00e4t koppelt, nur als \u00f6konomisches Reduktionsprogramm darstellbar ist. 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