{"id":20303,"date":"2025-12-01T14:37:00","date_gmt":"2025-12-01T13:37:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20303"},"modified":"2025-12-01T14:37:00","modified_gmt":"2025-12-01T13:37:00","slug":"wirtschaftsdemokratie","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-252\/publikation\/wirtschaftsdemokratie\/","title":{"rendered":"Wirtschaftsdemokratie"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Wirtschaft und Demokratie stehen in Spannung zueinander. Es wird h\u00e4ufig erwartet, dass sich die demokratischen Institutionen an den wirtschaftlichen Imperativen ausrichten. Angela Merkel sprach einst von \u201emarktkonformer Demokratie\u201c. Unter Vertreter*innen der Wirtschaft gibt es offensichtlich auch Sympathien f\u00fcr autorit\u00e4re Regime, sofern diese den Erwartungen auf Wirtschaftswachstum und schnelles Entscheiden entsprechen. Vielen Unternehmer*innen und Manager*innen ist allerdings nicht nur aufgrund privater \u00dcberzeugung durchaus bewusst, dass die Wirtschaft Vielfalt, offene Diskussion und Meinungsstreit ben\u00f6tigt, soll es Fortschritt und Innovation geben und sollen Gesellschaft und demokratische Institutionen keinen Schaden nehmen, wenn sie aufgrund auseinandertriftender Lebensverh\u00e4ltnisse keinen R\u00fcckhalt mehr in der Bev\u00f6lkerung finden. Doch auch wenn demokratische Institutionen als Rahmen f\u00fcr wirtschaftliche Prozesse gelten, so handelt es sich nicht um Wirtschaftsdemokratie.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Aus wirtschaftsdemokratischer Sicht erweist sich die parlamentarische Demokratie als unzul\u00e4nglich, da unternehmerische Entscheidungen allenfalls nebenbei und zuf\u00e4llig, sprich abh\u00e4ngig von der Marktlage, auch gesellschaftlichen Zielen dienen. Es geht vielmehr um Wettbewerbsf\u00e4higkeit, Gewinne und Interessen der Aktion\u00e4r*innen. Entsprechend finden auch die Interessen der Lohnabh\u00e4ngigen oder Konsument*innen kaum angemessene Ber\u00fccksichtigung. Demgegen\u00fcber erweitert Wirtschaftsdemokratie das Verst\u00e4ndnis von Demokratie um den Bereich wirtschaftlichen Entscheidens selbst. Sie schlie\u00dft Mitbestimmung in den Betrieben und Unternehmen ein. Dar\u00fcber hinaus zielt dem Selbstverst\u00e4ndnis zufolge Wirtschaftsdemokratie auf eine demokratische Alternative zur kapitalistischen Marktwirtschaft. Die Gewerkschaftsbewegung hat Wirtschaftsdemokratie lange Zeit als einen demokratischen Weg zum Sozialismus verstanden (vgl. Demirovi\u0107 2007). Einer Befragung des Internationalen Gewerkschaftsbundes zufolge w\u00fcnschten sich 2014 mehr als 80 Prozent der Deutschen eine neue Wirtschaftsordnung.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Forderungen nach Wirtschaftsdemokratie finden sich schon in fr\u00fchen Dokumenten der Arbeiterbewegung in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts: gleichberechtigte Teilhabe am wirtschaftlichen Prozess, Streben nach Demokratie bis in die betrieblichen Abl\u00e4ufe oder freie Wahl der Aufseher und Werkmeister. Um 1900 wurde von Carl Legien die Beseitigung des Absolutismus im Fabrikbetrieb und die demokratische Organisation der Betriebsst\u00e4tten bis hin zur Leitung der Produktion durch die Arbeiterschaft gefordert. In Deutschland diskutierten die Gewerkschaften nach dem Ende des Ersten Weltkriegs abermals Fragen der Wirtschaftsdemokratie. Sie forderten Mitbestimmungsrechte f\u00fcr die Arbeiter bei der gesamten Produktion \u2013 vom Einzelbetrieb bis in die Spitzen der zentralen Wirtschaftsorganisation und frei gew\u00e4hlte Arbeitervertretungen. Wirtschaft in ihrer Gesamtheit wurde als Volksangelegenheit verstanden und sollte dem Allgemeinwohl dienen. Demokratie sollte demzufolge nicht an den Toren der Betriebe und Unternehmen Halt machen, sondern sich auch auf sie erstrecken. Eine Verwirklichung dieses Demokratisierungsziels erschien nach der Revolution, die das Kaiserreich gest\u00fcrzt hatte, m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">1928 legte eine vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund eingesetzte Arbeitsgruppe eine Denkschrift unter dem Titel <i>Wirtschaftsdemokratie. Ihr Wesen, Weg und Ziel<\/i> vor. Sie verbindet sich mit dem Namen Fritz Naphtali ([1928] 1968) und legt eine umfassende Konzeption der Wirtschaftsdemokratie dar. Der Gedanke einer Demokratisierung der Wirtschaft, der mit dem Ziel einherging, die Unternehmen zu vergesellschaften, die Produktion durch die Arbeiter zu kontrollieren, den Betriebsrat zu einem gleichberechtigten Mitbestimmungsorgan auszugestalten, war umfassend von der R\u00e4tebewegung formuliert worden. Eine Sozialisierung der Betriebe erschien m\u00f6glich, denn sie mussten von Kriegs- auf Friedenswirtschaft umgestellt werden. Doch aufgrund der gewaltt\u00e4tigen Niederschlagung der R\u00e4tebewegung und der eindeutigen Festlegung der SPD auf die parlamentarische Demokratie kamen r\u00e4tedemokratische Konzepte \u00fcber erste Vorschl\u00e4ge nicht hinaus. Die Diskussionen verebbten allm\u00e4hlich (Hillmann 1971; 1972; Bermbach 1973). In diesen Diskussionen sahen die Gewerkschaften die Notwendigkeit einer Demokratisierung der Unternehmen und der Wirtschaft in ihrer Gesamtheit. Doch kamen diese \u00dcberlegungen in gewisser Weise zu sp\u00e4t und konnten der Entwicklung keine andere Richtung mehr geben. Denn die Krise der Demokratie in der Weimarer Republik verlief zwar 1928 noch nicht unumkehrbar in Richtung einer nationalsozialistischen Diktatur, aber die demokratischen Parteien, die sozialistische Bewegung und die Gewerkschaften waren als gesellschaftliche Kr\u00e4fte, die f\u00fcr Demokratie eintraten, schon in der Defensive und wurden durch die Wirtschaftskrise 1929 und deren Folgen weiter geschw\u00e4cht.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es sind prinzipielle und real\u00f6konomische Gesichtspunkte, die in der Denkschrift als Begr\u00fcndung f\u00fcr Wirtschaftsdemokratie angef\u00fchrt wurden und ihre Relevanz auch f\u00fcr heutige Diskussion behalten haben.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Der lange Kampf der Arbeiterbewegung f\u00fcr das allgemeine Wahlrecht war einigerma\u00dfen erfolgreich gef\u00fchrt worden. Doch die Durchsetzung der politischen, staatlich begrenzten Demokratie f\u00fchrte noch nicht zur Teilhabe der Lohnabh\u00e4ngigen an den Entscheidungen der Unternehmen. Weiterhin blieb die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung wirtschaftlich unfrei, ihre demokratischen Grundrechte als Wirtschaftsb\u00fcrger*innen blieben sehr eingeschr\u00e4nkt. Dagegen l\u00e4sst sich nun argumentieren, dass im Fall von Wirtschaftsunternehmen demokratische Beteiligungsrechte gar nicht sinnvoll sind. Denn die Garantie des Privateigentums bedeutet ja gerade das Recht der Eigent\u00fcmer*innen, andere vom Gebrauch ihres Eigentums auszuschlie\u00dfen. Dies gilt als Grundlage f\u00fcr erfolgreiches wirtschaftliches Handeln.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Einem solchen Vorbehalt hielten die Autoren der Denkschrift entgegen, dass die liberale Unterstellung, der Kapitalismus sei weiterhin durch die erbitterte Konkurrenz einer Vielzahl von Kleinunternehmen bestimmt, nicht haltbar sei. L\u00e4ngst schon habe sich durch Konzentration und Zentralisation der Unternehmen ein organisierter Kapitalismus mit gro\u00dfen Monopolen und Kartellen herausgebildet. Es wird deswegen von einer \u201ekapitalistischen Despotie\u201c gesprochen (Naphtali [1928] 1968: 17). Es handele sich bei den Unternehmen um Riesenorganisationen mit vielen tausend, wenn nicht hunderttausenden Lohnabh\u00e4ngigen. Die Entscheidungen in den Unternehmen w\u00fcrden jedoch nicht nur die Arbeitenden in den Betrieben, sondern auch die Konsument*innen und die Allgemeinheit betreffen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Auch wenn die Autoren der Denkschrift solche Fragen nicht im Einzelnen diskutieren, umfassen die Ausf\u00fchrungen implizit eine Vielzahl von Aspekten, die nach demokratischen Gesichtspunkten entschieden werden sollten: die Ansiedlung und Gr\u00f6\u00dfe von Unternehmen, die Wahl der Produkte, das technologische Niveau, die Zahl und Qualit\u00e4t der Arbeitspl\u00e4tze, die Arbeitsorganisation, die berufliche Qualifikation, die Preise, die Menge und Qualit\u00e4t der erzeugten G\u00fcter, die Inanspruchnahme von Ressourcen und die Folgen der Produktion f\u00fcr die Allgemeinheit. H\u00e4ufig steht in Frage, ob die Privateigent\u00fcmer*innen jenseits des von ihnen verfolgten Gewinns das Interesse und die M\u00f6glichkeit haben, den Bedarf der Menschen zu befriedigen. Das gilt auch f\u00fcr einen weiteren Aspekt: Denn die gro\u00dfen Unternehmen ebenso wie die Menschen insgesamt bed\u00fcrfen einer \u00f6ffentlichen Wirtschaft, die die infrastrukturelle Versorgung sichert: etwa Stra\u00dfen, Kanalisation, Wasser, Elektrizit\u00e4t, Schulen und Sportanlagen. Vieles davon wird nicht von Privatunternehmen zur Verf\u00fcgung gestellt, weil die Investitionskosten hoch und die Gewinnerwartungen niedrig sind.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Als weiteren real\u00f6konomischen Gesichtspunkt f\u00fchrt die Denkschrift die Erfolge der Arbeiterschaft selbst an. Es sei gelungen, auf die Regulierung der Arbeitszeit Einfluss zu nehmen. Vor allem h\u00e4tten sich Gewerkschaften herausgebildet. Neben das Koalitionsrecht seien weitere Arbeitnehmerrechte getreten, so dass in t\u00e4glichen K\u00e4mpfen um die Neugestaltung der Verh\u00e4ltnisse gerungen w\u00fcrde. Das ist folgenreich, denn die Gewerkschaften stehen den Unternehmensleitungen als organisierte Verhandlungspartner gegen\u00fcber.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wolfgang Abendroth hat in den fr\u00fchen 1950er Jahren auf einen weiteren wesentlichen Gesichtspunkt hingewiesen. Demzufolge hat die empirische Entwicklung von Wirtschaft und Politik dazu gef\u00fchrt, dass die Unternehmen nicht nur von der Nachfrage der Konsument*innen, den Verhandlungen mit den Gewerkschaften um h\u00f6here L\u00f6hne oder \u00f6ffentlichen Infrastrukturen abh\u00e4ngig sind, sondern auch von staatlichen Eingriffen. Politisches Entscheiden stellt also nicht nur rechtliche Rahmenbedingungen f\u00fcr Marktteilnehmende zur Verf\u00fcgung, sondern tr\u00e4gt zur Gestaltung der Wirtschaft bei. Dies ist der Fall, weil der Staat etwa mittels Z\u00f6lle und technischen Standards Exporte und Importe lenkt, mit Steuern und Geldpolitik unternehmerische Entscheidungen lenkt, mit Bildungspolitik auf das Arbeitskr\u00e4ftepotential und die Qualifikationsprofile Einfluss nimmt, mit Arbeitsmarktpolitik die Arbeitslosen verwaltet und zu ihrer Qualifikation beitr\u00e4gt. Unternehmen m\u00fcssen langfristig planen. Aber auch staatliche Planung ist nicht systemfremd. Im demokratisch-sozialen Bundesstaat der Bundesrepublik Deutschland, so schlussfolgert Abendroth (1967: 122), sind die staatlichen Planungen Ergebnis demokratischer Entscheidungen, die aus einer komplexen Koordination zwischen Parteien, \u00d6ffentlichkeit, Verwaltungen und Verb\u00e4nden hervorgehen. Das aber bedeutet in der Konsequenz, dass die parlamentarische Demokratie des Grundgesetzes es erlaubt, die Gesellschaft umzuplanen und ihr eine andere Wirtschaftsverfassung zu geben.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In diesem demokratiepolitischen Sinn entsteht ein Verst\u00e4ndnis davon, dass \u00f6konomische Prozesse sich nicht einfach als naturgesetzliche Marktprozesse vollziehen, sondern Ergebnis menschlichen Handelns und Entscheidens sind. Wirtschaftliche Orientierungen k\u00f6nnen sehr unterschiedlich ausgerichtet sein. Dabei geht es um das Verst\u00e4ndnis von Reichtum und Wohlfahrt, aber auch von Effizienz und Versorgung der Menschen: Sind die Ziele eine h\u00f6here Wachstumsrate, gro\u00dfe Gewinne, explodierender Reichtum Weniger, Erderhitzung oder mehr soziale Gleichheit, ein Leben ohne Angst und Armut, eine hohe Bildung, Teilhabe an Kultur, lange Lebensdauer bei guter Gesundheit und die langfristige Sicherung des Stoffwechsels mit der Natur? Aus wirtschaftsdemokratischer Sicht werden einzelwirtschaftliche Entscheidungen in den gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt und damit auch zum Gegenstand politisch-demokratischen Entscheidens. Dies w\u00fcrde heute angesichts von CO2-Emissionen, schwindender Biodiversit\u00e4t, Fl\u00e4chenverbrauch, Wassermangel oder chaotischen Wetterentwicklungen einschlie\u00dfen, auch die wirtschaftlichen Organisationen demokratief\u00e4hig zu machen, sodass sich in den \u00f6konomischen Praktiken nicht einzelwirtschaftliche, sondern gesamtgesellschaftliche Rationalit\u00e4t zur Geltung bringen kann \u2013 und das schlie\u00dft die \u00f6kologischen Kreisl\u00e4ufe ein. Das k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, dass aus einer Vielzahl von Entscheidungen \u2013 hinsichtlich der Produkte, der Arbeitsorganisation, des Konsums, der Wohnformen oder der Mobilit\u00e4t \u2013 eine demokratisch gewollte und gestaltete andere Lebensweise resultiert, die den \u00f6konomischen Alltag unmittelbar pr\u00e4gt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Historisch wurde die Wirtschaftsdemokratie von der Arbeiterbewegung vertreten. Im Zentrum standen deswegen Forderungen von Arbeiter*innen, an Wirtschaftsentscheidungen beteiligt zu sein. Dies schloss das Recht auf die Bildung von Gewerkschaften und Betriebsr\u00e4ten ein. Das ist nicht selbstverst\u00e4ndlich, denn auch unter demokratischen politischen Verh\u00e4ltnissen gibt es zahlreiche Bem\u00fchungen von Unternehmen und ihren Verb\u00e4nden, Gewerkschaften zu bek\u00e4mpfen, die Bildung von Betriebsr\u00e4ten in den Betrieben zu verhindern oder sich der Tarifbindung zu entziehen. Das sind Minimalerfordernisse einer Beteiligung der Besch\u00e4ftigten an ihren Betrieben, so dass sie etwa Einfluss auf L\u00f6hne, Arbeitszeiten, Pausenregelungen und Arbeitsabl\u00e4ufe nehmen k\u00f6nnen. Schwierig und bislang nicht m\u00f6glich ist eine Beteiligung, wenn es um Produktentwicklung, Markterschlie\u00dfung, Investitionen, Rationalisierung, Zukauf, Verkauf oder gar Schlie\u00dfung von Unternehmensteilen oder ganzen Unternehmen geht.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Gro\u00dfe Ziele, die die Gewerkschaften historisch mit der Wirtschaftsdemokratie verfolgten, wurden nicht verwirklicht. Erst in den 1970er Jahren ist es gelungen, eine Mitbestimmung der Belegschaften und Gewerkschaften in Aktiengesellschaften zu verankern. Nicht umgesetzt wurde das Ziel, einzelwirtschaftliche Rationalit\u00e4t und gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt zu vereinbaren. Das Erstere w\u00fcrde bedeuten, auch in wirtschaftlichen Belangen allen B\u00fcrger*innen eine Stimme zu geben, sprich das demokratische Stimmrecht \u00fcber die politische Sph\u00e4re hinaus auszuweiten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">F\u00fcr den Weg dorthin k\u00f6nnen Diskussionen hilfreich sein, die sich mit Regional- und Strukturr\u00e4ten befassen. Dabei ginge es um Entscheidungen \u00fcber die konkrete Regionalentwicklung und die Branchenzusammensetzung der wirtschaftlichen Versorgung in den einzelnen Regionen. Das k\u00f6nnte zum Ziel haben, unter Beteiligung aller Stakeholder Investitionen nach Allgemeinwohlgesichtspunkten zu lenken oder Ressourcen und Fl\u00e4chen schonend zu nutzen und gleiche Lebensverh\u00e4ltnisse f\u00fcr alle herzustellen. Um in die Unternehmensentscheidungen gesamtgesellschaftliche Rationalit\u00e4t einzubringen, wurde auch in die Diskussion gebracht, auch Konsument*innen und Naturschutzverb\u00e4nde in den Prozess der Mitbestimmung in den Aufsichtsr\u00e4ten einzubeziehen (vgl. Beerhorst 2004). Angesichts des Umbaus der Unternehmensgovernance zugunsten der institutionellen Anleger erscheint es heute angebracht, \u00fcber eine Mitbestimmung direkt in den Leitungen von Betrieben und den Unternehmen nachzudenken. Auch im Fall ver\u00e4nderter Eigentumsverh\u00e4ltnisse w\u00e4re eine demokratische Mitentscheidung im Blick zu behalten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Schlie\u00dflich d\u00fcrfte heute eine weitere gro\u00dfe Herausforderung sein, wirtschaftliches Handeln jenseits nationalstaatlicher Grenzen zu steuern. Auch wenn der Globalisierungsprozess nicht mehr so ungez\u00fcgelt und unkritisch fortgesetzt stattfindet wie in den fr\u00fchen 2000er Jahren, so gibt es viele Hinweise auf die Entwicklung hin zu vordemokratischen \u00f6konomischen Entscheidungsprozessen: die Zentralisationsprozesse der Unternehmen, die k\u00fcnstliche Intelligenz und der Bedarf an mehr Energie, die Konkurrenz weltweit operierender Unternehmen, der Zugang zu Ressourcen, die Aufr\u00fcstung etc. tragen dazu bei, im staatlichen Bereich die demokratischen Verfahren zu schw\u00e4chen, einzuschr\u00e4nken oder zu beseitigen. Demokratische und wohlfahrtsstaatliche Institutionen, die die Lebensqualit\u00e4t und Teilhabeperspektiven der Menschen betreffen, sind durch autokratische und faschisierende Politiken bedroht. Die Spielr\u00e4ume von Gewerkschaften, Wissenschaft und Forschung, Medien und Journalismus, sozialen Bewegungen, Nichtregierungsorganisationen oder Kunst werden vielfach begrenzt, einzelne Personen mit rechtlicher oder unmittelbar k\u00f6rperlicher Gewalt bedroht. Antidemokratische Orientierungen, Klimaleugnung, Sexismus oder Rassismus sind in der sogenannten gesellschaftlichen Mitte verbreitet und erm\u00f6glichen immer wieder Radikalisierungen nach rechts und B\u00fcndnisse mit autorit\u00e4ren Gruppen und Parteien.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Doch es l\u00e4sst sich eine Ungleichzeitigkeit erkennen: Unter \u00f6kologischen, sozialen, regionalen und demokratischen Kriterien wird der Bedarf an einer demokratischen Gesamtrationalit\u00e4t wirtschaftlichen Entscheidens heute weit \u00fcber die Gewerkschaften hinaus von vielen Akteuren thematisiert. Die Diskussionen \u00fcber Wirtschaftsdemokratie sind verschr\u00e4nkt und verbunden mit Debatten \u00fcber Genossenschaften, Betriebsbesetzungen, sorgende St\u00e4dte, \u00f6ffentliche und nachhaltige Infrastrukturen, queere Lebensweisen, \u00d6ko-D\u00f6rfer, demokratische Planung, Degrowth, Commoning, Rekommunalisierung oder Sozialisierung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><em><strong class=\"western\">Prof. Dr. Alex Demirovi\u0107<\/strong> ist Senior Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin und arbeitet dort schwerpunktm\u00e4\u00dfig zu Fragen von Demokratie und Sozialismus. Zudem ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt am Main und forscht dort zu kritischer Gesellschaftstheorie, Staats- und Demokratietheorie sowie Krisen- und Katastrophendynamiken. Gerade ist von ihm erschienen: Marx als Demokrat oder: Das Ende der Politik (Dietz Berlin, 2025).<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"\">Literatur<\/h3>\n<p align=\"justify\"><em>Abendroth, Wolfgang<\/em> 1967: Antagonistische Gesellschaft und politische Theorie, Neuwied\/Berlin.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Beerhorst, Joachim<\/em> 2004: Demokratisierung der Wirtschaft \u2013 theoretische Desiderate und politische Erinnerung, in: Beerhorst, Joachim\/Demirovi\u0107, Alex\/Guggemos, Michael (Hrsg.): <em>Kritische Theorie im gesellschaftlichen Strukturwandel<\/em>, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Bermbach, Udo <\/em>1973: Theorie und Praxis der direkten Demokratie, Opladen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Demirovi\u0107, Alex<\/em> 2007: Demokratie in der Wirtschaft. Positionen \u2013 Probleme \u2013 Perspektiven, M\u00fcnster.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Hillmann, G\u00fcnter <\/em>1971: Die R\u00e4tebewegung, Bd. 1, Reinbek bei Hamburg.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Hillmann, G\u00fcnter<\/em> 1972: Die R\u00e4tebewegung, Bd. 2, Reinbek bei Hamburg.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>Naphtali, Fritz<\/em> [1928] 1968: Wirtschaftsdemokratie. Ihr Wesen, Weg und Ziel, Frankfurt am Main.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":20284,"template":"","categories":[2973,21,2976,7],"tags":[682,3618,4481,3077,3165,3385,3555,667,4480],"autoren":[2257],"publikationen":[4438],"class_list":["post-20303","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-armut","category-demokratisierung","category-klima","category-sozialpolitik","tag-demokratisierung","tag-gewerkschaft","tag-gewerkschaften","tag-kapitalismus","tag-klima","tag-nachhaltigkeit","tag-sozialismus","tag-vorgaenge-artikel","tag-wirtschaftsdemokratie","autoren-alex-demirovic","publikationen-vorg-252"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wirtschaftsdemokratie - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-252\/publikation\/wirtschaftsdemokratie\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wirtschaftsdemokratie - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Wirtschaft und Demokratie stehen in Spannung zueinander. 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