{"id":19548,"date":"2024-09-12T15:18:25","date_gmt":"2024-09-12T13:18:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19548"},"modified":"2024-11-25T16:38:20","modified_gmt":"2024-11-25T15:38:20","slug":"die-black-muslim-bewegung-eine-innenpolitische-herausforderung-fuer-die-usa","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-160\/publikation\/die-black-muslim-bewegung-eine-innenpolitische-herausforderung-fuer-die-usa\/","title":{"rendered":"Die Black-Muslim-Bewegung: Eine innenpolitische Herausforderung f\u00fcr die USA"},"content":{"rendered":"<p>Die Erkenntnis, dass offenbar Muslime die Attentate vom 11. September 2001 geplant und begangen haben und die schwer zu \u00fcbersehende Tatsache, dass ein gro\u00dfer Teil der islamischen Welt die USA als Feinde betrachtet, stellt Amerika nicht nur vor au\u00dfenpolitische Herausforderungen, sondern lenkt den Blick auch auf bislang gewaltig untersch\u00e4tzte innere Probleme. Denn auch auf dem nordamerikanischen Kontinent gibt es eine gro\u00dfe muslimische Bewegung. Fachleuten ist das Ph\u00e4nomen der so genannten <em>Black Muslims<\/em>, die sich selber auch <em>Nation of Islam<\/em> nennen, mehr als vertraut. Die \u00f6ffentliche Diskussion hat diese Bev\u00f6lkerungsgruppe nach dem 11. September allerdings kaum beachtet.<\/p>\n<p>Wer sind die amerikanischen Muslime? Festzuhalten sind zun\u00e4chst einige Paradoxa: Die <em>Black Muslims<\/em> sind weithin des Arabischen unkundig und kennen auch den arabischen Koran nicht. Ihre Oberh\u00e4upter sind f\u00fcr die Anh\u00e4nger Messenger, keine Imame oder Mullahs bzw. Ayatollahs. Zudem erkl\u00e4ren die <em>Black Muslims<\/em> &#8211; was f\u00fcr einen Muslim eigentlich undenkbar ist &#8211; dass sie ihre Offenbarung von einer Reinkarnation Allahs empfangen haben. Au\u00dferhalb Amerikas ist es f\u00fcr Muslime absolut unvorstellbar, dass Allah sich einer Nation in der Gegenwart offenbaren w\u00fcrde, noch dazu in amerikanischer Sprache.<\/p>\n<p>Diese Eigenheiten der <em>Black Muslims<\/em> sind nur durch die amerikanische Geschichte erkl\u00e4rbar. Zu den aus Afrika importierten Sklaven geh\u00f6rten n\u00e4mlich auch Muslime, deren Glaubensgut aber in Ermangelung islamischer Gelehrter und fehlender Kontakte zu den gro\u00dfen islamischen Zentren in Kairo oder Damaskus &#8211; von Mekka und Medina zu schweigen &#8211; im Laufe der Jahrhunderte verk\u00fcmmerte. Erst mit der Befreiungsbewegung der Afroamerikaner aus der Sklaverei erwachte auch ein versch\u00fcttetes Wissen um die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer anderen, nichtchristlichen Religionsgemeinschaft. Die langsame Inkulturation des Islam in Amerika begann. Einen entscheidenden Impuls f\u00fcr die Vitalisierung des Islam in den USA bildete die Erlangung der Unabh\u00e4ngigkeit vieler islamischen Staaten in Asien und Afrika nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber der eigentliche Hintergrund dieser &#8222;neuen Religion&#8220; ist nat\u00fcrlich die Reaktion der Afroamerikaner &#8222;auf die Verz\u00f6gerung der Rassen-Integration&#8220; in Nordamerika, darauf hat Ernst Benz schon vor Jahren aufmerksam gemacht.<\/p>\n<p>Die Emanzipation der Schwarzen hat an politischer und kultureller Brisanz nichts verloren. Regelm\u00e4\u00dfig auftretende Konflikte zeigen, wie traumatisiert die amerikanische Gesellschaft durch das unbew\u00e4ltigte Erbe der Sklaverei und der Rassendiskriminierung ist. Dies ist der eigentliche N\u00e4hrboden f\u00fcr den schwarzen Islam.<\/p>\n<h3 class=\"\">Geh&ouml;ren die ameri&shy;ka&shy;ni&shy;schen Muslime zum Islam?<\/h3>\n<p>Die <em>Black Muslims<\/em> sind trotz aller kulturellen und religi\u00f6sen Besonderheiten eine islamische Gruppe. Denn der Islam ist keine homogene Religionsgemeinschaft und vereint in sich sehr unterschiedliche Fraktionen, die nat\u00fcrlich alle behaupten, alleine den wahren Islam zu vertreten. Daher r\u00fchrt Jan Assmann Behauptung, die Religion sei \u201edie limitistische Funktion der Kultur\u201c, d.h. sie markiere die unanfechtbare Grenze der Interessen einer Gruppe, wobei Interessen verschiedenster Art gemeint sein k\u00f6nnen: \u00f6konomische, politische, soziale oder auch sprachliche. Auch die afghanischen Taliban sind eine solche Gruppe. Die skizzierte Vielf\u00e4ltigkeit des Islams ist vor allem auf regionale Modernisierungserscheinungen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Es ist eine t\u00f6richte Behauptung, dass der Islam eine in fr\u00fchmittelalterlichen Denkstrukturen gefesselte Glaubensgemeinschaft sei. Der systemtheoretisch beschreibbare Prozess der Ausdifferenzierung der Religion l\u00e4uft auch im Islam ab, leicht erkennbar an den unterschiedlichen islamischen Gruppen und ihren sozialen, \u00f6konomischen, politischen oder auch philosophischen Interessen.<\/p>\n<p>Gerade die <em>Black Muslims<\/em> sind in starkem Ma\u00dfe von der amerikanischen Mehrheitskultur beeinflusst. Ihre islamische Identit\u00e4t bewahren sie nur noch, indem sie sich auf Allah als ihren Gott berufen, von dem sie zudem wissen, dass er gro\u00df ist. Ansonsten sind ihre Kenntnisse in islamischer Tradition und muslimischer Geschichte minimal. Ihre Autorit\u00e4ten sind selbstgeschaffen und selbstgew\u00e4hlt, darin nicht un\u00e4hnlich den Christen unterschiedlicher Konfession in Bosnien-Herzegowina.<\/p>\n<p>Die <em>Black Muslims<\/em> haben im Vergleich zu ihren Glaubensbr\u00fcdern auf dem Balkan und in anderen Regionen dieser Erde eine l\u00e4ngere und kompliziertere Entstehungsgeschichte. Diese haben sie thematisiert und instrumentalisiert wie andere Religionsgemeinschaften auch. Charakteristisch f\u00fcr die <em>Black Muslims<\/em> ist ihre Heilslehre, die in Analogie zur biblischen &#8211; also christlichen &#8211; und nicht zur islamischen Tradition konzipiert ist. Danach wird das Ende der Zeit die Wiederherstellung des Paradieses auf Erden sein, und das bedeutet die Vorherrschaft der schwarzen Rasse als der ersten von Gott geschaffenen Rasse, die den wahren Glauben bewahrte und auch Mekka gebaut habe. Die Endzeit findet ihre Erf\u00fcllung in Nordamerika und beginnt etwa 6.000 Jahre nach Erschaffung der wei\u00dfen Rasse, die der Demiurg, der Jakkub hei\u00dft, in Ermangelung einer Farbe (gelb, braun und rot waren schon ausgegangen) als farblose Teufel geschaffen hat. Die Zukunft der Menschheit ist f\u00fcr die Black Muslims ein irdisches Paradies, denn f\u00fcr alle Schwarzen gibt es gute H\u00e4user, gen\u00fcgend Geld, Freiheit und Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz. In ihrer Zukunftserwartung kulminiert alles, was die Afroamerikaner entbehren und von dem sie glauben, es auf Erden erhalten zu k\u00f6nnen. Der Koran mit seiner Bilderwelt des himmlischen Paradieses ist ihnen v\u00f6llig fremd geblieben. Die Wei\u00dfen zerst\u00f6ren sich und ihre Kultur am Ende selbst, weil sie in ihrem hemmungslosen Machtstreben und in ihrer Gier, alle Sch\u00e4tze der Welt selbst zu besitzen, sich gegenseitig vernichten. Die <em>Black Muslims<\/em> m\u00fcssen dem Zerfall nur zusehen, ihre Aufgabe besteht einzig darin, auf den Tr\u00fcmmern dieser wei\u00dfen Welt das schwarze Paradies aufzubauen.<\/p>\n<p>Ihre Missachtung des Christentums beruht auf der Erfahrung, dass die Wei\u00dfen mit dem Christentum die Schwarzen nur unterdr\u00fcckt haben &#8211; einer zum ersten Mal von W. DuBois 1915 aufgestellten Geschichtstheorie, die es nach Auffassung der <em>Black Muslims<\/em> zu durchbrechen gilt. Afroamerikaner, die sich auf ihre islamischen Wurzeln besinnen, tragen seither den roten Fes\/Fez. Vor diesem Hintergrund erscheint es auch logisch, dass afroamerikanische Intellektuelle seit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts ihrerseits eine Rassentrennung praktizieren, eigene Banken einrichten und literarisch eine explizit nichtwei\u00dfe Kunst f\u00f6rdern.<\/p>\n<h3 class=\"\">Die islamischen Schwarzen als politischer Einfluss&shy;faktor<\/h3>\n<p>Die muslimische Bewegung der Afroamerikaner ist antichristlich, auch antij\u00fcdisch und eindeutig proislamisch. Die seit 1913 durch die<em> Moorish Science Temple of America<\/em> bef\u00f6rderte Arabisierung der Black Muslims erfolgte allerdings nur sehr oberfl\u00e4chlich. Ihr neuer Koran ist eine Zitatensammlung aus Bibel, arabischem Koran und apokryphen Prophetengeschichten. Dieser Synkretismus, die Verflachung des religi\u00f6sen Erbes, rief dann auch die Tugendw\u00e4chter auf den Plan; wir kennen sie heute unter dem respektierlichen, nicht despektierlichen Namen Fundamentalisten. Dabei ist die progressive Segration ein generelles Kennzeichen religi\u00f6ser Gemeinschaften, und der Auff\u00e4cherungsprozess einstmaliger gro\u00dfer, territorial bestimmter Religionsgemeinschaften zeigt nur, dass die limitistische Funktion der Religion als Begleitinstrument sozialer Ver\u00e4nderungen wirksam ist. Die Unzufriedenheit von sozialen Gruppen mit ihren Lebensumst\u00e4nden, die auch zu Verzweiflungsakten f\u00fchrt, greift auf religi\u00f6se Motive zur\u00fcck. Religi\u00f6se Symbole und gemeinsame kulturelle Codes verbinden sich mit sozialen oder kulturellen Forderungen. Zu ihnen geh\u00f6rt die Ablehnung der bestehenden kulturellen Normen, z.B. des <em>american way of life<\/em>. Martin Luther King erscheint den <em>Black Muslims<\/em> weniger sinnstiftend als Cassius Clay. Wie viele schwarze Muslime es in Amerika gibt, ist schwer zu beziffern. Organisationen wie die Schwarzen Panther oder die <em>Fruits of Islam<\/em> verweigern jegliche Auskunft \u00fcber ihre Mitgliederzahlen. Fest steht, dass ihr Einfluss w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Die US-Administration stellte diese Gruppe nach dem 11. September vor erhebliche Schwierigkeiten. Eine prononciert antiislamische Reaktion der Bush-Regierung h\u00e4tte nahe gelegen, und wurde von der Mehrheit des wei\u00dfen Amerikas wohl auch erwartet. Mit R\u00fccksicht auf die Muslime im Land und die amerikanischen \u00d6linteressen entschied sich die Regierung dann zu einer Personalisierung von Amerikas Feinden. Man k\u00e4mpfte fortan eben gegen die <em>Al-Quaida<\/em> und Osama bin Laden in Afghanistan, nicht gegen den Islam im eigenen Lande. Die Achse des B\u00f6sen, so dachten die Strategen in Washington, d\u00fcrfe keinesfalls durch Amerika verlaufen.<\/p>\n<p>Vor allem aber ist das Bild, welches sich der durchschnittliche Amerikaner vom Islam macht, beinahe ausschlie\u00dflich durch die <em>Black Muslims<\/em> gepr\u00e4gt. Vom Facetten- und Traditionsreichtum des Islams als Weltreligion versteht man in Amerika nicht viel.<\/p>\n<p>Dies ist einer der wesentlichen Hintergr\u00fcnde, die bei der Suche nach Antworten auf jene Fragen, die der 11. September aufgeworfen hat, beachtet werden m\u00fcssen. Keinesfalls darf der Fehler gemacht werden, den Islam als einheitliche, in sich ruhende Bewegung zu betrachten. Der in Afghanistan und Pakistan praktizierte Islam l\u00e4sst sich nur schwer vergleichen mit seiner wahhabitischen Spielart in Saudi-Arabien. Die Warlords in Afghanistan und auch ihre fr\u00fcheren Gegner, die Taliban, vertraten und vertreten keine religi\u00f6sen Programme im eigentlichen Sinne und ihre Gebote umfassen zwar eine Menge von praktischen Verhaltensregeln, doch kann man diese strenge Gesetzlichkeit nicht als spezifisch islamisch bezeichnen. Die von den afghanischen Stammesverb\u00e4nden gest\u00fctzten Warlords vertreten keineswegs die islamischen Interessen der Umma, sondern ihre eigenen, stammesgeschichtlich erworbenen Rechte. Zu denen geh\u00f6rt auch das Tragen von Waffen und deren Anwendung zur Durchsetzung jedweder Ziele. Doch dies mit der Essenz des Islams zu verwechseln, w\u00e4re ein Trugschluss.<\/p>\n<p>Das gleiche gilt f\u00fcr einen pauschalen Terrorismusverdacht gegen\u00fcber islamischen L\u00e4ndern. Verst\u00f6\u00dfe gegen das V\u00f6lkerrecht oder die Missachtung bzw. Vergewaltigung anderer V\u00f6lker werden durch das V\u00f6lkerrecht geahndet, ihm haben auch die islamischen Staaten zugestimmt. Der m\u00fchselige Weg islamischer Staaten in die religi\u00f6s emanzipierte V\u00f6lkergemeinschaft sollte nicht durch Beispiele von Missachtung des V\u00f6lkerrechts durch andere Gro\u00dfm\u00e4chte blockiert werden.<\/p>\n<p>Vernunft und Erfahrung gebieten, das Desaster vom 11. September 2001 zu entmythisieren, es zu rationalisieren, auch wenn der Vorrat von Emotionen und Vorurteilen noch lange nicht aufgebraucht sein sollte. Zu den Emotionen und Vorurteilen in den USA geh\u00f6rt auch das einheimische Bild vom Islam, wie es die Black Muslims geschaffen haben. Es ist ein typisch amerikanisches Bild, das Europ\u00e4er nicht teilen m\u00fcssen. Man wird weiterhin darauf bestehen m\u00fcssen, dass Weltpolitik nicht Innenpolitik der USA und das V\u00f6lkerrecht etwas anderes ist als die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika und die auf ihr errichteten Gesetze.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[3825,3804,3805,680,677,710,656,3826,3650,667],"autoren":[3824],"publikationen":[1210],"class_list":["post-19548","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-black-muslim","tag-islam","tag-islamismus","tag-pluralismus","tag-rassismus","tag-rechtsextremismus","tag-religion","tag-soziale-bewegungen","tag-usa","tag-vorgaenge-artikel","autoren-walter-beltz","publikationen-vorg-160"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Black-Muslim-Bewegung: Eine innenpolitische Herausforderung f\u00fcr die USA - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-160\/publikation\/die-black-muslim-bewegung-eine-innenpolitische-herausforderung-fuer-die-usa\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Black-Muslim-Bewegung: Eine innenpolitische Herausforderung f\u00fcr die USA - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Erkenntnis, dass offenbar Muslime die Attentate vom 11. 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