{"id":19537,"date":"2024-09-10T12:10:41","date_gmt":"2024-09-10T10:10:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19537"},"modified":"2024-11-25T16:30:33","modified_gmt":"2024-11-25T15:30:33","slug":"editorial-88","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-160\/publikation\/editorial-88\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>,,Wir brauchen einen gro\u00dfen charismatischen Internationalisten&#8220; &#8211; Richard Rorty, Philosoph in Stanford, zielte mit diesem transatlantischen Hilferuf j\u00fcngst im <em>Merkur<\/em> auf einen Europ\u00e4er: Joschka Fischer. Dieser solle die EU einen, den USA zeigen, dass nicht alles nach ihrem Willen geschehe und gleich noch &#8222;eine gewaltige Initiative zur Rettung und Befreiung der armen L\u00e4nder anf\u00fchren, mit der die reichen L\u00e4nder auch ihre eigene Haut retten.&#8220; Bemerkenswert an diesen S\u00e4tzen ist nicht in erster Linie deren unfreiwillige Komik, sondern vor allem das Engagement, mit der einer der wichtigsten linken Intellektuellen Amerikas seine Zeitgenossen aufr\u00fctteln wollte &#8211; und dazu einen starken Mann herbeisehnte. Zwei Fragen dr\u00e4ngen sich auf: Braucht eine Welt, die zunehmend aus den Fugen ger\u00e4t, einen charismatischen F\u00fchrer, als letzten Ausweg sozusagen? Und was ist eigentlich gemeint, wenn von Politikern &#8222;mehr Charisma&#8220; eingefordert wird?<\/p>\n<p>Der Begriff ,,Charisma&#8220; changiert zwischen Alltagssprache und strenger Herrschaftssoziologie. Eine feststehende Bedeutung hat er nicht. Festzuhalten bleibt aber, dass Charisma eher ein soziales Beziehungsgeflecht als die individuellen Eigenschaften einer Person umschreibt: Man ,,hat&#8220; kein Charisma, sondern erlangt es erst im Verh\u00e4ltnis zu anderen und in bestimmten Situationen. Von Max Weber wurde der Begriff Anfang des letzten Jahrhunderts f\u00fcr die modernen Sozialwissenschaften aus der Theologie adaptiert; Erfahrungen aus dem milit\u00e4rischen Bereich pr\u00e4gten ihn ebenfalls. Bis heute sind Propheten und Feldherren die prototypischen Charismatiker. In j\u00fcngster Zeit versuchte vor allem die nach wie vor prosperierende Weber-Forschung den Terminus neu zu beleben. Die <em>vorg\u00e4nge<\/em> wollen, daran ankn\u00fcpfend, die Bedeutung von Charisma f\u00fcr die Gegenwarts-Gesellschaften analysieren &#8211; unter Einschluss des Ph\u00e4nomens der Medien-Charismatiker. Dabei verfolgen die Autoren verschiedene Zug\u00e4nge: Manche w\u00e4hlen eher die strenge herrschaftssoziologische Betrachtung, andere die Form des historischen Portr\u00e4ts. Diese Bandbreite ist durchaus beabsichtigt, kann man doch so der Tatsache Rechnung tragen, dass sich das unscharfe und assoziative Moment des Charisma-Begriffs ohnehin niemals wirklich pr\u00e4zise fassen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Zu unseren Beitr\u00e4gen: <em>Michael Th.<\/em> <em>Greven<\/em>, Politikwissenschaftler in Hamburg, leistet mit seinem Aufsatz Pionierarbeit. Er stellt, nicht zuletzt aus eigener Anschauung, die kritische Frage nach charismatischen Strukturen in den Neuen Sozialen Bewegungen und den damit einhergehenden demokratietheoretischen Problemen. Der Berliner Historiker <em>Wolther von Kieseritzky<\/em> widmet sich dem &#8211; neben Rudi Dutschke &#8211; vielleicht wichtigsten Charismatiker der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Rede ist nat\u00fcrlich von Willy Brandt. Warum Charisma immer bei Weber nachschlagen, wenn man es doch bei Thatcher leibhaftig studieren kann?, fragt sich <em>Dominik Geppert.<\/em> Unser Autor vergleicht den mitunter charismatischen Kanzler Schr\u00f6der mit der stets charismatischen Eisernen Lady und kommt zu dem Schluss, dass Charme, Eloquenz und die F\u00e4higkeit, dem Wahlvolk &#8218;aufs Maul zu schauen&#8216; allein noch keinen charismatischen Politiker abgeben &#8211; zumindest eine Handtasche geh\u00f6rt noch dazu. <em>Lothar Probst<\/em> besch\u00e4ftigt sich eingehend mit der von J\u00f6rg Haider ausgehenden Wirkung auf bestimmte W\u00e4hlerschichten und analysiert, wie dieser rechtspopulistische Politiker es \u00fcber Jahrzehnte verstanden hat, sein Charisma \u00fcber die Niederungen des politischen Alltags hinweg zu retten. <em>Werner Dieball,<\/em> Politikwissenschaftler in M\u00fcnster, untersucht in seinem Beitrag die K\u00f6rpersprache der Spitzenpolitiker Schr\u00f6der und Stoiber. Ihn leitet dabei die Frage, inwieweit nonverbale Ausdrucksformen R\u00fcckschl\u00fcsse auf das Charisma der Personen zulassen.<em> Wahied Wandat-Hagh<\/em> wendet den Weberschen Charisma-Begriff auf die Herrschaft der Islamisten im Iran an und gelangt so zu neuen Einblicken in die Natur des Regimes. Der finnische Soziologe <em>Kari Palonen<\/em> dringt indes tief in die Weberschen Original-Texte ein und belegt, wie stark der Herrschaftsbegriff bei diesem von der Macht der Rhetorik abh\u00e4ngt &#8211; und weshalb darin auch ein St\u00fcck Freiheit liegen kann. Ein <em>Literaturbericht<\/em> schlie\u00dft wie immer den Thementeil des Heftes ab.<\/p>\n<p>Unser <em>Essay<\/em> unterzieht die zur Zeit laut t\u00f6nende Familienrhetorik einer eingehenden Kritik: <em>Mechtild Jansen<\/em> fragt nach den gesellschaftlich-ideologischen Hintergr\u00fcnden des Geredes von der &#8222;heiligen Familie&#8220; und postuliert ihrerseits Ziele einer neuen Familienpolitik.<\/p>\n<p>In den <em>Kommentaren und Kolumnen<\/em> schreiben: <em>Christoph Butterwegge<\/em> \u00fcber den Extremismus der Mitte, <em>Walter Beltz<\/em> \u00fcber den Umgang der US-Amerikaner mit der muslimischen Minderheit im eigenen Land und<em> G\u00f6tz-Dietrich Opitz<\/em> \u00fcber das Ringen um die Abschaffung der Todesstrafe in den USA. <em>Benjamin Hoff<\/em> und <em>Florian von Alemann<\/em> analysieren die Ver\u00e4nderungen im franz\u00f6sischen Parteiensystem nach den diesj\u00e4hrigen Wahlen. Unser Prager Korrespondent<em> Tom\u00e1s Kafka<\/em> reflektiert, was es bedeutet, Jude zu sein und <em>Hans Lisken<\/em> schreibt \u00fcber Grundrechte und Globalisierung. Es folgen die Buchbesprechungen.<\/p>\n<p>Noch etwas in eigener Sache: die <em>vorg\u00e4nge<\/em> trauern um ihren Gr\u00fcndungsverleger Gerhard Szczesny. Einen Nachruf finden Sie am Ende der Kommentare und Kolumnen.<\/p>\n<p>Erkenntnisreiche Lekt\u00fcre w\u00fcnschen wie immer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Thymian Bussemer und Alexander Cammann<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[3781,682,3780,3782,667],"autoren":[2252],"publikationen":[1210],"class_list":["post-19537","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-charisma","tag-demokratisierung","tag-macht","tag-max-weber","tag-vorgaenge-artikel","autoren-thymian-bussemer-und-alexander-cammann","publikationen-vorg-160"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-160\/publikation\/editorial-88\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\",,Wir brauchen einen gro\u00dfen charismatischen Internationalisten&#8220; &#8211; Richard Rorty, Philosoph in Stanford, zielte mit diesem transatlantischen Hilferuf j\u00fcngst im Merkur auf einen Europ\u00e4er: Joschka Fischer. 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