{"id":19558,"date":"2024-11-06T11:14:14","date_gmt":"2024-11-06T10:14:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19558"},"modified":"2024-11-06T11:14:14","modified_gmt":"2024-11-06T10:14:14","slug":"was-es-bedeutet-jude-zu-sein-ein-zwischenruf-aus-prag","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-160\/publikation\/was-es-bedeutet-jude-zu-sein-ein-zwischenruf-aus-prag\/","title":{"rendered":"Was es bedeutet, Jude zu sein &#8211; Ein Zwischenruf aus Prag"},"content":{"rendered":"<p>Das zwanzigste Jahrhundert brachte f\u00fcr die Geschichte der Zivilisation die Erkenntnis der Relativit\u00e4t. Diese Bereicherung verdanken wir beileibe nicht nur Albert Einstein. Seine \u00dcberlegungen geh\u00f6ren in den Raum der Theorie. In der Praxis setzte sich f\u00fcr den Aufstieg der Relativierung am meisten der Gang der Ge-schichte selbst ein. Mit dem bisschen Abstand, das wir jetzt schon gewinnen konnten, kann man sagen, dass es in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts kein Ereignis gibt, das nicht irgendwann einmal relativiert und dadurch in Zweifel gezogen wurde. Die einzige Ausnahme in dieser Beziehung bildete bis-lang der Holocaust. Der kaltbl\u00fctige und gnadenlose Mord an sechs Millionen Juden blieb auch von Seiten der \u201eoriginellsten\u201c Denker unter den Geschichtstheoretikern von neuen Auslegungen ausgespart.<\/p>\n<p>Das bedeutet aber keinesfalls, dass mit dem Ph\u00e4nomen des Holocaust nicht auch zweckgerichtet umgegangen w\u00fcrde. Allerdings wird der Holocaust als historisches Faktum dabei nicht verleugnet. Wenn von einem Erbe des Holocaust f\u00fcr heutige Gesellschaften gesprochen wird, dann geht es in der Regel um ein Nachdenken \u00fcber menschliche W\u00fcrde vor dem Hintergrund des Schicksals von Angeh\u00f6rigen der j\u00fcdischen Nation.<\/p>\n<p>Jude zu sein war und ist ohne Zweifel nie einfach. Nicht nur im zwanzigsten Jahrhundert. Die trostlose Bilanz unserer neueren Geschichte erlaubt aber auch einen anderen Blickwinkel. Daf\u00fcr ist wohl das schlechte Gewissen der heute Lebenden verantwortlich. Denn die erdr\u00fcckende Mehrheit der Weltgemeinschaft der Demokraten legitimiert sich bis heute gerade durch eine prinzipielle \u2014 wenn auch nicht selten abstrakte \u2014 Haltung gegen\u00fcber dem Holocaust, beziehungsweise dem Antisemitismus. \u201eJude zu sein\u201c kann heute verk\u00fcrzt bedeuten, \u201eau\u00dfer Zweifel zu stehen\u201c. Wie dramatisch freilich der Abgrund zwischen einer \u00e4hnlich abstrakten Ansicht und der eigenen Realit\u00e4t sein kann, belegt am besten das tagt\u00e4gliche Drama der Bewohner Israels \u2014 nicht selten Nachfahren von Opfern des Holocaust. Wer w\u00fcrde sich in solchen Umst\u00e4nden w\u00fcnschen, \u201eJude zu sein\u201c? Aber auch aus einem solchen Dilemma findet der neuzeitliche Aufgekl\u00e4rte einen Ausweg. Mit Hilfe einer geh\u00f6rigen Dosis von Abstraktion gelingt es, zwischen \u201eJuden\u201c (zu denen man sich angesichts des schlechten Gewissens auch weiterhin bekennt) und \u201eIsraelis\u201c (die aus denselben Gr\u00fcnden bequem kritisiert werden) zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Etwa auf diese Art und Weise funktionierten die zur\u00fcckliegenden Antisemitismus-Diskussionen in Deutschland, dem Land unserer aufgekl\u00e4rten Nachbarn. Sei es nun, dass es sich um Polemiken auf der politischen Ebene handelte, wo zweifelhafte Praktiken einiger Repr\u00e4sentanten der liberaldemokratischen FDP ins Visier \u00f6ffentlich Diskutierender genommen wurden oder um Gepl\u00e4nkel im literarischen Bereich, bei denen sich die kritische \u00d6ffentlichkeit auf die Bewertung des Romans Tod eines Kritikers von Martin Walser konzentriert: in beiden F\u00e4llen ging es zwar um Juden, aber vor Augen hatte man vor allem die moralische Eignung der Diskutierenden. Eine solche Verbindung muss nicht unheilvoll wirken. Im Gegenteil. Vor allem in dem Land, das vor einiger Zeit der Holocaust betrieb. Um was es geht, ist die Art und Weise der Argumentation. Oder, besser gesagt, ob das Zitieren des \u201ej\u00fcdischen Schicksals\u201c nicht der einen oder der an-deren Seite zur Legitimation f\u00fcr ein zweckgerichtetes, daf\u00fcr aber um so kompromissloseres Vorgehen gegen\u00fcber einem Widersacher dient. Als Beispiel einer solchen Manipulation kann man die Denkweise des erw\u00e4hnten Schriftstellers Walser anf\u00fchren. Dieser hatte schon fr\u00fcher in einem Interview mit der Hamburger Zeit \u2014 und dies, ohne sich dabei hinter der Romanfigur zu verstecken, die erst sp\u00e4ter kam \u2014 bemerkt: \u201eDie Autoren sind Opfer und er ist der T\u00e4ter. Jeder Autor, der ihm in die H\u00e4nde fiel, kann sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserer Beziehung bin ich der Jude.\u201c<\/p>\n<p>In der heutigen Zeit benimmt sich aber nicht einmal der h\u00e4rteste Gegner von Walser, die konservative <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung,<\/em> viel besser. Diese Zeitung war vor nicht allzu langer Zeit ein F\u00fcrsprecher von Walser. F\u00fcr wie viele nur von dessen fr\u00fcheren intel-lektuellen Provokationen fand sie Verst\u00e4ndnis? Nun aber attackierte die Zeitung ihren treuen Autor f\u00fcr ein Buch, das der Redaktion f\u00fcr einen eventuellen Vorabdruck gew\u00e4hrt wurde, und das bis zu der Zeit von keinem Unbefugten gelesen werden konnte. Anstatt einer pers\u00f6nlichen R\u00fccksprache hat einer der Herausgeber einen Skandal als ad\u00e4quate Reaktion gew\u00e4hlt und Walser \u00f6ffentlich als einen Antisemiten bezeichnet. \u00dcber die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Strategie kann man nur spekulieren. Doch eine Art Grundmuster des Diskurses ist hinter allen Debatten zu erkennen: Die deutsche Gesellschaft geht mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dar-an, eine neue, selbstbewusstere Form des heimischen Konservatismus zu definieren. Die <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em> spielt dabei eine bedeutsame Rolle. Die Causa \u201eWalser\u201c und besonders die Art und Weise ihrer Darstellung kann so unter bestimmten Umst\u00e4nden der Zeitung zu einer solchen Position verhelfen, in der nicht nur sie, sondern vor allem der deutsche Neokonservatismus \u2014 trotz der H\u00e4rte einiger politischen Postulate \u2014 \u201eau\u00dfer Zweifel\u201c bliebe. F\u00fcr diese Erkl\u00e4rung w\u00fcrde im \u00fcbrigen auch die relativ k\u00fchle Haltung der Redaktion zu der politischen \u201eCausa M\u00f6llemann\u201c sprechen. Angesichts dessen, dass es im Falle dieser Pers\u00f6nlichkeit um einen evidenten Fall von politischem Populismus ging \u2014 M\u00f6llemann testete dabei die Kritisierbarkeit von Israel einschlie\u00dflich der seiner j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts \u2014 und keineswegs um das Faktum eines \u201emoralischen Fehl-griffs\u201c, \u00fcberl\u00e4sst die Plattform f\u00fcr den deutschen Neokonservatismus \u201eihre Juden\u201c deren Schicksal.<\/p>\n<p>Unterschiedliche Ma\u00dfst\u00e4be? Ohne Zweifel. Der Anfang vom Ende des Holocaust als letzte Insel, die von jedweder Relativierung ausgespart bliebe? Kaum. Oder besser gesagt: hoffen wir. Eines steht aber au\u00dfer Zweifel: Juden selbst z\u00f6gerten in beiden Streitf\u00e4llen, obgleich sie im Zentrum beider Diskussionen standen, kategorische Urteile auszusprechen. Im Unterschied zu den \u201enichtj\u00fcdischen\u201c Teilnehmern an der Diskussion, und das auf beiden Seiten der Auseinandersetzung, stellte sich keiner von ihnen als eine moralische Autorit\u00e4t hin, die \u201eau\u00dfer Zweifel steht\u201c. Im Unterschied zu den \u201enichtj\u00fcdischen Teilnehmern der Diskussion\u201c wissen sie n\u00e4mlich, was es hei\u00dft, Jude zu sein.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[3319,663,3859,3858,3774,3860,3835,710,667],"autoren":[2337],"publikationen":[1210],"class_list":["post-19558","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-antisemitismus","tag-europa","tag-holocaust","tag-judentum","tag-juedisches-leben","tag-martin-walser","tag-prag","tag-rechtsextremismus","tag-vorgaenge-artikel","autoren-tomas-kafka","publikationen-vorg-160"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Was es bedeutet, Jude zu sein - Ein Zwischenruf aus Prag - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-160\/publikation\/was-es-bedeutet-jude-zu-sein-ein-zwischenruf-aus-prag\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Was es bedeutet, Jude zu sein - Ein Zwischenruf aus Prag - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Das zwanzigste Jahrhundert brachte f\u00fcr die Geschichte der Zivilisation die Erkenntnis der Relativit\u00e4t. 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