{"id":19728,"date":"2025-02-19T12:23:57","date_gmt":"2025-02-19T11:23:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19728"},"modified":"2025-08-13T15:54:26","modified_gmt":"2025-08-13T13:54:26","slug":"editorial-90","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitteilungen-253\/publikation\/editorial-90\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>Das Problem, das pers\u00f6nliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>(Hannah Arendt)<\/em><\/p>\n<p>Liebe Mitglieder der Humanistischen Union,<\/p>\n<p>unser Verband steht in der Tradition unseres Gr\u00fcndungsmitglieds Fritz Bauer, der sich in den 1950er und 1960er Jahren, gegen erhebliche Widerst\u00e4nde, mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandersetzte und bestrebt war, sie vor Gericht zu bringen. Dass ihm das mit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen gelang, bleibt eins seiner gro\u00dfen Verdienste. Zeit seines Lebens wurde sein Engagement aber kaum honoriert; dass er niemals das Bundesverdienstkreuz erhielt, ist fast nicht zu glauben. Erst 2022, \u00fcber 50 Jahre nach seinem Tod, wurde ihm die Wilhelm-Leuschner-Medaille, die h\u00f6chste Auszeichnung des Landes Hessen, verliehen. Dass mit dem aktuellen Hessischen Ministerpr\u00e4sidenten ein Angeh\u00f6riger ausgerechnet der politischen Partei die Laudatio hielt, die immer wieder versucht hat, die antifaschistische Arbeit Fritz Bauers zu behindern, geh\u00f6rt wohl zu den vielen Absurdit\u00e4ten der bundesrepublikanischen Geschichte.<\/p>\n<p>Am 27. Januar 2025 j\u00e4hrte sich die Befreiung von Auschwitz durch sowjetische Truppen zum 80. Mal. Und so gab es auch im Deutschen Bundestag eine Gedenk-stunde, in der an die furchtbaren Verbrechen von Auschwitz erinnert wurde. Doch nur wenige Stunden sp\u00e4ter passierte an gleicher Stelle etwas, das die Frage aufwirft, ob alle Mitglieder des Bundestags wirklich verstanden haben, worum es bei dieser Gedenkstunde ging, ob nicht solche Gedenkfeiern schon lange zum bedeutungs-losen Ritual erstarrt sind.<\/p>\n<p>Zur Abstimmung gestellt wurde eine Entschlie\u00dfung zum Umgang mit Menschen, die aus Kriegsgebieten stammen und in Deutschland Schutz suchen. Daf\u00fcr wurden mutma\u00dfliche Mordanschl\u00e4ge zum Anlass genommen, die sich zuvor in Aschaffenburg, Magdeburg und an weiteren Standorten, sp\u00e4ter auch in M\u00fcnchen, ereignet haben \u2013 furchtbare Anschl\u00e4ge, die mehrere Todesopfer und viel Leid verursacht haben.<\/p>\n<p>Der Umstand, dass es sich bei den T\u00e4tern um Menschen handelte, die als Fl\u00fcchtlinge zu uns gekommen sind, hat einen Reflex ausgel\u00f6st, der Gefl\u00fcchtete pauschal als Gef\u00e4hrder ansieht. Aufgabe kluger Politik w\u00e4re es, solche Reflexe einzuordnen, zu bewerten und die gesellschaftlichen Folgerungen daraus zu ziehen \u2013 dabei besonders die wahren Gr\u00fcnde f\u00fcr solche Taten zu untersuchen, anstatt einfach die Herkunft verantwortlich zu machen.<\/p>\n<p>Man kann aber auch rassistische Kampagnen beginnen, in denen man eine Verkn\u00fcpfung von Fl\u00fcchtenden mit solchen Attentaten herstellt und folgerichtig eine restriktive Migrationspolitik fordert. Diese Forderung kann man gemeinsam mit einer Partei durchsetzen, bei der vieles daf\u00fcr spricht, dass sie als rechtsextremistisch im Sinne von verfassungsfeindlich einzustufen ist. Daf\u00fcr haben sich mehrere Parteien im Deutschen Bundestag, kurz nach der Gedenkstunde an die Befreiung von Auschwitz, entschieden. Viel ist in den letzten Wochen von einer \u201eBrandmauer\u201c die Rede. Seit dem 29. Januar wird das Bild immer verschwommener, gegen was diese \u201eBrandmauer\u201c eigentlich abgrenzen soll. Und leider zeigt sich die fatale Wirkung solcher Debatten selbst bei einer Partei wie B\u00fcndnis90\/Die Gr\u00fcnen, die sich der Rechtsentwicklung entgegenstellt, aber dennoch ein Papier wie ihren \u201e10-Punkte-Plan\u201c ver\u00f6ffentlicht, der eine restriktive Sicherheitspolitik mit einer verst\u00e4rkten Abschottung gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten fordert und nebenbei Menschen mit psychischen Problemen als potenzielle Attent\u00e4ter stigmatisiert.<\/p>\n<p>Die Abstimmung gemeinsam mit der AfD ist dabei nur ein Aspekt, der sich freilich gut f\u00fcr aufgeregte Debatten in den Talkshows des deutschen Fernsehens eignet. Viel gravierender ist die Grundstimmung dieser Debatten: dass die Verkn\u00fcpfung von Fl\u00fcchtlingen mit den Attentaten kaum mehr hinterfragt, dass beim \u201eZustrombegrenzungsgesetz\u201c ein Name gew\u00e4hlt wird, der Menschen als \u201eStrom\u201c bezeichnet und ihnen damit Individualit\u00e4t und W\u00fcrde nimmt \u2013 die W\u00fcrde, die nicht ohne Grund im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland an erster Stelle steht und die Fritz Bauer am (ehemaligen) Gerichtsgeb\u00e4ude in Frankfurt am Main als Relief anbringen lie\u00df.<\/p>\n<p>Noch mehr als die Entwicklungen in Deutschland geben die USA Anlass zu Sorge. Folgt man den Medienberichten, scheint der wiedergew\u00e4hlte Pr\u00e4sident Trump und seine Helferinnen und Helfer sich daran zu machen, systematisch die Grundlagen der Demokratie und des Schutzes von vulnerablen Minderheiten zu zerst\u00f6ren. Dazu z\u00e4hlt die Beendigung aller Initiativen, die Diversit\u00e4t und Inklusion zum Ziel haben \u2013 angeblich, um Diskriminierung gerade zu verhindern. In dieser Umdeutung von Begriffen liegt eine gro\u00dfe politische und gesellschaftliche Gefahr.<\/p>\n<p>International gilt es, den Einfluss von Plattformen sozialer Medien zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, die von m\u00e4chtigen Einzelpersonen kontrolliert werden \u2013 es zuzulassen, dass \u00f6ffentlicher Debatten- und Diskursraum unter oligarchische Kontrolle gebracht wird, ist schon lange ein Irrweg. Der Bundesvorstand der Humanistischen Union hat nun zumindest entschieden, den Account auf <em>X<\/em> nicht mehr weiter zu nutzen. Stattdessen nutzen wir Alternativen wie <em>Mastodon<\/em> und <em>Bluesky<\/em> \u2013 wobei <em>Bluesky<\/em> genau beobachtet werden muss, da es aufgrund seiner technischen Architektur im Gegensatz zu <em>Mastodon<\/em> ebenfalls von dominanten Einzelpersonen abh\u00e4ngig werden kann.<\/p>\n<p>Eine Voraussetzung f\u00fcr den Schutz der Menschenw\u00fcrde und die Verhinderung von Diskriminierung ist vor allem echte Demokratie. Und so hat der Arbeitskreis Demokratisierung der Humanistischen Union ein Papier erarbeitet, das ich allen Mitgliedern und Interessierten gerne ans Herz legen m\u00f6chte. Wir schlagen darin eine Erg\u00e4nzung der repr\u00e4sentativen Demokratie durch B\u00fcrgerr\u00e4te und Volksentscheide vor. Dazu schlagen wir auch die Einrichtung einer neuen gelosten politischen Institution vor, die beides initiieren kann. Hinzu kommt eine st\u00e4rkere Kontrolle von Parlamenten und Regierungen, Mitsprachem\u00f6glichkeiten von Kindern und Jugendlichen und Demokratisierung des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks.<\/p>\n<p>Zudem m\u00f6chte ich noch auf die n\u00e4chste Mitgliederversammlung \u2013 voraussichtlich im September \u2013 hinweisen, in deren Rahmen wir in diesem Jahr auch wieder den Fritz-Bauer-Preis verleihen werden. Wer nicht so lange warten m\u00f6chte, findet bei unserem regelm\u00e4\u00dfig am zweiten Mittwoch im Monat stattfindenden virtuellen Stamm-tisch die M\u00f6glichkeit, Gleichgesinnte zum Austausch \u00fcber b\u00fcrgerrechtliche Themen zu treffen.<\/p>\n<p>Gerade erreicht uns die traurige Nachricht, dass Gerhart Baum verstorben ist. Wir verlieren mit ihm einen gro\u00dfen Liberalen im besten Sinne und Streiter f\u00fcr die B\u00fcrger-rechte. Er setzte sich besonders f\u00fcr den Datenschutz und gegen Staatstrojaner und Vorratsdatenspeicherung ein und war treibende Kraft hinter Verfassungsbeschwerden gegen digitale \u00dcberwachung. Als Bundesinnenminister leitete er die R\u00fccknahme des \u201eRadikalenerlasses\u201c ein. Noch im vergangenen Jahr pr\u00e4sentierte er den Grundrechte-Report. Die B\u00fcrgerrechte in Deutschland haben ihm viel zu verdanken.<\/p>\n<p>Herzliche Gr\u00fc\u00dfe<\/p>\n<p><em>Stefan H\u00fcgel<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":19729,"template":"","categories":[3004,21,24,2982,16,2948,2995],"tags":[2546,850,770],"autoren":[252],"publikationen":[4019],"class_list":["post-19728","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-asylpolitik","category-demokratisierung","category-innere-sicherheit","category-neonazis","category-rechtspolitik","category-verein","category-vereinsnachrichten","tag-publikationen-hu-mitteilungen","tag-verband-fritz-bauer-preis","tag-verbandsnachrichten","autoren-stefan-huegel","publikationen-mitteilungen-253"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitteilungen-253\/publikation\/editorial-90\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Das Problem, das pers\u00f6nliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten. 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