{"id":19655,"date":"2024-11-27T14:29:41","date_gmt":"2024-11-27T13:29:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19655"},"modified":"2024-11-27T14:29:41","modified_gmt":"2024-11-27T13:29:41","slug":"die-entzauberten-eliten-michael-hartmann-demontiert-den-mythos-der-chancengleichheit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-163\/publikation\/die-entzauberten-eliten-michael-hartmann-demontiert-den-mythos-der-chancengleichheit\/","title":{"rendered":"Die entzauberten Eliten. Michael Hartmann demontiert den Mythos der Chancengleichheit"},"content":{"rendered":"<p>Leistung als Schl\u00fcssel zum Erfolg: Mit diesem hierzulande dominierenden Selbstverst\u00e4ndnis einer meritokratischen, nivellierten Mittelstandsgesellschaft r\u00e4umt eine Studie des Darmst\u00e4dter Soziologen Michael Hartmann gr\u00fcndlich auf:<\/p>\n<p><em>Michael Hartmann<\/em>: Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft, Campus: Frankfurt\/Main\/New York 2002, 207 S., 3-593-37151-0; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Der Autor beschreibt den direkten Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Zugang zu Spitzenpositionen, den er durch eine innovative Verbindung von soziologischen Herkunfts- und Verbleibsanalysen der deutschen Bildungselite nachweisen kann. Die soziale Herkunft aller 1955, 1965, 1975 und 1985 promovierten Juristen, Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure wurde anhand ihrer den Dissertationen beigef\u00fcgten Lebensl\u00e4ufe erhoben, aus denen man ebenso Angaben zu den Bildungskurieren entnehmen kann. Die beruflichen Positionen dieser M\u00e4nner und Frauen wurden \u00fcber die einschl\u00e4gigen Handb\u00fccher, wie z.B. <em>K\u00fcrschners Gelehrtenkalender<\/em>, ermittelt. Der Studie liegen die zehn Jahre nach der Promotion erreichten Stellungen der Untersuchungspersonen zugrunde.<\/p>\n<p>Zu Beginn setzt sich Hartmann kritisch mit der Elitenforschung, Elitenrekrutierung und Bildungsauslese auseinander. Nach einem Abschnitt \u00fcber die soziale Zusammensetzung der Promovierten folgt ein zentrales Kapitel \u00fcber Karrieren in der Wirtschaft und ihrer Abh\u00e4ngigkeit von der sozialen Herkunft der Promovierten. Die Ergebnisse werden danach mit der Bedeutung der sozialen Herkunft f\u00fcr Spitzenkarrieren in Justiz, Politik und Wissenschaft verglichen. Schlie\u00dflich untersucht der Autor die Mechanismen der Elitenrekrutierung in der Bundesrepublik, um sie zuletzt mit den in Gro\u00dfbritannien und Frankreich geltenden Mechanismen der Elitenbildung zu vergleichen.<\/p>\n<p>Durch die Auswahl der Jahrg\u00e4nge 1955 bis 1985 kann die Studie einen Erkl\u00e4rungsanspruch f\u00fcr einen langen Zeitraum reklamieren. Zudem k\u00f6nnen durch diese Kohortenauswahl die Ver\u00e4nderungen \u00fcberpr\u00fcft werden, die \u00fcblicherweise mit den Bildungsreformen der 1960er Jahre in Verbindung gebracht werden. Hartmann kommt hier zu dem bemerkenswerten Ergebnis, dass die Bildungs\u00f6ffnung dieser Jahre zumindest bis zum Jahrgang 1985 nur die soziale Basis der einfachen Hochschulabschl\u00fcsse beeinflusste. Die Auslese bei der Promotion wurde hingegen nicht abgemildert; bei den Juristen nahm sie im Vergleichszeitraum sogar zu.<\/p>\n<p>Trotz dieser Stabilit\u00e4t der Bildungselite hinsichtlich ihrer sozialen Zusammensetzung ist, so Hartmanns Ergebnis, bei der Besetzung von Spitzenpositionen in der Wirtschaft eine dar\u00fcber hinaus gehende soziale Auslese unverkennbar. Dass die Nachkommen des Gro\u00dfb\u00fcrgertums und des gehobenen B\u00fcrgertums mit 80 Prozent der Vorstandsvorsitzenden in den hundert gr\u00f6\u00dften Unternehmen \u00fcberproportional in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft vertreten sind, kann weder Studienf\u00e4cherwahl, noch Studienverhalten oder -leistung, sondern allein die soziale Herkunft statistisch signifikant erkl\u00e4ren. Nur das Geschlecht ist ein noch gravierenderer Faktor: Frauen haben eine 90 Prozent schlechtere Aufstiegschance in Spitzenpositionen der Wirtschaft als ihre m\u00e4nnlichen Kollegen.<\/p>\n<p>Eines der frappierendsten Ergebnisse von Hartmanns Untersuchung ist jedoch, dass die soziale Geschlossenheit der Chefetagen im Zuge der Bildungsexpansion nicht ab-, sondern vielmehr zugenommen hat. Diese von Hartmann f\u00fcr den Bereich der Wirtschaft &#8211; die im Mittelpunkt seiner Untersuchung steht &#8211; belegten Zahlen vergleicht er systematisch mit den Eliten dreier anderer Berufsfelder.<\/p>\n<p>Dabei ergeben sich zun\u00e4chst Einschr\u00e4nkungen der obigen Aussagen: Auf die h\u00f6here Justiz und die Politik treffen sie nur bedingt und auf die Universit\u00e4ten, welche Mittelschichten und Arbeiterklasse weit h\u00f6here Chancen bieten, noch weniger zu. Dies f\u00fchrt Hartmann allerdings haupts\u00e4chlich darauf zur\u00fcck, dass diese Berufsfelder f\u00fcr die Nachkommen des Gro\u00dfb\u00fcrgertums und des gehobenen B\u00fcrgertums kaum attraktiv sind. Jene wenden sich nur in Zeiten, in denen es schlechte Chancen in der Wirtschaft gibt, den anderen gesellschaftlichen Sektoren zu &#8211; und verm\u00f6gen dort, mit Ausnahme des politischen Bereichs, umgehend die Konkurrenz der anderen sozialen Gruppen aus den Spitzenpositionen zu verdr\u00e4ngen. Hartmanns Ergebnisse stellen damit die bisherige Grundannahme der Eliteforschung infrage, wonach die Bildungsbeteiligung aus schlaggebend f\u00fcr die Berufschancen sei. Die sich trotz unabl\u00e4ssiger Kritik hartn\u00e4ckig haltende Individualisierungsthese Ulrich Becks wird durch die vorliegenden Befunde endg\u00fcltig ad absurdum gef\u00fchrt. Entgegen Becks Annahme, die Menschen seien durch den Wohlfahrtsstaat aus ihren traditionellen Klassenbindungen und Familienversorgungsstrukturen in ein individuelles Arbeitsmarktschicksal geworfen worden, f\u00e4llt laut Hartmanns Analyse die individuelle Leistung angesichts der klar erkennbaren Gruppenlaufbahnen kaum ins Gewicht.<\/p>\n<p>Doch Hartmann bleibt nicht bei der statistischen Analyse stehen. Er versucht vielmehr, jene Mechanismen der gesellschaftlichen Reproduktion zu erkl\u00e4ren, die die beschriebene Stabilit\u00e4t und Homogenit\u00e4t bewirken. Dabei greift er auf selbst gef\u00fchrte Interviews mit Spitzenm\u00e4nnern und, seltener, -frauen zur\u00fcck. Zwei Kategorien nutzt der Autor dabei, um zu erkl\u00e4ren, weshalb die Nachkommen des B\u00fcrgertums bei den Spitzenpositionen die erste Wahl haben und die Spr\u00f6sslinge anderer sozialer Gruppen nur das bekommen k\u00f6nnen, was \u00fcbrig bleibt: <em>Vertrauen<\/em> im Sinne Niklas Luhmanns und <em>Habitus<\/em> im Sinne Pierre Bourdieus.<\/p>\n<p>Da in den Unternehmensspitzen risikoreiche Entscheidungen oftmals sehr z\u00fcgig getroffen werden m\u00fcssen, ist gegenseitiges Vertrauen innerhalb der F\u00fchrung unabdingbar. Das sicherste Indiz daf\u00fcr, dass die auszuw\u00e4hlende Person den \u00fcbrigen Spitzenm\u00e4nnern \u00e4hnelt, ist die soziale Herkunft, die sich im Auftreten der Kandidaten offenbart. Um St\u00f6rungen zu vermeiden, rekrutieren sich die Topmanager deshalb aus sozialen Kreisen, deren Mitglieder \u00e4hnliche Verhaltensmuster und Einstellungen teilen. Wie wichtig Vertrauen in intakten Wirtschaftsbeziehungen ist, hat j\u00fcngst Martin Fiedler anhand von Beispielen zerbrochener Vertrauensstrukturen in Vorst\u00e4nden von Unternehmen untersucht (Fiedler 2000).<\/p>\n<p>An dieser Stelle greift Hartmann auf den Habitus-Begriff von Bourdieu zur\u00fcck und stellt einen Katalog von vier entscheidenden Pers\u00f6nlichkeitsmerkmalen auf: 1. die Vertrautheit mit den ungeschriebenen \u201eDress- und Verhaltenscodes&#8220; in Vorstandsetagen, 2. eine bildungsb\u00fcrgerliche breite Allgemeinbildung, 3. eine unternehmerische und vor allem optimistische Lebenseinstellung und, zentral, 4. die pers\u00f6nliche Souver\u00e4nit\u00e4t und Selbstsicherheit. Da diese Verhaltensweisen und Einstellungen gr\u00f6\u00dftenteils auf der famili\u00e4ren Sozialisation beruhen, ebenso wie auf dem zur Verf\u00fcgung stehenden Netz sozialer Sicherheit, sind sie nur bedingt erlernbar und wirken zudem oft schnell einstudiert. In diesem Sinne funktioniert der Habitus als Ausschlusskriterium: Andere Startvorteile von Kindern aus gehobenen Kreisen werden durch ihn so unterst\u00fctzt, dass der Erwerb selbst des h\u00f6chsten Bildungstitels allein nicht ausreicht, um ihnen Spitzenpositionen streitig zu machen. So finden in Jahrg\u00e4ngen mit guten Aussichten in der Wirtschaft zwar relativ viele nicht-b\u00fcrgerliche Promovierte eine hohe Position in Unternehmen. In Zeiten von Engp\u00e4ssen jedoch muss die aus der breiten Bev\u00f6lkerung stammende Bildungselite auf die \u00fcbrigbleibenden Positionen bzw. auf die anderen Sektoren ausweichen.<\/p>\n<p>\u00dcberzeugend sind Hartmanns Erkl\u00e4rungen vor allem f\u00fcr den Wirtschaftssektor. Seine Analyse der Rekrutierung von Eliten in Justiz, Politik und Universit\u00e4t wirft jedoch noch einige Fragen auf. Auch in diesen Sektoren vermutet Hartmann n\u00e4mlich einen jeweils vorherrschenden Habitus: beamtisch f\u00fcr die h\u00f6here Justiz; bei den politischen Parteien an der jeweiligen W\u00e4hlerklientel orientiert; kleinb\u00fcrgerlich bildungsbeflissen an den Universit\u00e4ten. Diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, deren Habitus vorherrschend ist, haben laut Hartmann jeweils die besten Chancen auf die Toppositionen in diesen Bereichen. Doch wie erkl\u00e4rt sich dann, dass die Nachkommen des B\u00fcrgertums sofort auf all diese Positionen zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, sobald sie in der Wirtschaft nicht unterkommen k\u00f6nnen? Und weshalb k\u00f6nnen die promovierten T\u00f6chter des B\u00fcrgertums, vor allem des Gro\u00dfb\u00fcrgertums, nicht auf dieselben Reproduktionsmechanismen bauen wie dessen S\u00f6hne?<\/p>\n<p>Begr\u00fc\u00dfenswert ist Hartmanns Ansatz, die in der Ungleichheits- und Eliteforschung \u00fcblichen Kategorien &#8211; Arbeiter, Angestellte, Beamte und Selbst\u00e4ndige &#8211; zugunsten einer lebensnaheren und historisch gewachsenen Einteilung in Gro\u00dfb\u00fcrgertum, gehobenes B\u00fcrgertum und einer zusammengefassten Arbeiterklasse\/Mittelschicht aufzugeben. Erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig bleibt jedoch der von Hartmann umstandslos verwendete Begriff der \u201eArbeiterklasse&#8220;, der von den deutschen Sozialwissenschaften schon lange nicht mehr f\u00fcr brauchbar erachtet wird.<\/p>\n<p>Hartmanns methodisch innovative Studie, die ein Jahr versp\u00e4tet sogar eine Titelgeschichte der Illustrierten Stern zur Folge hatte (\u201eDas M\u00e4rchen von der Chancengleichheit&#8220;; Stern Nr. 31 vom 24. Juli 2003), verdient breite Resonanz in Wissenschaft und \u00d6ffentlichkeit &#8211; nicht zuletzt, um naive Illusionen von einer angeblich nach oben offenen Gesellschaft zu verabschieden. Wenn hierzulande wieder verst\u00e4rkt \u00fcber Fragen der sozialen Reproduktion kritisch nachgedacht wird, ist das nicht zuletzt Hartmanns Verdienst.<\/p>\n<h3 class=\"\">Literatur<\/h3>\n<p><em>Fiedler, Martin<\/em> 2000: Netzwerke des Vertrauens: Zwei Fallbeispiele aus der deutschen Wirtschaftselite; in:<em> Dieter Ziegler<\/em>: (Hg.), Gro\u00dfb\u00fcrger als Unternehmer. Die deutsche Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert, G\u00f6ttingen, S. 93-115<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[3883,3927,3926,3925,791,3045,667],"autoren":[3909],"publikationen":[1207],"class_list":["post-19655","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-chancengleichheit","tag-habitus","tag-leistungseliten","tag-michael-hartmann","tag-rezension","tag-soziale-ungleichheit","tag-vorgaenge-artikel","autoren-regina-vogel","publikationen-vorg-163"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die entzauberten Eliten. 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