{"id":19619,"date":"2024-11-13T11:32:47","date_gmt":"2024-11-13T10:32:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19619"},"modified":"2024-11-13T11:32:47","modified_gmt":"2024-11-13T10:32:47","slug":"lehrlinge-die-noch-immer-vergessene-majoritaet-freie-berufswahl-und-chancengleichheit-seit-dreissig-jahren-eine-uneingeloeste-herausforderung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-163\/publikation\/lehrlinge-die-noch-immer-vergessene-majoritaet-freie-berufswahl-und-chancengleichheit-seit-dreissig-jahren-eine-uneingeloeste-herausforderung\/","title":{"rendered":"Lehrlinge &#8211; die (noch immer) vergessene Majorit\u00e4t? Freie Berufswahl und Chancengleichheit: Seit drei\u00dfig Jahren eine uneingel\u00f6ste Herausforderung"},"content":{"rendered":"<p><em>Vom gesellschaftspolitischen Standpunkt aus wirken [\u2026] die meisten Reformen der vergangenen Jahre fatal: zwar ist begonnen worden, das Bildungswesen in seiner Spitze zu verbessern und auszubauen, an der breiten Basis der Berufsausbildung ist jedoch kaum etwas geschehen. Es besteht somit ein Widerspruch zwischen dem grundgesetzlichen Gleichheitsgebot und der sozialen Realit\u00e4t, in der die Ungleichheit in der Qualit\u00e4t und der finanziellen F\u00f6rderung der beruflichen Bildung der Bev\u00f6lkerung noch erheblich verst\u00e4rkt wird.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Dietrich Winterhager, Lehrlinge \u2014 die vergessene Majorit\u00e4t, Weinheim 1970<\/p>\n<p><em>Unternehmer und Unternehmen tragen auch gesellschaftliche Verantwortung. Diese Verantwortung zeigt sich zun\u00e4chst und vor allem im Engagement f\u00fcr diejenigen, die am Anfang des Berufslebens stehen. Das ist ein zentrales Gebot der Wirtschaftsethik, aber auch der blanken N\u00fctzlichkeit f\u00fcr unsere Gesellschaft. Der Wirtschaft kann nicht erlaubt werden, sich zur\u00fcckzuziehen, sondern sie muss zu der getroffenen Verabredung zur\u00fcckkehren. Diese lautet: Jeder, der einen Ausbildungsplatz sucht und ausbildungsf\u00e4hig ist, muss einen Ausbildungsplatz bekommen. Davon k\u00f6nnen wir nicht abweichen. [\u2026] Wenn nicht, werden wir auch in diesem Bereich zu einer gesetzlichen Regelung kommen m\u00fcssen. [\u2026] Junge Menschen haben ein Recht auf neue Chancen, auf Ausbildung und dieses Recht muss ihnen die Gesellschaft gew\u00e4hren. Diesem Recht \u2014 das muss genauso klar festgestellt werden \u2014 entspricht allerdings die Pflicht, zumutbare Angebote auch anzunehmen. Geschieht dies nicht, wird dies zu Sanktionen f\u00fchren m\u00fcssen. Wir werden daf\u00fcr sorgen, dass das funktioniert.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der am 14. M\u00e4rz 2003 vor dem Deutschen Bundestag<\/p>\n<p>Wie kann das sein? 1970 und 2003 wird das \u201eRecht auf Ausbildung&#8220; f\u00fcr die Mehrheit der Jugendlichen beschworen, die nicht studieren, und gleichzeitig seine Verletzung im praktischen Alltag dieser Republik beklagt. Dreiunddrei\u00dfig Jahre und kein Fortschritt? Ist diese Gesellschaft immer nur auf dem K\u00f6nigsweg der Bildung marschiert, der mit Abitur und Studium gepflastert ist? Sind \u00fcber drei Jahrzehnte lang die Rechte der Jungen und M\u00e4dchen, die mit einer Lehre ihren Start in den Beruf beginnen wollen, str\u00e4flich missachtet worden? Fehlte den Jugendlichen eine stimmm\u00e4chtige Lobby, obwohl sie zur Mehrheit in dieser Bev\u00f6lkerung geh\u00f6ren, sind sie doch die Kinder der ungelernten Arbeiter, der Facharbeiter, der Angestellten in Wirtschaft, Handel und Handwerk, der Eltern mit kleinen Betrieben in Handwerk, Handel und Landwirtschaft? Haben sich Politik, Medien, Gewerkschaften, die \u00d6ffentlichkeit insgesamt, einlullen lassen von den Versprechungen der Wirtschaft, von Jahr zu Jahr f\u00fcr ausreichend Ausbildungspl\u00e4tze zu sorgen? Oder interessiert sich niemand ernsthaft f\u00fcr jene Jugendlichen, die in der allseits beschworenen Wissensgesellschaft mit Informationstechnik und globaler Vernetzung nicht viel im Sinn haben, sondern bodenst\u00e4ndig und ortsgebunden Maurer, G\u00e4rtnerin, Elektriker, B\u00fcrokauffrau, Koch oder Friseurin werden m\u00f6chten? Und schlie\u00dflich: Wieso kreisen drei\u00dfig Jahre lang die Fragen noch immer nahezu ausschlie\u00dflich um Zahlen \u2014 um die Zahl der Ausbildungspl\u00e4tze und um ihre Finanzierung?<\/p>\n<h3 class=\"\" style=\"text-align: center;\"><span id=\"i\">I<\/span><\/h3>\n<p>Es lohnt sich ein R\u00fcckblick auf die erste Phase der Berufsbildungsdebatte, als Ende der 1960er Jahre zum ersten Mal Bildungsforscher wie Friedrich Edding und Wolfgang D. Winterhager im Deutschen Bildungsrat auf die Misere der bundesrepublikanischen Lehrlingsausbildung aufmerksam machten. Sie durchleuchteten im Auftrag des Bundestags Kosten und Finanzierung der beruflichen Bildung und erstellten f\u00fcr den Bildungsrat Gutachten zu einer grundlegenden Reform. F\u00fcr sie geh\u00f6rten die Lehrlinge zu der \u201evergessenen Majorit\u00e4t&#8220;. In dem schmalen B\u00fcchlein, das 1970 als Band 12 der <em>Beltz Bibliothek<\/em> erschien, deckte Winterhager schonungslos auf, was die Deutschen mit ihrem g\u00e4ngigen Spruch \u201eLehrjahre sind keine Herrenjahre&#8220; nicht wahrhaben wollten: die damals 1,5 Millionen Lehrlinge waren billige Arbeitskr\u00e4fte zum Bierholen, Putzen, Fegen, Feilen. Lehrzeit als Leerzeit, nicht als Lernzeit. \u00c4ltere Lehrlinge zeigten den j\u00fcngeren, was zu tun sei, dann und wann gesellten sich Gesellen zu den Jugendlichen, die gerade erst die Kindheit hinter sich gelassen hatten. Der Meister, der eigentlich als einziger \u00fcber die Berechtigung zur Ausbildung verf\u00fcgte, lie\u00df sich in der Ausbildung nicht blicken.<\/p>\n<p>Arbeits- und Schutzgesetze galten f\u00fcr die meist 14- bis 16-j\u00e4hrigen nicht. P\u00e4dagogik in der Berufsausbildung blieb ein Fremdwort. Niemand unterband es, wenn namhafte Hotels ihren K\u00fcchenbetrieb von einem Koch und zehn Lehrlingen \u201eschmei\u00dfen&#8220; lie\u00dfen oder Lokalzeitungen neunzehn Volont\u00e4re \u201eausbildeten&#8220;, die ohne jegliche journalistische Grundbildung t\u00e4glich eine Regionalseite zu verantworten hatten. Das Handwerk bildete weit \u00fcber den eigenen Bedarf hinaus f\u00fcr die Industrie und den \u00d6ffentlichen Dienst aus. \u201eWer ist die gr\u00f6\u00dfte B\u00e4ckerei in Hessen?&#8220;, lautete in den fr\u00fchen 1970er Jahren eine R\u00e4tselfrage. Antwort: Opel in R\u00fcsselsheim. Nur in den Gro\u00dfunternehmen ging es schon damals mit Lehrwerkstatt, p\u00e4dagogischer Betreuung durch Ausbildungsmeister und Einhaltung des Jugendarbeitsschutzgesetzes geordneter zu. Doch die Zahl der j\u00e4hrlich angebotenen Pl\u00e4tze blieb klein \u2014 im Vergleich zum Handwerk.<\/p>\n<p>Aber woher kam der pl\u00f6tzliche Ansto\u00df von Wissenschaftlern, sich um die vergessene Majorit\u00e4t zu k\u00fcmmern und Reformen einzuklagen? Friedrich Edding, der damals einzige deutsche Wissenschaftler mit einem Lehrstuhl (in Berlin) f\u00fcr Bildungs\u00f6konomie, setzte auf seine Art einen ersten Schlusspunkt unter die Debatte, die Georg Picht 1964 mit der \u201edeutschen Bildungskatastrophe&#8220; begonnen und Ralf Dahrendorf ein Jahr sp\u00e4ter mit dem \u201eRecht auf Bildung&#8220; fortgesetzt hatte: Alle drei Professoren drangen auf eine Modernisierung des gesamten Bildungs- und Ausbildungssystems. Mehr Lehrer, Mobilisierung der Begabungsreserven, mehr M\u00e4dchen mit Abitur, mehr Studenten, mehr Qualit\u00e4t in der Berufsausbildung, eine gesicherte, von Konjunktur und einzelbetrieblichen Interessen unabh\u00e4ngige Finanzierung. Ihre Appelle richteten sich an Wirtschaft und Politik, den Anschluss an die technische Entwicklung, die zunehmende internationale Wirtschaftsverflechtung und die ver\u00e4nderten Anforderungen einer neu entstandenen Dienstleistungsgesellschaft nicht zu verpassen. Nicht die uneingel\u00f6ste Chancengleichheit von M\u00e4dchen und Jungen, Katholiken und Protestanten, Landkindern und St\u00e4dtern stand im Vordergrund, sondern die Nutzung von Begabungsreserven und die Verbesserung der eigenen Chancen im weltweiten Konkurrenzkampf. Bei Georg Picht taucht das Recht auf Bildung oder die Chancengleichheit nach dem Grundgesetz nicht auf. Auch Winterhager argumentierte in seiner Streitschrift f\u00fcr eine verbesserte Berufsausbildung vor allem mit der drohenden Qualifikationsl\u00fccke und einem &#8222;Altersproletariat&#8220; im Jahr 2000. Immerhin waren die Lehrlinge und ihre Vernachl\u00e4ssigung f\u00fcr ihn auch ein demokratisches Problem: \u201eDie heutigen Lehrlinge, das hei\u00dft mehr als die H\u00e4lfte der Jugendlichen, bleiben [&#8230;] bei allen Bem\u00fchungen m\u00fcndige Staatsb\u00fcrger zu erziehen und ein ,B\u00fcrgerrecht auf Bildung&#8216; zu verwirklichen, f\u00fcr einen entscheidenden Abschnitt ihres Lebens au\u00dfer acht.&#8220; Als der Bildungsforscher dies schrieb, gab es rund 1,5 Millionen Lehrlinge und 300.000 Studenten.<\/p>\n<p>Blieb die massive Einmischung der Wissenschaftler, als deren Nachhall die Bildungskommission des Deutschen Bildungsrats im Februar 1970 mit dem immer noch wegweisenden Strukturplan f\u00fcr das Bildungswesen ein schl\u00fcssiges Konzept vorlegte, folgenlos? So folgenlos, wie es die &#8222;Agenda&#8220;-Rede des Bundeskanzlers im M\u00e4rz des Jahres 2003 nahe legt? Mitnichten.<\/p>\n<p>Zehn Jahre lang stand die Reform der Lehrlingsausbildung auf der Tagesordnung von vier Bundesbildungsministern, die alle der Sozialdemokratischen Partei angeh\u00f6rten (Klaus von Dohnanyi, Helmut Rohde, J\u00fcrgen Schmude, Bj\u00f6rn Engholm), und zwei Bundeskanzlern (Willy Brandt und Helmut Schmidt). Im Berufsbildungsgesetz und im Ausbildungsplatzf\u00f6rderungsgesetz, das 1976 nach erheblichen Auseinandersetzungen mit dem wirtschaftsliberalen Koalitionspartner FDP verabschiedet wurde (mit Mehrheit im Bundestag, gegen die Mehrheit im Bundesrat), ging es im Kern um zwei Fragen. Erstens: Ist die Berufsausbildung ein Teil des Bildungssystems, das in der Verantwortung des Staates liegt, oder ist sie Teil des Arbeitsmarktes und wird nach \u201edem Recht der Wirtschaft&#8220; (Artikel 74 Grundgesetz) allein von den Interessenvertretungen der Wirtschaft (Industrie, Handel und Handwerk) \u00fcber ihre Kammern gesteuert? Und zweitens: Wenn es ein Recht auf Ausbildung gibt, muss es nach Artikel 12 des Grundgesetzes auch eine Freiheit der Berufswahl geben. Logisch leitet sich daraus ab, dass nicht nur das Angebot an Lehrstellen, welches der einzelne Betrieb f\u00fcr sich von Jahr zu Jahr neu festlegt, Ausschlag gebend sein kann, sondern auch die Nachfrage. Damit war seit den 1970er Jahren die Frage nach der Finanzierung der Berufsausbildung auf dem Tisch.<\/p>\n<p>Beide Kernfragen wurden in den harten Auseinandersetzungen der siebziger Jahre nur halbherzig beantwortet. Die Berufsbildungsplanung und -forschung sowie der j\u00e4hrliche Berufsbildungsbericht lagen in der Verantwortung des Bundesbildungsministeriums, die Federf\u00fchrung f\u00fcr die Ausbildungsordnungen, in denen mit Gesetzeskraft \u00fcber die nationalen Standards in der Ausbildung entschieden wurde und immer noch wird, blieben beim Wirtschaftsminister. Strittige Fragen wie die Qualifizierung der Ausbilder gingen jahrelang zwischen den Ressorts hin und her, die L\u00f6sungen zum Beispiel in der Ausbildungseigner-Verordnung bewegten sich stets am untersten Rand eines Kompromisses. Die Idee, die gesamte Durchf\u00fchrung der Lehrlingsausbildung in einem Bundesamt f\u00fcr Berufsbildung zu b\u00fcndeln und der Bundesanstalt f\u00fcr Arbeit einen Teil der Zust\u00e4ndigkeiten zu nehmen, scheiterte nicht zuletzt an den Gewerkschaften, die die N\u00fcrnberger Selbstverwaltung, in der sie mit Sitz und Stimme beteiligt waren, z\u00e4h verteidigten.<\/p>\n<p>Die zweite Frage entschied das Kabinett von Helmut Schmidt politisch: Eine Ausbildungs-Umlage sollte erhoben werden, wenn sich jeweils im Fr\u00fchjahr abzeichnen sollte, dass das Angebot an Lehrstellen zu Beginn des Ausbildungsjahres im September bundesweit nicht 12,5 Prozent \u00fcber der Nachfrage l\u00e4ge. Die Zahl 12,5 war gew\u00fcrfelt: Berufsbildungsforscher waren von einem Angebots\u00fcberhang von 20 Prozent ausgegangen, die Bildungspolitiker lie\u00dfen sich auf 15 herunter handeln. Doch in der sozialliberalen Koalition setzte die FDP ihren Widerstand gegen jede Form der Umlage fort, bis der Bundeskanzler entschied. Die Formel freilich blieb eine politische Drohgeb\u00e4rde: Welche Regierung beschlie\u00dft schon im April, dass das Angebot an Lehrstellen im September nicht reicht und bittet f\u00fcr den folgenden Winter zur Kasse, um dann Ausbildungspl\u00e4tze zu bezahlen? Dennoch landete das Gesetz beim Bundesverfassungsgericht. Die bayerische Staatsregierung beharrte in einem Normenkontrollverfahren darauf, dass die &#8222;Sonderabgabe&#8220; eine Steuer und daher in der L\u00e4nderkammer zustimmungspflichtig gewesen sei.<\/p>\n<p>Am 10. Dezember 1980 entschied der zweite Senat des Gerichts (2BvF 3\/77) und erkl\u00e4rte die Sonderabgabe f\u00fcr verfassungsgem\u00e4\u00df. Das Gesetz kippte der Senat dennoch, weil Umsetzung und Durchf\u00fchrung, also das Verwaltungsverfahren, der Zustimmung des Bundesrates bedurft h\u00e4tten. Zur Ausbildungs-Abgabe formulierten die Richter einen weitreichenden Satz: &#8222;Die Aufgabe, die mit Hilfe des Abgabeaufkommens erf\u00fcllt werden soll, muss [\u2026] ganz \u00fcberwiegend in die Sachverantwortung der belasteten Gruppe, nicht in die der staatlichen Gesamtverantwortung fallen. Andernfalls w\u00fcrde es sich bei der Verfolgung des Zwecks um eine \u00f6ffentliche Angelegenheit handeln, deren Lasten nur die Allgemeinheit treffen d\u00fcrfen und die deshalb nur mit von der Allgemeinheit zu erbringenden Mitteln, das hei\u00dft im wesentlichen mit Steuermitteln finanziert werden darf.&#8220; Vor \u00fcber zwanzig Jahren entschieden die Richter, dass die Lehrlinge und der &#8222;Fragenkreis der praktischen beruflichen Ausbildung&#8220; traditionell und strukturell \u201evon den in der Wirtschaft t\u00e4tigen Arbeitgebern wahrzunehmen ist.&#8220; Bei ihnen sahen sie die \u201eSachverantwortung&#8220;. Die Regierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt strich nach dem Urteil die Berufsausbildungsabgabe aus dem Gesetz.<\/p>\n<h3 class=\"\" style=\"text-align: center;\"><span id=\"ii\">II<\/span><\/h3>\n<p>\u201eWer nicht ausbildet, wird umgelegt&#8220;. Mit diesem grobschl\u00e4chtigen Slogan begannen die Jungsozialisten in der SPD und die Gewerkschaftsjugend Ende der 1990er Jahre eine erneute Debatte \u00fcber die Abgabe. Sie zogen im Vorwahlkampf 1998 den damaligen Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine und in der SPD-Bundstagsfraktion die bildungspolitische Sprecherin Edelgard Bulmahn auf ihre Seite, schlie\u00dflich drehte sich seit Jahren die gesamte Berufsbildungsdiskussion um nichts anderes als um Zahlen. Wieder und wieder handelten Bundeskanzler Helmut Kohl und seine h\u00e4ufig wechselnden Bildungsminister der Wirtschaft Versprechen ab, die weder im Westen noch im Osten Deutschlands je eingel\u00f6st wurden. Der Versuch, nach dem Fall der Mauer in den neuen Bundesl\u00e4ndern die traditionelle Lehrlingsausbildung mit Betrieb und Berufsschule zu verankern, scheiterte. Ohne Ersatz wurden die volkseigenen Betriebe, die in der DDR die Berufsausbildung in Theorie und Praxis organisiert hatten, abgewickelt. F\u00fcr die \u00dcbernahme der Berufsschulen fehlte den Kommunen nahezu alles: Lehrer, Managementkenntnisse, Geld, kleine und mittlere Unternehmen zur praktischen Ausbildung. Den (wenigen) neuen Betrieben standen schlie\u00dflich gen\u00fcgend gut ausgebildete M\u00e4nner und Frauen zwischen drei\u00dfig und vierzig zur Verf\u00fcgung. Warum also noch ausbilden und sich den Wust an Vorschriften zumuten?<\/p>\n<p>Doch auch im Westen schlug der dramatische Stellenabbau in der gewerblichen Industrie und im Handwerk auf das Angebot an Ausbildungspl\u00e4tzen durch. Wie in kaum einem Jahrzehnt zuvor mussten die Jugendlichen in Ost und West, in den Gro\u00dfst\u00e4dten und auf dem Land die Ausbildungspl\u00e4tze annehmen, die ihnen geboten wurden: in der Gastronomie in Bayern, in den Bau- und Baunebenberufen in den neuen Bundesl\u00e4ndern. Dass die Freiheit der Berufswahl auch Jungen und M\u00e4dchen mit Haupt- oder Realschulabschluss zusteht, war in den 1990er Jahren kein Thema, das Partei- oder Gewerkschaftstage bewegte. Auch bei der Wiederbelebung der Debatte \u00fcber die Abgabe ging es um den symbolischen Akt, sich von den gut verdienenden Unternehmen und den globalen Spielern, f\u00fcr die gesellschaftliche Verantwortung ein Fremdwort ist, Geld zu holen: \u201eVon oben&#8220; umzuverteilen statt von unten. Wof\u00fcr das Geld eingesetzt werden soll, wenn es denn in einem Fonds l\u00e4ge, ist bis heute unklar: Bekommen die Unternehmer Geld, wenn sie zus\u00e4tzlich ausbilden, oder erhalten die Jugendlichen ihr Lehrgeld aus dem Fonds und suchen sich selbst einen Ausbildungsplatz? Oder werden mit dem Geld Ausbildungszentren gebaut und unterhalten? Und wenn ja: in welchen Branchen?<\/p>\n<p>Diese Fragen waren bald ohnehin obsolet: In der ersten rot-gr\u00fcnen Regierungsperiode verschwand die Forderung nach der Umlage in der tiefsten Schublade der inzwischen zur Bundesbildungsministerin aufgestiegenen Edelgard Bulmahn. Stattdessen begann eine \u00fcppige staatliche Finanzierung \u00fcber das Programm \u201eJugend mit Perspektive&#8220; (Jump-Programm), \u00fcber direkte und indirekte Pr\u00e4mien an Ausbildungsbetriebe (vor allem im Osten), \u00fcber die Errichtung und den Ausbau von au\u00dferbetrieblichen Zentren, die eine vollst\u00e4ndige Ausbildung anboten. Im Westen schlossen gro\u00dfe Unternehmen ihre Lehrwerkst\u00e4tten und \u00fcbertrugen die Aufgaben Ausbildungsverb\u00fcnden, Kompetenzzentren oder Ausbildungs-Serviceagenturen (zum Beispiel ABB). Das Volkswagenwerk gliederte Aus- und Weiterbildung in ein eigenst\u00e4ndiges Unternehmen aus. Den Nachwuchs im Handwerk f\u00f6rderte das Bundesministerium mit einer Ausweitung der staatlichen Ausbildungsf\u00f6rderung auf die Gesellen. Nach gro\u00dfen Anlaufschwierigkeiten etablierte sich in den letzten Jahren das so genannte Meister-Baf\u00f6g als eine staatlich gef\u00f6rderte Aufstiegsm\u00f6glichkeit im Handwerk. Eine grundlegende Neuordnung und damit verbunden auch eine Aufwertung der Handwerksberufe nach Branchen, eine Reform der Kammern und des gro\u00dfen Bef\u00e4higungsnachweises (besser bekannt als Meisterpr\u00fcfung) scheiterten an den Z\u00fcnften und ihren Interessenvertretungen.<\/p>\n<p>Ohne Ausbildungsabgabe schritt in den letzten f\u00fcnf Jahren mit einer F\u00fclle von Einzelma\u00dfnahmen die \u201eheimliche&#8220; Verstaatlichung der Berufsausbildung fort. In den neuen Bundesl\u00e4ndern sprechen die Berufsbildungsexperten schon l\u00e4ngst nicht mehr von einem &#8222;dualen System&#8220;, h\u00f6chstens von einem &#8222;trialen System&#8220; von Ausbildungszentrum, Berufsschule und Betrieb. Zumindest bei der Finanzierung mischt der Staat im Osten kr\u00e4ftig mit: siebzig bis achtzig Prozent der Ausbildungspl\u00e4tze sind subventioniert \u2014 aus Steuermitteln (<em>vgl. Berufsbildungsbericht<\/em> <em>2003<\/em> und das dazugeh\u00f6rige Minderheitsvotum der Arbeitnehmervertreter). Die Ma\u00dfnahmen, in denen Jugendliche zwischen dem Schulabgang und einer m\u00f6glichen Lehre &#8222;Warteschleifen&#8220; drehen, ihre fehlende Ausbildungsreife oder Schulabschl\u00fcsse nachholen, werden \u00fcber die Bundesanstalt f\u00fcr Arbeit oder Sonderprogramme der L\u00e4nder finanziert und summieren sich auf \u00fcber 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. Ein reibungsloser \u00dcbergang von der Schule in die Berufsausbildung gelingt vielen Jugendlichen schon lange nicht mehr: Rund 35.000 Schulabg\u00e4nger landeten im vergangenen Jahr in Auffangma\u00dfnahmen. Seit der Hartz-Kommission sind diese Ma\u00dfnahmen sch\u00f6ngetauft worden und nennen sich jetzt &#8222;Ausbildungsvorbereitung&#8220;, ohne dass Lehrern wie Jugendlichen klar w\u00e4re, auf welche Ausbildung sie denn vorbereiten. Die Jugendlichen geh\u00f6ren zu den Abgestempelten, Ausgegrenzten und durch das deutsche Schulsystem Aussortierten. Je niedriger und je schlechter ihr Schulabschluss ist, um so gr\u00f6\u00dfer sind die Probleme der Integration in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. In Gro\u00dfst\u00e4dten und den Stadtstaaten h\u00e4ufen sich die Probleme: Je schlechter das Image eines Stadtteils ist, umso gr\u00f6\u00dfer sind die Schwierigkeiten der Kinder und Jugendlichen, gef\u00f6rdert und gefordert zu werden, die gleichen Chancen in der Schule und der Berufsausbildung zu haben wie die Kinder aus &#8222;besseren&#8220; Stadtteilen. Die \u201eSachverantwortung&#8220;, die die Verfassungsrichter 1980 noch klar bei &#8222;der Wirtschaft&#8220; sahen, ist in der Verfassungswirklichkeit des 21. Jahrhunderts f\u00fcr einen Teil der jungen Generation l\u00e4ngst an Bund, L\u00e4nder und Kommunen, an die Bundesanstalt f\u00fcr Arbeit sowie die zahllosen Tr\u00e4ger der Jugend- und Sozialhilfe \u00fcbergegangen.<\/p>\n<p>Das gilt nicht nur f\u00fcr die Auffangma\u00dfnahmen des Bundes. Auch in den L\u00e4ndern hat sich die &#8222;Sachverantwortung&#8220; verschoben. Der Weg in den Beruf ist nicht mehr zweigleisig: Lehre oder Studium &#8211; das galt noch 1970, als Winterhager an seine vergessene Majorit\u00e4t erinnerte und mehr Qualit\u00e4t auch f\u00fcr die nichtakademischen Berufswege einklagte. Seit dem Urteil der Karlsruher Richter, verst\u00e4rkt aber seit den 1990er Jahren, haben sich in den L\u00e4ndern vielf\u00e4ltige Haupt-, Neben- und Seitenwege etabliert, die auch zu Berufen f\u00fchren. Die unterschiedlichen Wege entfernen sich von dem traditionellen \u201edualen System&#8220;, in dem ein Jugendlicher mit einem Unternehmen einen Ausbildungsvertrag abschlie\u00dft. Die Zahlen sprechen eine eigene Sprache. Von 1970 bis 2000 sind die offiziell registrierten Lehrverh\u00e4ltnisse mehr oder weniger bei rund 1,5 Millionen geblieben. Aus den damals rund 300.000 Studenten wurden 1,8 Millionen; die un\u00fcbersichtlichen vollschulischen Ausbildungsangebote d\u00fcrften weit \u00fcber einer halben Million liegen. Die Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse zeigen vor allem, was sich gesellschaftlich verschoben hat. Zwar versucht auch heute noch die Mehrheit der Schulabg\u00e4nger, den Start in den Beruf \u00fcber ein Ausbildungsverh\u00e4ltnis zu organisieren, aber Lehre wie auch Schulausbildungen sind h\u00e4ufig nur Durchgangsstationen: an den Fachhochschulen bringt heute nahezu jeder dritte Student einen Ausbildungsabschluss mit. In der Praxis entfernt sich die Entwicklung immer weiter von der klassischen Lehrlingsausbildung.<\/p>\n<p>Jenseits aller parteipolitischen oder ideologischen Bekenntnisse zum dreigliedrigen Schulsystem und dem &#8222;dualen System&#8220; verf\u00fcgt derzeit Baden-W\u00fcrttemberg \u00fcber die vielf\u00e4ltigste Bildungs- und Ausbildungslandschaft: Berufliche Gymnasien, Berufsakademien, berufliche Vollzeitschulen, Schulen f\u00fcr die Gesundheitsberufe, \u201eduale Ausbildung&#8220; auf dem Niveau der Fachhochschule. Vollg\u00fcltige Berufe (wie die Altenpflegerin) werden in Schulen gelehrt und gelernt, zwischen Hochschulen und Unternehmen gibt es Vertr\u00e4ge \u00fcber praktische Studienabschnitte und Austauschsemester: der Auszubildende ist allerdings Student. Die Vielfalt der Wege f\u00fchrt im Land von Daimler und Bosch, von Handwerkstradition und Kleinbetrieben zu Konsequenzen. Als \u201emodern&#8220; gelten in den Augen der Jugendlichen die Angebote in den Schulen, Akademien und Hochschulen. Eine Ausbildung im Handwerk ist selbst f\u00fcr Hauptsch\u00fcler nur zweite Wahl, wie eine Befragung des Baden-W\u00fcrttembergischen Handwerkskammertages belegt. Wer es sich von den Noten her leisten kann, wagt den Sprung in weiterf\u00fchrende, berufsqualifizierende Schulen, nicht in die Lehre. Das Handwerk ist f\u00fcr den \u201eRest&#8220;, nicht sehr geachtet und beliebt. Damit verliert das Handwerk nicht nur seinen goldenen Boden, sondern auch seine bisher unangefochtene und einflussreiche gesellschaftliche Stellung. Eine \u00e4hnliche Entwicklung ist im \u00dcbrigen (trotz einer zentralen Umlage) im Nachbarland Frankreich zu beobachten, wo in der Provinz Tischlereien, B\u00e4ckereien, Gastst\u00e4tten wegen Nachwuchsmangel verschwinden und eine Kultur der kleinen Gesch\u00e4fte und Betriebe wegbricht.<\/p>\n<p>Folgenreich ist die schleichende Verstaatlichung auch f\u00fcr die Gewerkschaften. Ihnen rutscht quasi unter der Hand ein wesentliches Argument f\u00fcr ihr Engagement zu Gunsten der traditionellen Berufsausbildung weg: Bisher warben sie mit der Ausbildungsverg\u00fctung, die in den j\u00e4hrlichen Tarifverhandlungen oft eine wichtige Rolle gespielt hat und f\u00fcr viele Jugendliche ein Ansto\u00df zum Eintritt in die Gewerkschaft war. Zwar spielt bei den jugendlichen Bewerbern die Ausbildungsverg\u00fctung noch immer eine wichtige Rolle, weil sie damit \u201eeigenes Geld&#8220; verdienen. Aber nicht um jeden Preis und um jeden Lehrvertrag. Vor allem die jungen Frauen gehen seit rund zehn Jahren eigene Ausbildungswege in (fach)schulischen Systemen. Die aufw\u00e4ndigen Modellversuche Ende der 1970er Jahre \u201eM\u00e4dchen in M\u00e4nnerberufe&#8220; blieben einmalig, neue Perspektiven \u00f6ffneten sich dadurch kaum. Im Gegenteil: Alle Versuche, das auf den m\u00e4nnlichen Facharbeiter ausgerichtete Ausbildungssystem gleichberechtigt auf beide Geschlechter auszuweiten, sind gescheitert. Die gesamte Breite der neuen Berufe im Gesundheitswesen, eine weibliche Dom\u00e4ne, ist \u201eder Wirtschaft&#8220; und damit auch den Tarifvertragsparteien entzogen. K\u00e4me es in Deutschland (mit Zustimmung der L\u00e4nderkammer) je zu einem Ausbildungsfonds, st\u00fcnde die Ausbildungsverg\u00fctung zur Disposition, denn ein Anrecht auf eine Finanzierung der Berufsausbildung oder ein Anrecht auf ein Ausbildungsgeld h\u00e4tten alle jungen M\u00e4nner und Frauen, welchen Weg in den Beruf sie auch w\u00e4hlen. Bedacht worden sind diese Folgen weder von den Gewerkschaften noch von den Jusos oder der SPD insgesamt.<\/p>\n<h3 class=\"\" style=\"text-align: center;\"><span id=\"iii\">III<\/span><\/h3>\n<p>Nun also, im Jahr 2003, erneut ein Aktivit\u00e4tsschub einer sozialdemokratisch gef\u00fchrten Bundesregierung. Die Zahl der Bewerber um Lehrstellen steigt und steigt, zumindest bei den Arbeits\u00e4mtern, die Zahl der Ausbildungsbetriebe nimmt st\u00e4ndig weiter ab. Nur die H\u00e4lfte der Unternehmen und Betriebe, die \u00fcber eine Ausbildungsberechtigung verf\u00fcgen, stellt tats\u00e4chlich Lehrlinge ein, im Schnitt sind es 2,6 Lehrlinge je Betrieb im Alter von rund 19 Jahren (<em>Berufsbildungsbericht 2003<\/em>). Jugendliche mit Migrationshintergrund haben immer geringere Chancen, einen Ausbildungsvertrag zu bekommen. Ihre Zeugnisse und Schulabschl\u00fcsse sind in den 1990er Jahren ebenfalls schlechter geworden. Vierzig Prozent der 15-j\u00e4hrigen, die an dem weltweiten PISA-Test teilgenommen haben, lagen unter jener Kompetenzstufe III, die Wissen, F\u00e4higkeiten und Kenntnisse f\u00fcr eine Ausbildungsreife misst. Die soziale Herkunft entscheidet in Deutschland nach wie vor \u00fcber Chancen und Karrieren, in der Schule, beim Berufsstart und auf dem Arbeitsmarkt. In keinem vergleichbaren Industrieland funktioniert die soziale Selektion und der Ausschluss von der gesellschaftlichen Teilhabe so nachweisbar wie in Deutschland, urteilten die Bildungsforscher des Max-Planck-Instituts in ihren Studien zu den PISA-Tests.<\/p>\n<p>Und die Antwort der rot-gr\u00fcnen Bundesregierung auf diese undemokratischen Tatbest\u00e4nde? Sie setzt f\u00fcr f\u00fcnf Jahre (und damit dauerhaft) die Ausbildungseignungsverordnung aus und hebt die ohnehin nicht sehr hohen Qualit\u00e4tsstandards f\u00fcr die Eignung der Ausbilder auf; f\u00fcr die Breite der Handwerksberufe soll der Meisterzwang nicht mehr oder nur noch freiwillig gelten. Damit durchkreuzt die Regierung ihren eigenen Schritt zu einer gleichberechtigten Ausbildungsf\u00f6rderung von Sch\u00fclern, Studenten und erfolgreichen Lehrlingen: Wozu dient das in der letzten Legislaturperiode erst eingef\u00fchrte Meister-Baf\u00f6g noch, wenn der bisherige Aufstieg zum Ausbilder und Meister (politisch wie gesetzlich) nicht mehr gefragt ist? Und das m\u00fchselige Gesch\u00e4ft, \u00fcber eine p\u00e4dagogische Qualifizierung der Ausbilder auch Verantwortlichkeit zu wecken und zu st\u00e4rken, ist als gescheitert zu betrachten. Am 1. Juli dieses Jahres ist mit 300 Millionen Euro ein weiteres &#8222;Jump plus&#8220;-Programm f\u00fcr 100.000 benachteiligte Jugendliche angelaufen, gleichzeitig wurden mit der Umsetzung des so genannten Hartz-Konzepts die ausbildungsbegleitenden Programme der Arbeits\u00e4mter f\u00fcr ebendiese Gruppe von Jugendlichen drastisch gek\u00fcrzt. Und schlie\u00dflich noch die doppelte Drohgeb\u00e4rde des Kanzlers in seiner &#8222;Agenda&#8220;-Rede: Gesetzliches Handeln, wenn die Wirtschaft bis zum 30. September 2003 nicht gen\u00fcgend Pl\u00e4tze schafft, Sanktionen f\u00fcr die Jugendlichen, wenn sie vorhandene Angebote nicht annehmen. Aus dem Mund des Kanzlers t\u00f6nt der strafende Staat: \u201eWir werden daf\u00fcr sorgen, dass das funktioniert.&#8220;<\/p>\n<p>Aber was eigentlich soll funktionieren? Die reibungslose Unterbringung der Jugendlichen in irgendwelchen Unternehmen, die eigentlich \u00fcberhaupt nicht ausbilden wollen und es auch nicht k\u00f6nnen? Das Einsammeln von Geld aus kleinen und mittleren Unternehmen mit bis zu f\u00fcnfzig Besch\u00e4ftigten? Sie sind es schlie\u00dflich, die sich in den letzten f\u00fcnfzehn Jahren vor allem aus der Ausbildung zur\u00fcckgezogen haben, w\u00e4hrend \u00fcber neunzig Prozent der gro\u00dfen Betriebe mit \u00fcber 500 Besch\u00e4ftigten nach wie vor ausbilden \u2014 wenn auch zahlenm\u00e4\u00dfig weniger. Soll die Entfernung der Jugendlichen aus der Bewerberstatistik \u201efunktionieren&#8220;, weil es Jungen und M\u00e4dchen, die oft ein robustes Selbstwertgef\u00fchl haben, ablehnen, irgendein Angebot in einem Betrieb anzunehmen, der m\u00f6glicherweise in der eigenen Zunft schief angesehen ist, weil er keinen Meisterbrief \u00fcber der T\u00fcr h\u00e4ngen hat?<\/p>\n<p>Hat denn niemand im Bundeskanzleramt zur Kenntnis genommen, dass schon jetzt jeder vierte Ausbildungsvertrag wieder gel\u00f6st wird, weil es zu Auseinandersetzungen zwischen Ausbilder und Auszubildendem gekommen war? Um wen und um was geht es der Bundesregierung eigentlich bei ihrem Aktivit\u00e4tsschub? Um die Chancen und Rechte der Jugendlichen? Mit Strafen und Sanktionen werden sie nicht eingel\u00f6st. Die Politik f\u00fcr die Mehrheit der Jugendlichen, die sich erst in der Schule, dann zwischen Schule und Arbeitsmarkt irgendwie durchwursteln m\u00fcssen, ist Flickwerk geblieben: Ein Krisenmanagement ohne System. Also doch seit Jahrzehnten eine vergessene Majorit\u00e4t?<\/p>\n<p>Die jungen Frauen und M\u00e4nner, die ihren m\u00fchselig gewordenen Weg in die Berufs-und Arbeitsgesellschaft suchen, tauchen Jahr f\u00fcr Jahr als statistische Gr\u00f6\u00dfe in der \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung auf. Was fehlt, wird kurzatmig und eher schlecht als recht mit Geld verwaltet. Eine Politik der nachhaltigen Ermutigung, der Unterst\u00fctzung und der Zuwendung bleibt der Majorit\u00e4t versagt. Vom Vergessen zur Lieblosigkeit. Zu verantworten hat diese Entwicklung ausgerechnet eine Generation, die weder in der eigenen Schulzeit, noch in der Ausbildung oder im Studium von \u00c4ngsten vor Arbeitslosigkeit geplagt worden ist. Welch&#8216; eine Ignoranz oder gar Arroganz der politischen Klasse.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[3885,653,3883,3884,3877,3576,3211,667],"autoren":[134],"publikationen":[1207],"class_list":["post-19619","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-auszubildende","tag-bildung","tag-chancengleichheit","tag-lehrlinge","tag-menschenrecht-auf-bildung","tag-recht-auf-bildung","tag-soziale-menschenrechte","tag-vorgaenge-artikel","autoren-jutta-roitsch","publikationen-vorg-163"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Lehrlinge - die (noch immer) vergessene Majorit\u00e4t? 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