{"id":19663,"date":"2024-12-04T13:40:50","date_gmt":"2024-12-04T12:40:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19663"},"modified":"2024-12-04T13:40:50","modified_gmt":"2024-12-04T12:40:50","slug":"kierunek-berlin-kierunek-warszawa-zwischen-weltpolitik-und-alltag-deutsche-und-polen-in-berlin","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-162\/publikation\/kierunek-berlin-kierunek-warszawa-zwischen-weltpolitik-und-alltag-deutsche-und-polen-in-berlin\/","title":{"rendered":"Kierunek Berlin &#8211; Kierunek Warszawa? Zwischen Weltpolitik und Alltag: Deutsche und Polen in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Bahnhofsvorplatz in Poznan stand lange Zeit eine gro\u00dffl\u00e4chige Werbetafel der polnischen Staatsbahn PKP. &#8222;Do Warszawy i Berlina Pociagami EC, IC, Ex \u2014 Najszybciej&#8220; \u2014 ,,Nach Warschau und Berlin am schnellsten mit Eurocity, Intercity und Express&#8220;, war da zu lesen. Auch vor der Einf\u00fchrung des <em>Berlin-Warszawa-Express<\/em> 2001 war Berlin f\u00fcr die Bahnreisenden der westpolnischen <em>Boomtown<\/em> ein Reiseziel, f\u00fcr das zu werben sich lohnte.<\/p>\n<p>Auf dem Bahnsteig des Regionalbahnhofs Berlin-Alexanderplatz war vor kurzem ebenfalls eine Werbetafel zu sehen &#8211; eine recht ungew\u00f6hnliche sogar, denn sie war auf Polnisch. Die Western <em>Union Bank<\/em> warb: &#8222;Pewny przekaz pienizny to nasza mocna strona&#8220; &#8211; ,,Sichere Geld\u00fcberweisungen sind unsere starke Seite&#8220;. Mit dieser Bahnsteigwerbung ging das an eine nichtdeutsche Zielgruppe gerichtete Ethno-Marketing \u00fcber die sonst \u00fcbliche Werbung in ethnischen Printmedien hinaus. Der Schritt in Richtung <em>Outdoor<\/em>-Werbung wurde bemerkenswerterweise von der Privatwirtschaft gegangen, nicht von \u00f6ffentlichen Institutionen wie der BVG, der Berliner Flughafengesellschaft oder den Stra\u00dfenverkehrsbeh\u00f6rden. Es gibt offenbar einen Markt f\u00fcr Hinweise auf Polnisch im \u00f6ffentlichen Stadtraum der Hauptstadt. Nur hat das von den offiziellen Akteuren noch keiner gemerkt.<\/p>\n<p>Hinweise, die den deutschen Reisenden nach Poznan oder Warschau einladen, sucht man auf Berliner Bahnsteigen allerdings vergeblich. Bewegt sich das deutsch-polnische Verh\u00e4ltnis also auf einer Einbahnstra\u00dfe?<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"job-undoder-shopping-die-migrationsmetropole-berlin\">Job und\/oder Shopping: Die Migra&shy;ti&shy;ons&shy;me&shy;tro&shy;pole Berlin<\/span><\/h3>\n<p>An Leitbildern hat es wahrlich nicht gefehlt im Berlin der Nachwendezeit. Aus der einstigen Mauerstadt, die sich als ,,Schaufenster des Westens&#8220; und &#8222;Bollwerk der Freiheit&#8220; trotzig \u00fcber die Zeit der Teilung hinweggerettet hat, sollte nach dem Fall der Mauer beinahe \u00fcber Nacht eine europ\u00e4ische Metropole werden. Es war vor allem die Lage der Stadt, die dieser Hoffnung Nahrung zu geben schien. Ehemals am Rand der Systeme gelegen, w\u00fcrde Berlin nun wieder in der Mitte liegen, w\u00fcrde als ,,\u00f6stlichste Stadt des Westens&#8220; und ,,westlichste Stadt des Ostens&#8220; beinahe zwangsl\u00e4ufig aufsteigen in das ,,Orchester der europ\u00e4ischen Metropolen&#8220;. Doch zum ,,Tor zum Osten&#8220;, das Berlin so gerne geworden w\u00e4re, zum Sprungbrett westlicher Konzerne, Dienstleister und Waren in Richtung Osteuropa, haben sich andere hochgerappelt, Wien zum Beispiel, Warschau, aber auch Prag.<\/p>\n<p>Berlin dagegen ist beinahe unbemerkt ein &#8222;Tor zum Westen&#8220; geworden. Im Ostberliner Plattenbaubezirk Marzahn spricht inzwischen jeder zehnte Bewohner Russisch. Insgesamt leben in Berlin \u00fcber 100.000 russischsprachige Sp\u00e4taussiedler beziehungsweise ihre russischen Familienangeh\u00f6rigen. Hinzu kommen 15.000 j\u00fcdische Migranten, die als Kontingentfl\u00fcchtlinge nach 1990 aufgenommen wurden.<\/p>\n<p>Noch deutlicher wird die Bewegung von Ost nach West, wenn man sich die polnische Migration anschaut. Neben den 30.000 polnischen Staatsb\u00fcrgern, die in den 1980er Jahren wegen der Verh\u00e4ngung des Kriegsrechts 1981 nach Berlin kamen, sind seit dem Ende der 1980er Jahre weitere 100.000 Menschen als Sp\u00e4taussiedler zugewandert. Anders als die russischsprachigen Aussiedler, die hier fernab der alten Heimat leben, halten sie den Kontakt zu Polen meistens aufrecht.<\/p>\n<p>Nach Berlin kommen aber auch die, die in dieser Stadt nicht dauerhaft leben, sondern als Pendler arbeiten wollen. Wer am Montag morgen einmal mit dem Zug vom polnischen Kostrzyn nach Berlin f\u00e4hrt, bekommt eine Ahnung von der geographischen Lage Berlins als erster Stadt des Westens. Manche, wie die ehemalige Berliner Ausl\u00e4nderbeauftragte Barbara John, sch\u00e4tzen, dass sich etwa 100.000 Pendler regelm\u00e4\u00dfig in Berlin aufhalten. F\u00fcr die einen sind es Arbeitsmigranten, die das noch immer sehr hohe Lohngef\u00e4lle an der deutsch-polnischen Grenze ausnutzen. Anderen, wie zum Beispiel den Forschern am Institut f\u00fcr europ\u00e4ische Ethnologie der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t, gelten sie bereits als Pioniere eines neuen Europa: Wegen seiner Lage als Grenzstadt w\u00e4re Berlin geradezu ein Labor f\u00fcr die neue Gestalt des ,,Transmigranten&#8220;, der kulturell, sozial wie wirtschaftlich sowohl auf der einen wie auch der anderen Seite der Grenze zuhause sei (vgl. Diehl\/Lehmann\/Naydenova 2000).<\/p>\n<p>Und dann gibt es noch die Touristen und Shopping-Reisenden. Vor allem vor Weihnachten macht das legend\u00e4re Kaufhaus <em>KaDeWe<\/em> fast die H\u00e4lfte des Umsatzes mit russischen Kunden. Im November und Dezember sind die Fl\u00fcge von Moskau und Petersburg nach Berlin regelm\u00e4\u00dfig ausgebucht. Aber auch die Polen haben Berlin als Einkaufsstadt entdeckt. Vierzig Prozent aller Ums\u00e4tze ausl\u00e4ndischer Kunden entfallen inzwischen auf russische und polnische Touristen. Allein in einem Umkreis von 300 Kilometern um Berlin leben zwischen Szczecin, Poznan und Wroclaw neun Millionen Polen. Das Einzugsgebiet des Kurf\u00fcrstendamms, des Potsdamer-, aber auch des Alexanderplatzes, hat l\u00e4ngst die Grenzen \u00fcberschritten. Selbst die Berliner Wirtschaftsf\u00f6rderer werben inzwischen unter dem Slogan ,,Go West \u2014 Go Berlin&#8220;.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"ist-die-deutsch-polnische-erfolgsstory-gefaehrdet\">Ist die deutsch-&shy;pol&shy;ni&shy;sche Erfolgs&shy;story gef&auml;hrdet?<\/span><\/h3>\n<p>Welches Bild von Berlin haben diejenigen, die sich auf diesen verschiedenen Wegen und aus den unterschiedlichsten Gr\u00fcnden auf den Weg machen? Ist es das der ersten Metropole des Westens, der Millionenstadt unweit der polnischen Grenze, in der man noch immer sein Gl\u00fcck sucht? Ist Berlin noch immer die Goldgr\u00e4berstadt f\u00fcr Gl\u00fccksritter aller Couleur? Oder ist es eine der Metropolen des &#8222;alten&#8220; Europa \u00e0 la Donald Rumsfeld? Wendet sich Berlin wieder Paris zu und kehrt den aufstrebenden Metropolen des &#8222;neuen&#8220; Europa den R\u00fccken zu?<\/p>\n<p>Geht von Berlin gar wieder der &#8222;Drang nach Osten&#8220; aus, wie es das Nachrichtenmagazin <em>Wprost<\/em> im November 2002 in einer Titelgeschichte suggerierte (<em>Wprost<\/em> Nr. 1041, November 2002)? Neben der polnischen Unterzeile &#8222;Die Deutschen kolonisieren den Osten&#8220; war ein dicker Bayer in Lederhose zu sehen, die Socken schwarz-rot-gold und in der Hand ein Bier, der es sichtlich genie\u00dft, wie die Beitrittskandidaten Polen, Tschechien und Ungarn um ihn herum springen und ,,M\u00e4nnchen machen&#8220;.<\/p>\n<p>Anlass dieses gezielten Griffs in die Kiste antideutscher Stereotypen war die Debatte im polnischen Parlament, dem Sejm, \u00fcber die Privatisierung des Warschauer Energieversorgers SOEN an den deutschen RWE-Konzern. &#8222;Ausverkauf Polens&#8220;, riefen in einer tumultartigen Parlamentssitzung die Abgeordneten der populistischen Parteien <em>Liga polnischer Familien<\/em> (LPR) und <em>Selbstverteidigung<\/em> des rechtspopulistischen Bauernf\u00fchrers Andrzej Lepper. Dieses Argument nahm <em>Wprost<\/em> gerne auf: Noch immer, hie\u00df es in der Ausgabe, w\u00fcrden die Deutschen den Osten kolonisieren wollen. Und der Osten w\u00fcrde dies sogar noch freiwillig mit sich machen lassen.<\/p>\n<p>Noch vor Jahresfrist galt das deutsch-polnische Verh\u00e4ltnis als Erfolgsstory. Nie in der Geschichte beider L\u00e4nder, einer Geschichte der Teilungen, der Kriege und des V\u00f6lkermordes, sei dieses Verh\u00e4ltnis besser gewesen, betonten Polens Pr\u00e4sident Alexander Kwasniewski und Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der bei jeder Gelegenheit.<\/p>\n<p>Das war nicht einmal \u00fcbertrieben. W\u00e4hrend sich Deutsche und Tschechen noch immer \u00fcber die Beneg-Dekrete streiten, hat man beiderseits der Oder und Nei\u00dfe l\u00e4ngst die Geschichte der Vertreibungen aufgearbeitet &#8211; nicht nur jeder f\u00fcr sich, sondern auch in vielen gemeinsamen Projekten von Historikern, Kulturwissenschaftlern und Soziologen. Hinzu kommen zahlreiche Fernsehsendungen und Buchver\u00f6ffentlichungen, die nun auch auf deutscher Seite verst\u00e4rkt das Interesse am Nachbarn wecken sollen. Die Erfolgsstory, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs begonnen hatte, sollte nun, mit dem Beitritt der mittel- und osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder zur Europ\u00e4ischen Union, ihrem H\u00f6hepunkt entgegengehen.<\/p>\n<p>Seit dem Beginn der Irakkrise im Herbst 2002 scheint aber alles anders. Die Unterschrift des polnischen Ministerpr\u00e4sidenten Leszek Miller unter die umstrittene Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rung von Tony Blair und Jos\u00e9 Maria Aznar an George W. Bush hat in Berlin einen regelrechten Schock ausgel\u00f6st. Dies betraf weniger den Inhalt als vielmehr ihr Zustandekommen. Noch am Tage der Ver\u00f6ffentlichung im <em>Wall Street Journal<\/em> am 30. Januar 2003 hatte Miller mit Schr\u00f6der telefoniert &#8211; und ihn mit keinem Wort \u00fcber seine Unterschrift informiert. Hinter dem R\u00fccken der Europ\u00e4ischen Union, hie\u00df es hinterher in Deutschland, sei dieser Brief verfasst worden. Der Traum einer eigenst\u00e4ndigen Au\u00dfenpolitik der EU war vorerst geplatzt.<\/p>\n<p>In Warschau wiederum schrillten die Alarmglocken, als sich abzeichnete, dass nicht nur die Achse Paris-Berlin gegen die angloamerikanischen Pl\u00e4ne eines Regimewechsels im Irak mobil machte, sondern ein um Russland und China erweitertes B\u00fcndnis der &#8222;Unwilligen&#8220;. Berlin vereint mit Moskau: Das l\u00f6ste in Warschau alte Reflexe aus und erinnerte an die Traumata der polnischen Teilungen und des Hitler-Stalin-Paktes. Das gleiche galt f\u00fcr die Weigerung der Deutschen und Belgier, in der NATO den Weg f\u00fcr den Schutz der T\u00fcrkei frei zu machen. Je gr\u00f6\u00dfer die Furcht vor einer drohenden Spaltung der NATO wurde, die in Polen als wichtigster Garant der territorialen Souver\u00e4nit\u00e4t angesehen wird, desto entschiedener wurde die Unterst\u00fctzung des US-Kurses. Laut wurde dar\u00fcber nachgedacht, ob US-amerikanische St\u00fctzpunkte nicht von Deutschland nach Polen verlegt werden sollten. Und bei einem seiner beiden Besuche in Washington sicherte Alexander Kwasniewski George W. Bush den Kauf weiterer 48 Kampfjets des Typs F-16 im Wert von 3,5 Milliarden Dollar zu. Dies wiederum best\u00e4rkte in Deutschland die Furcht, mit dem polnischen Beitritt k\u00e4me ein &#8222;trojanisches Pferd der USA&#8220; in die EU.<\/p>\n<p>Auf dem Tiefpunkt angelangt war das Verh\u00e4ltnis zwischen dem ,,alten&#8220; und dem ,,neuen&#8220; Europa schlie\u00dflich, als der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Jacques Chirac am 17. Februar die Solidarit\u00e4tsadresse der Polen, Tschechen und Ungarn an Bush mit den Worten quittierte, die Beitrittsl\u00e4nder h\u00e4tten eine gute Gelegenheit verpasst, den Mund zu halten. In Richtung Bulgarien und Rum\u00e4nien drohte Chirac gar, wenn diese ihre Beitrittschancen verspielen wollten, k\u00f6nnten sie nichts besseres tun, als den Kurs der US-Regierung zu unterst\u00fctzen. So sprechen keine Partner im neuen Europa zueinander, sondern Europ\u00e4er erster und zweiter Klasse.<\/p>\n<p>Donald Rumsfeld konnte sich die H\u00e4nde reiben. In dem er die Position Frankreichs und Deutschlands als Teil des ,,alten Europas&#8220; bezeichnete und diesem ,,alten&#8220; ein ,,neues&#8220;, osteurop\u00e4isches Europa entgegensetzte, hatte er offenbar den Finger auf eine offene Wunde gelegt.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"diesseits-der-weltpolitik-das-polnische-gebrauchswissen-ueber-berlin\">Diesseits der Weltpo&shy;li&shy;tik: Das polnische Gebrauchs&shy;wissen &uuml;ber Berlin<\/span><\/h3>\n<p>Nachdem sich der rhetorische und tats\u00e4chliche Pulverdampf allm\u00e4hlich verzogen hat: Was bleibt in Berlin und Warschau von den Entscheidungen der letzten Monate? Setzt man in Polen nun, je n\u00e4her Berlin wieder an Paris (und an Moskau) r\u00fcckt, seine Hoffnungen auf Washington? Schieben sich vor die im Alltag gewonnenen Bilder der anderen Seite nun wieder andere, mehr ideologische, nationale? Ist wieder die Zeit derer gekommen, die unvermindert alte oder auch neue Stereotypen pflegen?<\/p>\n<p>Glaubt man dem Nachrichtenmagazin <em>Polityka<\/em>, ist der Fahrplan in Europa l\u00e4ngst gedruckt. <em>Kierunek Berlin<\/em> \u2014 &#8222;Richtung Berlin&#8220; lautete vor einiger Zeit die Schlagzeile des Magazins (Nr. 42\/1999). <em>Kierunek Berlin<\/em>: Das ist der Gegenentwurf zum \u201eDrang nach Osten&#8220;. <em>Kierunek Berlin<\/em>: Das ist der europ\u00e4ische Blick, der in Polen dem der Populisten entgegengestellt wird.<\/p>\n<p>In <em>Polityka<\/em> wurde in dieser Ausgabe zum Bild des Brandenburger Tores die Frage gestellt: &#8222;Co nas czeka za brama&#8220; \u2014 &#8222;Was uns hinter dem Tor erwartet&#8220;. Die Antwort lautete: nichts, was uns Angst bereiten m\u00fcsste. Und schon gar nicht w\u00fcrde Warschau, wie manche meinen, ein Vorort von Berlin werden. Zwar w\u00fcrde Berlin, so lautete das Res\u00fcmee der Titelgeschichte, in einem vereinigten Europa in vielem die Richtung angeben. Vor allem in den Grenzregionen w\u00fcrde es als nat\u00fcrlicher Magnet ein neues, grenz\u00fcberschreitendes Zentrum bilden. Doch diese neue Rolle macht denen, die sich in &#8222;Richtung Berlin&#8220; aufmachen, keine Angst. Diese neue Rolle entspricht der, die auch St\u00e4dte in Polen eingenommen haben: Warschau nat\u00fcrlich oder auch Poznati. Dort wurde gleich neben dem Bahnsteig mit der ehemaligen Werbetafel der PKP das neue, gl\u00e4serne Eingangsgeb\u00e4ude der Messe hochgezogen.<\/p>\n<p>Berlin ist f\u00fcr viele Polen keine fremde Stadt mehr, sondern eine vertraute. Das liegt nicht nur an den zahlreichen, vielf\u00e4ltigen Berichten, die es auch in polnischen Medien \u00fcber die deutsche Hauptstadt gibt. Es gibt daneben noch ein anderes Wissen \u00fcber die Stadt, ein Wissen, das aus eigener Erfahrung und Anschauung herr\u00fchrt. Dies ist ein ,,Gebrauchswissen&#8220;, das bis weit nach Polen hinein verbreitet ist. Der Ethnologe Norbert Cyrus hat das am Beispiel der Pendler\u00f6konomie beschrieben: Es existiert ein engmaschiges Netz an Kontakten, das ganz Westpolen \u00fcberzieht und es jedem Arbeitssuchenden erm\u00f6glicht, bereits zu Hause Kontakt zu seinem neuen Arbeitgeber aufzunehmen (vgl. Cyrus 1997).<\/p>\n<p>\u00dcber dieses Gebrauchswissen verf\u00fcgen aber nicht nur die Pendler, sondern auch die Touristen. Auch sie benutzen Berlin inzwischen mit einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit, von der man im Westen noch wenig wei\u00df. Die Reisenden aus Szczecin zum Beispiel fliegen nicht von Polen, sondern von Berlin-Tegel aus in den Urlaub. Die junge Wroclawer Musikszene zieht es manchmal eher nach Berlin als nach Warschau. Und die Love Parade, die in Polen Parada Milosci hei\u00dft, hat in den vergangenen Jahren Zehntausende junger Polen nach Berlin gezogen.<\/p>\n<p>Richtung Berlin: Das ist eine Bewegung auf vielen Wegen. Berlin ist f\u00fcr polnische Reisende, Besucher und Pendler eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden, eine Stadt, die nicht mehr nur fremd ist, sondern auch vertraut. Wer von Polen nach Berlin kommt, f\u00e4hrt nicht mehr in die Fremde, sondern ist angekommen.<\/p>\n<p>Die polnischen Hinweisschilder auf den Bahnsteigen von Poznan und Berlin-Alexanderplatz schaffen keine neue Realit\u00e4t, sie bilden sie nur ab. Diese Bewegung in Richtung Berlin ist auch w\u00e4hrend des Irakkrieges nie abgerissen. Und sie wird auch die Kollateralsch\u00e4den \u00fcberstehen, die Donald Rumsfelds Spaltungsversuch hinterlassen haben mag. Schlie\u00dflich ist auch in Polen, wie es der Publizist Adam Krzeminski formuliert, &#8222;Amerika der Traum, Europa dagegen die Wirklichkeit&#8220; (<em>Die Zeit<\/em> Nr. 25\/2001).<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"kierunek-warszawa-das-deutsche-desinteresse-an-polen\">Kierunek Warszawa? Das deutsche Desin&shy;ter&shy;esse an Polen<\/span><\/h3>\n<p>Wie aber sieht es umgekehrt aus? Wie selbstverst\u00e4ndlich ist Polen f\u00fcr die Berliner? Gibt es auch eine <em>Kierunek Warszawa<\/em>, eine &#8222;Richtung Warschau&#8220;?<\/p>\n<p>Schon ein Blick in die Zeitungen zeigt, dass im deutsch-polnischen Beziehungsgeflecht die Berichterstattung von den &#8222;gro\u00dfen Themen&#8220; dominiert wird, von der Osterweiterung der EU, von Staatsbesuchen oder den Schatten der Vergangenheit. Die Vermittlung eines Alltagswissens, wie es die Polen \u00fcber Berlin verf\u00fcgen, findet nicht statt. Selbst in den grenznahen Regionalzeitungen finden sich zumeist nur Berichte \u00fcber Diebst\u00e4hle oder Schlepperbanden, die Fl\u00fcchtlinge aus dem so genannten &#8222;Warteraum Polen&#8220; \u00fcber Oder und Nei\u00dfe bringen wollen. Ambitionierte Projekte, wie eine gemeinsame w\u00f6chentliche Seite der<em> Lausitzer Rundschau<\/em> und der <em>Gazeta Lubuska<\/em> wurden inzwischen eingestellt. Die Begr\u00fcndung lautete von deutscher Seite: Es gebe kein Leserinteresse.<br \/>\nUnd das scheint zu stimmen. Wenn man sich den deutsch-polnischen Pressespiegel im Grenzgebiet anschaut, der bis vor anderthalb Jahren noch von der deutschpolnischen Zeitschrift <em>Transodra<\/em> und dem Stettiner<em> Zentrum f\u00fcr europ\u00e4ische Integration<\/em> herausgegeben wurde, stellt man fest, dass auch im Grenzgebiet von polnischer Seite mehr \u00fcber die deutsche geschrieben wurde als umgekehrt.<\/p>\n<p>Von einem selbstverst\u00e4ndlichen Umgang mit Polen kann also von deutscher Seite keine Rede sein. Es herrscht vielmehr eine Asymmetrie der Interessen, wie es der Leiter des <em>Collegium Polonicum<\/em> in Slubice, Krzysztof Wojciechowski, einmal gesagt hat (<em>die tageszeitung<\/em> vom 2. September 1998). W\u00e4hrend sich immer mehr Polen in Richtung Berlin auf den Weg machen, ist Polen f\u00fcr die meisten Deutschen immer noch weit entfernt.<\/p>\n<p>Dieses Desinteresse macht sich inzwischen auch wirtschaftlich bemerkbar. W\u00e4hrend Polen immer mehr in die Europ\u00e4ische Union exportiert, ist es wirtschaftlich in der deutschen Hauptstadt noch nicht wirklich angekommen. So ist der Anteil Berlins am Warenaustausch mit Polen im Vergleich zu den anderen Bundesl\u00e4ndern in den letzten Jahren deutlich zur\u00fcckgegangen, von 2,87 Prozent im Jahre 1991 auf 1,82 Prozent im Jahre 2001. Spitzenreiter sind dagegen Nordrhein-Westfalen (28 Prozent), Niedersachsen (15) und Bayern (knapp 12 Prozent) (vgl. Standke 2000).<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"berlin-braucht-die-kierunek-polska\">Berlin braucht die <em>Kierunek Polska<\/em><\/span><\/h3>\n<p>Je n\u00e4her der Beitritt der mittel- und osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder in die Europ\u00e4ische Union r\u00fcckt, desto nerv\u00f6ser allerdings wird man in Berlin. Ist man in der deutschen Hauptstadt wirklich auf den Beitritt vorbereitet? Wie sieht es aus mit der Europatauglichkeit nicht nur der Berliner Wirtschaft, sondern auch der Berliner? Stellvertretend f\u00fcr diese Zweifel widmete sich das Berliner <em>Stadtforum<\/em>, ein Expertenforum der Berliner Stadtentwicklungspolitik, im November 2001 auf drei Sitzungen diesem Thema. Erstmals wurde dort Klartext geredet. Es sei zum Beispiel nicht hinnehmbar, keine Direktverbindung nach Szczecin zu haben, immerhin die Berlin am n\u00e4chsten gelegene Gro\u00dfstadt. Es sei ein Skandal, wenn die Fahrg\u00e4ste im Zug von Kostrzyn nach Berlin schikaniert w\u00fcrden, weil dieser Zug immer noch als Schmugglerzug gilt. Das Polnische d\u00fcrfe nicht l\u00e4nger eine exotische Sprache sein, sondern m\u00fcsse Einzug halten ins Curriculum der Berliner Schulen. Endlich m\u00fcsse man damit beginnen, im \u00f6ffentlichen Stadtraum auch polnische Hinweisschilder anzubringen.<\/p>\n<p>Diese Selbstkritik richtete sich auf etwas, das tats\u00e4chlich selbstverst\u00e4ndlich sein m\u00fcsste: Berlin sollte seine Lage als Grenzstadt oder Tor zum Westen auch als Chance begreifen. Es muss sich seinen G\u00e4sten und Bewohnern aus Polen noch weiter \u00f6ffnen: nicht mehr aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden wie noch Anfang der 1980er Jahre, als Zehntausende Fl\u00fcchtlinge der <em>Solidarnosc<\/em> nach Berlin kamen, sondern aus purem Eigennutz. Berlin muss begreifen, dass es ein Tor zum Osten nur werden kann, wenn es seine Lage als Tor zum Westen und Grenzstadt ernst nimmt.<\/p>\n<p>Um aber einen grundlegenden Wandel einzuleiten, um endlich den so dringend gebotenen Blickwechsel von West nach Ost zu vollziehen, bedarf es mehr als nur politischer Anst\u00f6\u00dfe. Als &#8222;Tor zum Osten&#8220; braucht Berlin auch den Gegenblick, die <em>Kierunek Polska<\/em>. Nicht als ,,Drang nach Osten&#8220;, sondern als Gegenstand eines nachbarschaftlichen Interesses, das von nicht mehr und nicht weniger geleitet sein braucht als der \u00dcberzeugung, dass ein Abbau der gegenw\u00e4rtigen Asymmetrie beiden Seiten nutzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><em>Kierunek Polska<\/em> &#8211; das w\u00e4re zum Beispiel die Wahrnehmung einer neuen Geografie in einem Europa, das mit der Osterweiterung zwar nicht &#8222;neuer&#8220; im Sinne Donald Rumsfelds wird, wohl aber \u00f6stlicher. Richtung Polen &#8211; das w\u00e4re auch eine neue Bewegung im Tourismus, der nicht nur die \u00c4lteren an die Ostseek\u00fcste, nach Schlesien oder Ostpreu\u00dfen bringt, sondern auch die Jungen. Richtung Polen &#8211; das w\u00e4re auch das Stammeln einiger polnischer W\u00f6rter, so wie man auch in Italien und Spanien &#8222;Ja&#8220;, &#8222;nein&#8220;, &#8222;danke&#8220; oder &#8222;bitte&#8220; sagen kann.<\/p>\n<p>In Richtung Polen sollte es nicht mehr nur die Gl\u00fccksritter und Pioniere ziehen, die im &#8222;Berlin-Warszawa-Express&#8220; \u00fcber ihren Laptops sitzen, sondern auch kleine und mittlere Unternehmer, die in den Wojewodschaften Lubuskie, Zachodniopomorskie oder Dolnoslaskie einen Kooperationspartner gefunden haben. Vor allem aber sollten Sch\u00fcler, Jugendliche und Studenten diese Richtung nehmen und nicht mehr nur nach Westen schauen, nach London oder Paris, sondern auch nach Poznati oder Warschau. Dann w\u00fcrde aus der <em>Kierunek Berlin<\/em> und der <em>Kierunek Polska<\/em> auch eine Richtung ins neue Europa sichtbar, ein Aufbruch, an dem nicht nur die polnischen Europ\u00e4er beteiligt sind, sondern auch die deutschen.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"risiken-der-zwischenzeit-zur-zukunft-des-neuen-europas\">&bdquo;Risiken der Zwischen&shy;zeit&ldquo;: Zur Zukunft des neuen Europas<\/span><\/h3>\n<p>Die Konturen dieses neuen Europas sind bereits sichtbar. Nicht nur am Bahnsteig in Poznan wo die Fahrg\u00e4ste inzwischen immer \u00f6fter in den Express nach Berlin als in den nach Warschau einsteigen. Das neue Europa zeigt sich auch dort, wo es sich tats\u00e4chlich begegnet: im deutsch-polnischen Grenzgebiet. Dort hat sich, allen geschilderten R\u00fcckschl\u00e4gen zum Trotz, in den letzten vierzehn Jahren beinahe im Zeitraffer eine Ann\u00e4herung vollzogen, f\u00fcr die Deutsche und Franzosen oder Deutsche und Niederl\u00e4nder f\u00fcnfzig Jahre gebraucht haben.<\/p>\n<p>Es ist kein leichter Weg in dieses neue Europa. Das hatte schon der Osteuropahistoriker Karl Schl\u00f6gel prophezeit, als er vor allem den Westen warnte, ihm st\u00fcnde bevor, was der Osten l\u00e4ngst bew\u00e4ltigt habe. Im neuen Europa, so Schl\u00f6gel, hei\u00dfe es, &#8222;sich auf die Risiken der Zwischenzeit einzulassen, in der ein alter Zustand unhaltbar geworden ist, ein neuer sich aber noch nicht verfestigt hat; im Provisorium leben zu k\u00f6nnen, ohne dass dies als Weltuntergang empfunden w\u00fcrde; nicht in Panik und Hysterie zu verfallen, wenn die Selbstverst\u00e4ndlichkeiten einer Lebensform aufh\u00f6ren, selbstverst\u00e4ndlich zu sein&#8220; (Schl\u00f6gel 1999).<\/p>\n<p>Die Pioniere, die sich in diesem neuen Europa auf den Weg gemacht haben, wissen es: Eine Alternative zur<em> Kierunek Europa<\/em> gibt es nicht. Eine <em>Kierunek Washington<\/em> w\u00fcrde in Polen ebenso wenig Zukunft haben, wie in Berlin ein Richtungswechsel zum Kerneuropa aus Deutschland und Frankreich.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h3>\n<p><em>Diehl, Anne\/Lehmann, Kathrin\/Naydenova, Sascha<\/em> 2000: Nichts liegt n\u00e4her als Polen; in: Lindner, Rolf\/Kumpe, Christian (Hg.): Durch Europa. In Berlin, Berlin<\/p>\n<p><em>Cyrus, Norbert<\/em> 1997: Grenzkultur und Stigmamanagement; in: Schriften des polnischen Sozialrats Berlin, April<\/p>\n<p><em>Standke, Klaus-Heinrich<\/em> 2000: Die Rolle Berlins innerhalb der Ost-West-Kompetenz der Bundesl\u00e4nder. R\u00fcckblick auf ein Jahrzehnt; in: Arbeitspapiere des Osteuropa-Instituts der Freien Universit\u00e4t Berlin, Heft 12<\/p>\n<p><em>Schl\u00f6gel, Karl<\/em> 1999: Berlin und das St\u00e4dtenetz im neuen Europa; in: Bollmann, Stefan (Hg.), Kursbuch Stadt. Stadtleben und Stadtkultur an der Jahrtausendwende, Stuttgart<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[2533,3949,3087,3948,667],"autoren":[3939],"publikationen":[1208],"class_list":["post-19663","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-berlin","tag-deutschland","tag-migration","tag-polen","tag-vorgaenge-artikel","autoren-uwe-rada","publikationen-vorg-162"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kierunek Berlin - Kierunek Warszawa? 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