{"id":19637,"date":"2024-11-27T14:18:06","date_gmt":"2024-11-27T13:18:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19637"},"modified":"2024-11-27T14:18:06","modified_gmt":"2024-11-27T13:18:06","slug":"wem-die-schulstunde-schlaegt-ein-aktueller-literaturbericht","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-163\/publikation\/wem-die-schulstunde-schlaegt-ein-aktueller-literaturbericht\/","title":{"rendered":"Wem die Schulstunde schl\u00e4gt&#8230; Ein aktueller Literaturbericht"},"content":{"rendered":"<p>T\u00e4uscht der Eindruck oder lassen sich gegenw\u00e4rtig Erm\u00fcdungserscheinungen in der zuvor unerwartet heftig aufgeflammten bildungspolitischen Diskussion feststellen? Dabei ist weiterhin die Frage offen, welche Punkte aus der Reformdebatte am Ende pr\u00e4gend f\u00fcr eine neue deutsche Schulwirklichkeit sein k\u00f6nnten. Ein Blick auf aktuelle Ver\u00f6ffentlichungen zeigt das breite Spektrum von Ideen, die landauf, landab debattiert wurden, deren konkrete Umsetzung aber aussteht.<\/p>\n<p>Eines der Kennzeichen des Post-PISA-Diskurses ist dabei die unreflektierte Kurzatmigkeit, mit der schnelle und m\u00f6glichst einschneidende Bildungsreformen gefordert werden. Manche Reformvorschl\u00e4ge wirken so, als w\u00fcrde die Reparatur eines havarierten Autos diskutiert. Um so bemerkenswerter, dass es ausgerechnet die Klempner und Mechaniker der deutschen Wirtschaft, n\u00e4mlich die Unternehmensberater von <em>McKinsey<\/em>, sind, die jetzt eine nachhaltige Bildungsdebatte initiiert haben:<\/p>\n<p><em>Nelson Killius\/J\u00fcrgen Kluge\/Linda Reisch<\/em> (Hg.): Die Zukunft der Bildung, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2002, 225 5., ISBN 3-518-12289-4; 10,- Euro<\/p>\n<p>Die Autoren des Bandes treten einen Schritt zur\u00fcck und fragen nach den ethischen, materiellen, individuellen und p\u00e4dagogischen Voraussetzungen von Bildung im 21. Jahrhundert. So wehrt sich der Soziologe Hans Joas dagegen, die Geschichte von Bildung in der postindustriellen Gesellschaft nur als Verfallsgeschichte zu schreiben und setzt dieser kulturkritischen Perspektive seinen eigenen Ansatz der Wertevermittlung in der fragmentierten Gesellschaft entgegen: im &#8222;Zeitalter der Kontingenz&#8220; m\u00fcsse Wertbildung unter den Kategorien von \u201eProzedualisierung, Wertegeneralisierung und Empathie&#8220; erfolgen. Der Konstanzer Philosoph J\u00fcrgen Mittelstra\u00df pl\u00e4diert in seinem Beitrag \u00fcber Bildung und ethische Ma\u00dfst\u00e4be daf\u00fcr, das Orientierungswissen und die praktische Vernunft gegen\u00fcber dem wissenschaftlich-technischen Verstand zu st\u00e4rken. Der Neurophysiologe Wolf Singer fragt, unter welchen Bedingungen der Mensch wann was lernen kann, w\u00e4hrend Zygmunt Bauman sich in brillanter Manier mit den Prinzipien der verantwortlichen Wissenschaft auseinandersetzt. Gemeinsam ist allen Aufs\u00e4tzen, dass sie den Bildungsbegriff grundlegend auf den Pr\u00fcfstand stellen und damit Ans\u00e4tze zu einer ganzheitlichen Neu-Definition bieten. Im Anschluss an die Beitr\u00e4ge, die durchgehend als Vortr\u00e4ge bei den Werkstattgespr\u00e4chen der Initiative <em>McKinsey bildet<\/em> gehalten wurden, dokumentiert das Buch ein von J\u00fcrgen Baumert, Johannes Fried, Hans Joas, J\u00fcrgen Mittelstra\u00df und Wolf Singer verfasstes Manifest, das Grundfragen einer zuk\u00fcnftigen Bildungsdiskussion aufzeigt und konkrete Forderungen f\u00fcr deren Ausgestaltung erhebt.<\/p>\n<p>Einen krassen Gegenentwurf zu diesen reflexiven Visionen eines humanistischen Bildungswesens bietet der Praktikerband von<\/p>\n<p><em>Bernd Fahrholz\/Sigmar Gabriel\/Peter M\u00fcller<\/em> (Hg.): Nach dem PISA-Schock. Pl\u00e4doyers f\u00fcr eine Bildungsreform, Hoffmann und Campe: Hamburg 2002, 319 S., ISBN 3-455- 10415-0; 14,90 Euro<\/p>\n<p>Hier d\u00fcrfen Angeh\u00f6rige der deutschen Feuilleton-Prominenz und des <em>big business<\/em> mal sagen, was sie an Bildung in Deutschland schon immer gest\u00f6rt hat. Zu den usual suspects der Beitr\u00e4ger geh\u00f6ren Sigmar Gabriel, Peter M\u00fcller, Guido Westerwelle, J\u00fcrgen R\u00fcttgers und andere Spitzenpolitiker (auch die Bildungsministerin Bulmahn ist vertreten), vor allem aber auff\u00e4llig viele Vertreter der Gro\u00dfindustrie (BDI-Pr\u00e4sident Rogowski, Porsche-Chef Wiedeking, Ex-Bertelsmann-Boss Middelhoff). Um keine Missverst\u00e4ndnisse aufkommen zu lassen: nat\u00fcrlich hat auch die Wirtschaft legitime Interessen am Bildungssystem. Doch ob das Buch au\u00dfer der ritualhaften Beschw\u00f6rung des \u00fcberf\u00e4lligen \u201eRucks&#8220; bei den Bildungsreformen einen roten Faden hat, kann bezweifelt werden. Eher wirkt es so, als ob jeder gegen die Barrikaden anrennt, die den eigenen Zielen gerade am st\u00e4rksten im Weg stehen. Pr\u00e4gnant in Erinnerung bleibt von der Lekt\u00fcre vor allem Guido Westerwelles Forderung, die \u201eKuschelecken-P\u00e4dagogik&#8220; zugunsten des rauen, aber ehrlichen Wettbewerbs abzuschaffen. Ob er sich damit als potenzieller Bildungsminister empfohlen hat?<\/p>\n<p>Einen kompakten Reformvorschlag f\u00fcr das marode deutsche Erziehungssystem haben die beiden Bildungsberater Kurt Bohr und R\u00fcdiger Pernice entwickelt. W\u00fcrde man das Buch auseinander rei\u00dfen und die einzelnen Teilkapitel an die Mitglieder des Bundeskabinetts verteilen, w\u00fcsste jeder Fachminister sofort, was er bzw. sie an Hausaufgaben abzuarbeiten h\u00e4tte:<\/p>\n<p><em>Kurt Bohr\/R\u00fcdiger Pernice<\/em>: Absturz in die zweite Liga? Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen Kurswechsel in der deutschen Bildungspolitik, Nomos: Baden-Baden 2002, 245 S., ISBN 3-78908207-4; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Die Autoren fordern ein grunds\u00e4tzliches Umdenken in der Bildungspolitik, verharren dabei aber meist im dominierenden Management-Diskurs. Es geht um Machbarkeit und Finanzierbarkeit, um Zust\u00e4ndigkeiten und Zustimmung. Der Blick f\u00fcr&#8217;s gro\u00dfe Ganze geht dabei mitunter verloren. Im Mittelpunkt steht der in der \u00f6ffentlichen Diskussion \u00fcberstrapazierte PISA-Schock und die internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit Deutschlands, hinter die p\u00e4dagogische oder humanistische \u00dcberlegungen vielfach zur\u00fccktreten.<\/p>\n<p>Der Reiz des Buches liegt in dem konkreten und konzisen Reformvorschlag, der hier unterbreitet wird: Er erstreckt sich auf alle Bereiche des Bildungssystems \u2014 vom Kindergarten bis zum Professorenamt. Kompakt durchdekliniert wird diese Reform an Haupt und Gliedern gleich zu Beginn des Buches in 58 zusammenfassenden Thesen bzw. Forderungen, z.B. nach der Abschaffung des ineffizienten und ungerechten dreigliedrigen Schulsystems oder nach einer Re-P\u00e4dagogisierung der Grundschullehrerausbildung. W\u00fcrde von diesem Programm auch nur die H\u00e4lfte umgesetzt \u2014 das Land s\u00e4he anders aus.<\/p>\n<p>Das folgende Buch hat ein Manager geschrieben:<\/p>\n<p><em>J\u00fcrgen Kluge<\/em>: Schluss mit der Bildungsmisere. Ein Sanierungskonzept, Campus: Frankfurt\/Main\/New York 2003, 241 S., ISBN 3-593-37189-8; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Kluge, Chef von <em>McKinsey Deutschland<\/em>, macht auch keinen Hehl daraus, dass die deutsche Bildungsmisere f\u00fcr ihn vor allem in der Verschwendung von Ressourcen und Humankapital besteht, der Kern des Problems also ein \u00f6konomischer ist: \u201eBildungsarmut erzeugt Wachstumsarmut.&#8220; Und trotzdem hat Kluge ein kluges Buch geschrieben. Denn ein Gro\u00dfteil unserer Bildungsprobleme ist ja tats\u00e4chlich finanzieller oder administrativer Art \u2014warum sollte man dann nicht einen Unternehmensberater im Diskurs ernst nehmen? Kluges Rezepte \u2014 Lernen schon in fr\u00fchester Kindheit, mehr Ganztagsschulen, mehr Autonomie f\u00fcr die einzelnen Bildungseinrichtungen bei gleichzeitiger Einf\u00fchrung zentraler Qualit\u00e4tsstandards \u2014 werden auch von vielen P\u00e4dagogen f\u00fcr richtig gehalten. Zudem bringt Kluge eine international vergleichende Perspektive in die Debatte ein, die deutlich macht, in welchen Feldern wir von unseren europ\u00e4ischen Nachbarn lernen k\u00f6nnen, und wo das deutsche System (wie bei der dualen Berufsausbildung) nach wie vor weltweit vorbildlich ist. Benchmarking im Bildungsbereich kann also durchaus n\u00fctzlich sein.<\/p>\n<p>Ein<em> elder statesmen<\/em> der Bildungsdebatte konnte in diesen Zeiten nicht abseits stehen:<\/p>\n<p><em>Hartmut von Hentig<\/em>: Die Schule neu denken. Eine \u00dcbung in p\u00e4dagogischer Vernunft, Beltz: Weinheim 2003, 279 S., ISBN 3-407-22119-3; 12,90 Euro<\/p>\n<p>Dass der Titel manchem altvertraut vorkommt, ist kein Wunder: Das Buch ist zum ersten Mal vor genau zehn Jahren erschienen. Nun hat es der Autor um eine 48seitige Vorrede erg\u00e4nzt und neu auflegen lassen. Welch wohltuenden Kontrast bietet Hentigs Prosa gegen\u00fcber dem technizistischen <em>Mainstream<\/em>-Diskurs! Der Bielefelder Bildungsreformer beschw\u00f6rt einmal mehr die Schule als Polis, als Gesellschaft im Kleinen, die von gegenseitiger Achtung und R\u00fccksichtnahme gepr\u00e4gt sein muss. Doch Hentig sieht auch die Krisensymptome: \u201eWenn eine Gesellschaft ihre jungen Menschen nicht braucht und sie dies ausdr\u00fccklich wissen l\u00e4sst, indem sie in Schulen, an Orten, von denen nichts ausgeht, kaserniert und mit sich selbst besch\u00e4ftigt, sie von allen Aufgaben ausschlie\u00dft, dann zieht sie ihre eigenen Zerst\u00f6rer gro\u00df.&#8220; Wer den Geist einer humanistischen Vision von Bildung atmen will, sollte zu diesem Buch greifen.<\/p>\n<p>Vom Praktiker zum Theoretiker: Der Nachlass des 1998 verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann enthielt eine Reihe von nahezu fertig gestellten Manuskripten, darunter auch ein Buch zu Bildung und Erziehung:<\/p>\n<p><em>Niklas Luhmann<\/em>: Das Erziehungssystem der Gesellschaft (hg. von Dieter Lenzen), Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2002, 236 S., ISBN 3-518-29193-9; 11,- Euro<\/p>\n<p>Im Zentrum der Luhmannschen Systemtheorie steht die Frage nach der Selbstreproduktion von Gesellschaft. Keine Frage also, dass das Erziehungssystem aus dieser Sicht eine zentrale Rolle spielt, werden doch hier die Grundsteine f\u00fcr die Adaptation der nachwachsenden Generationen an das bestehende System gelegt. Wer allerdings in dem Buch gro\u00dfe Gesellschaftstheorie im Makro-Modus erwartet, d\u00fcrfte entt\u00e4uscht werden. In Mikro-Analysen widmet sich Luhmann ganz konkreten Momenten der Situation Erziehung, etwa der Interaktion von Lehrern und Sch\u00fclern. Hier allerdings brilliert Luhmann, in dem er Rollenverh\u00e4ltnisse und wechselseitige Erwartungen analysiert und aufzeigt, dass die Rolle des Lehrers in der Unterrichtssituation eine g\u00e4nzlich andere ist, als sie ihm abstrakt in den Lehrpl\u00e4nen der Kultusministerien zugeschrieben wird. Ein Vademekum, nicht nur f\u00fcr soziologisch interessiertes Lehrpersonal.<\/p>\n<p>Auch die Redaktion der Berliner Zeitschrift <em>\u00c4sthetik &amp; Kommunikation<\/em> hat sich dem Bildungsthema gewidmet:<\/p>\n<p><em>\u00c4sthetik &amp; Kommunikation<\/em>, Heft 120, 34. Jg., Fr\u00fchjahr 2003: Holzweg Bildung, Verlag<br \/>\n\u00c4sthetik &amp; Kommunikation: Berlin 2003, 126 S., ISSN 0341-7212; 11,- Euro<\/p>\n<p>Was im kryptischen Hefttitel mit \u201eHolzweg&#8220; gemeint ist, wird aus dem Heft nicht deutlich. Im Gegenteil: Lauter bildungsbeflissene Autoren schreiben dort begeistert \u00fcber Bildung \u2014 als Aufforderung zur Abkehr von ihr kann das nur schwerlich gewertet werden. Die Lekt\u00fcre des Heftes ist gleichwohl interessant: Dort finden sich zwei bemerkenswerte Beitr\u00e4ge \u00fcber die zunehmende Kommodifizierung und \u00d6konomisierung der deutschen Bildungseinrichtungen (Winfried Pauleit und Dierk Spreen), ein sch\u00f6ner R\u00fcckblick von Jens Hacke auf den 1978 von konservativen Professoren organisierten Kongress Mut zur Erziehung und die linken Reaktionen darauf, konkrete Handreichungen einer Lehrerin f\u00fcr das \u00dcberleben im Schulalltag (Ilse Bindseil) und ein trinationaler Schulvergleich aus der Feder einer Elftkl\u00e4sslerin (Thea Hoffmann-Axthelm). Gerade diese anarchisch-disparat anmutende Heftkonzeption sichert \u00c4&amp;K einmal mehr Avantgarde-Anspruch: Sammelb\u00e4nde zur Bildungspolitik gibt es schlie\u00dflich genug.<\/p>\n<p>Eine an der Johann Wolfgang Goethe-Universit\u00e4t in Frankfurt\/Main entstandene Dissertation besch\u00e4ftigt sich mit einem p\u00e4dagogischen Laboratorium der besonderen Art: Die Autorin untersucht, welche Folgen die Einf\u00fchrung des westdeutschen Bildungssystem in Ostdeutschland nach 1990 f\u00fcr die Chancengleichheit hatte:<\/p>\n<p><em>Susanne von Below<\/em>: Bildungssysteme und soziale Ungleichheit. Das Beispiel der neuen Bundesl\u00e4nder, Leske + Budrich: Opladen 2002, 236 S., ISBN 3-8100-3531-9; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Untersucht wurde die Bildungsbeteiligung der 16-19j\u00e4hrigen f\u00fcr die Jahre 1991 bis 1997 \u2014 mit teilweise aufschlussreichen Ergebnissen. So sind \u2014 trotz des ebenso wie im Westen ausschlaggebenden Faktors der Bildung der Eltern \u2014 Kinder von Arbeitern relativ geringer benachteiligt als ihre westlichen Mitsch\u00fcler. Es l\u00e4sst sich zudem ein deutlicher Vorsprung von M\u00e4dchen im ostdeutschen Bildungssystem konstatieren, der noch st\u00e4rker als in Westdeutschland ausf\u00e4llt: Man k\u00f6nne angesichts der \u00dcberrepr\u00e4sentiertheit der M\u00e4dchen von einer &#8222;Benachteiligung der Jungen&#8220; (185) sprechen. Insgesamt lassen sich die Unterschiede in der Beteiligung aber vor allem auf die verschiedenen westdeutschen Bildungssysteme zur\u00fcckf\u00fchren, die in den f\u00fcnf ostdeutschen L\u00e4ndern eingef\u00fchrt wurden: traditionell-konservativ (Mecklenburg-Vorpommern), traditionell-liberal bzw. reformiert-konservativ (Sachsen, Th\u00fcringen, Sachsen-Anhalt) und reformiert-liberal (Brandenburg, Berlin). Damit n\u00e4hert sich der Osten dem Westen auch in diesem Punkt an.<\/p>\n<p>Das Problem der Chancengleichheit treibt auch die Autorinnen und Autoren des folgenden Bandes um:<\/p>\n<p><em>Marita Kampshoff\/Beatrix Lumer<\/em> (Hg.): Chancengleichheit im Bildungswesen, Leske + Budrich: Opladen 2002, 349 S., ISBN 3-8100-3566-1; 29,90 Euro<\/p>\n<p>Bei der Lekt\u00fcre kann man auf einige spannende Fragestellungen sto\u00dfen. So untersucht Sigrid Metz-G\u00f6ckel das Verh\u00e4ltnis von Elite und Geschlecht sowie die bekannte Divergenz zwischen Bildungs- und Karriereerfolg bei Frauen aus bildungssoziologischer Perspektive. Irmhild Kettschau widmet sich den Benachteiligungen von Frauen in M\u00e4nnerberufen, Heidrun Hoppe den Gef\u00e4hrdungen ihrer promovierenden Geschlechtsgenossinen. Aber auch Mathematik- und Musikunterricht sowie der Bereich der neuen Medien eignen sich f\u00fcr die Darstellung spezifischer Chancen und Benachteiligungen von M\u00e4dchen. Insgesamt bietet der Band einen guten \u00dcberblick \u00fcber die neuere Forschung. Am Ende steht ein Vergleich von Chancengleichheit und ihrer Umsetzung in Europa.<\/p>\n<p>Die als Globalisierung bezeichnete Entwicklung hat auch R\u00fcckwirkungen auf die politische Bildung. Denn Globalisierung kennzeichnet ja nicht nur eine neue Form des Kapitalismus, sondern hat auch tief greifende Folgen f\u00fcr die Gesellschaft und die Handlungsf\u00e4higkeit des Individuums in ihr. Genannt seien nur eine rapide ablaufende ,Internationalisierung von Kultur und Berufsleben, eine zunehmend entkoppelte \u201eFolgenreflexivit\u00e4t&#8220; (Horst P\u00f6ttker) politischer Aktionen, neue Aushandlungsmechanismen auf der internationalen B\u00fchne und ein globalisierter Rechtsrahmen. Politische Bildung muss dem Rechnung tragen; in ihren Inhalten \u2014 Stichwort Eurozentrismus, in ihren Formen \u2014 Stichwort computervermittelte Kommunikation, in ihren Zielen \u2014 Stichwort Autonomie des Individuums. Untersucht werden diese Herausforderungen in:<\/p>\n<p><em>Christoph Butterwegge\/Gudrun Hentges<\/em> (Hg.): Politische Bildung und Globalisierung, Leske + Budrich: Opladen 2002, 320 S., ISBN 3-81000-2602-6; 18,- Euro<\/p>\n<p>Es ist ein bunter Strau\u00df, den die Autorinnen und Autoren offerieren. Die Herausgeberin Hentges etwa untersucht den in den letzten Jahren erfolgten Wandel der <em>Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung<\/em>, w\u00e4hrend sich Herausgeber Butterwegge fragt, wie sich die Bildungsarbeit als Abwehrwaffe gegen den weltweiten Siegeszug neoliberaler Ideologie ausgestalten l\u00e4sst (vgl. auch seinen Beitrag in diesem Heft der <em>vorg\u00e4nge<\/em>). Weiter stehen im Mittelpunkt: Wege zu einer geschlechterdemokratischen Politiksicht (Annette Kuhn), Rechtsextremismus und Antirassismus (Albert Scherr und Rudolf Leiprecht) sowie die Zukunft der politischen Bildung im 21. Jahrhundert. Bemerkenswert ist vor allem der<br \/>\nEinleitungsbeitrag von Wolfgang Sander \u00fcber die \u201eGeschichte der politischen Bildung zwischen Ideologie und Wissenschaft&#8220;.<\/p>\n<p>Quasi die empirische Unterf\u00fctterung f\u00fcr die andauernde Notwendigkeit politischer Bildung liefert der folgende Band:<\/p>\n<p><em>Detlef Oesterreich<\/em>: Politische Bildung von 14-J\u00e4hrigen in Deutschland. Studien aus dem Projekt Civic Education, Leske + Budrich: Opladen 2002, 286 S., ISBN 3-81003507-6, 14,90 Euro<\/p>\n<p>Bei dieser Studie handelt es sich um die deutschen Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudie<em> Civic Education,<\/em> die ab 1994 von der<em> International Association for the Evaluation of Educational Achievement<\/em> in Den Haag durchgef\u00fchrt wurde. Den deutschen Teil der Untersuchung verantwortete das Max-Planck-Institut f\u00fcr Bildungsforschung in Berlin. Abgefragt wurde detailliert, \u00fcber welches politische Wissen die Generation der 14-J\u00e4hrigen in Deutschland verf\u00fcgt, wie die politische Handlungsbereitschaft dieser Jugendlichen ausgepr\u00e4gt ist, welche Bedeutung sie etwa der demokratischen Mitbestimmung in der Schule zuweisen und welche politischen Organisationsformen sie bevorzugen. Insgesamt stellt die Studie dem deutschen Politik-Unterricht ein solides Zeugnis aus: Die deutschen Sch\u00fcler wissen in etwa so viel \u00fcber das sie umgebende politische System wie ihre Altersgenossen in anderen OECD-L\u00e4ndern; bei einigen Indikatoren (etwa der Bereitschaft zur Mitarbeit in NGOs) fallen ihre Kompetenz und Aktivit\u00e4t sogar \u00fcberdurchschnittlich aus.<\/p>\n<p>Der Heidelberger Erziehungswissenschaftler Volker Lehnhart hat einen Versuch unternommen, die Rolle des Menschenrechtsdiskurses f\u00fcr die Erziehungswissenschaften zu systematisieren:<\/p>\n<p><em>Volker Lenhart<\/em>: P\u00e4dagogik der Menschenrechte, Leske + Budrich: Opladen 2003, 192 S., ISBN 3-8100-3726-5; 13,90 Euro<\/p>\n<p>Nach einer Einf\u00fchrung in die Institutionalisierungsprozesse, der Menschenrechte seit 1948 stellt der Autor die verschiedenen internationalen Dokumente zur Menschenrechtsbildung vor, die in den 1990er Jahren verabschiedet worden sind (so von der Unesco 1993\/94 oder von <em>Amnesty International<\/em> 1996). Anhand von Fallbeispielen aus seiner eigenen Lehrerfahrung schildert Lenhart die M\u00f6glichkeiten von Menschenrechtsp\u00e4dagogik; hinzu kommen Analysen verschiedener Lehrmaterialien sowie der Schwierigkeiten in der Ausbildung in \u201emenschenrechtsrelevanten Berufsfeldern&#8220; (Polizisten, Soldaten, Sozialarbeiter usw.). Am Ende steht ein umfangreicher Abschnitt \u00fcber Kinderrechte. Hervorzuheben ist Lenharts integrierender Ansatz: Soziologie, P\u00e4dagogik und Rechtswissenschaften werden von ihm in einen engen, interdisziplin\u00e4ren Zusammenhang gestellt.<\/p>\n<p>Bildung f\u00fcr Nicht-Kinder: 1953 wurde in Nordrhein-Westfalen das erste Erwachsenenbildungsgesetz in der Bundesrepublik verabschiedet. Es sah die F\u00f6rderung von Volkshochschulen, Heimvolkshochschulen und sonstigen Volksbildungseinrichtungen vor. Diese Einrichtungen stie\u00dfen mit ihrer T\u00e4tigkeit bald in ein Spannungsfeld von briti-<br \/>\nschen Reeducation-Bem\u00fchungen, Ausl\u00e4ufern der Jugend- und Arbeiterbewegung sowie mentalen und personellen \u00dcberresten der NS-Diktatur. Mehr als gr\u00fcndlich und facettenreich ausgeleuchtet wird dies jetzt in:<\/p>\n<p><em>Paul Ciupke\/Bernd Faulenbach\/Franz-Josef Jelich\/Norbert Reichling<\/em> (Hg.): Erwachsenenbildung und politische Kultur in Nordrhein-Westfalen. Themen \u2014 Institutionen \u2014 Entwicklungen seit 1945, Klartext Verlag: Essen 2003, ISBN 3-89861-230-9; 17,90 Euro<\/p>\n<p>Historiker, Sozialwissenschaftler, Bildungshistoriker und in der Erwachsenenbildung T\u00e4tige beleuchten in einer Vielzahl von Aufs\u00e4tzen die Geschichte der Erwachsenenbildung in Nordrhein-Westfalen von 1945 bis in die Gegenwart: Es werden die Leistungen der Erwachsenenbildung im Hinblick auf die Demokratisierung der politischen Kultur und die \u00d6ffnung der sozialen Milieus beleuchtet, die Wechselwirkungen zwischen Weiterbildung und \u00d6ffentlichkeit, Bildungsarbeit und gesellschaftlichem Wandel untersucht, aber auch beispielhaft Personen, Institutionen, Orte und Arbeitsfelder portraitiert. So erinnert sich der Historiker Reinhard R\u00fcrup z.B. \u201ean die Befreiung aus politischen und gesellschaftlichen Abh\u00e4ngigkeiten&#8220; im Zuge der Diskussionen auf dem Jugendhof Vlotho, und der Politikwissenschaftler Thomas Meyer thematisiert, warum politische Bildung sich in einer Dauerkrise befindet, wie man dem Abhilfe verschaffen kann und wo die Zukunft der politischen Erwachsenbildung liegt. Insgesamt bietet der Band weit mehr als \u201enur&#8220; eine Geschichte der politischen Bildung in Nordrhein-Westfalen \u2014 verhandelt wird hier die politische Kultur der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>Sie ist in Deutschland ein Mythos, doch \u00fcber ihre Geschichte war bislang wenig bekannt \u2014 die Studienstiftung des deutschen Volkes. 1925 in Dresden begr\u00fcndet, 1934 von den Nationalsozialisten aufgel\u00f6st und 1948 in Westdeutschland wiedererstanden, ist sie die bekannteste Elitenschmiede Deutschlands und die \u00e4lteste zentrale Institution zur F\u00f6rderung des Hochschulstudiums. Jetzt hat sie ihren ersten Biografen gefunden:<\/p>\n<p><em>Rolf-Ulrich Kunze<\/em>: Die Studienstiftung des deutschen Volkes seit 1925. Zur Geschichte der Hochbegabtenf\u00f6rderung in Deutschland, Akademie Verlag: Berlin 2001, 418 S., ISBN 3-05-003638-9; 64,80 Euro<\/p>\n<p>Der Autor, wie sein Bruder, der Rockmusiker Heinz-Rudolf Kunze, selbst Stipendiat der Stiftung, beschreibt in dieser als Habilitationsschrift entstandenen Arbeit die Entwicklung der Studienstiftung von ihren Anf\u00e4ngen bis in die Gegenwart. Die Verlaufsform der Studie folgt dabei den unterschiedlichen Verst\u00e4ndnissen von Begabung und F\u00f6rderungsw\u00fcrdigkeit, die zu verschiedenen Zeiten dominierten: Zu Beginn, in der krisengesch\u00fcttelten Weimarer Republik, war die Studienstiftung vor allem eine studentische Selbsthilfeeinrichtung, die Arbeiter- und Mittelschichtskindern ein Hochschulstudium erm\u00f6glichen sollte. Nach 1945 dominierte dann eine Begabtenauslese, die frei von allen sozialen Erw\u00e4gungen war und sich an alten bildungsb\u00fcrgerlichen Idealen orientierte. Ab 1970 verschrieb sich die Institution unter ihrem neuen Generalsekret\u00e4r Hartmut Rahn dann der Hochbegabtenf\u00f6rderung nach quasi-wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Das Ideal dieser professionalisierten Studienstiftung beschreibt der Autor als \u201esoziale und zivile Leistungs- und Wissensgesellschaft mit Chancen f\u00fcr jede Form von Begabung.\u201d Kunzes Studie, die auch die Studienkarrieren von Stipendiaten aus unterschiedlichen Jahrg\u00e4ngen detailliert dokumentiert, kann allerdings nicht mehr als ein Auftakt zu weiteren Forschungen sein. Der Autor bietet eine Institutionengeschichte, vermag aber \u00fcber die gesellschaftliche Wirksamkeit der von der Studienstiftung und ihren Absolventen vertretenen Ideale wenig zu sagen.<\/p>\n<p>Krisen und Umbr\u00fcche des deutschen Bildungssystems sind keineswegs nur ein gegenw\u00e4rtiges Ph\u00e4nomen. Der Blick zur\u00fcck lohnt deshalb in jedem Fall \u2014 zum Beispiel auf die reformatorischen und humanistischen Neuerungen im 15. und 16. Jahrhundert. Der institutionelle wie inhaltliche Wandel in Schule und Universit\u00e4t vor f\u00fcnfhundert Jahren hat jetzt eine ebenso leicht zug\u00e4ngliche wie umfassende Darstellung gefunden:<\/p>\n<p><em>Notker Hammerstein<\/em>: Bildung und Wissenschaft vom 15. bis zum 17. Jahrhundert, Oldenbourg: M\u00fcnchen 2003 [= Enzyklop\u00e4die deutscher Geschichte, Bd. 64], 170 S., ISBN 3-486-55592-8; 19,80 Euro<\/p>\n<p>Der emeritierte Professor f\u00fcr Geschichte der fr\u00fchen Neuzeit in Frankfurt\/Main und profilierte Kenner der Epoche schildert die Entstehung der Universit\u00e4ten aus den Kloster-und Domschulen, die sp\u00e4teren unterschiedlichen konfessionellen Ausrichtungen der Universit\u00e4ten, das im 16. Jahrhundert neu entstehende evangelische Schulwesen. Gelehrte wie Erasmus von Rotterdam oder Philipp Melanchton werden von ihm ebenso vorgestellt wie die allm\u00e4hliche Entwicklung eines Stipendienwesens. Dem didaktisch bew\u00e4hrten Konzept der Buchreihe folgend, gliedert sich Hammersteins Untersuchung in einen ersten darstellenden und einen zweiten rezeptionsgeschichtlichen Teil. Am Ende wird in einer umfangreichen Bibliographie die wichtigste Literatur zu einzelnen Themenkomplexen vorgestellt. Hammerstein zeigt, wie ernst auch in den katholischen L\u00e4ndern des Reichs die Bildungsanstrengungen genommen wurden \u2014 und wie Schule und Universit\u00e4t damals noch als Einheit verstanden wurden.<\/p>\n<p>Problematisch erscheint dagegen ein Band, der soeben in der gleichen Buchreihe erschienen ist \u2014 ein einziges zus\u00e4tzliches Wort im Titel verdeutlicht sein Dilemma:<\/p>\n<p><em>Frank-Lothar Kroll<\/em>: Kultur, Bildung und Wissenschaft im 20. Jahrhundert, Oldenbourg: M\u00fcnchen 2003 [= Enzyklop\u00e4die deutscher Geschichte, Bd. 65], 150 S., ISBN 3-48655002-0; 19,80 Euro<\/p>\n<p>Nun w\u00e4re schon allein eine bildungs- und wissenschaftshistorische Synthese des vergangenen Jahrhunderts auf hundertf\u00fcnfzig Seiten eine gro\u00dfe Leistung. Aber dieses Projekt noch um den Faktor Kultur zu erweitern, erscheint f\u00fcr einen Einf\u00fchrungs- und Orientierungsband dann doch reichlich vermessen. Und so ergibt sich bei der Lekt\u00fcre ein negativer Eindruck (zumindest bezogen auf den darstellenden Teil des Buches, der in f\u00fcnf Kapiteln Kaiserreich, Weimar, NS, Bundesrepublik und DDR thematisieren will): Vieles wird kursorisch gestreift, kaum etwas tiefer analysiert. Den Schwerpunkt legt der Autor auf die Inhalte; Institutionen werden dagegen weitgehend ignoriert. Das erweist sich als folgenschwere Verk\u00fcrzung, die in einem als \u00dcberblick gedachten Buch noch bedauerlicher ist. So fallen f\u00fcr die Zeit zwischen 1900 und 1990 zwar viele bekannte Namen, wird vieles angerissen; den \u00fcbergreifenden Prozessen und Zusammenh\u00e4ngen, Kontinuit\u00e4ten und Br\u00fcchen vermag Kroll auf diese Weise nicht gerecht zu werden \u2014 alles bleibt zwangsl\u00e4ufig an der Oberfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Wohl dem, der im Laufe seines Bildungsweges irgendwann auf einen Gelehrten trifft? Mit einem Fragezeichen muss man diese These wohl versehen, schaut man sich zumindest die zahllosen ironischen Beschreibungen von Wissenschaftlern an, die Romane, Erz\u00e4hlungen und andere Texte seit dem 18. Jahrhundert anreichern. Der Literaturwissenschaftler Alexander Ko\u0161enina hat sie in einer bewundernswerten Flei\u00dfarbeit zusammengetragen und systematisiert:<\/p>\n<p><em>Alexander Ko\u0161enina<\/em>: Der gelehrte Narr. Gelehrtensatire seit der Aufkl\u00e4rung, Wallstein Verlag: G\u00f6ttingen 2003, 487 S., ISBN 3-89244-531-1; 49,- Euro<\/p>\n<p>Gelehrtensatire ist eine durchweg gelehrte Angelegenheit, was der Autor \u00fcberzeugend unter Beweis stellt; er meistert diese Herausforderung bravour\u00f6s, inklusive Register und ausf\u00fchrlichem Anmerkungsapparat \u2014 und zahllosen Beispielen. Seine Gliederung ist einleuchtend: Erstens Physiognomien (mit Gestalten wie dem buchbesessenen Kien aus Canettis Blendung), zweitens Gegenst\u00e4nde und Verfahren (\u00fcber Zitat- und Registersatiren ebenso wie die Philosophenparodien des Berliner Aufkl\u00e4rers Friedrich Nicolai) und schlie\u00dflich drittens Institutionen: Unter dieser \u00dcberschrift finden sich u.a. solche Preziosen wie Eckhard Henscheids <em>10:9 f\u00fcr Stroh<\/em>, die urkomische Nacherz\u00e4hlung des Promotionsverfahren des fr\u00fcheren FAZ-Redakteurs Gustav Seibt in Konstanz, in Anwesenheit von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher; die verfremdeten Namen der Beteiligten sind, wie zumeist bei Gelehrtensatiren, leicht zu erraten. Das Buch ist jedenfalls eine Fundgrube f\u00fcr jeden, der die skurrilen Seiten der h\u00f6heren Bildung erfahren bzw. erlitten hat \u2014 und\/oder zu sch\u00e4tzen wei\u00df.<\/p>\n<p>Wer ersch\u00f6pft ist von den bildungspolitischen Abwehrk\u00e4mpfen der letzten Jahre gegen eine zunehmende \u00d6konomisierung der Schulen, dem N\u00fctzlichkeitswahn der <em>Curricula<\/em>, dem sei zu guter Letzt ein zauberhaftes B\u00fcchlein anempfohlen, dass ermunternd wirkt:<\/p>\n<p><em>Ernst August Evers<\/em>: \u00dcber die Schulbildung zur Bestialit\u00e4t. Nachdruck der Edition Aarau 1807. Eine Streitschrift zugunsten der humanistischen Bildung, hg. v. Michele C. Ferrari, m. e. Vorw. v. Manfred Fuhrmann, Manutius: Heidelberg 2002, 82 S., ISBN 3925678-95-6; 19,80 Euro<\/p>\n<p>Der 1779 in Hannover geborene Evers, Sch\u00fcler des Hallenser Altphilologen Friedrich August Wolf, war 1804 als Leiter der Kantonsschule in das schweizerische Aarau gekommen. Dort verfolgte er die Sache eines neuhumanistisch gepr\u00e4gten Schulwesens, das dem Menschen zur Vervollkommnung seiner F\u00e4higkeiten am gem\u00e4\u00dfesten sei. An seiner ironischen Streitschrift, jetzt verdienstvollerweise von einem Heidelberger Verlag wiederaufgelegt, vermag man zu erkennen, dass Bildungsfragen schon immer zur Polemik taugten, heute wie vor 200 Jahren. Evers schildert in seiner Parodie das Streben der Menschheit nach Bestialit\u00e4t als ihrer h\u00f6chsten Bestimmung, bef\u00f6rdert durch Schulen, Lehrer und Gesellschaften, die auf die Berufspraxis, den Nutzen, die \u00d6konomie fixiert seien: \u201eWas bringt&#8217;s mir ein?&#8220; sei die alles bestimmende Frage. In der Evers&#8217;schen Anti-Utopie sind deshalb die Lehrer von der Gelehrsamkeit tunlichst fernzuhalten; die klassische Antike darf keine Rolle mehr spielen, sie w\u00fcrde die Kinder nur ablenken. So manchem Unternehmensberater, der sich momentan mit Eifer und Effizienzfiktionen im Kopf \u00fcber das Bildungswesen hierzulande hermacht, m\u00f6chte man dieses Pamphlet zur nachdenklich stimmenden Lekt\u00fcre auf den Nachttisch legen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[653,3883,3887,3576,3067,3211,3045,667,3591],"autoren":[2252],"publikationen":[1207],"class_list":["post-19637","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-bildung","tag-chancengleichheit","tag-politische-bildung","tag-recht-auf-bildung","tag-schule","tag-soziale-menschenrechte","tag-soziale-ungleichheit","tag-vorgaenge-artikel","tag-wissenschaft","autoren-thymian-bussemer-und-alexander-cammann","publikationen-vorg-163"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wem die Schulstunde schl\u00e4gt... 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