{"id":19621,"date":"2024-11-13T11:38:54","date_gmt":"2024-11-13T10:38:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19621"},"modified":"2024-11-13T11:38:54","modified_gmt":"2024-11-13T10:38:54","slug":"zeit-fuer-ein-grundlegendes-umdenken-die-hierarchisierung-im-bildungssystem-muss-ueberwunden-werden","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-163\/publikation\/zeit-fuer-ein-grundlegendes-umdenken-die-hierarchisierung-im-bildungssystem-muss-ueberwunden-werden\/","title":{"rendered":"Zeit f\u00fcr ein grundlegendes Umdenken: Die Hierarchisierung im Bildungssystem muss \u00fcberwunden werden*"},"content":{"rendered":"<p>Seit Jahren stellt das Handwerk in Deutschland einen zunehmenden Mangel an qualifiziertem Nachwuchs fest. Die Ausbildungssituation im Handwerk ist Besorgnis erregend. Als zentrale Probleme wurden vor allem r\u00fcckl\u00e4ufige Lehrlingszahlen und eine abnehmende Ausbildungsreife der Schulabg\u00e4nger identifiziert. Diese Misere hat der Baden-W\u00fcrttembergische Handwerkstag (BWHT) zum Anlass genommen, um sich mit einem Positionspapier in die bildungspolitische Diskussion einzumischen. Er setzt sich damit f\u00fcr einen offenen bildungspolitischen Dialog jenseits von Schuldzuweisungs- und Rechtfertigungsritualen ein. Es geht ihm darum, auf der Grundlage der bisherigen Erfahrungen die Leistungsf\u00e4higkeit des Bildungssystems nachhaltig zu verbessern. Im Folgenden wird der Versuch unternommen, die Hintergr\u00fcnde zu beleuchten, die das baden-w\u00fcrttembergische Handwerk zur Formulierung seiner ungew\u00f6hnlichen bildungspolitischen Positionen bewogen haben.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst zum Umfang des Problems und seinen Ursachen:<\/p>\n<p>\u2014 Im Jahr 2002 wurden in Baden-W\u00fcrttemberg rund 5.000 Lehrlinge weniger als im Jahr 1999 ausgebildet. Dies entspricht einem R\u00fcckgang um 7 Prozent (vgl. Baden- W\u00fcrttembergischer Handwerkstag 2003: 69f.; Ders. 2000: 79f.). Bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsvertr\u00e4gen wurde im selben Zeitraum ein R\u00fcckgang um fast 10 Prozent von 24.000 auf 22.000 Auszubildende registriert.<\/p>\n<p>\u2014 22,7 Prozent der Ausbildungsanf\u00e4nger im Handwerk hatten im Jahr 2001 eine Mittlere Reife und 3,4 Prozent eine Hochschulreife vorzuweisen (vgl. Baden-W\u00fcrttembergischer Handwerkstag 2003: 71f.). Die Zahl der Ausbildungsanf\u00e4nger ohne Schulabschluss ist mit 3,2 Prozent fast so hoch wie die Zahl jener mit (Fach-)Hochschulreife und liegt weit h\u00f6her als die Zahl derjenigen mit Abitur.<\/p>\n<p>\u2014 Viele Lehrstellen im Handwerk bleiben unbesetzt, weil geeignete Bewerber fehlen (vgl. Baden-W\u00fcrttembergischer Handwerkstag 2002b). Eine Umfrage des BWHT vom September 2002 ergab, dass 28,7 Prozent der Ausbildungsbetriebe im Handwerk offene Lehrstellen hatten. Diese Zahl an offenen Lehrstellen blieb trotz schlechter Konjunkturlage und steigenden Schulabg\u00e4ngerzahlen im Vergleich zum Vorjahr mit 29 Prozent auf dem gleichen Niveau.<\/p>\n<p>\u2014 Die mangelnde Ausbildungsreife der Schulabg\u00e4nger f\u00fchrt dazu, dass viele Lehrlinge aufgrund von \u00dcberforderung ihre Ausbildung abbrechen. Dies belegt eine Umfrage des EMNID-Instituts im Auftrag des Westdeutschen Handwerkskammertages (2002).<\/p>\n<p class=\"\">Die Konsequenzen f\u00fcr die Ausbildung nicht nur im Handwerk sind fatal:<\/p>\n<p>\u2014 Angesichts der wirtschaftlichen und \u00f6konomischen Ver\u00e4nderungen steigen die Anforderungen an die Arbeitskr\u00e4fte, aber qualifizierte Bewerber fehlen.<\/p>\n<p>\u2014 In der Folge gehen Lehrstellen verloren. Dadurch reduziert sich f\u00fcr die Betriebe das Potenzial an dringend ben\u00f6tigten Arbeitskr\u00e4ften, und f\u00fcr die Jugendlichen verringern sich zugleich die Chancen auf Ausbildungs- und Arbeitspl\u00e4tze.<\/p>\n<p>\u2014 Viele Auszubildende sind von Beginn ihrer Ausbildung an auf unterst\u00fctzende Ma\u00dfnahmen seitens der Arbeitsverwaltung oder des Betriebes angewiesen.<\/p>\n<p>\u2014 Die Abbrecher- und Durchfallquoten sind sowohl in der Gesellen- als auch in der Meisterpr\u00fcfung sehr hoch.<\/p>\n<p>\u2014 Die Zahl der Lehrlinge mit \u00fcberdurchschnittlicher Leistung geht kontinuierlich zur\u00fcck. Es fehlen die Leistungseliten.<\/p>\n<p>Die hohe Konzentration von leistungsschwachen Sch\u00fclern bzw. Mitarbeitern im Handwerk wirkt sich negativ auf das Ansehen und die Attraktivit\u00e4t der Handwerksausbildung bzw. der Handwerksberufe aus. Zudem bewirken mangelnde Informationen und eine unzureichende Berufsorientierung eine Verfestigung der vorhandenen Vorurteile. Das Handwerk kommt in eine Abw\u00e4rtsspirale aus der es sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien kann. Alle unsere bisherigen Bem\u00fchungen und s\u00e4mtliche Reformversuche der letzten Jahre haben die Probleme des Handwerks nicht wirklich l\u00f6sen k\u00f6nnen. Wir befinden uns in der paradoxen Situation, dass die Zahl der Schulabg\u00e4nger zwar steigt, die Ausbildungsstellen im Handwerk aber unbesetzt bleiben.<\/p>\n<p>All diese Symptome deuten auf einen tiefgreifenden Umbruch hin, nicht auf ein zeitlich begrenztes Ph\u00e4nomen. Um die Ursachen dieses Problems zu identifizieren, hat der Baden-W\u00fcrttembergische Handwerkstag eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die mit Unterst\u00fctzung des Wirtschafts- und des Kultusministeriums Baden-W\u00fcrttemberg von der Akademie f\u00fcr Technikfolgenabsch\u00e4tzung (TA-Akademie) durchgef\u00fchrt wurde. F\u00fcr diese Studie wurden rund 1.100 Sch\u00fcler aller Schularten in vier Bezirken Baden-W\u00fcrttembergs sowie landesweit 1.100 Auszubildende des Handwerks befragt. Die Ergebnisse der Untersuchung (vgl. Hampel et al. 2003) sind alarmierend: &#8222;Die Attraktivit\u00e4t des weiteren Verbleibs im Bildungssystem ist enorm gro\u00df&#8220;, so ein zentrales Ergebnis der Studie der TA- Akademie (vgl. ebd.: 15). 73 Prozent der befragten Sch\u00fclerinnen und 66 Prozent der Sch\u00fcler gaben an, nach dem Abschluss der Schule eine weiterf\u00fchrende Schule besuchen zu wollen. Die Jugendlichen streben also keinen Wechsel ins Berufsleben und auch keine berufliche Ausbildung an, sondern verbleiben im schulischen Bildungssystem. \u00dcber ein Drittel der Haupt- und Realsch\u00fcler h\u00e4lt eine weiterf\u00fchrende Schulbildung f\u00fcr sehr attraktiv (vgl. ebd.: 16). Dazu kommen noch 29 Prozent der Real- und 39 Prozent der Hauptsch\u00fcler, die glauben, dass eine weiterf\u00fchrende Schulbildung f\u00fcr sie eher in Frage kommt. Insgesamt ist daher das Interesse am Besuch weiterf\u00fchrender Schulen bei Hauptsch\u00fclern mit -76,8 Prozent noch gr\u00f6\u00dfer als bei Realsch\u00fclern mit 65,9 Prozent. Was die Attraktivit\u00e4t einer Ausbildung im Handwerk betrifft, so erbrachte die Studie ein ern\u00fcchterndes esuitat: An einer handwerklichen Ausbildung sind lediglich 21,1 Prozent der Hauptsch\u00fcler, 10,7 Prozent der Realsch\u00fcler und 0,4 Prozent der Gymnasiasten stark interessiert (ebd.).<\/p>\n<p>Diese Priorit\u00e4tensetzung der Jugendlichen ist auch handlungsrelevant. Nach Auskunft der Lehrer besucht jeweils mindestens die H\u00e4lfte der Schulabg\u00e4nger von Haupt- und Realschulen im Anschluss an den ersten Abschluss weiterf\u00fchrende Schulen. Dabei wird von Haupt- und Realschullehrern darauf hingewiesen, dass ein gro\u00dfer Teil der Sch\u00fcler selbst dann auf weiterf\u00fchrtilde Schulen geht, wenn die f\u00fcr einen erfolgreichen Schulbesuch erforderlichen schulisch&amp;I Leistungen nicht vorliegen (ebd.). &#8222;F\u00fcr die Handwerksausbildung hat dieser Trend eine fatale Konsequenz: Sch\u00fcler weiterf\u00fchrender Schulen sind kaum noch f\u00fcr das Handwerk zugewinnen.&#8220; (ebd: 17) Diejenigen, die eine weiterf\u00fchrende Schule besuchen wollen oder ein Studium anstreben, glauben, dass sie etwas Besseres verdient haben, als eine Handwerksausbildung, denn daf\u00fcr gen\u00fcge der Hauptschulabschluss. Wer also mehr als einen Hauptschulabschluss vorzuweisen hat, der f\u00fchlt sich zu H\u00f6herem geboren als zu einer Ausbildung im Handwerk. Wenn man sich aber die Entwicklung der Sch\u00fclerzahlen in den einzelnen Schularten ansieht, wird deutlich, dass die Hauptschule immer mehr an Bedeutung verliert. W\u00e4hrend 1970 noch 70 Prozent der Grundsch\u00fcler auf die Hauptschule \u00fcberwechselten, waren es im Jahre 2002 33 Prozent (vgl. Statistisches Landesamt Baden-W\u00fcrttemberg 2000). Das Handwerk verliert parallel zum Niedergang der Hauptschule nach und nach sein Reservoir an potenziellen Auszubildenden.<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzt wird dieser Trend durch eine weitere Beobachtung: Auch die Lehrer bewerten den Verbleib im Bildungssystem offenbar h\u00f6her als eine duale Ausbildung. &#8218;Nach Auffassung der befragten Sch\u00fcler w\u00fcrden lediglich 18,4 Prozent der Hauptschullehrer die Entscheidung eines Sch\u00fclers f\u00fcr das Handwerk ohne Einschr\u00e4nkung begr\u00fc\u00dfen, w\u00e4hrend 24 Prozent sie \u201eeher begr\u00fc\u00dfen&#8220;, also unter Umst\u00e4nden gut hei\u00dfen w\u00fcrden (ebd.:28). Bei den Realschullehrern liegen diese Werte bei 3,1 Prozent bzw. bei 17,1 Prozent. Und bei den Gymnasiallehrern bei 1,8 Prozent und 4,7 Prozent.<\/p>\n<p>Das Fazit der Studie: &#8222;Das gegliederte Schulsystem f\u00fchrt zu einer ,Vers\u00e4ulung&#8216; beruflicher Erwartungen. Das Handwerk sei, so der Tenor an Realschulen und Gymnasien, etwas f\u00fcr Hauptsch\u00fcler. Diese Segregation der Berufserwartungen f\u00fchrt dazu, dass selbst Hauptsch\u00fcler, die an einer Werkrealschule die Mittlere Reife anstreben, vom Handwerk kaum noch gewonnen werden k\u00f6nnen. Diese fixe Verkn\u00fcpfung von schulischer und beruflicher Ausbildung wird der Differenziertheit des Arbeitsmarktes nicht mehr gerecht. Aus arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkten w\u00e4re zu \u00fcberlegen, ob ein hierarchisches Schulsystem, das einseitig kognitive F\u00e4higkeiten entwickelt, dem differenzierten Arbeitskr\u00e4ftebedarf Rechnung tragen kann&#8220; (ebd.: 45)<\/p>\n<h3 class=\"\">Das Schulsystem vor neuen Heraus&shy;for&shy;de&shy;rungen<\/h3>\n<p>Die PISA-Studie hat belegt, dass ein gro\u00dfer Teil der deutschen Sch\u00fcler erhebliche Leistungsdefizite aufweist. Die Studie der baden-w\u00fcrttembergischen TA-Akademie zeigt, dass die besseren Sch\u00fcler sich nicht f\u00fcr eine Ausbildung im Handwerk interessieren. Zusammengenommen bedeutet dies, dass Handwerks- und Industriebetriebe ihren Bedarf an qualifizierten Nachwuchskr\u00e4ften angesichts steigender beruflichen Anforderungen k\u00fcnftig kaum mehr decken k\u00f6nnen. Dabei muss man bedenken, dass diese Problematik derzeit durch die steigenden Schulabg\u00e4ngerzahlen entsch\u00e4rft wird. Wenn aber erst einmal der demographisch bedingte R\u00fcckgang an Sch\u00fclerzahlen einsetzt, wird die Krise des dualen Ausbildungssystems sich noch weiter versch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Situationsanalyse ist der Baden-W\u00fcrttembergische Handwerkstag zu dem Schluss gekommen, dass die bestehenden Probleme nicht mehr mit den herk\u00f6mmlichen Ma\u00dfnahmen und Instrumenten gel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Wir halten vielmehr eine grundlegende Reform des Schulsystems f\u00fcr erforderlich. Dieser darf auch von der \u201aheiligen Kuh&#8216; der deutschen Bildungspolitik, dem dreigliedrigen Schulsystem nicht Halt machen.<\/p>\n<p>Der Erosionsprozess, in den das Schulsystem in Form von drei parallel organisierten, konkurrierenden Schularten l\u00e4ngst geraten ist, ist tiefgreifend und unserer Auffassung nach nicht mehr aufzuhalten. Dies l\u00e4sst sich an drei Punkten festmachen:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Gliederung der Berufsbildung in einen Zweig f\u00fcr \u201eErwerbst\u00e4tige&#8220; (Hauptschule), einen f\u00fcr \u201everwaltende&#8220; T\u00e4tigkeiten (Realschule) und einen dritten f\u00fcr \u201eF\u00fchrungsaufgaben&#8220; (Gymnasium) ist mit der Wirklichkeit des Arbeitslebens l\u00e4ngst nicht mehr vereinbar. Der Meister eines Kfz-Betriebs hat alle drei Aufgabenbereiche zu erf\u00fcllen: anpacken, verwalten, anleiten. Diese immer weiter zunehmende Komplexit\u00e4t von beruflichen Rollen wird durch das dreigliedrige Schulsystem ignoriert: Die \u201eh\u00f6here Schule&#8220;, die \u201eMittel-&#8220; Schule und die \u201euntere&#8220; Ebene. Und innerhalb dieser Systematik wurden den drei Schulformen ebenso folgerichtig wie falsch die spezifischen Bildungsinhalte zugeordnet und in Schulartprofilen und Bildungspl\u00e4nen festgeschrieben.<\/li>\n<li>Die Einteilung der Menschen in so genannte \u201epraktisch Begabte&#8220;, \u201epraktisch\/theoretisch Begabte&#8220; sowie \u201etheoretisch Begabte&#8220; ist rein willk\u00fcrlich und h\u00e4lt einer wissenschaftlichen Betrachtung nicht stand.<\/li>\n<li>In keiner Schulart befinden sich heute mehr jene Sch\u00fcler, f\u00fcr die sie urspr\u00fcnglich konzipiert wurde. Das Gymnasium bildet nicht nur F\u00fchrungskr\u00e4fte aus, die Realschule nicht nur Kleinunternehmer und Beamte und die Hauptschule nicht nur Facharbeiter.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Wesentlichen sind es zwei Ursachen, die zu den Verwerfungen im System gef\u00fchrt haben. Zu nennen ist zun\u00e4chst die fr\u00fche Zuordnung der Kinder zu Schularten. In keinem anderen Land der Welt wird so fr\u00fch und so strikt selektiert wie in der Bundesrepublik. Neben der Mehrheit der deutschen Bundesl\u00e4nder wagen es weltweit lediglich \u00d6sterreich, Lichtenstein, einige Schweizer Kantone und Portugal, Kinder so fr\u00fch auf Bildungskarrieren festzulegen. (vgl. Klafki 2000:5). Hinzu kommt die Hierarchisierung des Schulwesens. Seitens der Politik wird ein hierarchischer Aufbau des Sekundarschulwesens geleugnet. <em>De facto<\/em> handelt es sich jedoch um eine weitgehende Hierarchisierung. Dies wird auch von der Elternschaft so verstanden und gesellschaftlich so konnotiert. Schulbesuch wird damit zur Statusfrage. Je mehr konkurrierende Schularten es gibt, um so st\u00e4rker vermag sich eine Hierarchisierung auszupr\u00e4gen. Je &#8222;niedriger die Schulart&#8220;, die besucht wird, desto gr\u00f6\u00dfer der Wunsch der dort Beschulten nach h\u00f6heren Abschl\u00fcssen.<\/p>\n<p>Angesichts der skizzierten Situation und der demographischen Entwicklung k\u00f6nnen wir uns aber kein Aussortieren von jungen Menschen mehr erlauben. Wir sind auf jeden angewiesen und m\u00fcssen uns um jeden k\u00fcmmern. Wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, die Differenzierung des Systems bzw. die Differenzierung nach Schularten in den Vordergrund zu stellen und dazu \u00fcbergehen, mehr in Vertrauen zu investieren; die Sch\u00fcler mehr zu f\u00f6rdern und herauszufordern. Wir m\u00fcssen den Kindern und Jugendlichen Zeit zur Pers\u00f6nlichkeitsentfaltung geben, damit sie das anstreben, was sie wirklich interessiert. Deshalb setzt sich das Handwerk f\u00fcr mehr individuelle F\u00f6rderung und eine neue Struktur im Bildungssystem ein. Wir brauchen tiefgreifende Reformen, weil<\/p>\n<p>a) sich die Qualit\u00e4t der Sch\u00fclerleistungen trotz vielf\u00e4ltiger Reformbem\u00fchungen nicht sp\u00fcrbar verbessert hat;<\/p>\n<p>b) die Sch\u00fclerleistungen nicht mehr mit den Anforderungen der Berufswelt \u00fcbereinstimmen;<\/p>\n<p>c) sich das Bildungsverhalten der Jugendlichen und ihrer Eltern ver\u00e4ndert hat;<\/p>\n<p>d) der Druck der Auslese von den Grundschulen genommen werden muss;<\/p>\n<p>e) die Stigmatisierung von Zehnj\u00e4hrigen aufh\u00f6ren muss;<\/p>\n<p>f) die vorhandenen Sch\u00fclerpotenziale nicht optimal genutzt werden k\u00f6nnen und verloren gehen;<\/p>\n<p>g) die soziale Integration und die Chancengleichheit im vorhandenen System behindert werden;<\/p>\n<p>h) die Hierarchisierung der Schulen in bessere und schlechtere Schularten \u00fcberwunden und damit die Berufsorientierung erleichtert werden muss;<\/p>\n<p>i) die Probleme, welche die verschiedenen Schularten auch in der Berufsschule verursachen (Abiturient sitzt neben dem F\u00f6rdersch\u00fcler), gel\u00f6st werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>j) wie PISA- und IGLU-Studie beweisen: das gegliederte Schulsystem integrierten Schulsystemen nicht \u00fcberlegen ist; eine gerechte Verteilung auf die einzelnen Schularten nicht m\u00f6glich ist; die Bildung von homogenen Klassen eine <em>Fata Morgana<\/em> ist<\/p>\n<h3 class=\"\">Vorschl&auml;ge des Handwerks zur Bildungs&shy;re&shy;form<\/h3>\n<p>Aus den genannten Gr\u00fcnden schl\u00e4gt das baden-w\u00fcrttembergische Handwerk ein neues System der Schulorganisation vor: Kernelement dieses Systems ist ein 3-Stufen-Konzept. Die erste Stufe bildet der vorschulische Bereich, der obligatorisch sein und mindestens ein Jahr umfassen muss. Darauf aufbauend soll in einer Grundstufe (deren Name noch zu definieren ist), die neun Jahre dauern soll, eine breit angelegte Allgemeinbildung erfolgen, die den Prinzipien der individuellen F\u00f6rderung wirklich gerecht wird. Im Anschluss an diese Phase soll die Spezialisierung der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler entweder in allgemeinbildenden Gymnasien oder in der beruflichen Bildung, (duale Ausbildung, vollzeitschulische Ma\u00dfnahmen, berufliche Gymnasien) jeweils \u00fcber drei Jahre erfolgen. Der Zugang zur Oberstufe soll \u00fcber Eingangspr\u00fcfungen geregelt werden. Der Abschluss der dritten Bildungsphase soll dabei allgemein zum Hochschulstudium berechtigen, so dass der Weg zur Hochschule jedem offen steht. Optimal w\u00e4re, wenn mit der neuen Struktur ein Ganztagsangebot einher ginge, um die Organisation bzw. die Effizienz des Lernprozesses steigern zu k\u00f6nnen und Berufst\u00e4tigkeit von Frauen zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Mit einer Ver\u00e4nderung der Struktur allein ist aber das Problem nicht beseitigt. Ein echter Paradigmenwechsel ist erforderlich, der sich vom Kindergarten bis zur dualen Berufsausbildung und zur Hochschule erstrecken muss. Die entscheidenden Weichen gilt es bereits im Kindergarten und in der Grundschule zu stellen. Das Handwerk bef\u00fcrwortet eine durchgreifende Qualit\u00e4tsverbesserung an den Schulen. Dies kann, nur dann gelingen, wenn die Rolle aller am Schulleben Beteiligten neu definiert wird, wenn neue Unterrichtsformen entwickelt und angewandt werden, wenn die soziale Integration bereits im Kindergarten beginnt, wenn mehr Wettbewerb unter den Schulen mit transparenten Kriterien und Messverfahren entsteht.<\/p>\n<p>Es gilt, mit vereinten Kr\u00e4ften den Aufbruch in eine lernende Gesellschaft zu gestalten, in der das Bildungssystem eine zentrale Rolle mit entsprechenden Ressourcen und ad\u00e4quater gesellschaftlicher Wertsch\u00e4tzung einnimmt.<\/p>\n<p>* Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, der am 9. Mai 2003 im Wissenschaftszentrum Berlin auf der von der GUSTAV HEINEMANN-INITIATIVE, der HUMANISTISCHEN UNION und dem KOMITEE F\u00dcR GRUNDRECHTE UND DEMOKRATIE veranstalteten Tagung \u201e<em>Das Recht auf Bildung gilt f\u00fcr alle Menschen<\/em>\u201d gehalten wurde.<\/p>\n<p>Literatur<\/p>\n<p><em>Baden-W\u00fcrttembergischer Handwerkstag<\/em> (Hg.) 2003: Gesch\u00e4ftsbericht 2002, Stuttgart<\/p>\n<p><em>Baden-W\u00fcrttembergischer Handwerkstag<\/em> (Hg.) 2002a: Gesch\u00e4ftsbericht 2001, Stuttgart<\/p>\n<p><em>Baden-W\u00fcrttembergischer Handwerkstag<\/em> (Hg.) 2002b: Lehrstellenmarkt Handwerk 2001 \u2014 Ausbildungsplatzpotenziale, Erwartungen an die Auszubildenden und Ausbildungsmarketing im baden-w\u00fcrttembergischem Handwerk, Stuttgart<\/p>\n<p><em>Baden-W\u00fcrttembergischer Handwerkstag<\/em> (Hg.) 2002c: Konsequenzen aus PISA \u2014 Positionen des Handwerks, Stuttgart (www.handwerk-bw.de)<\/p>\n<p><em>Hampel, J\u00fcrgen et al<\/em>. 2003: Nachwuchsmangel im Baden-W\u00fcrttembergischen Handwerk \u2014 Endbericht.<br \/>\nAkademie f\u00fcr Technikfolgenabsch\u00e4tzung in Baden-W\u00fcrttemberg, Stuttgart (www.handwerk-bw.de)<\/p>\n<p><em>Klafki, Wolfgang<\/em> 2000: Sechsj\u00e4hrige Grundschule \u2014 Eingangsstufe eines demokratischen Bildungswesens. Erg\u00e4nzte Fassung eines Vortrages auf der Fachtagung der GEW zur 6-j\u00e4hrigen Grundschule am 28.3.2000 in Berlin (www.gew-berlin.de\/fachgruppen\/grundschule\/differenzierung\/Klafki.pdf)<\/p>\n<p><em>Westdeutscher Handwerkskammertag<\/em> (Hg.) 2002: Befragung von Abbrechern, Ausbildern, und Berufskolleglehrern zum Thema Ausbildungsabbruch, D\u00fcsseldorf (www.handwerk-nrw.de\/02-themen\/xprojekte\/emnid\/download)<\/p>\n<p><em>Statistisches Landesamt Baden-W\u00fcrttemberg<\/em> (Hg.) 2001: Das Bildungswesen 2000, Stuttgart<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[653,3068,3888,3889,3886,3069,3576,3211,667],"autoren":[3868],"publikationen":[1207],"class_list":["post-19621","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-bildung","tag-erziehung","tag-fruehkindliche-erziehung","tag-kindergarten","tag-menschenrechte-auf-bildung","tag-paedagogik","tag-recht-auf-bildung","tag-soziale-menschenrechte","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ekaterina-kouli","publikationen-vorg-163"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zeit f\u00fcr ein grundlegendes Umdenken: Die Hierarchisierung im Bildungssystem muss \u00fcberwunden werden* - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-163\/publikation\/zeit-fuer-ein-grundlegendes-umdenken-die-hierarchisierung-im-bildungssystem-muss-ueberwunden-werden\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zeit f\u00fcr ein grundlegendes Umdenken: Die Hierarchisierung im Bildungssystem muss \u00fcberwunden werden* - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Seit Jahren stellt das Handwerk in Deutschland einen zunehmenden Mangel an qualifiziertem Nachwuchs fest. 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