{"id":19539,"date":"2024-09-11T10:53:16","date_gmt":"2024-09-11T08:53:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19539"},"modified":"2024-11-25T16:30:57","modified_gmt":"2024-11-25T15:30:57","slug":"alle-unsere-hoffnungen-erfuellt-die-sehnsucht-nach-charisma-willy-brandt-und-die-deutschen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-160\/publikation\/alle-unsere-hoffnungen-erfuellt-die-sehnsucht-nach-charisma-willy-brandt-und-die-deutschen\/","title":{"rendered":"\u201eAlle unsere Hoffnungen erf\u00fcllt\u201d: Die Sehnsucht nach Charisma: Willy Brandt und die Deutschen"},"content":{"rendered":"<p>Allerorten &#8211; ob in medialen Talkrunden, in der intellektuellen \u00d6ffentlichkeit oder im Privaten &#8211; ist derzeit eine Klage zu vernehmen: Mit Blick auf unsere politische Klasse wird einhellig \u00fcber das mangelnde Charisma des Personals gejammert. Den Anspr\u00fcchen und W\u00fcnschen, die da an die politische F\u00fchrung herangetragen werden, ist eines gemeinsam: Sie stellen der ruhmlosen Gegenwart die Epoche der Altvorderen, der kantigen, selbstbewussten, schwierigen, aber eben charismatischen M\u00e4nner entgegen (Frauen haben in diesem Erinnerungskartell noch keinen rechten Platz). Der heutige Mangel erprobter Lebensbiographien &#8211; welche Initiationserfahrungen auch immer da ertr\u00e4umt werden &#8211; l\u00e4sst viele zweifeln, wie das Land schwerwiegende Krisen k\u00fcnftig \u00fcberstehen werde. Umgekehrt m\u00fcsste man daraus schliessen, die Therapie vieler Krankheiten der Gegenwart liege in einer neuen charismatischen Begr\u00fcndung der Politik.<\/p>\n<p>Der verbreitete Topos mangelnder charismatischer Qualit\u00e4t heutiger Politiker findet seinen Vergleichsma\u00dfstab in zwei Phasen der westdeutschen Republik: in Konrad Adenauers Kanzlerschaft, einer &#8222;Kanzlerdemokratie&#8220; von &#8211; bei aller Modernit\u00e4t &#8211; eher autorit\u00e4rem Zuschnitt, sowie insbesondere in der vielen Zeitgenossen noch gut erinnerlichen <strong>\u201e<\/strong>\u00c4ra Brandt<strong>\u201d<\/strong>. W\u00e4hrend nun der knorrige Alte von Rh\u00f6ndorf l\u00e4ngst wissenschaftlicher N\u00fcchternheit und Erkenntnis anheimgefallen ist, genie\u00dft die zur Lichtgestalt verkl\u00e4rte <strong>\u201e<\/strong>Jahrhundertperson<strong>\u201d<\/strong> Willy Brandt (Schwarz 1998: 672) den zweifelhaften Vorzug, noch den jeweiligen politischen Interessen dienstbar sein zu m\u00fcssen. So schallte beispielsweise im vergangenen Wahlkampf dem orientierungslosen Gerhard Schr\u00f6der ein gutgemeintes <strong>\u201e<\/strong>Mehr Willy wagen!<strong>\u201d<\/strong>\u00a0(tageszeitung vom 12. August 2002) entgegen &#8211; ohne rechtes Ergebnis, sieht man von einigen Gespr\u00e4chsrunden mit einem bunten Gemisch Intellektueller und Prominenter im Kanzleramt ab.<\/p>\n<p>Nun ist geborgtes Charisma ohnehin selten wirksam. Doch die heutige Sehnsucht nach Charisma beruht zudem noch auf einem arg verk\u00fcrzten Verst\u00e4ndnis dieses Ph\u00e4nomens. Zumeist ist damit lediglich eine pers\u00f6nliche Qualit\u00e4t des Politikers angesprochen, und ob deren Eindruck Spuren hinterl\u00e4sst, h\u00e4ngt in dieser Perspektive eher von der jeweiligen politischen Einstellung ab. So verstanden l\u00e4sst sich das Attribut <strong>\u201e<\/strong>charismatisch<strong>\u201d<\/strong> ohnehin einer Vielzahl von Politikern zuweisen, neben den bereits Erw\u00e4hnten etwa noch dem <strong>\u201e<\/strong>Wirtschaftswunder<strong>\u201d<\/strong>-Gestalter Ludwig Erhard oder dem <strong>\u201e<\/strong>Macher<strong>\u201d<\/strong>\u00a0Helmut Schmidt &#8211; wer noch dazugeh\u00f6rte, dar\u00fcber w\u00fcrde sich trefflich streiten lassen.<\/p>\n<p>F\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis unserer Gesellschaft, der Wandlungen und der Struktur der Demokratie hilft dies indes nicht viel weiter. Charisma ist nicht eine Frage der pers\u00f6nlichen Ausstrahlung, der Integrit\u00e4t und Lebenserfahrung von Personen, wie heute das <strong>\u201e<\/strong>Defizit<strong>\u201d<\/strong>\u00a0meist umschrieben wird. Charismatisch begr\u00fcndete F\u00fchrung beruht vielmehr auf einer sozialen Beziehung: Sie basiert auf der Interaktion von F\u00fchrendem und Gef\u00fchrten; die Qualit\u00e4t bzw. die Verhaltensweisen einer Pers\u00f6nlichkeit verbinden sich mit den Bed\u00fcrfnissen, Wahrnehmungen und Werten eines Teils der Gesellschaft. Entscheidend f\u00fcr die charismatische Anerkennung sind hierbei die wechselseitigen Attributionsprozesse: die Verwurzelung des <em>leaders <\/em>in den politischen, sozialen und \u00f6konomischen Interessen der Anh\u00e4nger und deren Wahrnehmung, dass die F\u00fchrung der L\u00f6sung ihrer sachlichen oder pers\u00f6nlichen Probleme dient. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bildet die treibende Kraft der charismatischen Beziehung. Die Selbstdarstellung der charismatisch qualifizierten Pers\u00f6nlichkeit und die Beschaffenheit der <strong>\u201e<\/strong>Mission<strong>\u201d<\/strong> m\u00fcssen also dem Ethos und den Erwartungen einer verunsicherten Gesellschaft entsprechen. Funktionale Bedeutung gewinnt Charisma insbesondere in Phasen gravierenden sozialen Wandels oder einer akuten Krise der gesellschaftlichen Werteorientierung. Als symbolisches Kapital kann es der <strong>\u201e<\/strong>Besitzer<strong>\u201d<\/strong> nutzen, wenn dieser gleichzeitig \u00fcber die F\u00e4higkeit zur Kommunikation und zur Vermittlung via Medien verf\u00fcgt. Ver\u00e4ndern sich die gesellschaftlichen Bed\u00fcrfnisse und die historische Situation oder die Zuschreibung der Qualit\u00e4ten, kann schnell der neuralgische Punkt erreicht werden, bei dem sich das Au\u00dfergew\u00f6hnliche verliert; das Charisma <strong>\u201e<\/strong>verallt\u00e4glicht<strong>\u201d<\/strong> sich und die politische F\u00fchrung b\u00fc\u00dft ihre Legitimation ein (Weber 1972: 661). [1] Welche Bedeutung und Funktion besitzt charismatische Politik nun f\u00fcr die Bundesrepublik? Am Beispiel von Willy Brandt lassen sich einige Beobachtungen machen.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"weder-eisern-noch-machiavellist-die-charismatischen-qualitaeten-brandts\">Weder &bdquo;eisern&ldquo; noch Machi&shy;a&shy;vel&shy;list: Die charis&shy;ma&shy;ti&shy;schen Qualit&auml;ten Brandts<\/span><\/h3>\n<p>Kaum ein Politiker hat nach dem Zweiten Weltkrieg so heftige Reaktionen bei den Deutschen ausgel\u00f6st wie Willy Brandt. Er wurde zum Tr\u00e4ger von Hoffnungen und Projektionen und verk\u00f6rperte f\u00fcr viele Menschen einen dringend gew\u00fcnschten gesellschaftlichen und politischen Wandel. Dabei wird in den Zuwendungen zu Brandt nicht eine kraftvoll das Staatsschiff lenkende F\u00fchrungsfigur beschworen oder ein geschickt taktierender Machiavellist mit dem Nimbus des Erfolgreichen. Was bewundert wurde &#8211; folgt man den Stichworten, mit denen in zahllosen \u00c4u\u00dferungen seine Vorbildhaftigkeit begr\u00fcndet wird -, waren <strong>\u201e<\/strong>pers\u00f6nliche Integrit\u00e4t, Tapferkeit und Mut<strong>\u201d<\/strong>, oder <strong>\u201e<\/strong>Verantwortungsbereitschaft, Fairness, Takt und R\u00fccksicht<strong>\u201d<\/strong>, es war die F\u00e4higkeit zur Mitleidenschaft, mit der er jedes <strong>\u201e<\/strong>Zirkuszelt in eine Kathedrale der N\u00e4chstenliebe verwandele<strong>\u201d<\/strong> &#8211; kurz: er sei &#8222;ein Symbol f\u00fcr die St\u00e4rke der Schwachen, nicht f\u00fcr die St\u00e4rke des Chefs.&#8220;[2]<\/p>\n<p>Grundlage der Identifikation vieler Menschen mit dem Sozialdemokraten bildeten die von ihm verk\u00f6rperten Prinzipien der politischen Auseinandersetzung und seines gesellschaftspolitischen Modells, das sich gegen die Erfahrungen der Kanzlerdemokratie Adenauers stark abhob: der Ausgleich verantwortungs- und gesinnungsethischer Aspekte der Politik, seine Integrationsf\u00e4higkeit und die Begabung, Konflikte zu entsch\u00e4rfen. <strong>\u201e<\/strong>Herrschen [\u2026] ist gar nicht das Modell, an dem er baut. Darum entt\u00e4uscht er tats\u00e4chlich alle F\u00fchrererwartungen<strong>\u201d<\/strong> (Dorothee S\u00f6lle in: Lindlau 1972: 132). Das in der Bev\u00f6lkerung von Brandt gezeichnete Bild stellt einen Gegenentwurf zu den g\u00e4ngigen Leitvorstellungen eines <strong>\u201e<\/strong>Kanzlers<strong>\u201d<\/strong>\u00a0vor, es erf\u00fcllte die Sehnsucht nach einer Machtaus\u00fcbung der Menschlichkeit und des Friedenswillens: <strong>\u201e<\/strong>Er ist weder &#8218;eisern&#8216; noch ein Zyniker, noch sentimental<strong>\u201d<\/strong>, r\u00fchmte etwa der eher konservative Georg Picht, er besitzt, <strong>\u201e<\/strong>was in Deutschland selten geworden ist: W\u00fcrde<strong>\u201d<\/strong> (Lindlau 1972: 11).<\/p>\n<p>Konstitutiv f\u00fcr die charismatische Beziehung, die das Verh\u00e4ltnis Brandts zu den Deutschen charakterisierte, war diese Zuschreibung au\u00dfergew\u00f6hnlicher Eigenschaften und seine F\u00e4higkeit, sie in dem Augenblick als symbolisches Kapital zu nutzen, als die Gesellschaft in den 1960er Jahren eines innovativen Ansatzes zur Krisenl\u00f6sung bedurfte. Dabei beruhte Willy Brandts Erfolg nicht auf numinosen Qualit\u00e4ten magischer Art, sondern auf einer gezielten Charismapolitik, einer Wechselwirkung von Begabungen, Projektionen, krisenhafter Situation und politischer Inszenierung.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"bewaehrung-stigmatisierung-und-inszenierung\">Bew&auml;hrung, Stigma&shy;ti&shy;sie&shy;rung und Insze&shy;nie&shy;rung<\/span><\/h3>\n<p>Den Grundstein seiner Wirkung am Ende der 1960er Jahre, als er zum Inbegriff der Reformdynamik und Erneuerbarkeit der Demokratie geworden war, hatte der erfahrene Politiker bereits ein Jahrzehnt zuvor in Berlin gelegt. Mit ihrer wiederkehrenden Bew\u00e4hrungssituation und der erh\u00f6hten internationalen Aufmerksamkeit und \u00f6ffentlichen Beachtung bildete die geteilte Stadt den idealen N\u00e4hrboden f\u00fcr die Ambitionen und die charismatische Pr\u00e4gung des k\u00fcnftigen Kanzlers. Krisenfestigkeit und Ideenreichtum lie\u00dfen sich hier in Bereichen beweisen, die sp\u00e4ter f\u00fcr die Bundesrepublik von zentraler Bedeutung wurden: in der Ostpolitik und im deutsch-deutschen Verh\u00e4ltnis. Die breite nationale und internationale Anteilnahme f\u00fcr die <strong>\u201e<\/strong>Front-Berliner<strong>\u201d<\/strong>, die Reisen und Staatsbesuche boten zahlreiche Gelegenheiten, um durch weltweite Anerkennung seine Popularit\u00e4t daheim zu steigern. Als die Amerikaner Brandt im Februar 1959 mit einer <em>tickertape parade<\/em> auf den Stra\u00dfen New Yorks feierten und die Bilder des im offenen Wagen stehenden, umjubelten Berliner B\u00fcrgermeisters um die Welt gingen, war die Inszenierung als <strong>\u201e<\/strong>deutscher Kennedy<strong>\u201d<\/strong> geboren. Kurz darauf, bei der Berliner Maikundgebung, forderte Brandt im Stil eines Volkstribuns <strong>\u201e<\/strong>Macht das Tor auf!<strong>\u201d<\/strong> und prophezeite Hunderttausenden, dass der Tag kommen werde, <strong>\u201e<\/strong>an dem das Brandenburger Tor nicht mehr an der Grenze<strong>\u201d<\/strong> liege (<em>Willy-Brandt-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie,<\/em> A 3). Dass seine Worte, sein Redestil auf Menschen suggestive Wirkung aus\u00fcbte, hatte sich bereits 1956 gezeigt, als es ihm nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands durch die Sowjets gelungen war, die emp\u00f6rten Berliner vom Sturm auf die Grenze abzuhalten. Nimmt man die Umfragen der Meinungsforschung als Indiz, so best\u00e4tigte sich die wachsende Popularit\u00e4t des Kanzlerkandidaten in konstant steigenden Werten in den Bereichen des politischen Vertrauens und der Integrit\u00e4t: Seit Mitte der 1960er Jahre lagen die Eigenschaften <strong>\u201e<\/strong>sozial<strong>\u201d<\/strong>, <strong>\u201e<\/strong>energisch, fester Wille<strong>\u201d<\/strong>, <strong>\u201e<\/strong>politisch weitsichtig<strong>\u201d<\/strong>, <strong>\u201e<\/strong>bed\u00e4chtig, abw\u00e4gend<strong>\u201d<\/strong>\u00a0und <strong>\u201e<\/strong>modern, fortschrittlich<strong>\u201d<\/strong>\u00a0in den Zuschreibungen an der Spitze (Kaltefleiter 1973: 100ff.; Noelle\/Neumann 1974: 295).<\/p>\n<p>Eine Strategie der Inszenierung und des Medieneinsatzes untermauerte die charismatische Wirkung noch. Dass die gr\u00f6\u00dfere Ausdehnung und Reichweite des medialen Informationsangebots die Vermittlung der Politik beeinflusste und diese selbst einem Darstellungswandel unterlag, war sowohl Brandt als auch seinen Beratern bewusst. So wurden alle Register der Medienklaviatur genutzt, um politische Entscheidungen rechtzeitig vorzubereiten und auf das Meinungsklima einzuwirken (Ennen 1996; M\u00fcnkel 2001). Dazu geh\u00f6rten die \u00f6ffentliche Darstellung des Privatlebens in <em>home stories<\/em> und enger Kontakt mit Journalisten genauso wie ausgekl\u00fcgelte Wahlkampagnen. 1961 wurde der frisch gek\u00fcrte Kanzlerkandidat beispielsweise in einem cremefarbenen Mercedes Cabriolet drei Monate lang durch Stadt und Land geschickt, wobei die einzelnen Auftritte nach striktem Drehbuch erfolgten und einem B\u00fchnenweihespiel glichen &#8211; Zeichen, Gesten und Bilder waren auf die mediale Wirkung und visuelle Vervielf\u00e4ltigung berechnet (Sch\u00fctz 2002).<\/p>\n<p>Mit zunehmendem bundespolitischen Einfluss wurde ein weiterer Faktor in der Disposition der charismatischen Pers\u00f6nlichkeit erkennbar. Die <strong>\u201e<\/strong>Vergangenheit<strong>\u201d<\/strong>\u00a0Brandts wurde zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung: Mit der Stigmatisierung der Vita des aufstrebenden Politikers versuchten die politischen Gegner auch dessen Gesellschaftsidee in Misskredit zu bringen. Der verbreiteten deutschen Schuldabwehr und Erinnerungsverweigerung standen Personen wie Brandt als Beweis alternativer M\u00f6glichkeiten entgegen. Die Angriffe zielten deshalb auf seine Emigration und die politische T\u00e4tigkeit als radikaler Sozialist w\u00e4hrend der nationalsozialistischen Herrschaft. Sie kn\u00fcpften an verbreitete Ressentiments gegen Exil und Widerstand an und gipfelten im Vorwurf des Vaterlandsverrats: Als Emigrant habe er in norwegischer Uniform gegen Deutschland gek\u00e4mpft, sei Agent des KGB gewesen und habe als Rotfrontk\u00e4mpfer am Spanischen B\u00fcrgerkrieg teilgenommen. Der Verratsvorwurf bediente sich damit zus\u00e4tzlich des &#8211; in den 1960er Jahren mehrheitsf\u00e4higen &#8211; antikommunistischen Reflexes.<\/p>\n<p>Mit dem Wertewandel in diesen Jahren und der erneut einsetzenden Debatte \u00fcber die Vergangenheitsbew\u00e4ltigung wurde allerdings die angegriffene Person nun zum Modell positiver Identifikation. Die Biographie beglaubigte in den Augen der Anh\u00e4nger gerade dessen Ideen und die f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnlich gehaltenen pers\u00f6nlichen Eigenschaften. In der Hervorhebung der sozialen Abweichung bef\u00f6rderte die Charakterisierung als Au\u00dfenseiter umso mehr die charismatische Qualifizierung. Aus dem Stigma wurde Kapital: F\u00fcr die in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung gewichtiger hervortretenden Werte der Partizipation, Egalit\u00e4t und Solidarit\u00e4t konnte Brandt aufgrund seiner Herkunft und Geschichte glaubw\u00fcrdig einstehen; dem Bild des <strong>\u201e<\/strong>Vaterlandsverr\u00e4ters<strong>\u201d<\/strong> stand nun die Projektion einer <strong>\u201e<\/strong>Kultfigur<strong>\u201d<\/strong> des guten Deutschland gegen\u00fcber. <strong>\u201e<\/strong>In der Person Willy Brandts schienen brennpunktartig alle ungestillten W\u00fcnsche, alle unerf\u00fcllten Sehns\u00fcchte, alle psychischen Bed\u00fcrfnisse zu sammenzulaufen<strong>\u201d<\/strong>, konstatierte sp\u00e4ter einer der Hauptverantwortlichen der Diffamierungen, Franz Josef Strau\u00df, diese Ikonen-Funktion Brandts (Strau\u00df 1989: 538).<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"die-1960er-jahre-als-eine-phase-der-gaerung\">Die 1960er Jahre als eine Phase der G&auml;rung<\/span><\/h3>\n<p>Brandts bundespolitischer Aufstieg fiel in eine Zeit der intellektuellen Beunruhigung, in eine <strong>\u201e<\/strong>Phase der G\u00e4rung<strong>\u201d<\/strong> (Sch\u00f6nhoven 1999: 123), die tief empfundene Gef\u00fchle f\u00fcr die Notwendigkeit eines reformerischen Aufbruchs ausl\u00f6ste. Die wesentlichen wirtschaftlichen, verfassungspolitischen und milit\u00e4rischen Rahmenbedingungen der Bundesrepublik waren in den Nachkriegsjahren und w\u00e4hrend Adenauers Kanzleidemokratie geschaffen worden. Ein entscheidendes Problem war in dieser Phase der Rekonstruktion allerdings ungel\u00f6st geblieben: die Frage nach dem Selbstverst\u00e4ndnis der Republik, nach der Staatsr\u00e4son. Wie stabil die Demokratie wirklich war, wie sie auf gesellschaftliche Umbr\u00fcche und Ersch\u00fctterungen reagieren w\u00fcrde, war noch unerprobt. W\u00fcrde <strong>\u201e<\/strong>Bonn<strong>\u201d<\/strong> nicht doch <strong>\u201e<\/strong>Weimar?<strong>\u201d<\/strong>, so lautete die vielfache Sorge und Beschw\u00f6rung, die eher noch an Sch\u00e4rfe zunahm, als sich in der allm\u00e4hlich <strong>\u201e<\/strong>westlicher<strong>\u201d<\/strong> werdenden Gesellschaft Wertorientierung und Lebensgef\u00fchl gravierend zu wandeln begannen. Zahlreiche Vorkommnisse zeugen von einem zunehmenden Vertrauensverlust in die Funktionalit\u00e4t und Legitimit\u00e4t der gewohnten politischen Verfahrensweisen, beispielsweise das rechtswidrige Verhalten von Regierungsmitgliedern in der Spiegel-Aff\u00e4re 1962; der durch die Diagnose einer <strong>\u201e<\/strong>Bildungskatastrophe<strong>\u201d<\/strong> gen\u00e4hrte Zweifel an der Leistungsf\u00e4higkeit des Gesellschaftssystems; die mit dem Generationsbruch bef\u00f6rderte neuerliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus oder die langandauernde, aufr\u00fcttelnde Debatte um die Notstandsverfassung. Mit dem \u00f6ffentlichen Protestpotential, das \u00fcber die Studenten, Intellektuellen- und Partei- oder Gewerkschaftszirkel hinauswuchs, bildeten sich Elemente einer <strong>\u201e<\/strong>Bewegungsgesellschaft<strong>\u201d<\/strong> (Neidhardt\/Rucht 1999), wobei die Medien, insbesondere das Fernsehen, als Katalysatoren der Mobilisierung wirkten. Einen repr\u00e4sentativen Ausdruck fand diese Unruhe in der von Karl Jaspers mit vernichtendem Befund beantworteten Frage <strong>\u201e<\/strong>Wohin treibt die Bundesrepublik?<strong>\u201d<\/strong>, die eine breite Debatte \u00fcber den vermeintlich verh\u00e4ngnisvollen Weg der deutschen Demokratie ausl\u00f6ste (Jaspers 1966). Zudem verbreitete sich mit der Rezession 1966\/67 auch \u00f6konomisch Unsicherheit; die Phase des langanhaltenden Wachstums hatte geendet.<\/p>\n<p>Diese innen- und gesellschaftspolitischen Befunde wurden durch zunehmende Unzufriedenheit \u00fcber die au\u00dfenpolitische Stagnation, m\u00f6gliche Interessendivergenzen mit den Westm\u00e4chten und vor allem durch das Gef\u00fchl nur begrenzter Man\u00f6vrierf\u00e4higkeit in der Ost- und Deutschlandpolitik flankiert. Die Krise m\u00fcndete in eine Auseinandersetzung \u00fcber die bundesdeutsche Demokratie, die mit dem <strong>\u201e<\/strong>Machtwechsel<strong>\u201d<\/strong> 1969 die Frage nach ihrer Umgr\u00fcndung in der <strong>\u201e<\/strong>\u00c4ra Brandt<strong>\u201d<\/strong> nahelegt (Kieseritzky 2001: 15-77; Baring 1982; G\u00f6rtemaker 1999: 473ff.).<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"alle-unseren-hoffnungen-erfuellt-charismapolitik-in-der-kanzlerzeit\"><strong>&bdquo;<\/strong>Alle unseren Hoffnungen erf&uuml;llt&hellip;<strong>&rdquo;<\/strong>&nbsp;&ndash; Charis&shy;ma&shy;po&shy;litik in der Kanzlerzeit<\/span><\/h3>\n<p>Erst diese Krisenerscheinungen lie\u00dfen die manifeste charismatische Situation entstehen, in der die von Brandt propagierte <strong>\u201e<\/strong>Vision<strong>\u201d<\/strong> des <strong>\u201e<\/strong>Mehr Demokratie wagen<strong>\u201d<\/strong>\u00a0einen Ausweg suggerieren sollte. Zahlreiche Leitbegriffe der Ethik einer staatsb\u00fcrgerlichen Verantwortung &#8211; \u00dcberwindung \u00fcberkommener Hierarchien, Mitverantwortung, Soziale Demokratie, Partizipation &#8211; pr\u00e4gten die Regierungserkl\u00e4rung 1969 als <strong>\u201e<\/strong>Manifest des Neubeginns<strong>\u201d<\/strong> (J\u00e4ger in Bracher 1986: 24). Die klassischen Bereiche der Innen- und Au\u00dfenpolitik waren nun in ein gesellschaftspolitisches Modernisierungskonzept eingebettet, bei dem die einzelnen Reformen &#8211; ob betriebliche Mitbestimmung, soziale Sicherung oder Strafrechtsreform &#8211; zur <strong>\u201e<\/strong>Bildung<strong>\u201d<\/strong> des Menschen zusammenwirken und Individualit\u00e4t, Selbstbestimmung sowie soziale Gebundenheit vermitteln sollten. Brandts Formel bildete den Gegenentwurf zu Ludwig Erhards Konzept der <strong>\u201e<\/strong>formierten Gesellschaft<strong>\u201d<\/strong> von 1965, welches der produktiven Wirkung offen ausgetragener Konflikte und Interessenwahrnehmung misstraute. Von Brandts Appell dagegen schien eine faszinierende Dynamik auszugehen: Demokratie sei nicht nur als politisches Organisationsprinzip des Staates zu begreifen, sondern m\u00fcsse, so die Forderung des Kanzlers, <strong>\u201e<\/strong>alles gesellschaftliche Sein der Menschen beeinflussen und durchdringen<strong>\u201d<\/strong>\u00a0(Brandt 1969: 4). Die demokratische Ordnung legitimiere sich nicht nur \u00fcber die Auswahl der Eliten und deren Kapazit\u00e4t zur Probleml\u00f6sung, sondern ebenso \u00fcber die umfassende Beteiligung und Mitwirkung aller am Willensbildungsprozess. Das Verh\u00e4ltnis zwischen B\u00fcrger und Staat bzw. B\u00fcrger und Regierung solle sich durch das kritische Engagement des Einzelnen fortentwickeln.<\/p>\n<p>In der von Brandt gegebenen Wendung dieser Grunds\u00e4tze entsprach dem idealtypisch ein Modell des mittels Konsenses herzustellenden Gesamtwillens, ein Ansatz, der mit der korporatistischen Entwicklung der Bundesrepublik korrespondierte (Lehmbruch 1999). Sp\u00e4testens seit Mitte der 1960er Jahre galt etwa f\u00fcr die Wirtschaftsordnung der Grundsatz, dass die vorgegebenen Gesamtziele von allen Marktkr\u00e4ften gemeinsam verfolgt werden m\u00fcssten, da ein Wettbewerb \u00fcber die Ziele dysfunktional sei. Mit dem Postulat der <strong>\u201e<\/strong>Globalsteuerung<strong>\u201d<\/strong> aller Prozesse wurden Ergebnisse der Kybernetik und Systemanalyse auf die politische Planung \u00fcbertragen; Gespr\u00e4chsrunden wie die <strong>\u201e<\/strong>konzertierte Aktion<strong>\u201d<\/strong> oder Instrumente wie die <strong>\u201e<\/strong>mittelfristige Finanzplanung<strong>\u201d<\/strong>\u00a0entstanden. Diese Art des Aushandelns und Absicherns innenpolitischer Entscheidungen durch ein Geflecht von Organisationen, R\u00e4ten und Gremien wurde von der sozialliberalen Koalition weiter perfektioniert. Allerdings geriet diese Politik zunehmend in ein Dilemma, das angesichts der urspr\u00fcnglichen Vision der wirksameren Zukunftsbew\u00e4ltigung wesentlich zur Entzauberung der Koalition beitragen sollte: Denn einerseits war das Konzept &#8211; das planrationale Verfahren &#8211; nur mit umfassendem staatlichen Eingreifen zu verwirklichen, andererseits wurde die Eigenverantwortlichkeit des m\u00fcndig und selbstbewusst gewordenen B\u00fcrgers betont, der eben in der umst\u00e4ndlichen Praxis dieser Steuerungsideologie unterzugehen drohte.<\/p>\n<p>Brandts selten konkretisierte Formeln wirkten als eine Art Heilsversprechen und viele sahen &#8211; wie Siegfried Lenz &#8211; mit seiner Wahl zum Bundeskanzler im Oktober 1969 <strong>\u201e<\/strong>alle unsere Hoffnungen erf\u00fcllt<strong>\u201d<\/strong>. Zun\u00e4chst freilich war die Basis des <strong>\u201e<\/strong>St\u00fccks Machtwechsel<strong>\u201d<\/strong> (Heinemann) angesichts der knappen parlamentarischen Mehrheit &#8211; bei Minderheit der W\u00e4hlerstimmen &#8211; noch ungewiss. Der neue Kanzler begegnete dieser Unsicherheit durch forciertes Tempo im Bereich der ostpolitischen Vorhaben und mittels einer meisterhaft gestalteten Charismapolitik. Bereits in seiner Regierungserkl\u00e4rung 1969 ging Brandt in die Offensive und vollzog mit der Formel von den <strong>\u201e<\/strong>zwei Staaten in Deutschland<strong>\u201d<\/strong> die entscheidende Weichenstellung in der Deutschlandpolitik. Mit der Ank\u00fcndigung der Normalisierung der Beziehungen zur DDR und gleichberechtigter Verhandlungen auf Regierungsebene befriedigte er in den ersten Stunden seiner Regierung die Erwartungen der Anh\u00e4nger. In den n\u00e4chsten zwei Jahren wurde die Ost- und Deutschlandpolitik mit unz\u00e4hligen Erkl\u00e4rungen, Interviews und Aktionen im Zentrum der Aufmerksamkeit gehalten. Kein anderes Thema erreichte in der \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung eine \u00e4hnliche Dramatik: Die wochenlangen geheimnisumwitterten Vertragspoker in Moskau und Warschau, die Reisen des Sonderbeauftragten Bahr und des Kanzlers selbst, seine Gespr\u00e4che mit den M\u00e4chtigen der Welt, die Staatsbesuche mit ihrem glanzvollen Gepr\u00e4ge, bis schlie\u00dflich zum H\u00f6hepunkt, der Unterzeichnung der Vertr\u00e4ge 1970 &#8211; jeder Vorgang schien zu signalisieren, wie sich der Kanzler im fortdauernden, schweren Ringen um den Frieden zum Wohle der Nation befand.<\/p>\n<p>In exemplarischer Weise beleuchten die beiden ber\u00fchmten Gesten von Erfurt und Warschau die Mechanismen des Brandtschen Charismas: W\u00e4hrend ihn beim Treffen mit Willi Stoph die Geste einig mit seinem Volk zeigt &#8211; mit beg\u00fctigender, segensgleicher Geb\u00e4rde beruhigt er am Fenster des Hotels <em>Erfurter Hof<\/em> die sehnsuchtsvoll Rufenden -, bekr\u00e4ftigt der Warschauer Kniefall beim Mahnmal im Dezember 1970 die historisch-moralische Dimension seiner Politik &#8211; eine Geste, die von einer Mehrheit der Deutschen abgelehnt wurde. Die gewaltige Wirkung beider Vorg\u00e4nge hinsichtlich ihres Effektes f\u00fcr das Charisma Brandts beruhte auf zwei Faktoren: zum einen auf ihrer medialen Vervielf\u00e4ltigung, insbesondere ihrer m\u00fchelosen visuellen Kommunizierbarkeit; zum anderen auf ihrer unbestrittenen Glaubw\u00fcrdigkeit, da sie den Zuweisungen Brandts als einer integren, das &#8218;andere&#8216; Deutschland verb\u00fcrgenden Person entsprachen. Insbesondere der <strong>\u201e<\/strong>Kniefall<strong>\u201d<\/strong> l\u00f6ste eine Welle internationaler Hochachtung aus, die &#8211; nach seiner Preisung im <em>Time Magazine<\/em> als<em> Man of the Year<\/em> &#8211; im Jahr darauf in der Zuerkennung des Friedensnobelpreises gipfelte.<\/p>\n<p>Dennoch br\u00f6ckelte die knappe parlamentarische Mehrheit weiter, bis sie schlie\u00dflich im April 1972 g\u00e4nzlich geschwunden war. In dieser Krise zeigte sich abermals die charismatische Wirkung Brandts. Die verfassungsm\u00e4\u00dfige und politisch v\u00f6llig legale Absicht der Opposition, den Kanzler durch ein konstruktives Misstrauensvotum zu st\u00fcrzen, wurde weithin als unrechtm\u00e4\u00dfig, mindestens als illegitim empfunden; vielen schien es eine Attacke aus dem Hinterhalt, ein Verrat, zumal Brandts Konkurrent Rainer Barzel auf Stimmen von abtr\u00fcnnigen Abgeordneten der Regierung baute. Im Vorfeld der Abstimmung vom 27. April kam es in etlichen Unternehmen zu spontanen Arbeitsniederlegungen, Betriebsr\u00e4te forderten die Ausrufung des Generalstreiks und die Medien prophezeiten f\u00fcr den Fall des Kanzlersturzes <strong>\u201e<\/strong>b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde<strong>\u201d<\/strong> oder erinnerten an das Ende von Weimar. W\u00e4hrend der Abstimmung selbst standen im ganzen Land die R\u00e4der still, fast alle befanden sich im Bann der Radio- und Fernseh\u00fcbertragung. Mit der Niederlage Barzels verst\u00e4rkte sich der Nimbus des ph\u00f6nixgleich auferstandenen Kanzlers nochmals.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"auch-christus-wuerde-willy-waehlen-der-plebiszitaere-appell\"><strong>&bdquo;<\/strong>Auch Christus w&uuml;rde Willy w&auml;hlen<strong>&rdquo;<\/strong> &ndash; der plebis&shy;zi&shy;t&auml;re Appell<\/span><\/h3>\n<p>Die Wahl im November 1972, von Brandt bei der Vertrauensfrage im Deutschen Bundestag im September zum Plebiszit \u00fcber seine Person und die von ihm verk\u00f6rperten Ziele erkl\u00e4rt, wurde zum Votum \u00fcber Aufbruch oder Stagnation, Moderne oder Tradition, aktive Demokratie oder Staatsautorit\u00e4t. Die charismatische Wirkung Brandts hatte zu einer Fundamentalpolitisierung und Emotionalisierung der Gesellschaft gef\u00fchrt; Zeugnis dessen war die mit \u00fcber 90 Prozent h\u00f6chste je erreichte Wahlbeteiligung der Bundesrepublik. In der Wahlkampagne r\u00fcckten die mit Brandt verbundenen Bilder und Projektionen, seine Vergangenheit, die Gesten und politischen Visionen ins Zentrum der Auseinandersetzung &#8211; in stigmatisierendem und diffamierendem Bestreben ebenso wie mit der Absicht der Identifikation als Inbegriff des <strong>\u201e<\/strong>anderen<strong>\u201d<\/strong> Deutschland. Letzteres besa\u00df nun eine neue inhaltliche Ausgestaltung: Entspannung und Auss\u00f6hnung mit dem Osten, Anerkennung in der Welt und gesellschaftspolitische Liberalisierung. Entsprechend erfolgreich suggerierte die SPD einer breiten Mehrheit, die Wahl von Brandt komme einem modernen Bekenntnis zur eigenen Nation gleich. Die Billigung ihres Wahlslogans <strong>\u201e<\/strong>Wir sind stolz auf Deutschland<strong>\u201d<\/strong> implizierte auch die Zustimmung zu Brandt und umgekehrt. Durch Ansteck-Buttons <strong>\u201e<\/strong>Willy w\u00e4hlen<strong>\u201d<\/strong> konnten zudem die Mitglieder der Gemeinde ihren Glauben \u00f6ffentlich machen, was auch die quasi-religi\u00f6se Verehrung einschloss: <strong>\u201e<\/strong>Auch Christus w\u00fcrde Willy Brandt w\u00e4hlen<strong>\u201d<\/strong>, behaupteten beispielsweise junge evangelische Christen (zit. nach M\u00fcnkel 2000: 35).<\/p>\n<p>Am Abend des Wahltages im November 1972 zog eine \u00fcberw\u00e4ltigende Schar von begeisterten Anh\u00e4ngern mit Fackeln von der Bonner Innenstadt zum Palais Schaumburg und dann herauf zum Domizil des Bewunderten auf den Venusberg. Als Brandt vor die T\u00fcr trat und die Huldigungen entgegennahm, befand er sich auf dem Zenit seiner Karriere. Zeittendenz und projizierte politische Gl\u00fccksvorstellung schienen in der Person des Kanzlers zur \u00dcbereinstimmung zu kommen. Pers\u00f6nliche Qualit\u00e4ten Brandts, die Zuschreibungen der Menschen sowie der \u00d6ffentlichkeit und die Stigmatisierung des Exilanten und Radikalen, die sich \u00fcber Jahre ausgepr\u00e4gt hatten, verbanden sich im Stadium der G\u00e4rung Ende der 1960er Jahre mit der Idee einer Gesellschaftsreform und Elementen medialer Inszenierung zur Charismapolitik. Diese erlebte ihren H\u00f6hepunkt als jetzt eine Welle der &#8211; partiell fast einer Apotheose gleichkommenden &#8211; Begeisterung Brandt aufs neue ins Kanzleramt trug &#8211; fast so, als h\u00e4tte Jacob Burckhardt recht: <strong>\u201e<\/strong>Die Geschichte liebt es bisweilen, sich auf einmal in einem Menschen zu verdichten, welchem hierauf die Welt gehorcht<strong>\u201d <\/strong>(Burckhardt 2000: 511).<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"der-sturz-die-grenzen-charismatischer-legitimation\">Der Sturz: die Grenzen charis&shy;ma&shy;ti&shy;scher Legiti&shy;ma&shy;tion<\/span><\/h3>\n<p>Nach der Periode der \u00dcberidentifikation w\u00e4hrend der politischen K\u00e4mpfe des Wahljahres zeigten sich allerdings die Grenzen der Charismapolitik. Der Kanzler schien zunehmend entr\u00fcckt von den K\u00e4mpfen und Intrigen der Ebene; losgel\u00f6st von den M\u00fchen und Wirren des allt\u00e4glichen politischen Geschehens war er zum Denkmal erhoben worden (Zons 1984). Dieser Eindruck wurde noch durch einen Perspektivwechsel potenziert: Mit der Beschw\u00f6rung der sozialliberalen Koalition als eines historischen B\u00fcndnisses von Arbeiterschaft und B\u00fcrgertum &#8211; der Lehre aus 150 Jahren getrennter Geschichte &#8211; wurde die Orientierung auf die Zukunft gleichsam durch die Konstruktion von Tradition ersetzt. Das Ursprungscharisma wich einem neuen Gr\u00fcndungsmythos, der dem Prozess der Ern\u00fcchterung entgegenwirken sollte. Hervorgehoben wurden nun der <strong>\u201e<\/strong>vitale B\u00fcrgergeist<strong>\u201d<\/strong>, die <strong>\u201e<\/strong>B\u00fcrgergesellschaft<strong>\u201d <\/strong>oder die <strong>\u201e<\/strong>soziale und liberale Mitte<strong>\u201d<\/strong>; Geschichtspolitik ersetzte die Visionen der Demokratisierung und Friedenspolitik (BA 7, Nr. 85).<\/p>\n<p>Diese Umwertung besa\u00df viele Gr\u00fcnde; mitentscheidend waren jedoch die nach diesem Wahlsieg ins Unermessliche gestiegenen Erwartungen an die gesellschaftsver\u00e4ndernde Kraft der Regierung. Hatten die gro\u00dfen Hoffnungen in der Aufbruchseuphorie 1969 der innovatorischen Politik damals eine zus\u00e4tzliche Legitimation gegeben, so riefen sie jetzt verst\u00e4rkt die <strong>\u201e<\/strong>gegenreformatorischen Geister<strong>\u201d <\/strong>auf den Plan. Je deutlicher die Diskrepanz zwischen den Reformanspr\u00fcchen und finanziellen M\u00f6glichkeiten wurde, desto schriller wurden beispielsweise die T\u00f6ne im Verteilungskampf der Interessensparteien. Verhandlungsdemokratische Elemente wie die konzertierte Aktion, Expertenr\u00e4te und Planungsverfahren vermochten diese nicht mehr zu d\u00e4mpfen. Hier vollzog sich eine grundlegende Tendenzwende: Das Vertrauen in die Steuerbarkeit der sozialen Entwicklungen, die Zuversicht, in allen Bereichen Krisen durch vorausschauende Planung und nachvollziehbare Rationalit\u00e4t der Entscheidungsprozesse vermeiden zu k\u00f6nnen, war geschwunden. Statt dessen wuchs die Skepsis gegen\u00fcber einer Ideologie des Wachstums und dauernden Fortschritts. Charakteristisch waren in dieser Phase der Kanzlerschaft Brandts nicht mehr die charismatischen Gesten und die begeisternde Massenverehrung, sondern ein Bild, das die kollektive Erinnerung der B\u00fcrger auf lange Zeit pr\u00e4gen sollte: die nach dem Fahrverbot aufgrund der \u00d6lpreiskrise im November 1973 verwaisten Autobahnen &#8211; als Sinnbild des zum Stillstand gekommenen Fortschritts.<\/p>\n<p>Fr\u00fchere Unterst\u00fctzung hatte sich ins Gegenteil verkehrt, die entt\u00e4uschten Anh\u00e4nger machten sich am Sturz des Denkmals zu schaffen. Dieses war schlie\u00dflich &#8211; mehr noch als die schuldlose Verstrickung in den Verrat seines Mitarbeiters Guillaume &#8211; der Grund f\u00fcr den R\u00fcckzug 1974, mit dem er zudem die sozialliberale Koalition zu bewahren suchte.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"sehnsucht-nach-charisma\">Sehnsucht nach Charisma<\/span><\/h3>\n<p>Es gab nicht viele charismatische Situationen in der Geschichte der Bundesrepublik. Die staatliche Rekonstruktion unter Adenauer, die deutsche Einheit unter Helmut Kohl und die pluralistisch orientierte Demokratie unter Brandt &#8211; verbunden mit einer Wende der inneren und \u00e4u\u00dferen Politik &#8211; geh\u00f6ren sicher dazu. <strong>\u201e<\/strong>Alle unsere Hoffnungen erf\u00fcllt<strong>\u201d<\/strong>&#8211; bei allen Erfolgen der charismatischen Politik Brandts ist dies allerdings ein Wunschtraum gewesen. Charismatische Zeiten sind keineswegs gl\u00fccklichere Zeiten, sie sind eher Zeiten schwerer Umbr\u00fcche mit meist ungewissen Folgen. Nur selten sind die Ergebnisse so positiv wie in der <strong>\u201e<\/strong>\u00c4ra Brandt<strong>\u201d<\/strong>&#8211; und selbst hier muss offenbleiben, welche Langzeitwirkungen die Prinzipien der Aushandlungsdemokratie und technokratischen Planungsmethoden haben werden &#8211; der <em>circulus vitiosus<\/em> der dadurch neuerlich hervorgebrachten Legitimationsprobleme der Politik ist noch keineswegs durchbrochen. Das korporatistische Muster grundiert auch das heutige politische Geschehen mit zahlreichen <strong>\u201e<\/strong>runden Tischen<strong>\u201d<\/strong>, B\u00fcndnissen und R\u00e4ten. Zwar mag der Glaube an einen planbaren Fortschritt durch staatliche Systemsteuerung ersch\u00fcttert sein, doch welche politische Gruppe wollte von sich behaupten, eine &#8211; f\u00fcr alle Teile der Gesellschaft heilsame &#8211; Alternative zu diesem Paradigma zu besitzen? In einer von Krisen geplagten Gesellschaft mag die Sehnsucht nach charismatischer Politik durchaus verst\u00e4ndlich sein &#8211; ob deren Fehlen am Ende aber wirklich zu beklagen ist, bleibt zu bezweifeln. Mangelndes politisches Charisma der F\u00fchrung weist vielmehr auf die individuelle (staats)b\u00fcrgerliche Mitbeteiligung und Selbstverantwortung in den Entscheidungsprozessen der Demokratie zur\u00fcck &#8211; und dies k\u00f6nnte Anlass zu Trost sein.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen<\/span><\/h3>\n<p>1 F\u00fcr eine Auseinandersetzung mit Webers Charisma-Ansatz vgl. Frank M\u00f6ller (Hg.): Charismatische F\u00fchrer der deutschen Nation, M\u00fcnchen 2003 (im Erscheinen); darin auch eine ausf\u00fchrliche Diskussion der hier von mir skizzierten Charismapolitik von Willy Brandt.<\/p>\n<p>2 Zitate von Lothar Suhling, Luise Rinser, Dorothee S\u00f6lle (Lindlau 1972: 80, 105, 133); Rolf Zundel (Die Zeit vom 17. November 1972); Willy-Brandt-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, SPD-Parteivorsitzender, Allgemeine Korrespondenz, versch. Mappen (Schreiben der Bev\u00f6lkerung an Brandt).<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h3>\n<p><em>Baring, Arnulf<\/em> 1982: Machtwechsel. Die \u00c4ra Brandt-Scheel, Stuttgart<\/p>\n<p><em>BA<\/em> 7 2001: Willy Brandt: Mehr Demokratie wagen. Innen- und Gesellschaftspolitik 1969-1974, bearb. v. Wolther von Kieseritzky, Bonn (Berliner Ausgabe, Bd. 7)<\/p>\n<p><em>Willy Brandt<\/em> 1969: Die Alternative; in: <em>Die Neue Gesellschaft<\/em> 16, S. 4.<\/p>\n<p><em>Bracher, Karl Dietrich\/J\u00e4ger, Wolfgang\/Link, Werner<\/em> 1986: Republik im Wandel 1969-1974. Die \u00c4ra Brandt, Stuttgart<\/p>\n<p><em>Burckhardt, Jacob<\/em> 2000: Weltgeschichtliche Betrachtungen; in: Werke, Bd. 10, M\u00fcnchen\/Basel<\/p>\n<p><em>Ennen, Ilka<\/em> 1996: Die Kommunikations- und Informationspolitik Willy Brandts, Magisterarbeit Universit\u00e4t Mainz<\/p>\n<p><em>G\u00f6rtemaker, Manfred<\/em> 1999: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gr\u00fcndung bis zur Gegenwart, M\u00fcnchen<\/p>\n<p><em>Jaspers, Karl<\/em> 1966: Wohin treibt die Bundesrepublik? Tatsachen, Gefahren, Chancen, M\u00fcnchen<\/p>\n<p><em>Kaltefleiter, Werner<\/em> 1973: Zwischen Konsens und Krise. Eine Analyse der Bundestagswahl 1972, K\u00f6ln u.a.<\/p>\n<p><em>Kieseritzky, Wolther<\/em> von 2001: Einleitung in: BA 7, S. 15-77<\/p>\n<p><em>Lehmbruch, Gerhard<\/em> 1999: Die Gro\u00dfe Koalition und die Institutionalisierung der Verhandlungsdemokratie; in: <em>Kaase, Max\/Schmid, G\u00fcnther<\/em> (Hgg.): Eine lernende Demokratie, Berlin, S. 41-61<\/p>\n<p><em>Lepsius, M. Rainer<\/em> 1993: Das Modell der charismatischen Herrschaft und seine Anwendbarkeit auf den &#8222;F\u00fchrerstaat&#8220; Adolf Hitlers; in: <em>Ders.<\/em>: Demokratie in Deutschland, G\u00f6ttingen, S. 95-118<\/p>\n<p><em>M\u00fcnkel, Daniela<\/em> 2000: Zwischen Diffamierung und Verehrung. Das Bild Willy Brandts in der bundes-<br \/>\ndeutschen \u00d6ffentlichkeit (bis 1974); in: Tessmer, Carsten (Hg.) 2000: Das Willy-Brandt-Bild in Deutschland und Polen, Berlin, S. 23-40<\/p>\n<p><em>M\u00fcnkel, Daniela<\/em> 2001: Die Medienpolitik von Konrad Adenauer und Willy Brandt, in: <em>Archiv f\u00fcr Sozialgeschichte<\/em> 41, S. 297-316<\/p>\n<p><em>Neidhardt, Friedhelm\/Rucht<\/em>, Dieter 1999: Protestgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1950-1994; in: <em>Kaase, Max\/Schmid, G\u00fcnther<\/em> (Hgg.): Eine lernende Demokratie, Berlin, S. 129-164<\/p>\n<p><em>Noelle, Elisabeth\/Neumann, Erich Peter<\/em> (Hgg.) 1974: Jahrbuch der \u00f6ffentlichen Meinung, Allensbach\/Bonn<\/p>\n<p><em>Sch\u00f6nhoven, Klaus<\/em> 1999: Aufbruch in die sozialliberale \u00c4ra. Zur Bedeutung der 60er Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik; in: <em>Geschichte und Gesellschaft<\/em> 25 (1999), S. 123-145<\/p>\n<p><em>Sch\u00fctz, Klaus<\/em> 2002: Die Lehren aus Kennedys Kampagne. Ein R\u00fcckblick auf den Bundestagswahlkampf 1961; in: <em>vorg\u00e4nge<\/em> 158 (Heft 2\/2002 \u2014 Juni), S. 32-38<\/p>\n<p><em>Schwarz, Hans<\/em>-Peter 1998: Das Gesicht des Jahrhunderts, Berlin<\/p>\n<p><em>Strau\u00df, Franz<\/em> Josef 1989: Die Erinnerungen, Berlin<\/p>\n<p><em>Weber, Max<\/em> 1972 [1921\/22]: Wirtschaft und Gesellschaft, hgg. von Johannes Winkelmann, T\u00fcbingen<\/p>\n<p><em>Zons, Achim<\/em> 1984: Das Denkmal. Bundeskanzler Willy Brandt und die linksliberale Presse, M\u00fcnchen<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[3781,682,663,678,681,667,3786],"autoren":[3785],"publikationen":[1210],"class_list":["post-19539","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-charisma","tag-demokratisierung","tag-europa","tag-frieden","tag-rechtspolitik","tag-vorgaenge-artikel","tag-willy-brandt","autoren-wolther-von-kieseritzky","publikationen-vorg-160"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>\u201eAlle unsere Hoffnungen erf\u00fcllt\u201d: Die Sehnsucht nach Charisma: Willy Brandt und die Deutschen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-160\/publikation\/alle-unsere-hoffnungen-erfuellt-die-sehnsucht-nach-charisma-willy-brandt-und-die-deutschen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"\u201eAlle unsere Hoffnungen erf\u00fcllt\u201d: Die Sehnsucht nach Charisma: Willy Brandt und die Deutschen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Allerorten &#8211; ob in medialen Talkrunden, in der intellektuellen \u00d6ffentlichkeit oder im Privaten &#8211; ist derzeit eine Klage zu vernehmen: Mit Blick auf unsere politische Klasse wird einhellig \u00fcber das mangelnde Charisma des Personals gejammert. 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