{"id":19541,"date":"2024-09-11T12:30:30","date_gmt":"2024-09-11T10:30:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19541"},"modified":"2024-11-25T16:35:12","modified_gmt":"2024-11-25T15:35:12","slug":"die-erzeugung-vorwaertsgerichteter-unruhe-ueberlegungen-zum-charisma-von-joerg-haider","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-160\/publikation\/die-erzeugung-vorwaertsgerichteter-unruhe-ueberlegungen-zum-charisma-von-joerg-haider\/","title":{"rendered":"Die Erzeugung \u201evorw\u00e4rtsgerichteter Unruhe\u201c: \u00dcberlegungen zum Charisma von J\u00f6rg Haider"},"content":{"rendered":"<p>In der zeitgen\u00f6ssischen politikwissenschaftlichen Diskussion, die h\u00e4ufig von funktionalistischen Basistheorien geleitet wird, ist Charisma beinahe zwangsl\u00e4ufig eine unterbelichtete analytische Kategorie. Allenfalls als schwache Reminiszenz an die von Max Weber entworfene Typologie von Herrschaftsformen, in der die auf Charisma begr\u00fcndete Gefolgschaft eines F\u00fchrers eine der m\u00f6glichen Grundkonfigurationen politischer Herrschaft darstellt, taucht das Ph\u00e4nomen auf &#8211; freilich meist als Relikt der Vergangenheit, nicht als tauglicher Ansatz f\u00fcr die Gegenwart. Wer mehr Inspirationen sucht, muss sich in den kulturwissenschaftlichen Disziplinen umschauen, vor allem in der Ikonographie und in den modernen Medienwissenschaften, die sich &#8211; wenn auch nicht unbedingt unter politischen Problemstellungen &#8211; mit der Frage auseinandersetzen, wie und wodurch Personen zur ideellen Gesamtprojektionsfl\u00e4che uneingel\u00f6ster Bed\u00fcrfnisse, Hoffnungen, untergr\u00fcndiger Stimmungen und emotionaler W\u00fcnsche werden. Denn genau diese Fragen m\u00fcssen adressiert werden, wenn man die Wirkung von Charisma erkl\u00e4ren will.<\/p>\n<p>Die Reserven der etablierten Politikwissenschaft gegen\u00fcber einem solchen Zugang zum Charisma von Personen liegen auf der Hand, denn es geht dabei um die abgedunkelte, sich dem rein rationalen Diskurs entziehende Seite politischen Handelns. Wenn man Politik haupts\u00e4chlich als einen prozedural gesteuerten Prozess rationaler Willensbildung und Entscheidungsfindung versteht, erscheint die Besch\u00e4ftigung mit Charisma wenig relevant. Begreift man Politik dagegen als einen konflikthaften Prozess, in dem politische Akteure ihre Legitimit\u00e4t und ihre Wirkung auch durch eine eigene mobilisierende Gef\u00fchlssprache sowie durch das Setzen und Besetzen politischer Zeichen und Symbole gewinnen, dann kommt die Bedeutung charismatischer F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten zwangsl\u00e4ufig in den Blick.<\/p>\n<p>Es ist von daher kein Zufall, dass allenfalls in Teilen der semiologisch ausgerichteten politischen Kultur- und Kommunikationsforschung, in der es unter anderem um die Wirkung von Sprache, Symbolen und Mythen geht, Charisma als politisch zu analysierende Kategorie behandelt wird. In den letzten Jahren taucht die Rolle von Charisma auch im Zusammenhang mit der Diskussion \u00fcber die Personalisierung politischer Kommunikationsangebote in modernen Wahlk\u00e4mpfen auf (vgl. Holtz-Bacha et al. 1998). In Abwandlung des bekannten Diktums von Marshall McLuhan \u201e<em>The Medium is the message<\/em>\u201c m\u00fcnden solche Ans\u00e4tze h\u00e4ufig in der Erkenntnis: Die Person ist die message. In den entsprechenden Studien geht es aber vor allem um die F\u00e4higkeit der politischen Akteure, im \u201ePolitainment\u201c-Zirkus die bessere Show als der politische Gegner abzuliefern. Insofern verbleiben diese Ans\u00e4tze meistens an der Oberfl\u00e4che einer medial vermittelten Darstellungspolitik und lassen die n\u00f6tige Trennsch\u00e4rfe zu einem gehaltvollen Begriff von Charisma, wie ihn Weber in seiner Typologie entwickelt hat, vermissen. Andererseits er\u00f6ffnen sie neue Zug\u00e4nge zur Bedeutung von Charisma in der Politik einer modernen Mediendemokratie mit ihren eigenen kommunikativen Strukturmerkmalen. Wenn man verstehen will, warum charismatische F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten auch in den liberalen Demokratien der Gegenwart eine suggestive Wirkung entfalten k\u00f6nnen, muss man hinter die Oberfl\u00e4che medialer Selbstinszenierungen schauen und jene diskursiven Praktiken in den Blick nehmen, mit denen Charismatiker es immer noch verstehen, kollektive Leidenschaften zu entfachen, Identit\u00e4tskonflikte zu politisieren und das \u00f6ffentliche Publikum &#8211; Gegner wie Gefolgsleute &#8211; in ihren Bann zu ziehen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die rhetorische F\u00e4higkeit vieler charismatischer Politiker, <em>vox populi<\/em> ungefiltert in den politischen Prozess einzubringen und diese gegen den Konsens der herrschenden politischen und intellektuellen Eliten in Stellung zu bringen. Charisma und Populismus bilden deshalb nicht selten ein Zwillingspaar. Ohne die Aura charismatischer F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten, die die F\u00e4higkeit besitzen, heterogene soziale Gruppen zu mobilisieren und Gesellschaften zu polarisieren, verlieren populistische Bewegungen einen gro\u00dfen Teil ihrer Attraktivit\u00e4t.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"haider-die-karriere-eines-charismatikers\">Haider &ndash; die Karriere eines Charis&shy;ma&shy;ti&shy;kers<\/span><\/h3>\n<p>Wenn auf der Folie dieser \u00dcberlegungen im Folgenden ein politisches Portr\u00e4t von J\u00f6rg Haider und seiner charismatischen Rolle innerhalb der FP\u00d6 und der \u00f6sterreichischen Politik gezeichnet wird, welches sich vor allem auf seine Rhetorik und seine F\u00e4higkeit zur symbolischen Verdichtung politischer Konflikte konzentriert, dann m\u00fcssen zwangsl\u00e4ufig jene politischen und sozialstrukturellen Bedingungen in \u00d6sterreich vernachl\u00e4ssigt werden, die den Aufstieg der FP\u00d6 und J\u00f6rg Haiders ma\u00dfgeblich beg\u00fcnstigt haben. An erster Stelle m\u00fcsste man hier auf die neokorporatistischen Strukturen der \u00f6sterreichischen Proporz-und Konkordanzdemokratie verweisen, in der sich die politische Kultur jahrzehntelang durch ein ausgepr\u00e4gtes System von horizontalen und vertikalen Vernetzungen von Politik, Wirtschaft und \u00f6ffentlichem Leben auszeichnete. Die den meisten parlamentarischen Systemen eigene Neigung zur <em>minimum winning coalition<\/em> war, von wenigen Jahren abgesehen, in \u00d6sterreich durch die Gro\u00dfe Koalition de facto au\u00dfer Kraft gesetzt (vgl. Pelinka et al. 2000). Es war vor allem die FP\u00d6, die von dem politischen Immobilismus, der von dieser Konstellation ausging, seit den sp\u00e4ten achtziger Jahren profitieren konnte. Allerdings, das zeigt die relative Erfolglosigkeit der FP\u00d6 bis 1986, ist ihr rasanter Aufstieg ohne J\u00f6rg Haider und das von ihm ausgehende Charisma nicht zu verstehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Erkl\u00e4rung der Erfolgsgeschichte der FP\u00d6 in den letzten sechzehn Jahren und die exponierte Rolle, die Haider dabei gespielt hat, ist vor allem seine F\u00e4higkeit hervorzuheben, Konflikte und politische Deutungsk\u00e4mpfe als ein konstitutives Merkmal der Politik zu begreifen. Die Erzeugung \u201evorw\u00e4rtsgerichteter Unruhe\u201c- diese Eigenschaft zeichnet Haider seit seinem Auftreten in den \u00f6ffentlichen Arenen der \u00f6sterreichischen Politik aus. Schon kurz nach 1986, als er in einer Art innerparteilichem Putsch die F\u00fchrung der FP\u00d6 \u00fcbernahm, verstand er es, die Schwachpunkte des \u00f6sterreichischen Demokratiemodells auf den Punkt zu bringen und zum Gegenstand immer neuer Angriffe auf das etablierte \u201eMachtkartell\u201c zu machen. Dabei bediente er sich der rhetorischen Figur des ausgeschlossenen Dritten und positionierte die FP\u00d6 als vermeintlich authentische Stimme der von der Teilhabe an der Macht Ausgegrenzten: Wir, die Freiheitlichen, &#8211; so k\u00f6nnte man typische Haider-Statements zusammenfassen &#8211; sind die Einzigen, die nicht in dieses \u201everfilzte System\u201c bzw. in die \u201egeschlossene Gesellschaft der Zweiten Republik\u201c, um im Jargon zu bleiben, eingebunden sind und die die politischen Verh\u00e4ltnisse zum Tanzen bringen k\u00f6nnen. Nach seiner Wahl als neuer Parteivorsitzender spielte Haider virtuos auf dieser Klaviatur, etwa als er sagte: \u201eDie FP\u00d6 hat Tausende B\u00fcrger munter gemacht, dass die Demokratie in diesem Land nicht etwas Starres ist, sondern dass es zumindest eine dritte Kraft gibt, die schonungslos, offen und ehrlich um ihre Prinzipien und Grunds\u00e4tze k\u00e4mpft und daher ein verl\u00e4sslicher Partner f\u00fcr jene B\u00fcrger ist, die heute abseits stehen.\u201c (zit. n. Reinfeldt 2000: 35)<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Politiker der Gro\u00dfen Koalition mit ihrer auf die Befriedigung von Klientelinteressen ausgerichteten Politik in der Regel auf Konfliktvermeidung und Konsens orientiert waren und dadurch politische Konflikte stillgelegt hatten, betrieb Haider von Anfang an eine Repolitisierung des \u00f6ffentlichen Raums. F\u00fcr ihn ist Politik alles andere als das Verwalten von Sachzw\u00e4ngen oder die reine Befriedigung materieller Bed\u00fcrfnisse verschiedener Bev\u00f6lkerungsgruppen, sondern Politik ist f\u00fcr ihn \u201eVer\u00e4ndern, Erneuern, Wandeln\u201c (vgl. Z\u00f6chling 1999: 153). Zu diesem Verst\u00e4ndnis des Politischen passt die Figur des Rebellen und Nonkonformisten. In beiden Rollen hat sich Haider immer wieder erfolgreich inszeniert: mal als mutiger Politiker, der es mit dem beinahe \u00fcberm\u00e4chtigen politischen Establishment in \u00d6sterreich aufgenommen hat; mal als Robin Hood, der sich f\u00fcr die armen und benachteiligten Leute einsetzt; mal als Sprachrohr des Stammtisches, der Tacheles redet oder aber als Advokat der Kriegsgeneration, der moralisches Unrecht zugef\u00fcgt wird, und nicht zuletzt als \u00d6sterreicher, der es mit der m\u00e4chtigen EU-B\u00fcrokratie aufnimmt. In jeder dieser Rollen hat es Haider verstanden, die \u00d6ffentlichkeit zu polarisieren und kulturelle oder soziale Konflikte zu politisieren. Mit Vorliebe sucht er sich dabei solche Themen aus, die Identit\u00e4tsfragen betreffen, weil diese nicht einfach in eine \u201eMatrix aus Verhandlungen, Deliberationen und Verfahren\u201c (Reinfeldt 2000: 70) zu \u00fcbersetzen sind, sondern sich dazu eignen, Unterschiede zu markieren und eigenes Profil zu gewinnen. Unabl\u00e4ssig hat er dabei immer wieder \u201egesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse und politische Verfahrensweisen [skandalisiert], die bislang in \u00d6sterreich normal waren.\u201c (ebd.: 120) Wie kein anderer ist Haider dadurch in \u00d6sterreich zu einer \u201eikonographischen Mediengestalt\u201c geworden, der die permanente Interaktion zwischen sich und dem \u00f6ffentlichen Publikum sucht. Die von ihm ausgehende Polarisierung ist Teil eines Images, welches er sorgsam pflegt, denn egal ob er als positiv konnotierter politischer Rebell oder als <em>Bad Guy<\/em>\u00a0der \u00f6sterreichischen Politik wahrgenommen wird &#8211; immer ist ihm die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit sicher, die er braucht, um seine Botschaften zu platzieren. In einer Art wechselseitigem <em>Ping-Pong-Play<\/em> versteht es Haider, virtuos die Medien f\u00fcr sich zu nutzen und mit Sprachwitz und bissiger Rhetorik die gerade erwartete Rolle zu spielen. Dar\u00fcber hinaus wechselt er h\u00e4ufig Images und umgibt sich gerne mit der Aura des braungebrannten, smarten und agilen Yuppie, der gleichwohl immer f\u00fcr die kleinen Leute da ist. Haider sei mit der Zurschaustellung seines fitten K\u00f6rpers, die der \u201ealpinen Siegersymbolik\u201c entliehen sei, die perfekte Verk\u00f6rperung eines \u201eFeschisten\u201c &#8211; so der \u00f6sterreichische Essayist Armin Thunher in einem ziemlich eindeutigen Wortspiel. Tats\u00e4chlich haben Haiders Verwandlungsk\u00fcnste und Rollenspiele ganz wesentlich zu seiner Aura beigetragen und ihm, im Duktus des modernen Mediendiskurses, einen hohen Unterhaltungswert verliehen.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"der-populist-und-die-schweigende-mehrheit\">Der Populist und die schweigende Mehrheit<\/span><\/h3>\n<p>Die FP\u00d6 hat es bis zu ihrem Eintritt in die Bundesregierung verstanden, die sich an der Person Haiders festmachende \u00f6ffentliche Polarisierung selber zu einem Vehikel der Wahlkampfkommunikation zu machen &#8211; so zum Beispiel 1995, als die Partei ein Plakat kleben lie\u00df, auf dem zu lesen war: \u201eSie sind gegen ihn, weil er f\u00fcr Euch ist.\u201c An diesem Beispiel l\u00e4sst sich die Funktionsweise einer von Haider und seiner FP\u00d6 h\u00e4ufig benutzten populistischen Art der Konstruktion und bin\u00e4ren Codierung von Freund\/Feind-Markierungen demonstrieren. \u201eSie\u201c &#8211; das sind die Vertreter des herrschenden politischen Machtkartells und die Haider-feindlichen kulturellen und intellektuellen Eliten \u00d6sterreichs. \u201eF\u00fcr Euch\u201c suggeriert, dass es eine untergr\u00fcndige Gemeinschaft von Haider und allen, die von \u201edenen da oben\u201c ausgegrenzt werden, gibt. Nach dem gleichen Muster arbeiten \u00e4hnliche Gegensatzpaare, die von Haider in der ein oder anderen Variante regelm\u00e4\u00dfig eingesetzt werden, wie etwa: \u201eVolk versus politische Klasse, \u00d6sterreicher gegen Zuwanderer, Anst\u00e4ndige versus Asoziale, Flei\u00dfige versus Sozialschmarotzer\u201c (vgl. San-der 2000: 8). In der politischen Kommunikation wirken solche Ein- und Ausschlie\u00dfungen identit\u00e4tsstiftend, weil sie einerseits ein feindliches Gegen\u00fcber, ein \u201eAnderes\u201c markieren und anderseits homogene Wir-Gemeinschaften konstruieren. \u201eDer politische Modus des rechten Populismus\u201c, so bemerkt Sebastian Reinfeldt zu Recht, \u201eberuht auf der Aktivierung von Leidenschaften \u00fcber krasse Entgegensetzungen. Als eine Variation von Politik bezieht er sich vordergr\u00fcndig erst in zweiter Linie auf akute Verwaltungsprobleme des Staatswesens, denn in erster Linie zielt er auf die Lebensweisen und allt\u00e4glichen Erfahrungen der B\u00fcrger in einem Staatswesen.\u201c (Reinfeldt 2000: 116)<\/p>\n<p>Haider ist es in der \u00f6ffentlichen politischen Auseinandersetzung immer wieder gegl\u00fcckt, die Rolle des Vertreters des kleines Mannes und der &#8222;schweigenden Mehrheit der hart arbeitenden und gesetzestreuen B\u00fcrger&#8220;, die durch andere um ihren gerechten Lohn gebracht werden, zu besetzen &#8211; eine Denkfigur, die bereits aus den Anf\u00e4ngen des Populismus stammt und immer wieder aktualisiert werden kann. In seinem Buch <em>Die Freiheit, die ich meine<\/em> schrieb Haider: \u201eIch habe den Fehdehandschuh aufgenommen und zeige auf die immer gr\u00f6\u00dfer werdende Kluft zwischen ver\u00f6ffentlichter und \u00f6ffentlicher Meinung. Das Volk denkt anders. [\u2026] Darin liegt auch die Ursache f\u00fcr den politischen Erfolg unserer Bewegung, dass wir entgegen der ver\u00f6ffentlichten Meinung des medialen und politischen Establishments die \u00f6ffentlicher Meinung breiter Bev\u00f6lkerungsschichten artikulieren. Die schweigende Mehrheit, die die Last des Staates tr\u00e4gt, hat ein Recht, geh\u00f6rt zu werden.\u201c (Haider 1993: 53)<\/p>\n<p>Der Anspruch auf die wahre Vertretung der Volksinteressen wird dabei h\u00e4ufig mit einem Authentizit\u00e4tsversprechen verkn\u00fcpft. So lautete das tragende Motto eines \u201eVertrags mit \u00d6sterreich\u201c, den Haider in Anlehnung an den US-republikanischen <em>Contract with America<\/em> von einer Gruppe parteinaher Intellektueller ausarbeiten lie\u00df: \u201eEr hat Euch nicht belogen. Einfach ehrlich, einfach J\u00f6rg.\u201c (zit. n. Reinfeldt 2000: 196) Tats\u00e4chlich ist Haider bem\u00fcht, dieses Image unter allen Umst\u00e4nden aufrecht zu erhalten. So scheute er sich nicht, in einer brachialen S\u00e4uberungsaktion ohne R\u00fccksicht auf Verluste in der eigenen Partei aufzur\u00e4umen, als vor einigen Jahren in verschiedenen Landesverb\u00e4nden der FP\u00d6 Korruption und Vetternwirtschaft zu Tage traten &#8211; ein Vorgang, der sich nat\u00fcrlich mit dem Anspruch der Unbestechlichkeit der FP\u00d6 nicht vereinbaren lie\u00df.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"der-revolutionaer-als-tragische-figur\">Der Revolu&shy;ti&shy;on&auml;r als tragische Figur<\/span><\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich hat die Angst vor Korrumption durch Macht, vor der Pragmatisierung der Politik der FP\u00d6 und der Aufgabe ihres \u201erevolution\u00e4ren\u201c Impetus, Haiders politisches Handeln bis in die j\u00fcngste Gegenwart gepr\u00e4gt &#8211; offenbar war ihm bewusst, dass er durch eine Normalisierung der FP\u00d6 als Partei auch seine Rolle als Rebell und Nonkonformist einb\u00fc\u00dfen w\u00fcrde. Immer wieder hat er die Partei vor den Versuchungen des reinen Machterwerbs und Machterhalts gewarnt. Noch vor einem Jahr schrieb er, beschw\u00f6rend auch an die eigene Partei gerichtet: \u201eDer Erfolg der Freiheitlichen wurde durch unbeugsame Linientreue und Geradlinigkeit erreicht. Er wird in der Regierungsverantwortung nicht der Wankelm\u00fctigkeit geopfert werden. Nat\u00fcrlich fehlt es nicht an Versuchen, aus den freiheitlichen Regierungsmitgliedern &#8217;stinknormale Allerweltspolitiker&#8216; zu machen, die mit gedrechselten Stehs\u00e4tzen die eigenen Standpunkte bem\u00e4nteln [\u2026]. Mit einer solchen Wende w\u00fcrden sie sofort die Gnade vor den Augen der politischen Klasse finden. [\u2026] Die freiheitliche Regierungsmannschaft hat diesen Verlockungen widerstanden. [\u2026] Dass diese \u00f6ffentliche Abspaltung der FP-Regierungsmannschaft vom gemeinsamen Weg der Ausgegrenzten nicht gelingt, zeugt von der Qualit\u00e4t der Personen.\u201c (Haider 2001: 14)<\/p>\n<p>Und er f\u00fcgt, sich auf den Willen der FP\u00d6 zur aktiven Gestaltung gesellschaftlicher Br\u00fcche beziehend, hinzu: \u201eSo lange unser Tun von dieser \u00dcberzeugung getragen ist, besteht auch keine Gefahr, dass wir uns an das von uns als reformbed\u00fcrftig erkannte System anpassen. Doch diese Gefahr muss man hoch einsch\u00e4tzen. Am Beispiel der Gr\u00fcnen in Deutschland kann man sehen, was eine &#8218;angepasste&#8216; Regierungsbeteiligung aus einer Reformbewegung macht.\u201c (ebd.: 14)<\/p>\n<p>Man erkennt an dieser Argumentation einen der Grundz\u00fcge Haiders Rhetorik und auch seines dahinter liegenden Denkens: Selbst nachdem die FP\u00d6 mit dem Regierungseintritt endg\u00fcltig Teil des politischen Institutionensystems und der politischen Klasse geworden ist (Haider selbst amtiert bekanntlich seit vielen Jahren als Landeshauptmann in K\u00e4rnten), versucht er den Mythos aufrecht zu erhalten, demzufolge die FP\u00d6 eigentlich au\u00dferhalb der politischen Klasse steht. Er will die Partei nach wie vor als politische Kraft jenseits des &#8222;herrschenden Blocks&#8220; positionieren, und weil er um die Fallstricke der Regierungsbeteiligung wei\u00df, die aus der FP\u00d6 eine andere Partei machen k\u00f6nnte (und teilweise auch schon gemacht hat), beharrt er hier auf dem Sonderstatus der FP\u00d6 als im Grunde revolution\u00e4re und treibende Kraft der Umgestaltung \u00d6sterreichs, die weiterhin an der Seite der \u201eAusgegrenzten\u201c steht und sich nicht einfach mit den gegebenen Verh\u00e4ltnissen abfindet. So hei\u00dft es in einem seiner Texte: \u201eDie Freiheitlichen haben zum richtigen Zeitpunkt die Verantwortung in Staat und Regierung \u00fcbernommen. Wir gehen vorurteilsfrei ans Werk und sind nicht vom alten System gepr\u00e4gt. Wir tragen aber eine vorw\u00e4rtsgerichtete Unruhe in uns, weil wir \u00fcberzeugt sind, dass unser Land eine tiefgreifende Modernisierung braucht. [\u2026] Radikales Denken ist dabei zul\u00e4ssig, denn das Unm\u00f6gliche muss gedacht werden, um das M\u00f6gliche Wirklichkeit werden zu lassen.\u201c (ebd.: 5)<\/p>\n<p>Erst vor dem Hintergrund der hier sichtbar werdenden Denkstrukturen erschlie\u00dft sich der politische Amoklauf, mit dem Haider die FP\u00d6 im Sommer dieses Jahres aus der Regierung katapultiert hat. Nicht nur die Emanzipation der f\u00fchrenden FP\u00d6-Regierungsmitglieder von ihrem \u00dcbervater, sondern auch die Bef\u00fcrchtung, dass die FP\u00d6 innerhalb der Regierung immer gesichtsloser und angepasster werden w\u00fcrde, war f\u00fcr Haider unertr\u00e4glich. Deshalb musste er einen Sprengsatz legen, der &#8211; koste es was es wolle &#8211; verhinderte, dass aus \u201eseiner\u201c Partei eine stinknormale Regierungspartei wurde. Dieses destruktive und selbstzerst\u00f6rerische Vorgehen offenbart zwei Momente, die den Charismatiker h\u00e4ufiger auf dem Zenit seiner Macht zur tragischen Figur werden lassen: Er stolpert \u00fcber den ihm eigenen Narzissmus und seinen Hang zur Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung. Der Charismatiker ist meistens auch ein Exzentriker &#8211; extrem kr\u00e4nkbar und unberechenbar. Exzentriker, so Robert Misik, \u201everf\u00fcgen \u00fcber einen Authentizit\u00e4tsbonus, der durch ihren Narzissmus getragen wird. Ihre Macken, ihre Sucht nach Aufmerksamkeit, ihre Respektlosigkeit, ihr Vorwitz, ihre Ignoranz gegen\u00fcber Gepflogenheiten und Realit\u00e4ten, mit einem Wort, all jene Charaktereigenschaften, in denen sich Exzentrik erweist, heben sie vom Typus des politischen Funktion\u00e4rs ab, der im schlimmsten Fall nicht mehr ist als das Amt, das er bekleidet.\u201c (Misik 2002: 12) Dieser Authentizit\u00e4tsbonus macht zweifellos einen Teil den Aura aus, die den Charismatiker umgibt. Gewinnt die narzisstische Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung jedoch die Oberhand, kann ein hochexplosives Gemisch entstehen, welches ihn zu einer tickende Zeitbombe macht, die jederzeit hochgehen kann. Dann ist der Charismatiker nicht mehr zu bremsen und im Zweifelsfall sogar bereit, das eigene Aufbauwerk zu vernichten. Aber man soll sich nicht t\u00e4uschen. Die schweren Verluste f\u00fcr die FP\u00d6 bei den Nationalratswahlen in \u00d6sterreich bedeuten noch lange nicht das Ende der FP\u00d6 und ihrer Rolle als Sammelbecken heterogener W\u00e4hlerschichten, die durch eine populistische Form der politischen Mobilisierung angesprochen werden. Erst recht m\u00fcssen sie nicht das Ende der Karriere von J\u00f6rg Haider und seiner Rolle als Unruheherd der \u00f6sterreichischen Politik bedeuten. Erprobt im innerparteilichen Machtkampf und im Aufmischen der politischen Landschaft in \u00d6sterreich, verf\u00fcgt er immer noch \u00fcber einen nicht zu untersch\u00e4tzenden politischen Instinkt, der ihm sagt, wie er aus Niederlagen neue Siege machen kann.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h3>\n<p><em>Haider, J\u00f6rg<\/em> 1993: Die Freiheit, die ich meine. Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Dritte Republik, Frankfurt\/Main<\/p>\n<p><em>Haider, J\u00f6rg<\/em> 2001: Befreite Zukunft jenseits von links und rechts, Wien (2. Aufl.)<\/p>\n<p><em>Holtz-Bacha, Christina\/Lessinger, Eva-Maria\/Hettesheimer, Merle<\/em> 1998: Personalisierung als Strategie der Wahlwerbung; in: <em>Imhof, Kurt\/Schulz, Peter<\/em> (Hgg.): Die Ver\u00f6ffentlichung des Privaten &#8211; Die Privatisierung des \u00d6ffentlichen, Opladen\/Wiesbaden, S. 240-250<\/p>\n<p><em>Misik, Robert<\/em> 2002: Europas Rechtspopulisten sind auch nur Exzentriker; in: <em>Frankfurter Rundschau<\/em><br \/>\n(Nr. 73) v. 27. M\u00e4rz<\/p>\n<p><em>Pelinka, Anton\/Rosenberger, Sieglinde<\/em> 2000: \u00d6sterreichische Politik, Wien<\/p>\n<p><em>Reinfeldt, Sebastian<\/em> 2000: Nicht-wir und Die-da. Studien zum rechten Populismus, Wien<\/p>\n<p><em>Sander, G\u00fcnther<\/em> 2000: Die Hegemonie des Ressentiments; in: <em>P\u00f6llinger Briefe<\/em>, Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr regionale Kulturarbeit und Bildung, Nr. 61<\/p>\n<p><em>Z\u00f6chling, Christa<\/em> 1999: Haider. Eine Karriere, Wien<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[3781,3794,3793,3572,3304,710,3342,3792,667],"autoren":[1889],"publikationen":[1210],"class_list":["post-19541","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-charisma","tag-fpoe","tag-joerg-haider","tag-oesterreich","tag-populismus","tag-rechtsextremismus","tag-rechtspopulismus","tag-revolution","tag-vorgaenge-artikel","autoren-lothar-probst","publikationen-vorg-160"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Erzeugung \u201evorw\u00e4rtsgerichteter Unruhe\u201c: \u00dcberlegungen zum Charisma von J\u00f6rg Haider - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-160\/publikation\/die-erzeugung-vorwaertsgerichteter-unruhe-ueberlegungen-zum-charisma-von-joerg-haider\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Erzeugung \u201evorw\u00e4rtsgerichteter Unruhe\u201c: \u00dcberlegungen zum Charisma von J\u00f6rg Haider - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In der zeitgen\u00f6ssischen politikwissenschaftlichen Diskussion, die h\u00e4ufig von funktionalistischen Basistheorien geleitet wird, ist Charisma beinahe zwangsl\u00e4ufig eine unterbelichtete analytische Kategorie. 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