{"id":20514,"date":"2026-04-08T14:07:48","date_gmt":"2026-04-08T12:07:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20514"},"modified":"2026-04-08T14:09:20","modified_gmt":"2026-04-08T12:09:20","slug":"rezension-friedenspolitik-in-bremen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitt-257\/publikation\/rezension-friedenspolitik-in-bremen\/","title":{"rendered":"REZENSION: Friedenspolitik in Bremen"},"content":{"rendered":"<p>Im Februar 2026 war ich Zeuge einer Veranstaltung in Bremen. Im \u00fcberf\u00fcllten Wallsaal der Bremer Stadtbibliothek wurde ein Buch vorgestellt. Jetzt liegt nicht nur das Buch vor, sondern auch <a href=\"https:\/\/bremerfriedensforum.de\/2026\/02\/15\/friedenspolitik-in-bremenrueckblick-auf-die-buchvorstellung\/\">ein Video der Pr\u00e4sentation sowie die Transkripte der dabei gehaltenen Reden,<\/a><\/p>\n<p>Schon der Titel des Buches weist auf einen doppelten Inhalt hin. Es gibt einerseits Auskunft \u00fcber die facettenreiche Bremer Friedensbewegung, ist aber zugleich Ged\u00e4chtnisschrift f\u00fcr den Pastor Hartmut Drewes (1939-2025). Im Vorwort des Herausgebers und der Herausgeberin, Barbara Alms und Gerhard Sch\u00e4fer, wird der vorl\u00e4ufige, l\u00fcckenhafte Charakter dieser \u201eGeschichtsschreibung\u201c betont. Die zehn Kapitel des Buches bestehen aus einem einleitenden Essay und beispielhaften (zum Teil unver\u00f6ffentlichten) Vortr\u00e4gen und Predigen von Hartmut Drewes.<\/p>\n<p>Erstes Kapitel: <em>Hartmut Drewes<\/em>: Er trat 1971 trat eine Pfarrstelle in Bremen an, engagierte sich jedoch im Laufe der Jahre in einer F\u00fclle zivilgesellschaftlicher Aktivit\u00e4ten. Aus seinem Nachlass stammt ein erheblicher Teil der hier ver\u00f6ffentlichten Bilder und Texte. Anstelle einer Biographie steht eine Rede, die der DDR-Historiker Kurt P\u00e4tzold im Jahre 1999 zu seinem 60. Geburtstag gehalten hat. Wir erfahren daraus die Bedeutung der Christlichen Friedenskonferenzen, an denen Drewes seit 1971 teilnahm und dabei \u201eFriedenspastoren\u201c aus aller Welt, nicht zuletzt aus der DDR, kennenlernte. Folgerichtig war er 1977 an der Abr\u00fcstungsinitiative Bremer Kirchengemeinden beteiligt, aus der sp\u00e4ter die Lidice-Initiative hervorging, was seine Kontakte nach Osteuropa verst\u00e4rkte. Sehr weise ist die Bemerkung des (damals an der Humboldt Universit\u00e4t zu Berlin gerade abgewickelten Historikers): \u201eVielleicht ist von diesen 60 Jahren einmal zu sagen, es seien aus ihnen Erfahrungen erwachsen, die gemacht werden mussten, um daraus Lehren und Nutzen zu ziehen. Vielleicht ergibt eine fernere Perspektive, dass nach dem Be-schreiten von Irrwegen und der Umkehr aus Sackgassen, befreiende Wege dennoch gefunden worden sind\u201c (15).<\/p>\n<p>Zweites Kapitel: <em>\u201eNie wieder Faschismus, nie wieder Krieg\u201c<\/em>: Hier thematisiert Sch\u00e4fer den Zusammenhang, den diese Begriffe f\u00fcr Drewes hatten: Ohne Faschismus, kein Zweiter Weltkrieg, \u201eohne Macht\u00fcbergabe an die Nazis am 30. Januar 1933 kein \u00dcberfall auf Polen und dann auf ganz Europa\u201c (27). Diese antifaschistisch begr\u00fcndete Politik habe \u201eden zentralen Ausgangspunkt von Drewes Denken und Handeln\u201c (36) dargestellt. Sie bilden auch den roten Faden zwischen den im Folgenden genannten Organisationen und Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Drittes Kapitel: <em>Bremer Friedensforum<\/em>: Dazu hatten sich im Jahr 1983 verschiedene\u00a0\u00a0 Friedensinitiativen zusammengeschlossen. Entstanden aus dem Kampf gegen die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen, hat das Friedensforum sich zu einem Zentrum des organisierten Pazifismus entwickelt. Barbara Heller, seit Mitte der 1990er-Jahre mit Drewes im Sprecherkreis, beschreibt die \u201eKritik an der R\u00fcstungshochburg Bremen\u201c als eines der zentralen Themen: \u201eRheinmetall, Thyssen-Krupp, Airbus, L\u00fcssen, OHB sind die bekanntesten Namen der Bremer R\u00fcstungskonzerne, die am Tod verdienen\u201c (62). Ein w\u00f6chentliche Mahnwache auf dem Bremer Marktplatz und sp\u00e4ter eine Webpage sollen den Protest dagegen wachhalten.<\/p>\n<p>Viertes Kapitel: <em>MASCH Bremen<\/em>: Diese freie Bildungseinrichtung existiert seit 1974 und organisiert regelm\u00e4\u00dfig Veranstaltungen mit namhaften Referenten (von Christoph Butterwegge \u00fcber Rudolph Hickel bis Norman Paech). Mit dem Namen wird an die Tradition der Marxistischen Abendschule angekn\u00fcpft, die Ende der 1920er Jahre von der KPD gegr\u00fcndet und 1933 von den Nazis verboten worden war. \u201eDas Programm hat bis heute seine Schwerpunkte in der Tradition des marxistischen Denkens zu Fragen der \u00d6konomie, Politik, Geschichte, Literatur und Kultur\u201c (103). Charakteristisch f\u00fcr die Bremer MASCH ist die personelle und inhaltliche \u00d6ffnung gegen\u00fcber anderen linken Organisationen und den neuen sozialen Bewegungen. Drewes konnte hierf\u00fcr aufgrund seiner vielf\u00e4ltigen Kontakte Referenten gewinnen, aber auch als Moderator wirken.<\/p>\n<p>F\u00fcnftes Kapitel: <em>Deutsch-russische Friedenstage<\/em>: Sie gehen auf eine Initiative des Bremer Friedensforums zur\u00fcck und werden seit 2019 j\u00e4hrlich veranstaltet. Im Gr\u00fcndungsaufruf wird der Sorge Ausdruck verliehen, \u201ewie in Teilen der Politik und der Medien in Deutschland gegen\u00fcber Russland eine konfrontative Haltung eingenommen wird\u201c (113). Bei einer Kranzniederlegung auf dem \u201eGr\u00e4berfeld NN, Ausl\u00e4ndische Kriegsopfer\u201c erinnerte Drewes daran, dass der deutsche Angriffskrieg in der Sowjetunion 27 Millionen Tote gefordert und 71.000 St\u00e4dte und D\u00f6rfer vernichtet hat. Leider w\u00fcrden \u201ediese Tatsachen bis heute nicht gew\u00fcrdigt. Im Gegenteil: Russland wird zunehmend wieder als Bedrohung und als Feind hingestellt [\u2026]\u201c (125). Um dem entgegenzuwirken, wird 14 Tage lang wird ein breites Kulturprogramm mit russischer Kunst, Musik und Literatur geboten. Als Schirmherr f\u00fcr die ersten Friedenstage konnte der bekannte Bremer Politiker Willy Lemke gewonnen werden.<\/p>\n<p>Sechstes Kapitel: <em>Literatur und Kunst in der Friedenspolitik:<\/em> Alms beschreibt, wie die K\u00fcnste als \u201eLebenselexier\u201c den Lebensgrund des Bremer Friedensforums und seiner Freunde gest\u00e4rkt haben. Zu diesen Freunden geh\u00f6ren namhafte Bremer Menschen aus den Bereichen Kunst und Wissenschaft. F\u00fcr Drewes sei die \u00e4sthetische Kraft und Wirkung k\u00fcnstlerischer Werke \u201eeine Art der Notwehr gegen die Unertr\u00e4glichkeiten der Gegenwart\u201c gewesen (125). Als Beleg werden zwei Texte von ihm abgedruckt: <em>Die Bundesrepublik Deutschland im Spiegel der Lyrik von Erich Fried<\/em> (2021) und sein Beitrag zum Katalog der Ausstellung <em>R\u00fcste-W\u00fcste<\/em> von Rudolph Bauers militarismuskritischen Bildmontagen.<\/p>\n<p>Siebtes Kapitel: <em>Theologie und Politik bei Hartmut Drewes<\/em>: Sch\u00e4fer zeigt, dass Drewes in der theologischen Traditionslinie der Bekennenden Kirche stand und Karl Barth \u201ezentraler Bezugspunkt seines Denkens\u201c gewesen sei (145). Detailliert wird dieser Einfluss auf die Friedensarbeit innerhalb der Bremer Kirchen dargelegt. Genannt wird vor allem die Abr\u00fcstungsinitiative Bremer Kirchengemeinden Ende der 1970er\/Anfang der 1980er Jahre. Allerdings: \u201eOhne den R\u00fcckenwind der sozialliberalen Entspannungspolitik ist die zwei Jahrzehnte w\u00e4hrende Vers\u00f6hnungsarbeit \u00fcber die System-grenzen hinweg nicht vorstellbar\u201c (151). Zugleich wird betont, dass Drews die \u201eindifferente Haltung der offiziellen Bremischen Evangelischen Kirche gegen\u00fcber dem Thema Krieg und Frieden ein immerw\u00e4hrender Stachel blieb\u201c (153).<\/p>\n<p>Achtes Kapitel: <em>Gro\u00dfwulkow \u2013 Wege der Solidarit\u00e4t<\/em>: Aus den Kontakten im Rahmen der Christlichen Friedenskonferenz war eine praktische Kooperation mit Pastoren aus sozialistischen L\u00e4ndern entstanden. Alms beschreibt diese am Beispiel der Gemeinde Gro\u00dfwulkow, mit deren Pfarrer und seiner Frau, einer Katechetin und Marionettenbauerin, mit denen Drewes \u00fcber Jahrzehnte in Verbindung blieb. Am Beispiel einer Rede, die Drewes 2014 in der Kirche von Gro\u00dfwulkow hielt, zeigt Alms, wie die Auslegung biblischer Texte mit einer Analyse der Machtstrukturen in der kapitalistischen Welt verschr\u00e4nkt wird. \u201eDrewes benennt die Rating-Agenturen, B\u00f6rsen, Banken und Konzerne als die eigentlichen Herrscher dieser Welt. \u201eDagegen skizziert er das Wirken der Gemeinde als Widerstandsarbeit und gleicherma\u00dfen \u201aLobgesang Gottes\u2018\u201c (166). Auch diese Rede ist im Wortlaut wiedergegeben.<\/p>\n<p>Neuntes Kapitel: <em>Hartmut Drewes \u2013 Fotograf und Dokumentarist<\/em>: Dieses Kapitel stammt von S\u00f6nke Hundt, der \u00fcber Jahrzehnte die Kundgebungen und Demonstrationen des Friedensforums und des Nahostkreises Bremen mittels Videos dokumentiert. Er wei\u00df also wovon er spricht, wenn er Drewes als den \u201ebislang wichtigsten Berichterstatter und Dokumentaristen der Friedensbewegung in Bremen\u201c bezeichnet (181).<\/p>\n<p>Zehntes Kapitel: Den Abschluss des Buches bilden vielf\u00e4ltige \u201eStimmen zum Ged\u00e4chtnis\u201c an Hartmut Drewes, die den Einfluss belegen, den \u201eeiner der Stillen im Lande\u201c (Thomas Metscher) hatte und hat.<\/p>\n<p>In einer Zeit, in der <em>Friedenspolitik<\/em> in Gefahr steht, zum Unwort des Jahres zu werden, ist das Erscheinen eines solchen Buches sehr erw\u00fcnscht. Auch der Pazifismus als eine, gerade heute, ernst zu nehmende friedenspolitische Position wird dadurch wieder ins Bewusstsein gehoben. Nat\u00fcrlich bleiben Fragen offen. Welche Bedeutung hat die \u201eFriedensbewegung\u201c heute? Wer geh\u00f6rt dazu und wer nicht? Was sind die praktischen Konsequenzen eines entschiedenen Pazifismus?<\/p>\n<p>Vor allem aber: Darf Russland von Kritik ausgenommen werden? In einer der abgedruckten Reden hei\u00dft es, der \u201eStaatspr\u00e4sident Russlands\u201c werde \u201eaus dem Kreis unserer herrschenden Politik und Medien st\u00e4ndig an den Pranger gestellt\u201c (125). Das sollte Putin aber auch, vor allem, wenn es um seine \u201emilit\u00e4rische Sonderaktionen\u201c geht. Es ist daher gut zu wissen, dass das Bremer Friedensforum sofort und \u00f6ffentlich gegen den russischen Einmarsch in der Ukraine am 24. Februar 2022 protestiert hat (69).<\/p>\n<p>Insgesamt ist festzustellen, dass dieses Buch \u2013 samt Personenregister und bibliographischen Nachweisen \u2013 die vorbildliche Dokumentation einer lokalen pazifistischen Szene darstellt, die auch bundesweit Beachtung verdient. Zum Gesamteindruck tragen wesentlich die 175 Fotos bei, die den Band fast wie ein Familienalbum der Bremer Friedensszene erscheinen lassen. Dieses Album bildet die Vielfalt der Beteiligten ab, stellt jedoch leider zugleich einen Nekrolog wichtiger Akteure dar. Aus der Rede des Mitherausgebers Gerhard Sch\u00e4fer bei der Buchvorstellung ist zu entnehmen, dass Barbara Alms einen L\u00f6wenanteil der Arbeit an diesem Buch geleistet hat. Es kann sehr zur genaueren Lekt\u00fcre empfohlen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Johannes Feest<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[6],"tags":[4584,701,678,4582,4585,4583,2546],"autoren":[220],"publikationen":[4574],"class_list":["post-20514","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-frieden","tag-barbara-alms","tag-bremen","tag-frieden","tag-friedenspolitik","tag-gerhard-schaefer","tag-hartmut-drewes","tag-publikationen-hu-mitteilungen","autoren-johannes-feest","publikationen-mitt-257"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>REZENSION: Friedenspolitik in Bremen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitt-257\/publikation\/rezension-friedenspolitik-in-bremen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"REZENSION: Friedenspolitik in Bremen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Im Februar 2026 war ich Zeuge einer Veranstaltung in Bremen. 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