{"id":19560,"date":"2024-11-06T11:18:40","date_gmt":"2024-11-06T10:18:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19560"},"modified":"2024-11-06T11:18:40","modified_gmt":"2024-11-06T10:18:40","slug":"gerhard-szczesny","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-160\/publikation\/gerhard-szczesny\/","title":{"rendered":"Gerhard Szczesny"},"content":{"rendered":"<p>Gerhard Szczesny ist tot. Er starb in der Nacht vom 27. auf den 28. Oktober im Alter von 84 Jahren in M\u00fcnchen. Die <em>vorg\u00e4nge<\/em> trauern damit um ihren Gr\u00fcndungsverleger. Denn Szczesny war nicht nur der Initiator der HUMANISTISCHEN UNION (HU), sondern auch der Begr\u00fcnder dieser Zeitschrift, die von 1962 bis 1968 in seinem M\u00fcnchner Verlag erschien.<\/p>\n<p>Szczesny wurde 1918 in Sallewen\/Ostpreu\u00dfen geboren. Von 1937 bis 1941 studierte er Philosophie, Literaturgeschichte und Publizistik in K\u00f6nigsberg, Berlin und M\u00fcnchen. Zwischen 1941 und 1945 diente er als Soldat an der Ostfront. Bevor er sich 1963 mit dem Szczesny-Verlag selbst\u00e4ndig machte, war er Leiter des Nachtstudios (ab 1947) und sp\u00e4ter des Sonderprogramms (bis 1962) des Bayrischen Rundfunks. Damit war der liberale Freigeist einer der wenigen Linken in der Adenauer-\u00c4ra, die eine Schl\u00fcsselstellung im kulturellen Leben der jungen Bundesrepublik innehatten.<\/p>\n<p>In einem offenen Brief vom 6. Juni 1961 wandte sich Szczesny an rund zweihundert Pers\u00f6nlichkeiten des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens der Bundesrepublik und forderte sie zur Gr\u00fcndung der HUMANISTISCHEN UNION auf. In seinem Aufruf f\u00fchrte Szczesny aus: Es werde, ob offen oder versteckt, der Versuch unternommen, eine Gesellschaft, die nur zu einem Teil aus gl\u00e4ubigen Christen bestehe, dem totalen Machtanspruch einer christlichen Sprach-, Denk- und Verhaltensregelung zu unterwerfen. Die im Grundgesetz der Bundesrepublik verankerten Rechte der freien Pers\u00f6nlichkeitsentfaltung, der Glaubens-, Gewissens-, und Bekenntnisfreiheit, der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung, Information und Forschung seien l\u00e4ngst durch eine christlichkonfessionalistische Regierungspraxis ausgeh\u00f6hlt, wenn nicht au\u00dfer Kraft gesetzt worden. Es sei an der Zeit, jenen B\u00fcrgern, denen an der Verwirklichung eines freiheitlichen, pluralistischen Staatswesens gelegen sei, eine Bet\u00e4tigungsplattform zu bieten. Dies schlie\u00dfe Christen mit ein, die die Ideologisierung und Politisierung ihres Glaubens f\u00fcr eine unheilvolle Sache hielten (vgl. vorg\u00e4nge 1\/1962, Beilage).<\/p>\n<p>Schon ein Jahr sp\u00e4ter hob Szczesny auch die <em>vorg\u00e4nge<\/em> aus der Taufe. Die erste Ausgabe erschien im Juni 1962 und f\u00fchrte den Untertitel \u201eEine kulturpolitische Korrespondenz, herausgegeben von Dr. Gerhard Szczesny in Verbindung mit der HUMANISTISCHEN UNION&#8220;. Der Verleger schrieb damals: \u201eWer diese erste Nummer unserer Korrespondenz durchbl\u00e4ttert, wird sich rasch dar\u00fcber Klarheit schaffen k\u00f6nnen, ob das, wogegen wir zu Felde ziehen, auch tats\u00e4chlich vorhanden ist. Der im vergangenen Jahrhundert und in einer l\u00e4ngst nicht mehr gegebenen politisch-kulturpolitischen Situation in Umlauf gekommene Begriff \u201aKlerikalismus&#8216; ist allerdings eher geeignet, die gegenw\u00e4rtigen Missst\u00e4nde zu verschleiern als zu enth\u00fcllen (und wurde wohl gerade darum zum scholastischen Streitobjekt&#8230;). Heute geht es nicht so sehr um die unmittelbare politische Einflussnahme des Klerus als vielmehr um die mannigfachen Aktivit\u00e4ten von Funktion\u00e4ren konfessioneller Verb\u00e4nde, die die Bundesrepublik durch die Eroberung gesellschaftlicher Machtpositionen glaubensm\u00e4\u00dfig auf Vordermann bringen und um die eifrigen Machenschaften \u201achristlicher&#8216; Parteipolitiker, die sie durch glaubensm\u00e4\u00dfige Gleichschaltung gesellschaftlich restaurieren wollen.\u201c<\/p>\n<p>Mit diesen S\u00e4tzen ist Szczesnys politisches Programm klar umrissen: Der Philosoph und Schriftsteller war ein Republikaner, der f\u00fcr Glaubensfreiheit, kulturpolitische Liberalit\u00e4t und freien intellektuellen Diskurs eintrat. Den sp\u00e4teren Wandel der HUMANISTISCHEN UNION zur B\u00fcrgerrechtsorganisation und der <em>vorg\u00e4nge<\/em> zu ihrem Theorieorgan konnte und wollte er nicht nachvollziehen.<\/p>\n<p>Trotz dieser zunehmenden gegenseitigen Entfremdung blieben gegenseitige Wertsch\u00e4tzung und Respekt erhalten. Zuletzt gew\u00e4hrte Szczesny den <em>vorg\u00e4ngen<\/em> im Jahr 2001 ein Interview, in der er sein Verh\u00e4ltnis zu HU und <em>vorg\u00e4ngen<\/em> im vers\u00f6hnlichen Ton reflektierte (vgl. <em>vorg\u00e4nge<\/em> 155: \u201e40 Jahre B\u00fcrgerrechtsbewegung\u201c, Heft 3\/2001, S. 33f.).<\/p>\n<p>Am 5. November wurde Gerhard Szczesny im Kreis seiner Familie in M\u00fcnchen beigesetzt.<\/p>\n<p>Gerhard Szczesny, Siegfried Unseld, Rudolf Augstein: \u201eWas die drei ausgezeichnet hat [\u2026], das ist die Obsession, eine Wiederholung der politischen Katastrophe, die man in der Jugend erlebt hat, mit aller Energie vermeiden zu helfen. Das hat zu diesen besonderen Leistungen gef\u00fchrt. Derlei wird nicht zu wiederholen sein\u201c. (G\u00fcnter Grass)<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[3862,656,2528,667],"autoren":[2252],"publikationen":[1210],"class_list":["post-19560","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gerhard-szczesny","tag-religion","tag-verband-nachrufe","tag-vorgaenge-artikel","autoren-thymian-bussemer-und-alexander-cammann","publikationen-vorg-160"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gerhard Szczesny - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-160\/publikation\/gerhard-szczesny\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gerhard Szczesny - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Gerhard Szczesny ist tot. 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